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Full text of "Das Wesen der psychiatrischen Erkenntnis : Beiträge zur allgemeinen Psychiatrie"

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DAS WESEN DER 
PSYCHIATRISCHEN ERKENNTNIS 

BEITRÄGE ZUR ALLGEMEINEN PSYCHIATRIE 

I 

VON 
DR. ARTHUR KRONFELD 




BERLIN 

VERLAG VON JULIUS SPRINGER 

1920 




Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. 



Copyright 1920 by Julius Springer in Berlin. 



MEINEM LEHEER 



HUGO LIEPMANN 

GEH. MED.RAT, ORD. HON.-PROFESSOR DER PSYCHIATRIE 
AN DER UNIVERSITÄT BERLIN, DR. MED. ET PHIL. 



IN HERZLICHER VEREHRUNG 

UND DANKBARKEIT 

GEWIDMET 



Inhaltsverzeichnis. 

S«iU 
Einleitung 1 

Vorbereiteude Einführung in die allgemeinen erkenntnis- 
kritischen (Grundlagen. 

Metaphysikfreie Naturforschung? 13 

Krkenuistheorie oder Vernunftkritik? 21 

Geleitworte zum zehnjährigen Bestehen der neuen Fries- 

schen Schule 1913) 46 

Windelbande Kritik am Philuomenalismus und die Aufgaben 

der Psychologie im Ganzen der Erkenntnis . 66 

Hauptteil. 

Ein Rundblick über Gegeuwartsstrümungen der deutschen 
psychiatri>(t'hen und psychologischen Forschnng. 

1. Der Sieg der heterolo frischen Forschungntendenzen in 

der Psychiatrie 89 

2. Das autol ogischc Chaos in der gegenwärtigen Psychiatrie 

undderAut'weg \fl 

3 Die Problematik in don I'undamenten d er gegenwärtigen 

Psychologie 102 

t^bor die wissenschaftstlieorctischen (»rnndhigon der Psychologie, 
insbesondere die Probleme der psychischen KansalitMt. 

1. Einführung in die psy chiatrisch-prak t iorhe Not wendig- 
keit psychologischer Theorie. . . . 113 

Die klinische Praxis der Psychiatrie ist psychologisch fundiert ... 113 
Ist die psychologische Diagnostik heuristisch oder theoretisch bd- 

grüudet? 114 

Das Kriterium des Symptomatischen ist nicht zufällig 115 

Es ist nur aus psychologischer Theorie zu entwickeln . 116 

Das Problem des Wissens von fremdem Psychischen 116 

Psychologisches Gesetz und symptomatische Analyse 117 

Praktische Grenzen der Tragweite theoretischer Psychologie . . 118 
Die Zer.-^plitterung der psychologischen Thooretik ist kein Argument 

gegen deren Notwendigkeit 118 

Philosophischer Ausgangspunkt der psychologischen Theorie . . 120 



VI Inhaltsverzeichnis. 

Seit« 

2. Allgemeine Grundlegung der Wissenschaftstheorie des 
Psychischen. Beginn der Kategorienlehre für die Psycho- 
logie 121 

Wissenschaftstheorie und Kritik der Erkenntnis von Psychischem . 121 

Theorie und Phänomenologie. Arten der Theorie 123 

Die Kategorienlehre als Inhalt der Wissenschaftstheorie 127 

Die Anwendung der Kategorien in der Psychologie 128 

Die Temporalität als kategoriales Schema 130 

Hieraus ableitbare Kriterien des Psychischen 131 

Das reine Selbstbewußtsein als kategoriales Schema 132 

Ableitungen aus dem Moment der Qualität 133 

Ableitungen aus dem Moment der Quantität 134 

3. Das Problem der Substantialität des Seelischen 136 

Sonderstellung der Relationskategorien 136 

Die Kategorie der Substanz und der Begriff Seele 136 

Tätigkeit als Wesensmerkmal des Seelischen 138 

Spontaneität und Rezeptivität des Seelischen 139 

Parallele Merkmale des Organismenbegriffs 140 

4. Einführung in die Probleme der psychischen Kausalität. 

Der Begriff der psychischen Funktion 142 

Präzisierung des Standpunktes zum Kausalproblem 142 

Ursache und Kraft 144 

Modifikation des Kraftbegriff'es im Psychischen 144 

Der Funktionsbegriff im Psychischen 145 

Das Prinzip der Unterscheidung von psychischen Funktionen . . . 147 

Erörterung von Einwänden 149 

Gegen die Konzeption des Begriffes der Funktion 150 

Gegen die Vielzahl psychischer Funktionen 150 

Über die Annahme einer einzigen psychischen Kraft 152 

Das Wundt-Hetbartsche Argument: den Funktionsklassen entspricht 

keine konkrete Wirklichkeit 153 

a) Die Unvermeidlichkeit von Abstraktion in der Wissenschaft . . 153 

b) Verwechselung von Abstraktion und Induktion beim Wundt- 
Herbartschen Einwand löö 

c) Das Kriterium der Realität von psychischen Klassen liegt in 

der leitenden Maxime ihrer Bildung 156 

d) Die Möglichkeit einer natürlichen Systematik von Funktionen 157 
Vorläufiges Ergebnis 159 

6. Weiteres über die Probleme der psychischen Kausalität. 

Der seelische Zusammenhang und das Unbewußte . . . 160 

Kausalität und seelischer Zusammenhang 160 

Der Begriff des Reizes 161 

Potentielle Bereitschaft und auslösende Bedingung 161 

Die Kategorie der Wechselwirkung im Psychischen 162 

Die weiteren theoretischen Probleme des seelischen Zusammenhanges 164 

Bewußtsein und seelischer Zusammenhang bei Lipps 164 



Inhaltsverzeichnis. VII 

Seitt 

Der reale pgychische ZuKiiinin«»nliiing im UnbewuGten bei Lipps . . 165 

Kritik dor Lippsschen Theorie 166 

Der Begriö' de« Uubewußten 169 

Purste Abgrenzungen des Begriff« 170 

Das Problem der Reproduktion und ihrer theoretischen Möglichkeit 171 
Widerlegung von BcdcnkLu gigen die Zulässigkeit der Konzeption 

des unbewußten 173 

Über die Möglichkeit positiver Bestimmung des Unbewußten . . . 175 

Nochmals Unbewußtes und psychische Realitilt 176 

Freud 177 

Pirgebnis der Untersuchungen über das Unbewußte 177 

6. Die Reize und die allgemeinen Bedingungen psychischer 

Dynamik 180 

Der Reizbegriff und seine Merkmale 180 

Reiz und Disposition 181 

Arten der Reize 182 

Die dynamische Verknüpfung des psychischen Geschehens 184 

Die Rolle der Assoziation 187 

Der psychische Ablauf 188 

7. Die Erkenntnis der Individualität und ihre wissenschafts- 

theoretis chen Grundlagen. Erster Teil 190 

Übersicht über die Problemlage 190 

Persönliclikeitsbegrift'und Naturwissenschaft. Individuelle Kausalität? 191 

Die Erkennbarkeit des Individuellen als Problem 192 

Der Lösungsversuch der Geisteswissenschaft bei Rickert 194 

Rickerts Analyse der naturwissenschaftlichen Erkenntnis 19ö 

Rickerts Analyse der psychologischen P>kenntniß 202 

Rickerts Analyse der historischen P>kenntnis. Seine Lösung der 

Eikenntnis des Individuellen 213 

8. Die Erkenntnis der Individualität und ihre wissonschafts- 

theoretischen Grundlagen. Zweiter Teil 222 

Individualität und Typus; die idealtypische Begriffsbildung ... 222 

Individuelle Kausalität und Gesetz 225 

Individualität als kategoriale Erkenntnisform 227 

Die Lösung des Individualitätsproblems :i20 

9. Bemerkungen zum Problem der Wil lensf rei hei t und ihrer 

Vereinbarkeit mit der Naturbestimmtbeit psychischen 

Geschehens 231 

Psychologische und transzendentale Freiheit 231 

Die Antinomie von Freiheit und Gesetz 232 

Logische Zergliederung der Voiaussetzungen der Antinomie. . . . 2!^ 
Schließt die Naturgcsetzlichkeit des Geschehens dessen vollständige 

Bestimmtheit ein? 234 

Die Auflösung der Antinomie 236 



VIII Inhaltsverzeichnis, 

Seite 

Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger 
Wissenschaft. 

Die allgemeiue Psychiatrie und die psychiatrische Gesamtforschung 237 

Der theoretische Charakter der allgemeinen Psychiatrie 242 

Argumente für den praktischen Nutzen theoretischer Untersuchungen 

in der allgemeinen Psychiatrie 246 

Abwehr der Ausschließlichkeit somatologischer Einstellungen in der 

allgemeinen Psychiatrie 247 

a) Vom Standpunkte der Psychologie aus 247 

b) Vom Standpunkte der Klinik aus 249 

Die allgemeine Psychiatrie als Logik und Wissenschafts-Lehre der 

Psychiatrie 255 

Die praktischen Aufgaben der Psychiatrie und der Nachweis der 

immanenten Notwendigkeit ihres Wissenschaftscharakters .... 260 

Über die Rede von der Psychiatrie als Kunst 261 

Einführung in die Problematik des Wissenschaftsbegriffes 265 

Zum Begriff des Wissens 267 

Wissen und Wissenschaft 270 

Der Wissenschaftsbegriff der Psychiatrie 273 

Einige Schwierigkeiten der Anwendung des Wissenschaftsbegriffes 

auf die psychiatrische Materie 274 

Probleme des Wissens vom Seelischen 277 

Psychiatrie als Geisteswissenschaft — eine mögliche Fragestellung? 282 

Allgemeiner Rahmen für die vorliegenden Untersuchungen .... 284 

Anhang: Bemerkungen über immanente theoretische Kritik 

an konstruktiven Hypothesen in der Psychologie 289 

Grundlinien der Phänomenologie und deskriptiven Theorie des 

Psychischen. 

Zur Einführung 303 

l. Erlebnis und seelische Funktionen (heu ristische Entwick- 
lung der phänomenologischen Grundbegriffe) 308 

Vorbegriffliche Umschreibung der phänomenologischen Einstellungs- 
weise 308 

Die Konzeption des Erlebnisbegriffes bei Dilthey 315 

Die Entwicklung des Erlebnisbegriffes bei Lipps . 318 

Einige Korrekturen am Erlebnisbegriff 325 

Allgemeines über assoziative Strukturen 330 

Psychische Erscheinungen, Funktionen und Akte 337 

Akte und „Bewußtsein" 341 

Akte und „Ich" 343 

Akte und Nichtakte 343 

Zur Systematik der Aktklassen 344 

Akt und Gegenstand 346 

Ichvorstellung und Intention 346 



lubaltsTerzeichnis. IX 

Seit« 

Qualität und Materie der Intentionen 346 

Die Erlebbarkeit von Akten 349 

2. Zum Problem des Wissens von Fremdpsychischem .... 350 

3. Erlebnis und Erkenntnis ;Entwicklung des Verhältnisses 

der Phänomenologie zur psychologischen Theorie) . . . 364 

Zwei Grundprobleme im Begriff der Phänomenologie . . 364 

aj Der Begriff der Tatsache im Psychischen 366 

Die Einmaligkeit des Psychischen 366 

Die zeitliche Kontinuität des Psychischen 365 

Erlebnis als Geschehen und als Bewußtseinsform 368 

Der Bewußtseinscharakter psychischer Tatsachen. Der „innere 

Sinn'- 369 

Die Anschaulichkeit psychischer Tatsachen 374 

Noch einmal der Erlebnisbegriff 375 

b) Phänomenologie als i)8ychologische Wissenschaft . . 378 

Die Phänomenalität der Erlebnisse 378 

Beschreibung und Abstraktion 381 

Anwendung auf die Erkenntnis des fremden ich 384 

Abstraktion und induktive Theorie im Psychischen 386 

Die Stellung der Phänomenologie in der Psychologie 394 

4. Die phänomenologischen Aufgaben in der Psychiatrie 
nebst Bemerkungen über die Krankheits- und Synaptom- 
begriffe derselben 396 

a) Die psy chologisch-klinis chen Fragestellungen und 

ihre phänomenologische Zuspitzung 396 

b) Die pathologische Intentionalität 412 

Zur Theorie und Logik psycliupiitliologischer Typenbildung und 
ihres Verhältnisses zur Soziologie, inshosdndere Kriminologie. 

Vorbemerkung '*21 

1. Einige Bemerkungen über den Begriff des Krankhaften 

im Seelischen und die logische Struktur psychopatho- 
logischer Typenbildung 423 

2. Paradigmatische Erörterung d»!r theoretischen Probleme 

des sog. moralischen Schwachsinns 431 

3. Das soziale Moment als Kriterium psychischer Typik . . 454 

Über den Begriff der Reaktivität ^-^ 

Über den Begriff der Milieuabhängi^keit 467 

Jakob Friedrich Fries und die psychiatrische Forschung 473 



Kront'eUl, Psychiatrische K.rkeiiiitnis. 



Einleitung. 

„Das nOchstc wäre, zu begreifen, daB «Um 
Faktische schon Theorie lat." Goethe. 

,,Au( die Möglichkeit «'iner Synthese kommt 
es an, dann wird jede Fülle spielend bewältigt. 
Ein entleerter, «ewaltaam vereinfachter Begriff 
iHt um nichts anziehender als ein analytisches 
CiiAos, dem das finik'ende Band fehlt. Aber wir 
iuben die KInheit in der Hand, and so kann uns 
die Komplexität des Inhaltes nicht schrecken. 
Karl C'amillo Schneider. 

Die im folgenden niedergelegten Gedanken sollten ursprünglich iu 
der Homogeneität eines geschlossenen systematischen Werkes auf- 
gehen. Seit langen Jahren wissen mich meine Freunde mit einer 
systematischen Darstellung beschäftigt, welche allgemeine Psy- 
chiatrie als Wissenschaft, im Sinne einer logisch, theoretisch 
und methodologisch durchgebildeten Disziplin an die Stelle der bis- 
herigen bloßen heuristischen Materialanhäufungen mit ihrem klinisch- 
konventionellen Charakter setzen sollte. Der Krieg, welcher mich 
an die Front führte, unterbrach die Arbeit an diesem Werke für fast 
5 Jahre. Und für den Zurückgekehrten ergäbe sich nun die kaum zu 
erfüllende Notwendigkeit, aufs neue von Grund auf anzufangen und 
wieder aufzubauen, was so lange verschüttet und brach gelegen war. 
Dennoch erschiene es mir als ein Verlust, wenn es dem Zufall diese-s 
persönlichen Geschicks anheimgestellt bleiben soll, ob wenigstens die 
leitenden Ideen und Gesichtspunkte jener streng wissenschaftlichen 
allgemeinen Psychiatrie in die zeitgenössische Forschung zu gelangen 
vermögen oder nicht. Deshalb habe ich mich entschlossen, die Ganz- 
heit jenes geplanten größeren Werkes aufzulösen, um seinen Grund- 
gehalt wenigstens in vorläufiger Form zu retten. So ist das vor- 
liegende Buch, wenn es auch sachlich in sich abgeschlossen ist, in 
seiner äußeren Form eine Sammlung von einzelnen Abhandlungen 
geworden, welche die durchgehende und einheitliche Struktur des 
gedanklichen Aufbaues, in den sie als einzelne Teile eingefügt sind, 
zwar erkennen lassen, aber nicht zur Schau tragen. Ich hoffe jedoch, 
daß auch diese vorläufige Form der Darstellung ihre Absicht voll 
erreicht. 

Was alle die einzelnen Arbeilen dieses Buches innerlich verbindet, 
ist, abgesehen von ihrem Gegenstandsbereich, dem Problem der 
Erkenntnis in der Psychologie und Psychiatrie, das innere 
Zentrum, von welchem aus dieses Problem angefaßt und bearbeitet 
worden ist. Dieses innere Zentrum in seiner ganzen Bedeutsamkeit 

Kronfeld, Psychiatrische Erkenntnis. 1 



2 Einleitung. 

für die psychiatrische Forschung zu beleuchten, ist der wesentliche 
Zweck dieses Buches. 

Es leitete mich bei seiner Zusammenstellung der Gedanke, nicht 
so sehr materiale und faktische Einzeluntersuchungen zur Darstellung 
zu bringen, als vielmehr alle diejenigen methodologischen, logisch- 
und theoretisch-fundierenden und kritischen Gedankengänge und 
Entwicklungen mit präziser Begründung zu versehen, durch welche 
psychiatrisch-psychologisches Denken ermöglicht, gesichert 
und zum Range wirklicher Wissenschaft erhoben zu werden vermag. 
Es schwebte mir als Leitidee vor, die Logik der Psychiatrie und 
ihre Wissenschafts- und Erkenntnislehre, wenn auch noch 
nicht mit systematischer Geschlossenheit und Strenge, so doch im- 
plizit an der Hand ihrer grundlegenden Anwendungsweisen zu ent- 
wickeln. 

Dies Buch erfordert also vom Verfasser wie vom Leser, sich 
intensiv innerhalb desjenigen Forschungsinstitutes für Psychiatrie 
und verwandte Gebiete zu betätigen, welches ein jeder von uns mit 
sich herumträgt: des denkenden Geistes. Dieser Geist wahr- 
haften psychologischen Denkens und Erfassens in seiner Tragweite 
und Bedeutung für die psychiatrische Gesamtforschung soll zu inten- 
siverer, strengerer, schulmäßigerer und verantwortlicherer Arbeit 
hingeleitet werden, als unser Fachgebiet sie bisher kannte und zu- 
ließ, wo gerade die psychologischen und psychopathologischen Be- 
griffsbildungen und Konzeptionen nur zu oft so beschaffen waren, 
daß sie einem Vertreter exakter Wissenschaften mit Recht den Ein- 
druck befremdlicher Oberflächlichkeit, subjektiver Willkür, kon- 
ventioneller Schematik, unpräzisen und verantwortungslosen Ge- 
redes machen mußten. Dieses Streben nach größtmöglicher Ein- 
deutigkeit und Präzision in allen Ableitungen und Begründungen, 
Begriffen und Terminis belastet naturgemäß die Geduld des Lesers 
erheblich. Es ist aber nicht Selbstzweck, sondern seinerseits nur 
wieder ein Ausdruck jenes inneren Zentrums, jener verborgenen und 
doch deutlichen Einheit, welche auch sachlich die Materien dieses 
Buches umfängt. Diese Einheit ist — in ihrer erkenntniskritischen 
Zuspitzung — letzten Endes eine »philosophische «, eine weltanschau- 
liche: die des kritischen Idealismus der Kantisch-Friesschen Lehre. 
Sie präjudiziert natürlich in absolut keiner Weise den Gehalt aller 
empirischen Forschung; das würde ihrem Wesen widersprechen; 
wohl aber ist sie eine Einheit der Prinzipien und der regulativen 
Maximen, der Methoden und kritischen Stellungnahmen denkender 
und forschender Empirie auch auf unserem Gebiete. Vor allem aber 
ist sie eine Norm der Gesinnung, mit welcher an die Erfassung 
psychologischer und psychiatrischer Probleme herangegangen werden 
sollte. 

Wenn ich das Ziel Und gleichsam die Idee dessen bezeichnen darf, 
was mir bei der Abfassung des vorliegenden Buches vorgeschwebt 
hat, und den Geist und die Gesinnung, aus der heraus diese Unter- 



Einleitung. 3 

suchungeii entstanden sind, so möchte ich mich dazu der Worte 
eines unserer unsterblichen Führer bedienen. Rudolph Hermann 
Lotze schrieb im ersten Buche seiner medizinischen Psychologie 
(Leipzig 1852) die folgenden Sätze: »Die Erkenntnis des Seelen- 
lebens hat in größerem Maße als andere Wissenschaften, und in 
eigentümlicher Weise gelitten. In der Tat dürfen wir uns auf diesem 
Gebiete das innigste und eindringendste Verständnis fast mit dem- 
selben Recht zuschreiben, mit welchem wir die Unmöglichkeit 
beklagen, gerade diesen Besitz in wissenschaftlichen Formen 
festzuhalten. Von frühester Kindheit an führt uns die Umgebung 
unzählige Wahrnehmungen geistigen Lebens zu; aber mancherlei 
Wünsche des Gemüts und die Triebe der Selbsterhaltung zeitigen 
aus ihnen mit allzu großer Beschleunigung jenen Instinkt unmittel- 
barer Menschenkenntnis, der sogleich den nutzbaren Gewinn seiner 
Wahrnehmungen zu verfolgen eilt. Mit dem schnellen Anwuchs 
dieser praktischen Klugheit vermag die wissenschaftlichere Neigung 
des Verstandes, das Beobachtete auf seine ersten Quellen zurück- 
zuführen, niemals gleichen Schritt zu halten. Und so erneuert sich 
zwar in dem Lebenslaufe jedes einzelnen die rasche Ausbildung einer 
mehr oder minder gehaltvollen Kenntnis des geistigen Lebens, und 
die Lücken individueller Erfahrung ergänzend, haben die Über- 
lieferungen der Gesclüchte und die Werke der Kunst einen Reichtum 
psychologischer Anschauungen um uns aufgehäuft, deren umfassende 
Mannigfaltigkeit und eindringende Feinheit wenig zu begehren übrig 
läßt. Aber diese lebendige Menschenkenntnis ist dennoch 
weder Wissenschaft, noch geeignet eine solche aus sich 
zu entwickeln. 

Zwar entspringen gewiß auch aus ihr für jedes nachdenkliche 
Gemüt allgemeine Gesichtspunkte und zusammenfassende Ansichten 
genug, aber sie unterscheiden sich völlig von dem, was eine Wissen- 
schaft anstreben würde . . . Auf schwebenden Grundlagen ruht jene 
lebendige Menschenkenntnis; imd so wenig wir hoffen dürfen, ihren 
praktischen Blick jemals durch wissenschaftliche Überlegungen zu 
ersetzen, so wenig vermag sie selbst die Aufgaben der Wissenschaft 
zu lösen oder ihrer Lösung auch nur in genügender Weise vorzu- 
arbeiten. Jenes Innere der Seele, das der Pädagog nach bestimmten 
Zwecken auszubilden, dessen krankhafte Störungen der Arzt, dessen 
sittliche Verirrungen der Seelsorger zu heilen unternimmt, bleibt in 
seinem eigentlichen Wesen und in den ursprünglichen Gesetzen 
seines Wirkens ihnen allen unbekannt. Mit instinktiver Sicherheit 
bewegen sie sich in einem Kreise der zusammengesetztesten Ereig- 
nisse, die auf ilire unzähligen Bedingungen zurückzuführen die 
Wissenschaft, selbst im Besitze der festesten Prinzipien, verzweifeln 
müßte; manche Gewohnheiten ferner des Ineinandergreifens geistiger 
Tätigkeiten wissen sie den Beobachtungen geschickt genug zu ent- 
lehnen, aber die wesentlichste Frage lassen sie unberührt, die nach 
den elementaren Kräften, auf deren Wirksamkeit und 



4. Einleitung. 

Verbindung die Möglichkeit aller dieser Gewohnheiten 
allein beruht. Neben dem feinsten Verständnis menschlicher 
Charaktere im Leben und neben der schärfsten Zeichnung derselben 
in den Werken der Kunst pflegt daher doch selbst em gebildetes 
Zeitalter gewissen Grundvorstellungen über die Natur des geistigen 
Wesens zu folgen, über deren Roheit es selbst erschrickt, 
sobald eine empirische Psychologie ihm die Summe der- 
selben in wissenschaftlicher Allgemeinheit vorhält und 
abgelöst von dem bestechenden Reichtum spezieller Anschauungen, 
die allein in der lebendigen Anwendung ihre gänzliche 
Unzulänglichkeit verdeckten. 

Dasselbe geistige Dasein nun, welches jene lebendige Kenntnis 
so fein in seinen letzten Verzweigungen und so gar nicht in seinen 
Wurzeln versteht, hat freilich stets auch den geordneten Angritten 
der wissenschaftlichen Untersuchungen offengestanden. Aber ein 
doppeltes Mißgeschick hat auch diese ernstlichen Bestrebungen der 
Erklärung immer verfolgt. Zuerst hat die überwältigende Wichtig- 
keit des Gegenstandes jedes Zeitalter gedrängt, mit oft^ unzuläng- 
lichen Erkenntnismitteln eine abschließende Ansicht über ihn zu 
suchen. Wie sehr nun auch zur Beurteilung vieler Seiten des geistigen 
Lebens die nötigen Grundlagen nur in dem Innern des Geistes selbst 
liegen und daher dem Scharfsinn menschlicher Erkenntnis stets 
zugänglich sein müßten, so wird doch seine vollständige Aut- 
fassung nie ohne jene klaren naturwissenschaftlichen 
Anschauungen möglich sein, die im Verlaufe unserer Bildung 
sich bekanntlich spät und allmählich entwickelt haben. Im An- 
gesiebt so vieler mißlungener Versuche, das geistige Leben zu er- 
klären, dürfen wir deshalb die Hoffnung doch nicht aufgeben, wenig- 
stens in bezug auf die enger begrenzte Frage, welche den Gegen- 
stand unserer folgenden Betrachtungen bilden wird, glucklicüer 

zu sein ... ■, r^ ^. a 

Es ist daher nicht sowohl die eigene Dunkelheit des Gegenstandes, 
die wir scheuen, als vielmehr jenes andere Mißgeschick, dem, wie 
wir erwähnten, die Versuche psychologischer Erklärung stets aus- 
gesetzt gewesen sind. In jener lebendigen Menschenkenntnis sind 
wir mit den Erscheinungen des Seelenlebens äußerlich zu bekannt 
geworden, um noch gern zu glauben, die Wissenschaft wisse über 
sie mehr Aufklärung zu geben, als unsere unerzogenen Reflexionen 
bereits enthalten. Wie jeder andere Kreis von Erfahrungen, so ist 
auch der, den wir über psychische Erscheinungen uns 
gesammelt haben, durch die unablässige Tätigkeit halb 
unbewußter Überlegungen mit einer unfertigen Meta- 
physik allenthalben versetzt. Jene äußerliche Vertrautheit 
aber mit den Phänomenen des geistigen Lebens trägt die Schuld, 
daß wir gerade auf diesem Gebiete die Vorurteile jener unregel- 
mäßigen Erklärungsversuche mit viel größerer Hartnäckigkeit, 
als sonstwo, den Behauptungen gegenüberstellen, welche eine be- 



Einleitung. 5 

sonnene Spekulation geltend zu machen luit. Viele« erscheint daher 
der allgemeinen Meinung als eine klare und brauchbare Hypothese 
der Erklärung, was jede philosophische Theorie als eine 
völlig un mögliche Verkehrtheit zurückweisen muß; manches 
gilt umgekehrt jener fragmentarisch gebildeten Ansicht als unlös- 
bares Rätsel, was die wissenschaftliche Auffassung als einfach und 
erledigt betrachten darf. So hat jener unangenehme Zustand der 
Dinge sich gebildet, daß zwar jeder zugibt, die Entscheidung physi- 
kalischer Fragen hänge von der genauen Kenntnis unl^st reit barer 
Grundsätze ab, daß dagegen der Bereich psychologischer 
Untersuchungen fast für ein vogelfreies Gebiet gehalten 
wird, in welchem bei dem Mangel aller festen Gesetze 
und der Unmöglichkeit sicherer Ergebnisse jeder den 
Einfällen folgen dürfe, die ihn am meisten anmuten. 
Zwar müssen wir zugeben, daß hier wie in allen Wissenschaften, 
einzelne unentscheidbare Fragen sich finden, deren Beantwortung 
für jetzt einem subjektiven Gefühl des Richtigen anheimgestellt 
bleiben muß; nicht minder aber können wir das Vorhanden- 
sein ebenso sicherer Grundsätze behaupten, als sie irgend- 
einer anderen Wissenschaft zu Gebote stehen. Der Ge- 
nialität unserer Forscher mag das schöne Verdienst beschieden sein, 
diesen Grundsätzen durch individuellen Scharfsinn eine Reihe wich- 
tiger Anwendungen abzugewinnen; in bezug auf die Grund- 
sätze selbst dagegen müssen sie mit Aufgebung subjek- 
tiver Neigungen sich zu der aufrichtigen Stellung eines 
Lernenden verstehen. 

Indem wir nun den Versuch wagen wollen, den Zusammenhang 
des geistigen Lebens in jenen Grundlagen zu schildern, die der Heil- 
kunst von Wert sein können, müssen wir hoffen, daß eine ausdauernde 
Teilnahme unserer Leser die Ungunst der Stellung überwinden 
werde, in der sich alle solche Bestrebungen gegenwärtig 
befinden. Wir sehen uns einem Gegenstand gegenüber, dessen 
erste Frische längst durch unzählige vereinzelte und mißglückte 
Versuche seiner Erforschung für uns verloren ist; der Zugang zu 
dem ferner ,was wir als feststehend und weiterer Entwicklung fähig 
behaupten möchten, steht uns nur nach dem langen Wege 
einer erschöpfenden Kritik jener V^orurteile offen, die 
sich verwirrend um diese Fragen angesammelt haben; 
endlich ist, was wir als das Wahre vertreten wollen, nicht eine jener 
extremen und kapriziösen Ansicliten, die gegenwärtig am meisten 
Hoffnung haben, die erschlaffte Empfängliclikeit für die Behand- 
lung dieser Gegenstände wieder aufzustaclieln. Unsere Absicht ist 
es vielmehr, eine Auffassung des Seelenlebens zu entwickeln, die 
den Anforderungen naturwissenschaftlicher Anschau- 
ungen ebenso vollständig Genüge leistet, als sie anderer- 
seits unverkümnierten Raum läßt für die Anknüpfung jener geistcs- 
wissen-schaft liehen Reflexionen, deren gleiches Recht an unseren 



6 ' Einleitung. 

Gegenstand zu leugnen wir der Leidenschaftlichkeit unserer Zeit 
nicht zugestehen dürfen. Wir wollen versuchen, diese allgemeinen 
Grundlagen der psychologischen Untersuchungen hier zusammen- 
zufassen, ohne Bildung und Sprache einer bestimmten philosophischen 
Schule vorauszusetzen, aber gleichzeitig auch ohne den Zu- 
sammenhang mit jenen Elementen der Bildung zu ver- 
lieren, die außer der Physiologie das menschliche Nach- 
denken bewegen, und deren Einfluß der Naturforscher 
sich weder im Leben noch in der Wissenschaft zu ent- 
ziehen vermag, oder versuchen soll.« 

Der Gesamtumfang des vorliegenden Werkes ist auf drei Bände 
berechnet. Der erste Band behandelt, in einer völlig in sich ab- 
geschlossenen Weise, den Wissenschaftscharakter, die Geltungs- 
grundlagen und die Erkenntnismethoden der allgemeinen Psychiatrie, 
sofern sie Anspruch auf strenge Wissenschaftlichkeit erheben. Er 
enthält also irgendwelche materiale psychiatrische Einzelarbeit 
noch nicht. Dies sei sogleich bemerkt, um Enttäuschungen vorzu- 
beugen; es soll aber damit nicht gesagt sein, daß sein Inhalt für den 
psychiatrischen Denker und Forscher unwesentlich sei. Das Gegen- 
teil ist meine feste Überzeugung. Der zweite Band wird die mate- 
riale Durcharbeitung der psychischen Reihe von Daten, der dritte 
die im weitesten Sinne psychophysischen und außerpsychischen 
Problemgebiete behandeln, die im Bereich der Psj^chiatrie bestehen. 
Dem hier vorliegenden ersten Bande habe ich einen vorbereiten- 
den Teil vorangeschickt, welcher eine Einführung des Lesers in die 
allgemeinen erkenntniskritischen Grundlagen gibt, auf denen sich 
das Fundament der eigentlichen theoretischen, phänomenologischen 
und methodologischen Gedankengänge erhebt, welche ich für den 
Wissenschaftscharakter der allgemeinen Psychiatrie als notwendige 
und hinreichende Bedingungen erachte. Dieser erste vorbereitende 
Teil ist es nun besonders, welcher unter der Ungunst meines persön- 
lichen Geschickes in seiner äußeren Form zu leiden hatte. Geplant 
war, ihm eine systematisch geschlossene Form strenger Ableitungen 
zu geben. Diese Absicht zu verwirklichen, mußte ich aufgeben. 
An ihre Stelle habe ich einige synoptische, kritische und polemische 
Ausführungen zur philosophischen Erkenntnislehre setzen müssen; 
ein Teil derselben ist, freilich in wesentlich anderer Form, schon an 
anderen Stellen teilweise schon vor einem Jahrzehnt von mir ver- 
öffentlicht worden. Wenn ich es dennoch nicht aufgegeben habe, 
diesen vorbereitenden Teil allgemeiner erkenntniskritischer Er- 
örterungen überhaupt in dies Werk aufzunehmen, so liegt hierfür 
ein doppelter Grund vor: Einmal nämlich soll durch ihn das Inter- 
esse für scharfe und präzise Fragestellungen gerade auf diesem all- 
gemeinen Gebiet mehr geweckt werden, als dies beim praktisch- 
psychologischen und psychiatrischen Leser oftmals der Fall ist, der 
in der Erkenntnislehre sich entweder gerne durch einen Wust von 
historischer Gelehrsamkeit oder durch schwungvoll vorgetragene 



Einleitung, 7 

geistreiche Gedanken gefangen nehmen läßt. Weder das eine noch 
das andereist wesentlich: es kommt ganz einfach auf richtiges 
Denken an; dies und nichts anderes soll an den Ausführungen de« 
vorbereitenden Teils dargetan werden. Der zweite Grund der Voran- 
stellung dieses erkenntniskritischen Teiles ist, die allgemeinen Grund- 
lagen zu schaffen, welche uns zur wissenschaftlichen Bearixjitung 
unserer eigentlichen psychiatrischen Probleme festen Halt und 
»Standpunkt gewähren. 

Was ich bei den (Jedankengängcn dieses Teiles meinem Freunde 
Leonard Nelson, als dessen Schüler ich mich fühle und freudig 
bekenne, zu verdanken habe, das wird aus jeder Zeile erkenntlich sein. 

Weit wichtiger freilich als dieser vorbereitende Teil ist mir alles 
das, was in den folgenden eigentlichen Hauptabschnitten dieses 
Buches gesagt wird. In ihnen glaube ich das Neue zu geben, was 
in psychiatrischen Erörterungen bisher noch nicht, in psychologischen 
nur allzu selten zum Ausdruck und zur Formulierung gelangt ist. 
Zwischen den einzelnen Abscjinitten besteht, wenngleich ein jeder 
von ihnen eine in sich geschlossene und verständliche Abhandlung 
darstellt, der innigste Zusammenhang. Ein jeder von ihnen führt 
die Beantwortung des Problemkreises: Wie ist allgemeine Psychiatrie 
als Wissenschaft möglich? — in bestimmter Richtung weiter; und 
so wird hoffentlich der Leser am Schluß dieses Buches ein einheit- 
liches Gesamt })ild dessen besitzen, was ich grundsätzlich und metho- 
dologisch in das psychiatrische Denken eingeführt und an seinen 
einzelnen !^Iaterien verwirklicht sehen möchte. Um dem Leser trotz 
der hier gewählten äußeren Form der Einzelabhandlungen dieses 
Verständnis für die systematische Einheitlichkeit der vorgetragenen 
Gedankengänge zu gewährleisten, bin ich von bestimmten Gesichts- 
punkten der .\uswahl und Anordnung des Problemgebietes aus- 
gegangen. Zuerst gebe ich eine kurze Synopsis des gegenwärtigen 
Standes der psychiatrischen tind psychologischen Forschungstenden- 
zen. Es handelt sich hierbei um eine rein ontologische Zusammen- 
stellung, aber eine solche, die — ohne Rücksicht auf Einzelarbeiten — 
auf die generelle Problemlage selber eingestellt ist. Aus ihr ergeben 
sich l)ereits l)estimn\te Anhaltspunkte für die zu leistende Arbeit. 
Diese l)esteht nun in der systematisclien Üurchdenkung der zwei 
Hauptgebiete der Erkenntnisproblematik der Psychiatrie: der 
Wissenschaftstheorie des Psychischen und der Phäno- 
menologie des Psychischen. Die beiden umfangreichen Studien, 
welche sich mit diesen l>eiden Problemkreisen auseinandersetzen, 
betrachte ich als die Kernstücke des vorliegenden Werkes. Zwischen 
sie stellte ich einen Entwurf, welcher einige Linien für das allein 
mögliche Programm einer Grundlegung der allgemeinen Psychiatrie 
zieht. Ein Anhang zu diesen Prolegomenen jeder allgemeinen Psy- 
chiatrie, die mit dem Anspruch auf strenge Wissenschaftlichkeit 
wird auftreten köimen, In^schäftigt sich mit den» Verhältnis imma- 
nenter Kritik und deren Bedingungen zu irgendwelchen konstruk- 



8 Einleitung. 

tiven Hypothesen und sogenannten Arbeitsgesichtspunkten, wie sie 
gerade in unserer Wissenschaft an der Tagesordnung sind. Dem 
phänomenologischen und psychologisch-theoretischen Problem- 
gebiet lasse ich am Schluß noch einige Erörterungen folgen über die 
besonderen phänomenologischen Aufgaben der Psychiatrie, die 
psychiatrischen Krankheitsbegriffe und die Logik und Theorie des 
Verhältnisses von Symptom und Krankheit in der Psychiatrie. Hierzu 
gehören auch Untersuchungen über das Verhältnis deskriptiver und 
normativer Typenbildungen in der Psychopathologie. 

So bereitet dies Buch die Anwendungen seiner logischen, erkennt- 
niskritischen und phänomenologischen Ergebnisse auf die Einzel- 
materien unserer Disziplin vor, welche zu geben Aufgabe der späteren 
Bände sein wird. 

Darf dieser Versuch einer Logik der Psychiatrie noch eine nega- 
tive Charakteristik erfahren, so kann diese durch einen doppelten 
Gegensatz bezeichnet werden: erstens durch den Gegensatz zur 
dogmatischen Starre aller konstruktiven Theoreme, welche, oft 
unerkannt und mit scheinbarer Selbstverständlichkeit, und dann 
am gefährlichsten, unsere Disziplin durchsetzen; mögen diese Kon- 
struktionen empiristischen, mögen sie geisteswissenschaftlichen Ur- 
sprungs sein, welch letzterer gerade neuerdings in den Arbeiten 
mancher Phänomenologen und Pathopsychologen wieder modern 
wird. Zweitens durch den Gegensatz zum analytischen Chaos der 
»reinen Phänomenologie« und ihrer Systemlosigkeit, ihrer Schein- 
tiefe und Geschwollenheit, Welches der positive Ausweg aus dieser 
doppelten Gegensätzlichkeit ist, dies sagt ausführlich und eindeutig 
das Buch selber; nur so viel sei bemerkt, daß dieser Ausweg keines- 
wegs der der gegenwärtigen klinischen Nosologie ist, deren konven- 
tionalistische Willkür, kritiklose Sammelei und dogmatische Schub- 
facheinteilung, jedes beherrschenden theoretischen Gesichtspunktes 
bar, noch immer Orgien feiert. Wir setzen die überragende Leistung 
eines Kraepelin nicht herab, wenn wir feststellen, daß die Hyper- 
trophie klinischer Gesichtspunkte und Dogmatismen, die in seinem 
großen Lehrbuch von Auflage zu Auflage wuchs, eben dies Lehrbuch 
von Auflage zu Auflage verwässert und veräußerlicht hat. Sein 
Weg ist ganz gewiß nicht der unsrige: Er hat psychiatrische Forschung 
in die Gefahr konventionalistischer Relativitäten getrieben; er hat 
Psychiatrie als autochthone Wissenschaft mehr und mehr ausge- 
schaltet; zurzeit besteht eine Ära fast sklavischer Abhängigkeit der 
psychiatrischen Forschung von ihren heterologischen Hilfswissen- 
schaften, von deren Sondermethoden, die auf dem Boden fremder 
Disziplinen wachsen, sie in tatloser, steriler Gebundenheit die Ver- 
mittlung eigenen Fortschreitens erwartet, ohne sie zu finden. Wir 
aber wollen uns wieder auf die autologischen Grundlagen psychia- 
trischen Denkens, psychiatrischen Erkennens und Wissens besinnen. 

Wir werden uns bei der Entwicklung dessen, was wir zu sagen 
haben, auf Vorgänger, die wir zum Teil als unsere eigentlichen Lehrer 



Einleitung. 9 

lind Führer bet rächt t-ii, stützen und berufen, «oweit uns die« irgend 
niöglieh ist. Deiinocli wird man die Eigenheit der (Jedanken 
dieses Buches und iiire Xeulieit darülx-r nicht verkennen wollen. 
Diese Berufung auf Kigenheit und Neuheit des Inhalts ist nun ira 
allgemeinen nicht gerade ein günstiges Empfehlungszeichen für 
psychiatrische Werke. Und nun noch gar für eines, in welchem mate- 
riale Psyciüatrie selber noch gar nicht zu Worte kommt, welches 
sich in den vom Einzelforscher so gefürchteten oder belächelten 
»Allgemeinheiten« bewegt! Ich gestehe offen, daß ich in dieser Hal- 
tung niemals etwas anderes habe sehen können als ein arrogantes 
Vorurteil der Befangenheit. Klares Bekenntnis zur Subjektivität 
eines Standpunktes ist ehrlicher als der Relativismus skeptischer 
»Scheinolijckt ivität ; Streben zum Allgemeinen, zu Gesetz und Be- 
gründung ist wahrliafter Wissenschaft als das leere systemlose Sam- 
meln disjekter Fakten unter äußerlichen Zweckgesichtspunkten. 
Um ein nur scheinbares Paradox meines Freundes Nelson auf- 
zunehmen: Je subjektiver und ihrer Subjektivität Ijcwußter, je 
mehr in Synthese und System tendierend ein wissenschaftliches 
Werk sein wird, um so ehrlicner, unparteiischer und wissenschaft- 
licher wird es sein. 

Die gesamte in Frage kommende Literatur zu berücksichtigen, 
war, so sehr wir uns dies angelegen sein ließen, nicht möglich. Es 
hätte dazu eine Arbeit vieler Jahrzehnte gehört. Auch im Interesse 
der oft recht schwierigen Darstellung selljer erschien es nicht ge- 
boten, sie mit gelehrteni Beiwerk allzu stark zu belasten. Wir stehen, 
so schroff wir den sonstigen Standpunkt Rickerts in diesem Buche 
ablehnen, wenigstens darin auf seiner Seite, »daß wir heute im all- 
gemeinen viel zu viel zitieren«, und machen uns seine Absicht zu 
eigen: »in bewußtem Gegensatz hierzu . . . einfach das darzustellen 
und zu begründen, was wir für richtig halten; und daher sind fremde 
Arbeiten nur dann ausdrücklich genannt, wenn uns dies im Interesse 
der Klarlegung eines Gedankenganges wüncheuswert erschien«. 

Ich schmücke dies Buch mit dem Namen Hugo Liepmanns, 
meines verehrten Lehrers, dem ich als hingebungsvollem Irrenarzt, 
als vorbildlichem Forscher und scharfsinnigem Denker mehr ver- 
danke, als icii in wenigen Zeilen zu sagen vermag, t^s ist mir eine 
Genugtuung, ihm dieses Buch in dem Augenblicke widmen zu dürfen, 
wo ich durch äußere Verhältnisse genötigt bin, von der persönlichen 
Mitarbeit innerhalb seines Wirkungskreises dankerfüllten Abschied 
zu nehmen. 

Berlin, Juni 1U19. 



Vorbereitende Einführimg 

in die allgeiiieinen erkenntniskritischen 
Grundlagen. 



3Ietaphysikfn'ii* Naturforschung? 

Es ist für den, der die tiefsten Grundlagen wissenschaftlichen 
Denkens der Lehre Immanuel Kants verdankt, kein erfreuliches 
Zeichen, daß gerade in dieser Zeit in den Köpfen der Naturforscher 
das Vorurteil wieder Platz greift und sich befestigt, die Wissenschaft 
Metaphysik sei so etwas wie ein mystischer Dogmatismus. Und 
doch wird dies anscheinend mehr und mehr die allgemeine Meinung; 
und derjenige gilt als freier, bahnbrechender Forscher, der sich in 
irgendeinem Wege bemüht, die »vorurteilslose« Forschung von der 
Metaphysik zu befreien. 

In diesen Bahnen wirkte vor allem der berühmte Physiker und 
geistreiche Psycholog Ernst Mach. Er hat sich den Ruhm erworben, 
das metaphysische Denken aus der Naturwissenschaft von Grund 
aus eliminiert zu haben. Der Gehalt seiner — fast möchte man sagen: 
metaphysikfreien Metaphysik — die er in stolzer Bescheidenheit 
freilich nur als »Skizzen zur Psychologie der Forschung« wertet^) 
ist vielen zur Weltanscliauung geworden und gewinnt einen stetig 
wachsenden Einfluß auf das philosophische Denken in der Natur- 
wissenschaft. Da ist es, scheint uns, nicht ohne Belang, daß die be- 
rufene Forschung, die Fachwissenschaft Philosophie, die Me- 
tlioden und Thesen einer also propagierten Lehre besonderer Prüfung 
unterzieht. Diesem Zwecke dient eine Arbeit des Göttinger Philo- 
sophen Leonard Nelson^j. Die Ausführungen des Neubegründers 
der Friessclien Philosophie, von hoher Achtung vor der wissen- 
schaftlichen Bedeutung des großen Gelehrten Mach getragen, zeigen 
zugleich mit unwidersprechliclier Sachlichkeit, wie unversehrt und 
siegreich der Kritizisnnis Kants dem versteckten Dogmatismus der 
Mach sehen Lelire gegenüber bestehen bleibt. 

Damit soll nun keineswegs gesagt sein, daß Nelson den Gehalt 
des Empiriokritizismus von Beginn an nach den Kriterien der Kant- 
schen Lehre beurteile. Das wäre immerhin eine Art jener Befangen- 
heit in einem historisch vorliegenden »System, gegen die Mach im 
Anfange seines Werkes mit Recht Einspruch erhebt. Vielmehr folgt 
der Kritiker dem Autor auf sein eigenes Forschungsgebiet; er be- 
urteilt die Ergebnisse der empirisch-psychologischen Forschungen 
Machs nach den Tatsachen der Selbstbeobachtung und prüft, ob 
die Machsche Lehre mit der inneren Erfahrunu — auf die sie doch 



») »ErkonntniH und Irrtum.« 2. Aufl. IIXXI. 

*) »Ist motni)hysikfreic Naturwissenschaft luuglicbT« Abhandlungen der 
Friesschen Schule II. 3. 



14 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritisciien Grundlagen. 

ausschließlich sich aufzubauen vermeint — selber in Konflikt komme ; 
oder ob sie in einwandfreier Methodik zu einwandfreien Resultaten 
führe. 

Mach findet bekanntlich in den Empfindungen, den einfachsten 
psychischen Tatsachen, die ^Elemente« unseres inneren Lebens, 
auf denen sich alle menschliche Erkenntnis aufbaut. Nun besagt 
der Satz : daß die Elemente psychischer Erlebnisse die Empfindungen 
seien — wofern er mehr sein will als eine bloße Namenerklärung — , 
nichts anderes als die anschauliche Grundlage aller Erkenntnis. 

Schon dem wäre viel entgegenzuhalten. Indes, folgen wir Mach 
vorläufig weiter und stellen wir nur die Forderung : daß der Forscher 
nunmehr gemäß seiner Annahme die gesamte menschliche Erkenntnis 
auf diese intuitive Basis der »Elemente« zurückführe. Mach unter- 
zieht sich dieser Aufgabe; er nimmt hierzu die Assoziation zu 
Hilfe. Die »Elemente«, sagt er, stehen in Beziehungen zueinander; 
hängen voneinander ab: und dementsprechend assoziieren sie 
sich, vergesellschaften sie sich zu Komplexen. 

Damit ist aber nichts gewonnen. Daß tatsächlich die Inhalte der 
äußeren wie der inneren Erfahrung jeweils voneinander abhängen, 
ist ja unbestritten; das tiefere Problem aber bleibt zu lösen: Wie 
gelangen wir zur Erkenntnis dieser Zusammenhänge? 

Daß diese Frage berechtigt ist, räumt Mach ein. Jedoch kann 
die Erkenntnis der Verbundenheit von Elementen ihrerseits keine 
anschauliche, keine »Empfindung« oder »Beobachtung« (im Sinne 
Machs) sein. Denn anschaulich, wie Mach es will, können wir doch 
nur in einer endlichen Reihe von Fällen die Folge eines Erfahrungs- 
elementes auf ein anderes beobachten; und nicht mehr. Wie aber 
erklärt sich die Möglichkeit der Erkenntnis von der Notwendigkeit 
der Verbundenheit, von der Bedingtheit des einen durch das andere? 
Diese Notwendigkeit des Verbundenseins zweier Phänomene ist 
doch von der zufälligen Tatsache, daß es beobachtet wird, ganz 
unabhängig. Mach bezeichnet sie als das »Ergebnis eines unwider- 
stehlichen Analogieschlusses«. Gewiß, das wissen wir ja. Woher 
aber der psychologische Grund dieser »Unwiderstehlichkeit«? 

Kant hatte auf diese Frage die Antwort gefunden. Notwendig- 
keit und allgemeine Gültigkeit hatte er als die Kriterien der meta- 
physischen und mathematischen Urteile, der »apriorischen«, 
festgelegt. Mach weiß das wohl. Er wünscht aber den Begriff des 
Apriorischen, der ihm ein Stigma »metaphysischer Tendenz« ist, 
aus aller Erkenntniskritik auszuschalten. Dieser Wunsch entspringt 
einer merkwürdigen Verkennung der Sachlage. Mach glaubt näm- 
lich, a priori bedeutet etwa »angeboren«, zeitlich aller Erfahrung 
vorausgehend. Diese Auffassung ist aber falsch; und man sollte 
meinen, Kant selber habe ihr in den ersten Sätzen seines Haupt- 
werkes vorgebeugt. Dennoch spukt sie von Beneke bis auf Mach 
immer wieder in dem Schrifttum der Philosophie. Nicht auf die 
zeitliche Genese geht das a priori — daß alle Erkenntnis mit der Er- 



Metaphysikfreie Naturforschung? 15 

fahrung anfange, sind die Einführungsworte in die »Kritik der reinen 
Vernunft« — , sondern auf den Grund, die Quelle der Erkenntnis. 
Die liegt eben nicht in den zufälligen wahrgenommenen Tatsachen, 
sondern in unserer geistigen Organisation selber, in der reinen Ver- 
nunft, um mit Knut zu sprechen. In seiner dogmatischen Befangen- 
heit gegenüber allem Metaphysischen sieiit Mach diesen Irrtum 
nicht und versucht nun, die Relationskategorien, in specie die Kau- 
salität, empirisch abzuleiten. Daß dieser Versuch unabwendbar 
scheitern muß, ist klar; das Beispiel Humes hätte es, wenn nichts 
anderes, dartun können. 

Üo wenig Machs Faktoren: Beobachtung und Assoziation, allein 
die Notwendigkeit des kausalen Verhältnisses zu erklären vermögen, 
so wenig ist es angängig, aus ihnen beiden das Schlußverfahren der 
Naturwissenschaften, die Induktion, psychologisch herzuleiten. 
Unter der Induktion versteht man eine solche Schlußform: daß man 
eine für eine Reihe von Fällen beobachtete Regel für alle ähnlichen 
Fälle als gültig erwartet. Das soll nun die Assoziation fundieren. 
Diese Assoziation wird für den gegenwärtigen Empirismus tatsäch- 
lich mehr und mehr, was ihr der geistreiche Engländer Allen vor 
30 Jahren voraussagte : »eine Art psychologischer Deus ex machina, 
der für jedes unvollkommen definierte Problem einsteht «. Durch 
irgendeine Vorstellung können andere, ehedem gehabte Vorstellungen 
mit teilweise gleichem Bestände in die Erinnerung zurückgerufen 
werden: Dieser Nexus ist Assoziation. Mit nichten aber enthält eine 
solche Verknüpfung bereits irgendeine Erwartung. Ein Beispiel: 
Tritt mein Freund, mich überraschend, in mein Zimmer, so assoziiere 
ich vielleicht vergangene Tage, an denen er mich bereits unverhofft 
besuchte. Keineswegs aber erwarte ich, wenn ich an meinen Freund 
denke (wohl gar mit denknotwendiger Sicherheit) — er müsse nun 
auch sogleicii eintreten^). 

Mach sieht iiu Verlaufe seiner Untersuchungen selber, daß mit 
der Assoziation allein die Erwartimg ähnlicher Fälle nicht erklärbar 
ist. Zu ihrer Erklärung setzt er außer der Assoziation noch ein diese 
bestimmt beeinflussendes »biologisches Interesse« ein. Das 
drängt uns, bei allen auftauchenden Vorstellungskomplexen, an die 
sich früher geiiabte assoziieren lassen, die uns »lebenswichtigen« 
Merkmale, die damals eintraten, aufs neue zu suchen. Ijt^bens wicht ig 
ist ein sehr weiter Begriff: alles Nützliche und Schädliche, alles in- 
tellektuell Belangvolle steht darunter. Dies mag zugegeben sein; 

^) Prinzipiell formuliert: Assoziation ist die Wiederbelebung eines früheren 
Vorstellungskomplexes durch einen neuen. Nie aber enthält sie die Erwartung, 
daß die in jenem ersten Vurstellungskomplex verbundenen Elemente, sobald ein 
Teil von ihnen sich in der Vorstellung erneut, sich auch mit den übrigen damals 
wirksamen Elementen wieder verbinden werden. Nelson schafft hierfür die 
Antithese, daß die Assoziation eine Verbindung von VorstcUungselementen, die 
Erwartung ähnlic! er Fälle die Vorstellung von einer Verbindung der Elemente 
onthült. 



16 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

und es mag in der Tat richtig sein, daß wir bei allen Assoziationen 
nach jenen biologisch interessanten Elementen suchen. Aber wenn 
^ir — irgendwie gespannt — suchen, ob sie vorhanden seien, so 
erwarten wir doch nicht, daß sie vorhanden seien. Daß wir gerade 
das aber erwarten, ist ein psychologisches Faktum. Das Interesse 
würde nur unsere Spannung auf die Entscheidung, nicht aber die 
Voraussicht des Ergebnisses erklären können. Dabei setzt das 
biologische Interesse, das uns auf die Entscheidung über das Auf- 
treten bestimmter ähnlicher Fälle (nämlich nur der lebenswichtigen) 
gespannt macht, seinerseits schon wieder die Erwartung ähnlicher 
Fälle voraus! Denn wenn irgendwelche »Merkmale« vms nützlich 
oder schädlich waren, dann treibt uns das Interesse doch nur deshalb 
dazu, sie wiederum zu erwarten, weil wir erwarten, mit ihrem 
Wiedereintreten werde auch der damals eingetretene Nutzen oder 
Schaden (das Lebenswichtige eben) sich wiederholen. Man sieht den 
Zirkelschluß! Das Problem der Induktion bleibt bei Mach ein 
ungelöstes. 

Er streitet dem induktiven Schlüsse der Naturwissenschaften 
freilich — von seinem Standpunkt aus konsequent — jede logische 
Berechtigung ab : Dieser ist ihm lediglich die sattsam besprochene 
gewohnheitsmäßige Erwartung des Ähnlichen auf Grund eines bio- 
logischen Interesses. Aber er kann natürlich nicht daran denken, 
ihn als wertlos zu verwerfen; das würde den Tatsachen der gesamten 
Naturwissenschaft widersprechen. So setzt er der Induktion an 
Stelle ihrer logischen Berechtigung das Kriterium des Erfolges. 

Dieses ist nun eigenartig. Gewiß können induktive Hypothesen 
im Erfahrungsgebiet insofern ihre Berechtigung erweisen, als ihnen 
selbst keine Erfahrung widersprechen darf und ihre theoretischen 
Folgen direkt empirisch geprüft werden können. Aber die Voraus- 
setzung einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit des Geschehens überhaupt, 
die schließlich im Obersatz aller Induktion steht, ist aus der Er- 
fahrung in keiner Weise abzuleiten. Der empirische Erfolg der In- 
duktion soll, wie es scheint, nur die Berechtigung der Annahme be- 
weisen, daß die beobachtete Regelmäßigkeit keine zufällige sei. 
Darin liegt aber doch weiter nichts als die Stabilierung irgendeiner 
Gesetzmäßigkeit im Geschehen, also eben der — ausschließlich lo- 
gische ■ — Regreß auf jenen Obersatz aller Induktion. Was aber 
hat das mit dem Kriterium der Richtigkeit eines induktiven Schlusses 
zu tun? 

Der Grundfehler, der Mach immer wieder scheitern machte, wird 
des öfteren auch ihm mehr oder minder deutlich bewußt: nämlich 
die Einseitigkeit des Dogmas, daß alle Erkenntnis aus der Beob- 
achtung stamme. Ganz klar scheint ihm dies einmal zu werden; 
er schreibt: »Um angeben zu können, daß ein Element von einem 
oder mehreren anderen abhängt, und wie diese Elemente vonein- 
ander abhängen, welche funktionale Abhängigkeit hier besteht, 
muß der Forscher aus Eigenem, außer der unmittelbaren Beobachtung 



MetuphvHikfroii- Natur£or»H:huti{;? 17 

(jJelegcnein hin/.iifügrii << ^a. a. (». S. 3I(J). Daü di-i- iJiiiker uiilii 
merkt, wir or mit dieser tiefen und wahren EitiHicht allem früher 
Gegebenen widerspriiht ! -- Was ist nun dies wKigene«, da« wir alli- 
um die Erkenntnis Kingenden in tiefem Hemühen zu erj;rüiiden 
suchen? Die Beobaehtung nicht, wie er zugibt, Aljcr auch die Lt^gik 
nicht. 8io ist leero Form und kommt nur als Mittel, nicht als Quellt- 
der Erkenntnis in Frage, wie Mach mehrfach einräumt. Unlxjfri«- 
digend ist Machs Antwort: einmal spricht er von »instinktiven Er- 
fahrungen« (a. a. 0. S. 272). Der Erkeimt ni.swert gewis.ser »all- 
gemeiner Prinzipien« beruht nach ihm darauf, »daü ihr Gegenteil 
sehr stark mit unseren gesamten instinktiven Erfahrungen kon- 
trastiert«. Aber eine Erfahrung, die nicht auf Beobachtungen, auf 
psychischen Eindrücken beruht, ist keine Erfahrung: so bleibt Machs 
Termiinis ein inlialt leeres Wort. 

Wir wissen die Antwort seit Kant. .Sie gibt die Vernunft- 
kritik. Jene »allgemeinen Prinzipien« sind die von Mach tot- 
gesagten synthetischen Urteile a priori. 

Al)er Mach will n\in einnuil um jeden Preis den Apriori.smus aus 
der Erkenntnis eliminiert wissen: und so hat er noch eine letzte Ab- 
wehr gegen diese Rückkehr ins Metaphysische, deren Notwendigkeit 
sich dem Nachdenkenden hier schier übermächtig aufdrängt: seinen 
Begriff der »Abstraktion«. Abstraktion füllt die Lücke in seiner 
Lehre aus; sie führt von Einzelurtcilon zum Gesetz, zur Erkenntnis. 

Sicherlich ist richtig, daß die Abstraktion von den zusammen- 
gesetzten, besonderen Einzelfällen des Urteils auf ein einfacheres 
Allgemeines, dali sie zuletzt auf die Prinzipien führt, unter denen wir 
alles Geschehen begreifen. Daß wir also die Abstraktion gebrauchen, 
um auf die Denkgrundsätze zu kommen, und daß wir anders nicht zu 
ihnen gelangen können, das hat kaum ein Erkeinitniskritikcr je be- 
stritten. Diese Abstraktion, ein logischer V'organg, ist demnach 
die Methode zur Auffindung der Gesetze aus Urteilen: in keinem 
Wege aber kann dieser Formalprozeß als die Quölle, der Ursprung 
der Erkenntnisinhaltc dieser CJesetze angesehen werden. Und eben- 
sowenig gewituien die Erkenntnisinhaltc durch Abstraktion den 
Charakter der Notwendigkeit. Allgcmeiniieit ist nicht Notwendigkeit, 
Gültigkeit für einen großen Umkreis von Tatsachen nicht notwendige 
Gültigkeit für jede unter den Begriff fallende Tatsache. — Mach 
zieht hier den zwiefachen — und l>cido Male falschen, von ihm seibor 
hier \ind da als unzulänglich erkaimten — Schluß: Was nicht aus 
der Erfahrung stammt, kommt von der Abstraktion her; und was 
nicht der Abstraktion entlehnt sein kaiui. ist Erfahrxmg. Stets, 
wenn er die Erfahrung als unzulängliche Erkennt nisqucUe befunden 
hat, beruft er sich auf die Abstraktion; und wenn ihm umgekehrt 
ein Gesetz (wie z. B. das der Trägheit) nicht als in sich logisch not- 
wendig erscheint (wiw es ja tatsächlich auch nicht ist), so führt er 
es auf empirischen Cirund zurück. Das ist natürlich ein ganz unzu- 
längliches Verfahren. 

K r <> n f r I d , roychUtrlacbe Erkenotois. S 



18 Vorbereitende Einfühnmg in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

Indessen hat Mach einen Gedanken in die Erkenntniskritik ge- 
tragen, der in dieser Zeit der soziologisch-genetischen Betrachtungs- 
weise vielleicht bestechender und förderlicher sich ausnimmt als 
sonst wohl. Er hat das Entwicklungsprinzip, in etwas transformierter 
Gestalt, als Prinzip der Denkökonomie, in die Debatte geworfen. 
Dies regulative Prinzip der biologischen und sozialen Wissenschaften, 
das sich logisch auf Induktionen mit Wahrscheinlichkeit auf er baut, 
scheint auch eine Reihe von Philosophen geradezu fasziniert zu haben : 
ich nenne die Pragmatisten verschiedener Provenienz: James, 
Schiller, Mark Baldwin, Mauthner, diesen Dogmatiker des 
Skeptizismus, und selbst Simmeis überschauenden Geist. Keiner 
aber hat es auf geistreichere und bestechendere Weise auf das Er- 
kennen angewandt als Mach. Zum Teil ist seine Gedankenführung 
freilich auch da nicht neu. Ältere Logiker, ebenso tiefgründig als 
in den Kreisen der Fachleute heute vernachlässigt, nennen bereits 
unter den heuristischen Maximen der Systematisierung von Erkennt- 
nissen als »oberste Formel« das »Gesetz der Sparsamkeit«, das nicht 
anderes besagt als Machs »Prinzip der Denkökonomie«: daß nämlich 
die Vollkommenheit der Natürerkenntnis dann erreicht ist, wenn es 
gelingt, alle Erscheinungen unter eine möglichst geringe Zahl von 
Gesetzen zu bringen. Indessen will Mach über diese unstreitig rich- 
tige Maxime wissenschaftlicher Systembildung hinaus. Nicht um 
die Form der Erfassung von Erfahrungserscheinungen unter Gesetzen 
handelt es sich, sondern der Gehalt der Gesetze selber ist ihm 
ein sich wandelnder. Vernunft ist ihm eine Form der Adaptation 
an das biologische Milieu; Denkvermögen, Denkformen ein Produkt 
des biologischen Vorteils. Was sich unter dem Druck der Prinzipien 
der Biogenese an ererbten und erworbenen geistigen Inhalten dem 
Organismus Mensch aufprägte, das wird dem Bewußtsein Werkzeug 
methodischer Forschung. 

Das ist sehr kühn. Richtig, wahr wäre dann also nur noch das 
biologisch Förderliche! Nichts anderes besagen die Sätze wie ein 
solcher: »Eine Erkenntnis ist stets ein uns unmittelbar oder doch 
mittelbar biologisch förderliches psychisches Erlebnis. Bewährt sich 
hingegen das Urteil nicht, so bezeichnen wir es als Irrtum.« (Und 
viele andere Stellen seiner Werke i).) Gilt diese Betrachtung auch 
vom Prinzip der Denkökonomie — das dort wohl auch ein Natur- 
gesetz ist — , so ist auch dieses Prinzip nicht im gewöhnlichen Sinne 
richtig oder wahr: sondern seine Annahme ist biologisch vorteilhaft. 
Und auch dieser Satz: es sei biologisch vorteilhaft, anzunehmen, daß 
das Wahre das biologisch Vorteilhafte sei — ist nicht wahr, sondern 
biologisch vorteilhaft anzunehmen. Und so fort. Der Wahrheits- 
begrift Machs scheitert an der Unauflösbarkeit dieses unendlichen 
Regresses. Überdies ist klar, daß dann, wenn mit diesem Prinzip 



1) Das Umgekehrte: daß alle Erkenntnis zugleich irgendwie einen biolo- 
gischen Vorteil repräsentiere, ist am Ende richtig, aber für ihren Wahrheitsgehalt 
erst recht kein zulängliches Fundament. 



Mot«phyNikfi<-ic Naturf<ji> lima''? 19 

dif |Ji'i!k(.i>'|iarius als Kriterium il<.i Ku iii igK<i' m ili-r Niit m«' h<miiiI- 
nis eiuf^fHftzl werden soll, en ain »richtigHten« erucheiiil. ull«- I>enk- 
urlx-it zu ersparen: womit denn die Möglichkeit aller N'aturwirtMcn- 
Hchnft erlischt und das Prinzip »ich «ellxT aufhebt. Auf« entHchie- 
donstc sei betont, dnÜ der Kritiker dtiriin un.schuldij? int, wenn dioHo 
Konsequenz wie eine Satire klingt. 

Mach scheitert daran, dali er einen Xur-Empirisniu« proklamiert, 
der die Wirklichkeil apriorischer Krkenntniscpiellen vorurteiUvoll 
und kraujpfhaft ülxMsiehf ; der dabei zum Dogma erstarrt, da** seiner 
eigenen Logik und den Tatsachen introspektiver Psychologie wider- 
Hprieht ; der in der Folge die Möglichkeit aller Naturwissenschaft, auf 
die er sieh gründet, und mithin sich selbst vernichtet, 

Immanuel Kant, dessen »philosopiiische Dekrete« Mach etwas 
geringschätzig Ix-iiandelt, schrieb in der Vorrede zur Kritik der prak- 
tischen Vernunft die Worte: »Was Schlimmeres könnte alx?r diesen 
Bemühungen wohl nicht begegnen, als wenn jemand die unerwartet« 
Entdeckung machte, dali es überall gar keine Erkenntnis a priori 
gebe noch geben könne. Allein es hat hiermit keine Not. Es wäre 
ebensoviel, als ob jemand durch Vernunft lx*wcisen wollte, daß es 
keine V^crnunft gäbe.« 

Ernst Mach hat — trotz allem — diesen Versuch unternommen. 
Uns scheint alxT — und Nelson hat es gezeigt — , er ist dabei nicht 
eben glücklich gewesen. 

Uns bleibt eine Frage: Woher kommt diese »antimetaphysische 
Tendenz«, die gerade in den Werken unserer größten Forscher immer 
wieder eklatiert und sie ins Abwegige führt i Hier hat ein glänzender 
Geist sich ein System der Erkenntnis geschaffen, das, in gerader Linie 
fortgeführt, mit der größten Konsequenz sich selber wieder aufhebt. 
Und das nur deshalb, weil ein Gegensat zgcfülil ihn gegen eine Meta- 
pliysik antrieb, deren einzige Inhalte ihm dogmatische Piiantasmen, 
»Xebel der Mystik« erschienen. 

(Jewili trägt Metaphysik so, wie sie historisch getrieben wurde, 
den Charakter ins Malilose führender Spekulation. Aber Kant hat 
den unsagbar tiefen Gedanken einer Kritik der Vernunft in fast voll- 
kommener Weise durchgedaciit und danüt jede Möglichkeit unge- 
gründeter Dogmatik auf seiner Basis aufgehoben. Wenn seit Kant 
noch fast nichts weiter erreicht wurde, wenn Epigonen sein Werk 
mißverstanden und ihre Mißverständnisse als Fehler Kants ausgaben, 
wenn heute von Cohen bis Lipps, vom »Transzendentalismus« bis 
zum »Psychologismus«. jene s|H'kulaiivo Dogmatik herrscht wie 
ehedem — trägt .Metaphysik ihrem Wesen nach die Schuld darauf 
Weiter aber: glaubt man mit solchen Systemen wie diesem, des meta- 
physikfroien Empirisnnis, jene »Nebel«, die aus verworrenen Cteistern 
in der Metaphysik aufgestiegen sind, zu verscheuchen? Metaphysik 
ist die Wissenschaft von den in unserer geistigen Organisation — 
Kant sagt: »reine Vernunft« — gegebenen, alle Erfahrung erst er- 
möglichenden, aller Gesetzgebung überhaupt zugrunde liegenden 



20 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritisohen Grundlagen. 

Grundprinzipien der Erkenntnis. Entweder man stimmt dem zu, 
daß die Erfahrungsinhalte sich nach den notwendigen Gesetzen der 
Vernunft verbinden — dann treibt man Metaphysik — oder man 
leugnet das — , dann erklärö man alle Wissenschaft für amüsanten 
(oder nicht amüsanten) Phantasiesport. In der Tat: wer die Meta- 
physik ausschaltet, gerade der ist es, der das Wissen den »Nebeln« 
ausliefert, die er verdrängen wollte; gerade der setzt an Stelle not- 
wendiger und allgemeingültiger Erkenntnis das chaotische Spiel 
biologisch bedingter Assoziationen, in dem alle Verbindungs weisen 
ihre nur nach Simplizität, Dauer und Lungenkraft der Propagierung 
differente Berechtigung besitzen — ein Verfahren übrigens, das 
natürlich auch Metaphysik, freilich unerkannte und falsche, zur 
Voraussetzung hat. Eben der aber wundere sich nicht, wenn Aus- 
wüchse, skeptizistische oder mystische Outriertheiten gerade durch 
jene offenen Türen mit eintreten, die er für die »von konventionellen 
Schranken des Denkens« befreite Forschung eingerannt hat. 

Was ist nach alledem das Wesen der immer wieder geforderten, 
bei ihren Verwirklichungsversuchen immer wieder mißglückten meta- 
physikfreien Naturwissenschaft? — Im »Bacon« des Charles de 
Remusat (1857) findet sich die Stelle: »L'empirisme sans philosophie 
rend le sceptre au dogmatisme sans philosophie; l'autorite se releve 
lä oü avait triomphe l'examen, et l'oeuvre de la renaissance est de- 
truite. — Tel est le terme fatal vers lequel marche cette ecole scienti- 
fique qui se croit l'extreme gauche de la science.« 

Es ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst Nelsons, den 
Beweis hierfür in seiner systematischen Zergliederung der Mach- 
schen Erkenntnislehre wiederum erbracht zu haben, Kant sollte 
der Naturwissenschaft kein »Überwundener « sein, sondern ein Führer 
werden. 



Erkcnntnistlit'oric oder VrnuiiiftkritikV 



Die folgenden Ausfülirungen knüpfen an das Werk nu'ine.s Fround's 
und philosopliiöchen Führers Leonard Nelson: »Clx?r das so- 
genannte Erkenntnisprobloni «, GöLtingen 1908, an. 

Nelson gibt in diesem umfassenden Werke den systematischen 
Ausbau dessen, was er — gewissermaßen programmatisch — in seiner 
Arbeit »Die kritische Methode«*) niedergelegt hatte. Sein neues 
Werk geht ülx'r das Grundsätzliche dieser ersten Arlx-it nicht hinaus, 
es enthält aber eine ausführliche Ableitung der Fehlerquellen, die im 
neueren philosophischen Denken zur Verkennung der Richtigkeit 
dieser Methode und zu der infolgedessen in der zeitgenössischen 
Philosopliie herrschenden Diskrepanz der Auffassungen, Standpunkte 
und Methoden geführt haben. 

Die Wurzel des Streites, der seit Kant im geschichtlichen Ablauf 
sich immer erneuernd, noch heute ungeschlichtet zwischen Trans- 
zendentalismus und Psychülogismus schwebt, erblickt Nelson in 
der Umbiegung der Vernunft kritischen Problemstellung in die »er- 
kenntnistheoretischc«. Anstatt zu fragen: welche Kriterien haben 
wir dafür, ob ein Urteil eine richtige Erkenntnis sei oder nicht, — 
fragen Ix'ide Heerlager der um die Philosophie Bemühten, ob ea 
überliaupt eine objektiv gültige Erkenntnis gebe oder nicht. Diese 
Problematisierung der Objektivität unserer Erkenntnis ist im wissen- 
.schaftlichen Woge nicht auflösbar. Worm sollte das Kriterium der 
Objektivität von Erkennt nis.sen gegeben sein? In einer Erkenntnis? 
Das gestattet formale Ijogik nicht: denn auch dieser E.kenntuis 
objektive Gültigkeit ist ja Problem. In irgendeiner Gegelx-nheit 
also, die nicht Erkenntnis ist ? Aber auch diese Gegebenheit müUte 
man kennen, um sie als Kriterium anzuwenden. Sie kann zwar 
ex definitione nicht Inhalt, müßte aber Gegenstand der Erkenntnis 
werden, um als Kriterium zu dienen. Der Erkenntnis — damit ist 
iHjreits wieder das Problematische ihrer Gültigkeit in die Anwendung 
des Kriteriums hineingetragen. Denn um über die Gültigkeil unserer 
Erkenntnis des Kritoriunus eine Entscheidung zu fällen, müßte man 
das Kriterium selbst schon wieder angewendet haben, und so fort. 



1) Dio kritisch«« Methode und das VerhältniH der Psjcholojiic rur Philoaophio. 
Ein Knpitcl nud der Mothodenlehro, .Abhandlungen der Kriesschon Schule, 
Bd. I. 19<>4. (Aueh i\la Sonderdruck erschienen.) 



22 Vorbereitende Einführung in die aUgem. erkenntniskritiachen Grundlagen. 

Wer nun aber aus der Unauflösbarkeit des erkenntnistheoretischen 
Problems auf den Mangel objektiver Gültigkeit in unserer Erkenntnis 
überhaupt schließen wollte, der würde voreilig einem Problem negative 
Entscheidung vindizieren, das er als unentscheidbar erkannt hat. 
Und wer andererseits aus dem Ausspruche dieses negativen Ent- 
scheids : ich weiß, daß ich nichts weiß — gemäß dem Satze vom Wider- 
spruch die objektive Gültigkeit wenigstens dieser Erkenntnis postu- 
lierte, — oder aber wer diesen Satz als falsch hinstellte und somit 
auf ein Wissen schlösse, — der würde in beiden Fällen ebenfalls vor- 
schnell schließen. Zweifellos findet hier ein Widerspruch statt, und 
zwar in der Behauptung des Wissens um das Nichtwissen. Daraus 
folgt nur die sichere Falschheit dieser Behauptung; nicht aber die 
Tatsache des Dennoch- Wissens. Denn das wäre ein synthetisches 
Urteil; und Logik läßt aus dem Satze vom Widerspruch nur die Ab- 
leitung analytischer Urteile zu. Hiermit ist die Unmöglichkeit der 
Erkenntnistheorie prinzipiell nachgewiesen. 

Dieser grundsätzliche Gegenbeweis gegen die Möglichkeit einer 
Erkenntnistheorie läßt sich am Beispiel aller heute verfochtenen 
Spielarten derselben zur Anwendung und Bewährung bringen. 

Alle überhaupt möglichen Erkenntnistheoreme müssen ein Kri- 
terium der objektiven Gültigkeit der Erkenntnis aufrichten, an dem 
sie die Erkenntnis prüfen. Dieses Kriterium kann entweder wiederum 
eine Erkenntnis sein — oder nicht. 

Ist es eine Erkenntnis, so kann es hier einerseits durch Reflexion 
vor das Bewußtsein treten — diese Anschauung vertreten Natorp 
und Marcus. Andererseits kann es in unmittelbarer Bewußtheit, 
evident, gegeben sein — so Meinong. 

Liegt das Kriterium außerhalb der Erkenntnis, ist es ein prak- 
lisches, normatives Kriterium — so kann wiederum einerseits dies 
Wertkriterium mittelbar im Nutzen der Erkenntnisinhalte liegen — 
diese Auffassung verfechten Mach und die Lehrer des »biologischen 
Vorteils«; andererseits aber kann ein unmittelbarer Wert es aus- 
zeichnen, es kann in einer kategorischen Forderung beruhen — 
Gegensätze wie Rickert und Lipps vereinen sich in der Annahme 
dieses Standpunktes . 

Folgen wir diesen verschiedenen Möglichkeiten im einzelnen. 

Natorpi) sieht, wie alle Erkenntnistheoretiker, in dem Ver- 
hältnis der Erkenntnis zum Gegenstande der Erkenntnis ein Problem. 
Zwar ist uns auch der Gegenstand der Erkenntnis nur in der Erkennt- 
nis gegeben; aber Erkenntnis stellt doch den Gegenstand hin unab- 
hängig von allen Relationen zum erkennenden Subjekt. Diese Un- 
abhängigkeit der Position des Gegenstandes in der Erkenntnis von 
der Tatsache, daß er vorgestellt, erkannt wird — diese Unabhängigkeit 
soll bewirkt werden durch eine Abstraktion von der Subjektivität, 
von der Tatsache des Erkanntwerdens. Welche Gründe machen 



1) Philosophische Monatshefte. Bd. XXIII. 1887. 



Erkenntnistbeurie oder Vcmunf tkritik ? 23 

diese Al^traktiun nun notwendig, verbürgen die Geltung ihre« Er- 
gebninses? Natorp antwortet: Subjektivität der Erkenntnis be- 
deutet da« unmittelbare Verhältni« de« Erkennt niHgegenMtande« zum 
Ich. Diesi- Subjektivität laut sieh positiv lx?stimnjen al« da>i Er- 
scheinen'). Im (jegen>atze aber zu der Subjektivität do i- 
nendenf gilt seine ge.setzmäUige Auffsussung als die gegei n 
wahre*). Somit ist die gesetzmäßige Herau.sstellung de« Allgemeinen 
aus dem einzelnen Erscheinenden prinzipiell die Vcrgegenatändlichung, 
Objektivierung unserer subjektiven Erkenntnisinhalte; und »die Be- 
ziehung der Erscheinung zum Gesetze muß die in aller Erkenntnis 
ursprüngliciie Beziehung auf den Gegenstand erklären«»). Da« 
Gesetz also wird zum erkenntnistheoretischen Kriterium. 

An all diesem ist gewiß richtig, daß der Erkennende die Daten 
seiner äußeren und inneren Erfahrung dem Allgemeinen, dem Gesetze 
unterordnet. Daß er seine Waiirnehmungsinhalte nicht regellos 
aneinanderreiht, sondern in ihnen das (Josctz zu erfassen sucht. 
Daß er demnach eine Gesetzlichkeit in den Gegenständen seiner Em- 
pirie voraussetzt, die ihm das Kriterium dafür wird, Erscheinungen, 
die sich ihr nicht einfügen, der objektiven Realität zu entkleiden. 
Aber nur dafür! Nur als solch ein negatives, eliminatives Kriterium 
wird die antizipierte (iesetzlichkeit auf die Erscheinungen anwendbar: 
positive Ableitung des Individuellen aus dem vorausgesetzten All- 
gemeinen ermöglicht sie nicht. Positives Kriterium der Realität ist 
einzig die Anschauung. Sie gibt ihren jeweiligen Inhalten die subjek- 
tiv unmittelbare Assertion; und diese Assertion besteht zu Rechte, so- 
lange nicht der Wahrnelimungsinhalt einen Widerspruch zu den unab- 
hängig gewonnenen (Je.'^etzen aufweist, der seine Realität in Frage stellt. 

Es ist bekannt, daß E. Marcus*) den Versuch gemacht hat, den 
Kant mißlungenen transzendentalen Beweis der Grundsätze — über 
den noch zu sprechen sein wird — exakt durchzuführen: eine groß- 
artige, aber, wie wir wissen, von Beginn ab aussichtslose Konzeption. 
Marcus Ix'weist indirekt den Satz: die Realitäten stehen unter aus- 
nalimslosen Regeln (nämlich den Analogien der Erfahrung Kants); 
er faßt diese Regeln als »Gesetz der Erhaltung des dynamischen 
Charakters«*) zusammen. Angenommen, dies Gesetz hätte keine 
Gültigkeit in der Xatur, so würde keine Erfahrung (in Kants Sinne) 
möglich sein; das läßt sich a priori einsehen. In der Tat; setzt man 
die Definitionen von Marcus an Stelle seiner Worte, so ergibt sich 
der Satz: »Gesetzt die Realitäten ständen nicht unter ausnahmslcKsen 
Regeln« — so ließen sich keine allgemeinen Regeln über die Realitäten 
.lufstellen*). Dieser Satz (als ein analytischer) ist allerdings a priori 



») a. ». O. S. 273. 

«) a. ». O. S. 25U. 

») a. a. O. S. 259. 

*) Kants RcTolutionsprintip usw. Herford 1902. 

») a. a. O. S. 10. 

•) Nrlflon. S. 469. 



24 Vorbereitende Einführung in die allgcm. erkenntniskritischen Grundlagen. 

einzusehen! Marcus fährt nun fort: »Ergo läßt sich einsehen, daß 
es keine Natur gibt-, die unsere apriorischen Sätze widerlegt. Folg- 
lich werden sie stets bestätigt, oder es wird überhaupt nichts erkannt. 
Diese Einsicht ist der Grund unserer Vorstellung von ihrer Notwendig- 
keit«i). Gewiß; sofern etwas erkannt wird! Diese Prämisse 
liegt implicite als unausgesprochener Untersatz des Syllogismus vor. 
Wird erkannt? D. h. ist es möglich. Aussagen von allgemeiner Gültig- 
keit zu machen? Ja: unter der Voraussetzung der Gültigkeit des 
)5Gesetzes von der Erhaltung des dynamischen Charakters«. Als 
welches aber gerade begründet werden soll! Hier steckt die petitio 
principii der Marcus sehen Argum.entation. 

Meinong2), der die Möglichkeit eines Erkennen?, »das niclit . . . 
zunächst Urteilen wäre «3), nicht anerkennt, bemüht sich um das 
Kriterium der Wahrheit oder Falschheit von Urteilen. Wahrheit 
gewisser Urteile ist ihm verbürgt durch das psychologische Faktum 
der Evidenz ihres Inhaltes. Solch evidente Urteile können nicht 
falsch sein ; es liegt in ihrer Natur, wahr zu sein, wobei als ihre Wahr- 
heit die Tatsächlichkeit des in ihnen Prädizierten, des »Objektivs«, 
definiert wird. Auch hier liegt die durch die erkenntnistheoretische 
Problemstellung heraufbeschworene petitio principii klar zutage. 
Wie will ich erkennen, ob ein Objektiv Tatsache, ein Urteil also wahr 
ist, wenn mir das Objektiv doch eben nur im Urteil erreichbar ist! 
»Man müßte«, sagt Nelson*), »schon wissen, daß das Urteil wahr 
ist, um es mit seinem Objektiv vergleichen zu können.« Es gibt 
ja nun die evidenten Urteile beiMeinong: Evidente Urteile können 
nach ihm nicht falsch sein. Denn das Urteil: evidente Urteile können 
nicht falsch sein — ist ein evidentes Urteil. Aber angenommen, 
dieser merkwürdige letzte Satz gelte, so folgt daraus allein keines- 
wegs, daß ein evidentes Urteil nicht falsch sein kann. Dazu gehört 
noch eine zweite Prämisse; und diese müßte lauten: ein evidentes 
Urteil kann nicht falsch sein. Und das ist gerade das zu beweisende. — 
Hierzu kommt das weniger Belangvolle, daß die willkürliche Stig- 
matisierung der Evidenz als des Kriteriums der Wahrheit eigenartige 
psychologische Folgerungen haben muß — und bei Meinong auch 
hat: z. B. die Evidenzlosigkeit der Träume und Halluzinationen; 
eine Auffassung, die den Tatsachen innerer Erfahrung nicht ent- 
spricht. 

Nelson bespricht sodann das Prinzip aller biologisti sehen Er- 
kenntnistheoretiker, die, fasziniert durch nicht ganz ausgereifte 
Entwicklungshypothesen, in der Vernunft nichts anderes sehen als 
eine Form der Anpassung an das biologische Milieu, in Gesetzen 
nichts als Konvention; die also das Kriterium der Wahrheit von 
Erkeimtnis in dem (biologisch oder sonstwie) Fördernden erblicken. 



1) a. a. 0. S. 26. 

2) Meinong, Über die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens. 1906. 

3) a. a. O. S. 18. 

4) S. 481. 



Krkenutnistheorie otlor Vomunflkrilik? 25 

Was hier die Pragmalisten Avenarius, Macli, Poincare, Jamea, 
Schiller mehr oder weniger versteckt und ausgearbeitet lehren, hat 
Simmel*) auf eine klare Formel gebracht; und wenn diese biologi- 
stische Aljwegigkeit auch für das sonstige Wirken dieses reiclien 
Geistes kaum charakteristisch ist, so tut Nelson doch ganz recht 
daran, gerade an Simmeis sehr klarer und durchsichtiger Argu- 
mentation den prinzipiellen Fehler aufzuweisen. 

Die Formulierung dieses Erkenntnistheorems hat zwei Spielarten. 
Einmal die: Das Wahre ist als solches das Nützliche. Sodann 
die: Das Kriterium des Wahren ist das Nützliche, Gilt der erste 
Satz als angenommen, so heißt dies: es ist nützlich, anzunehmen, 
das Wahre sei das Nützliche; und dies wiederum bedeutet, es ist 
nützlich, anzunehmen, es sei nützlich, anzunehmen, das Wahre sei 
das Nützliche. Und so fort. Es liegt ein Regressus in infinitum vor; 
und der Biologist oder Pragmatist steht vor der unmöglichen Auf- 
gabe, ihn zu Ende zu führen, um einen Wahrheitsbegriff zu erhalten. 

Ganz dasselbe gilt vom zweiten Satze: Ist das Kriterium der 
Wahrheit der Nutzen, so kann dieser Satz nur behauptet werden, 
sofern wir wissen, daß seine Annahme nützlich ist; und der Satz, 
daß es nützlich sei, anzmiehmen, daß das Kriterium des Wahren der 
Nutzen sei, gilt ebenfalls nur unter dem Kriterium als wahr, daß es 
nützlich sei, anzunehmen, das Kriterium des Wahren sei der Nutzen. 
Auch hier ist der Regreß ein unendlicher; seine Aiiflösung unmög- 
lich; folglich der Nutzen als das Kriterium des Walircn unmöglich*). 

Aus diesem Einwände exakt logischer Prüfung lassen alle übrigen 
gegen die Biologisten vorgebrachten Einwürfe sich ableiten. Damit 
ist der Biologismus und Pragmatismus als Erkenntnistheorie wider- 
legt. 

Besonders wichtig aber erscheint mir das, was Nelson gegen den 
glänzencLslen V'ertretcr erkenntnistheoretischer Problenuitik, gegen 
Rickert zu sagen hat. Nach Ricker t^) ist bekanntlich das Prinzip, 
das einer Verbindung von Vorstellungen im Urteil die Assertion, 
den Wahrheitsanspruch zuerteilt, die kategorische Nötigung, diese 
(und nur diese) Vorstellungsverbindung zu vollziehen. In der For- 
derung, das Urteil zu fällen, in diesem Urteilensollen ist das Kri- 
terium der Gültigkeit, Wahriieit, des Erkenntniswertes gegeben. 
»Das ,Seiende' oder die .Wirklichkeit' sind lediglich zusammen 
fassende Namen für das als so oder so seiend Beurteilte**); und 
»Wahrheit ist nichts anderes als die Anerkennung des Sollens*«), 
solches sind grundlegende Thesen Rickcrts. Wenn man daraufhin 
fragt, an welches als existierend zu denkendes Subjekt denn diese 



*) Archiv für syKtonintischc Philosophie. Bd. I. S. 35. 
-) (Jepon Ernst Muchs Lehre vom Gesetz, der Deakökonoraie vergleiche dio 
vorhergihcmli; Arbeits 

3) Der (Jogonstnnd der Erkenntnis. 2. Avifl. liKM. 
*) IV. a. O. S. 120. 
6) a. n. O. S. 118. 



26 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

Forderung ergehe, zu urteilen, da doch die Existenz nach Rickert 
auch nur ein Urteilsprädikat sei, so antwortet er: »an das Bewußt- 
sein überhaupt«; denn dieses sei ein »solches, das von keinem Stand- 
punkt aus Objekt werden kann«i). Und auf die weitere Frage, wie 
er dann aber dies so definierte »Bewußtsein überhaupt« zum Objekt 
einer erkenntnistheoretischen Untersuchung machen könne, belehrt 
er uns, erstens werde ja nicht das Bewußtsein überhaupt, sondern 
nur sein Begriff hier Gegenstand einer Erkenntnis, und zweitens 
habe auch das »Bewußtsein überhaupt« selber keine V/esenheit, 
sondern sei eine begriffliche Abstraktion. Wir würden dann also 
vom Begriffe eines Begriffs reden, und könnten Aussagen über seine 
Sphäre und Merkmale usw. machen. Wenn aber Rickert sagt, 
dieses Bewußtsein sei ein urteilendes, kein bloß vorstellendes Bewußt- 
sein, so sagt er etwas über das »Bewußtsein überhaupt« selber aus, 
und nicht über den Begriff vom »Bewußtsein überhaupt«; das aber 
widerspricht der von Rickert selbst gegebenen Erklärung, das 
»Bewußtsein überhaupt« könne niemals Objekt werden. 

Was bedeutet denn dies: »Wahrheit ist nichts anderes als die 
Anerkennung des Sollens ? « Wenn dieser Satz wahr sein soll, so muß 
er per definitionem besagen: es soll geurteilt werden, Wahrheit sei 
nichts anderes als die Anerkennung des Sollens. Und wenn dies 
»es soll geurteilt werden « Anspruch auf Gültigkeit besitzt, so beruht 
das nach Rickert darauf, daß geurteilt werden soll, es solle ge- 
urteilt werden, Wahrheit sei nichts anderes als die Anerkennung 
des Sollens. Und so fort in unendlichem Regreß. Denn nach Rik- 
kerts eigener Lehre besteht die Wahrheit jedes Urteils darin, daß es 
gefordert ist; und in dieser Definition kommt der zu erklärende 
Begriff versteckt selbst wieder vor. 

Man könnte nun — und Lippss) hat das getan — annehmen, 
die Wahrheit eines Urteils finde in der Forderung, es zu fällen, nicht 
ihre Bedeutung, sondern nur ihr Kennzeichen. Aber auch diese 
gemäßigtere Fassung des Erkenntnistheorems vermeidet den Kar- 
dinalfehler nicht. Woher weiß Lipps, daß das Kriterium der Wahr- 
heit eines Urteils in der Forderung besteht, es zu fällen? Weil die 
Forderung besteht, zu urteilen, das Kriterium der Wahrheit eines 
Urteils bestehe in der Forderung, es zu fällen. Und das Urteil, daß 
diese Forderung besteht, ist nur insofern Erkenntnis, als die For- 
derung besteht, zu urteilen, es bestehe die Forderung, zu urteilen, 
das Kriterium der Wahrheit eines Urteils bestehe in der Forderung, 
es zu fällen. Auch hier eine unvollendbare Reihe! 

Gewiß ist Erkenntnis im Urteile nur dadurch möglich, daß wir 
die uns verliehene Willkür der Vorstellungsverbindung ausschalten 
wollen, daß wir erkennen wollen. Es ist klar, daß das Wissen um 
diese Abhängigkeit des Urteilens vom Willen eine psychologisch - 



1) a. a. 0. S. 45. 

2) Psychologische Untersuchungen. Bd. I. Heft 1. 1905. 



EriMOntninUieorie oder VemunftkritikT 27 

empiriBche Krkenntnia ImI. l'^sycin>l^)gI^( im- Kmpiric /«if^t un.s .ikxrr 
zugleich, <lali es aiich KrkenntniHHC gibt, die nicht L'rleilr liud, z. B. 
die Hiiitiliciieii Waliriicliinungeii, die alhu nicht willkürlich und keine 
niittelbaro assertorische Verbindung von Hchon vorher gebildeten 
VorMtcUungen Hind. Sondern sie »ind unmittelbare V'onitcllungen 
mit elxjnso unmittelbarer Assertion, die keineswegs von den V^or- 
Btellungen isoliert ist und erst z\i ihnen hitizutritt. Wenn also mein 
Wuhrheitswille mich nötigt, ein Urteil zu fällen und ihm die -\s«ertion 
zu gel>en, so tut er das, weil dann in diesem Urteil gerade diejenige 
Voi-stellungaverbindung vorliegt, die mir unmittelbar assertorisch 
war. In der Urteilserkenntnis wird demnach mittelbar meine un- 
mittelbare Erkenntnis reflektiert. Daß ich ein Urteil fälle, dazu 
mag ein Wahrheitswille, ein Sollen mich iK'wegen; wie es ausfällt, 
wofern es wahr ist, das l>edingt ausschlieülich der Inhalt meiner 
unmittelbaren Erkenntnis, der seinerseits von meinem Willen un- 
abhängig ist. 

ir. 

Bedeutet nun aber, so fragt Nelson im zweiten Teile seines 
Werkes, die Ablehnung der erkenntnistheoretischen Fragestellung 
nicht »die Proklamierung des offenbaren Dogmatismus?«*) So 
scheint es. Erkenntnistheorie fordert nach dem Satze des Grundes 
die Begründung aller Erkenntnis. Und wir sahen, daß diese Be- 
gründung auf einen un vollendbaren Regreß führt, in jeder Form 
immer wieder führen muß, — an dem die Erkenntnistheorie scheitert. 
Sollte nun also nichts übrig bleiben, als daß nach wie vor dogmatische 
Sjxkulation Erkenntnis zu erreichen suciit ? 

Beide Seiten der Alternative zwischen Erkenntnistheorie und 
Dogma halxMi die gemeinsame falsche Voraussetzung, Erkenntnis 
und Urteil seien identisch. Die Erkenntnistheorie nun wendet den 
Satz vom Grunde infolge dieser falschen Voraussetzung über die 
Urteile hinaus auf die Erkenntnis üWrhaupt an; und so bleibt zuletzt 
lediglich der vage V^ersuch der Begründung der Erkenntnis durch ihren 
Gegenstand übrig. 

Aus dieser Alternative befreit uns eines: die Unterscheidung 
von Vernunft und Keflcxion. Alle Reflexion, alles Urteilen 
wiederholt lediglich eine unmittelbare Erkenntnis; und in ihr 
liegt da« Kriterium des Richtigen und Falschen an unseren Urteilen. 
Auf sie also muß von allen Urteilen zurückgegangen werden; selber 
alK«r ist sie nicht (etwa durch Bt>ziehung auf ihren Gegei\stand) bo- 
gründbar oder hinsichtlich ihrer Geltung verdäclitig: denn Ik'gründung 
sowohl als Zweifel sind .selU^r erst möglich auf ihrer Grundlage, unter 
der Voraussetzung ihrer (Jültigkeit. 

HaiHMi wir dies klar erkannt, so erwächst die Aufgabe, in dieser 
Weise die Metophj-sik zu begründen; die synthetischen Urteile 

») S. 521. 



28 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntuiskritißchen Grundlagen. 

a priori durch bloße Begriffe auf die Grundsätze zurückzuführen und 
deren Rechtsnachweis durch die Aufweisung ihi-es Ursprungs in der 
ixnmittelbaren Erkenntnis der reinen Vernunft zu erbringen. Dieses 
Problem, diese Kritik der reinen Vernunft, führte Kant der Lösung 
entgegen. 

Welche Modalität hat nun diese kritische Begründung der Er- 
kenntnis? Die ursprüngliche Dunkelheit, Außerbewußtheit unserer 
unmittelbaren Erkenntnis ist die Ursache dafür, daß es uns nicht 
gegeben ist, metaphysische Grundurteile durch direkte Vergleichung 
mit ihr auf ihren Rechtsanspruch zu prüfen, wie dies der Mathematiker 
durch Demonstration seiner Sätze in der reinen Anschauung vermag. 
Vielmehr muß die unmittelbare Vernunfterkenntnis erst zum Gegen - 
stände einer Untersuchung gemacht werden; und dies geschieht eben 
dadurch, daß wir ihr Vorhandensein, ihre Gegebenheit als Tatsache 
der inneren Erfahrung aufweisen. 

Der inneren Erfahrung. Hier lag für die Kritiker J, F. Fries' 
und seiner Schule stets der schwerste Stein des Anstoßes. »Was 
a priori ist, kann nicht a posteriori erkannt werden«, so lautete schon 
Kuno Fischers Anathemai). Daran ist so viel richtig, daß der 
Grund von Erkenntnissen a priori nur wieder in Erkenntnissen 
a priori liegen kann. Das jedoch ist ebenso gewiß ein pures Dogma: 
daß die Methode der Zurückführung auf diesen apriorischen 
Grund — den sie also gar nicht enthält, sondern dessen Existenz 
sie nachweist — ihrerseits auch apriorisch sein müsse. Man kann 
das Willkürliche dieser Annahme gar nicht scharf genug hervorheben. 

Für die Erkenntnistheorie liegen diese Dinge freilich anders. Sie 
muß den Grund aller Erkenntnis nicht aufweisen, sondern 
enthalten; er ist nicht ihr Gegenstand, sondern ihr Inhalt. 
Sie also ist von gleicher Modalität wie die Erkenntnis, deren Grund 
sie zum Inhalt hat. Setzt man an Stelle der Kritik also die Erkennt- 
nistheorie ein, so muß diese Problemstellung zum Transzenden- 
talismus führen. Umgekehrt schließt der Psychologismus aus 
der Tatsache, daß erkenntniskritische Begründung nur durch innere 
Erfahrung möglich ist, darauf, daß der Grund aller Erkenntnis in 
der inneren Erfahrung liege. Beide Schlüsse, der des Transzenden- 
talismus und der des Psychologismus, sind falsch; und der Fehler 
steckt in der Fassung des Begriffes der Erkenntnistheorie. 

Die Vernunftkritik bringt diese Antinomie beider Richtungen 
zur Auflösung: indem sie den Grund aller Erkenntnis als 
transzendent, die Begründung metaphysischer Urteile 
aber als ein psychologisch empirisches Verfahren statuiert. 

Natürlich legen sich auch die Erkenntnistheoi'etiker die Frage 
vor, von welcher Modalität die Methode der Erkenntnisbegründung 
sei. Aber hier wird fast nie scharf zwischen Grund und Begründung 
geschieden; es Vikariieren dafür verschwommene Termini, die an- 



1) Die beiden kantischen Schulen in Jena. S. 18. 



KrkcnntniBt'i. nunfikriiik? 59 

«chttulicluMi Analof^ien entlehnt mikI iumI clcmii hhIi Ix-iii«- B ^rmi'- 
beiordnen hi.sHen (»Wurzel«: N'atorp; »Urhoclen«: Frege; »Hf-imata- 
ort«: HusHcrl). Hert-chtigt n^l tltr Kiiiwand ganz gewiU. den Frego 
und besonders Hu.sMerl luachen: dali der (Jrund der Logik nicht in 
der Psychologie liege; daO unmöglich ».Sütze, welche »ich auf die 
bloDo Form bezichen, crHchlossen werden nollen au« Sätzen einen 
ganz heterogenen (lehalts«»). Berechtigt: denn im »ErHchlieOen« 
liegt die Hyposta^ierung dieses pHychologi.sehen V'erfahreiLs als einer 
Beweisart; und im Beweise muß modalisclie Gleichheit von Prä- 
miBson und Konklusion gefordert werden. Aljor eben um den Beweis 
der Grundsätze handelt es nich in der Kritik gar niclit, sondern um 
ihre Deduktion; und diese enthält, wie wir schon sahen, den f Jrund 
der Grundsätze nicht. 

Bei Husserl ist übrigens die antipsychologistische Tendenz, die 
er in die Kritik hineinträgt, deshalb nicht ohne Eigenart, weil er eine 
deskriptive Phänomenologie des Erkcnntnia- und Denkerlebens aU 
Vorarbeit und Fundament ierung logischer »Statuiertingen selber er- 
heischt. Es steht doch außer allem Zweifel, daß die Inhalte solcher 
phänomenologischer Vorarbeiten der inneren Erfahrung entnommen 
werden müssen, also guter Bestand der Psychologie sind. Die Not- 
wendigkeit einer psychologischen Begründung der rationalen Er- 
kenntnis scheint sich hier gerade dem, der Husserls Gedankengange 
und seinen meisterhaften, für die Forschung richtunggebend ge- 
wordenen EinzeluntcrHuchungcn folgt, überwältigend aufzudrängen. 
Indes Husserl scheint hier einen Sprung zu machen und. um das 
Gebiet phänomenologischer Deskription des empirischen Charakters 
zu entkleiden, eine »kategorialo Anschauung«*) einzusetzen. Offen- 
bar unter der dogmatischen Voraussetzung, alle unmittelbare Er- 
kenntnis sei Ansciiauung. Wozu bedürfte es dann aber ül>erhaupt 
noch der Reflexion? An anderer Stelle sagt er ülx'rdies ausdrücklich, 
daß die innere Wahrnehmung eine sinnliche sei und daß ihre Mo- 
dalität zu der ihrer möglichen Gegenstände in keinerlei Beziehung 
stünde. 

Also ist der Antipsychologist Husserl auf dem gleichen Wege 
psychologischer Kritik wie wir. Und doch verwirft er die psycho- 
logische Tlioorcmbildung, aus der die Deduktionen der Grundsätze 
zu erfol^'eii haln'n. Mit Unrecht scheint uns. 

Endlich werden von Nelson die erkennt ni-^kritischen Ausfüll- 
rungen Lipps' ausführlich geprüft. Lipps») kommt der Lösung 
des Problems der kritischen Methode ziemlich nahe, aber auf einem 
gewundenen Wege, der ihn plötzlich in einen falschen Psychologismua 
hineingleiten läßt. Er fordert eine »Grundwissenschaft«, die »aus 

») Husserl. I>ipiiKho l'ntorsuchunn.n. IIKX). Bd. I. S. 166. 

•) n. n, O. Hd. II. S. 616. Vgl. hioriibor die apütort^n AbhAndluogon dieae« 
Bacho.H. 

s) Inhalt und Grgonstand. Psychologie und Ix>gik. Vgl xo Lippt L^bre 
die späteren Arbeiten des Buches. 



30 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

allem Erkennen das Apriorische herauslöst «i). Diese Wissenschaft 
hätte also das Apriorische, das, »was alle Erkenntnis erst zur Er- 
kenntnis macht«, den Grund aller Erkenntnis zum Gegenstande. 
Lipps nennt diese Wissenschaft aber die »reine« oder »erste« oder 
»Grundwissenschaft« in der Annahme, daß sie den Grund aller Er- 
kenntnis enthalte, zum Inhalte habe. Das ist falsch. Und da 
Lipps bei dieser Grundwissenschaft, ausgehend »vom individuellen 
Bewußtsein« (also von psychologischen Tatbeständen) »zum reinen 
Bewußtsein«, zu »metaphysischen Folgerungen« gelangt, tritt er in 
den psychologistischen Irrtum ein. 

III. 

Weitaus das Tiefste und Wertvollste gibt Nelson im dritten 
Teile seines Werkes, den er »die Geschichte der Erkenntnistheorie« 
überschreibt. Ungelöst ist ja heutigen Tages noch das historische 
Problem: Worin liegt der Grund dafür, daß Kants unsagbar tiefe 
Durchführung des vernunftkritischen Gedankens, der die Metaphysik 
von aller spekulativen Dogmatik zu befreien, sie zu konsolidierter 
Wissenschaft zu erheben berufen war, — daß Kants Werk erst 
eigentlich in die Arbeit seiner Weiterbildner jene klaffenden Diver- 
genzen hineintrug, aus denen wir heute noch nicht hinauskommen 
können ? 

Die Antwort auf dieses Problem wird nur aus kritischer Betrach- 
tung der Kant sehen Lehre abzuleiten sein. 

Kant lehrte den transzendentalen Idealismus; die Unmöglichkeit 
positiver Erkenntnis von Dingen an sich. Seine Begründung war 
einmal die Auflösung der Antinomien. Ihm selber dünkte sie 
die weniger belangreiche Begründung; wir freilich haben in ihr mit 
Nelson, der sie in extenso nachprüft, die eigentliche und echte Be- 
gründung des transzendentalen Idealismus zu würdigen. Daneben 
steht, stets von Kant auf das klarste herausgehoben, der formale 
Idealismus. Aller Erfahrungserkenntnis liegen Erkenntnisse 
a priori als ihre Form, d. h. als Bedingung ihrer Möglichkeit, zu- 
grunde. Von den Dingen aber erkennen wir a priori nur, was wir 
selber in sie hineinlegen 2), Daher können die Gegenstände aller Er- 
fahrungserkenntnis keine Dinge an sich sein. 

Es wird hier etwas über das Verhältnis der Erkenntnis zum Gegen- 
stande ausgemacht. Nach Kant kann eine notwendige Überein- 
stimmung von Erkenntnis und Gegenstand nur unter einer von folgen- 
den beiden möglichen Bedingungen stattfinden: »Entweder wenn 
der Gegenstand die Vorstellung, oder diese den Gegenstand allein 
möglich macht «3). Diese Theorie des Verhältnisses von Erkenntnis 
und Gegenstand hat wiederum Obersätze; nämlich erstens den, 



1) a. a. 0. S. 557. 

2) Kr. d. r. V. Vorrede zur 2. Auflage. 

3) Kr. d. r. V. § 14. 



KrkfnntriiMtlieorje oder Vomundkritik ? 'M 

«laß zwiricIuMi KrkeniitiiiH und GfgonHtaiuJ ein kauMaii-. Vfiiiuiiuj« 
Vorliegt; und zweiten« den, daU dieser Kaunalnexiih ein unmittel- 
barer ist — so dal) etwa eine präntabilierte Harmonie von vornherein 
auHge.schaltet wäre. Wovon noch zu sprechen sein wird. Ferner 
sind VorauHHct Zungen über das 2^it Verhältnis nötig, um für dio ver- 
schiedenen Erkenntnisarten zu entscheiden, welche der genannten 
IJcdingungen für sie vorliegt . iK^nn da.s Kriterium der Anwetidbarkeit 
{ >h*sclieina «) der Kategorie der Kausalität ist das Zeit Verhältnis. Aus 
dem allgemeinen Verhältnis der Sinnlichkeit zum Verstände ') nimmt 
Kant ab, das Wesen sinnlicher Erkenntnis liege in der Kczeptivität, 
im pa.ssiven Affiziertwerden von CJcgenständen. Erkenntnis a poste- 
riori sei demnach »eine Erkenntnis, ho wie sie unmittelbar von der 
Gegenwart des (Jegenstandes abliängcn würde«*). Erkenntnis a priori 
dagegen gehe vor dem (Jegenstando selbst vorher. 

Diese Prämis-sen sind synthetische Urteile: keine logisch-analy- 
iische Notwendigkeit stützt sie. iSie sind apriorisch: denn sie sollen 
allgemein und mit Notwendigkeit gelten. Sie sind nicht anschaulich. 
\lso sind es echte metaphysische Urteile. 

Metaphysische Urteile müssen Ix^gründet werden. Allein nirgends 
hat Kant in der Tafel der Grundsätze des reinen Verstandes den 
Grund dieser vier Sätze gezeigt. Und es ist schlechterdings un- 
möglich, sie von hier abzuleiten. Sie sind unbegründbar; Dogmen. 
Weiter: sie enthalten Aussagen ülx?r das Verhältnis der Dinge an sich 
/.u unserer Erkenntnis. Die Möglichkeit einer solchen Au.ssage aber 
widerspricht Kants eigenen Nachweisungen, widerspricht dem (Grund- 
gehalte des formalen Idealismus selbst. Denn schon die Aussage: 
die Dinge an sich sind a priori unerkennbar — schon die Zulassung 
dieser .\ussage widerspricht ihrem Inhalte: sind die Dinge an sich 
a priori unerkennbar, so ist auch kein Wissen um diese Unerkenn- 
barkeit möglich. Die Behauptung dieses Wissens bildet zu seinem 
Inhalt einen Widerspruch. Jede einzelne der vier Prämissen des 
formalen Idealismus steht in Widerspruch mit dem formalen Idealis- 
mus selbst. Damit entfällt der formale Idealismus. 

Kant kam zu seiner Disjunktion, daß entweder die Erkenntnis 
den Gegenstand oder dieser die Erkenntnis möglich mache, auf Cirund 
folgender Überlegung : Er legte sich die Frage vor, wie die notwendige 
t^bereinstimmung der Erfahrung mit den Begriffen ihrer Gegenstände 
möglich sei '). Und antwortete: Entweder ermöglicht die Erfahrung 
die.'ie 1^'griffe; oder umgekehrt, diese Begriffe ermöglichen die Er- 
fahrung. I>etzteres ist al)er der Fall bei den K ■ m; denn diese, 
Begriffe a priori, enthalten ja den Grund der "' keit aller Er- 
fahrung ül)erhaupt. 

Die.se Feststellung ist ganz richtig; und eine der denkerischen 
Großtaten Kants. Aber sie l)csagt lediglich etwas über das Vcr- 

>) Kr. d. r. \*. Tmnftzondcntalc Logik. Einleitung I. 

«) Prologomen«. $ 8. 

») Kr. d. r. V. 2. Auinjnl>c. $ 27. 



32 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

hältnis der apriorischen Erkenntnis zur Erfahrung, und absolut 
nichts über das Verhältnis der apriorischen Erkenntnis zu ihrem 
Gegenstande. Kant hat das tatsächlich verwechselt, und zwar an 
mehreren Stellen^), wie Nelson sehr klar erläutert. 

Nun hat überdies Kant selbst erkannt, daß seine vielbesprochene 
Disjunktion der möglichen Beziehungen zwischen Erkenntnis und 
Gegenstand unvollständig war; daß noch ein dritter Weg offen bleibt: 
die Hypostasierung einer prästabilierten Harmonie; so etwa, als 
wenn unsere subjektive geistige Anlage derart organisiert wäre, »daß 
ihr Gebrauch mit den Gesetzen der Natur, an welchen die Erfahrung 
fortläuft, genau stimmte« (»Präformationssystem der reinen Ver- 
nunft«). Trendelenburgs Einwurf, Kant habe in seiner Dis- 
junktion die Möglichkeit dieser Annahme übersehen, stimmt also 
nicht; wie schon Kuno Fischer ihm nachwies. 

Kant lehnt allerdings das Präformationssystem ab. Einerseits 
aus dem teleologischen Gesichtspunkt, daß eine solche »Voraus- 
setzung vor bestimmter Anlagen zu künftigen Urteilen« es bei allen 
unseren Urteilen im Vagen lasse, »was der Geist der Wahrheit oder 
der Vater der Lügen uns eingeflößt habe«; daß also bei ihr ein Kri- 
terium des Wahren und Falschen an unserem Urteilen fehle. Das 
ist richtig; indes ist die Präformation an sich noch nicht widerlegt. — 
Ferner führt Kant gegen das Präformationssystem an, daß mit der 
Annahme desselben den Kategorien die Notwendigkeit ihrer Geltung 
abhanden kommen würde; wenn z. B. die Kategorien der E-elation 
nur auf eine »uns eingepflanzte« subjektive Notwendigkeit, gewisse 
empirische Daten in bestimmten Verhältnissen verbunden zu denken, 
zurückgeführt würden. »Ich würde nicht sagen können: die Wir- 
kung ist mit der Ursache im Objekte (d. i. notwendig) verbunden, 
sondern ich bin nur so eingerichtet, daß ich diese Vorstellung nicht 
anders als so verknüpft denken kann. « Das stimmt aber nicht. 
Wenn ich »so eingerichtet« bin, denken zu müssen: A ist B, so denke 
ich eben: A ist B: und nicht: ich sei nur so eingerichtet, denken 
zu müssen, A sei B. Überdies setzt ja die Präformation voraus, daß 
tatsächlich unser Denken mit den Abläufen der Natur in prästabi- 
iierter Übereinstimmung steht. Kants Argument entfällt demnach. 
Außerdem aber enthält das Wissen um die Art, wie ich eingerichtet 
bin, ebenfalls Anspruch auf objektive Gültigkeit. Kant müßte 
folgerecht sagen: Ich bin nur so eingerichtet, denken zu müssen, 
ich sei nur so eingerichtet, denken zu müssen usw. — und der be- 
kannte unendliche Regreß tauchte wieder auf. 

Zugegeben sei das: die subjektive Notwendigkeit, ein Sachver- 
hältnis zu denken, erlaubt noch nicht den Schluß auf die objektive 
Notwendigkeit dieses Sachverhältnisses. Beim Präformationssystem 
lägen die Dinge dann so: den kategorischen Grundformen würde die 
analytische, logische Notwendigkeit in der Tat fehlen. Ihre objektive 



1) z. B. Proleg. § 36. 



Er; Vernunft Lritik? 33 

(lüitigkcit wäre Io^imh /.uijiiii^r. MetaphvHiMclif .\im wc-ndigkeit al>cr 
hrauchto ihnen durcliauH nicht zu fehlen. Diene würde allerdings 
nicht im lleweiswege (id chI logi»ch). sondern unmittelbar auf- 
gewiesen werden müssen. 

Das prinzipiell Entscheidende in der Beurteilung der Präforma- 
tionslehre liegt in folgender Erörterung: Eine jede P]rkenntni"theorie 
muli, um möglich zu sein, auf der Voraussetzung fußen, dali unserer 
Erkenntnis (wenigstens zum Teile) transzendrritnle Wahrheit inne- 
wohnt. Auch der formale Idealismus. Mit welchem Rechte spricht 
denn Kant den formalen Bedingungen der Erfahrung transzendentale 
l^«alitiit ab? Er muli für die erkenntnistheoretischen Olx?r»ätze 
dieses Urteils transzendentale Wahrheit beanspruchen. Wofern wir 
also die transzendentale Walirheit eines erkenntnistheoreti-schen 
Urteils als Präformat ion.ssystem bezeichnen, hat dieser Ausspruch 
Kants das Präformationssystem zur Grundlage. Die Bestreitung 
des Präformat ionssystems schlielJt also einen Widerspruch ein. 

Sorgfältig von dieser Fassung des Präformationssystems zu unter- 
scheiden ist freilich der Versuch, die Präformat ion auf einer theo- 
logischen Basis aufzurichten. Hier hat Kant in der prachtvollen 
H.-iefstelle (an Marcus Herz) wider Crusius und den Deus ex 
maciiiiia ganz recht. Denn wolier sollten wir von dem Geiste, der uns 
die Regeln unseres Urteilens einpflanzte, Erkenntnis erlangen, wenn 
nicht vermöge der Regeln unseres Urteilens? Deren Wahrheits- 
ansprüche doch gerade erst durch die Annahme der uns vom Geiste 
verliehenen Erkenntnismöglichkeit begründet werden sollen! Hier 
liegt (>in Zirkelschluß vor. 

Also: wenn Kant auch mit Recht diese zweite Form der Präfor- 
mation »das Ungereimteste, was man nur wählen kann« nennt — 
s(l hat er die erste Form der Präformat ion damit durchaus noch 
nicht abgetan; im Gegenteil: der Erkenntnistheorotiker wird 
sie iniplicile immer vorau.ssetzen müssen. 

Wir hatten als Voraussetzungen des formalen Idealismus gefunden : 
das V^erhältnis der Erkenntnis zum Gegenstaude ist ein kausales, und 
zwar ein unmittelbar kausales. Was aber causa im einzelnen Falle 
ist — ob Erkenntnis, ob Gegenstand — , wird durch das Zeitverhältnis 
dessen bestimmt, was von beiden dem anderen »vorhergeht«. Bei 
<liT Erkenntnis a priori geht die Erkenntnis dem Gegenstand vorher. 
Was bedeutet dies nun? Einmal ist unter »Gegenstand« ganz offen- 
bar der Wahrnehmungsgehalt, das empirische Material verstanden. 
Dann hat der Satz den Siim: Erkenntnisse a priori sind unabhängig 
von der FIrfahrung. Gegensfand einer Erkenntnis katui aln^r in weite- 
rem Sinne jedi-s Vorgestellte, jedi'S Subjekt, von dem etwas prädi- 
ziert wird, heißen. Für apriorische Erkenntnis wäre der CJegenstand 
danach »mter Umständen ein Allgemeines, eine bloßo Fonn, ein 
Gesetz. In diesem Falle aber wäre Kants Satz vom Zeit verhält ni.«« 
falsch; auch jede Erkenntnis a priori hätte ihren Gegenstand un- 
mittelbar l>ei sich. 

Kr>)nfi-lil, r^VifiUlrU.-lir Krkrr.iittiu 3 



34 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

Versteht man unter Gegenstand empirische Gegebenheit, so hat 
Kants große Frage: wie es möglich sei, Gegenstände a priori zu er- 
kennen — mit Recht die Lösung erfahren: weil jeder Gegenstand 
(der Erfahrung) seiner Form nach durch die a priori erkannten Ge- 
setze erst möglich wird. Was wir a priori erkennen, ist also die Form 
der Erfahrungsgegenstände. Diese Form aber ist ihrerseits Gegen- 
stand der apriorischen Erkenntnis — Gegenstand in seiner zweiten 
Wortbedeutung ! 

Diese beiden Bedeutungen sondert aber Kant nicht scharf von- 
einander ab; so kommt er zu seiner Erkenntnistheorie. Er fragt 
(bei der Auf Weisung der reinen Anschauung als Grund der Möglich- 
keit der Mathematik): »Wie ist es möglich, etwas a priori anzu- 
schauen? Anschauung ist eine Vorstellung, so wie sie unmittelbar 
von der Gegenwart des Gegenstandes abhängen würde. Allein wie 
kann Anschauung des Gegenstandes vor dem Gegenstande selbst 
vorhergehen?« Die Verwechslung ist hier ganz durchsichtig. Dem 
»Gegenstande«, sofern er empirische Gegebenheit bedeutet, geht die 
reine Anschauung tatsächlich vorher. Bezeichnet man indes mit 
»Gegenstand« einer Erkenntnis das in ihr Erkannte, so hat auch 
die rein anschauliche Erkenntnis ihren Gegenstand unmittelbar bei 
sich; und die Hindernisse sind aus dem Wege; — die Prämisse vom 
Zeitverhältnis zwischen Erkenntnis und Gegenstand fällt freilich 
damit. 

Wir kommen zum Schluß: Der formale Idealismus ist hinfällig, 
verfehlt, und als Begründung des transzendentalen nicht zu ge- 
brauchen. — — — 

Ein zweites wichtiges Abirren der Kant sehen Arbeit, das für 
die Erkenntnistheorie folgenschwer ward, ist sein transzendentaler 
Beweis der Grundsätze. Die prinzipielle Unmöglichkeit des trans- 
zendentalen Beweises überhaupt wurde bereits im ersten Teile dar- 
getan. Wie führt nun Kant dies Unmögliche durch? 

Schicken wir zum Verständnis voraus: Kant faßt nur zu häufig 
noch in aristotelischer Tradition die Trennung der Logik — als der 
apriorischen Erkenntnis in analytischen Urteilen — und der Em- 
pirie — als der aposteriorischen Erkenntnis in synthetischen Ur- 
teilen — als eine richtige und vollständige Disjunktion auf. Wenn- 
gleich er die synthetischen Urteile a priori als erster herausgestellt 
und einem Teile von ihnen, den mathematischen, den Grund auf- 
gezeigt hat, so hat er das gleiche bei den synthetischen Urteilen 
a priori durch bloße Begriffe noch keineswegs mit Klarheit erreicht. 
Die Möglichkeit dieser synthetischen Urteile a priori soll begründet 
werden; das ist sein Problem. Nun hat der Begriff der »Möglichkeit« 
einen doppelten Sinn. Einmal den objektiven der Gültigkeit. Dann 
den subjektiven des psychologischen Ursprungs (wovon außerdem 
noch das genetische Problem der »physiologischen Ableitung« Kants 
sorgfältig zu unterscheiden ist). Zunächst handelt es sich für Kant 
um die erste Bedeutung; die objektive Möglichkeit. Auf Grund der 



Erk „. ... -j ; Veniunftkritik? 30 

««x'lxMi voriiuHgeHclucklt'M Animlime d»?r überkoinmem*n lJi>jurjktion 
ist dnH Kiiti'riuin di-r Ciültigkeil «yiithftLsciuT Urlcilo entweder Kni- 
pirie oder Logik. Würo es Empirie, duim küiinto e« keine synthe- 
tischen Urteile u priori von objektiver (Jültigkeit gelxjn. Bleibt 
uImo die Logik. Der )x*rühmte Beweis wird folgendermaßen geführt: 
Innerhalb der Erfahriingserkenntni.s ist un« eine Scheidung zwiHchen 
Wuhrluit und Stliein nio^Iicl;. Die Kriterien für diese Scheidung 
liefern uns die synthetischen Urteile a priori als Prinzipien dt-r .Mög- 
lichkeit der Erfahrung. Durch diese Prinzipien allein kann der Begriff 
der wissenschaftlichen Wahrheit definiert werden. »Erkenntnis & 
priori hat nur dadurch Wahrheit, daß sie nichts weiter enthält, als 
was zur synthetischen Einheit der Erfahrung überhaupt notwendig 
ist «•)• »Die Möglichkeit der Erfahrung ist also das, was allen unseren 
Erkenntnissen a priori objektive Kcalität gibt«*). 

Was wir schon prinzipiell festgestellt haben, wenden wir als Kri- 
terium der Stichhaltigkeit an diesen Beweis. Die apriorischen Grund- 
>ätze sind möglich auf Grund der Wirklichkeit der Erfahrung; die 
Erfahrung; aber ist ja selbst nur möglich unter Voraussetzung der 
Objektivität der apriorischen Grundsätze! Ein Zirkel. 

Wie wir diesen »Beweis« auch fassen mögen: nie erreichen wir 
mehr als den rein analytischen Satz, daß gewisse Prinzipien auf 
«•inem Gebiete gelten, das durch diese Prinzipien gerade definiert wird. 

Wenn die metapliysi.schen Grundsätze den Grund der Möglichkeit 
der Erfahrung enthalten, so kann nicht die Mögliciikeit der Erfahrung 
den Grund der metapiiysischen Grundsätze enthalten. Das ist klar. 
Einen Grund aber müssen diese synthetischen Grundsätze doch 
haben; und ihn zu finden ist auch Kants Bemühen*). Nelson 
hatte, im zweiten Teile seines Buches, diesen Grund schon aufgedeckt : 
es war die nichtanschauliche unmittelbare Erkenntnis der reinen 
Vernunft. Kant war es nicht gelungen, sie zu finden; denn ihm galt 
die dogmatisclie Disjunktion der Erkenntnis in Anschauung und 
Urteil; und so mußte er, da er die metaphysische Erkenntnis als 
nichtanschaulich erkannt hatte, sie auf Reflexion zu gründen suchen. 
So kam er zum transzendentalen Beweise. 

.\n dessen Stelle rückt nunmehr, als eigentliches Problem der 
Vernunftkritik, die Deduktion der Grundsätze aus dieser unmittel- 
baren Erkenntnis im subjektiv psychologischen Wege. Auch Kant 
kannte wohl die Aufgabe einer »subjektiven IX^duktion«*); aber er 
erteilte ihr nur eine präparalorische Nebenfunktion. Er nahm viel- 
mehr nii. die Kritik haln» die Aufgabe, die metaphv'sischen Grund- 
>iit/c zu Ix'weisen; sie enthalte also deren CJrund — was bei der De- 
duktion tatsächlich nicht der Fall ist — und sei also hinsichtlich 
ihrer Modalität gleichartig den durch sie begründeten metaph^'sischeu 

») Kr. d. r. V. (ReoUm.) 8. IM. 

•) Kbetid«. 8.222. 

*) Ebond«. 8. 238 and {mm. 

*) Kr. d. r. V. S. 113f. 



36 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

Sätzen. Er zog Kritik und Metaphysik zusammen unter den Ober- 
begriff der transzendentalen Logik; jener Wissenschaft, die erstens 
die apriorischen Vernunfterkenntnisse synthetischer Art enthält 
(Metaphysik) und zweitens ihren Ursprung bestimmt (Kritik)'). 
Es wird demnach die Kritik an die Spitze des Systems der Vernunft- 
erkenntnis gestellt; und daraus resultieren nun zwei Möglichkeiten: 
Einerseits nämlich wissen wir prinzipiell und können jederzeit 
faktisch aufweisen, daß die Sätze der Kritik auf innerer Erfahrung 
fußen; also erkennen wir in Kants Fassung der transzendentalen 
Logik den drohenden Fehler psychologischer Ableitung des Systems 
der Vernunfterkenntnis aus empirischen Obersätzen. 

Andererseits aber sind die Sätze des Systems der metaphysi- 
schen Erkenntnis, wie Kant definitiv feststellte, synthetische Urteile 
a priori aus Begriffen; wenn also die transzendentale Logik Kants 
die logische, syllogistische Ableitung der Sätze des Systems aus denen 
der Kjitik zum Inhalt hat, so müssen die Obersätze dieser logischen 
Ableitung, also die Inhalte der Kritik, ebenfalls synthetische Urteile 
a priori durch Begriffe sein. So verführt die falsche Identifizierung 
der Modalitäten von Kritik und System klar zum »transzenden- 
talistischen Vorurteil« (das oben genauer erörtert wurde). Implicite 
liegt in Kants Fassung des Begriffes der transzendentalen Logik 
bereits die Möglichkeit dieser beiden Fundamentalfehler aller späteren 
Erkenntnistheorie beschlossen; die kritische Errungenschaft stürzt, 
und das Dogma erneut sich. — 

Aus Nelsons »axiomatisierender « Zergliederung der Voraus- 
setzungen, die dem Denkwerke Kants unterlagen, geht hervor, daß 
hinter ihnen allen zuletzt immer der Fehler steht: daß Kant Re- 
flexion und unmittelbare Erkenntnis nicht scharf gesondert hat. 
Was um so bemerkenswerter ist, als Kants größte Entdeckung, die 
der synthetischen Urteile a priori aus bloßen Begriffen, zusammen 
mit dem mathematischen Analogon ihn eigentlich geradezu auf diese 
Unterscheidung hätte führen müssen. Denn steht einmal die Tat- 
sache des Vorkommens synthetischer Urteile a priori aus bloßen Be- 
griffen fest, so muß die Frage nach ihrem Grunde gestellt — und bei 
der Antwort Anschauung und Reflexion in gleicher Weise als dieser 
Grund abgelehnt werden. Und damit hält man dann die 
Lösung in Händen. 

Der Schluß erfolgt mit Deutlichkeit aus drei Prämissen: Erstens 
— wir besitzen metaphysische Urteile. Zweitens: Reflexions- 
erkenntnis ist mitelbar. Oder, was dasselbe ist: Reflexion enthält 
nicht den Grund synthetischer Urteile; ein logisches Kriterium ma- 
terialer Wahrheit ist unmöglichi^. Drittens: Das Bewußtsein um 
die metaphysische Erkenntnis ist nur durch Reflexion möglich (wir 
besitzen keine intellektuelle Anschauung). — Hieraus folgt die Exi- 



1) Ebenda. S. 80. '^ 

2) Kant lehrt dies ganz genau so. Vgl. Kr. d. r. V. S. 81 f. Logik, Einl. VII. 



Krkenii' fikritik? 37 

»teil/, tlci unniittelhartMi unniiiuHchaulichfii KrkenntniH tli-r n-iinMi 
Vernunft ab< (Jjund der niotapliyHi»cht*n Krkennlni«. 

Kttr»t nun Ix^ging die Unkorrekt heit, an der zweiten I'rJirni.iHo, 
wenn er selbst sie aucl» lelirt, nicljt gleichinäliig fetitzulialtcn. Neben 
ihr taucht unausgesprochen immer wieder das traditionelle Dogma 
auf: alle Erkenntnis ist entweder Anschauung oder Reflexion. Hält 
man diese dogmatische Trämissc aufrecht, so muß man eine der drei 
faktischen streichen. Hut weder die erste: dann folgt der Empi- 
rismus. Oder die zweite: dann folgt der logische Dogmatismus. 
Oder die dritte: dann folgt die intellektuelle Anschauung, der In- 
tuitivismus und der Mystizismus. — Oder aber man streicht da« 
Dogma: dann bleibt die Annahme der unmittelbaren Erkenntnis der 
reinen Vernunft übrig (Kritizismus). 

IV. 

Diese vier prinzipiell möglichen Schlü:se — und die auf jedem 
von ihnen jeweils sich aufbauenden Philosopheine — sind nun in 
der Tat auch im historischen Ablauf von den Fortbildnern Kants 
verfociiten und systematisch durchgeführt worden. Der Empirismua 
feierte durch Bcneke, der logische Dogmatismus durch Hegel, 
der Mystizismus durch Schelling seine Auferstehung; Jacob 
Friedrich Fries aber brachte den eigentlichen Kritizismus, wie ihn 
Kant angebahnt hatte zur Vollenduung. Es ist, wo nicht das größte 
Verdienst, so doch die scharfsinnigste Leistung Nelsons, die grund- 
sätzliche Notwendigkeit jenes geschichtlichen Werdens hier aus 
Kants Werk selber abgeleitet zu haben. 

Hierüber ist noch einiges zu sagen. Nelson zergliedert zunächst 
das Werk des Denkers, der, heute hinter größeren Nachfolgern zurück- 
stehend, doch als der eigentliche Schöpfer des metluxlisciien Werkee 
wie des malerialen Fundamentes zu U'trachten ist, auf dem Beneke 
und Ficlite, Schelling und Hegel erst ihre dogmatischen CJe- 
bäude errichten konnten: Karl Leonhard Ueinhold. 

Rc inhold sieht in dem analytischen Regreß das methodische 
Prinzip der Kant sehen Kritik. AIkt die Zergliederung geht ihm 
nicht weit genug. Denn das Prinzij) der .Möglichkeit der Erfahrung, 
aus dem die regressiv gewonnenen metaphysischen Grund-sätze be- 
wiesen werden, bedarf selbst einer weiteren Reduktion auf Oliersätze. 
Als höchstes, letztes Fundament muß ein Prinzip gefunden werden, 
das sowohl die inetaph\'sischen Grundsätze als auch diesen Satz der 
Mögliclikeit der Erfahrung zu Folgesätzen hat; mehr noch: da.s auch 
der praktischen Metaphysik zugrunde liegt, auch den Ober«atz aller 
Logik darstellt. 

Die Wissenschaft von diesem Prinzip, die »Elementarphilosophie«, 
hat auszugehen vom Begriffe der bloßen Vorstellung, den wir au« 
dem Bewußtsein schöpfen. Das Faktum des Bewußtseins muß da« 
Fundament der Elcmentarphilosophio letzthin seinerseits begründen. 



38 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

Und zwar wissen wir durch bloße Reflexion über dieses Faktum: 
»daß die Vorstellung im Bewußtsein durch das Subjekt von Objekt 
und Subjekt unterschieden und auf beide bezogen wird«i) (»Satz 
des Bewußtseins«). 

Nun ist aber nicht abzusehen, wie sich Reinholds Forderung 
eines obersten Grundsatzes für Logik und Metaphysik erfüllen lassen 
sollte. Dieser Grundsatz müßte entweder analytisch oder synthe- 
tisch sein. Allein aus analytischen Grundsätzen folgen nie synthe- 
tische Schlußsätze, und aus synthetischen Sätzen nie analytische! 
Die Einzahl dieses Grundsatzes zwingt ferner zur Erinnerung daran, 
daß zu jedem Syllogismus zwei Prämissen gehören, daß sich also 
aus einem Grundsatz allein gar nichts entwickeln läßt. Sodann 
kann es überhaupt keine höheren Sätze geben, aus denen die meta- 
physischen Grundsätze beweisbar würden. Denn da die zu beweisen- 
den Grundsätze synthetisch sind, müßte es wenigstens eine Prämisse 
auch sein. Diese könnte aber nicht empirisch sein — denn die Kon- 
klusion ist ja metaphysisch — ; metaphysisch aber könnte sie auch 
nicht sein — denn unter den metaphysischen Sätzen sind ja die Grund- 
sätze, die bewiesen werden sollen, die allgemeinsten. Der ganze 
Fundamentierungs versuch ist also falsch. 

Reinhold kam zu ihm offenbar dadurch, daß er den analytischen 
Regreß Kants als die einzige Methode der Kritik wertete. Er über- 
sah dabei, daß durch diese Methode zwar die metaphysischen Grund- 
sätze tatsächlich herausgestellt werden, nie aber über den Grund ihrer 
Gewißheit etwas ausgemacht wird. Gerade das letztere ist aber das 
eigentliche Problem der Kritik. Und diese Auf Weisung des Grundes 
kann im Wege logisch analytischen Regresses nicht geschehen. Sie 
wird, wie Nelson im zweiten Teile seines Buches nachwies, im Wege 
innerer Erfahrung vollzogen. Reinhold selbst will ja etwas ähnliches, 
wenn er die Elementarphilosophie als Wissenschaft von den Merk- 
malen bloßer Vorstellungen statuiert; aber er übersieht die Tatsache, 
daß die Modalität solcher Wissenschaft eine empirische ist. Indem 
er aus den Inhalten dieser Wissenschaft die metaphysischen Grund- 
sätze im Beweisverfahren abzuleiten sucht, vollzieht er also, ohne 
es zu merken, die Introduktion des empiristischen Psycho- 
logismus in das System der Metaphysik (an dessen Spitze ja seine 
ungewollt empirische Elementarphilosophie steht). — Daß Rein- 
hold die Grundsätze aus irgendeinem anderen Prinzip zu beweisen 
versucht, und aus diesem Beweis verfahren Vernunftkritik macht — 
das zeigt, daß bei ihm im letzten Grunde das Kant sehe Vorurteil: 
Erkenntnis sei entweder Anschauung oder Reflexion — weiter- 
bestehen blieb und sogar zum eigentlich treibenden Moment seiner 
Spekulation geworden ist. Das Resultat, das er erzielt — indem er 
von irgendwelchen dogmatischen Prinzipien seiner Elementarphilo- 

1) »Über das Fundament des philosophischen Wissens«. 1791. S. 78. Des- 
gleichen »Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens «. 
S. 258 und pass. 



Krkt'nntniBlhuoho oder Vi-muiiftkhtikT S9 

fiophiü die liihalle der Metuphysik epwyllogiMtiach ableitet — , mt die 
Wiedeniuf rieht ui»g des iogisclion DogmutisinuH auf den Trüm- 
mern verluMHeiier Vernunft kritik. 

Die rixMimlnne von Keinliolds Feliler in ein DcnküyBtein kann 
diesem zwei mögliclie Tendenzen geixjn. Entweder man nimmt an: 
die KlementarphiluHophie int aU der Grund der metaphyHiHcheu Er- 
kerujtnis von gleielier Modalität wie diese, also apriorisch — darau» 
folgt da.s erkennt iiistheoretisehe System, wie ea Fichte in der Wissen- 
Bcliaftslehre aushaut. Oder man bleibt Ix'i den Tatsachen und sagt: 
Wissenschaft vom Vorstellungsvermögen ist empirisch; und daa aus 
ihr Bewiesene muÜ mit ihr modalisch gleichartig sein — dann syste- 
matisiert sich Keinholds Fehler im psychologischen Genetismua 
Bcnekes. Also: als tiefster Ursprungsort der noch lieute sich Ije- 
fehdenden Ix-iden Erkenntnistheoreme, des Transzendentalismus 
und des Psychologismus, liegt in der Historie der nachkantischen 
Pliilosophic hier, bei Keinhold, der Denkfehler vor: daß eine 
Wissenschaft möglich sei, die das konstitutive Funda- 
ment der Philosophie zum Inhalte hat. In dieser mit sorg- 
samer Schürfe herausgearbeiteten Tatsache sehe ich den Schlüssel zur 
(Jesciiichte der nachkantischen Erkenntnislelire; sie erschließt zum 
ersten Male definitives Verständnis des historischen Entstehens 
der erkenntnistheoretischen Diskrepanzen bei den Nachfahren 
Kants. 

Von den zwei möglichen Ausbauten des Reinholdschen Fehlere 
ist der eine der, dali die Apriorität der Elementarphilosophie be- 
hauptet wird. Hier systematisiert sich das »transzendentale Vor- 
urteil«, wie es Fries treffend nennt; man sieht die Bahn, die Fichte 
beschritt. Fichte übernimmt Reinholds Forderimg eines obersten 
Grundsatzes der gesaniten Philosophie, setzt aber den Regreßversuch 
Reinholds noch über dessen Prinzip des Bewußtseins fort. Über 
dem Begriffe der Vorstellung noch stehe der der »Tathandlung«. 
Auf diese aber dürfen die Kategorien noch nicht angewendet werden; 
sie sind ja ein erst Abzuleitendes; es handelt sich also um ein Tun 
ohne Tuendes; jegliche Beziehung auf das Subjekt hat auszuscheiden. 
Dieses Tun ist das »Ich«. Im Ich über fallen Subjekt und Objekt 
zusammen; sie sind »gleich ursprünglich in der Ichheit verbunden«»). 
Aus dem Satze: »Ich = Ich« geht »die ganze Philosophie hervor«; 
aus ihm vernuig die Wissenschaftslehre »allen möglichen Wissen- 
schaften nicht die Form allein, sondern auch den Gehalt zu geben«*». 

Hier also die Forderung echten dogmatischen Ix>gizismus, aus 
einer analyliselien Vergleichungsformel tlas gesamte Wissen ab- 
zuleiten! Dazu kommt, daß Fichte als einziges Begründungs- 
verfahren den Beweis hinstellt ^) und die für den Logizisten ja un- 
vermeidliche Folgerung zieht, willkürlicher Reflexion die letzte 

>) Wirko. B«l. II S. 442. 

«) Wirke. B4l. I. S. m. 

») Kbondn. IW. I. Ü. TfOS. Bd. 11. <!. 253ff. 



40 Vorbereitende Einführung in die ailgem. erkenntniskritisclicn Grundlagen. 

Entscheidung über die Grundsätze des Sytems zu überlassen. Indes 
fühlt er die Undurchführbarkeit seines Weges; ja er erkennt gar 
Reflexion als ein an sich leeres Formalvermögen i). So stößt er doch 
auf ein »unmittelbares Bewußtsein«, eine »Selbstbeobachtung«, mit 
der er die ersten Ausgänge seines Systems begründet, mit der er 
»wahrnimmt«, daß neben freien Vorstellungen auch solche, die vom 
Gefühl der Notwendigkeit begleitet werden, in uns auftreten. (Nach 
dem .Grunde des Systems dieser Vorstellungen fragt er ja.) Und 
immer, wenn Reflexion nicht ausreicht, greift er zu dem, »was sich 
nur innerlich anschauen läßt«, zum »unmittelbaren Bewußtsein« 
zurück. Ist das nicht aber krasser Psychologismus? Fichte beugt 
dem vor: dies »unmittelbare Bewußtsein« ist kein empirisches. Das 
heißt: bei Fichte hat die philosophische Erkenntnis ihr konstitu- 
tives Prinzip in der Selbsterkenntnis; philosophische Erkenntnis ist 
intellektuell (rational), Selbsterkenntnis ist unmittelbar anschaulich. 
Fichte lehrt also die intellektuelle Anschauung. 

Indes zeigt psychologische Selbstbeobachtung denn doch, daß so 
etwas wie unmittelbare Selbsterkenntnis der inneren Erfahrung an- 
gehört; und daß andererseits das Bewußtsein um die philosophische 
Erkenntnis ein mittelbar reflexionelles ist. Fichtes Lehre wider- 
spricht den Tatsachen. 

Fichte identifiziert sein genanntes Problem bekanntlich mit dem 
des Verhältnisses von Erkenntnis und Gegenstand: »Wie hängen 
unsere Vorstellungen mit ihren Objekten zusammen ? « Und löst es 
absolut idealistisch :»Das Bewußtsein des Gegenstandes ist nur ein 
nicht dafür erkanntes Bewußtsein meiner Erzeugung einer Vor- 
stellung vom Gegenstande «2). In seiner Begründung dieser Lösung 
ist fast jeder Satz falsch, schief und zweideutig. Uns kommt es hier 
zunächst auf eine Kritik im einzelnen weniger an, hier genüge fol- 
gende allgemeine Erwägung. Angenommen, Fichtes Lösung und 
das darauf Erbaute stehe fest, so gilt also: Das »reine Ich« erzeugt 
das »Sein«. Dies »reine Ich« ist kein persönliches, ist nicht mein 
Ich; das wäre ja Psychologismus. Ist dem aber so, wie entsteht 
dann der Gedanke meines persönlichen Ichs? Offenbar nur ebenso 
wie der aller äußeren Realität. Daraus folgt, daß der »Zusammen- 
hang dieses Außer-uns mit uns selbst nur ein Zusammenhang in 
unseren Gedanken ist «3). Also haben wir innerhalb des vom »reinen 
Ich« erzeugten »Seins« gewisse »denkende Wesen« von nichtdenken- 
den (»Dingen«) zu unterscheiden. Dieser Unterschied von indivi- 
duellem Subjekt und Ding ist also nur ein Erzeugnis des »reinen 
Ich«. Aber damit ist ja das Problem gar nicht gelöst! Es steckt 
ja vielmehr hier: wie hängen die Vorstellungen des durch das »reine 
Ich« erzeugten denkenden Wesens mit den außer ihm befindlichen 
»Dingen« — deren sonstige Provenienz ja gar nicht interessiert — 

1) Ebenda. Bd. II. S. 254. 

2) Ebenda. Bd. II. S. 221. 

3) Werke. Bd. IJ. S. 238ff. 



KrkenntuiBti ^ . ruuiiitkhtikT 41 

zuHaniniou? Ficlitca »Lööuiig« gibt uu« darf zu lo->.ii(l<- l'robifui 
verdeckt, doch ubHoIut UMgelötit, auf» neue auf! 

JSoweit Fichte. Sein Philosophem in alle Tiefen (un<l Untiefen) 
nachzudenken, int hier nicht der Ort, wo nur die Tendenz nach- 
gezeichnet werden sollte, in der er von KantauH weiterging. Nelson 
hat das mühevolle Cjeächäft gründlich besorgt. Diese gründliche 
Prüfung FichtoM durch Nelson ist eine hocherfreuliche lieaktion 
auf den Geist einer Zeit, in der es möglich wurde, in einem flaciion, 
rhethorisch schwülstigen, unabgeklärten Denkwerke wie dem Fichteti 
einen tiefen, teuren Besitz zu erblicken. Diejenigen, die zum Prei«e 
Fichtes ihre Stimme am lautesten erhoben haben, sind nun am 
Worte; es ist nicht nur aulk'rordentlich interessant, sondern zugleich 
auch ein clementtircs Gebot wissenschaftlicher Moral, sich mit Nel- 
sons exakten sachlichen Argumentationen auseinanderzusetzen: sie 
strikt zu widerlegen — oder einem entlarvten Idol zu entsagen^). 

Bei Fichte fand sich — das zeigte sich bereits — noch keine feste 
Bestimmung darüber, ob die (transzendentale) Kritik (oder Wissen- 
schaftslehrc oder dergleichen) die Quelle ihrer Erkenntnis in der 
Anschauung oder der Reflexion habe. Seine Nachfahren entschieden 
sich; Hegel wäiilte die logizistischc, Schclling die intellektuell- 
anschauliche Seite der Alternative. Damit ist ihr jeweiliges System 
im Grundstock festgelegt. Begnügen wir uns damit, diese Wurzeln 
aufzuweisen. 

Der psychologiatische Fortbildner Kants (oder Reinholds) ist 
Beneke. Kr erkennt deutlicher als Kant die Leerheit der Re- 
flexion'). Ferner ist er sich über die sinnlich-empirische Natur der 
Anschauung klar. Aber er hat noch das aristotelische Vorurteil der 
Disjunktion der Krkemitnis in Anschauung und Reflexion; und so 
folgert er, dali alle Wissenschaft ozuletzt aus der Erfahrung schöpfen« 
müsse; und daß '»eine Piiilosophie a priori, in der Form von Begriffen 
wie in der Ftirm von Anschauungen, ein leeres Phantom sei«'). 

Jene dogmatische Disjunktion führt ihn also zum empiristischen 
Psychologismus. Wie steht nun Beneke zum Werke Kants? Er 
fußt auf dem Fehler Reinholds; er verwechselt den Inhalt der 
Kritik — die er mit Recht als empirisch anerkennt — mit ihrem 
Gegenstande, dem Grunde der metaphysisciien Grundurteilc. Wenn 
man mit Kant die Modalität der letzteren als apriorisch annähme, 
wäre es widerspruchsvoll, sie durch empirische Kritik zu begründen; 
da aber die Kritik zweifellos empirisch ist, so darf man die meta- 
phjrsischen Grundsätze eben nicht als apriorische annehmen. Sondern 

') Auf dioaen 1900 an inaO^cbcndor Stelle vcrüIfontlichtcD Aufruf ist natur- 
lich HU» d«"ni LagtT di-r Fichtcancr jede Antwort aungeblirbco. Stall drsam h«t 
die natioiml«' HogrisU-ning Fichte im Weltkrit>g (örmhcb iura pracccplor IJcr- 
maniar ivu.igi -Hcbinuckt. 

*) Kant und dir (ihilotiophiiK-hc Aufpnho unMTtT Zeil. 1832, S. 12, 18. 
38, 02. L«-hrburh «I«t l»Kik oJh Kunstl. lin- d. s D,nl,fi!.. 1S3L\ .<:. XIV. 

*) Logik. S. (k>. 



42 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkeaatniskritischen Grundlagen. 

ebenfalls als empirische. Sein Grundirrtum ist also der, daß er an- 
nimmt, die kritische Begründung der philosophischen Erkenntnis 
müsse den Grund dieser Erkenntnis enthalten. Aber auch der 
Empirist meint »die wahre kantische Lehre « zu lehren »nicht seinem 
Buchstaben nach, sondern seinem Geiste nach« . . . 



V. 

Haben wir Nelson so die Aufweisung des Grundes der Divergenz 
aller erkenntnistheoretischen Weiterbildner Kants in einer falschen, 
ihnen allen gemeinsamen — von Kant mit seinen wahrhaft großen 
Entdeckungen oft unbewußt vermengten, von Reinhold zuerst 
deutlich hingestellten — Voraussetzung zu verdanken, so schulden 
wir ihm gleichen Dank für seine klare und vollendete Auflösung der 
erkenntnistheoretischen Verwirrnis, die jene falsche Voraussetzung 
hervorrief. Alle seine früheren Arbeiten waren schon dieser, von 
ihm als richtig erkannten, eigentlichen Lösung des vernunftkritischen 
Problems gewidmet; und so sind es auch die letzten Kapitel dieses 
Werkes. Was Kant angebahnt hatte, J. F. Fries hat es, abgeklärt 
und zielsicher, beendet. Ihm verdanken wir den reifen, geläuterten 
Kritizismus, in dem das erkenntnistheoretische Dogma prinzipiell 
überwunden ist. 

Schon in seiner ersten Schrift i) hat Fries die Frage des Zu- 
sammenhanges von Kritik und System der metaphysischen Grund- 
sätze beantwortet. Er erwägt die prinzipiell denkbaren Lösungen 
der Frage nach dem Grunde der metaphysischen Grundurteile. Aus 
irgendeinem rationalen Wissenschaftssystem sind sie nicht progressiv 
ableitbar: sie selber sind ja die allgemeinen rationalen Erkenntnisse. 
Induktiv sind sie ebenfalls nicht beweisbar: denn bei rationalen Ur- 
teilen liegt der Gültigkeit des Besonderen — aus dem sie erschlossen 
werden müßten — immer schon die des Allgemeinen zugrunde. 

Bleibt die Unmöglichkeit eines Beweises! Und die Forderung, 
die Grundsätze als unbeweisbar an der Hand der Regel aufzuweisen. 
Wie eine solche Auf Weisung voliziehbar sei, ha-t Kants regressives 
Verfahren, die Abstraktion vom Einzelnen zum Allgemeinen, gezeigt. 
Aber der Regreß gewährleistet nicht die Gültigkeit des Rechts- 
anspruches der gefundenen Grundsätze; -denn er zeigt ihren Grund 
nicht auf. Eine objektive Begründung dieser Grundsätze ist jedoch — 
das sahen wir vorher prinzipiell — nicht möglich. 

Es gibt nur zwei Auswege: entweder auf jede Begründung des 
Rechtsanspruches zu verzichten; oder aber die Spekula,tion sub- 
jektiv zu wenden; und die Grundsätze hinsichtlich ihres subjektiven 
Ursprunges in der Vernunft psychologisch aufzuweisen. Es handelt 
sich also darum, eine psychologische Theorie über die Beschaffenheit 
der erkennenden Vernunft zu schaffen und aus ihr die metaphysischen 



1) Über das Verhältnis der empirischen Psychologie zur Metaphysik. 1798. 



ErkenntniBthoorie oder Vernimltkritik ? 43 

GniiidHiitz«- zu deduzieren (Deduktion im .Sinne der oben gemachten 
Ausfüllrungen). Kine Holclie Tlieorie fulit auf den KrkenntnisHen der 
inneren Eifahrung. Dieser Gedankengang ward wehon im zweiten 
Teil enlwiekelt. Er erklärt auch dius Verhältnis der Philosophie zur 
Psychologie: Gegenstand der Kritik ist der Grund der uietaphyBiächcn 
Grundsätze, die den Inhalt der Metaphysik bilden. Inhalt der Kritik 
sind psychologische Sätze von assertorischer Modalität. 

Der Transzendentalismus ist so beseitigt; denn es ward l>ewie8en, 
daß ein Beweis der allgemeinsten metaphysischen Sätze aus anderen 
rationalen Sätzen unmöglich ist. Und der Psychologismus ist be- 
seitigt; denn es ward bewiesen, daß ein induktiver Beweis metaphysi- 
scher Grundsätze unmöglich ist. 

Und Fries beugt sogleich dem Haupt einwände vor, der seit 
seinem Wirken mit stetig steigender Verständni.slosigkeit immer wieder 
erhoben worden ist : daß sich die kritische Deduktion in einem Zirkel 
bewege. Gewiß muß man, um eine Theorie der Vernunft zu formen, 
die Gesetze der Logik und überdies die »metaphysischen Gesetze 
einer möglichen Erfahrung überhaupt « vorau.ssetzen — obwohl es 
scheint, »als sollten sie erst bewiesen werden«. Sie sollen al)er gar 
nicht bewiesen werden! Sollten sie das, so läge tatsachlich ein Zirkel 
vor. Was aber hier geschieht, ist dies, daß die Erkenntnis a priori 
als eine Qualität unserer geistigen Organisation, »als zu den Zuständen 
meines Gemütes gehörig«, nicht aber hinsichtlich ihrer objektiven 
Gültigkeit, psychologischen Ol^ersätzen unterstellt wird. Die De- 
duktion ist kein Beweis der Grundsätze und soll auch keiner sein; 
darauf kommt hier alles an; das scheidet sie von allem Psychologismus. 

Rs fragt sich nun noch, ob diese psychologische Kritik — ihre 
Möglichkeit zugegeben — für die Begründung der Metaphysik not- 
wendig sei. Man könnte ja, wenn sicli auch zur kritischen Theorie 
der Vernunft metaphysische Voraussetzungen nicht umgehen lassen, 
einfach deren System frei von aller empirischen Beimischung un- 
mittelbar aufstellen. Das möchte so sein, wenn es nicht ungeheuer 
schwierig wäre, diese metaphysischen Prinzipien in abstracto rein 
und systematisiert herauszustellen. Weit leichter und naturgemäßer 
ist es, mit ihnen in concreto, an gewöhnlicher Erfahrung angewandt, 
zu arl>eiton; weit leichter — und weit l^sser vor Fehlern bewahrend. 
Li diesem Gebrauche haben wir den, wie Fries es bezeichnet, »ein- 
zigen Standpunkt der Evidenz für spekulative Dinge«. 

Man hat dagegen einwenden wollen, daß solche kritiklose Be- 
rufinig auf die Erfahrung dem comnuin sense der Keid, Beattie usw. 
die olH>rsto Kichterschaft in philosophischen Dingen ülx^rtrage. Man 
täuscht sich. Der common sense und seine empirischen Urteile ent- 
halten keineswegs den Grund der (iültigkeit philosophischer Sätze. 
Allerdings, wo dieser Grund gelegen sei — um diese Frage beant- 
worten zu können, müssen wir unsere Erkeinitnis ihrer Beschaffen- 
heit nach zimächst einmal betrachten; und dies ist eine Tätigkeit 
innerer Erfahrung. Mag sein, daß diese .Anknüpfung ans Empirische 



44 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

unser Wollen nicht gegen Irrtum feit : — das dürfte wohl in keinem 
Wissensgebiete anders sein. Sicherlich am wenigsten im kritiklos 
phantastischen Kartenhausbau dogmatischer Dialektik. 

Im zweiten Teile wurde das hypothetische Urteil bewiesen: wenn 
es synthetische Urteile a priori aus Begriffen gibt, so muß deren Grund 
in einer nichtanschaulichen unmittelbaren Erkenntnis liegen. In 
diesem Teile wird nunmehr der direkte Existenzbeweis dieser un- 
mittelbaren Erkenntnis nichtanschaulicher Art erbracht, und zwar 
psychologisch-empirisch erbracht. Die Psychologie lehrt, als Mittel 
der Erkenntnis sei uns Sinn, Assoziation und Reflexion gegeben. 
Die Reflexion nun läßt sich auf willkürliche Assoziation unter Leitung 
der Aufmerksamkeit zurückführen. Sind diese Mittel, Sinn und 
Assoziation, zulänglich, um synthetische Urteile a priori aus bloßen 
Begriffen zu ermöglichen? Es läßt sich beweisen, daß sie das nicht 
sind. Daraus folgt dann notwendig die Existenz einer nichtanschau- 
lichen unrefiektierten, also unmittelbaren Erkenntnis als Grund der 
synthetischen apriorischen Urteile aus Begriffen. Der Beweis soll 
aus empirischen Daten erbracht werden. Nun ist die Apodiktizität 
von Urteilen kein empirisch feststellbares Faktum; sondern nur der 
Anspruch gewisser Urteile auf Apodiktizität. Wir stellen also em- 
pirisch fest, daß wir im Besitze gewisser Urteile sind, die einen An- 
spruch auf Apodiktizität enthalten. Wie ist dieser Anspruch psycho- 
logisch möglich? Die Frage ist in dieser Form (für den Satz der 
Kausalität) zum ersten Male von Hume gestellt worden. Hume 
führt diesen Anspruch auf das psychologische Gesetz der Erwartung 
ähnlicher Fälle zurück; glaubt ihn also als eine durch Assoziation 
entstandene psychologische Gewohnheit erklären zu können. Das 
ist aber falsch. Wenn ich eine Vorstellung habe, so können durch 
sie andere, auf sie irgendwie bezogene Vorstellungen reproduktiv in 
Erinnerung gebracht werden: dieser Nexus ist Assoziation. Asso- 
ziation ist die Reproduktion eines früheren Vorstellungskomplexes 
durch einen neuen. Nie aber enthält sie bereits irgendeine Erwar- 
tung. Denn die Möglichkeit einer Erwartung enthält bereits die 
Vorstellung einer objektiven Verknüpfung; Assoziation aber ist nur 
eine subjektive Verbindung von Vorstellungen. Also ist die »Er- 
wartung ähnlicher Fälle « durch Assoziation nicht zu fundieren. Nun 
ist die Vorstellung einer objektiven Verbindung aber ein unbezweifel« 
bares psychologisches Faktum. Dies Faktum wäre nicht möglich,, 
wenn unsere Erkenntnismittel nur in Sinn und Assoziation bestünden. 
Es muß also einen besonderen Grund dafür geben; und dieser Grund 
ist die unmittelbare nichtanschauliche Erkenntnis. So ergibt sich, 
im Wege steter Empirie, ein »von allem Verdacht spekulativer Täu- 
schung befreites Kriterium« (Fries), das die Existenz einer nicht- 
anschaulichen unmittelbaren Erkenntnis beweist. 

Es sei wiederholt: Über die objektive Gültigkeit metaphysischer 
Urteile macht die psychologische Kritik gar nichts aus. Objektive 
Gültigkeit wird für die unmittelbare Erkenntnis der reinen Vernunft, 



?>kenntautbeorio oder Vemunf tkritik ? 45 

auB der jene Urteile kritisch deduziert werden, schon vorausgesetzt. 
Denn aller Zweifel nachträglicher Reflexion an der objektiven Geltung 
der unmittelbaren Erkenntnis setzte diese zu seiner eigenen Möglich- 
keit schon voraus! Freilich steht für das Recht dieser Voraushetzung 
die Kritik nicht ein. Die Ik<rufung auf dos faktische »Seibetvertrauen 
der \'ernunft « ist vielmehr ihr olx;rster (Jrundsatz. 

Was also die Kritik eigentlich leistet, ist das. sie deduziert durch 
den Existenzlx?weis der unmittelbaren Erkenntnis der reinen V^er- 
nunft die Möglichkeit einer Metaphj'sik. Gerade al>er das suchte 
Kant mit seiner Krage: Wie synthetische Urteile a priori aus bloßen 
Begriffen möglich seien. Sie also löst das Problem streng wissen- 
schaftlich und eindeutig. 

Diese große Entdeckung von Fries, wie sie die Fehler der kan- 
tischen und nachkantischen Erkenntnistheorien klar heraushebt, 
ermöglicht zugleich in ihrem .systemati.schen Ausbau die Anbringung 
der Korrekturen an Kants kritischem Werke. Sie beseitigt den for- 
malen Idealismus, sie gibt eine richtige Begründung des transzenden- 
talen Idealismus, sie ermöglicht eine spekulative Begründung der 
Ideenlehre. Dem sei hier nicht gefolgt : es hieße das Lebenswerk 
des großen Denkers in einige Zeilen pressen. 

Vielleicht aber regen diese Ausführungen die zeitgenössischen 
Forscher dazu an, dies Lebenswerk, ein Denkmal deutschen Geistes, 
wieder der Vergessenheit zu entreißen und zu studieren. Den Gewinn 
davon wird unsere Forschung haben, auf welches Gebiet sie sich auch 
erstrecken möge. 



Geleitworte zum zehnjährigen Bestehen der neuen 
Friesschen Schule (1913). 



Eingedenk der Bedeutung dessen, was uns als Aufgabe gesetzt 
und Ziel unserer Arbeit ist, und erfüllt vom Gefühl unserer Verant- 
wortung: so legen wir Anhänger der philosophischen Lehre von 
Jacob Friedrich Fries im zehnten Jahre unserer Arbeitsgemein- 
schaft Rechenschaft ab über deren Ziel, Sinn und Form. Und erneut 
rufen wir uns an diesem Zeitpunkt ins Bewußtsein, welche Stellung 
wir innerhalb der geistigen Kräfte und Richtungen des gegenwärtigen 
Zeitalters unserer Schule beimessen. 

Der Schule — wir bilden in der Tat und mit Wissen und Willen 
die Gemeinschaft einer Schule. Wir wissen uns in direkter innerer 
Kontinuität mit jenem ersten Schülerkreise, den der Schöpfer und 
Gestalter unserer philosophischen Überzeugungen um sich einte, 
noch als ihm das öffentliche Lehramt der Philosophie von der ängst- 
lichen Brutalität eines um seinen eigenen Fortbestand allzu besorgten 
politischen Quietismus entzogen worden war: des Kreises von Schü- 
lern, als dessen Vertreter Männer wie Schieiden, Schlömilch, 
Apelt, de Wette, Sclimid und Mirbt noch der heutigen Nach- 
welt sichtbar sind. Wie diese Männer mit der Bezeichnung als Schule 
neben der sachlichen Gefolgschaft noch eine Beziehung persönlicher 
Pietät vor dem großen Denker zum Ausdruck brachten, der einsam, 
von den damals regierenden geistigen und politischen Mächten ge- 
hässig in einen fast resonanzlosen Hintergrund gedrängt, stillwirkend 
und innerlich unangefochten an dem Lehrgebäude schuf, dem wir 
anhängen: so ist es auch, seit den Tagen unseres Zusammenschlusses, 
unser ausdrückliches Streben, uns als seine Schüler zu fühlen und 
seine Schüler zu sein. Seine Schüler zu sein: in der eigenen Er- 
arbeitung dessen, was er geschaffen hat, und in dessen Fortbildung 
und Festigung besteht die einzige, aber alles umgreifende Pflicht, 
die einem jeden von uns gesetzt ist. Als seine Schüler uns zu fühlen: 
das Bewußtsein des Wertes dessen, was wir, in gleichgerichteter 
Arbeit, von ihm empfangen haben, das Wissen um die Stärke und 
Sicherheit des Besitzes und um die Größe der Aufgabe, dieses beides 
schließt uns zu einem Ganzen zusammen und stellt uns, eine Geistes - 
gemeinschaft, verehrend und voll Dankes vor das Bild seiner 
geistigen Persönlichkeit, deren Leben und Wollen uns Vorbild ist, 
wie seine Lehre der Quell unserer Sicherheiten. 



Geleitwort« tum xebnjilirigen Bwtehen der oouen Friedlichen Schule (1013). 47 

Wir brauchleii diese Haltung — vor ihm und zueinander — nicht 
/,u rechtfertigen. HäniiHche Glossen, wie »ie jemand von außen her 
wider die »Schule« aufbrachte, lafiHon uns gleichgültig. Und in dem 
vt'rflo.'^senen .Iiihrzeiint, da wir, unter der liingebcnden tind opfer- 
vollen Führerseliuft Nelsons, die Lehre Fries' in uns aufnehmen 
und zur Weiterwirkung bringen durften, da die innere Arbeit an 
uns und die Niederlcgung der rein wissen-schaft liehen Früchte der- 
selben un.scre einzige Wirkungsform war, da wir keine 25cit und keinen 
Wunsch hatten, Meinungen einer zufälligen (iegonwart zu beachten — , 
hat uns jeder N'ersueii, unser Seinsrecht als Arbeitsgemeinschaft vor 
der (Hfenlliehkeit darzutun, absolut ft;rngelegen. Nunmehr alx;r ist 
vielleicht die Zeit gekommen, in künftiger Arljcit das, was wir er- 
worUm haben und heute besitzen, auch anderen zu übermitteln, 
denen die Vielfältigkeit der zufällig gerade herrschenden Philoso- 
pheme und die Ansichten, die ihre Vertreter an den Hochschulen 
über Fries' Lehre verbreiten oder — verschweigen, den Zutritt 
zum Werke Fries' bisher versperrten. Es soll in Zukunft nicht 
mehr dem Zufall überlassen sein, ob ein denkender Mensch 
dies Werk kennen lernt oder nicht! 

Mit dieser Zwecksetzung rechtfertigen wir die Form uuaere« 
Bestehens. 

Die.se Form liat, schon rein äußerlich betrachtet, gerade in den 
Arbeitsweisen gegenwärtiger philosophischer Richtungen einige be- 
merkenswerte Analogien. Fast alle diese treiben, unausgesprochen 
und oft nur halb der Tragweite und des Zieles bewußt, in den letzten 
Jahren auf eine Form von Organisation hin, welche die neue 
Friessche Schule sich von Anfang nn mit Bewußtsein vorgesetzt 
hat, noch zu einer Zeit, als im philosophischen Denken allein das 
Individuum und die Originalität bewertet wurde: auf die organisierte 
(.Jemeinsehaftsarbcit, auf die Schulbildung — welchen Namen 
uiun ihr auch geben mag. 

So war der Marburger Transzendentalismus, der sich neukan- 
lisch nennt, seit den Tagen der älteren Friesschulo vielleicht das 
erste in sich abgeschlos-sene Philosophem, dessen Lehre sich um daa 
Werk und das Wirken einer Persönlichkeit konsolidierte. Die 
Hinsicht in Irrtümer jenes Philosophems wird uns nicht abhalten, 
die ethisch- werbende Kraft jenes V^erhältnisses von Lehrer und Schule, 
wie es in Marburg geherrscht hat, zu würdigen. Wir glauben freilich, 
gerade von der Persönlichkeit des philosophisclien Lehrers sollte zu 
fordern sein, daß sie hinausrage ülx'r die Gegenwart, in der seine 
Schüler stehen, daß sie über ihr sei und niclit in ihr, sich noch wan- 
delnd, unabgeschlossen, irrend. Um das Bild des Vollendeten, des 
\'erklärt(«n muß die Organisation sich kristallisieren können, wie 
durch einen notwendigen Naturprozeß historischen Geschehens, mit 
innerer Notwendigkeit und organisch erwachsend. Das war Aristo- 
teles dem philosopischen Geiste des Mittelalter»; daa ist Karl Marx 
der Sozialist ischon Bewegung der Gegenwart. 



48 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

Wir werden nicht untersuchen, wie weit der Kreis der Marburger 
Forscher diesen Postulaten der wahrhaften, idealen Schule sich an- 
näherte. Lange Jahre hindurch war er jedenfalls der einzige, dessen 
aktuelles Wirken dem der Schule wenigstens äußerlich glich. Dann 
trat vor einigen' Jahren eine andere Strömung individualer Kultur 
hervor, mit dem Anspruch, ein Weltbild zu bieten und ein sittliches 
Gebot zu diktieren, deren Vertreter sich ebenfalls als ein Kreis von 
Schülern um eine schöpferische Persönlichkeit scharten als um ihr 
Zentrum: der Kreis um Stefan George. Aber was den Kreis der 
Anhänger dieses großen Dichters auf immer aus dem Bereiche wahr- 
haft philosophischen Geistes ausschließt, das ist die Heteronomie 
der Prinzipien des Weltbegreifens und der sittlichen Gesinnung, die 
ihn durchherrscht. Stefan George ist nicht der Lehrer, er ist der 
Meister. Er hat nicht Schüler, sondern Jünger. Sie erarbeiten nicht, 
als autonome Persönlichkeiten und mit innerer Freiheit, was er als 
Gebot und sittliche Norm entäußert, sie nehmen es hin und halten es 
für verbindlich, weil er es entäußert hat. Nicht die autonome Ver- 
nunft des Einzelnen ist der Rechtsgrund der Prinzipien, sondern der 
Glaube an einen Menschen. Gewiß ist es sinnlos und ungerecht, in 
Georges schöpferisch gestaltetem Weltbild das eines Ästheten zu 
sehen: dies aber ist schlimmster Ästhetizismüs, daß der Glaube der 
»Jünger « an diesen empirischen Menschen sich eine religiöse Geberde 
leiht, um sich wirksam zu machen, um die eigene dogmatische Halt- 
losigkeit mit einer gewaltsamen Mystik zu umkleiden. Diese Haltung 
widerstreitet echter Religiosität ebenso wie dem Geiste wahrer Philo- 
sophie und dem Wesen schulmäßiger Gemeinschaft. Aber auch hier 
bleibt zum Mindesten äußerlich die schulähnliche Gemeinschaft ein 
bemerkenswerter Hinweis. 

Und gerade in der jüngsten Zeit ergreift diese Tendenz zu einer 
wenigstens äußerlichen Organisation selbst solche philosophischen 
Richtungen, die ihr dem Wesen nach ganz ungemäß sind. So ist 
gewiß die gegenwärtige »Kulturphilosophie« aller Scliattierungen in 
ihren Arbeitsweisen heute noch genau so individual zerfallen, wie es 
ihre Inhalte und Ansprüche seit Beginn ihrer Ausbreitung waren. 
Noch haftet ihr das Merkmal an, innere Verwandtschaften, die sich 
zwischen einzelnen ihrer Träger zeigen, eher zu lockern und durch 
Trennmauern dem Blicke zu verbergen, als zum Fundamente gemein- 
samer Weiterarbeit zu machen. Jeder dieser Forscher legt Wert 
darauf, daß seine Eigenart weithin sichtbar sei. Und selbst diese 
dissoluteste aller philosophischen Strömungen hat sich nunmehr eine 
Art gemeinsames Bette gegraben: im »Logos«, dem Orte, wo ihre 
Autoren an die Öffentlichkeit treten. 

Ebenso handelten andere philosophische Gemeinschaften der 
Gegenwart. Von den lärmenden monistisclien Organisationen wollen 
wir schweigen. Aber z. B. gründete sich unlängst der deutsche Po- 
sitivismus eine Stätte organisierten Zusammenwirkens. Die Gesell- 
schaft für positivistische Philosophie entstand; hier sollen unsere 



Geleitworte zum zehnjahrigtii Be«t«'hcn d<T neuen Frieawhen Schule (1913). 49 

l)e(ieutciuli-n Nut iirfcirscluT und Mathciimtikcr, diTen exakte Kinzel- 
tdrschung da« VVertvoIlHto und vielleiclit allein Dauernde iwt, was 
da« wisHenseluift liehe Deutsehland »iimerer Tage hervorbringt, für 
ihr unciune.standenes luetaphysisehes Hediirfni.n das Surrogat einer 
l'.'friedi^uMj^ erhalten, das sie nieht mit ihrer all/.u vorsiehtigen SelbMt- 
l>'»scliräiikung hinsieht lieh der tiefstiMi inenschliehen Probleme in 
Konflikt bringt. 

Und aueh die jüngste aufgekoiMMiinc Rieht ung philosoplüscher 
ArlH'it, die phänomenologisehc, steht im liegriff sieh zu organisieren. 
l'ViMlieh weist ihr Führer fast noch entschiedener als jene der anderen 
-ich herausschälenden (Jegenwartstendenzen gemeinsamer philo- 
-ophiseher Arbeit den Gedanken der Schule ab: Es sei nieht ein 
Sehulsystem, das hier Gleichgerichtete verbinde und »das gar bei 
allen künftigen Mitarlx>itern vorausgesetzt werden soll; was sie ver- 
eint, ist vielmehr die gemeinsame philosophische Ül>erzeugung« . . . 
Und nun wird als Inhalt der gemeinsamen philosophischen Über- 
zeugung ein so fundamentaler methodischer und systematischer Leit- 
gedanke angegeben, daß man erstaunt die Zurückhaltung bedenkt, 
die hier nicht zur voll ausklingenden Konsequenz organisierten ge- 
meinsameix Wirkens sich zu entschlicUen in der Lage ist. 

Es ist in der Tat eine falsche Vorsicht, die in diesen Beispielen 
da.s Ergriffensein von einem Gedanken meistert, der, nach der Mei- 
nung seiner Erzeuger, an Reichtum und Tragkraft über den einzebien 
Menschen hinauszureichen bestimmt ist. Oder es besteht dieses 
Ergriffensein gar nicht : und was spräche mehr wider den Gedanken! 

II. 

Doch, daü wir eine Schule sind und sein wollen, ist nicht etwa 
die Gebärde einer unklaren Begeisterung; so wenig wie es bloße Xach- 
ahmung der zur äußeren Organisation hint reil>enden Tendenz ist, 
die wir an Beispielen in der pliilosophischen Gegenwart auffanden. 
Was wir am Beispiel einiger gegenwärtiger Piiilosopheme äußerlich 
als Tatsache ihrer Bearl>eitungswei.so feststellten, was wir selbst 
ferner zu verwirklichen lx»strebt sind, hat sein sicheres Fundament 
innerer (Jründe. Nelson hat uns, in den Werdezeiten unserer Orga- 
nisation, oft genug diese (Jrümle ihrer Bildung, die Gründe der Zweck- 
mäßigkeit jedes schulmäßigen wissenschaftlichen Philosophierens, an 
«lie Hand gegeben. 

Wir wollen Philosophie als strenge Wi.ssensehaft . Das Wahrheits- 
prinzip aller theoretischen Wissenschaft, das Wertprinzip un.seres 
Ix«l>ens. die N«irm unseres Verhaltens sollen einsichtig und von all- 
gemeiner (ieltung sein: dieser .Vnsprueh liegt in ihrem Begriff. All- 
gemeingültige Einsichten zu In^gründen ist .AufgalK» der Wissen- 
schaft. Nur diejenige Antwort auf die philosophischen (trundfragen, 
die spekulativen wie die praktischen, erkennen wir an. welche diesem 
Anspruch auf systematische Wahrheit genügt. Das kann nur eine 

Kronfrld, I'ayrhUtriM-hc Krkrnntnia. 4 



50 Vorbereitende Einführung in die aUgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

einzige sein; und es muß eine sein! Sie zu erreichen, erfordert eine 
ungeheure Vorarbeit. Die Kriterien dieser Wahrheit sind zu ent- 
wickeln; die Vernunft ist zu prüfen, wieweit sie diesem tiefsten aller 
Probleme genugzutun vermag. Diese Vorarbeit umfaßt die gesamte 
Erkenntnislehre ; sie vollzieht sich in den Klritiken der Vernunft. 

Die Forderung der Einheit und der systematischen Wahrheit 
philosophischer Wissenschaft führt uns zur Ablehnung jeder Mög- 
lichkeit, Philosophie etwa durch das Studium ihrer Geschichte zu 
lernen. Der Historiker der Philosophie kann sein Material, die Be- 
hauptungen der aufeinander abfolgenden Philosopheme, gar nicht 
auf die einzig wesentliche, für unser geistiges Leben bedeutungsvolle 
Frage hin prüfen: ob sie wahr oder falsch sind. Denn dazu müßte 
er jene Kriterien von wahr und falsch bereits besitzen, die das Stu- 
dium der Geschichte ihm erst erschließen soll. Durch faktische Fest- 
stellungen historischer Art kommt man der philosophischen Wahr- 
heit um keinen Schritt näher. Im Gegenteil: jene vielfach befolgte 
Methode, Philosophie aus ihrer Geschichte heraus zu verstehen, 
ergibt, wie Nelson uns oft gezeigt hat, nur zu sicher ein unwürdiges 
Bild von der Philosophie, in dem man keinerlei Fortschritt der Er- 
kenntnis entdeckt, sondern nur eine Abfolge von Systemen, deren 
jedes dem vorangehenden widerstreitet. Dieser Aspekt ist die psycho- 
logische Quelle der Abneigung aller exakten Einzelforscher wider die 
Philosophie und der Grund der gänzlichen Ohnmacht und Einfluß- 
losigkeit derselben gegenüber dem praktischen und politischen 
Geisteslebens der Gegenwart. Was ist, fragen die hier stehenden 
Laien, deren philosophische Interessierung ein unabsehbarer Gewinn 
für die Hebung des geistigen Gesamtniveaus wäre, von einer Abfolge 
widersprechender Terminologien an eindeutiger Bereicherung für 
Rechtssetzung und Staatsleitung, für Naturerkenntnis, Kunstver- 
stehen, religiöse Überzeugung und Seelenbildung denn zu erwarten? 
Und sie gleichen damit dem Kallikles Piatons (Gorgias, Kap. 40), 
der sich »gegenüber den Philosophierenden genau in derselben Lage 
befindet wie gegenüber solchen, die stammeln und spielen«. Tat- 
sächlich ist nun ganz gewiß die Geschichte des philosophischen Den- 
kens gar nicht so unbefriedigend; es gibt in ihr wie in der Geschichte 
aller Wissenschaften einen Fortschritt der Einsicht; nur kann man 
diesen natürlich nicht bemerken, wenn man nicht schon einen 
Maßstab für die Beurteilung philosophischer Leistungen 
besitzt. 

Diesen Maßstab erreicht und verbürgt allein die kritische 
Selbstbesinnung der autonomen Vernunft. Philosophieren: 
das ist Selbstdenken. Es steht in geradem Gegensatz zum Erlernen 
des von anderen Gedachten auf deren historische Autorität hin. 

Aber freilich, diese Forderung des Selbstdenkens wird oft, und 
gerade von den Historikern der Philosophie zuerst, verwechselt mit 
der falschen Forderung einer Originalität. Verwechselt wird die 
Selbständigkeit des Denkens mit der Eigenart des Gedachten. Wo- 



Geleitworto zum rühnjahrigt-n B««t«h«i tliT ncueu I ■ i 3). 51 

fern ubci Philosophie nicht anders besteljen sulI denn aU Wlsscn- 
Hchaft, kommt e» nicht darauf an, daß wir anderes denken ab) andere, 
sondern darauf allein : daß, was wir denken, wahr ist. Würde 
diese FordiTung von allen, die Philosophie treiben, erfüllt sein, so 
könnte es gar nicht anders sein, als daß notwendi^^ alle inhaltlich 
Gleiches dachten. Dies ist das Endziel; dies allein das zu Erstrebende. 
Originalität ist, als Forschungsmethode, das gerade 
Gegenteil von Wissenschaftlichkeit. Die Forderung di*s 
Selbstdenkens schlielit nur aus, daß wir der Autorität üljerkommener 
Meinunu; uns hinpel>en; nicht: daß wir Belehrung annehmen. 

Und die Belehrung von Generation zu Generation enthält allein 
erst die Bürgschaft wissenschaftlichen Fortschritts, in der Philo- 
sophie wie in allen übrigen Wissenschaften. Der einzelne, welcher 
vermeint, ohne alle Rücksicht auf die Geistesarbeit der vor ihm ge- 
wesenen Generationen zum Ziel seiner Problemlösungen gelangen 
zu können, ermangelt der Selbstkritik. 

Man ülx'rtrage für einen .\ugeiiblick diesen Gesichtspunkt auf die 
Arbeit des einzelnen etwa in irgendeiner exakten Naturwissenschaft: 
das Bild, welches diese Wissenschaft böte, wäre grotesk! Und — 
es sei wiederholt — exakte, strenge Wissenschaft im Sinne 
dieser vorbildlich durchgcarIxMteten Disziplinen — : so oder gar 
nicht soll Philosophie sein! 

Belehrung also, die das Denken des Belehrten nicht autoritär 
bindet, sondern didaktisch leitet und fördert, schul mäßige Be- 
lehrung in einer Kontinuität wissenschaftlichen Arbeitens mit ge- 
wesenen und zugleich strebenden Forschern: dies ist Gewähr und 
Bürgschaft echter Wissenschaftlichkeit in allen Wissenschaften, und 
damit auch in der Philosophie. Hier liegt der innere Grund der 
Notwendigkeit für die Bildung einer Schule; und weil sie die so allein 
verbürgte wissenschaftliche Sicherung und systematische Rundung 
ihres philosophischen Wollens irgendwie unausgesprochen fühlen, 
darum treiU'ii zurzeit alle philosophischen Strömungen mehr oder 
minder geradlinig auf die Schulbildung zu. 

Freilich, ohne sie mit Bewußtsein zu erstreben. Im Gegenteil: 
man wird sich berechtigt fühlen, den einfachen Gedankengang, der 
uns zur Schule gemacht hat, für trivial zu erklären und mit Ein- 
wänden zu ersticken. 

Nun, den V^)rwurf der Trivialität nehmen wir gerne auf uns. Wer 
alle Originalität.ssucht als unwürdig und unwi.'<.senschaftlich ablehnt, 
dem wird ihr CJegentcil nur eine Konsequenz seines Willens zur Wissen- 
schaftlichkeit Iwdeuten. So wenig Originalität uns ein Kriterium de« 
Wertes einer Meinung ist, so wenig ist ihr Gegenteil, Trivialität, uns 
ein Kriterium ihres Unwertes. Sachlichen Einwänden aWr sind wir 
zugänglich. 

Der Haupteinwand wider jede Schule in der Philosophie, joner 
Einwand, der wohl auch bei allen gegenwärtigen Philosopheracn 
bewirkt, daß ihre Träger trotz der Tendenz zur Schule ängstlich Tor 

4« 



52 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

dem Anschein der Schule zurückschrecken, entspringt ans dem ver- 
breiteten Widerwillen vor jeder Art von Parteinahme. Man be- 
fürchtet von ihr eine Beschränkung des Gesichtskreises, Einseitigkeit, 
Dogmatismus. Vernünftig sei es und würdig, über den Parteien zu 
stehen, tolerant zu sein. 

Diese Maxime der Toleranz endet geradeswegs beim Indifferentis- 
mus, der Uberzeugungslosigkeit. Nur ein innerlich unwahrer Ästhe- 
tizismus, dem jedes sittliche Gebot fremd ist, kann hierin etwas wie 
Würde finden! Aber auch die Vernunft kommt, auf einem solchen 
Standpunkte, nicht zu ihrem Recht. Der Vernünftige ist nicht der, 
welcher auf jede eigene Meinung verzichtet und jede fremde toleriert : 
sondern der, welcher sich die richtige, das ist eben die vernünftig 
begründete Meinung bildet. Die Wahrheit selbst ist Partei, ist 
einseitig und intolerant : es gibt über einen Gegenstand stets nur eine 
einzige Wahrheit! Sie kann nicht wie ein Mosaik aus den verschie- 
denen widerstreitenden Meinungen der einzelnen Philosopheme 
zusammengesetzt werden. Durch ihren bloßen Begriff schließt sie 
alle die unendlich vielen möglichen Vorstellungsweisen, die von ihr 
abweichen, als Irrtum aus. Wer sie alle nebeneinander gelten lassen 
will, der verzichtet auf die Wahrheit. 

Es kann daher nur eine Schule Recht haben. Und es wird eine 
Recht behalten! 

Ein Philosoph also, der behauptet, keiner Schule anzugehören, 
täuscht sich — oder andere. Er kann seinen Partei- und Schul- 
standpunkt wohl verschweigen: aber er kann nicht über ihn hinweg, 
kann ihn nicht entbehren. Und dies Verschweigen bedeutet nicht 
eine größere Objektivität, sondern innere Unklarheit — oder Un- 
ehrlichkeit. Unehr]ic]ikeit liegt in einem Anspruch auf Objektivität, 
die tatsächlich nicht besteht. Wie die historische, so ist auch 
diese relativistische Scheinobjektivität etwas, das dem wahren Wesen 
des Philosophen im Tiefsten widerspricht. Der wahre Philosoph 
soll sich seiner subjektiven Parteistellung sehr bewußt 
sein; er soll sie stets ,wenn er lehrt, mitbezeichnen und Rechenschaft 
über sie ablegen. Je streitbarer, intoleranter, parteiischer 
er alsdann an andere Philosopheme, an die Historie der 
Philosophie herantritt, um so ehrlicher, unbefangener, 
glaubwürdiger, um so wahrer und gerechter wird sein 
Urteil sein. Wenn man es, weil er irrte, verwirft — die Achtung 
vor seiner Geschlossenheit und seinem moralischen Verantwortungs- 
willen wird man ibm nicht versagen dürfen. Philosophie aber wird 
wieder jenes Mark und Rückgrat erhalten, welches die sicherste 
Stütze für einen wirklichen Fortschritt der Arbeit ist. 

Nelson hat uns ferner gezeigt, wie dies Schulmäßige der Arbeits- 
weise in den anderen Wissenschaften längst durchgedrungen ist. 
Damit ist ein Einwand vorweggenommen, den man wider diese Wer- 
tung der schulmäßigen Arbeitsform vielleicht geltend machen könnte : 
das Beispiel anderer Disziplinen. Man hat etwa auf die Mathematik 



Ueleitworto zum zehnjährigen Be«tchcn «ler neuen FricoÄchen Schule (1913). .03 

hingewiesen und Ixiluinpfet, hier fehle das Schuhnäüige ganz. Da« 
ist ein Irrtum. Dan Ft-hlen den Schuhnüßigen int nur ein Hchein- 
bares; und dieser An.sehein bewoirtt Icdiglieh, um wieviel weiter fort- 
geschritten der Erkennt ni.s.stand in allen anderen Di.sziplinen i.st ab 
in der Philosophie. In Wahrheit herrscht gerade in der Mathematik 
das Schulmäliige der Arlx'it unbeschränkt: al)er hier ist es eine 
einzige große Scliule, die sich siegreich durchgerungen und dio 
vielen widerstreitenden Schulen aulier Kraft gesetzt Ijat ; die ein© 
Schule, weil ihre Lehrmeinung die richtige ist. Nicht schuhnäßige 
Arbeit fehlt in der Mathematik: es fehlt lediglich der Streit der 
Schulen. Die Zugehörigkeit aller heutigen Mathematiker zu dieser 
einen Schule, deren Ijchrer GauU war, ist gewissermaßen etwas 
Selbstverständliches; sie braucht nicht durch Ix'sondere Benennung 
betont zu werden — und nur darum wird sie ülx^rsehen. 

Nur der Streit der Schulen ist vielleicht ein Mangel; er ist das 
Anzeichen des Garens und Werdens, aus dem wahrer Fortschritt 
erst noch herauswachsen soll. Das Schulmäßige alxM- ist vielmehr 
der einzige Charakter der Wissenschaftlichkeit. Wo aber in einer 
Wissenschaft jener Mangel noch Ix^steht, da ist er nur durch den 
Sieg einer Schule über die anderen zu beenden; nicht etwa durch Ver- 
zicht auf das Schulmäßige ül)erhaupt. Das Unerquickliche, das 
jedem Streit anliaftet, darf luid wird den wahrhaft Lel>enskräftigen 
nicht beirren und zu derartigen Kon.sequcnzen führen. Denn was 
würde, durcli das Aufgeben des Schulmäßigen, erreicht ? Nur eine 
Vervielfältigung der Lehrmeinungen. Es würde soviel Parteien 
wie Philosophierende geben. Und also entweder eine unübersehbare 
Vervielfältigung des Streites und der Kampfplätze — oder der inner- 
lich unwahre, scheinoV)jektive, tolerante, gewaltsame Quictisinus der 
Lebensschwäche, der. wofern Philosophieren ein Suclien mich Wahrheit 
ist, das Ende alles Philosophierens bedeuten würde. 

So ersteht die Notwendigkeit, eine Schule gemeinsamer philo- 
sophischer Arbeit zu bilden, und durch das Schulmäßige der gemein- 
samen ArlxMf Garantien dafür zu gewinnen, daß die Philt>sophie in 
wissenschaftlichen Hahnen vorwärts schreitet. Diejenige Schule, 
welche diese CJarantie in vollstem Umfang gewährleistet, wird den 
Fortschritt in philosophischen Dingen an sicli heften. Und sie wird 
eines Tages, fern von allen Wertungen zufälliger Zeitumstände, den 
Sieg über die anderen Meinungen davon tragen, den, wenigstens in 
tlen übrigen Wissenschaften, die Wahrheit noch stets über den Irr- 
tum errungen hat. Dann wird es auch in der Philosophie, ähnlich 
wie schon jetzt in der Mathematik, nur eine Schule geben. Auch 
dann, freilich, wird nur dio erste Vorarbeit an der Lösung der letzten 
Probleme geleistet sein; denn unendlich groß ist die Aufgabe. Aber 
der Weg zu diesen lÄisungen wird gebahnt und Ix^treten sein. 

Dies sind die Gründe, aus denen vor zehn Jahren Nelson vnid 
.seine engsten philosophischen Freunde mit klareni Wissen und Willen 
zur neuen Friesschen Schule zusammentraten. Wie aus ihr, infolge 



54 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

der allmählich sich verbreiternden Basis und unter einigem Wechsel 
der Organisationsformen, das sich herausbildete, was heute die 
Jacob Friedrich Fries-Gesellschaft darstellt — davon wird, 
ebenso wie von unseren Prinzipien und Forderungen an den einzelnen 
Zugehörigen, noch an anderer Stelle die Rede sein. 

III. 

Wir aber stellen uns heute erneut die entscheidende Frage : welches 
sind denn nun eigentlich die Prinzipien, deren Bewahrung und För- 
derung unsere Organisation sich zum Ziel setzt ? Ist die Bezeichnung 
derselben durch die Namen Kant und Fries nicht so unbestimmt, 
daß sie uns nur sehr unwesentlich von anderen philosophischen Be- 
strebungen der Gegenwart unterscheidet? Zwei Möglichkeiten 
scheinen zu bestehen. Entweder das dogmatische Hinnehmen und 
Aufnehmen aller Forschungen und Lehren dieser Meister — ist die 
Gesellschaft dann nicht zur Rolle einer dogmatischen Sekte ver- 
urteilt, deren Errichtung mit Wissenschaft, mit kritischer Selbst- 
besinnung nichts zu tun hat? Oder Kritik auch am Werke der 
Meister — mit welchem Rechte legt sich dann aber die Gesellschaft 
auf die Namen dieser Meister fest, mit welchem Recht beansprucht 
und erfüllt sie ihre wissenschaftliche Sonderstellung? 

Wir meinen: wer die »Abhandlungen der Friesschen 
Schule«!) bisher ohne Vorurteil gelesen hat, dem beantworten sich 
diese Fragen leicht. Weder die eine noch die andere Seite der oben 
aufgestellten Alternative trifft zu. Kurz und begründungslos setzen 
wir hierher, was wir als höchste Voraussetzungen unserer Gemein- 
schaftsarbeit betrachten. Gelänge es irgendeiner wissenschaftlichen 
Nachprüfung, diese Fundamente zu erschüttern, so hätte unsere 
Organisation ihr Seinsrecht eingebüßt — so wäre unsere Arbeit ein 
philosophischer Irrweg gewesen, wie es viele gab. Wir halten die 
Möglichkeit einer so gearteten wissenschaftlichen Gegenargumenta- 
tion für ausgeschlossen; wir haben Gründe für diese Meinung; ebenso 
wie wir in der Lage sind, unsere Fundamente selbst positiv wissen- 
schaftlich zu sichern. 

Diese Fundamente sind: 

das theoretische Weltbild des transzendentalen Idealismus, 

die ethische Gesinnung des moralischen Rigorismus, 

das methodische Prinzip des Selbstvertrauens der Vernunft 
in die Wahrheit ihrer Erkenntnisse, das sich wissenschaftlich an- 
wendet in der Methode des autonomen Selbstdenkens, der 
kritischen Methode. 

In diesen drei tiefsten Errungenschaften kristallisiert sich uns 
in der Tat das Erbe Kants und Fries'; und zwar mit einer Spezi- 
fität, die es von allen anderen sich kantisch nennenden Philosophemen 



1) Göttingen, Vandenhoeck und Ruprecht, 4 Bände. 



Geleitwort« zum zehnjährigen liestehen der ne\.' - bul«(i913). 55 

flondert und abhebt. Inwiefern das so ist, inwiefern ca gerade der 
speziell Friessche Anteil an diesen Grundforderungen alle*« Philo- 
BophierenH int, näntlith da«, wa« wir unter kritischer Metluxle ver- 
BteluMj, wjiH die SondcrHtelUing unseren PhiloHophiorenn lx.'dingt: 
das ist in unseren Veröffentlichungen oft und ausführlich genug 
auseinandergesetzt worden. Hier liegt die Tendenz der Fri esschen 
Schule zu sprachlicher und logischer Präzision, ihre Tendenz zu 
axiomatischcr ArWitsweisc l)Ogründet ; hier liegen die Wurzeln ihrer 
liostrebung, die kritische Lösung metaphysischer Probleme 
auf dem neutralen Boden der Psychologie zu erreichen, 
ohne in irgendeinen Psychologismus zu verfallen. Und 
ebenso liegt der Kern der Sonderstellung Friesscher Ethik in diesen 
(Srundlagen, der Autonomie der Vernunft, dem rigoristischen Prinzip 
»ind der kritisch-psychologischen Methode der Ausbildung bereits 
fest und bestimmt Ijcschlossen. Das alles kann hier nicht seine 
besondere und einzelne Begründung erfahren; auch bedarf es 
dessen nicht; dem Ausbau und der Begründung dieser Positionen 
ist ja die ganze Arbeit der Friesschen Schule mit ihren Veröffent- 
lichungen, ist die ganze wissenschaftliche Leistung unserer Gesell- 
schaft gewidmet. Hier findet der Interessierte und der Gegner die 
Mittel der Überzeugung, die wir liesitzen; und es ist uns hierbei 
sachlich nicht wesentlich, ob wir für diese Methode und Gründe von 
unseren philosophischen Lehrern übernehmen konnten, oder ob an 
deren Stelle brauchbarere, kritisch haltbarere und einwandfreiere 
Methoden selber ausgebildet werden mußten. Den Prinzipien der 
Meister sich iiinzugeben. den Geist ihrer Philosophie lebendig zu 
erhalten: das steht nicht im Widerspruch damit, an Begröndungs- 
weisen, an Einzelheiten des Ausbaues Neues zu schaffen und Kritik 
zu üben. Dieses letztere Verhalten allein vermag vielmehr den Vor- 
wurf des Dogmatismus von der Schule abzuwenden, ihrer Arbeit 
den Charakter wahrhafter Wissenschaftlichkeit zu sichern. 

IV. 

Wollen uir den Versucii wagen, die Besonderheit unserer philo- 
sophischen Stellung im Rahmen der geistigen Gesamtkultur des 
Zeitalters, in welchem sie entstand und zu ihrer jetzigen Form sich 
ausbildete, historiscli z\» umreilien*). «o dürfen wir — im Bewußt- 
sein der Lückenhaftigkeit einer derart skizzenhaften Retrospektive 
gerade im gegenwärtigen Moment — mit unserem Führer Nelson, 
der uns zuerst eine solche Überschau entwickelt hat, etwa folgendes 
feststellen. 

Der neueren Philosophie ist ihre Aufgabe gestellt worden durch 
die Entstehung der modernen Naturforschung. Diese moderne 

•) Anni. l>ei der Kom>ktur: V>jl. hiortu neuere VeruffenthchunRcn atu der 
Neuen Fries Schule, vor allem Muhlvatein, Dio rtirupuucho lU-ionnation. 
Leipzig 191!). 



56 Vorbereitende Einführung in die allgein. erkenntniskritischen Grundlagen. 

Naturforscliung hatte die alten Autoritäten aller Gebiete der mensch- 
lichen Kultur untergraben und zerstört, und so entstand das große 
Problem für die Philosophie, was nun an Stelle dieser alten Auto- 
ritäten treten sollte. Neue Normen waren statt der zerstörten auf- 
zurichten. Dies war die Aufgabe, die sich das Zeitalter der Auf- 
klärung bewußt gestellt hatte. Es galt, sich nicht mehr irgend- 
welchen neuen Autoritäten zu beugen, sondern nur »der eigenen 
Vernunft zu vertrauen«. Den historischen Höhepunkt im Vollzug 
der Lösung dieser Aufgabe stellt das Gebäude der k an tischen Philo- 
sophie dar. Aber diese Vernunft, die Normen für alle Kultur geben 
sollte, wußte man nicht von der Reflexion zu unterscheiden. Man 
verwechselte die Vernunft mit dem leeren Verstand, mit dem bloßen 
Reflexions vermögen. Es entstand so der vergebliche Versuch, die 
Normen in Wissenschaft, Religion, Ethik und Ästhetik auf bloße 
Reflexion zu gründen. Diesem Fehler war die Leibniz -Wolf f sehe 
Theorie extrem verfallen, diesem Fehler verfiel auch — will man sie 
nach ihrer tiefsten Tendenz beurteilen — Kants Kritik der Vernunft. 
Kants Kritik der Vernunft ist der großartigste Versuch, die meta- 
physischen Prinzipien auf bloße Reflexion zu gründen; sie ist die^ 
größte Anstrengung, die in der Menschheitsgeschichte gemacht worden 
ist, ihr Problem allein aus den Mitteln des Verstandes zu lösen. Und 
es war ein tragisches Verhängnis im geschichtlichen Werdegang der 
damaligen Philosophie, daß in diesem Irrtum Kants der Angelpunkt 
seines Philosophems allein erblickt wurde; die neuen und frucht- 
baren Keime, die neben ihm in Kants Philosophie sich entwickelten, 
wurden nicht beachtet. 

Es war historisch notwendig, daß ein Zeitpunkt kommen mußte, 
dem die Form, in der Kant versucht hatte, das Grundproblem der 
modernen Philosophie zu lösen, nicht genügen konnte, dem die Er- 
kenntnis aufging, daß die kantische Kritik an der Leerheit der 
Reflexion ebenso scheitern müßte, wie die Philosophie seiner rationa- 
listischen Vorgänger; dem es aufgehen mußte, daß Kant das Hume- 
sche Problem im letzten Grunde ungelöst hatte stehen lassen und 
damit den metaphysischen Skeptizismus unwiderlegt gelassen hatte. 
Diese Einsicht rief eine allgemeine Reaktion hervor. Es war ganz 
klar geworden, daß die logische Reflexion als Quelle der metaphysi- 
schen Erkenntnis unzulänglich bleiben muß und daß die Reflexions- 
philosophie, wie man dieses Unternehmen nannte, durchaus auf fal- 
schem Wege war. Die Konsequenz war eine allgemeine Verzweiflung 
an der menschlichen Vernunft. Diese Konsequenz mußte sich noch 
besonders aufdrängen durch den Ausgang der französischen Revo- 
lution, die es unternommen hatte, die Ideale der Aufklärung in die 
Praxis des Lebens umzusetzen und eine Umgestaltung der mensch- 
lichen Gesellschaft nach den Forderungen der Vernunft zu bewirken. 
Das Fehlschlagen dieser Hoffnungen schien ein deutlicher Beweis 
für die Ohnmacht der menschlichen Vernunft zu sein. Es setzte 
damals die große Bewegung ein, die man als Romantik bezeichnete. 



Geleitworte zum zehujährigmi Bealfhcn der neuen Kriciischen Schule ( 191 3). 57 

Eh trat in ihr eine Rückkehr von d«-n Idealca der Aufklürunj» zu den 
gestürzten Autoritäten ein, e« bcnmehtigte »ich der (Jebildeten eine 
allgeineine Voraclitung und ein ullgenieiner Haß g<-geii die Reflexion 
als die Quelle aller V\>e\ — man denke an den Wortführer Jacobi 
und die gerade historische Linie, die sich von ihm zu Schelling« 
Philosophie der Offenbarung hinzieht. Die Tendenz wurde groß, 
auä der Wirklichkeit, die man mit der Vernunft nicht mciMtern zu 
können glaubte, hineinzuschreiten in das Reich des Irrationalen, 
das man in sich vorzufinden vermeinte. Jener Hang zum Mystizis- 
mus trat auf, der nichts ist als die Nachgeburt der vMjweiidung von 
verstandesmäliiger Kritik, des Versuches, das freie Denken abzusetzen. 
Mehr und mehr sah man den Grund der Werte in dunklen geheimnis- 
vollen und mystischen Zonen, fern von dem l)egrifflich Klaren und 
wissenschaftlich Haltbaren. Und auch jener weitere Schritt wurde 
getan, den wir noch ülx'rall in di-r Historie auf dem Weg ins Irrationale 
vorgezeichnet finden: der kScluitt zum Historizismus, zt>r autoritären 
Heteronomie des Gewordenen. Das Staunen und die Pietät vor der 
verstandesmäßigen Unbegreiflichkeit des positiven, komplexen, 
historisch Entstandenen führte dazu, hier den eigentlichen Grund 
aller Nornu-n zu suchen. Damit taucht jene reaktionäre, hoffnungs- 
und fortschrittsfeindliciie Tendenz auf, die sich noch stets an jede 
Form der Mystik geknüpft hat. 

Daß diese Wendung im Gang der Kultur den Menschen in vieler 
Hinsicht bereichert hat, wird niemand leugnen. Damals war es, 
daß wahrhaft die deutsche Seele eine zentrale und herzliche Be- 
ziehung zur Kunst gewaiui; damals ging das Verständnis für Reli- 
gion und Geschichte dem Mensehen neu auf; und durch dies alles 
formten sich vertiefte Gebilde der Ahnung göttlichen Geistes. Und 
trotz alledem: dies ist eine Epoche innerlicher Unwahrhaftigkeit ; 
und dcshall) kann kein Zweifel sein, daß die Schattenseiten in dieser 
ganzen geistigen Bewegung, von der sich die Ciebildeten forttragen 
ließtMi, ihr Licht verfinstern. Es wäre darauf angekommen, nach dem 
Gesetzmäßigen, Allgemeingültigen zu suchen: man haschte nach dem 
Eigenartigen, Individuellen, Originalen. Ein Kultus der genialen 
Persönlichkeit setzte ein, der sich nicht selten ülx'rschlug; und auch 
die Kunst, erst leuchtende Folie und sodaiu» Ix'fruchtete Blüte der 
hier entbundenen Kräfte, wurde im historischen Verlauf der Er- 
eignisse mehr inul mehr von einer Richtung btOierrscht, die nur den 
Mystizismus begünstigte und eine Entfremdung zwischen Kunst 
und Leben schuf, die auf die Dauer Wert und Wirken der Kunst 
untergral>cn mußte. 

Wir finden die gleiche Tendenz auf allen (Jebieten geistigen Ix«lH»ns. 
Anstelle der vorher erst rebten natürlichen Religion trat die Schätzung 
des positiven Kirehentums. In der Politik kam man zurück von den 
Ideen der Menschenrechte und des Weltbürgertums zur Schätzung 
der nationalen Eigenart, der Würde der einzelnen Nationen im Gegen- 
satz zu den anderen. Und in der Rechtslehre triumphierte wiederum 



58 Vorbereitende Einführung in die aligem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

die historische Rechtsschule über das Naturrecht und sprach der 
Zeit den Beruf der Gesetzgebung ab mit Gründen, die, wären sie 
triftig, für jedes Zeitalter gelten würden. Hatte der Mangel des 
Aufklärungszeitalters in seiner bloßen Intellektualität gelegen, in 
seinen Rationalismen, in seiner Überschätzung des Vermögens von 
Wissenschaft und Verstand, so trat jetzt ein diesem Mangel gerade 
entgegengesetzter anderer auf. Ein Irrationalismus brach herein in 
verschiedenen Spiegelungen, sei es in der des Ästhetizismus, sei es der 
des Historismus. Die Frage nach der Wahrheit verschwand aus dem 
Geiste derer, die sich um ein im Subjekt allein verwurzeltes, intui- 
tives Innewerden des Absoluten bemühten; die Frage nach der Be- 
rechtigung der bestehenden Zustände wich der Untersuchung ihrer 
geschichtlichen Entstehung. 

So war es damals auch in der Philosophie. Man legte allen Wert 
auf die persönliche, originale Formel, keinen auf die wissenschaftliche 
Wahrheit. Die Philosophie zog sich von Wirklichkeit und Leben 
zurück; — sie ward zur bloßen dialektischen Abwandlung der Be- 
griffe, ohne allen Ernst und festen Hintergrund. Oder aber sie zog 
sich auf die bloße Erforschung der Geschichte der Philosophie zurück. 

Man darf sich nicht darüber täuschen, welche bedeutenden prak- 
tischen Folgen diese Änderung der Denkweise gerade auch in der 
Philosophie gehabt hat. Es sei insbesondere auf einen Umstand hin- 
gewiesen, nämlich auf den Einfluß, den die Philosophie dieser'Epoche 
auf eine der wichtigsten Formen, in denen sich philosophisches Denken 
in die Praxis des Lebens umsetzt, ausgeübt hat: auf die Politik. Es 
genügt, den Namen Stahl zu nennen, dessen legitimistische Rechts- 
und Staatslehre religionsphilosophisch auf die spätere Ausbildungs- 
form der Schellingschen Philosophie gestützt wird. Der Ausgangs- 
punkt der Betrachtungen Stahls liegt in einer Polemik gegen den 
politischen Liberalismus der Aufklärung. Diese Kritik des poli- 
tischen Liberalismus der Aufklärung besteht bei Stahl nun darin, 
daß er immer wieder auf die Leerheit der Reflexion hinweist, auf 
die Ohnmacht des Verstandes, aus sich eine Gesetzgebung für das 
gesellschaftliche Leben der Menschen zu erzeugen. Und in dieser 
Kritik behält Stahl recht. Es ist ein wirklicher Fehler der Auf- 
klärung, daß sie aus der Leere der Reflexion einen Gehalt an be- 
stimmten Gesetzen erzwingen will. Der falsche Schluß aber, den 
Stahl aus dieser Kritik des Liberalismus zieht, ist die Lehre von 
der Ohnmacht der menschlichen Vernunft, die Lehre, daß wenn wir 
nicht dem Anarchismus, der völligen Gesetzeslosigkeit verfallen 
wollen, wir zur Autorität zurückkehren müssen. Die Konsequenz 
ist die legitimistische Staatslehre, das monarchische Prinzip, und die 
Lehre vom christlichen Staat, jener göttlichen Institution, deinen 
Zweck in dem Seelenheil der Menschen liegt. 

Mit gleicher historischer Notwendigkeit aber zeitigte das roman- 
tische Denken noch andere, unter sich heterogene, politische Systeme, 
deren jedes seinen eigenen Tod in seiner theoretischen Konstruktion 



Celiütworto zum zchnjubn^' . !i<-n der neaen F^ieanbea Schule (1913). 59 

«elbHt enthält. So verMchiedcii ctwii die Hegelscho StaatHauffaM«ung 
von der StuhlHchen i.st, ho hat .sie docli mit ihr du« (JeineiriJiame 
des Gegenaatzes gegen den IndividualiHintis der Aiifklürungsplülo- 
eophie. Naeh Hegel i.st nielit das Individuum, sondern der Staat 
selbst Zweck, er ist nicht nur eine göttliche Institution wie bei Stahl, 
sondern in ihm verwirklicht sich die Gottheit selber, und das Indi- 
viduum sinkt zu dem Hange eines blolien Mittels für den Staatszweck 
herab. Die Ix'hre von der ümnipotenz des Staates ist hieraus ledig- 
lich eine Folge. Auch diese Lehre führt auf eine Heteronomie, auf 
die Unterwerfung des Individuums unter die äußere Norm des ob- 
jektiven Geistes, die in Gestalt des Staates an es herantritt. Die 
lähmenden quietistischen Folgen dieser Lehre haben bittere histo- 
rische Früchte gezeitigt. 

Alx'r die Hegeische Lehre war auch des entgegengesetzten Ex- 
trems ihrer praktischen Anwendung aufs Leben fähig. Der Mar- 
xismus ist nichts als eine ihrer Entwicklungsformen. Und dabei 
ist er nach seinen philosopliischen Fundamenten im Grunde nichts 
als ein Teilsymptom des Materialismus. Und dieser Materialismus, 
mit seiner verflachenden und kulturlosen Tendenz, steckt auch 
schon im innersten Kern des Hegelianismus mit innerer Not- 
wendigkeit mit drin. In ihm erlebt dtvs Hegeische Philosophen! 
das Schicksal des dialektischen Umschlagcns in sein Gregenteil. Was 
bedurfte es dazu weiter, als die Hegeische Begriffswelt, die für ihn 
mit der Welt des Geistes eines war, lediglicli als eine Welt bloßer 
Bfgriffe anzuerkennen, um ihr die Realität abzusprechen und damit 
<lem puren Materialismus zu verfallen! Es ist bekannt, wie Feuer- 
bach, Strauß und Marx diesen Schritt taten. In der Tat, wenn 
man den Hegclschen Realismus der Begriffe fallen läßt, so bleibt 
nichts übrig als das Dasein der Materie; und man braucht nicht 
einmal auf den .\nspruch eines absoluten Wissens zu verzichten, 
man kann an der Identität von Denken und Sein festhalten, um auf 
den Satz zu kommen, daß nur die Materie Existenz hat, und das 
Denken zu einer bloßen Erscheinungsweise der Materie zu machen. 
Es zeigt sich so, daß die höchste Blüte des romantischen Philoeo- 
phierens, daß das Hegolsehe Sj'stem, im Grunde durchaus irreligiös, 
rein naturalistisch ist und seinen entgegengesetzten Anschein nur durch 
Wortspiele vortäuscht. Nach Hegel ist Gott nur der allgemeine Be- 
griff des Seins und er realisiert sich nur im Bewußtsein der Menschen. 
Der konsequente Schluß hieraus ist, daß Gott nur in der Vorstellung 
der .Menschen existiert, daß er der Gegenstand einer puren Illusion ist. 
Und s»> steht es auch, in der praktischen Philosophie, mit dem an- 
geblichen Widerspruch des Marxismus mit der Hegelschcn Lehre. 
Der revolutionäre Charakter der marxisti.schcn und der Quietismus 
der Hegelschcn und Stahlschen Staatsdoktrin scheinen nichts Ge- 
meinsames zu iH'sitzen. Um so interessanter ist es, zu sehen, welche 
gemeinsamen kulturellen Züge tlie marxistische Lehre gerade mit 
diesen ihren .\ntip<>d«'n verbindet. Das Gemeinsame jener an und 



60 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

für sich so entgegengesetzten politischen Auffassungen liegt in der 
Kritik des von der Aufklärung überkommenen politischen Liberalis- 
mus. Dem reflexionsphilosophischen Aufklärungsliberalismus, der in 
seiner Konsequenz als Anarchismus erkannt wird, wird eine Auffas- 
sung entgegengesetzt, die das Selbstbestimmungsrecht des Indivi- 
duums einem inhaltlich bestimmten Staatszweck unterordnet. Alle 
diese Staatslehren kommen so zu einem heteronomen politischen 
Prinzip. Der Unterschied ist nur der, daß bei Stahl der Staat wesent- 
lich zum religiösen Vormund der Bürger gemacht wird, bei Marx 
zum wirtschaftlichen. So zeigt sich hier, daß die beiden ganz feind- 
lichen Parteien, die konservativ-klerikale und die sozialistische, die 
sich heute die politische Herrschaft streitig machen, in ihrer theo- 
retischen Begründung und damit zugleich ihrer historischen Ent- 
stehung einen gemeinsamen Ausgangspunkt besitzen : nämlich in der 
Reaktion gegen den aus der Aufklärungsphilosophie stammenden, 
irrig fundierten individualistischen Liberalismus. 

Und wiederum waren es die Naturwissenschaften, welche 
zum zweitenmal in den Gang der neueren Philosophie eingriffen und 
diese ganze romantische Bewegung hinwegfegten. Die Naturwissen- 
schaften, wenigstens in ihren theoretischen Teilen, waren der einzige 
Zweig der allgemeinen Kultur geblieben, der durch die romantische 
Spekulationsweise nicht in Mitleidenschaft gezogen worden war. 
Ihre Sicherung lag in der festen Ausbildung ihrer Methode. Und 
von dem Ausbau dieses methodisch gesicherten Besitzstandes ging 
die Gegenbewegung aus. Aber diese Gegenbewegung verfiel, sobald 
sie sich philosophisch generalisierte, in dieselbe Einseitigkeit, wie 
die schon vorher unter dem Einfluß der Naturwissenschaften in der 
Philosophie entstandene Strömung; sie verfiel in den Empirismus, 
den Monismus und die verschiedenen anderen Spielarten des Na- 
turalismus. Abermals handelte es sich um die Tendenz, unabhängig 
von allen Autoritäten zu werden. Dies Ziel hoffte man mit Hilfe der 
Naturwissenschaften zu erreichen. Mit ihrer Hilfe hoffte man alle 
Fragen lösen zu können, von deren Entscheidung die Regelung des 
gesellschaftlichen Lebens der Menschen untereinander abhängt. Von 
ihr erhoffte man praktische Normen. In diesem historischen Momente 
sollte besonders die neue evolutionistische Biologie die Erzeugerin 
der neuen Philosophie werden. Aber auch dieser Naturalismus 
mußte sich bald überleben. Er trug den Keim der »Selbstzerstörung 
von vornherein in sich. Dieser Keim der Selbstzerstörung lag in der 
kritiklosen empiristischen Grundauffassung von der Methode der 
Naturwissenschaften. Die Konsequenz dieses Empirismus ist all- 
mählich der Skeptizismus; und dieser Skeptizismus mußte sich 
schließlich gegen die eigenen Ergebnisse der Naturforschung selber, 
die ihn zum Siege geführt hatte, richten. Er mußte zur Bestreitung 
der Möglichkeit von Naturerkenntnis überhaupt und auf der anderen 
Seite damit zugleich zur Bestreitung der Möglichkeit einer Erkenntnis 
objektiver Normen in der Ethik führen. 



(IfUitvrortc zum ix'hnjahri^;' ! .11 der ncu«-n Krifi»*chon Schule (1913). Gl 

l>if .HkoptizistiHchen KonHcqufnzeii trefffii daher nicht nur die 
vcrfehltfii ViTSUflic eituT philosophiHchen AuHlM*utung der Natur- 
wiMsenschuften, sondern sie inuliten die eigene Autorität der Natur- 
wissenHclmften seihst untergrahen. Und dann niulite diene an sich 
HclbKt verzweifehide Wissenschaft auch alshahi aufhören, der all- 
irenicinen, reaktionär ronmntischen Bewegung feindlich zu bleiben. 
Indem sie auf ihre urMpriinglichen Ansprüche verzichtete, zur Er- 
kenntnis objektiv gühiger (lesetze zu gelangen, hörte sie auf, diesem 
v«rfeinerten AU-rglaulx-n g»'fährlich zu »ein. Denn eine Natur- 
wissenschaft, die niclit objektive Gesetze der Natur er- 
kennen will, sondern »ich darauf beschränkt, Konven- 
tionen zu treffen, hinsichtlich der Art, wie es für uns 
zweckmäßig ist, über die Natur zu denken, die also ülier- 
haiipt darauf verzichtet, ülxjr die Natur zu urteilen, eine solche 
Naturwi.ssenschaft wird notwendig mit jedem iK^liebigen Alx"rglauben 
iii Kintracht leben können. So zeigt sich, daÜ letzten Grundes auch 
diesem im Namen der Aufklärung und der Geistesfreiheit auftretenden 
Kmpirismus eine reaktionäre Tendenz anhaftet. In der Gegenwart 
sehen wir sie bereits breit entwickelt. Die fortgeschrittenen gegen- 
wärtigen Kinpiristen leugnen, dali die Naturwissenschaft Gesetze 
erkennen kann, die objektiv in der Natur gelten; sie Ijehaupten, daß 
das Gesetz der Naturwissenschaft sich, soweit es über die bloüe und 
mitteilbare Beobachtung und das Experiment hinausgeht, lediglich 
auf Definitionen Ix-schränkt, d. h. auf willkürliche terminologische 
Festsetzungen. Wenn wir also nach den Wahrheiten fragen, die in 
der Natur gelten, so schweigt die Wissenschaft. Die Antwort auf 
solche Fragen gibt uns nicht die Wissenschaft, sondern nur die Kirche, 
die alte oder eine neue! Diese Auffassung findet sich allerdings so 
unumwunden nur bei wenigen ausgesprochen. Aber die Ursache 
liegt nicht etwa in einem sonderbaren und zufälligen Einfall dieser 
wenigen, sondern in einem grolnMi Mang»>l an Konsequenz Ix'i den 
anderen. Die einzig bündige Konsequenz aus dem in der Wi.sscn- 
schaft heute allgemein angenommenen Empirismus ist die Ohnmacht 
der Wissenschaft in bezug auf die Erkenntnis der Wahrheit. Diese 
Konseciuenz ist für jeden logisch Denkenden so einleuchtend, daß 
sie sich mehr und mehr durchsetzen muli; und das um so mehr, als 
andere Mächte an dieser Knt wickelung ein starkes Interesse haben. 
Es findet liier eine Kapitulation der Wissenschaft vor den äuUeren 
Autoritäten statt und es treten wieder hetcronome Prinzipien daa 
Erbe der sich seilest verachteiulen Wissenschaft an. So entsteht eine 
große rück.Hchritt liehe Iknvegung durch die die mehrhundertjährige 
BefreiungsarU'it der Wissenschaft wieder rückgängig gemacht wird. 
Diese Ent Wickelung ist teils (irund, teils erst recht auch Folge 
der Nicht l>eachtung und des Nicht verstehens der kritischen Philo- 
sophie, wie sie von Fries ausgebildet worden ist. Die gegenwärtig© 
Philosophie hat sich auf diese Weise sell>st ihr Urteil gesprm'hen, sie 
hat auf ihren großen Beruf verzichtet, der ihr in der Geschichte der 



62 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniekritischen Grundlagen. 

Menschheit zukommt, auf ihren Beruf als Beschützerin der Geistea- 
freiheit und als Hüterin der Autonomie der Vernunft. 

Ein Ausweg ist hier nur möglich durch eine Rückkehr 
zur kritischen Philosophie. Nur möglich dadurch, daß man 
den Grundfehler, der dieser historischen Entwickelung zugrunde 
liegt, aufdeckt und beseitigt. Dieser Fehler ist letzten Endes kein 
anderer als die Nichtunterscheidung der Vernunft von der leeren 
Reflexion. Die Aufklärung des Unterschiedes von Reflexion und 
Vernunft ist der Ausgangspunkt der großen Reform der Philosophie, 
die Fries begründet hat. Es kommt nunmehr darauf an, dieser 
Friesschen Entdeckung allgemeines Verständnis und allgemeine 
Anerkennung zu verschaffen, um den wirklichen Mangel der Auf- 
klärungsphilosophie zu beseitigen und damit auch zugleich die Wurzel 
der durch ihn erzeugten reaktionären Bewegung, unter deren wachsen- 
dem Einfluß wir heute noch stehen, zu zerstören. Es ist der gemein- 
same Fehler der Auf klärungsphilosophie und der ihr entgegengesetzten 
romantischen Philosophie, die Vernunft mit der leeren Reflexion 
verwechselt zu haben. Ebenso verkehrt wie es war, aus der bloßen 
Reflexion, dem bloßen Vermögen der Aufklärung, den Gehalt, den 
nur die Vernunft geben kann, erzwingen zu wollen, so war es auf der 
anderen Seite verkehrt, durch die richtige Einsicht in die Unmöglich- 
keit dieses Beginnens, die leere Reflexion zur Quelle aller Wahrheit 
und Gesetzgebung machen zu wollen, zu einer Verzweiflung an der 
Vernunft selbst sich hinreißen zu lassen. Durch die Trennung von 
Vernunft und Reflexion werden diese beiden entgegengesetzten 
Fehler zugleich aufgehoben. Durch sie allein gelingt es einerseits, 
die skeptische und anarchistische Konsequenz der bloßen Reflexions- 
philosophie zu vermeiden, und andererseits die romantische Konse- 
quenz, die mit der Verwerfung der Reflexion verbundene Rückkehr 
zur äußeren Autorität auszuschließen. Die Reflexion ist allerdings 
für sich leer, aber wir können doch nicht ohne sie zur Wahrheit ge- 
langen. Sie ist vieiraehr das notwendige Mittel, um die in uns liegende 
dunkle Erkenntnis der Vernunft zur Klarheit des Bewußtseins zu 
erheben. Wir können uns über die Schranke der Reflexion nicht 
dadurch hinwegsetzen, daß wir die Reflexion von uns werfen; damit 
verzichten wir überhaupt auf das Bewußtsein der Wahrheit. Wir 
können es nur dadurch, daß wir die Reflexion zu Ende führen bis zu 
dem Bewußtsein um den Gehalt der unmittelbaren Erkenntnis zu 
unserer Vernunft. 

So soll uns die Friessche Philosophie wieder dazu verhelfen, 
gegenüber allen falschen Lehren von der Ohnmacht der menschlichen 
Vernunft eine Lehre vom Selbstvertrauen der Vernunft in ihre Rechte 
einzusetzen. Sie soll uns dazu verhelfen, aus dieser Lehre die prak- 
tischen Konsequenzen für das Leben zu finden und festzusetzen! 



(;. Mjahrigenli .ic(i913). 63 

V. 

Wenden wir den Blick aber von diesem hirttorischon Hilde zum 
gegenwärtigen Stande der geistigen Kultur, ho erkennen wir, daß ihre 
Herkunft und ihre Entwickclung ihren Charakter bestimmt haben. 
Noch stehen im geistigen Zentrum doa gegenwärtigen Ix-bens die 
fortwirkenden Kräfte der naturwissenachafl liehen Arbeit der letzten 
Menschenalter. Feindselig al>er bestehen auf der anderen Seite 
neuroniuntische CJegenströinungen. 

Niemand wird den außerordentlichen, rasch errungenen Fort- 
schritt der Xiiturerkenntnis in den letzten Jahrzehnten leugnen und 
verkleinern wollen. Aber die allgemeine begeisterte Aufnahme ihrer 
Erfolge, vom ganzen Volke gespürt an einer ungeahnten Erleichterung 
technisch sozialer Bedürfnis l>efriedigung, führte zur ül>ersteigerung 
der an sie gestellten Anfortlerungen und Hoffnungen, ein abgerundetes 
Weltbild geben zu können, was ihr dem innersten Wesen und dem 
wahren Anspruch nach versagt ist. Zugleich stellte sich eine Über- 
schätzung der praktischen Werte ein, welche durch sie zweifellos 
errungen worden sind. Sie schien zum Quell aller Werte überhaupt 
zu werden, und diese .\uffassung verrät eine Selbstgenügsan^keit, 
eine selbst überhebende Selbstbeschränkung, die notwendig alle Be- 
wegung ülxjr die Nützlichkeitswerte hinaus zu den zeitlosen, an sich 
gültigen Werten zum Stillstand und zum Zurückfluten bringen und 
in einer Art von geistiger Barbarei endigen muß. Diese beiden furcht- 
baren Fehler in der Einschränkung des Wertes der Naturwisseixschaft 
für die Erkenntnis und für das Leben hängen miteinander zusammen. 

An der theoretischen Überspannung des naturwissenschaftlichen 
Erkenncns und seiner Wendung ins Weltanschauliche sind die Natur- 
forscher großenteils selber schuld. Nur eine Minderzahl sind jene 
Theoretiker, die resignieren. Und wenn sie resignieren, so geschieht 
dies so radikal, daß sie hoffnungslosester Skepsis und reaktionären 
Dogmatismen verfallen. Die Mehrzahl der Naturforscher 
aber, von dem Erfolge ihrer Einzeldisziplin getrieben, 
legt ihren naiven und hoffartigen Empirismus auch an 
alle Probleme des reinen Denkens. 

Die mechanistische Naturauf fa.ssung schlägt über in eine Mecha- 
nisierung des Welt ganzen. Materialistische Auffassung verödet alle 
Erkenntnis, alle Lebensgebiete. In der Seelenlehre täuscht die ex- 
perimentelle Verf lachung eine erkünstelte Vertrautheit mit jenem 
Geheimnisvollen und Tiefen unserer geistigen Organisation vor, die 
\ms verliehen ist, um Welt und Wert in ihrem Wesen zu begreifen. 
Eine mehr oder wei)iger verschämte Nützliehkeitslehro leitet die 
Bildung der olwrstcn Normen unserer sittlichen Haltung aus irgend- 
welchen sozialen Instinkten oder aus Kindheitserfahrungen her; und 
mit dieser Genesis glaubt sie ihre Geltung zu rechtfertigen. Am 
Ganzen sozialer Bildungen sieht sie als wesentliches nicht mehr die 
Persönlichkeit, ilir Wirken, ihre Motive und ihren Wert, sondern 



64 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

dynamische und ökonomische Bildungsfunktionen, die, aus toter 
Masse quellend, starr und leblos und jenseits alles menschlichen 
Wollens sich verweben. Es ist schon viel, wenn einer von diesen, 
durch alle Entwickelungsmoral und Soziologie hindurch, das wahre 
ethische Problem überhaupt bemerkt, überhaupt anerkennt: es ist 
schon viel, wenn ihn dieses Sehen zu derjenigen Haltung treibt, die 
der Empirist vor der apriorischen Norm, die er nicht ausmerzen kann, 
allein einzunehmen fähig ist: zur ethischen Skepsis. Entgötterung, 
Entsittlichung, Entpersönlichung: dies Endziel empi- 
ristischer Geistesrichtung ist längst erreicht und wirkt 
in der Masse weiter. 

Aber auch das Gegengift der anderen Seite unseres Geisteslebens 
ist, an sich betrachtet, ein Gift. Transzendentalismen, die an Schel- 
ling und Hegel anknüpfen, ein Historizismus, der im tiefsten Grunde 
skeptisch und schrankenlos-subjektiver Individualismus ist, ein Ethos, 
das im Individuum wurzelt und der objektiven Begründung ermangelt, 
die es auch nach dem Stande der Methode jenes Philosophierens 
niemals erfahren kann; dazu eine Geberde von Religiosität, Ver- 
achtung der ehrlichen und sachlich begrenzten Arbeit der Natur- 
wissenschaft und eine im tiefsten Grunde reaktionäre Tendenz, deren 
Wurzeln wir vorhin aufzeigten: in dieses Extrem entflieht man dem 
anderen. Die individuelle Zerfahrenheit und Zuchtlosigkeit der gegen- 
wärtigen Kunst, die sich, statt ihre Kräfte harmonisch zu ordnen, in 
schrankenlosen Subjektivitäten entlädt, ist ihre hybride Blüte. 
Und zwischen beiden Extremen, zwischen der Entgeisti- 
gung der Welt und der Verachtung des Gesetzes, pendelt 
der Geist der Moderne hin und her, direktionslos, neuig- 
keitslüstern, unverantwortlich, unschöpferisch, anar- 
chisch zum Verfall hin. 

Wir aber in unserer Arbeitsgemeinschaft wollen wieder 
aufrichten helfen die Achtung vor echter Naturwissen- 
schaft; aber ihren Anspruch an Erklärungswert begrenzen. 
Das Ethos wollen wir hochrichten; aber auch begründen. 
Wir wollen Gott nicht hineinziehen in das historische, das psycho- 
logische, das naturwissenschaftliche Erfassen und Bestimmen der 
Gegenstände unserer Umwelt, aber ihn bekennen. Metaphysik 
wollen wir, aber als strenge Wissenschaft. 

Und wir sind unserer Sache sicher. Mag, im gegenwärtigen Mo- 
mente noch, die offizielle Philosophie an den deutschen Hochschulen 
sich der Lehre Fries' mehr oder weniger verschließen: es kann die 
sichere Fortwirkung ihrer W^ahrheit nicht berühren. Im Gegenteil: 
wir glauben konstatieren zu müssen, wie die. gänzliche praktische 
Ohnmacht und Einflußlosigkeit dieser offiziellen Philosophie auf das 
soziale und kulturelle Gesamtniveau unserer Zeit gerade daraus ent- 
springt, daß sie aller der Elemente mangelt, die das Wesen unserer 
Philosophie ausmachen. In stetem Ringen mit dem ethischen Pro- 
blem, dem sie methodisch nicht gewachsen, auf dessen Wissenschaft- 



G oldtworle zum zchnj.ihrig«-n H©j<U"hon (U't neuen Friofsoh'-n Schule (1913). 63 

liehe Lösung «io nicht vorbereitet ist, hlfibt die offizielle Philosophie 
eine Utitt'rhnltiing von Kuchleuten, die oline ütiÜcrf* H^-Monanz in» 
(tanzen des geiHtigcn DeutHchland verhallt. Wir alx-r, die wir gern, 
und in gleicher Weiae ohne Stolz und ohne Bescheidenheit, außerhalb 
dieser Konvent ikel stehen, dürfen mit Freude in unseren Iteihen vor- 
wiegend PerHÖnlichkeiten au« der Praxi.s deH Lelxjns sehen. Päda- 
gogen, Politiker und Theologen, die ihrer lietütigung letzte Normen 
und Wissenschaft liflie Si(;herung von der philosophischen Arbeit der 
Schule erhoffen und erhalten; Männer der Einzelforschung aus allen 
Zweigen der Naturwissenschaft, der Historie und der soziologischen 
Disziplinen, die ihre Arbeit am wissenschaftlichen Weltbild unserei' 
i*hilosopheins gesichert verankern und aus dieser Verknüpfung den 
Wert und die wi.ssenschaftliche Bedeutung ihrer Einzelarl>eit zu er- 
kennen und zu iK'grenzen vermögen. 

Wir wi.s8en, wie klein unser Kreis noch ist, wie lx?grenzt unsere 
Arbeit, wie wenig weittragend unsere äußere Wirkung. Aber im 
Keime wenigstens, das dürfen wir bereits heule aussprechen, schlingt 
sich um divs Zentrum der kritischen Philosophie von Kant und Fries 
in unserer Arl^Mtsgemcinschaft, nicht nur die universitas scientiarura, 
sondern auch die Gesamtheit praktisch geistiger Be»ufe. Hier, da.s 
glauben und hoffen wir, liegt die Wurzel unserer Kraft, hier die Ver- 
heißung unserer Zukunft. 



Kronfeld, P«]rchUUkKb« Er 



Windelbands Kritik des Phänomenalismus und die 
Aufgabe der Psychologie im Ganzen der Erkenntnis. 

Es ist neuerdings üblich geworden, auf die Psychologie und ihren 
wissenschaftlichen Anspruch zu scheiten und so zu tun, als mische 
sie sich unbefugt in wichtige menschliche Angelegenheiten ein, deren 
Bearbeitung ihr nicht zufalle, und deren Lösung ihr versagt sei. Man 
wirft ihr vor, sie verflache durch ihr ungeziemendes Eindrängen die 
ethischen und religiösen Grundfragen, indem sie die Norm des Sitt- 
lichen und den Gehalt des Glaubens auflöse und verflüchtige, als 
seien das zufällige menschliche Vorstellungsweisen, mit ebenso zu- 
fälligen anderen Inhalten und Abläufen verknüpft und aus ihnen 
herleitbar, und zu einer höheren Betrachtung dieser Dinge vermöge 
sie sich nicht aufzuschwingen. Und man behauptet, eine gleiche 
psychologische Verständnislosigkeit vor dem Anblick der Funda- 
mente allen Wissens und jener dunklen Gründe zu finden, aus denen 
künstlerisches Schaffen und Erfassen kommt. Darum nennt man 
den Psychologen flach und ehrfurchtlos, einen, dem die Tiefen fehlen, 
aus denen die großen transzendierenden Kräfte des Geistes aufsteigen; 
darum sei er selber zur Sterilität verurteilt und ersetze — ein trivialer 
Pedant — seine Unfähigkeit zur Zeugung wahrer Werte durch eine 
empirische Verflachung und Mechanisierung der seelischen Kräfte; 
aus seinem Ohnmachtsgefühl und der eigenen Armut heraus parasi- 
tiere er in der reicheren Seele der anderen; und besonders nimmt 
man ihm seine Apparate übel. Und es ist seltsam, daß ungefähr die- 
selben, die das sagen, dennoch von den psychologischen Fragestel- 
lungen sich nicht losmachen können und in nur methodisch oder 
heuristisch andere Bahnen gleiten, mögen diese nun an den Namen 
Freud anknüpfen oder an okkultistische Hoffnungen oder an spiri- 
tistische Glaubensartikel. 

Es geht bei diesen Verwerfungsgründen psychologischer Betrach- 
tungsweise, scheint mir, die Rede und der Begriff von vielem durch- 
einander, das man wohl trennen sollte. 

Niemand wird verkennen, daß ein Psychologismus in die Arbeit 
des Geistes und in die Welt der Werte und Geltungen eingedrungen 
war, der sich mit allem fertig dünkte, wenn er es hinsichtlich seiner 
seelischen Gegebenheit erkannt und zergliedert — schlimmer: wenn 
er es in eine psychophysiologische Schablone gebracht und von ihr 
aus »erklärt« hatte. Das spezifisch Heutige dieses Psychologismus 
ist seine biologische Note; im Prinzip ist er ein Teilphänomen jenes 



Windel bands Kritik d. l'huuuiiunalisinujt u. d Aufgabe d. l'Hycbologie u«w. 07 

ultübcikumiueneii Ktupiri.HinuH, der Hcit den Tagen der Hngländer 
mit einer Art hiütorisclion Zwangen und gloieliHani traditionell mit 
rutionalereti IMiilosopheinen weclmelt. So folgte Leibnizauf Locke, 
urul nai'li H u nie kam Kant; nach dem HrbiitsMen Hügel« erschienen 
Beneke und Mill; dieser aber und Spencer bilden da« metluxlo- 
UjgiHchü Arsenal einer Natnrwisaenschaft, deren Siegesgefühl vor 
keinem Problem mehr zurückMchreckt. Ihre letzten philooophiüchen 
Vorfechtcr leben jetzt, und der biologische oder, wie er «ich gerne 
nennt, pragmalische Psychologismu« ist ihr Produkt. Die Iloaktion 
auf ihn, von der wir eingangs sprachen, ist das erste Symptom des neuen 
Kichtungswechsels : die Transzendentalismen kommen wieder auf. 

Ich will prinzipiell l)chaupten, wa« sich schon aus der Wertung 
dieses historischen Geschehens ergibt : daß es keinen Gewinn darstellt, 
wenn der jjsychologistische Fehler von dem transzendentalist ischen' 
abgelöst wird. Wozu wird ein transzendentalist isches Erkenntnis- 
theorem kt)nstruiert '. Es sollen letzte, allgemeinste Sätze hin.sichtlich 
ihrer Geltung Ix^gründel werden. Gewiß darf man diese Geltung nicht 
dadurch beweisen, daß man sie psychologist isch auf Weisen inneren 
i'lrfahrens zurückbezieht, aus denen sie stammen sollen: sie gelten 
ja vor aller Pwfahrung und unabhängig von ihr. -Aber man darf eben- 
sowenig den Versuch machen, diese letzten Erkenntnisgründe aus 
Voraussetzungen zu ersciiließen, deren Geltungswert der ihrigen 
gleicht : denn diese Voraussetzungen müßten, um den versuchten 
Schluß zu gestatten, noch allgemeiner sein, als jene letzten Erkenntnis- 
gründe, die erst aus ihnen folgen sollen. Diese sind al)er als die all- 
gemeinsten definiert. Und wolier käme denn der Geltungsgrund 
jener »Voraussetzungen«? Für ihn erneuerte sich doch das Problem 
der Gellung, das man gerade lösen wollte. In der Tat werden alle 
ilicse Transzendentalismeu an irgendeinem Punkte dogmatisch. Sie 
»setzen «dann l>edingungslos irgendwelche »letzten«, endgültig letzten 
Prinzipien oder sie gel)cn vor, sie intuitiv zu erfassen; und dann ist 
der H<'i'htsanspruch dieser Intuition da.s Dogma. Wäre ein Trans- 
zendentalismus wirklich ein Fortschritt unserer fundamentalen Er- 
kenntnis, so wäre der stete Rückschlag ins Psychologist ische gar 
nicht zu Ix^greifen. Ihm bleibt ein Erdenrest zu tragen peinlich. 

Aber damit ist der Psychologismus nicht etwa gerechtfertigt. 
Aus der zufälligen Wirkli<'likeit seelischer Befunde läßt sich gewiß 
die CJellung der liöchsten Prinzipien nicht beweisen I Deren Geltung 
ist ja die wesentliche Voraussetzung auch für die bloße Möglichkeit 
jener liefunde. Die psychologist ische Wendung ist wirklich ein 
Relativieren der ewigen und wesenhaften Fundamente des Geistes; 
sie ist elx'nso flach wie sinnlos; denn mit dieser Relativierui " t 

sie nur, daß auch alle un.sere Erkenntnis ihren aijsoluten W 
wt>rt einbüßt; und ist das so, dann wird man auch den Wert ihrer 
»Wahrheiten« einzuschätzen wi.ssen. 

Iit der Tat ist die relativistische Zeit des Geistes eine Zeit der 
Normlosigkeit. Auf allen Gebieten hat sich das gezeigt, dem der 

5« 



68 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

Kunst wie dem des Erkennens und des Glaubens. Und da am Be- 
wußtsein der Norm das Schöpfertum verankert ist, so ist die psycho- 
logistische, relativistische Epoche eine solche unschöpferischer Leere 
und Ärmlichkeit. 

Und es mag sein, daß die Psychologie da manchmal als will- 
kommene Ausflucht gedient hat, um diese Unfähigkeit zur Gestaltung 
der Totalität vom eigenen Geiste aus mit dem Schilde einer objektiven 
Notwendigkeit, einer gegenständlich bedingten Resignation zu decken. 
Aber die Ehrfurchtslosigkeit und das selbstzweckhafte und somit 
zwecklose Zerspellen der Realitäten schützt sich nur mit dem psycho- 
logistischen Vorwand, zu dem es die Psychologie mißbraucht; es 
wäre auch ohne sie da und würde sich anders entladen, wäre ihm ihre 
Methode verschlossen. Wie die Menschen sind und wie ihre Charaktere 
und Neigungen, dies ist ganz gleich; es ficht die Wissenschaft nicht 
an, er rührt nicht an ihre Methoden und ihren Bestand, die ihrem 
eigenen objektiven Gesetze gehorchen. Die Wissenschaft von der 
Natur und ihre notwendigen Weisen des Auflösens und Zergliederns 
sind als solche weder ehrfurchtslos noch ehrfürchtig; sie stehen in 
der erhabenen Sphäre einer Sachlichkeit, die eine Bewertung nach den 
Motiven menschlicher Zufälligkeiten nicht duldet. Und die Psycho- 
logie, die Wissenschaft von der Natur der Seele, soll nicht ungerecht 
das Opfer eines ethischen Unwillens werden, welcher wider den Selbst- 
gefälligen frommt, der weltanschaulichen Mißbrauch mit ihr treibt. 

Sie hat aber auch in der Fundierung der metaphysischen Prin- 
zipien, der ethischen Normen, der höchsten religiösen Geltung, ihre 
Stelle. Und mit dieser Behauptung, die, wie wir zeigen werden, 
nur scheinbar im Widerspruch zu dem bisher Gesagten steht, knüpfen 
sich diese Ausführungen an die jüngst erschienene Abhandlung 
W. Windelbands: »Über Sinn und Wert des Phänomenalismus «i). 
Der bedeutende Geschichtsschreiber der Philosophie nimmt es hier 
auf sich, gegenwärtige Tendenzen der geistigen Bewegung, noch 
bevor sie zu Reife und Frucht gelangt sind, wie fertige historische 
Ganzheiten zu werten. Eine solche Behandlung der flüssigsten aller 
schwebenden Fragen kommt, bei aller Weite der Perspektive, doch 
immer auf Prognosenstellung und Warnung oder Zustimmung hinaus. 
Darin liegt ihr Wert, aber auch ihr Stachel für den Leser, der sich 
noch in unbefreitem Mitarbeiten an dem Problematischen weiß, auf 
das Windelband bereits wie auf Fertiges und Abgeschlossenes 
zurückblickt. Prognosen sind Dekrete, und Dekrete in Grundfragen 
der Philosophie fordern zur Auflehnung heraus. Dadurch wirken 
sie Gutes : denn indem sie Lösungsmöglichkeiten ausschalten, müssen 
sie sie zuerst aufstellen; so wächst, an der Hand Windel band scher 

1) Sitzungsber. d. Heidelberger Akad. d. Wissensch., philos.-histor. Klasse, 
9. Abhandl. 1912. Wir verstehen hier und in dieser ganzen Abhandlung aus- 
drücklich unter Phänomenalismus nicht die sich selbst so nennenden Spiel- 
arten des »positivistischen« Empirismus eines Mach usw., — sondern das 
Gleiche, was Windelband meint: die Naturtheorie des kritischen Idealismus. 



Windi-lbandd Kritik d. i'ha.. .,. . ......ci , , u. d. Au/gu.^ ^ , v bulogie usw. 69 

CJedunkonführung, diu Einniclit und CborsiiJit des \VidiT«trfitendon. 
Dieses M(Mneiit i.st es, iiebon der Bedeutung des Denkers und I^*hrers 
Windel band, in erster Linie, diis uns zu auHführlicher Würdigung 
seiner Ablumdlung veranlnÜt. Hierzu alx*r kunimt ein weitere«: 
Windel band ist einer von jenen transzendentalistiaehen Verächtern 
der Psychologie; und aueii Windelbands neue Arlx-i^ wci.st der 
Psychologie eine Stellung im und zum Erkenntnisganzen zu, die von 
den Psychologen nicht unwidersprociien hingenommen werden darf. 
Die Zuweisung dieser Stellung ist aber durch tiefgreifende allgemein- 
philosophische Anschauungen fundiert, und ist typisch für eine starke 
Strömung gegenwärtiger »Kulturphilosophie f, deren Exponent hier 
Windelband ist. Wir sollten diesen Streit einmal ehrlich aus- 
fechten! Für die Argumentation der gekennzeichneten Richtung ist 
nun Windelbands jüngste Abiiandlung ein vorbildliches Beispiel. 
Sie verwirft den Phänomenalismus als Philosophera; sie billigt seine 
Betrachtungsweise zwar der mathematischen Xnturtheorie als Maxime 
zu, erklärt aber das GegenstuncLsgebiet naturwissenschaftlicher Er- 
kennt iiisart als übi'rhaupt von nur sekundärem Belang, dem gegen- 
über »das V^erständnis der Welt der Werte, als der höheren Realität, 
durch die Kulturwissenschaft, d. h. durch die historischen Dis- 
ziplinen«, gewährleistet werde. Anthropologische Arbeitsweisen 
werden daher nicht ohne Heftigkeit als untauglich zu philosophischer 
Grundlegung verworfen; auf die »große Bewegung der Idcntitäts- 
philosopiiie«, auf Schellings »Transzendentalen Idealismus« als 
die vorgezeichnete Richtlinie einer wahriiaft fortschreitenden philo- 
sophischen Entwicklung wird bekenntnishaft hingewiesen. Auf die 
Begründung, die solche (Jedanken tragen soll, muß gerade der Natur- 
wissenschaftler, der Phänomenologo und Psychologe, eingehen, um 
sein Wirken vor sich selber zu rechtfertigen. 

Windel band hält es für bedeutsam an der Philosophie dieser 
Zeit, daß sie die Einschränkung philosophischer Arlx»it auf Erkennt- 
nistheorie aufzugeben und zur Behandlung der »eigentlichen« sach- 
lichen Probleme vorwärts zu dringen scheint. »Denn eine sich von 
allen inhaltlichen Problemen ausschließende Erkennt nb«theürie, die 
keine tieferen Wurzeln iiat, ist immer in (Jefahr, auf die Dauer ent- 
weder zu einer sehenuitischen Methodologie oder gar nur zu einer 
psychologischen Entwicklungsgeschichte der Vorstellungen zu ver- 
dorren: ihr natürliches Ende ist der Relativismus, der «ich heute 
Pragmatismus nennt.« Dekrete! aber sie sollen uns zunächst noch 
nicht aufluiiten. — Das (^IxTwiegen erkenntnistheoretischer Pro- 
bleme, inunerhin entschuldigt als eine »geschichtlich notwendige 
Zwischenstufe«, fand seinen Ursprung in einer einseitigen Restriktion 
der Philosophie auf Kants Phänomenologie, auf seine Zertrüm- 
merung der alten .Metaphysik, »seine Lehre von der wissenschaftlichen 
Unerkennbarkeit des Dings-an-sich «. Das Karditialproblem der 
Erkenntnistheorie, das Verliältnis von Bewußtsein und Sein. Wuison 
und Wirklichkeit, Erkenntnis und Gegenstand wird vom Phäno- 



70 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritisclien Grundlagen. 

menalismüs nach einer der möglichen Richtungen beantwortet. 
Jene Frage, sagt Windelband, »erlaubt viele Antworten: das 
Verhältnis muß durch irgendeine Kategorie gedacht 
werden, und es lassen sich mehr als eine mit guten Gründen darauf 
anwenden . . . « Ist das richtig ? Jenes Verhältnis läßt sich auch 
rein semiotisch, im Sinne einer Zuordnung ohne irgendwelche kate- 
goriale Bestimmung, denken, als ein »Entsprechen« von Erscheinung 
und Gegenstand, ein Zeichensein oder ein »Hindeuten« des Scheins 
aufs Sein (Herbart). Man kann diese Zuordnung sogar als moda- 
lisch notwendig setzen, wenn man auf dem Standpunkt steht, daß 
lediglich die Art, die Bestimmtheit der Notwendigkeit, nicht aber die 
Notwendigkeit selber in einem Verhältnis kategorial gedacht werden 
muß. Freilich ist dieser Standpunkt kein unanfechtbarer, und teilt 
man ihn, so bleibt doch die Setzung der Notwendigkeit in diesem 
Falle ein erkenntnistheoretisches Dogma. Doch ist das semiotische 
Erkenntnistheorem auch ohne diese Dogma möglich i). Aber sehen 
wir von alledem ab, gestehen wir selbst zu : das Verhältnis von Gegen- 
stand und Erkenntnis müsse »durch irgendeine Kategorie gedacht 
werden«, so gilt diese Forderung doch nur, wofern es überhaupt 
»gedacht«, erkannt zu werden vermag. Windelbands 
Formulierung setzt eine objektive Erkennbarkeit dieses 
Verhältnisses bereits voraus. Ist die Frage nach dieser Er- 
kennbarkeit nicht aber eben das Problem der Erkenntnistheorie? 
Und löst nicht der Phänomenalismus dieses Problem gerade, indem 
er es als unlösbar erkennt? Bestreitet er nicht gerade die Erkenn- 
barkeit, die objektive Bestimmbarkeit der Beziehung zwischen Er- 
kenntnis und Gegenstand? und daher auch jede der möglichen kate- 
gorialen Bestimmungen dieser Erkennbarkeit? Denn es fehlt ihm 
an jedem objektiven Kriterium, durch das er »Sein und Bewußt- 
sein«, »Objektives und Reales« auf ihre Übereinstimmung und Be- 
ziehung vergleichen könnte. 

Wenn Windelband also bereits in seinen Voraussetzungen und 
Ausgangspunkten die Forderung erhebt, diese Beziehung irgendwie 
kategorial zu denken, so wird dem Prinzip des Phänomenalismus 
von vornherein der Boden entzogen; Windelband kann dann den 
aufs Phänomenale beschränkten Arbeitsweisen in ihrer Tragweite 
niemals gerecht werden, und es ist schließlich kein Wunder, wenn 
er »psychologisches Verdorren« dort sieht, wo uns der Boden echter, 
dogmenfreier Wissenschaft bescheidene Früchte trägt. 

Wir also setzen kategoriale Verknüpfungen nur da, wo sie hin- 
gehören: als Prinzipien möglicher Erfahrung, zwischen den Er- 
scheinungen selber. Und wir würden in dem Ansetzen einer kate- 
gorialen Beziehung zwischen Erkenntnis und Gegenstand erstens 
einen erkenntnistheoretischen Fehler, zweitens aber keinen Akt des 
Phänomenalismus, sondern einen Akt der Zerstörung allen Phäno- 



1) Über den einzig möglichen Einwand gegen alle Semiotik s. sp. 



Wincldband» Kritik ti. ii. i li-i-nuB u. d. Aufgabe «1. i > -•:<!•*. 71 

monalisinns frl»liiki'n. U.iiuiii U-^rüßi-ii wir iitn ho erfnuttr den in 
WiiKlflbundM gjiMZfr Al»lmiullinig erhr<i<-htt?n historiMrlirii Nach- 
weis, daü auch dan AnHotzen einer «olcheii katogorialen lk*7.iehung 
bisher noch niemnlH dclctür für den PliäiioineMaliHinus geworden ist. 
Windel band prüft niiiiilidi in der Folge die einzehien Kategorien 
auf iliro Tauglichkeit durch, für diese Ik'ziehuug cinzuntehen. Taug- 
lich wäre diejenige, deren Ansatz den GegeiiHtand von der p]rkcnntni« 
aus Ix'stiiutnt, mithin den l'hiinonienali.snui.s üIxTwindet. Windel - 
band findet nun, dali keine einzige Kategorie in diesem Gebrauche 
es in Wahrheit ermöglicht, von der Erscheinung aus das Sein wirk- 
lich zu ergreifen, mit Inhalt und Bestimmung zu versehen; daü also 
trotz ihrem Ansatz ein unausrottbarer Phänomenalismus bleibt, 
hinter dem das Objektive völlig »unl)est immbar und unaussagbart 
verschwindet. Windel band findet das, naturgemäß, am histo- 
rischen Beispiel; es ließe sich auch systematisch ableiten . . . Windel - 
band wird hier zur starken Stütze des Phänomenalismus. Aber er 
wird es wider eigenes Wissen. Denn seltsamerweise läuft seine 
Nachprüfung unter der Fiktion, daü es immer irgendein phäno- 
nicnalist ischcs Philosophem in der Geschichte gewesen sei, welches 
jeweib eine der möglichen kategorialen Beziehungen zwischen Sein 
und Erscheinung aufnahm: und mit dem Mißglücken der Anwend- 
barkeit der betreffenden Kategorie iK'hauptet er dann — nicht etwa 
das Verfelilte derartiger erkenntnistheoretischer Methoden, sondern 
die Unbrauchbarkeit der fraglichen Spielart des Phänomenalismus! 
Als ob das Kriterium der Unbrauchbarkeit eines Philosophems darin 
läge, daß es sich nicht widerspricht . . . Jene historischen Sj'steme, 
deren Stellung und Unhalt barkeiten niemand anschauliclier als 
Windelband uns darzulegen wußte, mögen in einzelnen Zügen und 
Fragestellungen an solche piiänomenalistischer Art erinnern: dennoch 
gehören sie ganz prinzij)iell nicht zum Phänomenalismus, den ihre 
Versuche kategorischer Verknüpfung von Schein und Sein gerade 
zerstören, und ihre Unhalt barkeit beweist gar nichts gegen die.*<en! 

Deiuioch ist es von größtem Interesse, Winclelband zu den ein- 
zelnen Versuchen kategorialer Verknüpfung von Erkenntnis und 
Gegenstand zu folgen, obwohl — oder weil — seine Ausführungen 
dem Phänomenalismus die Waffen, die ihn schlagen sollten, zur 
Verteidigung in die Hände spielen. 

Schon wenn der naive Intellekt der Ikziehung zwischen Sein und 
Bewußtsein durch tue Kategorie der Gleichheit Umstimmt, Wahr- 
heit also durch die (Jleichlieit von Erscheinung und Sein verbürgt 
ist, so nniü, wie Windelband zeigt, der Phänomenalismus darin 
eine Wurzel finden, daß es • Bewußtseiendes gibt, dem kein Sein 
entspricht «; daß also »die Momente, denen wir auch ein Sein zu- 
8chreil)en zu dürfen glau)>en, v(»n anderen Ik?stimmungen zu scheiden 
sind, die zwar elH-nfails allgemein und notwendig vorgestellt werden, 
aber auf den Wert der .Mibildlichkeit dem Seienden gegenüU'r kei.en 
Anspruch halxMi«. Mit dem letzteren ist der Erschcinungsbeg:iff 



72 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

umschrieben; und diesen Phänomenalismus, der lehrt, »daß die 
sinnlichen Bestandteile der menschlichen Weltvorstellung nur als 
Erscheinungen angesprochen werden, dagegen die rationalen Mo- 
mente als übereinstimmend mit dem Wesen der Wirklichkeit gelten 
dürfen«, bezeichnet Windelband als partiellen. Ihn läßt er auch 
in gewissem Maße zu, als Voraussetzung der Naturforschung, der 
quantitativen Gesetzesbestimmung durch mathematisch-konstruk- 
tive Theorie. Ihr gelten die Qualitäten als phänomenal, als wahres 
Sein die Quantitäten, die räumliche Ordnung. Doch schon schränkt 
Windelband das Recht dieser partiellen Phänomenalität ein; 
»woher das Recht dieser Scheidung?« Qualität und Quantität seien 
doch untrennbar in dem einen und gleichen Erleben verbunden: 
»weshalb sollen die einen Phänomene, die anderen Realitäten sein?« 
Sobald das Interesse der mathematischen Naturtheorie erlischt, 
versagt nach Windelband auch die Berechtigung dieser Trennung; 
sobald die Natur ohne diesen Zweck angeschaut wird, fordert das 
»Recht dieses unmittelbaren Erlebnisses« auch die objektive Realität 
der Qualitäten. — Seltsam, daß in einem Erkenntnis verfahren 
falsch sein kann, was im anderen richtig war! Oder ist das »un- 
mittelbare Erlebnis « kein Erkennen ? was kümmert uns aber dann 
sein Anspruch an die Realität der Qualitäten? »Interesse der Na.tur- 
theorie — Recht des unmittelbaren Erlebnisses«: so entscheidet, 
mit einer leichten Geste, jene »Kulturphilosophie«, die 
auf unsere sachlich-begrenzte Arbeit wie auf ein »Ver- 
dorren« herabsieht, über Probleme von so gewaltiger 
Tragweite, wie es der Erkenntnisanspruch der gesamten 
Naturwissenschaft ist. Spürt sie auch die Last ihrer Verant- 
wortung? — Aber zweifellos geistreich wird aufgewiesen, wie in dieser 
Forderung des unmittelbaren Erlebens an die Objektivität der Quali- 
täten der philosophische Nerv der Goethe sehen Farbenlehre liegt 
und der Grund, aus dem ihr so heterogene Systemschöpfer wie Hegel 
und Schopenhauer zustimmten. 

Die Wertscheidung zwischen Qualität und Quantität in ihrem 
Verhältnis zum Sein darf also nach Windelband, jenseits der natur- 
theoretischen Schranke, fallen. Aber es gibt zwei Wege sie aufzu- 
heben: man kann das objektive Sein der Qualitäten, man kann die 
Phänomenalität der raumzeitlichen Ordnung aussprechen. Dies 
letztere tat Kant. Gewiß ist seine Begründungs methode der Phäno- 
menalität von Raum und Zeit eine ganz andere als die der Subjek- 
tivität von Sinnesqualitäten: sie ist, wie Windelband sagt, der 
»Preis« der Anwendbarkeit mathematischer Theorie auf die em- 
pirischen Inhalte; wir halten diese Fundierung von Newtons Werk 
für eine seiner größten Leistungen. Aber wir gestehen Windel band 
zu : wir kommen damit nicht über das Prinzip der Möglichkeit von 
Naturerkenntnis hinaus und genügen dem Interessengebiet »un- 
mittelbaren Erlebnisses« nicht. 

Freilich wird durch Kant, was zum Phänomen wird, Inhalt- 



Windelband--« Kritik d. l'i n. <i. Aufi,- il,<- d !••<. hc, ,. 75 

lieh viel weiter gefalit als vorcicin; (I.im g»-.i;iiiitf ^< i^innUindlichc und 
geöclu'hciido Aulk-n und Innen. Und aiilicr den inathernatiMchon 
lieHtininiungBslücken inügliclier Erfaljrung werden V(jn ilmi noch 
weitere Forniprinzipien der Phänomene ilirer Absolutheit entkleidet: 
die katogorialen Grundformen, insofern auch sie erst in ihrer An- 
wendung auf Erfahrung zu F!rkenntniHprinzipien werden. Mit die>»cm 
Schritt Kants war, wie Windelband sagt, »alle Metaphysik über- 
haupt « (Kant hat gesagt: alle dogmatische Metaphysik) »preis- 
gcgclx>n «. 

Windclband faUt, wie er die mathematische Synthcsis als Er- 
kenntnisgrund aus den naturtheoretischen Postulaten von Demo- 
krit und Descartes liistorisch ableitet, so auch, in nicht neuer und 
nicht ganz richtiger Analogie, die dynamisch-kategorialo iSynthesis 
Kants als ein geschichtliches Derivat der Stellung auf, die Piaton 
den Ideen, den »logischen« Beziehungen, als dem wahren Wesen der 
Phänomene eingeräumt hatte. Den phänomenalistischen Zug aller 
dieser iSystcme betonend, sieht er daher in Kants Werk eine Ver- 
schmelzung der mathematischen »demokritisch -cartesiani- 
schen« mit der »platoni.'^ch «-»logischen <i Forderung »partiellere 
Phänomenalismen an das wahre Sein, an Objektivität und Absolut- 
heit. Man darf das, trotzdem Kants Dissertation Zeugnis ablegen 
muß, für eine jener reizvollen Konstruktionen hallen, an denen der 
Historiker Windel band Überfluß hat. Schließlich sind Piatons 
Ideen ja inhaltlich, formal, in ihrer gegenseitigen Rangabstufung 
und in ihrem Bezug auf die Phänomene, also ziemlich in jeder Hinsicht, 
etwas anderes als die kategorialen Grundformen möglicher Erfah- 
rung; von ihnen so unterschieden, wie eben Seins best immungen 
von Erkenntnisbestimmungen sein können. Und demjenigen, der 
nur wissen will, ob Kants Lehre von den Kategorien und ihrer An- 
wendbarkeit richtig ist oder falsch, erscheint die Feststellung äußer- 
licher Ähnlichkeiten mit anderen historisch vorgekommenen An- 
sichten, die Kants Lehre weder zu fundieren noch psychologisch 
zu motivieren geeignet sind, im Grunde als unerheblich . . . Jeden- 
falls: nach Windclband begründet diese »Verschmelzung«, die 
Kant zwischen jenen Ix-iden »Postulaten« vollzieht, indem sie jede 
Metaphysik zerstört, den absoluten Phänomenalismus. iXnin die 
kategoriale Beziehung bestehe nicht in einer Verknüpfung bestimmter 
Erkenntnisse (Windelband: »Erkeimtnisinhalte«) — , sondern in 
»einem Verhältnis zwischen der Gesamtheit der bestimmten Inhalte 
und etwas völlig Unlx'stimmtem «. »Und von diesem Unbestimmten 
sollte man nichts wissen, als daß es, da es zu dem Bestimmton in 
jene kategoriale Beziehung gebracht und also von ihm unterschieden 
wurde, notwendigerweise etwas anderes sein miLssc, als alles in der 
Erscheinung Gegebene.« 

Wir mü.Hsen widersprechen: Kants Kategorien verknüpfen tal- 
sächlich nur Erscheinungen; nirgendwo in der Kategorienlehre 
»Wesen«, »Ding an sich« und Erscheinung. Die Phänomenalität 



74 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritisclien Grundlagen. 

der durch die Kategorien verknüpften Erscheinungen wird auch 
nirgends bei Kant aus der Geltung kategorialer Verknüpfungen 
hergeleitet, wie das Windelband in dem eben wiedergegebenen 
Zitat behauptet. Diese ganze Interpretation Windelbands ist, 
mit allen ihren Konsequenzen, hinfällig. Allerdings findet sich bei 
Kant der Ansatz zu einer kategorialen Verknüpfung von Gegenstand 
und Erkenntnis im Sinne einer doppelseitigen kausalen Abhängigkeit : 
im »Übergang zur transzendentalen Deduktion«, §14, steht: »Es 
sind nur zwei Fälle möglich, unter denen synthetische Vorstellung 
und ihre Gegenstände zusammentreffen, sich aufeinander notwen- 
digerweise beziehen und gleichsam einander begegnen können. Ent- 
weder wenn der Gegenstand die Vorstellung, oder diese den Gegen- 
stand allein möglich macht. Ist das erstere, so ist diese Beziehung 
nur empirisch, und die Vorstellung ist niemals a priori möglich« . . . 
usw. Aber diese erkenntnistheoretische Stelle hat mit der Grund- 
legung der Kategorienlehre und der Feststellung der empirischen 
Anwendung der Kategorien gar nichts zu tun; sie kann gut fortfallen, 
ohne an System und Gebrauch der Kategorien nach Kant irgend 
etwas zu ändern. Sie allerdings setzt, dogmatisch, eine Beziehung 
zwischen Erkenntnis und Gegenstand; und im Kampfe wider solche 
Meinung würden wir Windelbands Vorantritt dankbar anerkennen. 
Fries hat diesen Kampf schon vor 100 Jahren aufgenommen. Und 
mit dem Worte, das hier auch Windelband — nicht wider diesen 
Satz, sondern gegen das, was er Kants Kategorienlehre unterlegt — 
findet, spricht Windelband nur die eigenste Meinung des Phäno- 
menalismus aus: »Mit dieser Umbiegung des Satzes aber verliert 
die Kategorie ihre Brauchbarkeit für die Erkenntnis . , . wird be- 
hauptet, das Wesen sei prinzipiell nicht bestimmbar, so ist die Kate- 
gorie im eigensten Sinne des W^ortes gegenstandslos geworden. « 
Nichts anderes haben wir von Anfang an behauptet ! Und gerne 
werden wir uns Windelbands Führerschaft anvertrauen, der diese 
Unbrauchbarkeit noch »an zwei anderen Kategorien verfolgen« 
will; wiederum freilich in der Abischt, damit den Phänomenalismus 
zu belasten, der sich wirklich unschuldig weiß. Diese kategorialen 
Setzungen zwischen Erkenntnis und Gegenstand sind das Verhältnis 
von Substanz und Inhärenz und die Kausal Verknüpfung. 

Die Unzulänglichkeit des ersteren Verhältnisses will Windel - 
band am Spinozismus erweisen. Sobald die Attribute, aus denen 
nach ihm die Substanz »besteht «, »noch in dem Sinne von ihr unter- 
schieden werden wie im empirischen Denken das Ding von seinen 
Eigenschaften, so wird die Substanz zur leeren Form der Substan- 
tialität und Gott so völlig unbestimmt und unaussagbar wie von 
jeher in der negativen Theologie der Mystik«. Wird hier Spinoza 
nicht zu klein gesehen? Prinzipiell ist dort die Unendlichkeit 
möglicher Attribute von der Substanz prädikabel, und durch sie ist 
eben Gott » bestimmt « und » aussagbar «, Daß nur zwei davon aller- 
dings dem menschlichen Erkenntnisvermögen zugänglich sind, ist 



WiniI«'H>'"i«I« Kritik (1 riiinomenaliamus u. d. Aufgabe d. 1'.^ , 75 

eint' niiihi(>2>'U.p^i-.i ii iniMclitige Begrenzung. Und die»«« findet in- 
Hoferri ihren Ausj^leicli, aln nich aus dem V'rrhültniH der M<«li zu den 
Attributen die ganze Vit-Iheit ge.setzinäliigcr I*rädiknti(»tien ergibt, 
deren System die unvollendbaro Aufgalx? des \Vi««enschaftHganzen 
ist. Die Analogisierung dieses in sich ruhenden naturalistischen 
PanHuismus mit irgendeiner Mystik können wir, im Zeitalter Wil- 
helm W'undts, auf sich In'ruhen lassen. Richtig ist. daü der S pino- 
zismus die phänomenale (Jeltung von Natur involviert. Dali die« 
eine »stete (Jefahr« Ix-deute, ist ein Windel bandsches Dekret. 

Wertvoller und feiner als alle jene anfechtbaren Historizismen 
erscheint uns ein hier angefügter Exkurs Windel band s ülx'r die 
Stellung der empirischen Einzeldisziplinen zum Phänomenalitäts* 
problem: Auch diese Stellung nämlich entwickelt sich in Abhänj^'ig- 
keit vom Substanz-Inhärenz-Verhältnis. Windelband zeigt, daß 
jede einzelwissenschaftliche Ablauff.lK'stimmung zu einer Trennung 
akzidenteller, phänomenaler Bestimmungen vom dinghaften Kern 
des durcharbeiteten Gegenstandsgebictes gelangen muß, und daß 
diese Au.ssoiiderung des »Dinges«, das Eigenschaften »hat«, in der 
Architektonik der Wissenschaft sich stetig weiter und weiter voll- 
zieht, dnli der (Jegenstand immer '> absoluter « und leerer, die Phäno- 
mene immer Ix^reicherter werden. Zuletzt gelangt so die Empirie, 
soweit sie analysiert, zu der bloßen Postulierung einer unerfahrbaren 
Substanz als Gegenstandsgrund. So endete ja z. B. Locke. »Auch 
dieser Begriff«, sagt Windel band mit Reclit, »bedeutet dann mit 
seiner Inhaltslosigkeit nichts als die hypostasierte Begriffsform der 
Inhärenz«. Also auch von der Empirie aus ein gebieterisches Zu- 
schreiten auf den Phänomenalismus. 

Mit der Ansetzung des substantialen Verhältnisses zwischen Be- 
wußtsein und Sein ist die Anerkennung einer notwendigen Zuord- 
nung l>eidcr gegelx-n. Denkt man, sagt Windel band , diese als real, 
HO »spielt das Verhältnis von Wesen und Erscheinung in die Kate- 
gorie der Kausalität hinüber. Die Erscheinung ist so, weil das Wesen 
so ist ; das Wesen wird der Grund und bald auch die Ursache der 
Erscheinung genannt.« Die Kausalkategorie werde also vorwiegend 
angesetzt »in der Richtung einer Abhängigkeit der Erscheinung vom 
Wesen«. Winilclband sieht, etwas mißtrauisch, diese kausale 
Verknüj)fung hinter allem naturwissenschaftlichen Phänomenalismus 
auftauchen, greift zum Beweise auf Protagoras und dessen Lehre 
von der Wirkung der Körper auf das Bewußtsein durch Erzeugung 
verschiedener Empfindungen zurück und meint: »Im Prinzip lehrt 
man Um aller Feinheit der Detailausführung, welche die Forschung 
inzwischen gebracht hat, doch heute noi'h genau dasselU*«. Der 
moderne Xominalismus und Helmholtz* ph>-siologischo Dptik. »die 
weit davon entfernt ist, kantisch gedacht zu sein«, sollen hierfür 
zeugen. 

Be.Hser hätte Windelband diese Berufung unterlassen. Denn 
sie Ix'weist nur. daßer hierzwtsi immerhin grundverschiedene Problem« 



76 Vorbereiteude Einitlhrung in dio aügcin. crkenatnislaitibclien Graiidlagea. 

fälschlich identifiziert hat: das psychophysische Verhältnis 
(zwischen physischem Reiz und zugeordneter psychischer Reaktion) 
und das erkenntnistheoretische Verhältnis (zwischen transzen- 
dentem Gegenstand und Erscheinung). Protagoras mag sie noch 
nicht gesondert haben; aber trotz »aller Feinheit der Detailaus- 
führung« hat die neuere Forschung das »im Prinzip« Verschiedene 
dieser beiden Fragestellungen nicht übersehen. Und daß Helm- 
holtz' »physiologische Optik« weit davon entfernt ist, kan tisch 
gedacht zu sein«i), gereicht sowohl Helmholtz als Kant zum 
Ruhm, deren jeder sein spezielles Problem klar abzugrenzen wußte. 

Um nun zur erkenntnistheoretischen Seite dieses Windelband- 
schen Problemgemischs zurückzukehren, so wäre hiermit die mo- 
derne semiotische Auffassung der Sachlage, die Kant mit dem 
Moment inauguriert hat, wo er die Phänomene und Noumene ein- 
ander »entsprechen« ließ, zu den Versuchen kausaler Verknüpfung 
von Gegenstand und Erkenntnis geworfen. Das ist nicht berechtigt : 
die Semiotik, von Her bar t bis Husserl, stabiliert keineswegs ein 
erkenntnistheoretisches Kausalverhältnis, wie ihr Windelband 
hier unterlegt. Sie bezeichnet vielmehr ihre erkenntnistheoretische 
Stellung ziemlich genau. Windelbands Einwand ist also keiner. 
Der einzige Einwand, der wider die Semiotik, ja wider allen nicht 
absoluten Phänomenalismus gemacht werden kann, ist Windel - 
band völlig entgangen. Es ist der logische des »introjizierten Wieder- 
spruchs«, den Nelson aufgestellt hat. Der behaupteten Uner- 
kennbarkeit einer Zuordnung von Erkenntnis und Gegenstand wider- 
spricht die Behauptung des Bestehens einer Zuordnung; und die 
Unerkennbarkeit einer Zuordnung schließt die Behauptung dieser 
Unerkennbarkeit aus. Und dieser Einwand ist nur ein Spezialfall 
des fundamentalen Gegenargumentes, mit dem sich Nelson wider 
die Möglichkeit jeder Erkenntnistheorie gewandt hat. 

Aber Windelband ist von solchen Bedenken weit entfernt. 
Ihm genügt der Einwand, den wir als irrig erwiesen : daß hinter aller 
erkenntnistheoretischen Semiotik eine erkenntnistheoretische Kausal- 
theorie stehen müsse. Mit einer solchen jedoch, darin stimmen wir 
ihm gerne bei, kann der Gegenstand von der Erkenntnis aus auch 
nicht weiter »bestimmt« werden; sie verfehlt also ihren Zweck. 
Windelband folgert hieraus, »wie unhaltbar der Versuch des ab- 



1) Windelband hat natürlich absolut recht mit diesem Satze, wenngleich 
aus anderen Gründen, als er anführt. Die Behauptung, Helmholtz' physiolo- 
gische Optik sei »kantisch«, kann nur jemand aufstellen, der entweder Helm- 
holtz oderKant nicht kennt. Helmholtz ist vielmehr, in der Optik wie überall, 
der große empiristische Gegenschöpfer Kants. Vielleicht hat aber Windelband 
gar nicht auf Helmholtz, sondern auf Johannes Müller exemplifizieren wollen 
und versehentlich die Namen verwechselt. Müller selber und viele Beurteiler 
hielten in der Tat sein Werk für »kantisch gedacht«. Diese Meinung ist irrig, 
aber auf sie paßt Windelbands Darstellung, soweit sie auf Helmholtz ge- 
münzt sein soll; denn Müller trennte seine erkenntnistheoretische nicht von seiner 
psychophysischen Zuordnung. 



Windelbandü Krilik d. Phiinomonalisniua u. d. Aufgab« d. rHyoboIogie a*w. 77 

soluttii riiünoraenaÜHinuH ist, die Goeamtheit dt»« im BcwuOt»ein 
Bestimmten zur Erecheinung eines prinzipiell unt>cMtimmbaren 
WescnH zu machen.« Wir glaulx'n nicht rocht zu hören. Da« Cha- 
rakteri.stikum des »ab.soluton« PhänomenaÜMmuH (nicht de» in 
irgendeiner Art » partielli-n •, auch nicht des Hemiot i.schen, der nf>ch 
erkenntni«theorctischc IJc.standieile einHchlieüt) schien unn ja tx;reitfl 
am Beginn unserer Darlegungen zu sein, duü er einen solchen Versuch 
nicht macht, sondern a limine ablehnt. Und das Scheitern dieses 
Versuches, wie es auch Windelband aufwies, beweist gerade, daQ 
der »absolute« Pi»äiion\enalismus (für uns der Phänomenalismus) 
recht iuitto, wenn er ihn nicht macht. Mehr noch: Es ist ein er- 
noutes Beweisstück für die Unentrinnbarkeit der Geltung dieses 
Phänomenalismus selbst. Unhaltbar ist hier also nicht der »ab- 
solute« Piiänomenalismus, sondern Windelbands Folgerung. 

Windelband indes vermeint, den absoluten Phänomenalismus 
widerlegt zu halwii; und er geht im positiven Teil .seiner Abhandlung 
dazu über, ihn zu überwinden und künftiges Pnilosophieren auf die 
rechte Bahn zu weisen. Noch einmal faßt er zusammen, daß das 
unerkennbare Ding an sich »nicht das geringste zur Erklärung der 
Erscheinungen lx.'itragen « kann — was es ja schließlich auch ex de- 
finitione nicht soll — und daß es dalicr in der phänomcnalistischen 
Erkenntnislehre »nur ein rudimentäres, funktionslos gewordenes 
Organ bildet« — was wir dahin verstärken möchten, daß das Ding 
an sich überhaupt weder Organ noch Funktion und nicht einmal 
Gegenstand in einer phänomcnalistischen Erkennt nislohro sein kann. 
Und noch einmal vollziclit Wintlelband den iSchluß: »daiier ist der 
al>sol»Jte Phänomenalismus eine erkennt nistlieoretisch unhaltbare 
Position«. Unhaltbar ist, wie wir hier ständig nachgewiesen haben, 
jede erkenntnistheoretischo Position; aber der absolute Piiänomena- 
lismus ist ja gerade kein Erkenntnistheorem, er ist eine erkenntnis- 
theoretischo Resignation! Ergreift das Problem aller Erkenntnis- 
theorie: die Frage nach der objektiv-gegenständlichen Gültigkeits- 
grundlage von Erkennt ni.sson — gar nicht an; er hält sie für unlösbar; 
er bleibt daher ganz bei der Subjektivität des Piiänomenalen stehen 
und suclit die Gründe der Geltung von Erkenntnissen als subjek- 
tive Notwendigkeiten cpidoiktisch-» anthropologisch« (wie sein 
großer Vorkämpfer Fries es nannte) auf. 

Aber Windel band verschließt sich vor dem allem. Er macht 
den »absoluten« I*hänomenalismus zu einem Schreckbild; und so 
hat er alsbald die Pflicht, Kants Kritizismus »mit aller Entschieden- 
heit« von dem Verdacht zu befreien, solch ein absoluter Phänomena- 
lismus zu sein. Er setzt diesen dabei mit Hamiltons Agnostizis- 
mus gleich und hierdurch verwischt er wiederum die Grenzen l>eider 
Bogriffe. Ein Agnostizismus ist Kants Lehre natürlich nicht; und 
dennoch ist sie — schaltet man die erkenntnistheoretischen Stollen 
der transzendentalen Logik aus — alMolut phänomenalist isch. Die»or 
Phänomcnalismus Kants schließt die Möglichkeit allgemeingültiger 



78 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

und notwendiger Erkenntnis nicht aus — wie das der Agnostizismus 
tut — sondern auf! Kants Lehre bedarf keiner Rettung vor sich 
selber. 

Selbst Windelband kann nicht umhin, die phänomenalistische 
Position von Kants theoretischer Philosophie zuzugestehen; und so 
muß denn jene »Rettung« von der Seite der praktischen Lehre 
Kants erfolgen. Der Gedankengang wäre etwa: diese praktische 
Lehre ist nicht phänomenalistisch, sondern auf Erkenntnis der Dinge 
an sich gerichtet. Und sie hat den Primat. Also war Kant kein 
Phänomenalist. Folgen wir den Ausführungen Windelbands im 
einzelnen. Die Einsichten der praktischen Vernunft gelten für Kant 
»nicht bloß als Ahnungen des Gefühls«, »wie sie von den Bieder- 
meierphilosophen, den Jacobi, Pries oder Hamilton gedeutet 
wurden «, noch weniger natürlich als pragmatische Fiktionen im Sinne 
neuer Konventionalismen, »sondern durchweg als rationale Denk- 
notwendigkeiten des Vernunftslebens in seiner einheitlichen Tota- 
lität«, »Und das ist das Entscheidende« ... »es darf nie vergessen 
werden « . . . » man soll diese Auffassung nicht ignorieren « . . . » man 
darf sie nicht vergessen« . . . Ist die Gefahr so groß? Oder dürfen 
wir Windelband versichern, nicht einmal ein Anfänger im kanti- 
schen Denken werde ignorieren oder vergessen, daß Kants kate- 
gorischer Imperativ mit apodiktischer Gewißheit gilt, und daß den 
Einsichten der praktischen Vernunft Notwendigkeit und Ailgemein- 
gültigkeit zukommen. Auch der »Biedermeierphilosoph« Fries hat 
das nicht vergessen; wohl aber hat der Historiker Windelband 
vergessen, was dieser Biedermeierphilosoph nicht vergessen hat und 
unter » Ahndimg « verstanden wissen will. Der Biedermeierphilosoph 
— welch humorvolle Charakteristik eines der größten deutschen 
Geister! — also Fries trennt nämlich die Notwendigkeit und Apo- 
diktizität der Geltung praktischer Normen von der Art, wie ihr 
Inhalt ins Bewußtsein gelangt. Dies letztere, erkenntnispsycho- 
logische Problem führt ihn zu der Lösung, daß ein Teil jener Normen, 
z. B. die ästhetischen, gar nicht diskursiv und bestimmt, sondern 
als Inhalte einer eigenartig strukturierten Gefühlsfunktion bewußt 
werden, die er, ohne sie phänomenologisch zu erörtern, Ahndung 
nennt. Würde sich Windelband mit seiner Autorität dieser recht 
exakten Trennung anschließen, so würde sich manches neuere Miß- 
gebilde kulturphilosophischen »Denkens «, wie es sich zum Beispiel 
im »Logos« findet, erledigen; als ein mißglückter Versuch, für be- 
grifflich Unfaßbares wenigstens Worte zu finden. Man kann natür- 
lich auf das ahndend Erfühlte wie auf die Ahndung selber auch reflek- 
tieren ; doch ist dann die Gefahr » psychologischen Verdorrens « nicht 
ferne. Alles in allem: Der Einwand der Gefühlsphilosophie wider 
Fries ist sachlich irrig; und die daher geleitete Bezeichnung »Bieder- 
meierphilosoph« paßt wirklich nur auf den Fries, der das Geschöpf, 
nicht auf den, der das Opfer dieses historischen Irrtums ist. 

Einig aber sind alle Kantianer mit Windelband in der Auf- 



Windolbanda Kritik (L PbanomonAliamtu u. d. Aufgabe d. rsychologi« turw. 79 

faAsung der Mudalitüt aller praktüichon Normen, die hü sclbHtver- 
Btändlich iHt, daß ihre atarke Betonung durch Windel band merk- 
würdig anmutet. 

Wa.s nun Hchlielit er daraus? 

Kants PhänomenaÜHmuH »ei doch nur ein • p.irliellfr «. Kr 
komme auf eine Zweiweltentheorie hinauH, in der daa Sinnliche, die 
»Welt als Ki-scheinung«, auf die »sekundäre Wirklichkeit« angewiesen 
sei. Nolx-n dieser »erscheinenden Wirklichkeit« stehe die »wahre 
Wirklichkeit «, daa Übersinnliche, da« Wesen, der Gegenstand der 
in praktischen Normen gesetzten »Welt Vorstellung«. In der theo- 
reti.schcn Philosophie nun ist das Übersinnliche das Unerfahrbare. 
Und doil» muÜ es, da es im Ik'wuülsein ist, »erlebt, im inneren Sinne 
erfahren« werden. Ks gibt also eine Möglichkeit direkter Erkenntnis 
von Dingen an sich; und sie liegt in dem »Verständnis der Welt der 
Werte«. Wie die Naturwi.ssenschaft die Sinnenwelt, so ergreift die 
Kulturwissenschaft, d. h. »die historischen Disziplinen«, diese »höhere 
I^-alität«. Hier steht Hegel. 

In die.>*er Darstellung Windelbands liegt, scheint uns, eine 
unzulässige Vereinfachung der vernunftkritischen Problcmlage. Man 
kann sie sich durch folgende argumcntatio ad hominem verdeut- 
lichen. Ist die Wirklichkeit der Sinnenwelt eine zwar sekundäre, 
»alHT darum nicht minder wirkliche Wirklichkeit« als die »wahre 
Wirklichkeit « des Wesens der Dinge, — und ist ferner die Sinnen- 
welt die zugeordnete Erechcinung des Wesens der Dinge — , so folgt, 
daü die P^rkenntnis der einen (»wirklichen«) wie der anderen (»wah- 
ren«) »Wirklidikeit «, die beide auf den gleichen Gegenstand, daa 
»Wesen«, zurückgehen, inhaltlich identisch sein muß. Denn beides 
sind ja wahre Erkenntnisse üU'r den gleichen Gegenstand. Daraus 
folgt die Clxrflü.ssigkeit einer der beiden Erkenntnisarten, und zwar 
natürlich derjenigen, die den Umweg über die »sekundäre Wirklich- 
keit « nimmt: aller Naturwissenschaft. Das könnte den jungen 
Mystagogen der Kulturphilosophie so passen ... Es leuchtet aber 
ein, daU Erkeimtnis von Naturgesetzen nicht identisch ist und sein 
kann mit der Aufstellung praktischer Normen. Mithin muß in den 
Iniden Prämi.ssen ein Kehler stecken. Man muß also entweder an- 
nehmen, die »wirkliche Wirklichkeit «sei nicht »wahr«, oder »wahre 
Wirklichkeit« sei nicht »wirklich«. Etwas Ähnliches trafen wir in 
der Tat Ihm Windel band l)ereits an, als er an (Joethes Farbenlehre 
demonstrierte, daß das Wahrheitskriterium einer Erkenntnis n)it 
dem Interesse der Verfahrensweise und Erlebensart wechseln darf. 
Uns erscheint das sinnwidrig. Wir erblicken den Fehler jener beiden 
Voraus.set Zungen in der ihnen gemeinsam zugrunde liegenden Be- 
hauptung, theoretische und praktische Prinzipien seien Arten der 
gleichen »Welt Vorstellung«. Wir können — was, wie wir glauben, 
auch im Sinne Kants ist — Wintlelband nicht zugeben, daß 
die Dinge an sich in der theoretiichen Philosophie iden- 

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80 Vorbereitende Einfühlung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

Sophie. Kants praktische Philosophie ist überhaupt keine Art 
von »Weltvorstellung « im Sinne einer auf einen Gegenstand gerichte- 
ten, erkennenden Rezeptivität; ihr Inhalt ist die Erkenntnis von 
Art, Form, Inhalt und Verbindlichkeit der Normen unseres Handelns. 
Und wenn Kant weiterhin zu Postulaten im »Übersinnlichen« ge- 
langt, so hat die hierauf gerichtete Dialektik mit der eigentlichen 
Normen bildung und der Untersuchung ihres Verbindlichkeits- 
gründes nur eine höchst indirekte Beziehung; sie könnte ganz fehlen: 
am Begriff der Norm, an der Geltung der Norm, am Grund ihrer 
Verbindlichkeit änderte sich nichts. Nun ist die praktische Dialektik 
bei Kant freilich da; auch sind ihre Postulate (Gott, Freiheit, Un- 
sterblichkeit) gerade diejenigen Prinzipien, von denen Kant sehr 
explizit nachgewiesen hatte, daß ihre theoretisch bestimmte Er- 
kenntnis nicht möglich ist; sie sind also zweifellos »Dinge an sich«. 

Aber sie sind nicht die Dinge an sich. Vor allem nicht diejenigen, 
denen das bestimmte Einzelne an der Erscheinungswelt und der ge- 
setzmäßig unendlich vielfach bestimmte Zusammenhang des Ein- 
zelnen jeweils entspricht. Auch über diese können wir gar nichts 
weiter aussagen, als daß sie gefordert sind, weil die Erscheinung und 
der Zusammenhang, in dem sie steht, erkannt wird. Diese Un- 
endlichkeit hinter der phänomenalen ist die »wahre « Welt der Dinge 
an sichi) in einem ganz anderen Sinne als die drei aus dem Prinzip 
des höchsten Gutes üsw. bei Kant nicht erkenntnismäßig, 
sondern normativ hergeleiteten praktischen Postulate. Die 
erstere ist der Stempel des Phänomenalismus; die letzteren können 
angenommen oder abgelehnt werden, ohne an der phänomenalisti- 
schen Struktur der Erkenntnis etwas zu ändern. 

Denn Windelbands Einwand, daß auch sie im Bewußtsein er- 
lebt werden, ohne doch zur Erscheinung zu werden, besagt nur etwas 
wider den Erkenntnischarakter dieses Erlebens. Ich habe das 
Bewußtsein der Existenz dieser Dinge an sich genau so, wie ich das 
Bewußtsein der Existenz jener anderen Dinge an sich haben kann. 
Der Grund dieses Bewußtseins ist beide Male ein verschiedener; in 
einem Falle ein praktischer, im anderen ein theoretischer. Das Be- 
wußtsein der Existenz aber ist die einzige Art von Erkenntnis, 
die ich von diesen »Dingen an sich « ex def initione haben kann. Was 
ich sonst noch vom Wesen der Dinge » im Bewußtsein erlebe «, ist, 
sofern es irgendeine Art von Bestimmtheit gewinnt, gemäß der 
Struktur Kantschen Gedankenbaus — dialektischer Schein. 
Will man über die Meinung Kants wirklich und ernstlich hinaus- 
kommen, so sollte man sich durch Windelbands Verdikte nicht 
abschrecken lassen, die neue Begründung der Ideenlehre bei Fries 
und seine Untersuchung der Art, wie wir das Wesen der Dinge 

1) Cohens wesentlich andere Auffassung und Verwertung des »Ding-an- 
sich «-Begriff s, so sehr diese Leistung eines reichen Geistes Bewunderung ver- 
dient, wird hier nicht diskutiert: weil sie uns trotz seiner Behauptungen nicht 
In Wort und Sinn von Kants Werk enthalten zu sein scheint. 



Windelbands Kritik d. Ptianompnaliamiia u. d. Aufgabe d. pKjcbologie luw. 81 

uiimittolhui im Ik'WuUtiH'in crlelK'ii, recht gründlich keitnrn zu 
lernen. 

Kurz: vh gibt nicht eine lx5«tinuute, direkte, unmittelbar ira Bc- 
wußtsiiii erlebte Erkenntni» der wahren, ülx?i-Minnlichen Wirklichkeit 
neben der »wirklichen Wirklichkeit « der Sinnenwelt, (AüthetiHches 
und religiöses Erlebnis hat zwar dicwo Merkmale, nl>er keinen Er- 
kenntniHcluirakter.) Kants thcorotiHchcr PhünomenaliHmus wirrt 
nicht dadurch »partiell«. daU er praktische Postulatc aufstellt. 

Aus allem Bisherigen, das Einzclarljeit war, in deren Kcsultaton 
man sich Windelband odrr unseren Einwänden ausschlieUen mag — 
tritt Windelbands (Jedankenführung plötzlich heraus und über- 
8cha\it ihr«' l'roblemhige von höchster Warte. Zwei Anerkennt niaae 
nimmt sie voraus: die Anerkenntnis eines Dualismus, in dem weeen- 
haftcs Clx>rsinnlichos, und erscheinendes Sinnliches einander gegen- 
über treten. Und als Zweites, als AnstoQ zu aller idealistbch-philo- 
Bophischer Arbeit : die Anerkenntnis einer 15<'ziehung zwischen diesen 
beiden Polen der Totalität. Jeder Phänomenalismus, sagt Windel - 
band, iiat ein ')dop|X'ltC8 Gesicht«. Auf der einen Seite sind We«en 
und Erscheinung etwas voneinander Geschiedenes. Auf der anderen 
Seite ist es das Wesen, da.s in den Erscheinungen sich selber mani- 
festiert. Ein Antagonismus zweier Tendenzen ist daher in der idea- 
listischen Erkenntnistheorie zu Ix'merken : die eine betont die Vvr- 
schiedenheit von Phänomen und Wesen, die andere (die »positive«, 
sagt Windelbantl) die Feinheit in Ixüdem, den »Grundgedanken« 
der »Verwirkliciiung des Übersinnlichen in der Sinnenwelt«. Kant 
mag im Theoretischen noch Dualist. i. e. Phänomenalist, gewesen 
sein: die Nachkantianer seit Maimon und Fichte gingen tur 
»positiven«, unifizierenden Tendenz iilx'r; und zwar, wie der Histo- 
riker bemerkt, »durch die Aufnahme des Leibnizschen Prinzips 
der Kontinuität«. »Und das kam zum vollen Austrag in Schel- 
lings »transzendentalem Idealismus«, in welchem mit ausgiebiger 
Benutzung und durchgängiger Verarl>eitung der Leibnizschen 
Bei^riffe die Reste des Kan tischen Phänomenalismus von der idea- 
listischen Metaphysik abgestreift wurden«. 

Ist dies die historische Linie, in der Windelbaml den Aufstieg 
zur Wahrlieit sieht, so bleibt ihre Rechtfertigung noch zu erweisen. 
Windelband bleibt sie keineswegs schuldig. Sie setzt in dem Mo- 
mente ein, wo Kants Wertscheidung von theoretischer und prak- 
tischer Philosophie als Unzulänglidikeit , als Halbheit erkannt wini. 
Wodurch kommt diese Sp:iltung in Kants Philosophie hinein f Da- 
durch, meint Windelband, »dali nach Kant das theoretische 
Wissen auf spezifisch menschlichen Vorstellungsweisen, da» prak- 
tische BewuOts(>in dagegen auf Vernunftnotwendigkoitcn beruh«-, 
die für alle vernünftigen Wesen in gleicher Weise gt»lten«. Di©?*« 
Position Kants ist »nicht haltbar«. Und hier muU die Parteinahme 
einsetzen. »Entweder muß auch unser praktisches Wert«»n ab« ein 
in den Bedingungen des menschlichen Wesens begründetes und dv^- 

Kronfeld, rvychUtrtache Erkeonlato. 



82 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

halb darauf beschränktes Verhalten betrachtet werden, — oder es 
müssen auch in unserem theoretischen Leben Momente anerkannt 
werden, die eine über diese Bedingungen des menschlichen Wesens 
hinausgehende Wahrheit besitzen.« Und Windelband fährt fort: 
»Damit sind die beiden Wege bezeichnet, auf denen die weitere Ent- 
wicklung über Kants Dualismus hinausgehen kami. Erweitert 
sich die anthropologische Auffassung von dem theoretischen Gebiet 
aus über die Gesamtheit der Weltanschauung, so geht dieser Anthro- 
pologismus unaufhaltsam in Relativismus und Pragmatismus aus. 
Und andererseits: erobert das universelle Prinzip von Kants prak- 
tischer Philosophie auch das Reich der theoretischen Vernunft, in- 
dem auch deren Prinzipien als über den Menschen hinaus für das 
Wesen der Wirklichkeit selbst gültig angesehen werden, so eröffnet 
sich der Weg zu einer Metaphysik des Geistes.« 

Hier also der Kreuzweg. Und obwohl die Wahl der einen von 
den beiden Richtungen uns durch Windelbands Perspektive ver- 
lockend gemacht wird, schwanken wir dennoch und fragen: welches 
Argument unseres Führers appelliert denn nun nicht an unser Hoffen 
und Wünschen, sondern an unser überlegendes Besinnen? Welches 
ist denn nun die objektive Rechtfertigung des Wegs zur Identitäts- 
philosophie ? 

Folgendes finden wir: Das Schreckgespenst des Relativismus 
und Pragmatismus, das schon am Eingang der Abhandlung dem 
Psychologen entgegendi'ohte. Davon nachher. Ferner die Be- 
hauptung, daß auch Kant selbst dem letzteren Wege mehr zugeneigt 
hätte als dem ersteren. Also ein historisches Argument von — wie 
nach unseren früheren Einwendungen klar sein wird — sehr be- 
streitbarer Richtigkeit. Ferner finden wir den Satz: »Die Begriffe, 
mit denen der Phänomenalismus arbeitet, reichen niemals weiter 
als bis zu einer lediglich problematischen Stellungnahme hinsichtlich 
der metaphysischen Grundfrage der Erkenntnistheorie« — einen 
Ausspruch, den wir völlig unterschreiben, ohne indes einzusehen, 
inwiefern er einen Einwand darstellt. — Ferner eine prinzipiell nicht 
wichtige Hinweisung darauf, daß die Phänomenalität von Raum 
und Zeit noch einige unentschiedene Probleme einschließe. — Ferner 
den Satz: »An Stelle der quantitativen Grenzen menschlichen Wissens 
und Begreifens . . . möchte der absolute Phänomenalismus die quali- 
tative Behauptung setzen, die Erscheinung, die wir denken und er- 
kennen, sei etwas ganz anderes als die Realität, auf die wir sie be- 
ziehen. Aber die Ungleichheit ist gerade so wenig beweisbar wie die 
Gleichheit «. Ganz gewiß ! aber der Phänomenalismus denkt gar nicht 
daran, sich durch derartige positive Behauptungen über die Be- 
ziehung zwischen Realität und Erscheinung selbst das Grab zu 
schaufeln! Wer diese Beziehung für ein objektiv unauflösbares 
Problem hält, wird seinen Standpunkt doch nicht durch eine so naive 
Lösung negieren! Windelbands Einwand ist ganz ausgezeichnet, 
— aber gegen wen er sich richtet — das wollen wir nachher doch noch 



WiutlelbaDda Kritik d. \_^ ^ ^io u»w. 83 

fc«t8tellen! — Endlich zum Schluß da« Bekenntnis : *li;ui Vurhältni« 
von BewulitHüin und Sein niuU durch andere Kategorien i/<'dirht 
werden« als Clleichhcit und Ungleichheit, . . . »die von da t de 

Kntwicklung wird prinzipiell Hchwerlich andere Hahnen ci ^t:n 

können, aln sie durch die große Bewegung der Identitätaphilcwuphie 
in der Richtung vorgereichnet sind, daß für das kategoriHche Grund- 
verhältni« zwischen Sein und Bewußtsein »tatt der Gleichheit die 
Identität eingesetzt wird«. Also eine Prognotje ohne weitere Be- 
gründung. 

Da« ist Windel bands objektives Recht fertigungsniaterial seiner 
Foeition. hls ist wenig — so wenig, daß wir una erneut fragen: 
damit soll die Beiseiteschiebung der Naturtheorie, iiiäbesondere der 
l'sychologie (oder mit dem Wort der Alteren: Anthrojxjlogie) für die 
Beantwortung von Krkenntnisgrundf ragen fundiert werden dürfen? 
Andererseits: vergessen wir niciit, daß. auf dem Boden der Win- 
delbundschen Alternative, die Zurückweisung seüier Argumente 
noch gar nichts positives ausmacht über die Richtung de.s einzu- 
schlagenden Weges. Auch wenn alle seine Rechtfertigungen hin- 
fällig sein sollten, kann sein Weg richtig sein. Vielleicht iüt aber auch 
die Alternative selber schon falsch gestellt, und beide Wege sind 
J rrwego ? 

Dieses wichtigste Problem zu untersuchen — ein Problem, an 
dem der Erkennt ni.sanspruch unserer Einzeldi.sziplinen, an dem die 
Mügliciikcit wahrer Erkenntnis selber und ilirer Kriterien verankert 
ist — , kehren wir zu Windeibands fundamentalen beiden Voraus- 
setzungen zurück. 

Da wird zunächst wohl klar, daß Windel bands eigener Satz: 
»die Gleichheit (von Wesen und Erscheinung) ist gerade so wenig 
beweisbar wie die Ungleichheit « — jede seiner beiden Prämissen zu 
einem Dogma stemjx'lt. Ist die Gleichlieit nicht beweisbar, so ist 
auch die Identität nicht Ix'weisbar; also Ix'haupte man sie auch 
nicht! Und wenn Windelband sehr treffend sagt, die Begriffe 
des Phänomenalismus reichten nur bis zu einer problematischen 
Stellungnahme zu dieser erkenntnistheoretischen (Jrundfrage: so 
scheint uns, es gibt ülx«rhaupt keine bessere Rechtfertigung dieoer 
prol>lematischen Stellungnahme, als hier Windel band sell)er ge- 
gel)en hat. Gleichheit und Nicht -CJleichheit ist eine vollständige Dis- 
junktion; tertium non datur. Keines von Beiden ist »beweisbar«. 
Konsequenz: »problematische Stellungnahme«. Die Inkonsequenz 
liegt offenbar bei IXMnjenigen, der die Voraussetzungen der UnU»- 
weisbarkeit macht \uui die Konsetpienz daraus wie einen Vorwurf 
aus.spricht. Warum alx>r keine Aussage ülx«r das erkenntnistheo- 
retische Problem gemacht werden kann, das wurde bereits oben 
erörtert. Kants Phänomonalismus war also wohl bedacht, und dio 
idontitätslehre seiner »überwmder« überwindet tatsächlich die Kritik 
lurch das Dogma; sie raubt uns die große Errungenschaft Kant»; 
aber mit unzulänglicher Kraft. 



84 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntnif^kritiscben Grundlagen. 

Erwas ganz anderes als dieses erkenntnistheoretischc Problem 
enthält aber Windelbands Frage, ob nicht Kants »Wertschei- 
dung« von theoretischer nnd praktischer Vernunft eine »Halbheit« 
sei. Diese Frage ist sehr diskutabel — wenn wir nur zunächst wüßten, 
was mit »Wertscheidung « gemeint sei. Offenbar umschreibt Windel - 
band, was er meint, wenn er davon spricht, daß das theoretische 
Wissen auf spezifisch menschlichen Vorstellungsweisen, das prak- 
tische Bewußtsein aber auf Vernunftnotwendigkeiten »beruht ((, 
Was bedeutet dieses »beruhen«? Offenbar den Grund der Gültig- 
keit des theoretischen Wissens und des praktischen Bewußtseins. 
Windelband will also »spezifisch-menschliche Vorstellungsweisen« 
als Gri;nd der theoretischen Erkenntnisse und Vernunftnotwendig- 
keiten « als Grund des praktischen Verhaltens bezeichnen, will sagen, 
daß diese beiden Gründe etwas voneinander toto genere Verschiedenes 
sind, und will weiter sagen, dies sei Kants Meinung. Es bleibt doch 
merkwürdig, daß Kant sein theoretisches Hauptwerk nicht als 
»Kritik der spezifisch menschlichen Vorstellungsweisen«, sondern 
als »Kritik der reinen Vernunft« bezeichnet hat. Auch schließt 
doch das eine Glied dieser Disjunktion logisch wenigstens das andere 
keineswegs aus. Vielleicht gehören die spezifisch menschlichen Vor- 
stellungsweisen irgendwie zu den Notwendigkeiten der Vernunft 
hinzu oder umgekehrt. Windelband hat also ganz gewiß recht; 
hier steckt ein Problem, das Parteinahme erfordert ; an ihm ist wieder 
einmal das Grundproblem des Erkennens überhaupt irgendwie ver- 
ankert: freilich, wie wir sehen werden, diesmal nicht mit seiner ob- 
jektiv gegenständlichen, sondern mit seiner subjektiven Seite. 
Wenn Windelband hier einen Gegensatz aufstellt zwischen psychi- 
scher Funktion einerseits und Vernunftnotwendigkeit andererseits, 
so kann und soll es nur den Sinn haben, daß die letztere insofern 
über alle psychischen Funktionen hinausragt, als ihre Inhalte nicht 
bloß subjektiv notwendigen, sondern objektiven Geltungscharakter 
haben, und als dieser Geltungsanspruch für die menschlichen »Vor- 
stellungsweisen« natürlich nicht einsteht. 

Hierzu ist nun folgendes zu bemerken: wie kann ich entscheiden, 
ob das so ist? Welche Mittel habe ich, um den objektiven 
Geltungscharakter der Vernunft zu begründen; welche, 
um ihn zu bestreiten? 

Verifizieren kann ich ihn nicht. Denn dazu müßte ich das trans- 
zendente Objekt selber neben die Vernunft halten können, um ihre 
Adäquatheit an ihm als Kriterium zu prüfen. Das aber kann ich 
nicht ; denn der Gegenstand ist mir nur in der Erkenntnis gegeben — 
und um deren Grundlage, die Vernunft, handelt es sich ja. 

Bezweifeln kann ich den objektiven Geltungscharakter der Ver- 
nunft ebensowenig. Denn die Möglichkeit des Zweifels setzt bereits 
die Geltung der Vernunft voraus. Und ferner: Das einzige Kri- 
terium der Berechtigung des Zweifels ist wiederum der transzendente 
Gegenstand. 



Windelband« Kritik d. Ph&iiuinvoiilijiiiiuii u. d. Aufgabe d. Ptj< 

AImu auächiMMciid uiich hier cino •probleiimtiHche Stellun^iiiiiiu.«- i 
Wo steckt denn alxT der (irund der Clültigkcit von Kr kennt niiMcn, 
wo duH Kriterium ilirer Walirlieit? 

Sehen wir unn dun andere Glied der WindclbandHchen Dij*- 
junkfion an. Sie lautete: entweder Psyc-hologiHniuB — oder tranj*- 
zendentalisliöche IdentitätHnietaphyHik. über die letztere wurde 
gesagt, wa« kritisch zu sagen war. Bleibt nun nur der andere Weg 
als Ausweg ? 

Windelband hat bereits gezeigt, wohin er führt. Ruht wirklich 
der CJrund der Geltung von Erkenntnissen in Details un.serer empi- 
rischen seelischen Organisation, so ist die Gefahr des liclativismu» 
und Konvent ionalisinus .sehr nahe, so fällt Ge*M^tz und Norm, wahr 
und falsch in sich zusammen. 

Andererseits ist kein Zweifel, daU unsere Erkenntnisse wirklich 
zu »spezifisch menschlichen Vorstellungswei-sen * gehören — es ist 
überaus wertvoll, daü Windelband auch in Kants Kritik der 
reinen Vernunft diesen Gedanken findet und ihre Leistung somit 
als eine psychologische lx;t rächtet. 

Der Ausweg liegt, wie mir scheint, in folgendem. Die Vernunft 
und ihre Notwendigkeiten sind auch in Kants Kritik der reinen 
Vernunft der letzte Grund aller )>spezifisch menschlichen Vorstel- 
lungsweisen«, sofern sie auf Erkenntnis, auf Wahrheit Anspruch 
erheben. Ihre Derivation aus der Vernunft — aus der transzenden- 
talen Apperzeption — wie sie die Kritik aufweist, verleiht allererst 
den Inhalten dieser »Vorstellungsweisen« Geltung, Notwendigkeit, 
Wahrheit. 

Diese Vernunft aber, so wenig ich mit meinen Erkenntnismitteln 
ihre Transzendenz ins Objektive zu erweisen vermag, kaini ich eben- 
sowenig ihrer Absijlutheit entkleiden. Ich kann sie nicht anzweifeln 
darauf wurde schon hingewiesen. Ich kann nicht — wie Nelson 
« mmal an Kants iM'kanntem IJeispiel ausführte, sagen, »ich sei nur 
so eingerichtet denken zu müssen« A gilt. Denn auch der Gültig- 
keitsgrund dieses Urteils — ich sei nur so eingerichtet — läge dann 
<larin. daß ich nur so eingereichtet bin denken zu müssen, ich sei nur 
so eingerichtet denken zu müssen . . . usw. Und von diesem Urleil 
gilt das Gleiche, und so ergäln.» ein unendlicher Kegreli die Unmög- 
lichkeit einer derartigen Au.ssage. Bin ich niir so eingerichtet denken 
/.u müs.sen, A gilt, so sage ich eben: A gilt, ein anderes ist unmöglich. 

Das Selbstvertrauen der Vernunft in ihre eigene Wahr- 
Iteit ist also die Voraussetzung allen Erkennens, sowohl 
faktisch als auch seiner Möglichkeit nach. Und nun mag 
ich in der Tat anthropologisch untersuchen, inwiefern meine Vor- 
stellungswei.sen in ihr wurzeln, inwiefern sie deren Inhalt und Form 
durchdringt — die Gefahr des Psychologismus ist vermieden. Denn 
Erkenntnis gilt dann, weil Vernunft ist, nicht als »spezifi-sch 
menschliche Vorstellungsweise« und auch nicht als ihr Gegenteil — 
sondern schlechthin: weil sie ist als letzte und oberste Vor- 



86 Vorbereitende Einführung in die allgem. erkenntniskritischen Grundlagen. 

aussetzung aller Erkenntnismöglichkeit überhaupt, als 
solche weder bezweifelbar noch begreiflich. 

Damit sind beide Seiten der Windel band sehen Alternative ab- 
gewehrt : der Transzendentalismus, insofern wir mit unseren kritischen 
Aussagen niemals den Boden dessen verlassen, was unserer Erkenntnis 
wirklich zugänglich ist; und der Psychologismus, insofern der Grund 
und die Wahrheit von Erkenntnissen nicht in den spezifisch mensch- 
lichen Vorstellungs weisen, die uns Vernunftnotwendigkeiten ins 
Bewußtsein bringen, gesucht werden, und ebensowenig in den psycho- 
logischen Untersuchungen, welche diese Vorstellungsweisen an der 
Vernunft verankern oder von ihr ablösen. Der Psychologie aber 
fällt hier die wichtigste aller Positionen zu, welche die 
kritische Philosophie zu vergeben hat: das Verfahren der 
kritischen Begründung von Erkenntnissen, die Vernunft- 
kritik selber. Sie ist nicht mehr das Aschenbrödel des Transzenden- 
talismus, sie wird nicht von den historischen Disziplinen ausgeschaltet, 
sondern sie bildet ihre wichtigste Grundlegung. Meinong hat un- 
längst ersti) für ^ie Werttheorien einen schönen Beweis ihrer Fähig- 
keiten dazu erbracht. Sie steht, was mehr ist als dieses Einzelne, als 
Wächter am Eingang zur Wahrheit selber. 

Es war Jakob Friedrich Fries, der diese Form der Erkenntnis- 
kritik geschaffen und ausgebaut hat, die einen befreienden Ausweg 
bedeutet aus der Enge zwischen der Scylla des transzendentalistischen 
und der Charybdis des psychologistischen Vorurteils. Sein Werk 
ist in den letzten Jahren durch seine Schüler wieder aufgelebt, aber 
noch vor wenigen Jahren hat Windelband den Sieg Hegels über 
Fries proklamiert. 

Auch wir glauben, daß der Kampf um die philosophischen Wahr- 
heitskriterien sich zu einen Ringen zwischen diesen beiden Lehren 
zuspitzen wird: zwischen ihnen wird die endgültige Entscheidung 
fallen müssen. Aber wir sehen Fries noch nicht geschlagen. Auch 
durch dieses neue Werkchen Windelbands nicht. Und darin liegt 
die Rechtfertigung, oder doch die Entschuldigung dafür, daß wir 
Windelbands Arbeit nicht einfach referierten, sondern auch kriti- 
sierten. Denn vor dem wichtigsten Problem des erkennenden Men- 
schen ist jede Scheinobjektivität eine innere Un Wahrhaftigkeit. 

1) Logos III, 1. 



Hauptteil. 



Ein Kuihlblick über (i('«r«'n\viirtsströiiiiiii;::«'ii 
der (ItMitsrIh'ii psycliiafrisclM'n iiinl psycliolotrisclicn 

1. Der Siep (1< r lutcrolo^ischen ForsrliungsteiHieiiz»*!! in der 

rsycliiatri«'. 

In der deutschen Psychiatrie luit das Lebenswerk Kraepclins 
eine bis an ilire wissenschaftlichen Wurzehi reichende Umformung 
bewirkt. Bis zu seinem Auftreten in der Forschung kann man zwei 
große Perioden derscUxMi voneinander abgrenzen. Ihre älteste war 
die der s{x>kulativen psychologischen Theorie. Diese sah im Wesen 
der Kranklieiten psychiscli kranker Menschen einen toto genero 
anderen Prozeß als in dem körperlicher Krankheit. Sie übertrug 
den Krankheitsbegriff von der letzten Kategorie nur in metapho- 
rischem .Sinne auf die psychischen und psychotischen Abwegigkeiten. 
Eine völlige Unvcrgleichbarkcit schien ihr hier zu herrschen. Indem 
sie die genetischen Fundamente seelischer Erkrankung restlos eben- 
falls iT»s Seelische verlegte, welches sie durch die Iranszendentalisti- 
Hche Identitätsphilosophic noch als substantialisiert zu denken ge- 
wtihnt war, mußte die spekulative Theorie aus Unzulänglichkeiten 
dieses Seelenwesena die einzelnen seelischen Krankheitstypen kon- 
struktiv herleiten und aufbauen. Solche Unzulänglichkeiten konnten 
moralischer Art sein, Schuld oder Sünde (Reil, Heinroth); sie 
konnten im »Widerspruch zum Xaturzweck« (Hoffbauer) geboren 
werden; sie konnten aus »gewucherten Leidenschaften t (Esquirol, 
Dissertation) sich bilden. Die Einzelheiten waren ab«urd; die an 
sie geknüpfte vermeintliche Willcnsheilpädagogik eine üble Mischung 
von liicdirmeiermoralismus, Pedanterie und Brutalität. Mit ge- 
nialem Wt)llcn befreite Griesinger die Forschung aus dieser speku- 
lativen Sackgas.se durch die klare Erkenntnis, daß der an jxsychischen 
Merkmalen zu bildende Krankheitsbegriff grundsätzlich nur ein 
symptomatologischcr sein könne, dem als ideale Forderung ein 
patliogenetischer gegenülx»r zu treten habe. Damit war die zweite 



•) ZumromciifaatH'odc Bearbeitung rweier Abhanillungen, welche - für 
einen I^^^wrlcrei« von Nnturfonnhem b<"nfhnet -- in der »Scienti«« en«chicnen. 
Sie wiirdm hier nufgrnommen um eini^'-r (Je-nichtupunkte willen, welche mir 
prinzipiell wiihtig sind. Die wahrend des Kriege« erschienenen Arbeiten wurden 
nicht a.ehr beruikätchtigt. 



90 Ein Rundblick über Gegenwartsströmungen usw. 

Epoche psychiatrischer Forschung eingeleitet. Schon Griesinger 
erkannte die somatische Basis dieses zu fordernden pathogenetischen 
Krankheitsbegriffes und führte daher die Psychiatrie aus der Reihe 
philosophischer Scheinwissenschaften zu ihrer natürlichen Mutter, 
der Medizin, zurück. War aber für ihn die Identifizierung der psycho- 
logisch beobachtbaren psychotischen Typen mit den pathogeneti- 
schen Fundamenten in einer Krankheitseinheit noch eine ideale 
Forderung, welche höchstens zufällig einmal sich realisieren mochte, 
aber weder durch das Wesen somatologischer Forschung, noch durch 
das symptomatologischer Psychologie grundsätzlich gewährleistet 
werden konnte, so verloren seine Schüler und die auf ihn folgende 
Forschergeneration die weise Selbstbeschränkung des Meisters nur 
zu bald. Der Aufstieg der ganzen somatischen Medizin riß sie mit 
fort; vorschnell und kritiklos wurden deren Gesichtspunkte auch 
zu uneingeschränkten Kriterien psychiatrischer Forschung. Patho- 
genetische Basis seelischer Veränderungen war nach dem Erkenntnis- 
stande jener Zeit ausschließlich die Pathologie des Zentralnerven- 
systems, und mußte es sein. Und psychiatrische Forschung der 
zweiten Epoche bestand nunmehr ausschließlich darin, die beobacht- 
baren psychischen Veränderungstypen den Formeln der — äußerst 
rudimentär entwickelten — Hirnpathologie in Hypothesen, Kon- 
jekturen, Konstruktionen und Konventionen anzupassen. Hierzu 
mußten psychophysiologische, hirndynamische und eine Zeitlang 
auch »molekülarmechanische « Theorien gebildet werden, welche sich 
in gleicher Weise auf Hirntätigkeit und seelisches Geschehen be- 
zogen, und welche im Grunde in bezug auf Beides nichts waren als 
leere Phrasen. Das Psychische wurde in dieser ganzen Forschungs- 
richtung zum bloßen Epiphänomen. Die großen und bleibenden 
Verdienste, welche die Führer dieser Richtung: ein Exner, Meynert, 
Westphal, Schule, und vor allem Wernicke, sich um die For- 
schung erworben haben, und die noch in den Arbeiten der jetzigen 
Forschergeneration befruchtend fortwirken, betreffen durchweg nicht 
die eigentliche Psychiatrie im strengen Sinn, sondern ein Grenz- 
gebiet psychischer Sekundärfunktionen rezeptiver und expressiver 
Art, deren epiphänomenales Wesen man zugeben könnte, ohne damit 
das Wesen des Seelischen selber zu berühren. Vor allem aber be- 
treffen sie die von allem psychologischen Beiwerk befreite Gehirn- 
forschung, als neue deskriptive somatologische Wissenschaft. Kli- 
nisches Forschen bewegte sich im Kreise der hirnpathologisch vor- 
gegebenen Dogmatik; und wo es sich von ihr befreite, wie in dem 
Werke Ziehens, kam es nicht über symptomatologische Klassi- 
fikation hinaus. Es war Kraepelin, welcher, anknüpfend an Vor- 
gänger wie Kahlbaum, Hecker und wenige andere, die Forschung 
in ihre dritte Periode die hinüberleitete, welche wir als die klini- 
sche charakterisieren können. Will man aus seinem gewaltigen 
Lebenswerke diejenige Forschungsmaxime heraussondern, welche uns 
hier als weiterleitender Gesichtspunkt fruchtbar ist, so kann man 



Der Sieg dor bi-t«rologiachen Foraobuogateodflnaen in 6rr Pi^cbutrie. ^1 

sagen: er hat nolx'n den Hvmptoinatohigischon und dc*n pathogene- 
twchen Kranklu-itHlK'Kriff den noHologischen in der Kon»chung 
durchgt'setzt. Kr hat IMatz gfHt'haffcn für dio i>syili<jlo;^'isch-kliiiijich« 
Bfschreibung, welche in wahrhaft vorurtciLsltmer Weihe an einem 
einzigen unmittelbaren Zweck orientiert war, und dieser Zweck ist 
praktischer und prognoHtincher Art. Keine theoretische Stellung- 
naliine verdunkelt ihn und .schränkt ihn ein. 80 sind durch ihn neu© 
Krjinkheitseinheiten nosologischer und klinincher Art geschaffen 
worden, nicht auH den Abetraktionen spekulativer Psychologie heraus 
und ebensowenig aus Lokalisationshypothescn der Hirnpathologie; 
sondern aus vorurteilsloser sj-ntematischer Beobachtung heraus, 
welche sich nicht bloß an einwlne ZustancLsbilder klammerte, sondern 
ülxT das ganze LelnMi der Kranken erstreckte, und die V^erlaufstypen 
der Krankheit sell)er zum Ausgangwptinkt nahm. Für diese Beob- 
achtung stellten alle Materien eine gleiche Bedeutsamkeit dar, alle 
waren gleicher Beachtung würdig, von der Struktur der Erinnerungs- 
fälschungen bis zur Altersstatistik, vom Muskeltonus bis zur Rinden- 
veränderung, vom Stammbaum bis zum Strafregistcrauszug. Die 
Ordnungsgesichtspunkto für die ungeheure Materialienfülle, welche 
sich auf diese Weise ergab, waren vorwiegend äußerliche. Wenn 
sich auch zeitweise bei Kraepelin da.s Bestreben regt, z. B. bei der 
Erfassung und Einteilung der symptomatischen Psj'chosen toxischer 
Art, aus psychischen Verschiedenheiten Gesichtspunkte ihrer gegen- 
seitigen Abgrenzung zu gewinnen, so hielt er sich doch im allgemeinen 
völlig und lK.>wuüt im Bereiche reiner Heuristik, ohne das Bestreben, 
in einer psychologischen oder anders gearteten Synthese zu gründen. 
Als eine Ganzheit, eine Krankheitseinheit galt ihm alles, was 
auf Cirund seiner Beobachtungen Analogien aufwies in den Sympto- 
men, der Verlaufsform, der Ätiologie und dem zerebralen Bilde. Das 
grundsätzliche und methodologische l*roblem der Tragweite und des 
Geltungsl)ereiches dieser »Analogion« Ijesonders im psychischen Ge- 
schehen beachtete er nicht. Er zog sie beliebig weit, und sein Ge- 
sichtspunkt blieb der gleiche, auch wenn in dem reichen Gesamtbilde 
individueller Krankheitserscheinungen bei psychischen LÄngsschnitten 
und Querschnitten solche Analogien in gewissen Symptomgriippen 
bestanden, in anderen fehlten. Wa.s uns heute eine der wichtigsten 
Fragen zu sein scheint: der Grund der Existenz derartiger »Ana- 
logien« — bildete für ihn größtenteils ülierhaupt kein der Forschung 
zugängliches Problem. Seine Krankheitsoinheiten betrachtete er 
selber nicht als endgültig feststehende Realitäten; sie wan'H nichts 
anderes, als Ordnungsgesichtspunkte der klinischen Praxis; und mit 
weiser Vorsicht war er .sell)er der erste, sie gegebenen fallt* bei fort- 
schreitender Erfahrung zu modifizieren. So ist das Kriterium der 
Theorienfreiheit zum Signum seiner Arbeitsweise g;eworden. 

Unsere Forschung ist inzwischen zweifellos in mancher Hinsicht 
nicht mehr reines Epigonentum Kraepelinscher Gedanken, simdern 
über ihn hinausgclangt. Aber dir ablehnende Haltung im Hinblick 



92 Eiii Rundblick über Gegenwartsströmungoa usw. 

auf alles Theoretische ist geblieben. Die neue Aufgabe, welche die 
Forschung über ihn hinausführte, war zunächst die einer noch vor- 
sichtigeren Selbstbescheidung, als sie Kraepelin selber bereits 
geübt hatte, und blieb im wesentlichen kritischer Art. Sie bestand 
darin, unabhängig von den momentanen Bedürfnissen klinischer 
Praxis alle die neuen Materialien hinsichtlich der Einteilungen und 
Ordnungen, welche Kraepelin sehe Erfahrung in ihnen vollzogen 
hatte, auf ihre Bewährung zu prüfen. Wenn sich damit auch die 
Forschung äußerlich zunächst innerhalb der Grenzen des durch ihn 
Geschaffenen weiterzubewegen scheint, so schlummert dahinter doch 
bereits ein Umschlag seiner Maximen in ihr Gegenteil, Beispielsweise 
darf sich für sie die Zusammenordnung der Phänomene am lebenden 
Kranken und an der Leiche nicht mehr nach Gesichtspunkten voll- 
ziehen, welche den zufälligen und äußerlichen Gesichtspunkten der 
Klinik entsprechen. Jede der beiden Beobachtungsreihen hat viel- 
mehr, unabhängig voneinander, ihrem eigenen Gesetz zu folgen. 
Das innere Band, welches notwendig sowohl die einzelnen psycho- 
tischen Symptome und Zustandsbilder als auch die einzelnen Ver- 
laufsformen als auch endlich die histopathologischen Typen zu einer 
Einheit verbindet, muß gleichwohl für jede einzelne dieser drei 
Sondersphären besonders entdeckt werden. Der Einheitsgesichtspunkt 
punkt ihres Verbundenseins tritt zurück hinter der methodischen 
Sonderart ihrer einzelnen Durchforschung. So ist die gegenwärtige 
Epoche der Psychiatrie zu einer solchen methodologischer Be- 
sinnung geworden, welche jedes Sondergebiet unabhängig von allen, 
anderen zu durchforschen unternimmt mit Hilfe von Methoden, die 
einem jeden in besonderer Weise angepaßt sind. Ihr letztes Ziel ist, 
alle diese Sondergebiete im systematischen Rahmen wissenschaft- 
licher Synthese zusammenzufassen. Anstatt also den nosologisch- 
klinischen Charakter der Forschung festzuhalten, geht die Synthese 
letzten Endes auf ein pathogenetisches Ziel — ganz im Sinne von 
Griesingers vorausschauendem Genie, aber in der Hoffnung, das- 
jenige, was ihm nur eine ideale Forderung bedeuten konnte, durch 
methodische Arbeit fallweise zu realisieren. 

Freilich hat die Aufteilung der Psychiatrie in Sonderzweige der 
Forschung dazu geführt, daß ihre methodische Trennung diese Syn- 
these noch nicht einmal von ferne erkennen, geschweige denn in die 
Erscheinung treten läßt. Die Methoden verfeinern und spezialisieren 
sich immer mehr und werden daher von immer engerer und be- 
grenzterer gegenständlicher Anwendung. Daher sind auch die 
Fortschritte, die in den einzelnen Forschungszweigen gemacht werden, 
keineswegs überall auch nur annähernd die gleichen. Die beträcht- 
lichsten hat zweifellos die Histopathologie der Großhirnrinde 
mit sich gebracht. Unter der Führung von Nissl, Alzheimer und 
ihren Schülern ist dieses Gebiet, das noch vor wenigen Jahren fast 
unzugänglich schien, so durchforscht worden, daß wir, für eine große 
Reihe von Psychosen, Untersuchungen besitzen, welche die klinisch- 



ÜtT !>icg clor hct<rologinch«^n KorBcbuiig»U-Dd«»zfn in der Paychiatri«-. i*S 

diagnoHtiwclicn Bt-dürfnissp dor KraepcIiiiHrheii Ära an Cicnaiiigkeii 
und VertiffuiiR weit ülHTtffffii. K» sei hier nur priiiiu-rl an Spiel- 
meyors Untersuthungen ül)or den fleekweisen MiirkHclieidenauMfall 
büi Paralyse, dem ein klinischei* Äquivalent bis jetzt nicht entMpricht, 
an die Untersuchungen zur tuberöeen Sklero«e, an Alzheimers 
nach ihm genannte Krankheit, die dann klinisch erst Kokundär auf 
(Irimd seiner histopiithologischen Befunde ahgrenzhar wurde, an 
iSträuülers Studien zur juvenilen Paralyse und ihrer Beziehungen 
zu Entwicklungshemmungen, an die (iliastudien verschiedener Kor- 
scher, inslxjaondere Heltls und Alzheimers, an die Abgrenzung 
der familiären amaurotischen Idiotie, welche der Arbeit verschiedener 
Forscher uruibhängig voneinander zu verdanken ist. an das Studium 
fötaler Bildungsliemmungen. dem Ranke wertvolle Arlx-iten wid- 
mete, und an die neuesten Arbeiten Jahneis und Hauptmanns 
über da« Verhalten der Spirochäten bei der Paralyse und ihre Be- 
ziehungen zum rindenpathologiachen Prozeß, welche sich würdig 
den besten Forschungen des Auslandes anreihen. Auch die feinere 
anatomische F]inzclfor8ch\ing im Rindengebiet, welche an die Arbeiten 
von Bielschowsky, Economo, V\jgt u. a. m. anknüpft, hat 
Fortschritte gezeitigt, welche indes die grundlegenden Probleme der 
Fibrillcnstruktur, des nervösen Graus, des Zidlenbaus und der Neu- 
ronenlehrc nicht wesentlich über die älteren Arbeiten Bethes hinaus- 
zufördern vermochten. Hingegen ist ein bemerkenswerter Fort- 
schritt den unermüdlichen Forschungen Brodmanns gelungen, 
welcher die Lokalisat ionslehre durch seine grolien Arbeiten den 
psychophysiologischen Dogmen zu entrücken vermocht hat, die 
die Lehren von Flechsig, Munk usw. in den Vordergrund gestellt 
hatten. Seine vergleichend-aiuitomischen Studien am Zellbild der 
Rinde haben es ermöglicht, morphologisch identische Strukturtyf)en 
verschiedener Rindenregionen landkartennrtig nel>eneinander zu 
stellen. Neuerdinga hat Nissl wenigstens für das Kaninchengehirn 
auf neuen experimentell-anatomischen Wegen, unter Benutzung der 
Ouddenschen Degenerationsmethode, zwischen diesen deskriptiven 
Abgrenzungen Brodmanns und den entsprechenden Gegenden der 
großen Stammganglien, insln-sondere dem Thalamus und seinen 
Kernen, Ix'stimmte gesetzmäßige Bi'ziehungen fc.><t gestellt. Es gelang 
ihm festzustellen, welche Rindenschichten und Rindenregionen mit 
diesen Kernen und so auch mit der Peripherie des Nervensystems in 
einer anatomisch-demonstrierbaren Beziehung stehen. So kann man 
im allgemeinen sagen, daß neue, vollkommenere Methixien und kri- 
tischere Fragestellungen hier zu neuen lU-sultaten geführt halxMi 
und damit ein (Jebiot verselbständigt hal)en. welches zur Durch- 
forschung bis dahin auf konstruktive I>ikalisationstheorien an der 
Hand des groben und unzuverlässigen Markfaserbildes und physio- 
logischer Exj>erimento mit vieldeutiger Interpretation angewiesen war. 
Damit ist nicht gesagt, daß jede Lokalisat ionstheorie an sich 
schon von uns als verwerflich betrachtet würde. In dem Maße viel- 



94 Ein Rundblick über Gegenwaxtsströmungen usw. 

mehr, wie die Lokalisation selbst seelischer Funktionen in umschrie- 
benen Hirnregionen ohne Behelf konstruktiver Dogmen, durch reine 
Erfahrung und eine Analyse, die notwendig psychologischer Art 
sein muß, sich vollziehen ließ, hat auch die Hirnpathologie Fort- 
schritte zu verzeichnen. Die Forschungen Liepmanns sind be- 
kannt, in denen er die großen Entdeckungen Wernickes fort- 
setzend, ohne aber in dessen konstruktive Dogmen zu verfallen, die 
Theorie der Aphasie einer kritischen Durcharbeitung unterzogen 
hat, und oft im Gegensatz zu den großen französischen Forschern 
auf diesem Gebiet, aber mit sicherer Hand auf eine psychologische 
Analyse der Materie zusteuert. Auch glückte es ihm zuerst, die Stö- 
rungen des spontanen Handehis und der Bewegungsintentionen einer 
vertieften psychologischen Analyse und hirnpathologischen Lokali- 
sation und Darstellung zu unterziehen: seine Lehre von der Apraxie 
ist heute völlig anerkannt. Auch hier waren es neue Methoden, die 
der Forschung zu neuen Ergebnissen verholfen haben. Und wenn 
bei seinem Versuche, diese Forschungsmethoden auch auf alle jene 
Bewegungsstörungen zu übertragen, die man sonst noch bei Geistes- 
störungen findet, Kleist sich nicht völlig den Konstruktionen Wer- 
nickes hat entziehen können, so beweist dies nur die Kühnheit 
dieser Methoden, welche auf lokalisatorischem Gebiet so erfolg- 
gekrönt waren. 

Von methodisch geringerer Sicherheit und daher auch weniger 
schlüssig sind die Forschungen über die Elemente einfacher 
Bewegungen und Muskelzustände, vor allem hinsichtlich der 
verschiedenen Starresymptome bei Geisteskrankheiten, welche zu- 
erst Rieger, sodann Sommer und neuerdings Isserlin mit Hilfe 
neuer, experimenteller Verfahren angestellt haben. Auch ihnen ist 
die Theorienfeindschaft gemeinsam. Auch die anderen körper- 
lichen Begleitsymptome geistiger Störungen wurden einer 
methodischen Forschung unterzogen, die auf neuen und exakteren 
Verfahrensweisen beruht. So haben unter anderen Bach und 
Bumke die Pupillensymptome systematisch bearbeitet. Gregor 
und andere Forscher haben das sogenannte psychogalvanische Re- 
flexphänomen zur Bestimmung affektiver Schwankungen verwandt; 
und ein weites Tätigkeitsfeld eröffnet sich den Methoden, welche 
Sommer und seine Schüler, besonders Pfahl, vor allem aber Ernst 
Weber in einem ausgezeichnetem Werke hierüber ausgearbeitet 
haben. 

Die Verfeinerung der Methoden, welche uns bisher das Kenn- 
zeichen gegenwärtigen Geistes in der psychiatrischen Forschung war, 
erstreckt sich auch auf die pathogenetische Arbeit und verbürgt 
hier ein Weiterkommen. Freilich sind die chemischen Untersuchun- 
gen über den Stoffwechsel der Geistesstörungen ziemlich resultatlos 
verlaufen, trotz gewissenhafter Forschungen von Kauffmann, 
Knauer, Gräfe u. a.; und dasselbe gilt auch von der Chemie des 
Gehirns (Allers u. a. m.). Hingegen hat die physikalische Unter- 



Der Sieg der hcU-rologischcn Forsch ongslcndenzon iri w i i n\ uiAtiie. 95 

suchung (Icft Cifliinis /.u neuen Ergcbnis-sen geführt. Keichanlt 
konnte /.eigen, dali d»T Quotient, der die Beziehung zwinchen Hirn- 
gewicht und iSchüdelkapazitttt auedrückt, einen Index liefert, der — 
itn NornialzuHtande konstant — bei akuten oder Hubakuten Ver- 
laufen bestiinnito Veränderungen aufzuweisen vermag. Freilich 
bind die Akten ül)er die »HirnHchwellung« noch nicht geHchloBBen. 

Hierher gehören auch die serologiflchen und biologisch - 
themischen Forschungen, welche eine besondere reiche tarnte von 
Ergebnissen geliefert haben. Ohne schon eine eindeutige Bewertung 
zu ermöglichen, haben sie doch zu wichtigen Schlüssen über die 
Ätiologie und Pathogenese einer Anzahl Krankheiten Anlaß gegeben. 
Die Cerebrospinalflüssigkeit wurde hinsichtlich ihres Gehaltes an 
Zellen und Eiweiß, hinsichtlich der durch Ammoniumsulfat fäll- 
haren Substanzen (Nonne), hin-sichtlich ihrer Fähigkeit, kolloide 
Ivösungen auszufällen (Lange, Eraanuel) und hinsichtlich der 
Wassermannschcn Reaktion geprüft, und zwar sowohl theoretisch 
als im Zusammenhang mit klinischen Krankheitstypen. Kafka 
durchforschte den Fermentgehalt des Liquors und das Problem der 
Durchlässigkeit der Hirnhäute. Alle diese Untersuchungen hatten 
zum praktischen Ergebnis, selbst bei Abwesenheit jedes anderen 
körperlichen Symptomcs, die Formen organischer Geistesstörung 
intra vitam diagnostizieren und mit ziemlicher Sicherheit voneinander 
abgrenzen zu können. Die Wassermannsciie Reaktion im Blutserum 
ermöglichte, die Ätiologie einer gewissen Gruppe angeborener Idiotien 
und anderer Schwachsinnsformen sicherzustellen. Forster und 
Tomaszewski konnten durch Hirnpunktion lelxjnder Paralytiker 
die Spirochäten in fast der Hälfte der Fälle nachweisen. 

Das allgemeine Wiederaufleben humoralpathologischcr Anschau- 
ungen endliih ist ebenfalls nicht ohne Einfluß auf die pathogenetische 
Forschung in der Psychiatrie geblieben. Aber bezeichnenderweise 
waren es auch hier neue Metiiodon, deren Anwendung auf die Psy- 
chiatrie aus anderen Gebieten üljornommen wurde. An das Abder- 
haldensche Verfahren des Nachweises von Abwehrfermenten gegen 
die Abbauprodukte einzelner Organe knüpften sich zunächst große 
Hoffnungen, direkte Ik'ziehungen zwischen Organfunktionen und be- 
stimmten Formen funktioneller Geistesstörung auffinden zu köimen. 
Freilich hat dieses Verfahren sich als noch nicht zuverlässig genug 
erwiesen, um jene Hoffnungen zu rechtfertigen. Sein leitender Ge- 
suhtspunkt aber hat auf zwei Forschungseinstellungen Einfluß aus- 
geübt : er hat den Blick l)efreit von der aus^schließlichen Einstellung 
auf die anatomisch nachweisbaren Veränderungen im Zentrahierven- 
system, er hat ihn hingelenkt auf die Wechselwirkung, in welcher 
dieses mit dem Gesamtorganismus steht ; und zweitens hat er ihn in 
ganz besonderem Maße hingelenkt auf die endokrinen Drüsen, 
die ihrerseits als Bremsen und als Aktivatoren einzelner Anteile 
von ihm im (icsamtorganismus einen eigenen Kreis von Weihsel- 
wirkungen darstellen. Es ist aber charakteristisch, daß e» trotz der 



96 Ein Rundbück über Gegenwartsströmimgen usw. 

ungeheuren Wichtigkeit dieses neuen Gesichtspunktes, der vom 
Gehirn zurück auf die biologische Struktur des Gesamtorganisnius 
geführt hat, nicht gelungen ist, bisher greifbare Einzelergebnisse 
zu zeitigen. Wo er sich an einzelnen Materien hat realisieren lassen, 
wie bei der Durchforschung der beiden Hypophysenanteile in ihrem 
Einfluß auf den Diabetes insipidus, bei der vertieften Erkenntnis 
der Basedowschen Krankheit und bestimmter Wachstumsanomalien, 
da haben diese Ergebnisse immer nur dazu gedient, die betreffenden 
Gebiete ausserhalb der Nervenlehre zu stellen und ihre Wurzeln 
innerhalb der rein somatischen Organpathologie aufzuweisen. Die 
Neurosen und Psychosen spotten noch jeder realen und genau be- 
stimmbaren Anwendung dieses Gesichtspunktes. Was hier vor- 
gebracht wird, ist mehr oder weniger geistreiche Konjektur. Und 
es ist interessant, daß dies nur an dem Mangel geeigneter spe- 
zifischer Methoden liegt, den dieses Gebiet aufweist. Die Psy- 
chiatrie muß hier warten, bis ihr die Sonderforschung der Lehre von 
der Inneren Sekretion neue methodische Waffen schmiedet. Erst 
dann kann sich zeigen, ob nicht der Zeitgeist den Einfluß der Ano- 
malien dieses Organsystems auf das Zustandekommen von Geistes- 
störung am Ende stark überschätzt. 

Neben diesen der eigentlichen Medizin sehr angeglichenen Me- 
thoden pathogenetischer Forschung kennt die Psychiatrie eine solche, 
welche ihrem Wesen nach anders orientiert ist. Sie betrifft die Zu- 
sammenhänge zwischen den Formen von Geistesstörung und so- 
zialen Faktoren. Hier haben neuere Arbeiten über die Psychosen 
des Strafvollzuges und der Untersuchungshaft zur Aufstellung neuer 
Krankheitsbilder geführt. Der Begnadigungswahn der lebensläng- 
lichen Strafgefangenen von Rüdin gehört hierher. Rüdin, Siefert, 
Birnbaum, Wilmans und Homburger haben wertvolle Einzel- 
beiträge zu diesen Fragen geliefert. Die Umgekehrte Fragestellung, 
der Einfluß psychotischer Elemente auf die soziale Lage des Indi- 
viduums, hat, abgesehen von einer sehr umfangreichen kriminologi- 
schen Literatur, in der Psychiatrie vor allem die Arbeiten von Bon- 
höffer, Joerger und Wilmans über die Landstreicher und von 
Gregor über jugendliche Verwahrloste gebracht. Die Studien zur 
Heredität der Geisteskranken sind — abgesehen von grundsätzlichen 
Klärungen des Konstitutionsbegriffes durch Martins und Birn- 
baum — mit den Methoden der Lorenz sehen Ahnentafel vor- 
wiegend von Rüdin weitergeführt worden. Im allgemeinen hatten 
sie, wie ein kritischer Überblick, den Moeli gab, beweist, eine Klärung 
der äußerst schwierigen Problemlage nicht zur Folge. Der Mendelis - 
mus läßt sich eben, nach Martins' geistvollen Darlegungen, nicht 
auf den Menschen übertragen; und damit fehlt wiederum der metho- 
dische Hebel, um die Forschung zu bewegen. 



Da» ttutolojiiHthü Lbiioh in clor gi»gfnwartij;<n l^ycLiatrif, und der Autweg. 97 



2. Das autolo^lsilic Clia«» in «Irr ^c;::»!!^ iiiii^cn l*>y( liiatrie, 

iiiiii «Irr Ausw«'^. 

Wir sahen hislur in m'(lrüiigte«tcr Form di-n Kort8chritt der 
Wis.sensthafl m'iiuu nnm-palit an die .Möglich keil , die einzelnen Ma- 
terien nach strenger Metliodik adui^uat zu klären. Wir .sahen, daß 
der Fortschritt um »o größer war, je Ix-'stimniter, alxjr auch gegen- 
ständlich in ihrer Anwenduni; lx«grenzter die lx«l reffende BearlxMtungs- 
incthodc war. und dali es auf den Zusanunenhang der einzelnen Ma- 
terien in der Kinlu'it des wi.s.senschaft liehen Ganzen und «eine Be- 
achtung auch nicht entfernt so ankam, wie auf die Sjxjzialisierung 
der Methode. Ein paradoxer Zustand: die Psychiatrie muU, um 
praktisch im einzelnen ülx'r die Kraepelin.Hche Ära vorlxjreitender 
Sammlung hinauszukommen, auf ihre »autologische« Einheit aU 
(Jcsamt Wissenschaft verzichten. Sie muß il»re einzelnen Materien 
gewissermaßen aufteiK-n und aiuh-ren Disziplinen mit gesicherteren 
Methoden jeweils zur Hparl)eitung zuweisen. So resultieren die ihren 
Fortschritt verbürgenden Methoden, ganz heterogen untereinander, 
aus einer lieiho von »Hilfswissenschaften« verechiedenster Prove- 
nienz, während die Psychiatrie selber in einer gewissen Sterilität und 
Tatenlosigkeit auf den Zeitpunkt zu warten scheint, wo weitere der- 
artige Methoden aus anderen Gebieten auch auf weitere Einzel- 
nuiterien anwendbar werden. Man kann die heutige Ära Xarh- 
krae|H'linscher Psychiatrie nicht bloß die metho<lischc, man kann sie 
auch die heterologischo nennen, wenn man damit zum Ausdruck 
bringen will, wie wenig sie 8ell)er Herrin im eigenen Wi.sscnschafts- 
hau.se ist, wie sehr sie mit erl)orgten Kapitalien arlwitet. Kehren 
wir auf ihr eigenstes Gebiet zurück, so finden wir die UntersuchuiK'i-n 
über die Verlauf »formon der verschiedenen Arten von G» 
Störungen gegenwärtig ii\ einem ziendich chaotischen Stande, l ao 
auch hier ist eines iK'Zcichnend : soweit es möglich war. die viTschio- 
<lciu'n Enlwicklungswciscn psychischer S' auf di>- o 

l-^igeiuirt und auf liesiuulcrheiten der i' . iien K»>: -u 

richtiger wohl der Cliaraktcrologie) des befallenen Typ.."» zurück- 
/.ubeziehen und gleichsam die erstcren aus den letzteren zu dedu- 
zieren, ergalH'ii sich alsbald wertvolle Gesichtspunkte Wissenschaft- 
li<licr Syiit licsc, wclclu- nidit rein äußerlich bli«'b, sondern ihr Problem- 
gchici wirklich klarte. Hier dürfen wir die Arl)eit Birnbaums 
üUt die Psychosen mit degenerativer Wahnbildung bei Psycho- 
pathen und die ArIxMt von Roiss ülxr da« manischdepressive Irr- 
sein nennen. Natürlich waren die Mittel dieser Ableituncen solche 
angewandter Psychohigie. Andere Arl»eiten i ' " " >. l>ei 

allem ihren Uubniteiulen Wert, im .XußtMlichen . \ izung 

stecken, elx-n weil sie ihre psycluilogischen .Mökjbchkeiten nicht voll 
ausnützten. Hierher gehören unter anderem Bonhöffers und auch 
Schröders Studien über exogene und «ymptomatiacho Psychogen. 

Krönte Id. PtychUtrUcbo KrkenntoU. 7 



98 Ein Rundblick über Gegenwartsströmungen usw. 

Kraepelin, der auf diesem Gebiet psychologische Forderungen 
wenigstens stellt, wenn er sie auch nicht realisiert, ist grundsätzlich 
moderner als diese Späteren. Aber Kraepelin hat gegenüber einer 
anderen Gruppe von Psychosen psychologisch resigniert, die klinisch 
sein eigenstes Geisteskind ist: den von ihm als Gruppe der De- 
mentia praecox zusammengefaßten Verlaufsgruppen. Hier liegt 
recht eigentlich die wahre Forschungsdomäne für eine 
autologisch gerichtete Psychiatrie. Aber Kraepelin selber, 
welcher seine Stellung zur Abgrenzung dieser Gruppe nach außen 
bin und innerhalb ihrer Einzeltypen mit jeder Auflage seines großen 
Werkes aufs neue modifizierte, betrachtet die psychologische Analyse 
der ungeheuren individuellen Mannigfaltigkeit von Zustandsbildern, 
die hier bestehen, als vergebliches Beginnen. Der Verlauf dieser 
Formen allein ergibt ihm ein sicheres Kriterium ihrer Ordnung und 
Abgrenzung. Er studiert ihn an den Endzuständen. Als ob dies 
nicht auch »Zustände« wären, und als ob diese Zustände vor irgend- 
welchen früheren grundsätzlich in irgendeiner Hinsicht ausgezeichnet 
wären! Urstein hat versucht, gestützt auf ein großes Beobachtungs- 
material, nachzuweisen, daß auch die Mehrzahl der Fälle von manisch- 
depressivem Irrsinn zu Zuständen führt, welche diesen Endzuständen 
der Dementia praecox-Gruppe gleichen. Er schließt daraus, daß das 
manisch-depressive Irrsein nur eine Sonderentwicklung dieser Gruppe 
darstellt, daß es also psychologisch nicht aus dem Charakter der be- 
fallenen Persönlichkeit herleitbar ist, sondern eine progrediente 
Persönlichkeitsveränderung involviert. . . Wir würden nur den 
Schluß für berechtigt halten, daß die Endzustände kein aus- 
reichendes Kriterium für den Ordnungstypus einer Psychose, 
für eine Krankheitseinheit, darstellen. Die bloße klinische 
Analogisierung von Verlaufsformen, ohne ein inneres Kriterium ihrer 
Analogisierbarkeit — etwa nach gleichen seelischen Strukturen 
präponderanter Art oder gleichen Entwicklungsbedingungen — 
würde letzten Endes zur Einheitspsychose von Neu mann und Arndt 
zurückführen, deren verschiedene Sonderformen nur bedeutungslose 
individuelle Variationen darstellen. Gebieterisch erhebt sich hier 
die Forderung vertieften psychologischen Eindringens in 
Symptome und Symptomzusammenhänge, Um hieraus das innere 
Kriterium, von dem wir sprachen, zu gewinnen. 

Und so war es ein großer Fortschritt, als Bleuler es versuchte, 
für diese Gruppe von Psychosen ein generelles psychologisches Funda- 
ment zu suchen, welches sich auf ihnen gemeinsame seelische Struk- 
turen und Dynamien zurückführen ließ. Wir werden in dem folgenden 
Bande noch auf diese Schöpfung Bleulers, die im autologischen 
Gebiete der Psychiatrie den größten Fortschritt seit Kraepelin 
darstellt, oftmals zurückzugreifen haben. Es ist dies seine Lehre 
von der schizophrenen Störung der Persönlichkeit. Wir 
verzichten daher an dieser Stelle auf ihre ausführliche Darstellung. 
Bleuler hat sie vom psychologisch-theoretischen Gesichtspunkte 



Das ftutologischo Chao3 in der gegenwärtigen Psychiatrie, und der AuBwog. 99 

aus unzulänglich begründet, und sie weist viele Lücken auf; vor allem 
aber dient sie uns weniger dazu, eine klinische Ordnung von Krank- 
heitseinheiten aufzustellen, als vielmehr dazu, bestimmte CJruppen 
psychopathologischcr Beziehungen in ihrer Sonderstruktur zu 
begreifen. Es ist aber noch ein weiter Weg von der psychopatholo- 
gischen Symptomatik bis zu den Kriterien nosologischer Entität. 
Und diese hat Bleuler methodisch nicht über Kraepelin hinaus 
entwickeln künnen. Immerhin ist ein gewaltiger Fortschritt darin 
erzielt, daß man nicht mehr, wie noch Kraepelin, gleichsam an der 
äußeren Oberfläche symptomatischer Bilder dieser Kranken zu 
bleiben braucht, sondern an Bleulers Hand in die Tiefen ihres Seelen- 
lebens eingeführt wird. 

Mit Bleulers Forschung auf diesem Gebiet ist grundsätzlich ein 
entscheidender Schritt geschehen: die Autologie klinischer Ordnungs- 
bestrebungen ist von ihrem vagen Krankheitsbegriff zu den strengeren 
Kriterien psychologisch faßbarer Symptomatik zurückgekehrt. Auch 
darin hat sich Griesingers Forderung erfüllt. Hier, im Gebiete 
der Symptomatologie, werden wir den Schlüssel suchen müssen, 
der uns zukünftig den Aufschluß des Problems der Krankheits- 
einheiten und ihres inneren Gesetzes ermöglicht. Dazu muß man sich 
von dem Dogma befreien, welches heute fast gänzlich verschwunden 
ist, wonach seelische Phänomene nur zufällige und bedeutungslose 
Epiphänomene sind, aus denen eine Belehrung über die zugrunde- 
liegenden Gehirnstörungen nicht zu erwarten ist. Als Arbeitsmaxime 
für die gesamte Somatologie mag dieses Dogma seinen vollen Wert 
behalten. In einer autologischen Psychiatrie aber wird 
die exakte psychologische Symptomanalyse allein im- 
stande sein, zum Kriterium des jeweiligen Krankheits- 
typus hinzuführen. Auch dieser Gedanke liegt im Keim bereits 
in manchen Zügen Kraepelin sehen Forschens. Aber der Weg, 
den es einzuschlagen gilt, muß mit weit größerer methodischer Strenge 
besciiritten werden, als sie das Kraepelinsche Durcheinander von 
Vulgärpsychologie, äußerlichen Begriffsbildungen, plastischer Be- 
schreibung und experimenteller Trivialität gewährleistete. Es gilt 
sich Rechenschaft darüber zu geben, ob und wie die einzelnen psychi- 
schen Phänomene sich psychischen Funktionen einfacher und kom- 
plexer Art und ihren Anomalien entbinden. Und die gleiche psycho- 
logische Forschungsmaxime gilt für die inneren Zusammenhänge 
psychischer und psychotischer Phänomene. Das Problem, welches 
sich hier auftut, ist, nach bestimmter psychologischer Methode alle 
psychotischen Einzelerscheinungen auf ihre letzten, typischen und 
psychologisch nicht weiter reduzierbaren Wurzeln zurückzuführen. 
Hat man auf diese Weise die einzelnen seelischen Sonderstrukturen 
hinsichtlich der bei ihnen beteiligten Funktionen aufgelöst, hat man 
ferner die möglichen dynamischen Beziehungen ihrer Inhalte geklärt, 
hat man endlich aus diesen Materialien den entsprechenden closkrip- 
tiven Typ seelischer Synthese hergeleitet, so kann bei jeder Gcistes- 

7* 



100 Ein Rundblick über Gegenwartsströmungen usw. 

Störung der Anteil des seelischen Geschehens, welches auf dem Boden 
der befallenen Persönlichkeit erwächst, gesondert werden von dem 
strukturell und genetisch nicht aus ihr Herleitbaren. Und letzteres 
wird seinerseits wieder funktional und dynamisch aufgespalten werden 
müssen. Die hierin erkennbaren Sonderzüge aber werden 
sein symptomatologisches Gesetz ausmachen, als ein Kri- 
terium autologischer Art neben den vielen und unentbehrlichen 
heterologischen, welches zur Synthese der Krankheitseinheit bei- 
trägt. So werden in künftiger Zusammenarbeit zu diesem autologi- 
schen Ziel der Psychiatrie doch wieder alle ihre Einzelzweige sich 
zusammenfügen müssen. Freilich wird dies alles ohne eine exaktere 
logische Zergliederung des Krankheitsbegriffes, welcher speziell für 
die Psychiatrie gilt, und der Beziehungen von Symptom und Krank- 
heit in ihr nicht möglich sein. 

Die symptomatologische Forschung vermag nicht sich experi- 
menteller Methoden zu bedienen — oder doch nur in geringem 
Umfang. Denn der Träger geistiger Störungen ist im allgemeinen 
nicht fähig, den Forderungen zu genügen, welche an eine Versuchs- 
person zu stellen sind. Immerhin haben die experimentellen Me- 
thoden und insbesondere die Testverfahren der normalen Psycho- 
logie in zweckmäßiger Umformung sich bei Intelligenzprüfungen, 
aber auch vereinzelt bei anderen seelischen Leistungsprüfungen 
Geisteskranker, in gewissen Grenzen bewährt. Jedoch ergibt die 
seelische Einzelanalyse der Symptome weit wichtigere Resultate, so- 
bald es sich nicht um seelische Leistungsstörungen handelt, sondern 
um krankhafte seelische Erlebnisse. Hinsichtlich der Erforschung 
dieser letzteren gab es zwei Wege, denen gefolgt wurde: der eine 
ging zur genetischen Reduktion der Inhalte krankhaften Erlebens 
auf die pathogene Wirkung seelischer Ereignisse des Vorlebens. Der 
zweite führte zur phänomenologischen Zergliederung der Formen, 
Seins weisen und Strukturen pathologischen Erlebens. Den ersten 
dieser Wege beschritt die dynamische Psychologie unter der 
genialen Führung ihres Vorkämpfers Freud. Von ihm und seinem 
Werke wird in den folgenden Studien noch so oft und so ausführlich 
die Rede sein, daß wir uns hier mit der Zuweisung der Stelle be- 
gnügen können, an welcher seine Lebensleistung im Ganzen der 
wissenschaftlichen Psychiatrie steht. Es ist auch bekannt, daß um 
sein Werk sich noch gegenwärtig ein ungeklärter Meinungskampf 
auswirkt, der zwar einen Teil seiner früheren Regner, darunter auch 
mich, in erheblichem Umfang zu Auffassungen geführt hat, die 
wenigstens in mancher Hinsicht den seinigen nicht fern stehen (wie 
man in den folgenden Studien begründet finden wird), andererseits 
aber seine eigenen Schüler ihm teilweise entfremdet hat. Jung hat 
neuerdings eine Lehre von der Libido aufgestellt, welche als dyna- 
misches Prinzip seelischen Geschehens eigentlich bloß noch einen 
Begriff von seelischer Vitalität im allgemeinen übrig läßt und zu 
einem philosoj)hischen Voluntarismus eigenartiger Bildung geführt 



Das autologisoho Chaos in der gegenwärtigen Psycliiatrie, und d<r Ausweg. 101 

hat. Adler — woiil der giünzciuLste Verl reter der dynamisch- 
psychologischen Richtung, sieiit die aeeli.sclie Triebkraft in dem 
Geltungs- und Bestätigungsbedürfnis, welches im Gegensatz zur 
Übermacht der Umwelt die kindliche Seele mit Notwendigkeit in 
einen Konflikt bringt, dessen Überwindungsformen eine lieihe sym- 
bolischer Protest reuktioiien und Schutzmaßnahmen darstellt, als 
deren eine Gruppe er die Neurosen zu verstellen gelehrt hat. Alle 
diese Lehren sind noch nicht frei von Mängeln im einzelnen und im 
prinzipiellen, Sie zeigen noch eine gewisse dogmatische Unnach- 
giebigkeit gegen die Individualität des seelischen Geschehens. Das 
hindert nicht anzuerkennen, daß sie zum Verständnis der gesunden 
und kranken Persönlichkeit und der Dynamik ihrer seelischen Einzel- 
phänomene gewaltig beigetragen haben. 

Der zweite Weg moderner Symptomatologie ist der der phäno- 
menologischen und pathopsychologischen Forschung. Sie 
führt zur Piüfung der Seinsweisen und Strukturen psychotischer 
Phänomene. Angesichts der wechselnden und individuellen zu- 
fälligen Inhalte psychotischen Erlebens können die generischen 
Elemente, die diesem Erleben gemeinsam sind und eine gegebene 
Störung seelischer Funktionen charakterisieren, nur in der formalen 
Struktur dieses Erlebens gesucht werden; in der Weise, gemäß welcher 
die Inhalte vom Kranken erlebt werden und sich auseinander her- 
leiten. Diese neue Art der Untersuchungen unterscheidet sich sehr 
beträchtlich von früheren sj'mptomatologischen Arbeiten, und zwar 
dadurch, daß sie wirklich in die Tiefe seelischen Ablaufens hincin- 
dringt, so, wie sich dieses Ablaufen vor dem subjektiven Be- 
wußtsein des Erlebenden vollzieht. Es bestehen hier recht 
enge Verbindungen zur Psychologie der Einfühlung und zur Aus- 
druekspsyciiologie. Diese Forsciiungswcise ist vor allem ermöglicht 
worden durch die logische und phänomenologische Vorarbeit von 
Husserl und seiner Schule, obwohl sie sich in Met hodenfragen zum 
Teil von diesem Vorbild entfernt, Specht, Österreich, Hirt, 
Schilder, Kretschmer und vor allem Jaspers sind die Ver- 
treter dieser Arbeitsweise. Insbesondere die Beiträge, die letzterer 
zur Theorie der Trugwahrnehmungen, zum Begriff und zum Wesen 
des schizophrenen Prozesses als psychologischer Einheit geliefert 
hat, bilden eine Grundlage für den Weiterbau dieser vertieften Sym- 
l)tomatologie. Was die Forschung hier braucht, um eines Tages 
zu einer vollendeten Synthese psychologischer Krankheitsbilder zu 
gelangen, ist die exakte, eindeutige und strenge Methode, 
logisch orientiert an einem klaren Begriff von systematisch-psycho- 
logischer Theorie. Wir wollen sehen, ob die gegenwärtige Psycho- 
logie ihr diese Waffen bereits zu liefern vermag. 



102 Ein Rundblick über Gegenwartsströmungen usw. 



3. Die Problematik in den Fundamenten der gegenwärtigen 

Psychologie. 

Man spricht zurzeit i) viel von einer Krise der gegenwärtigen 
deutschen Psychologie. Und mit Recht, wenn man damit meint, 
daß gegenwärtig zwischen ihren einzelnen Sonderzweigen unüber- 
brückte Gegensätze bestehen; mit Unrecht aber, wenn man den 
Schluß daraus zuläßt, als ob der Wert der Psychologie selber und 
ihrer großen Entdeckungen auch nur im mindesten angetastet 
werde. 

Die bisher von einer kleinen Zahl von Forschern vertretene Über- 
zeugung, daß sich die experimentellen Methoden, die introspektive 
Einzelanalyse und die logische Zergliederung zu einem Zusammen- 
wirken in der Einheit eines Systems sollten verbinden lassen, welches 
der Zukunft der Wissenschaft die gleiche Ertragsfülle sichert, wie sie 
die Vergangenheit aufwies, diese Überzeugung ist berufen, von Tag 
zu Tag an Tragweite zu gewinnen. Freilich stehen sich gegenwärtig 
noch die verschiedenen Forschungsrichtungen isoliert und fast gegen- 
sätzlich gegenüber: die experimentelle Psychologie, die Assoziations- 
psychologie, die Funktionspsychologie, die Phänomenologie und die 
historisch orientierte, beschreibende Individualpsychologie. Und 
dieses Auseinanderfallen war nach der ganzen Entwicklung der Dinge 
unvermeidlich. Wir brauchen hier nur dieser Entwicklung in größter 
Kürze zu folgen; und da die Entwicklung einer Wissenschaft in der 
Umbildung ihrer Leitideen, Prinzipien und Methoden besteht , so 
sind es diese letzteren, die Leitideen, Prinzipien und Methoden, 
welche uns den Ariadnefaden liefern, um uns in dem Labyrinth der 
gewaltigen Literatur zurechtzufinden. Freilich besteht dabei das 
Bedenken, daß wir bei der Zeichnung unserer Skizze die Bearbeitung 
wichtiger Einzelfragen Und Tatsachen zugunsten des Gesamtbildes 
zu vernachlässigen gezwungen sind. 

Vor wenigen Jahren noch war Psychologie synonym mit Experi- 
mentalpsychologie. Die außerordentliche Wirksamkeit Wundts 
und der von ihm eingeführten Methoden beherrschte das Feld. Im 
Laufe der Jahre aber schien es allmählich, als ob die Ernte an neuen, 
wahrhaft psychologischen Tatsachen nicht mehr recht dem Aufwand 
an Mitteln und Apparaten zu entsprechen vermochte. So lagen die 
Dinge vor allem hinsichtlich der psychischen Tatbestände höherer 
Ordnung, welche der Bearbeitung nach experimenteller Methodik 
zu trotzen schienen. Und zugleich mit dem Zweifel daran, diese 
Phänomene experimenteller Forschung zu unterziehen, mußte not- 
wendig der weitere Zweifel sich regen, ob es gelingen könne, sie nach 
den von Wundt übernommenen und weitergebildeten Lehren der 
Assoziation und Apperzeption erschöpfend zu erklären. Im Jahre 1895 

1) 1913! 



Die Problematik in den Fundamenten der gcgr'nwärtigen Ptychologie. 103 

fonnulicrle ziiiu ersten .Nfule Lipps in klarer Weise dicson Zweifel 
gegenüber Wundt im Hinblick auf gewisse Gruppen ästhetischer 
Gefühle. Und dieser Denker, der als Anhänger der experimentellen 
Richtung begoiuien hatte, hat sich in der Folge melir und mehr nicht 
nur von der exj)eriincntellen Methodik, sondern auih von den inlialt- 
lichen (Jrundlagen der Wundt sehen Lehre abgewandt. Zwar Ixj- 
hielt er eine Reihe von Annahmen aus der Assoziationstheorie bei, 
jedoch bemühte er sich, sie zu einem Zusammenstimmen mit der 
älteren idealistischen Psychologie der Seelen vermögen zu bringen. 
Aber er übernaiim diese letzteren nicht etwa in ihrer primitiven 
früiieren Formulierung; an ihrer Stelle bildete er die Konzeption der 
psychischen Kraft als des Mittels seelischer Bildungen durch. Es 
lassen sicli von hier aus gewisse Analogien zu der Her bar tschon 
und von Dro bisch übernommenen Lehre vom Ablauf und der gegen- 
seitigen, dem exakten Kalkül unterworfenen Hemmung der Vor- 
stellungen vor dem Bewußtsein ziehen i). 

In ähnlicher Weise standen auch die methodologischen 
Neuerungen Lipps', die wir noch für bedeutsamer halten als die 
theoretischen, in bestimmtem Gegensatz zu dem Erbe Wundts. 
Zunächst vom ästhetischen Eindruck ausgehend, analysierte er so- 
dann generell \ind nach allen Riclitungen die Erkenntnis durch 
Einfühlung, deren Begriff schon zur Zeit der Romantiker gebildet 
und von R. Vischer und Lotze einer gewissen Durcharbeitung 
unterzogen worden war. Er wird in den folgenden Blättern noch 
in besonderer Weise nachgeprüft werden. Lipps als erster benützte 
ihn in methodischer Weise zur Durchforschung komplexerer seeli- 
sclier Tatbestände und Zusammenhänge. Naturgemäß mußte eine 
Untersuchung des Problems der Gegebenheit von Psychischem 
und des Wesens seelischen Zusammenhängens vorangehen. Lipps 
blieb sie nicht schuldig, und auch diese Lösung wird uns noch zu be- 
schäftigen haben. Daß sie nicht restlos befriedigte, geht daraus 
hervor, daß seine Schule, der wir vortreffliche Analysen der ein- 
fühlenden Vollzüge und des ästhetischen Eindrucks verdanken 
(Worringer, Prandtl), gegenwärtig in ihren hervorragendsten 
Vertretern, Pfänder, Geiger und Scheler, zum Lager der Phäno- 
menologen") abgeschwenkt ist. Dort werden wir ihnen wieder 
begegnen. 

Lipps' Beispiel der Trennung von der Lehre Wundts hatte 
anfänglicli keine nierkliehen Folgewirkungen. Noch trug die Be- 
arl)eitung der Probleme der Sinnespsychologie und Raumpsychologie 
reiche Früchte. Und Meinungsverschiedenheiten, wie die zwischen 



*) Auch Benoke und Fortlagc haben unter den älteren Psychologen bereits 
einen dem Lippsschen sehr nfthostohcnd«'n Begriff von psychischer Kraft. 

2) Inwiefern Lipps .selber ein Mitschöjifer der Phänonienologie als psycho- 
logischer Sonderdisziphn ist, allerdings in einem g.inz anderen Begriffe als di« 
moderne Phiinoinenologie, davon wird in spateren l'ntcrsuehungen noch die Rtxle 
sein (vgl. 8. :U8ff.). 



104 Ein Rundblick über Gegenwar tsstrümuugen usw. 

Wundt und Stumpf hinsichtlich mancher Fragen der Tonpsycho- 
logie, hatten nicht prinzipiellen Charakter, welcher die Art psycho- 
logischer Theorie und Erkenntnis im allgemeinen betroffen hätte. 
Als Dilthey 1894 neben die erklärende Psychologie nach natur- 
wissenschaftlicher Methode eine beschreibende und zei^gliedernde 
Individualpsychologie gestellt wissen wollte, welche an den Me- 
thoden der Geisteswissenschaften sich orientieren müsse, fand er 
im Lager der Psychologen keinerlei Beachtung. Die Forschungs- 
methoden Wundts wurden immer weiter verfeinert; Wirths experi- 
mentelle Analyse der Bev/ußtseinserscheinungen, Schumanns Ar- 
beiten, Untersuchungen von Ebbinghaus und G. E. Müller sind 
an Präzision in methodischer Hinsicht nicht zu überbieten. Zweifellos 
schuldet man diesen Gelehrten auch beträchtliche materiale Ergeb- 
nisse des Forschens; so wird die grundlegende Arbeit von Müller 
und Pilzecker über das Gedächtnis oder das Werk von Erdmann 
und Dodge über das Lesen von bleibender Bedeutsamkeit sein und 
für den Wert experimenteller Forschungsweisen in der Psychologie 
zeugen. Und hierher gehören noch eine größere Zahl ausgezeichneter 
Einzeluntersuchüngen verschiedener jüngerer Forscher. Aber in 
bezug auf all das, was die prinzipielle Stellungnahme zum Wesen 
und der Methode der psychologischen Forschung, ihren theoretischen 
Grundlagen und ihren Zielen ausmacht, blieben diese Forscher in 
organischem Anschluß an die Wirkensspur Wundts, ohne sie je 
zu überschreiten und sich in Gegensatz zu ihm zu stellen. Gab es 
zeitweise einen derartigen Gegensatz bei führenden Forschern, so 
bestand dieser niemals im Sinne der gegenwärtig herrschenden Ten- 
denzen, sondern höchstens, wie bei Mach oder Ziehen, in einem 
noch radikaleren erkenntnistheoretischen Empirismus; und dieser 
prinzipielle Standpunkt veränderte die Forschungsweise hinsichtlich 
ihrer methodischen Beschaffenheit in keiner Weise. Im Gegenteil, 
er begünstigte den Versuch, die experimentellen Methoden der Psycho- 
logie dazu zu benutzen, um diese Wissenschaft der Physiologie 
gleichsam als ein Anhängsel oder Zwischengebiet mindestens metho- 
disch weitmöglichst anzugleichen. 

Die Spaltung, v/elche in der Psychologie heute den Meinungs- 
kampf beherrscht, entstand vielmehr in ihrer grundlegenden Be- 
deutung mitten in dem Schülerkreise Wundts selber. Sie knüpft 
sich an die Arbeiten von Külpe, der mit seinen Schülern der ex- 
perimentellen Analyse der Urteilsvollzüge und des Denkens 
neue Wege wies. Die grundlegenden Arbeiten Külpes, Messers, 
Bühlers, Marbes und anderer können hier ebensowenig geschildert 
werden wie die glänzende Methodik Achs. Wir müssen uns damit 
bescheiden, hier die Aufmerksamkeit auf zwei grundsätzlich bedeut- 
same Neuerungen zu lenken, welche diese Arbeiten mit sich brachten. 
Die erste dieser Neuerungen ist methodologischer Art. Alle 
diese Forscher nämlich gehen zwar von experimentellen Versuchen 
aus: aber die Versuchsperson hat bei ihnen nicht mehr lediglich die 



Dio Problematik in den Fundamonton der gegenwärtigen PBychoIogie, 105 

duicli dio Versuchsanordnung gegebene Aufgabe zu erfüllen; «ie muß 
vielmehr vor allem zugleich systematische {Selbstbeobachtung 
üben, dio sich a\if alle inneren Phänomene und Veränderungen er- 
streckt, die die Aufgalx) bis zu ihrem vollendeten Vollzuge mit sich 
bringt. Diese systematischen Selbstbeobachtungen überwiegen an 
Wichtigkeit die Leistung selber im Versuch; ihre Auswertung er- 
möglichte erst die Resultate der genannten Arbeiten. Man kaini sich 
leicht Rechenschaft davon geben, wie sehr mit dieser Neuerung die 
Stellung des Experiments sich geändert hat. Früher diente 
es zum Mittel, die innere Selbstbeobachtung möglichst auszu- 
schalten, als eine (Quelle von Irrtümern und Subjektivitäten. Zu 
diesem Zweck war das Experiment ja eingeführt worden, als objek- 
tives, willkürlicii reproduzierbares und extensiv meßbares Geschehen. 
Hier aber wird das Experiment gänzlich dieser Bedeutung beraubt; 
es dient nicht mehr zur Ausschaltung und Vcrtretiing der inneren 
Wahrnehmung, sondern ganz im Gegenteil zu ihrer Auslösung 
und Anregung. Es wird zur bloßen Gelegenheit, introspektive 
Analyse zu ermöglichen unter möglichst gleichförmig variier- 
baren und begrenzbaren Bedingungen. Damif war zum ersten Male 
zugegeben, daß die frühere Stellung des Experimentes in der psycho- 
logischen Methode auf einem grundsätzlichen Irrtum beruhte. Es 
ist ein Trugschluß, daß die matcriale psychologische Lage beim Ex- 
perimentieren es ermöglichen könne, um die innere Selbstbeobachtung 
jemals völlig herumzukommen. In gewissem Grade wird sie immer 
unvermeidbar sein. Gewiß ist es leicht, während des einzelnen Ver- 
suchs, besonders wenn er so angeordnet ist, die Aufmerksamkeit von 
jeder Ablenkung introspektiver Art frei zu halten. Nach Conxtes 
berühmten Ausführungen ist sogar ein psychologisches Selbstbeob- 
achten während irgendeines seelischen Leistens eine unmögliche 
Absurdität. Aber schon Mill und später Lipps haben darauf hin- 
gewiesen, daß die Selbstbeobachtung in unmittelbarem Anschluß an 
den gerade beobachteten Bewußtseinsvorgang recht wohl möglich 
sei. Sei dem wie ihm wolle: ganz sicher ist vorher, um ül)erhaupt 
die experimentelle Aufgabe jeweils stellen und ft)rmulieren zu 
können, Selbstbeobachtung unumgänglich notwendig. Man muß 
doch wissen, welche Bewußtseinsvorgänge oder welche Kompo- 
nenten derselben man experimentell untersuchen will; und dazu 
bedarf es einer Kenntnis dieser Bewußtseinsvorgänge durch Selbst- 
beobachtung, mag diese aiich noch vorläufig, inigeklärt und »sub- 
jektiv« sein. 

Im Hinblick auf diese Erwägungen schloß also der Umbau des 
experimentellen Verfahrens bei Külpe mul den genannten Forschern 
keine Inkonseciuenz in sich. In der Praxis ergab sich \uiter anderem, 
dank der Aibeiten von Watt und Westphal, welch erheblichen 
EinfluL) die Determination der Aufgabe auf die seelischen Funktionen 
inid ihre aktive Anteilnahme an der Leistung ausübt. Vor allem 
aber begünstigte dies neue methodische Prinzip die Ausbildung jener 



106 Ein Rundblick über Gegenwartsströmungen usw. 

Forschungsrichtung, welche sich nicht mehr damit begnügt, psychi- 
sche Vorgänge wie ein objektives Geschehen, einen abge- 
schlossenen Vollzug aufzufassen und zu erklären, sondern 
welche sie ihren Seinsweisen nach, als ein lebendiges Sich- 
vollziehen und Werden, als ein Erlebtwerden erfaßt und 
zergliedert. 

So hat die experimentelle Forschung in der Psychologie zwar 
ihre unum.schränkte Herrschaft eingebüßt und ist ein Mittel neben 
anderen geworden, um zur Erkenntnis zu gelangen; als ein solches 
Mittel aber ist sie nicht des Wertes gänzlich beraubt. Liegt in Rich- 
tung dieses methodologischen Gedankenganges die eine Neue- 
rung, von der wir sprachen, so ist die zweite durch die Denkpsycho- 
logie gebrachte Neuerung theoretischer Natur. Um die objek- 
tiven psychischen Abläufe darzustellen und theoretisch zu erklären, 
hatte die Assoziationstheorie in Verbindung mit hirnphysiologischen 
Hypothesen ausgereicht. Zwar hatte W und t in seiner Apperzeptions- 
lehre noch jenseits ihrer Grenzen eine theoretische Basis für die Phä- 
nomene seelischer Aktivität aufgestellt, welche ihm assoziativ nicht 
auflösbar erschienen. Er hatte hierbei an Begriffsbildungen der 
älteren spekulativen Psychologie angeknüpft, diese aber wesentlich 
vereinfacht und schematisiert. Jedoch eine Anzahl hervorragender 
Forscher, besonders Ziehen, hatte sich dem »Rückfall ins Meta- 
physische«, der ihnen hierin zu liegen schien, scharf widersetzt. 
Und es ist tatsächlich nicht aufrecht zu halten, daß die Apperzeptions- 
lehre Wundts theoretisch genügend fundiert sei, und daß sie allein 
ausreiche, um die psychischen Phänomene besser als eine beliebige 
Assoziationstheorie zu erklären. Beides sind gedankliche Verein- 
fachungen, welche auf willkürlichen Abstraktionen beruhen und 
das Wesen psychischer Abläufe, wie jede Vereinfachung, auf schema- 
tische und dogmatische Art zur Darstellung bringen. Mit den neubn 
Methoden und Fragestellungen der Psychologie des Denkens griff 
plötzlich, vor allem dank der Erziehung zur inneren Selbstbeobach- 
tung, ein Wissen um die reiche Mannigfaltigkeit seelischer 
Zustände um sich. Die alten Formeln erschienen diesem neuen 
Wissen gegenüber ärmlich und ungenügend. Es fand sich, daß neue 
Formeln für neuentdeckte seelische Tatbestände umschriebener Art 
notwendig wurden, welche dem einfachen Spiel der Assoziation und 
Konstellation nicht überlassen werden konnten. So erklärt sich die 
Einführung und Konzeption des Aktbegriffs, des Begriffs der 
»Bewußtseinslage«, der weder sensuell noch reflexiv erfüllten 
»Bewußtheiten«, der »determinierenden Tendenzen« und 
anderer, ähnlicher Begriffe. Diese zerstörten zunächst die bisherige 
Systematik in ihrem Schematismus. All diese Konzeptionen be- 
zeichnen auf mehr oder weniger exakte Weise Bewußtseinszustände, 
welche als Wirkung assoziativer Bildungen nicht auflöslich waren, 
welche funktionaler Art sind, oder sie bezeichnen den Bildungs- 
prozeß dieser Seelenzustände selber oder Sonderteile an ihm. Dem 



Die ProbKinatik in den rundamonteii der gegtiiw Artigen Puj'chologie. 107 

sei hier nicht gefolgt ; es wird notwendig sein im folgenden noch auf 
sie ziirückzukoimm'i» ^). 

Um die waclisendo Wichtigkeit dieser Forschungsrichtung ab- 
schätzen zu können, müssen wir auf das Bestellen einer psycho- 
logischen Schule zurückgreifen, welche anfänglich neben der VVundt- 
Bchon ein wenig im Schatten geblieben war, dann aber mehr und 
mehr eine wichtige Rolle zu spielen Ijegann und beispielsweise einen 
Schüler Wundts, Messer, gänzlich in ihr Lager zog. Es ist dies 
die Schule Franz Brentanos. In seiner Psychologie, die unter 
dem Einfluß der Gedanken Aristotelischer und Tho mistischer 
Prägung stand, aber echte empirische Forschung war, war stets das 
zentrale Problem gewesen: Wie bildet sich das Bewußtsein seine 
Gegenstände mit Hilfe psychischer Vollzüge? Der in dieser Frage- 
stellung liegende Begriff des objektivierenden Aktes realisiert 
sich psychologisch in drei generisch verschiedenen Vollzugsweisen, 
welchen alles psychische Geschehen eingeordnet werden kann: dem 
Vorstellen, dem Urteilen und dem »Lieben und Hassen«. Er umfaßt 
also vor allem immer auch das Urteil mit. Hierin bot sich ein naher 
Berührungspunkt zu den neuen Errungenschaften der experimen- 
tellen Denkpsychologie. Das Urteil ist in der Tat nicht eine rein 
assoziative Verknüpfung von Vorstellungen, sondern ein Akt, durch 
dessen Vollzug ein Sachverhalt vor dem Bewußtsein gesetzt und als 
gültig anerkannt oder verworfen wird, und zwar so, daß diese Gültig- 
keit nach Meinung dieser Schule entweder evident ist oder auf Evi- 
denzen zurückgeführt zu werden vermag 2). Es handelte sich nun 
darum, alles seelische Geschehen auf seine es fundierenden Funktions- 
klassen analytisch zurückzuführen; und diese spezifischen Klassen 

*) Die außcrordcnthch schwerwiegende Kritik, welche G. E. Müller an den 
experimentellen Arbeiten dieser »Würzburger Schule« geübt hat, wird hier nicht 
in ihrer vollen Bedeutung gewürdigt, weil sie unseres Erachtens gerade diejenigen 
Momente, die wir hier als prinzipiellen Gewinn dieser Forschungsrichtung 
betrachtet haben, nicht berührt. Müller übt experimcntale Kritik; und er be- 
hauptet ( — oder weist vielleicht auch nach): erstens, daß die psychologischen 
Deutungen durch determinierende Tendenzen und Bewußt seinslagen dem eigent- 
lichen experimentalen Ergebnis nicht gemäß seien — und zweitens: daß die asso- 
ziative Deutung für dieses ausreiche. Nun mag man beides für die in Frage stehen- 
den Experimente zugestehen: so folgte daraus doch weder: daß die nicht -asuozia- 
tivo Deutung prinzii)ieli unmöglich, noch, daß sie für eindeutigere Versuchs- 
anordnungen nicht einwandfrei durchführbar sei; noch endlich folgte aus dem 
Wesen der Fragestellungen selber die grundsätzliche Notwendigkeit der asso- 
ziativen Deutung. Mehr also erreicht Müllers Kritik selbst im besten Falle nicht. 
Sie zeigt höch.stens, daß die vorliegenden Ergebnisse dieser Forschungsrichtung 
auch — und vielleicht sogar besser — assoziationstheoretisch deutbar sind. 
Nicht aber ist davon der grundlegende neue Gesichtspunkt dieser ganzen For- 
schungseinstelhmg .selber berührt, selbst wenn man an seiner zulänglichen ReaU- 
Bierung nach dem bisherigen Verfahren zweifelt: die Einstellung auf den Akt- 
charakter, und die Wandlung in der Holle des Experiments. Die»<'>8 
prinzipiell Neue bleibt unangetastet bestehen: wo nicht als Gewinn, so doch ala 
Hoffnung und .Maxime der Forschung. 

*) l ber die Psychologie des L'rteila und der Urteilscvidenz handelt kritisch 
u. a. meine .\rbeit .Vrchiv f. d. ges. PaychoL, Bd. 29, Lit.-Ber. S. i — 20- 



108 Ein Rundblick über Gegenwartsströmungen usw. 

standen wieder im Rahmen der generisclien Hauptklassen und konnten 
in ihrer Einheitlichkeit jeweils abgeleitet werden an der Hand des 
Gesichtspunktes, es müsse so viele Klassen seelischer Funktionen 
geben, als es Weisen gibt, in denen sich Objekte vor dem Bewußt- 
sein konstituieren. Unter Brentanos bedeutendsten Schülern seien 
hier genannt: Meinong, der die grundlegenden Gedanken Bren- 
tanos in seinen Untersuchungen zur Gegenstandstheorie in bestimm- 
ter Weise umformte, in seinem Werke über Annahmen eine neue 
Grundklasse derartiger objektivierender Akte zur Darstellung brachte 
und auch methodologisch die Lehre vielfach bereicherte ; fernerMarty , 
der in seiner Sprachphilosophie als strengster Anhänger Brentanos 
mit Meinong in vielfachen Gegensatz geriet; Witasek, der die 
Psychologie durch scharfsinnige materiale Einzelforschung förderte; 
Höfler u. a. Jedoch wäre diese Schule kaum zu so allgemeiner Gel- 
tung gelangt, wenn ihr nicht der Weg durch zwei hervorragende 
Forscher gebahnt worden v/äre: durch Stumpf in seiner Abhand- 
lung über psychische Erscheinungen und Funktionen, und durch 
Husserl in seinem großen Werke: Logische Untersuchungen. Hier- 
mit fand die durch die Denkpsychologie eingeführte funktionale 
Betrachtung psychischer Vollzüge ihr logisches luid theoretisches 
Fundament. 

Stumpf in seiner Arbeit stellt allerdings nur die Wesensver- 
schiedenheit der Phänomene und Funktionen im Psychischen fest 
als etwas prinzipiell Hinzunehmendes; er präzisiert diese Differenz 
begrifflich, ohne sie zu erklären. Husserl, dessen Werk in den 
folgenden Blättern noch eine besondere Rolle zu spielen berufen 
ist, gibt mit einer unvergleichlichen Eindringlichkeit und Begriffs- 
schärfe eine Psychologie der objektivierenden und aktbildenden 
Vollzüge, der ihnen zugrunde liegenden Funktionen und insbesondere 
des Urteils. Er macht sich vom Schematismus Brentanos in er- 
heblichem Umfang frei, indem er der Mannigfaltigkeit funktionaler 
Bewußt Seinsbeziehungen auf potentielle Gegenstände in weit ad- 
äquaterer Weise gerecht wird. Er zeigt, wie einem jeden dieser Akte, 
durch deren Vollzug sich auf irgendeine Weise ein Gegenstand für 
das Bewußtsein konstituiert, eine Intention dieses Bewußtseins zu- 
grunde liegt, welche sich in dem gegenstandsbildenden Akte realisiert. 
Die Möglichkeit weiterer sachlicher Deskriptionen ergibt sich ihm 
aus einer Zergliederung des »intentionalen Wesens « dieser Funk- 
tionen i). Wir werden das später noch zu verfolgen haben. Seine 
gesamte Arbeit ist tatsächlich der Versuch einer Psychologie der 
Logik, und zwar der erste, welcher seit zwei Generationen unter- 
nommen wurde. Hier ist es unmöglich, auch nur ihre wesentlichsten 
Züge zu berühren. 

Dies Werk Husserls war von mächtigem Einfluß. Von ihm an 



1) Vgl. S. 337 ff., wo diese vorläufige Darstellung noch gewisse Korrekturen 
erfährt. 



Die Problematik in den Fundamenten der gegen wart igen Psyc bologie. 109 

(laliert der Ausl)aii der Funktioiispsychologie in Deutseliland. 
Es übertraf alle früheren Werke an »Scharfsinn und Gründlichkeit; 
aber es entfernte die Funkt ionspsychologie mehr als je zuvor von 
den experimentellen Methoden zugunsten analytischer Spekulation. 
Zugleich aber geriet mit diesem an Anregungen so reichem Werk die 
neue psychologische Lehre in eine andere grundsätzliche Gefahr. 
Diese lag in einem Irrtum Husscrls, welchen wir an früherer »Stelle') 
bereits gestreift halben, hinsichtlich der .Methode seiner Untersuchun- 
gen. Er betrachtet diese Methode nicht als einen Bestandteil der 
Psychologie, sondern er konstruiert aus ihr eine grundsätzlich anders- 
artige und neue Forschung: der Phänomenologie. Und obwohl 
Külpe, Cornelius, Ziehen, Messer und Nelson, letzterer mit 
besonders triftigen Argumenten, den psychologischen Charakter 
seiner Untersucliungen betont und seine eigenen Ausführungen ül>er 
das Wesen dieser Phänomenologie angefochten haben, hat er seinen 
Gesichtspunkt festgehalten und in einer neuen großen Arbeit noch 
strenger systematisiert: den Ideen zu einer reinen Phänomenologie 
und phänomenologischen Pliilosophie. Die Phänomenologie ist 
nach ihm nicht empirische Beschreibung, insofern sie auch vom Sein 
ihrer Objekte absieiit, sie ist reine Wesensschau, ein unmittelbares, 
apriorisches Erfassen des reinen Wesens in einer Art von intellek- 
tueller Intuition. Ihre Abstraktionen sind sodann etwas Sekundäres, 
für die Darstellung Erzwungenes, welches vom Boden dieses »eide- 
tischen Wissens« aus formuliert wird. Es handelt sich also niciit um 
eine Art von innerer Wahrnehmung, sondern um eine vom empi- 
rischen Boden gänzlich sich loslösende Erkenntnisweise, welche sich 
auf der Basis einer kategorialen Anschauung systematisiert, genau 
ebenso, wie sich die alte Metapliysik auf der Basis der Kategorien 
des reinen Denkens erhob, nur daß diese nicht anschaulich gegeben 
waren. 

Husserl wollte offenbar mit dieser Annahme sich der Gefahr 
des Psychologismus entziehen; einer Gefahr, in der seine Lehre tat- 
sächlich schwebte, weil sie die gesamte objektive Erkenntnis und 
die Gründe ihrer Geltung aus empirisch-psychologischen Bedingungen 
ableitet. Deswegen leugnet er die empirische und psychologische 
Natur der letzteren. Dieser methodologisch-theoretische Irrweg ist 
aber nicht untreimbar und organisch mit der Natur deiner großen 
Entdeckungen selber verwachsen 2). Jedoch sieht man sogleich, 
welche Bande diese methodologischen Annahmen mit den plato- 
nischen Abstraktionen und allen intuitiven Piülosophien verl)inden. 
Und weiter sieht man, wie gefahrvoll diese Verbindung für den Ciia- 
rakler der Psychologie als Naturwissenschaft ist, weloho 
durch sie das Wagnis läuft, von neuem durch die geisteswissenschaft- 
liche Spekulation beschlagnahmt zu werden. Und tatsächlich scheinen 



1) Vgl. S. 29. 

«) Genaueros hierzu vgl. S. 360 ff. 



110 Ein Rundblick über Gegenwartsströmungen usw. 

die so sorgsamen Abgrenzungen Husserl heute bei einigen seiner 
Schüler zu einer völlig entgegengesetzten Forschungsweise umge- 
schlagen: eine intuitive Individualpsychologie, welche sich fast aller 
empirischen Kontrolle begeben hat, scheint sich ausgestalten zu 
wollen. Wenn diese Tendenzen von einzelnen Schülern Husserls 
bis jetzt noch zu verwertbaren und teilweise interessanten Ergeb- 
nissen geführt haben, so sind diese Ergebnisse nicht etwa der an- 
geblichen Methode einer von allem Empirischen losgelösten Intuition, 
sondern im Gegenteil der wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit der 
Forscher, die sich in der Lippsschen Schule gebildet hat, zuzuschrei- 
ben. Dies gilt von den Arbeiten Oesterreichs über die Phäno- 
menologie des Ich, von denen Geigers über das Bewußtsein von 
Gefühlen und die Phänomenologie des ästhetischen Genusses, und 
ebenso von den Arbeiten Schelers über Ressentiment und mora- 
lisches Werturteil Und über Sympathiegefühle und Liebe. Freilich 
streift die Apodiktizität manches Schelerschen Urteils die Grenze 
des wissenschaftlich Diskutierbaren, und der wertvollste Teil findet 
sich in einem Anhang seiner letztgenannten Arbeit über den Grund 
unserer Kenntnis von fremden Ichen. Auch diese Untersuchung 
ist übrigens nur in ihrem negativen und kritischen Teile fehlerfrei. 
Dasjenige, was diese psychologische Strömung charakterisiert und 
was bei einem Meister des Experimentes wie Wundt auf völliges 
Unverständnis stoßen muß, ist ihre Tendenz zur Individualpsycho- 
logie. Andererseits verschließt sich heute wohl auch ein Anhänger 
der experimentellen Methodik kaum mehr vor der durch die letzt- 
genannte Forschungsrichtung lebendig gewordenen Erkenntnis, daß 
hier erst die wahrhaft wichtigen Aufgaben psychologischer Wissen- 
schaft anfangen, und daß alles Bisherige mit seinen experimentellen 
Trivialitäten nur unumgängliche Vorarbeit war. So haben auch 
die Versuche experimenteller Art, eine Psychologie der individuellen 
Differenzen zu ermöglichen, in letzter Zeit sich stark bereichert. 
Aber so wertvoll auch Arbeiten wie die differentielle Psychologie 
von Stern, wie die mannigfachen Eignungs- und Begabungsprüfungen 
genereller oder auf einzelne Berufe zugeschnittener Art, wie die Ar- 
beiten von Krüger und Spearman, Betz u. a. über psychische 
Korrelationen oder die Aufstellung psychologischer Profile in der 
So m mer sehen Schule sein mögen, so liegt es andererseits in der Natur 
der Sache, daß sie die individuellen Differenzen immer nur an ein- 
zelnen Leistungen zu erfassen und zu bezeichnen vermögen, und 
daß dies unwesentlich ist angesichts des Problems der Individualität 
selber. Keine dieser Arbeiten vermag das eigentliche Wesen des 
Individuums und seines Erlebens in seiner jeweiligen spezifischen 
Bestimmtheit zu erfassen. Hierfür sind experimentelle Methoden 
als Leistungsmessungen ihrer eigensten Art nach unbrauchbar. Und 
es kostet nur einen Schritt, von dieser Erkenntnis aus die grundsätz- 
liche Unzulänglichkeit aller naturwissenschaftlichen Methoden hin- 
sichtlich einer Begründung der Individualpsychologie zu behaupten. 



Die rroblciuatik in deu Fundamentou der gtgc-nw Artigen l'Hychologie. Hl 

Die phünomenologi.scho Lehre Huasorls dient hier wider Willen 
zur Stütze einer bedenklichen Sache. Der InipulM zur Individuali- 
sierung psychologischer Materien wird auch durch die neuen Ten- 
denzen begünstigt, welche wir in der dynamischen Psychopathologie 
an die Namen Freuds und Adlers geknüpft fanden. Diese breiten 
sich auch über das normale Seelenleben aus. Nimmt man hierzu 
eine Theorie wie die Husserls, propagiert durch einen der scharf- 
sinnigsten Denker, welche laut die unfehlbare Sicherheit reiner In- 
tuitionen verkündet : darf man sich da wundern, wenn gegenwärtige 
Strömungen der Geisteswissenschaften freudig diese Abkehr von 
den Methoden der naturwissenschaftlichen Psychologie l>egrüßen, 
um die letztere als gleichsam technische Disziplin, als Psycho - 
teehnik im Sinne Münsterbergs, in ihren praktisciien Anwen- 
dungen der Pliysiologie anzugliedern, selber aber auf die Prinzipien 
und Grundlegungen psychologischen Forschens den früheren philo- 
sophischen Einfluß zurückzugewinnen? 

Die Geisteswissenschaften sind in der Tat an der Arbeit, sich 
dieser Tendenzen in der Individualpsychologie zu ihren Gunsten zu 
bemächtigen. Ebenso wie sie früher mit dem Sciireckgespenst des 
Psychologismus die Psychologen daran zu hindern suchten, empi- 
rische Deduktionen an Stelle der apsychologischen fiktiven Kon- 
struktionen zu setzen, welche damals im Gebiet der Geschichte und 
der Werttheorien herrschten (Meinong hat in einer interessanten 
Arbeit für die Psychologie und gegen den Psychologismus in der 
Theorie der Werte erst kürzlich darauf hingewiesen), ebenso schieben 
sie heute Husserl, den geistvollen, aber unzuverlässigen Simmel 
und den so außerordentlich überschätzten Bergson vor, um die 
speziellen, methodisch exakten und sachlich begrenzten psychologi- 
schen Einzelarbeiten zugunsten ihrer allgemeinen erfassenden In- 
tuition zu diskreditieren. Schelling ist der Philosopli des Tages. 
Selbst bewährte Psychologen sind durch diese philosophische Wand- 
lung so desorientiert worden, daß beispielsweise Münsterberg in 
einer neueren Arbeit über die Werttheorie, aus Furcht für einen 
Psychologisten gehalten zu werden, in das Lager der Ricker t und 
Windelband abgeschwenkt ist und als seine frülieren Assoziations- 
studien gleichsam stillschweigend übergelit. Kickerts glänzend 
geschriebene Werke über den Gegenstand der Erkenntnis und über 
die Grenzen naturwissenschaftlicher Begriffsbildung haben eine 
geisteswis.senschaft liehe, den historischen Forschungsweisen ange- 
paßte Methodik mit dem Schein einer Berechtigung grundsätzlicher 
Art zu umgeben gewußt, welcher sie gerade auch für das Erfassen 
der Individualität weit über alle Naturwissenschaft stellt. Wir 
werden, da es sich hier um eigenstes Gut der Psychologie handelt, 
darauf noch näher einzugehen haben. Hier sei nur gesagt, daß 
Rickerts Aufstellungen im psychologischen Lager selber bereits 
hervorragende Anhänger Ix'sitzen: Jonas Cohn, der Ästhetiker 
und Pädagoge, und Max Wober seien hier genannt, welch letzterer 



112 Ein Rundblick über Gegenwartsströmungen usw. 

bereits seine vermeintliche »idealtypische Begriffsbildung«, von der 
noch zu sprechen sein wird, in die Sozialpsychologie hineingetragen 
hat. Hier und in der Kriminalpsychologie lassen sich schon jetzt die 
Spuren geisteswissenschaftlicher Arbeitsweisen erkennen. 

So läßt sich in dem krisenhaften Zustande der gegenwärtigen 
Psychologie klar ein inneres Entwicklungsprinzip erfassen, und 
dieses stellt uns nun selber wieder vor ein Problem. Wir sahen, als 
wir die Aussichten einer Fortbildung der Psychiatrie besprachen, daß 
diese fürs nächste, soweit es sich um ihren autologischen Stand handelt, 
geknüpft sein müßte an eine methodisch und systematisch vertiefte 
Durchbildung der pathopsychologischen Bestände ihrer Sympto- 
matik. Die Waffen und Mittel dieser Durchbildung müßten der 
Psychologie entnommen werden. Unser Rundblick über die letztere 
hat uns nun gezeigt, daß diese Erkenntnis- und Forschungsmittel 
dort in fast allzureicher Weise vorhanden sind: experimentelle Me- 
thoden, assoziationspsychologische und dynamische Vorarbeiten, 
funktionspsychologische Klärung komplexerer Strukturen und selbst 
Methoden individualpsychologischer Analyse bietet sie uns in reicher 
Fülle dar, und wir müssen sie nur zu gebrauchen lernen. Aber trotz 
alledem ist die Psychologie selber in einer Gährung und Ungeklärtheit, 
welche eine systematische Vereinheitlichung alles dieses wissen- 
schaftlichen Werkzeuges dauernd an fundamentalen Widersprüchen 
über die Prinzipien des Forschens überhaupt auf diesem Gebiete 
scheitern läßt. Die Anwendung jeder einzelnen methodischen Klasse 
bringt es mit sich, das gesamte Arbeitsgebiet gleichsam in einen be- 
stimmten philosophischen und einseitigen Gesichtswinkel hineinzu- 
stellen, nämlich den, unter welchem diese Methodenklasse selber 
begründet wurde. Dadurch entsteht ein Widerspruch und Gegen- 
satz zu andersartigen psychologischen Methoden, welcher wider den 
Willen des Einzelforschers grundsätzlicher und philosophischer Art 
ist. Der inneren Vielgestaltigkeit, welche der Psychiatrie ohnehin 
anhaftet, scheint auf diese Weise nicht abgeholfen werden zu können. 

Was bleibt uns zu tun übrig? Wir müssen versuchen, die Trag- 
weite der einzelnen psychologischen Methoden im Rahmen eines 
systematischen Ganzen gegeneinander abzugrenzen. Auf diese 
Weise werden wir sie zu gemeinsamer und einheitlicher 
Arbeit vereinigen können. Dies wird die notwendige Vor- 
arbeit sein, welche der Übertragung des so gewonnenen ein- 
heitlichen psychologischen Gesamtsystems auf diePatho- 
psychologie vorangehen muß. Wie aber diese Arbeit zu voll- 
ziehen ist, unter welchen Sicherungen und unter welcher Gewähr 
gegen Einseitigkeit, Dogmatik und unfruchtbare theoretische Spe- 
kulation, dies wird in den folgenden Untersuchungen die Grund- 
frage sein. 



über die wisscnscliaftsthciUM'tisolHMi Gruiidlao^eii 

der Psycliolo«;!«'. inshrsoinh'n' die Probleme der 

psycbiscben Kausalität. 

1. Einführung in die psycliiatriscli-praktische Notwendigkeit 
psychologischer Theorie. 

Die klinische Praxis der Psyclnutrie ist psychologisch 

fundiert. 

An der Psychiatrie, wie sie historisch geworden vorliegt, lassen 
sich zwei Gebiete psychologischer Arbeit sondern. Das eine Gebiet 
ist das der Klinik, das zweite das der symptomatologischen Analyse. 
Die Klinik wird ihren psychologischen Charakter nur ungern ein- 
gestelien; und doch ist er ihr wesentlich. Hier werden Einzelfälle 
in beziig auf ihre wechselnden Zustand-sbilder und die Verlaufsart 
ihrer geistigen Störung beobachtet, mit ähnlichen bereits lx>kannten 
Fällen zusammengestellt, unter ein typisches Artschema gebracht 
und somit den für dieses Schema bekannten prognostischen und 
therapeutischen Erwägungen unterstellt. Prognose und Therapie, 
also praktische Zwecke, sind es, nach denen die Arbeit der Klinik 
orientiert ist; ihre psychologische Leistung, die Stellung der Dia- 
gnose, dient nur der Erreichung dieser Zwecke, Die Diagnose der 
Psychiatrie ist also nichts anderes als ein Schema des Praktikers; 
und die Diagnostik besteht aus zwei Akten, der Auffindung der Sym- 
ptome und ihrer Verbindung. 

Bereits hier stoßen wir nun auf eine Reihe außerordentlich schwie- 
riger Fragen. Die nächstliegende ist diejenige, welche sich aus der 
vorwiegend seelischen Natur dieser »Symptome« und der Tatsache, 
daß sie eben Symptome sind, d. h. auf eine Krankheit hindeuten, 
ers^ibt. Noch vor Griesinger hat der scharfsiiuiige Spiel mann*) 
hierfür den Ixjfriedigenden nietiiodologischen Standpunkt gefunden: 
»Der Geistoskranke ist ein Kranker, wie jeder andere Kranke. Er 
ist hirnkrank, aber nicht die Symptome gestörter Sensibilität oder 
Motilität charakterisieren ihn, sondern er fällt durch die Störung 
seiner psychischen Leistungen in die Klasse der Kranken. Wir 
haben es also, doch nicht allein, mit psychischen Störungen zu tun . . . 
Die zeitgemäße und eigentliche Aufgabe einer Diagnostik der peychi- 



1) Diagnostik der Gcistoskrankhciton. Wien 1855. Vff. 
Kronfcld, rsychlAtritcho KrkcDDtak. 



114 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

sehen Störungen wäre die Beantwortung der Frage: welche Hirn- 
veränderungen bedingen die Erscheinungen am Geisteskranken? . . . 
Aber so schwer sich die stoffliche Diagnose entbehren läßt, das Ver- 
ständnis des Irren hinge doch von der sichersten noch lange nicht 
ab. Besäßen wir eine solche, wir würden aus der Hirnstörung allein 
doch nicht folgern und erklären können, warum der Kranke eben diese 
Wahnvorstellungen hatte oder jene blutige Tat verübte, Und warum 
der andere nicht mit dem gleichen Hirnbefund? Alle Fragen, 
welche die Verfassung der psychischen Vorgänge angehen, 
finden ihre Lösung nur in der Erkenntnis der inneren 
Gesetzmäßigkeit derselben. . . Nur eine symptomatische 
Diagnose als Phänomenologie der Störungen ist möglich. 
Wir beobachten am Irren Erscheinungen; sie gehen von psychischen 
Vorgängen aus, wir schließen von jenen auf diese, und finden sie 
gestört. « 

Ist die psychologische Diagnostik heuristisch oder theo- 
retisch begründet? 

Hiermit wäre bereits betont, daß schon zur praktischen Dia- 
gnostik in der Psychiatrie psychologische Arbeit auf der Basis eines 
psychologisch-theoretischen festen Besitztums (»Erkenntnis der 
inneren Gesetzmäßigkeit «) unumgänglich ist, ja daß diese das Wesen 
der Diagnostik ausmacht. Es ließe sich zwar — und das ist seit 
Westphal die unausgesprochene Regel — die Meinung vertreten, 
als wäre das der Diagnostik unterliegende psychische Material hin- 
sichtlich dessen, was Spielmann sein »inneres Gesetz« nannte, 
praktisch völlig bedeutungslos. Es käme dann, bei der epiphäno- 
menalen Stellung des psychischen Materials, lediglich darauf an, 
wie weit sich an ihm Merkmale heraussondern lassen, welche An- 
zeichen für diese oder jene Prognose, diesen oder jenen ferneren 
Krankheits verlauf sind, Anzeichen rein äußerlicher Art, bei denen 
der Grund ihres Zeichenseins nicht einsichtig ist. Die Diagnose be- 
stände dann in der Auswahl, Zusammenfassung und Ordnung der- 
artiger Zeichen unter ein adäquates vorgegebenes Schema. 

Indessen vermag der Grund der Geltung und Berechtigung eines 
derartigen diagnostischen Schemas selber und seiner einzelnen Krank- 
heitsabgrenzungen seinerseits wieder ein Problem zu bilden, welches 
noch in einem anderen und tieferen Sinne besteht, als er durch die 
äußerlich-zweckhafte und so wandelbare Heuristik der klinischen 
Forschung beantwortet wird. Man kann nämlich fragen, ob die ein- 
zelnen seelischen »Symptome « und »Symptomkomplexe « ihrer Seins- 
weise, Struktur, Dynamik, kurz ihrem Wesen i) nach aus dem Cha- 
rakter der betroffenen Persönlichkeit und deren individueller Sonder- 



1) Wesen ist hier wie überall kantisch verstanden: als »das innere Prinzip 
alles dessen, was zur Möglichkeit eines Dinges gehört« (Metaphys. Anfangsgr. d. 
Naturwiss. 1786, Vorrede). 



Einführung in die psychiatr.-praktiHcho Notwendigkeit pHychol. Theorie. 115 

aitung als Erlebcn.sfonnen, Entwirkhmgeii ocIlt Ilciiktioii-sweiBcn 
sich restlos psycjiologisch herleiten lassen, oder ob sie ihrem psycho- 
logischen Wesen nach einen Ausdruck für das Vorliegen eines die 
Persönlichkeit zerstörenden, destruktiven Prozesses seelisch -geistigen 
Abbaus bilden. Liegt ein solcher Prozeß vor, so vermag auch auf 
dessen Außorungsweisen und die Weisen ihres Erlebens der Ixjreits 
veränderte Persönlichkeitsrest noch adäquat mit seinem eigenen 
seelischen Besitzstande zu reagieren; und so kompliziert sich die 
Frage: was an den psychischen Vorgängen in einem Kranken er- 
wächst primär aus der Artung der Pereönlichkeit ? Was ist Prozeß- 
symptom? Was ist sekundäre Reaktion der veränderten Persön- 
lichkeit auf die subjektiven Auswirkungsweisendes Prozesses? Fragen 
dieser Art zum ersten Male bewußt gestellt und zur Aufklärung des 
inneren Gesetzes in einem Teilgebiet von Prozessen, welches er ald 
Paranoia zusammenfaßt, gemacht zu haben ist eines der Verdienste 
von Wernickci). Xeuerdings hat Jaspers«) diese Fragestellung 
in modifizierter und allgemeinerer Form wieder aufgenommen. 

Das Kriterium des Symptomatischen ist nicht zufällig. 

Nimmt man nämlich an, daß ein Gesetz bestehe, wonach sich 
der prozeßartige, destruierende Abbau der Persönlichkeit — mag 
er nun somatisch bedingt sein oder nicht — an der Struktur der durch 
ihn gesetzten seelischen Bildungen, und damit auch an der Weise 
ihrer Bcwußtwerdung, ihres Erlebnischarakters, mit psychologischer 
Notwendigkeit auswirken müsse, — so wird hiernach grundsätzlich 
zum rein psychologischen Problem, was aus der individuellen Mannig- 
faltigkeit psychotischer Bilder zum Symptom zu machen sei; und 
Kriterium dafür wird eben der Charakter der Bedeutsamkeit und des 
Hinweises irgendwelcher vorkommender psychischer Bildungen auf 
ihre psychologisch notwendige Ableitung aus der prozeßhaften Natur 
psychischen Abbaus. Dabei bleibt eine zunächst offene Frage, ob 
sich das innere Gesetz, welches wir hier zwischen destruktivem Prozeß 
und psychischem Symptom supponieren, erkennen und bestimmen 
läßt, oder ob wir nur hinreichende Merkmale für sein Bestehen haben, 
ohne es selbst zu kennen. Und ganz genau ebenso liegen die Dinge 

1) Grundriß d. Psych. Leipzig 1896. S. 112ff., S. 140. Die — bei ihm assozia- 
tionsthooretisch fundierte — Sojunktion in der akuten Ceistesstörung ist das 
psychologische Wesen des Ausfalls, des »Zerfalls dtr Individualität«. Von ihr 
hängen »nach innerem Gesetz« ab die gest«>rte »sekundäre Identifikation« und 
die als »Reizersoheinungen« aufzufassenden Halluzinationen, »autochthonen« und 
beziehungswahnhaften Ideen. Der »Erkläningswahn« ist hingegen »nur als die 
Reaktion eines normal funktionierenden Cehirnmechanismus auf die einmal 

f;egebene inhaltliche Veränderung« aufzufassen (S. 137), wogegen die Krinnerun^s- 
älschungen und der »retrospektive Beziehuncfmahn« zwar an sich normale 
reaktive Korrektur%-orgänge, aber auf der Basis der bereits krankhaft veränderten 
Persönlichkeit (S. 141) sind. Alle Einzelheit<?n hieran sind irrig; da« Prinzip ist 
richtig. 

«) Ztschr. f. d. ges. Neur. u. Psych, 1910. S. 602—615. 



116 Über die ■wissenschaftstheoretißchen Grundlagen der Psychologie usw. 

für diejenigen Symptome, welche aus dem inneren Gesetz der sie 
produzierenden Persönlichkeit notwendig ableitbar sind. Daher 
wir umgekehrt aus der wirren Mannigfaltigkeit eines psychotischen 
Bildes dasjenige herausheben und zum Symptom machen werden, 
was uns ein Hinweis auf die Sonderartung der Persönlichkeit ist, 
aus welcher es gesetzmäßig erwuchs. 

Es ist nur aus psychologischer Theorie zu entwickeln. 

Diese Probleme setzen zu ihrer Lösung die Möglichkeit der Fest- 
stellung des Vorliegens derartiger innerer Gesetze voraus. Damit 
fordern sie psychologische Theorie. Um deren Notwendigkeit 
zu erweisen, wurden diese Fragen gestreift. Der reine Kliniker steht, 
wenn er wirklich einmal das Verhältnis von Symptom und Krankheit 
im Psychischen so durchdenkt, wie dies vor 60 Jahren Spielmann 
tat, vor einer ihm paradox erscheinenden Umkehrung lieb geworde- 
ner Gedankengänge: nicht mehr irgendein unbewiesener und dog- 
matisch aus oberflächlicher heuristischer Sammelarbeit abgeleiteter 
klinischer Begriff von Krankheiten i) bestimmt, was am seelischen 
Bilde Symptom zu sein hat, ohne daß diese Bestimmung einsichtig 
wäre. Sondern umgekehrt: das psychotische Gesamtbild tritt in 
das Zentrum der Beobachtung; und psychologische Arbeit holt 
aus ihm heraus, was mit psychologischer Notwendigkeit 
zum Hinweis auf das Zerstörtwerden oder das Erhalten- 
bleiben der geistigen Persönlichkeit zu dienen vermag. 
Und danach teilen sich dann symplomatologische Zusammenfassungen 
einsichtiger Art ab. So gelangen wir in denkerisch undurchbrochener 
Folge bis zu echten, wenn auch nur symptomatischen, Krankheits- 
bildern, welche wir dann ihrerseits an pathogenetischen und anders- 
artigen nosologischen Erfahrungen zu verankern die Aufgabe haben, 
um so zu realen Krankheitseinheiten zu streben. 

Das Problem des Wissens von fremdem Psychischen. 

Aber nehmen wir diese hier gestreiften Fragen nach den Kriterien 
des Symptomcharakters und den Rechtsgründen symptomatischer 
Bedeutsamkeit für die einzelnen Klassen psychopathologischer Struk- 
turen hier einmal als gelöst an. Damit sind die Probleme der Dia- 
gnostik noch keineswegs aus der Welt geschafft. Gegeben sind uns 
doch nur Äußerungen und Handlungen unserer Kranken. Allein 
jene Äußerungen und Handlungen sind der Ausdruck eines vom 

1) »Paranoia«, »Dementia praecox«; oder mit völlig gleicher Berechtigung 
auch frühere: »die Verwirrtheit oder allgemeine Verrücktheit (Dem?nce)«, »die 
Tobsucht«, »der Wahnsi in« — Griesinger, »d^'uteropatliisch? Encephalopathie « 
— Flemming, »dämonomane Form d-s attonischjn Wahnsinns«, »degenera- 
tiver hysterischer B ö Isinn « — Schule, »Diirium acutum« der Franzosen — 
und viule andere, gleich »wortvolle« Erfindungen wohl gemerkt unserer hervor- 
ragendsten Forscher — was ist von ihaen übrig geblieben? 



Einfübrong in dio fsychiatr-praktiBcbe Notwendigkeit psychoL Theorie. 117 

unseren abweiclienden Seelenlebens; und es ist eine grundsätzliche 
Frage, inwiefern wir ihnen seelisches Gesclielien zugrunde legen dürfen, 
das wir nach Anah)gio unseres eigenen strukturieren. Andererseits 
haben wir kein .Mittel zum psychologischen Verständnis unserer 
Kranken als unsere eigene innere Erfahrung, obwohl wir wissen, 
daß ilir Gegenstand, das eigene Ich, grundsätzlich anders geartet 
ist als das fremde Ich, dessen kranke Äußerungen es auf ein adäquates 
Gescheiicii zurückzufüiiren gilt. Es liegt also schon in der tatsäch- 
lichen Feststellung des seelischen Geschehens in jedem einzelnen 
Fall — der von unwicderholbarer Individualität ist, eine Schwierig- 
keit, deren Überwindung die Lösung zweier Fragen voraussetzt: 
Was kann ich von fremden Ichen wissen? und wo liegt der Rechts- 
grund dieses Wissens? und ferner inwieweit ist dio Krankheit oder 
das was wir so nennen, eine einschränkende Bedingung für dieses 
Wisscnkömien ? Welche seelischen Ablaufgesetze sind allgemein 
gültig und übertragbar? Welches sind die Kriterien dieser Über- 
tragbarkeit ? 

Wir halten diese beiden Fragen für lösbar, geben aber ihre syste- 
matische Lösung nicht hier, sondern an späterer Stelle'). Auch ihre 
Beantwortung ist Sache einer psychologisch -theoretischen 
Untersuchung. 

Psychologisches Gesetz und symptomatische Analyse. 

Das zweite Problem, welches den Weg bis zur Diagnostik ver- 
sperrt, liegt in folgendem: haben wir uns der individuellen Vorgänge 
in einem Kranken versichert, so muß die Aufklärung ihres Mecha- 
nismus, ihrer inneren Gesetzmäßigkeit, oder doch mindestens dessen, 
was an ihr bedeutsam und symptomatisch ist, folgen. Hierbei ist 
völlig verschieden, was im Erleben für die Individualität des 
Kranken wichtig ist, und was im Hinblick auf die oben als 
gültig vorausgesetzten Kriterien des Symptomatischen wichtig 
ist. Es trennt sich also hier die gleichsam menschliche Seite psycho- 
logischer Analyse von der diagnostischen Symptomanalyse. Beides 
sind aber ärztliche Aufgaben und beide sind ärztlich notwendig; 
beides sind zugleich wissenschaftliche Aufgaben. Beide setzen 
ebenfalls psychologische Theorie voraus; die erste Aufgabe 
erfordert eine Dynamik psychischer Inhalte und Zusammenhänge, 
die zweite eine Typik und Analytik phänomenologischer Strukturen. 

Wir sehen also, daß die einfachste Arbeit klinisch-diagnostischer 
Praxis und ärztlich miterlebender und beeinflussender Einstellung 
bei den Geistesstörungen eine psychologisch theoretische Bestimmung 
der psyihischen und pathopsychischen Phänomene erwünscht und 
notwendig erscheinen läßt. Und die gesamte Lage der gegenwärtigen 
Psychiatrie zeigt deutlich, daß eine solche theoretische Grundlegung 

») Vgl. S. 396 ff. 



118 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

für sie höchst wertvoll sein könnte. Die Unsicherheit im heutigen 
Betriebe unserer Wissenschaft entspricht zum nicht geringen Teil 
der Unsicherheit der logischen und theoretischen Grundlagen der 
symptomatologischen Psychologie. Mag der einzelne Psychiater 
der Kenntnis dieser Grundlagen entraten können: er benützt doch 
die auf ihr beruhenden, durch sie erst sichergestellten Begriffe fort- 
während, wenn sie ihm gleich nicht deutlich und in ihrem theoretischen 
Zusammenhange gegenwärtig zu sein brauchen. Es ist daher ge- 
boten, im folgenden diese theoretische Fundamentierung einmal 
gedanklich vorzubereiten i ) . 

Praktische Grenzen der Tragweite theoretischer Psycho- 
logie. 

Von einer solchen vorbereitenden Grundlegung der psychologi- 
schen Theorie dürfen wir andererseits auch nicht zu viel erwarten. 
Vergessen wir nie, daß es sich in unserem Wissensgebiet um eine 
Er fahrungs Wissenschaft handelt; jeder Erkenntnisfortschritt wird 
hier, soweit er materialer Art ist, immer nur von der Einzelforschung 
kommen. Aber es wird nicht gleichgültig für die Bewährung ihrer 
Leistungen als wirklicher Fortschritte und Wissensbereicherungen 
sein, einen Maßstab dafür zu besitzen, an welchen Grundsätzen das 
wissenschaftliche Erfahren, dem die angeblichen Einzelfortschritte 
zu verdanken sind, orientiert und mit welchen Methoden und unter 
welchen Kaute len es errungen wurde. Von den vorbereitenden 
Grundlegungen einer psychologischen Theorie dürfen wir die ab- 
strakte Aufstellung der im psychologischen Erfahrungsgebiet gültigen 
Grundsätze erwarten, sowie eine prinzipielle und formale Klärung 
der Rechtsgründe und Tragweite der einzehien in ihm anwendbaren 
Methoden. Wir dürfen ferner allgemeine Kriterien einschränkender 
Art von ihr erwarten, welche sich auf die Richtigkeit irgendwelcher 
niaterialer H3rpothesen erstrecken und diese sowohl hinsichtlich 
ihrer formalen und logischen Zulässigkeit als auch ihrer inhaltlichen 
Vereinbarkeit mit dem wissenschaftlichen Ganzen unseres Erfahrungs- 
gebietes prüfen. 

Die Zersplitterung der psychologischen Theoretik ist kein 
Argument gegen deren Notwendigkeit. 

Die Grundlegung psychologischer Theorie, welche es aufzustellen 
gilt, kann nur entwickelt werden als folgerichtiger Ausbau einer 
philosophischen Gesamtanschauung. Die Zersplitterung der gegen- 
wärtigen Psychologie, welche wir in der vorigen Abhandlung skizziert 

1) Wir setzen uns für die Psychiatrie also die gleiche Aiifgabe, welche sich 
etwa Natorp (Allgemeine Psychologie. Tübingen 1912) für die Psychologie ge- 
stellt hat; die einer »Revision der Fundamente« »nach kritischer Methode«, einer 
»Philosophie der Psychologie« (1. c. S. IV). 



Einführung in die psychiatr.-praktiuche Notwendigkeit p«ychol. Theorie. 119 

haben, entspringt großentoilä aus dein Widerstreit der auf sie an- 
gewandten allgemeinen philosophischen Grundsätze einzelner Schulen. 
Der idealistische Transzendent alisnuis bildet andere psychologische 
Theorien (Natorp, Rickert) als die Aristotelisch-Thoniistischen 
Piiilosophenschulen, die aiich wieder untereinander abweichen 
(Husserl, »Stumpf, Brentano); die Spielarten des verschleierten 
einpiristischen Realismus (VVundt, Külpe) bilden andere Theorien 
als der empiristische Panpsychismus (Mach, Ziehen)*). Und 
innerhalb der einzelnen philusopiiischen Grundansciiauungen gibt es 
dann noch individuelle Variationen in den Formulierungen und Be- 
gründungen der einzelnen Forscher. Das wäre nun belanglos, wenn 
es nicht in schwerwiegendster Weise auch auf die Gesichtspunkte 
und Methoden des Forschcns überstrahlte. Die methodologischen 
Rechtsgründe Husserlscher Behauptungen aus »eidetischer In- 
tuition« sind natürlich vqjlig andere als die angeblich apriorischen 
Befunde reinen Denkens in der Lehre voni Ich und Bewußtsein eines 
Natorp; die Ableitungen etwa des Ziehenschen empiristischen 
Positivismus über »^-Bestandteile« und »r-Komplexe« der »v und 
t'- Komponenten«, die zur Leugnung von Ich, Wille, Akt, Bewußtsein 
und zur Leugnung des Unterschiedes von Materiellem und Psychi- 
schem führen und bei aller ihrer positivistischen Vorsicht und Exakt- 
heit in ihren Ergebnissen nichts anderes sind als ein verklausulierter 
Nominalismus, sind etwas völlig anderes als die Ergebnisse der me- 
thodischen Prinzipien Wundts oder Brentanos. Und selbst im Ge- 
biete experimenteller Einzelforschung, wo es anscheinend gar keine 
Uneinigkeiten geben dürfte, beginnt der Streit der Grundsätze, sobald 
es sich um die Voraussetzungen und die Deutung der Befunde handelt. 

Eine psychologische Theorie aber muß die richtige sein. In der 
wissenschaftlichen Erkenntnis eines Gegenstandsgebietes kann es 
nur eine Wahrheit gel)en; eine aber muß es geben. 

So scheint es denn, als ob wir die Aufführung einer psj'chologischen 
Tlieorie dadurch vorbereiten müßten, daß wir alle übrigen bestehenden 
und möglichen Theorien dieser Art zunächst zu widerlegen hätten. 
Die materiale Einzelforschung, welche diese Zersplitterung sieht, 
kommt zu der Konsequenz, alles »theoretische Gerede« überhaupt 
zu verwerfen als unfruchtbare und nie zu Ende führende Streiterei. 
Die Notwendigkeit einer psychologisclien Tlieorie ist al>er von der- 
artigen vulgären Meinungen völlig unabhängig. Wer sie nicht ein- 
sieht, wer sich nicht bemüht, seine Einzelarbeit in den Rahmen 
des Ganzen an die ihr zukommende Stelle einzuordnen und sich den 
Rieht massen dieses Ganzen zu unterwerfen, der leistet unersprießliche 
Arbeit. Die Notwendigkeit der Theorie lehren \ins zwei Worte Kants : 
»Wo die Schranken unserer möglichen Erkenntnis sehr enge, der 
Anreiz zum Urteilen groß, der Schein, der sich darbietet, sehr be- 

>) Für dio Psychiatrie denke man hier übcrdioa noch an die Unzahl krauser 
► psychophysiologischer«, »hirndynamischcr«, >iuolckuluriuechanischcr4 Theo- 
rien des Psychischen. 



120 Über die wissenschaftstheoretisclien Grundlagen der Psychologie usw. 

trüglich, und der Nachteil aus dem Irrtum erheblich ist, da hat das 
Negative der Unterweisung, welche bloß dazu dient, um 
uns vor Irrtümern zu verwahren, noch mehr Wichtigkeit 
als manche positive Belehrung «i). Und ferner: »Es ist schon 
ein großer und nötiger Beweis der Klugheit oder Einsicht zu wissen, 
was man vernünftigerweise fragen solle . . . denn sonst . . . 
hat die Frage bisweilen noch den Nachteil . . . den belachenswerten 
Anblick zu geben, daß einer, wie die Alten sagen, den Bock melkt, 
der andere ein Sieb unterhält «2). Nur eine kritische Unter- 
suchung über die Möglichkeit und Kriterien dessen, was 
man »fragen dürfe«, was in einer Wissenschaft gewußt zu werden 
vermag und zur Erlangung des Wissens notwendige Voraussetzung 
zu sein hat, also die kritische Klärung der Grundsätze und Methoden, 
der Geltung und der Forschungsmaximen enthebt die Wissenschaft 
der Gefahr dieses »belachenswerten Anblicks «... 



Philosophischer Ausgangspunkt der psychologischen 

Theorie. 

Wir denken nun gar nicht daran, das Geschäft einer Widerlegung 
sämtlicher anderen allgemein-philosophischen Anschauungen hier 
auch nur zu versuchen. In den Abhandlungen des ersten Teiles 
haben wir die verschiedenen prinzipiell möglichen allgemeinphilo- 
sophischen Stellungnahmen zum Erkenntnisproblem überhaupt 
systematisch durchgeprüft. Wir sind zu dem Schlüsse gekommen, 
daß nach unserer Überzeugung das Fundament des kritischen 
Idealismus, welches Kant und über ihn hinaus Fries gelegt und 
ausgebaut hat, die allein mögliche Basis sein kann, auf welcher jedes 
wissenschaftliche und systematische Erkennen zu stehen hat. Und 
wir berufen Uns auf das dort Gesagte, wenn wir unsere theoretischen 
Erwägungen auf diesem Fundamente aufzurichten Unternehmen. 
Ein Versuch dazu ist bereits einmal von Meyerhof gemacht worden^). 
Gegen seine ausgezeichnete Arbeit, der wir vieles verdanken, läßt 
sich vielleicht nur das Eine einwenden, daß sie sich allzu enge an die 
psychologischen Meinungen unserer philosophischen Führer anschließt, 
auch da, wo wir dies im folgenden nicht tun, und daß infolgedessen 
materiale und auch grundsätzliche Errungenschaften der modernen 
Forschung, wie die Phänomenologie und die Funktionspsychologie, 
nicht voll zu ihrem Recht, nämlich zu einer Einbeziehung unter die 
theoretischen Obersätze Kant -Friesscher Lehre, gelangen. 

Wir unsererseits glauben, durch eine Reihe genau begründeter 
theoretischer Erwägungen und Feststellungen wirklich zum ersten 
Male eine Synthese vollziehen zu können zwischen den Errungen- 
schaften der modernen Forschung und den alten Kantischen Grund- 

1) Kritik d. r. V. 1781. S. 737. 

2) Kritik d. r. V. 1781. S. 82. 

^) Beiträge zur psychologischen Theorie der Geistesstörungen. Göttingen 1910. 



Allgemeine Crundlegxuig der WiBaenBchaftotheorie dea pHychiflchen usw. 121 

lagen. Erslere verlieren dabei ihre tlieoretisehcn Feiiler, letztere 
ihren unp.4ychologi.sehen Intellektualiamus und ihre leero logiHche 
Schematik. An »Stelle der früiieren Kluft zwi.schen kla.s.si«eher und 
moderner pHyehologie wird eine Kinheit angestrebt, in weleher beide 
ihre 8tütze und Verankerung finden. Damit glauben wir in der Tat 
Neues zu geben, welehes nocii jenseits alles »unfruclitbaren .Scharf- 
sinns« für den Fortgang der praktischen Forschung von Gewinn 
zu werden vermag. Besonders hoffen wir dies von un.seren neuen 
Erörteiungen des Problems der psychischen Kausalität. 



2. AllgeiiR'iiie (iiuiHllcgiiiig der Wissenschaftstheorie des Psy- 
chiseheii. Beginn der Kategorienlehre für die Psyehologie. 

Wisaeuschaftstheorie und Kritik der Erkenntnis von 

Psychischem. 

Theoretisch nennen wir alle Bestimmungen, welche sich in einem 
Erkenntnisgebiet nicht auf die in ihn erkannte gegenständliche 
Materie erstrecken, sondern auf die Art und Weise des Er- 
kenn ens dieser Materie. Wir unterscheiden hierbei die Untersuchun- 
gen über die zum Zweck der Erkenntnis angewandten Metlioden 
der Beobachtung und die Untersuchungen der gedanklichen 
Bearbeitung des Beobachteten auf ihre Richtigkeit und Trag- 
weite. Diese muß in einer nicht bloß durch den Gegenstand, sondern 
auch durch die Natur des Denkens selber und ihre Gesetze 
gegebenen Grundlage wurzeln, und aus ihr begründet werden. Die 
Gesetze, welche aus der Form des Denkens selber notwendig ent- 
springen, sind die der Logik; und insofern sich die Denkvollzüge 
ihrer Form nach an die Natur der jeweils bearbeiteten Materie an- 
zupassen haben, gehört die Untersuchung der angewandten Logik 
oder der Methodologie in einem weiteren iSinne, als es der oben 
gegebene Begriff von Methodenlehre war. Ihre Voraussetzung ist 
aber eine Untersuchung über die allgemeinen Grundlagen 
und die Gültigkeit des Erkenn ens in dem betreffenden Gegen- 
standsgebiete überhaupt. 

Die Psychologie nun ist eine Erfahrungswissenschaft und unter- 
liegt, im Hinblick auf die zuletzt genannte Untersuchung ihrer Er- 
kenntnisgrundlagen überhaupt, den Bestimmungen, welche für alle 
Erfahrungswissenschaft zu gelten haben. Den Gegenstand der Er- 
fahrung — und zwar jeder möglichen Erfahrung — nennen wir mit 
Kant Natur, und verstehen darunter den Zusammenhang der 
Erscheinung ihrem Dasein nach unter notwendigen Gesetzen. 

Nun haben wir bereits in der ersten Abhandlung dieses Buches 
darauf hingewiesen, daß eine metaphysikfreie Naturwissenschaft un- 
möglich ist. Nach unserer Definition der Psychologie ist diese eine 
Naturwissenschaft: Sie sucht das Dasein der ihren Gegenstand 



122 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

bildenden Erscheinungen unter notwendigen Gesetzen zu begreifen. 
Mithin muß zur theoretischen Bestimmung der Grundlage und der 
Geltung ihrer Erkenntnisse eine Metaphysik für sie vorausgesetzt 
werden. 

Wir verstehen unter dieser Metaphysik nicht irgendwelche 
mystischen oder transzendentalen Bestimmungen etwa über das 
Wesen der Seele als übernatürliches Dasein, als »Absolutes« oder 
als »reines Sein« o. dgl. Indem wir eine theoretische Bestimmung 
der Psychologie als Wissenschaft versuchen, wollen wir vielmehr 
gerade derartigen phantastischen Träumereien, die aller gesunden 
Naturforschung Hohn sprechen würden, den wissenschaftlichen 
Boden völlig entziehen. Wir gehen von der bereits in der genannten 
ersten Abhandlung festgestellten Tatsache aus, daß die Notwendig- 
keit und Gültigkeit der allgemeinen Gesetze und Bestimmungen 
nicht in der Beobachtung wurzeln kann, denn diese zeigt immer nur 
einzelnes und dem Dasein nach Zufälliges. Sie ist aber auch nicht 
bloß formal-logischer Art. Sie enthält vielmehr auch materiale 
Bestimmungen allgemeiner Art, welche den Charakter der Not- 
wendigkeit und allgemeinen Gültigkeit erst an die Materie herantragen. 
Diese stammen aus rationalen Grundsätzen, welche den aufgestellten 
Gesetzen zugrunde liegen und durch ein regressives Abstraktions- 
verfahren faktisch aus ihnen nachgewiesen werden können. Kant 
hat dieses Verfahren in seinei transzendentalen Analytik zuerst in 
heute noch unwiderlegter Weise für alle mögliche Erfahrungserkennt- 
nis durchgeführt. Er nennt diese Grundsätze synthetische Urteile 
a priori aus Begriffen, und ihre Darstellung Metaphysik. 

Nun ist mit dem Terminus Metaphysik bei den bekanntesten 
Nachfolgern Kants, insbesondere bei Fichte, Schelling und 
Hegel ein derartiger spekulativer Mißbrauch getrieben worden, daß 
der eigentlich kantische Begriff der Metaphysik von diesen »Kan- 
tianern « in unerhörter Weise entstellt uns überkommen wird. Hinzu- 
kommt, daß auch der vorkantische Rationalismus jenen spekula- 
tiven Begriff von Metaphysik hat, welcher ihm an sich methodisch 
nicht anzuhaften brauchte. Dies hat auf das Bewußtsein der gegen- 
wärtigen Forschung einen solchen Einfluß gehabt, daß der Begriff 
Metaphysik bei der exakten Forschung, mit welcher allein wir uns 
bei unserem Unternehmen verbunden fühlen, in Mißkredit gekommen 
ist. Um unseren Begriff des hier gemeinten Problemgebiets in 
dem Sinne, den wir ausschließlich damit verbinden würden, von 
allen jenen spekulativen Belastungen zu befreien, werden wir im 
folgenden den entwerteten Terminus Metaphysik vermeiden i). Das- 
jenige, was wir oben als besonderes Problemgebiet aufgezeigt haben, 
werden wir durch den Terminus »Wissenschafts theorie« zusam- 



^) Wir machen damit nur eine sprachliche, keinerlei theoretische 
Konzession an einen positivistisch verbogenen Zeitgeist, wie wir ausdrücklich 
betonen. Wir tun das aus didaktischen Gründen, um nicht durch ein (freilich 
zu unrecht) verpöntes Wort der Sache zu schaden. 



AUgcmeine Grundlegung der Wissenflchaftatheorio de« PsychiBcbcD usw. 123 

nienfasson. Mit diesem meinen wir al«ü in ganz exakter und ein- 
deutiger Weise das Gebiet synthetiHcher Urteile a priori aus Begriffen. 
Aus der Zergliederung des Begriffes der Natur ergeben sich also 
zweierlei Elemente der Nat urerkeiuitnis : empirische und raticjnale. 
Diese worden in der Theorie verbunden. Theorie ist Erklärung 
von Tatsachen aus allgemeinen Gesetzen. JSio setzt also zweierlei 
voraus: die Tatsachen und die allgemeinen Gesetze. Die Verbindung 
beider hat in der Theorie stattzufinden. Die Tatsachen, und alles, 
was in bezug auf ihre theoretische Bestimmung ihnen immanent ist, 
aus ihnen hergeleitet wird, ergeben den CJehalt der Psychologie ala 
Wissenschaft. Alles andere gehört der Form der Wissenschaft au. 
Diese Form, oder richtiger diese Formen, lassen sich auf jene Grund- 
sätze allgemeinster rationaler Art zurückführen, welche aus einer 
Wissenschaftstheorie des Psychischen entnommen werden müssen. 
])ie l^arstellung dieser Grundsätze für die Erkenntnis des Psychi- 
Hchen ist die besondere Aufgabe einer Wissenschaftstheorie des Psy- 
chischen, welche nicht eigentlich mehr zur Psychologie als Erfahrungs- 
wissenschaft gehört, aber von dieser zu ihrer eigenen Möglichkeit 
vorausgesetzt wird. Die Auffindung und Begründung dieser Grund- 
sätze in ihrem Grundsatzcharakter ist das Geschäft der Vernunft- 
kritik, eines Teilgebietes der Kritik psychologischer P]rkenntnis über- 
haupt. Die Erkenntniskritik aber ist eine Erfahrungswissenschaft: 
ihr (iegenstand ist das Erkennen, so wie es wirklich ist und in der 
Erfalirung vorliegt. In dieser Feststellung sehen wir die wichtigste 
methodologische Leistung von Fries. Und wir wiesen im ersten 
Teile dieses Buches schon nach, wie die rationale Geltung mancher 
Erkenntnisse mit der Tatsache, daß diese Erkenntnisse zu Gegen- 
ständen eines Erfahrens zu werden vermögen, nicht in Widerspruch 
gerät ^). 

Theorie und Phänomenologie. Arten der Theorie. 

Wir müssen hier noch etwas genauer werden, um ganz klar zu 
maciien, was wir uns für Aufgalx;n setzen, wenn wir von theore- 
tischen Bestimmungen in der Psychologie handeln und die 
Grundlegung dieser theoretischen Bestimmungen hier in Angriff 
nehmen wollen. 

Das Material einer Wissenschaft vom Psychischen, »die Tat- 
sachen«, von welchen vorher die Rede war, stellt sich uns als ein 
Geschehen und Sichoreignen in der Zeit dar. Ob, wie und wodurch 
wir dies Geschehen in seiner Vereinzelung und Mannigfaltigkeit so, 
wie es sich wirklich ereignet, zu erfassen vermögen — diese 
Frage berührt ein Gebiet von Problemen, welches einer besonderen 
Behandlung und Durcharbeitung bedarf. Fassen wir den Inbegriff 

*) Vpl. hicr/.u und zum folRcndon außer Mi-yorhof 1. c. iusbosondorc Fries, 
System d«T M(>taphysik. 1824. S. :W2ff.. Neut- Kritik dor Vernunft. Bd. 2. ferner 
Heinrich Scliinid, V<rsurh einer Metaphysik der inneren Natur. )S:M. 



124 Über die wissenschaftstheoretisclien Grundlagen der Psychologie usw. 

dieses Geschehens in der Weise, wie es für dies Erfassen gegeben ist^ 
dessen Art und Geltung jenes Problemgebiet in sich schließt, unter 
dem landläufigen Begriff der psychischen Phänomene zu- 
sammen, so gehört jenes Problemgebiet zur Lehre von den psychi- 
schen Phänomenen oder zur psychischen Phänomenologie. 
Unter dieser wird also zunächst nur die Untersuchung darüber ver- 
standen werden dürfen, wie und wodurch uns psychische Tatsachen 
gegeben werden. Diese Untersuchung ist ein Teilgebiet der Unter- 
suchung psychologischer Erkenntnis überhaupt. Sie wird zwar vor- 
wiegend mit den Mitteln der Selbstbeobachtung in Angriff zu nehmen 
sein, läuft aber ihrem eigentlichen Ziele nach auf allgemeine Sta- 
tuierungen darüber hinaus, ob und inwieweit unseren Erfassen psy- 
chischer Tatsachen als solcher, welches ja ihre eigentliche Frage- 
stellung ausmacht, Erkenntnischarakter zuzuschreiben ist. Hierzu 
kommt nun noch ein zweites Problem: das Problem der Beschreib- 
barkeit dieser psychischen Tatsachen, das Problem unserer Fähig- 
keiten und Möglichkeiten, Weisen und Gültigkeiten einer Beschreibung 
dieser psychischen Tatsachen, das Problem der Angemessenheit dieser 
Beschreibung an die Tatsächlichkeit dieser Tatsachen, sowie der 
Kriterien für diese Angemessenheit. 

Dieses ganze Problemgebiet handelt also nicht von den psychi- 
schen Tatsachen selber, nicht sie sind seine Gegenstände, sondern 
es handelt von unserer »Erkenntnis«, von den in uns gegebenen 
Möglichkeiten und Weisen, psychische Tatsachen zu haben, zu er- 
fahren und zu beschreiben. Wir klären die Termini Erfahren und 
Beschreiben an dieser Stelle nicht weiter begrifflich : daß das genannte 
Problemgebiet tatsächlich besteht, dies aufzuweisen ist der einzige 
Zweck dieser Ausführungen. 

Wir sagten vorhin : die Tatsachen werden von der Theorie voraus- 
gesetzt. Dies Problemgebiet, welches wir eben umschrieben haben, 
wird also für eine Theorie des Psychischen als gelöst vorweggenommen. 
Es fällt außerhalb der eigentlichen Theorie des Psychischen, deren 
Grundlegung wir hier allein intendieren. 

Wir schoben die Bearbeitung dieses Problemgebiets der psycho- 
logischen Phänomenologie zu. Wir sagen über deren Beschaffenheit, 
Methode und Geltungsfundament vorerst nichts aus, was präjudi- 
zierend wirken könnte. Wir halten uns an den oben angegebenen 
Zweck, den wir für die Phänomenologie bezeichnet haben; und wenn 
wir daher im folgenden von Phänomenologie reden oder auf die von 
uns gemeinte Disziplin Phänomenologie verweisen, so meinen wir 
immer eine »an das immanent Wesentliche sich bindende Deskription 
psychischer Phänomene «i). 

Wir sagen damit nicht, daß diese vorausgesetzte Phänomeno- 
logie, welche wir in einem späteren Hauptabschnitt dieses Buches 

1) Also nur das, was Husserl »empirisch gerichtete«, »psychologische« 
Phänomenologie nennt, Ideen usw. Jahrbuch f. Philos. u. phänomenolog. For- 
schung. Bd. I. 1913. S. 171. 



Allgemeine Grundlegung der Wiascnflcbaf tat h^ i Psycbiüchcn usw. 125 

behandeln werden, von der Theorie, deren Grundlegung wir hier 
unternelinien wollen, völlig übt rennbar ist. Es liegt Hchon im Wesen 
der Beschreibung, daß die zu beschreibenden Tatbestände in ge- 
wisser Weise modifiziert werden müssen, um Ixjschrieben werden 
zu können. Diese Modifikationen bestehen in der »Heraushebung« 
des »Wesentlichen«, im »Absehen « vom »Unwesentlichen«. Letzten 
Endes führt der Vollzug dieser Modifikationen zur Reduktion der 
Phänomene auf »Begriffe«. Die modifizierenden Maßnahmen, welche 
wir hier als Herausheben und Absehen bezeichnet halx?n, sind be- 
sondere psychische V^ollzüge, sie bedürfen besonderer Klärung; man 
faßt sie unter den landläufigen Namen der Abstraktion zusammen. 
Wenn wir im folgenden diesen Ausdruck Abstraktion gebrauchen 
werden, so meinen wir die genannten modifizierenden Vollzüge, ohne 
uns hinsichtlich ihrer umstrittenen Art und Natur festzulegen. Es 
ist klar, daß diese Vollzüge, um zu Erkenntnissen zu führen, um den 
Phänomenen, in bezug auf die sie vollzogen werden, hinsichtlich ihrer 
»Wesentlichkeit « zu entsprechen, nach besonderen Kriterien zu er- 
folgen haben. Diese Kriterien und Gesichtspunkte müssen erst 
aufgefunden werden. Wir werden später sehen, daß sie von den 
wissenschaftstheoretisch dargestellten Grundsätzen des betreffenden 
Erkenntnisgebiets als regulative Maximen geliefert werden. Es ist 
jedenfalls soviel einleuchtend, daß hier an die phänomenologische 
Disziplin sich eine zweite Disziplin anzuschließen hat. Diese hat 
die beschreibende Ordnung der erfaßten psychischen Tatbestände 
zum Gegenstand. »Sie beschäftigt sich mit den Weisen der Abstraktion, 
ihren Kriterien und den Geltungsgrundlagen dieser Kriterien. Wir 
erhalten durch ihren Ausbau eine systematische und klassifikatorische 
ontologische Theorie der psychischen Phänomene. Wir bezeichnen 
diese Disziplin als abstraktive oder analytische oder deskrip- 
tive oder ontologische Theorie des Psychischen. 

Auch hierbei ist zu betonen, daß man sorgfällig zu unterscheiden 
hat zwischen der Untersuchung unserer Erkenntnismittel in 
bezug auf die in dieser Richtung liegende Bearbeitung psychischer 
Phänomene, und andererseits der Bearbeitung der psychischen 
Phänomene zur ontologischen Theorie selber. Gegenstand der erst- 
genannten Fragestellung sind nicht die psychischen Pliänomene, 
sondern unsere Erkenntnis von ihnen. Im kantischen Sinne wäre 
dies eine kritische Wissenschaft, und erst nach ihrer Bearbeitung ist 
die analytische Theorie der Phänomene selber möglich. Nun ist 
allerdings in der Praxis, worunter wir hier die Sicherung von Er- 
kenntnis des Psychischen verstellen, sehr schwierig, diese beiden 
versoliifdenen Fragestellungen völlig getrennt abzuiumdeln. Die 
Verwirklichung der Erkenntnis selber, also der Theorie, ist ja die 
eigentliche Aufgabe. Wenn wir also auch die kritische Einstellung 
stets in den Vordergrund unserer Untersuchungen zu stellen haben, 
so werden wir doch, um »praktisch« nicht völlig steril zu bU-ibon, 
in der Darstellung nicht umhin können, die grundsätzlich geforderten 



126 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

scharfen Grenzlinien zwischen kritischer und theoretischer Frage- 
stellung an vielen Orten zu verwischen. Unser Hauptziel bleibt 
immer, die Ergebnisse der deskriptiven Theorie des Psychischen in 
ihrem Erkenntnischarakter zu sichern und zu begründen. Wir 
können dabei nicht nur von Sicherung und Begründung reden, ohne 
auch einen Blick auf die Ergebnisse selber fallen zu lassen. 

Die deskriptive Theorie ist aber nicht Selbstzweck, sondern nur 
vorbereitende Stufe der eigentlichen Erklärung, d.h. der voll- 
ständigen Bestimmung der Bedingungen, welche zur 
Wirklichkeit der zu erklärenden psychischen Materie voraus- 
gesetzt werden. Soweit diese Bestimmungen allgemeiner 
Natur sind, soweit sie mit Notwendigkeit gelten, bezeichnet man 
sie als Gesetze. Das System der Gesetze wird durch die eigent- 
liche Theorie im engeren Sinne gegeben. Die rationalen Grund- 
lagen der gesetzlichen Formen entwickelt die Wissenschafts- 
theorie in dem früher genannten Sinne als eine der eigentlichen 
Theorie vorausgesetzte Disziplin. Die Erkenntnismittel, welche 
zur Aufstellung von Gesetzen hinreichend und notwendig sind, ent- 
wickelt die Kritik der theoretischen Erkenntnis. 

Die Gesetze eines materialen Geschehensgebietes bestimmen dessen 
Wirklichkeit als eine notwendige; sie sind insofern die Gründe der 
Möglichkeit dieses Geschehens, welches sie durchherrschen. Eine 
besondere Untergruppe dieser Gesetze erstreckt sich auf die Be- 
dingungen des Eintritts, der Verwirklichung eines durch sie 
bestimmten Geschehens; sie bestimmt die Bedingungen der »Aus- 
lösung« und »Veranlassung« dieses Geschehens; sie wird unter dem 
Begriff der genetischen Theorie zusammengefaßt. Wir lassen 
uns hier auf die nähere Bestimmung dessen, was mit Veranlassung 
und Auslösung gemeint ist, ebenfalls noch nicht ein. Diese Begriffe 
werden ebenso wie alle anderen theoretischen Begriffe sich aus dem 
Aufbau der Theorie selber entwickeln lassen müssen. Wir zeigen 
hier nur die Stellung der genetischen Theorie im Rahmen theoretischer 
Bestrebungen überhaupt auf, schon um das naturwissenschaftliche 
Vorurteil zu bekämpfen, als sei alle Theorie immer nur genetische. 
Deskriptive und genetische Theorie müssen sich unter den all- 
gemeinen Grundsätzen der Wissenschaftstheorie zur Systemform 
der allgemeinen Theorie überhaupt vereinigen lassen, so daß 
die deskriptive Theorie die geordneten Formen des Seins, die 
genetische Theorie die geordneten Bedingungen des Werdens, 
die Wissenschaftstheorie die notwendigen Geltungsgrund- 
lagen der Wirklichkeit für die bearbeitete psychische Materie in 
gedanklicher Allgemeinheit bestimmt. 

Die bearbeitete Materie selber ist ihrerseits phänomenologisch 
adäquat gegeben. 

Dieses allgemeinste Schema der Theorie, welches sich noch völlig 
frei hält von allen präjudizierenden logischen und methodischen, 
materialen und formalen Bedingungen, sollte nur vorausgeschickt 



AUgemeino Grundlegung der WLisenschaftsthcoric de« Psychiachen wrw. 1U7 

werden, um den verscliiedencii Richtungen, in welchen «ich unworo 
theoretischen Untersuchungen bewegen werden, eine erste Walir- 
scheinlichkeit immanenter Berechtigung für diejenigen zu verleihen, 
welche noch immer glauben, Naturforwchung oder Psychologie treiben 
zu können, ohne sich um theoretische Bemühungen kümmern zu 
brauchen. Außerdem sollte unser Sprachgebrauch für die folgenden 
Untersuchungen durch die obigen Ausführungen eine vorläufige 
Festlegung erfahren. Ik'zeichnungen wie »Phänomenologie«, »Ab- 
straktion«, »Deskription«, »Erklärung«, »Genese« usw. sind durch 
die ungeheure Literatur derartig mit der Möglichkeit von Mißdeu- 
tungen behaftet, daß es uns notwendig schien, wenigstens vorläufig 
festzustellen, in welchem Sinne sie in diesen Blättern allein zur Ver- 
wendung gelangen sollen. 

Die Kategorienlehre als Inhalt der Wissenschaftatheorie. 

Nach diesen Vorausschickungen wenden wir uns nunmehr den 
Fragestellungen der psychologischen Wissenschaftstheorie 
zu, welche den eigentlichen Gegenstand dieser Abhandlung darstellt. 

Mit ihr hat die Darstellung der Psychologie als Wissenschaft 
notwendigerweise zu beginnen, obwohl dies seit 50 Jahren tatsäch- 
lich fast niemals geschieht. Wir müssen es auf uns nehmen, un- 
aktuell und sogar antiquiert zu erscheinen; wesentlich ist ausschließ- 
lich die sachliche Richtigkeit. 

Es kann nun aber nicht unsere Aufgabe sein, an dieser Stelle die 
riesenhafte Geistesarbeit von Kants transzendentaler Analytik zu 
wiederholen. Dort findet man, wenn man sich die Mühe eindringenden 
Studiums und nicht oberflächlicher Lektüre macht, den tatsäch- 
lichen Nachweis der Grundsätze und der aus den Formen des 
Urteils vermittels des »transzendentalen Leitfadens« hergeleiteten 
Grundformen denkender Erkenntnis, der Kategorien des Ver- 
standes. Ebensowenig beabsichtigen wir eine derartige Wieder- 
holung für den Rechtsnachweis der Geltung dieser Kategorien. 
Ihn hat zum ersten Male in unangreifbarer und eindeutiger Weise, 
mit psychologischen Mitteln, Fries ^) in seiner Deduktion derselben 
aus der Grundform der reinen Vernunft selber geliefert. Wir setzen 
diese gewaltigste Leistung aller Erkenntniskritik hier als gegeben 
und gültig voraus und berufen uns auf unseren Standpunkt an der 
Seite joner großen deutschen Denker. Wir betonen hier nur noch- 
mals aufs Entschiedenste die im ersten Teile dieses Buches nach- 
gewiesene logische und psychologisch -e mpirischo Geltung 
dieser und niler folgenden Deduktionen. In dieser Hinsicht sind wir 
völlig einig mit dem psychologischen Empirismus. Es besteht hier 
sogar eine enge Verständigungsmöglichkeit; die grundsätzlichen 
Gegensätze werden praktisch recht wesenlos: so nahe können «ich 



») Neue Kritik der Vernunft. Bd. II. 



128 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

methodisch und sachlich die Forschungsrichtungen kommen. Marty 
z. B. stellt (Unters, z. allg. Grammat. u. Sprachphilosophie, Halle 
1908, S. 434ff.) die in der Brentanoschule gültigen Lehren über 
Begriffsbildung auf, und da finden sich auch die »reflexiven« Be- 
griffe, die ihrer theoretischen Stellung nach den Kategorien der 
kantischen Lehre überaus nahe kommen. Sie entstehen durch Re- 
flexion auf den »Urteilsinhalt« Martys; ihre »Leitbegriffe« sind 
Begriffe einer Klasse von Formen der Beziehung auf Gegenstände, 
die reflexioneil bewußt werden; sie erwachsen aus Abstraktionsakten 
von diesen reflexionellen Beziehungen. Wo Marty nun von der 
Geltung und Evidenz von Urteilen handelt, führt er aus: welche 
Formen des Urteils diese Evidenz enthalten, müßte durch Unter- 
suchung der auf den Urteilsinhalt reflexen Leitbegriffe festgestellt 
werden. Es müsse soviel Modi evidenter Urteile geben, wie leitende 
Reflexionsbegriffe. Und die Analyse dieser Begriffe erfolgt denn 
auch tatsächlich an der Hand der Urteilsformen. 

Also ein dem kantischen transzendentalen Leitfaden und der 
Kategorienlehre ganz entsprechend durchgebildetes Verfahren, und 
zwar auf rein empirischem und logischem Boden! Es zeigt eben, 
daß der Charakter der kantischen Kritik tatsächlich ein empi- 
rischer ist. Die Kategorienlehre läßt sich also nicht von vornherein 
als überempirische Doktrin aus der Forschung ausschalten. 

Ähnliche Gedankengänge finden sich auch bei Hugo Bergmann 
(Logos V, S. 79ff.), der im Wege bloßer Empirie zu den kategorialen 
Formen und zu dem völlig kantischen Schlüsse gelangt: »es muß 
eine Reflexion auf unsere psychische Tätigkeit, auf die nicht 
direkt durch das vorstellungsmäßig Gegebene bedingte Stellung- 
nahme eintreten, wir müssen gewissermaßen unsere Seele belauschen, 
wie sie zwischen sich und der Objektivität der Gegenstände Ver- 
bindungen herstellt, um die sogenannten kategorischen Begriffe zu 
gewinnen. « 

Die Anwendung der Kategorien in der Psychologie. 

Aber weder Kant noch Fries, welche die Anwendung der Kate- 
gorien auf das raumzeitliche Geschehen zwecks Grundlegung der 
mathematisch-physischen Naturwissenschaft systematisch durch- 
geführt haben 1), haben einen vollständigen Gebrauch von diesen 
Kategorien in der Psychologie entwickelt. Diese von uns nach- 
zuholende Entwicklung muß sich im Geiste ihrer Lehre in völlig 
analoger Weise dazu vollziehen lassen, wie dies für die äußere Natur 
durchgeführt worden ist. Wir wollen diese Entwicklung im An- 
schluß an ihren Schüler Schmid^) hier kurz andeuten. Die Kate- 



1) Kant, Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft. 1786. 
Fries, Mathematische Naturphilosophie nach philosophischer Methode. Heidel- 
berg 1822. 

2) a. a. 0., besonders zum Folgenden S. llOff. 



AUgomclnc Clrundlcgiing der WiBBcnachaftsthcorir de» IVyehiuchen luni-. 129 

goricn, als »Stamm begriffe des reinen \'erstandes «, werden dadurch 
zu Gesetzen der Natur, daß sie auf anschauliche Gegenstände an- 
gewendet werden. Denn für sich sind sie leere Formen; Gesetze 
können sie erst werden, wenn sie auf Gegenstände angewendet werden, 
die den Gesetzen unterworfen werden sollen, wenn also anschauliche 
Bestimmungen der Gegenstände als »Subjekte zugrunde gelegt werden, 
zu denen sie als Prädikate hinzutreten. Denn in bloßen Begriffen 
wird nichts erkannt, Erkenntnis entsteht erst, wenn der Begriff durch 
Verbindung mit einem Subjekt in ein Urteil als Prädikat hinein- 
tritt. Dies muß auch iUckcrt entgegengehalten werden, welcher 
das Ziel der Naturerkenntnis in ilelationslwgriffen sucht'). Es läßt 
sich nun tatsächlich konstatieren, daß bei jedem physikalischen oder 
naturwissenschaftlichen Urteil eine Kategorie zur Anwendung auf 
anschauliches Material gelangt, wenn auch nur in sehr entfernter 
Ableitung. Nun suchen wir hier die allgemeinen und notwendigen 
Gesetze für alle Naturerkenntnis überhaupt. Die anschaulichen Be- 
stimmungen, welche als Subjekte dieser Urteile mit den Kategorien 
verbunden werden, müssen daher selbst für alle Naturerkenntnis 
allgemein und notwendig gelten. Nun gibt es aber, wie Kants 
transzendentale Ästhetik nachgewiesen hat, für unsere anschauliche 
Erkenntnis keine anderen allgemeinen und notwendigen Bestim- 
mungen als die der reinen Anschauung. Alle empirischen Bestim- 
mungen der Anschauung müssen ausfallen; sie sind nicht allgemein 
und nur zufällig. Prädikate zu allgemeinen und notwendigen Ge- 
setzen der Natur können also die Kategorien nur werden, wenn sie 
mit den Bestimmungen der Dinge durch die rein anschaulichen 
Formen von Raum und Zeit zu Urteilen verbunden werden. Die 
80 gebildeten Naturgesetze sind ganz aus apriorischen Bestimnningen 
dieser Erkenntnis zusammengesetzt; sie gelten folglich selbst a 
priori und sind synthetische Urteile aus Begriffen; sie sind also die 
rein wissenscliaftstheoretischen Grundlagen aller Naturwissenschaft. 
Kant hat dieses transzendentale Schema der Anwendung der Kate- 
gorien klar entwickelt 2). 



*) Grenzen iiatiirwisscnscliaftlichcr Begriffsbildung. 1902. S. GTff., 75 ff. 
Vgl. hierzu dies IJueh S. 198. 

*) Einstein hat an allen herrschenden Bestimmunpen de.s Raum- und Zeit- 
bejjriffes eine bis an die prinzipiellen Kundainente hinabgehende außerordentliche 
und revolutionierende Kritik geübt (Über «lie si)e7.ielle und die allpenieine Reln- 
tivitätatheorie. ßraunschweig. .'{. Aufl. 1918. Vgl. auch Freundlich. Die Grund- 
lagen der Einsteinschen Gravitationstheorie. Berlin 1917. und Schlick, Raum 
und Zeit in der gegenwärtigen Physik. Berlin 1917). Dieses .'scharfsinnigste Gedan- 
kenwerk der letzten .Jahrzehnte läßt sieh nicht in Anmerkungen »diskutieren« 
oder »erledigen«. Auch steht mir ein geniigendis Urteil über die behandelte Frage 
nicht zu. Hiermit ist denn Kants transzendentale Ästhetik und die durch sie 
verbürgte Xewtonsche Physik hinsichtlich ihrer (Geltung zu einer bloßen B«.>- 
kcnntnis- oder (<laulx<ns8ache geworden. Wenn sich für das physikalische G«»- 
Bchehen die Verluiltnis.se der räumlichen Anoninung und zeitlichen .Abfolge nicht 
eindeutig bestimmen las-st'n, so können diese keine unmittelbaren Ik-stinnnungon 
des Naturgeschchens sein. Raum- und ZcitbestimmungcD crbUten dann den 

Krunft'ld, rüyrhUtrUcho Erkcnntnli. 9 



130 Über die wissenschaftstheoretiechen Grundlagen der Psychologie usw. 

Die Temporalität als kategoriales Schema. 

Hiermit sind wir zu dem Punkte gelangt, von wo aus sich die 
verschiedenen Gebiete der Natur ihrer wissenschaftstheoretischen 
Grundlage nach unterscheiden lassen müssen. Rein anschauliche 
Bestimmungen aller möglichen Gegenstände der Erfahrung sind 
nämlich nur die der Zeit. Der Raum gilt nur als anschauliche Be- 
stimmung für die äußere Wahrnehmung; der Bestimmung der Zeit 
hingegen ist jede Anschauung ohne Ausnahme unterworfen, Gesetze 
für die Natur überhaupt lassen sich also nur aus der Verbindung 
der Kategorien mit den reinen Zeitbestimmungen bilden. Neben 
den allgemeinen Zeitbestimmungen können wissenschaftstheoretisch 
bedeutsam nur noch die räumlichen Bestimmungen für alles äußere 
Naturerkennen sein. So trennt sich also ein System wissenschafts- 
theoretischer Grundgesetze für die äußere Natur, die Körperwelt, 
von denen des seelischen Lebens, welches keinen anderen anschau- 
lichen Bestimmungen unterworfen ist, als denen der Zeit. Und da- 
mit ist uns die Stelle angewiesen, von der aus wir eine Wissenschafts- 
lehre der inneren Natur zu entwickeln haben. Das raumzeitliche 
Greschehen ist anderen anschaulichen Bedingungen unterworfen als 
das nichträumliche Geschehen, welches wir psychisch nennen. Wir 
nennen die Funktion des Erfahrenkönnens auf diesem Gebiet im 



Charakter von bloßen Hilfsgrößen zur Darstellung von physikalischen Zusammen- 
hängen. Der Unterscheidung des Kinematischen vom Dynamischen wird die 
prinzipielle Bedeutung genommen, und das Kausalgesetz verliert seinen ursprürg- 
lichen Sinn, wenngleich es formal seine Bedeutung behält. Der Erkenntniskritiker 
wird sich fragen, welche neue Erkenntnis denn vorliegt, auf Grund deren eine 
derartige prinzipielle Umwälzung sich mit Recht statuieren dürfe. Der Nachweis, 
daß das Zeitverhältnis nicht ohne weiteres physikalisch bestimmbar sei, und daß 
daher die Feststellung zeitlicher Beziehungen als gleichzeitig, früher und später 
ihren Sinn verliere, scheint einen derartigen Umsturz nicht zu involvieren. Bernays 
(Über die Bedenklichkeiten der neueren Relativitätstheorie. Göttingen 1914. 
S. 18 ff.) weist darauf hin, daß aus der Unmöglichkeit einer Bestimmung zeitlicher 
Beziehungen nicht auf die Unmöglichkeit dieser zeitlichen Beziehungen selber 
geschlossen werden dürfte. Dieser Schluß, den das Relativitätstheorem zieht, ent- 
springt aus einer irrtümlichen Gleichsetzung eines Kriteriums für die Anwendbar- 
keit eines Begriffes mit seiner Definition. Der Begriff der Gleichzeitigkeit erhält 
seinen Inhalt nicht erst durch die Möglichkeit der Bestimmung seines Vorliegens 
in der Erfahrung. Das Problem dieser Bestimmung hätte gar nicht entstehen 
können, wenn der Begriff nicht bereits vorher vorhanden gewesen wäre. Ähnlich 
liegen nach Bernays die Dinge auch hinsichtlich der Unmöglichkeit absoluter 
Lagebestimmungen im Raum und des daraus gezogenen Schlusses, es habe keinen 
Sinn, von zwei zu verschiedenen Zeiten stattfindenden Ereignissen zu sagen, daß 
sie an demselben Orte oder daß sie an verschiedenen Orten geschehen. Der hier 
vorliegende Analogieschluß zwischen Zeitlichem und Räumlichem ist nach Bernays 
logisch unerlaubt. »Während der zeitlichen Aufeinanderfolge der Zustände dy- 
namisch deren kausaler Zusammenhang entspricht, gibt es für die räumliche Neben- 
ordnung der Ereignisreihen keine zugehörige physikalisch reale Verknüpfung. 
Denn dasjenige, was einer räumlichen Nebenordnung physikalisch korrespondiert, 
nämHch die Gesamtheit der Wechselwirkungskräfte, durch welche in einem Augen- 
bhck die Art der materiellen Erfüllung des Raumes gekennzeichnet ist, entspricht 
nicht der Nebenordnung der Ereignisreihen, sondern der Nebenordnung der 



Allgemeine Grundlegung der WisuenuchaftBtheone den Puythiüchen u«w. 131 

Anschluß IUI Kant innere Anschauung oder inneren Sinn, 
und überlassen die Ilechlfertigung dieses Erfahrenkörwiens als be- 
sonderer psychischer Funktion gegen die zahlreichen Angriffe hier- 
wider späteren besonderen Untersuchungen, die zur Phänomeno- 
logie des Psychischen gehören»). Hier genügt es uns, aus den 
besonderen Bedingungen des so umschriebenen Gebiets möglicher Er- 
fuhrung in reiner Temporalitüt lx*sondere wissjenschaflstheoretisehe 
Gesetze als apriorische Bestimmungen der Möglichkeit dieser Er- 
fahrung abzuleiten. 

Hieraus ableitbare Kriterien des Psychischen. 

Wir haben, um dies hier einzuschalten, mit diesen Feststellungen 
bereits einige Merknuile des Psychischen überhaupt als konstitutiv 
und notwendig entwickelt. Diese Merkmale sind bereits für eine» 
Definition des Psychischen hinreichend. Es sind dies die reina 
Temporalität seines Geschehens und die — noch näher zu beschrei- 
bende und zu begründende — besondere Weise des Erfahrenkönnens, 
dies«, innere Anschauung. Die Notwendigkeit beider Merkmale haben 
wir durch die Aufzeigung des Ortes nachgewiesen, in dem sie erkennt-f 
niskritisch ihren Ursprung haben. Brentano benutzt zur Definition. 

Massenpunkte. Demnach bildet von den beiden Darstellungen der physikalischeni 
Wirklichkeit, einerseits durch eine kontinuierliche Aufeinanderfolge von momen- 
tanen Zuständen, andererseits durch ein Kontinuum von räumlich ausgedehnten 
Kreignisroihcn, nur die erste den Ausdruck für eine der physikalischen Natur ob- 
jektiv zukommende Beschaffenheit; und es ist einfach der mathematische Aus- 
druck für diese Tatsache, daß nur die erste der beiden Darstellungsweisen unab- 
hängig i^t von der Wahl eines Bezugsystems; daß also zwar das Verhältnis der 
Qleichzeitigkeit, nicht aber das der ürtsgleichheit zweier Ereignisse invariant ist 
gegenüber den Transformationen, welche die Beziehung zwischen physikalisch 
gleichberechtit;ten Koordinatensystemen vermitteln. « 

Diese einfachen Erwägungen werden wiedergegeben, nicht etwa in dem 
Glauben, daß damit in der Erörterung des Relativitätstheorems irgend etwas 
Definitives gesagt sei, sondern zur Rechtfertigung des Standpunktes, daß der 
philosophische Erkenntniskritiker keinen tJnind habe, sich durch die glänzenden 
physikalischen und astronomischen Erklänmgsmögliehkeiten der Relativitäts- 
theorie in seinem grundsätzlichen Standpunkt vorschnell beirren zu lassen. So weit 
wir es von uns weisen, der mathematischen l'hysik in ihr Geschäft hineinzureden, 
so geboten erscheint es, sich auch durch ihre bestechendsten Argumente, sofern 
sie nicht der gleichen modalischen Quelle entstammen wie die eigenen prinzipiellen 
Feststellungen, nicht widerstandslos zur Mitwirkung an der Zertrümmerung ihrer 
Errungenschjiften fortreißen zu lassen und eine sj-stenuitische und immanente 
Widerlegung in Ruhe zu erwarten. So rechtffrticen wir subjektiv unser Festhaltfn 
an der transzendentalen Ästhetik und Analj'tik Kants auch wider diesen 8tärkst*'n 
Ansturm, di-m sie sich ausgesetzt sah. Gegen alle übrigen möglichen Einwendunp-n 
aber hat diese Lehre Kants es nicht schwer gehabt, sieh siegreich zu behaupten. 
Hierüber vgl. »Bemerkungen über die Nicht- Euklidische Geometrie und den 
Urspmng der mathematischen Gewißheit« von Nelson, Abhandl. d. Friesschen 
Schule. Bd. I. \9(M\. S. 37;Uf., 39;Hf. Ferner, von einem keineswegs Friesschen 
Standpunkte aus, Victor Henry, »Das erkenntnistheoretische Raumproblem in 
seinem gegenwärtigen Stande«. Kantstudien, Erg.-Heft 34. Berlin 1915. 

») Vgl. dieses Buch S. 369 ff. 

9* 



132 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

des Psychischen ebenfalls diese beiden Merkmale, fügt ihnen aber 
noch andere hinzu. Von diesen anderen werden wir später zu handeln 
haben, i) 

Das reine Selbstbewußtsein als kategoriales Schema. 

Damit aber, daß wir etwas nur in der Zeit erkennen, erhält es 
noch nicht positive Merkmale des Psychischen. Es tritt zur Tem- 
poralität noch eine andere Form hinzu, durch welche die nichträum- 
lichen Abläufe erst positiv als psychische bestimmt werden: Diese 
Form besteht nicht in der Anschauung, sondern im Denken und 
läßt sich umschreiben als die reine Form der Ichvorstellung. 
In der Tat liegt formal das »Ich bin«, ohne zu bestimmen was ich 
bin, allem inneren Wahrnehmen zugrunde, in völlig analoger Weise 
wie die Form des Raumes, ohne zu bestimmen was der Raum ent- 
hält, den äußeren Wahrnehmungen zugrunde liegt^). Durch diese 
Form des »Ich bin« wird ein Gegenstand als psychisch erkannt. 
Psychisch ist, was dem Ich gehört. Diese aller inneren Selbster- 
kenntnis zugrundeliegende Ich-Form nennen wir mit Kant das 
reine Selbstbewußtsein, und trennen davon ihre inhaltlichen 
Modifikationen, welche den Gegenstand innerer Wahrnehmung 
bilden, als empirisches Selbstbewußtsein ab. Also : allem empirischen 
Selbstbewußtsein liegt ein reines Selbstbewußtsein zugrunde, worin 
wir uns selbst als identisches Subjekt aller inneren Wahrnehmung 
vorstellen. Abstrahieren wir von allem empirischen Gehalt seelischer 
Vorgänge, so bleibt uns als reine Form dieses Gehalts die Vorstellung 
von einem Ich, welches als identisches Subjekt von ihnen allen exi- 
stiert. Die Form für alle psychologischen Erkenntnisse ist hiermit 
gefunden; diese Form des reinen Selbstbewußtseins ist ursprünglich, 
sie ist die Bedingung der Möglichkeit psychologischer Erfahrung; 
sie gilt a priori. 

Allein wenn wir nun durch Verbindung dieser apriorischen Form 
des reinen Selbstbewußtseins mit den Kategorien die Wissenschafts- 
lehre des Psychischen bilden wollen, so tritt uns die Schwierigkeit 
entgegen, daß wir in ihr keine anschauliche Form haben, sondern 
daß wir das reine Ich nur hinzu denken. Als eine bloß gedachte 
Form aber gibt sie uns eigentlich nicht Gegenstände der Erfahrung, 



1) Brentano (Psychologie vom empirischen Standpunkte. 1874. S. 101 ff., 
126 ff.) nennt außer den beiden hier deduzierten Merkmalen noch das ihrer realen 
Existenz im Gegensatz zum Phänomenalismus räumlicher Erfahrung. Ferner 
definiert er Psychisches dadurch, daß es entweder auf Vorstellungen beruhe oder 
Vorstellung sei. Hierzu ausführlich im 2. Bande, Endlich macht er den Ein- 
heitscharakter und damit die intentionale Inexistenz zum Definitionsmerkmal. 
Hierüber S. 139, 148 dieses Buches. 

2) Man wird uns hoffentlich nicht im Verdachte haben, als glaubten wir mit 
dieser allgemein gehaltenen Bestimmung eine Psychologie des Ich zu geben oder 
auch nur etwas darüber zu prä judizieren. Davon wird an späterer Stelle (Bd. 2) 
noch die Rede sein. 



Allgemeine Grundlegung der WioseniJchuflhtljeorif di*« PHychi»chen uhw. 133 

worauf die Kategorien anwendbar wären. Wir halxjn darin immer 
nur ein (Jedachlcs, nicht ein Wirkliclie.s und CJegenwärliges. Wir 
müssen also die Mangelliaftigkeit der bloßen Zeitbestimmungen, die 
ihrerseits zum Ansatz der Kategorien allein auch nicht voll aus- 
reichen, durch die Form des reinen Selbstbewußtseins reflexionell 
ergänzen. »So können wir mittelbar durch üenkakte eine voll- 
ständige Entwicklung der Kategorien zustande bringen. Sie werden 
dann niciit mehr unmittelbar und konstitutiv anwendbar .sein, wohl 
aber als regulative Prinzipien ihren Wert behalten. Denn wenn auch 
das bloße Denken für sich gar nichts wirkliches enthält, so ist es doch 
andererseits dieselbe Realität, welche in der Zeit als Wirkliches 
ersclieint, und welche in die gedachte Form des reinen Selbstbewußt- 
seins fällt. Mithin wird auch durch diese gedachte Form ein Gegen- 
stand der Natur bestimmt; und sie reicht daher zur mittelbaren 
Bildung von Gesetzen über diese Gegenstände zu. 

Ableitungen aus dem Moment der Qualität. 

Aus dem Kantischen Moment der Qualität ergeben sich für 
das Psychische folgende kategorialen Anwendungen: Qualitäten 
werden anschaulich erkannt. Mit Allgemeingültigkeit und Not- 
wendigkeit können nach Kant nur die Begriffe ausgesagt werden, 
durcli wclclie jede Qualität a priori bestimmt wird. Denken wir uns 
aus einer jeden Qualität allen empirischen anschaulichen Gehalt fort, 
abstraliiercn wir ganz davon, wie wir die Objekte anschauen, so 
bleibt uns außer der Vorstellung der Qualität selber nur der Begriff 
von Realität. Ich muß notwendig von, jeder wahrgenommenen 
Qualität denken, daß sie existiert, Realität hat. Das bloße Wie einer 
Existenz, die bloßen Eigenschaften lassen sich, für die Erkenntnis 
(nicht etwa für problematische Vorstellungen), gar nicht denken, 
ohne auch die Existenz selbst der Objekte, denen die Qualitäten zu- 
kommen, zu denken. 

Mit dieser Feststellung bestätigt sich ein weiteres Kriterium 
des Psychischen, wie es Brentano aufgestellt hat. Zugleich ist sie 
eine grundsätzliche Widerlegung der reinen eidetischen Wesens- 
schau Husserls, welche versucht, bei ihrem Geschäft von der Exi- 
stenz zu abstrahieren. Hierüber werden wir noch in der Phäno- 
menologie handeln. 

Nun enthält jede wahrgenommene Qualität den Begriff der Rea- 
lität in besonderer empirischer Bestimmung. A priori ist die Realität 
nur rein-anscha\ilich bestimmbar. Als solche liest imnumg des Psy- 
chischen hatten wir bereits die Zeitlichkeit. Ferner bestimmt sich 
die Realität des Psychischen a priori noch durch die gedachte Form 
des reinen Selbst In'wußtseins. Jede psychische Erscheinung erfüllt 
diese Form des »Ich bin« durch eine Qualität, durch ein Wie des 
Daseins. Aber die Qualitäten existieren real nur dadurch, daß sie 
diese Form des Ich erfüllen, daß sie als seine Eigenschaften oder 



134 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

Tätigkeiten gedacht werden. Nun erkennen wir das reine Ich un- 
mittelbar, als Naturrealität, nur in seinem wechselnden zeitlichen 
Erscheinungen, zu denen es erst als ihr Subjekt hinzugedacht wird. 
In ihm selber erkenne ich unmittelbar gar keine Naturwirklichkeit, 
weil es keine anschauliche Form ist, in welcher etwas Wirkliches er- 
scheinen könnte. In der Psychologie also erkenne ich gar nicht das 
Ich an sich, sondern nur seine Tätigkeiten oder Funktionen, weil nur 
diese anschaulich bestimmt sind. Diese Qualitäten des Ich sind nun 
aber nicht, wie die physikalischen Qualitäten, auflöslich, d. h. objektiv 
auf quantitative Verhältnisse reduzierbar. Sie werden unmittelbar 
vom Ich ausgesagt, ohne daß sich etwas weiteres über ihre objektive 
Bedeutung bestimmen ließe. D. h. für die Psychologie besteht die 
Forderung, in der Beschreibung alles Zuständlichen auf diese unauf- 
löslichen Qualitäten abstraktiv zurückzugehen. Diese werden als- 
dann auf das Ich als ihr Subjekt als Eigenschaften und Funktionen 
bezogen, so daß das Ich als ihr inneres Prinzip erkannt wird. Hier- 
mit liegen zwei Aufgaben als wissenschaftstheoretisch (in unserem 
Sinne) gefordert fest: die Phänomenologie — welche den ersten 
Teil, die Reduktion psychischer Phänomene auf ihre unauflöslichen 
Qualitäten zum Gegenstande hat, und die Funktionspsychologie 
oder Aktpsychologie, welche der zweiten Aufgabe genügt, diese 
Qualitäten ihrer Realität nach aus dem Ich als ihrem inneren Prinzip 
als dessen Tätigkeiten und Äußerungs weisen zu bestimmen. Beide 
Teilgebiete der Psychologie haben also hier ihren grundlegenden Ort 
in der Systematik des Wissenschaftsganzen. Dies sei hier nur an- 
gedeutet. 

Ableitungen aus dem Moment der Quantität. 

Aus dem Kantischen Moment der Quantität folgt folgendes. 
Eine Vielheit gleichartiger Dinge wird durch das Moment der Quan- 
tität zu einer Einheit bestimmt. Für das Psychische findet die Viel- 
fältigkeit der Phänomene ihre Gleichartigkeit durch die gleichen 
apriorischen Bedingungen ihrer Erkenntnis, also durch die reinen 
Formen der Zeit und des Ichbewußtseins. Abstrahieren wir nämlich 
von allen verschiedenen Qualitäten, so bleibt für alle das gleich- 
artige Erleben einer Qualität überhaupt zurück. Indem wir für dies 
Erleben einen gewissen Grad des Bewußtseins i) einer jeden solchen 
Qualität erteilt denken können, ist damit die Möglichkeit einer 
quantitativen Bestimmung des Psychischen gegeben. Freilich 
ist diese quantitative Bestimmung eine völlig andere als die in der 
materiellen Natur. Die Möglichkeit zeitlicher Größenbestimmungen 
ist für beide Erfahrungsgebiete a priori in analoger Weise gegeben. 
Während aber das materielle Geschehen durch die Form seiner Räum- 



1) Natürlich ist dieser Gedanke streng durchführbar erst auf Grund einer 
entsprechenden theoretischen Bestimmung des Bewußtseinsbegriffes. Diese er- 
folgt in der Phänomenologie und im 2. Bande. 



Allgemeine Grundlegung der Wisaenflchaftstheorie den Psychischen usw. 135 

lichkcit und das Nebonoinander .seiner Teile eine extensive Größon- 
beatiminung und damit mathematische konstruierbare Formulierung 
dieser Bestimmung ermöglicht, also eine mathematische Naturwissen- 
schaft notwendig macht, trifft die Extensität der Größenbestimmung 
im Psychis(;hen nur für die Zeitlichkeit des Ablaufen« zu. Im Psy- 
chischen tritt jedoch an die iStello der Raumform die Form des reinen 
.Selbstbewußtseins. In ihm sind die Qualitäten intensiv verbunden: 
«Mn extensives Nebeneinander fällt fort. »Ich kann nicht sagen, 
eine Tätigkeit erfüllt einen Teil des Ich, wie der Körper einen Teil 
des Raumes erfüllt; ebensowenig kaim ich sagen, daß das Ich aus 
seinen Tätigkeiten oder aus den Zeitteilen seiner Tätigkeiten zu- 
sammengesetzt sei« (letzteres muß auch Bergson hinsichtlich seiner 
Konstruktionen in »Zeit und Freiheit« entgegengehalten werden), 
»wie der Körper aus seinen Teilen zusammengesetzt ist; sondern zu 
jeder Tätigkeit wird das ganze Ich als Subjekt hinzugedacht, und das 
Ich ist dieses Subjekt auf gleiche Weise in jedem Zeitpunkt der Tätig- 
keit.«*) Das Psychische und seine unauflöslichen Qualitäten kann also 
nicht mathematisch quantifiziert werden. Das Moment der Größen- 
bestimmung kann sich lediglich auf die Qualitäten selber beziehen. 
Diese sind von intensiver Größenordnung und nach Graden meßbar. 
Die Bestimmung des Psychischen als bloß intensiver Größe 
schließt zunächst die Teilbarkeit aus. Das Ich ist also mit Not- 
wendigkeit unteilbar eine Einheit und Einzelheit, eine Individualität; 
es wird nicht erst durch Zusammensetzung aus seinen Funktionen 
gebildet, sondern ist deren Subjektseinheit. Auch dies: den Indivi- 
dualitätscharakter des Ich mit wissenschaftlicher Notwendigkeit 
einsichtig zu machen, ist ein Gewinn der Theoretik. Durch die Be- 
schränkung der inneren Natur auf intensive Größe entzieht sie sich 
ferner größtenteils der mathematischen Behandlung. Lediglich das 
Gesetz der Stetigkeit, welches besagt, daß Qualitäten hinsichtlich 
ihrer Intensität stetig abstufbar sind, ist auch im Psychischen an- 
wendbar. Aber aus ihm folgt noch keineswegs ein Gesetz, wonach 
die Größe irgendeines psychischen Gegebenen an sich bestimmbar 
wäre. Intensive Größen können nur vergleichsweise an extensiven 
Maßstäben gemessen werden. Für die psychischen Intensitäten 
bieten sich zu dieser Messung Zeitbestimmungen und physische 
Maßstäbe räumliclier Art an. Was den Zeitmaßstab anlangt, so 
beruht auf seiner Anwendung ein großer Teil aller experimentellen 
Verfahren. Was den räumlichen, physischen Maßstab anlangt, so ist 
eine notwendige, gesetzmäßige Verbindung physischer Veränderungen 
mit psychischen Intensitätsveränderungen, so daß die erstere zum Maß 
der letzteren werden können, die Voraussetzung seiner Anwendbarkeit. 
Hierzu wäre also eine Klärung des psychophysischen Verhält nLsse.s 
in seinen Grundlagen erforderlich, ein Problem, dessen Umfang den 
Rahmen der eigentlichen psychologischen Theorie überschreitet. 



») Schmid. a. a. O. S. 126. 



136 Über die wissenschaftstheoretisclien Grundlagen der Psychologie usw. 

3. Das Problem der Substantialität des Seelischen. 

Sonderstellung der Relationskategorien. 

Kants Kategorien aus dem Moment der Relation, Substanz, 
Kausalität und Wechselwirkung, sind die für die Ausbildung der 
Naturwissenschaft weitaus bedeutsamsten. Über die Realität und 
die mathematische Zusammensetzung derselben hinausgehend, be- 
stimmen die aus ihnen gewonnenen Grundsätze die Formen der 
notwendigen Verknüpfung der Existenz der Dinge, und in dieser 
Bestimmung liegen die eigentlichen Gesetze der Naturnotwendigkeit 
beschlossen. Kant trennte daher die aus diesen Relationskategorien 
sich ergebenden Grundsätze als dynamische von den übrigen ab. 
Indem sie zeigen, wie die Existenz der Eigenschaften notwendig 
verknüpft ist mit der des Wesens (des inneren Prinzips der Möglich- 
keit des Objekts), die der Wirkungen mit ihren Ursachen und die 
der Realitäten untereinander durch Wechselwirkung, 
stellen sie Natur als ein unter notwendige Gesetze gestelltes System 
dar. Es wird also auch für eine Wissenschaftslehre des Psychischen 
entscheidend sein, inwieweit die Relationskategorien eine Anwendung 
hier zulassen. 

Voraussetzung dieser Anwendung ist, daß die durch die Relations- 
kategorien zu bestimmenden Gegenstände ihrer Existenz nach bereits 
anschaulich bestimmt sind. Für das Psychische ist die Anschauung 
die zeitliche Ordnung. Durch die Relationskategorien soll also die 
zeitliche Ordnung des Psychischen gemäß der inneren Verknüpfung 
des in ihm Existierenden und Geschehenden bestimmt werden. Die 
drei möglichen zeitlichen Ordnungsverhältnisse sind: Beharrlichkeit 
in der Zeit, Veränderung in der Zeit, Zugleichsein. Diese Verhält- 
nisse bilden die reinen Schemata für die Relationskategorien. 

Die Kategorie der Substanz und der Begriff Seele. 

Die Beharrlichkeit in der Zeit ist das Schema für die Kategorie 
derSubstanz: Substantiell ist, was in der Zeit dauert. Veränderung 
ist die reine Zeitbestimmung für die Kausalkategorie: Ursache ist 
der Grund einer Veränderung in der Zeit. Zugleichsein ist das Schema 
für die Wechselwirkung. Nun ist das Beharrende in der Zeit im 
Psychischen lediglich das reine Selbstbewußtsein; und dieses finden 
wir nicht etwa anschaulich in der psychischen Materie vor, wir müssen 
es nur mit Notwendigkeit als das identische Subjekt zu dem steten 
Wechsel seelischer Abläufe hinzudenken. Anschaulich in der Zeit 
erscheint uns nur dieser stetige Wechsel. Der allgemeine Sprach- 
gebrauch bezeichnet dieses notwendig hinzuzudenkende Beharrliche, 
dem aller anschauliche Wechsel des Psychischen als Eigenschaften 
oder Äußerungen zugeschrieben wird, mit dem Worte Seele; Seele 
ist das Ich, insofern es zur Erscheinung wird, insofern es 



Daa Problem der Substantialit&t de« fcjcolisehen- 137 

durch seine Zuständo Gegenstand der Erfahrung und somit der Natur 
wird. Diese iSeclu nun erscheint uns gar nicht selbst anschaulich; 
wir erkennen sie also gar niciit unter der Kategorie der »Substanz; 
nur ihre Tätigkeiten haben unmittelbar ansciiauliche Realität; die 
Seele denken wir nur, durch den Begriff der Substanz genötigt, ab 
Subjekt hinzu. Der Begriff der Substanz im Psychi.schen gilt alao 
niclit unmittelbar für die Natur, da es keinen unmittelbaren Gegen- 
Btund in der Anschauung für ihn gibt. Er entsteht nur denkend und 
kann seine (Jültigkcit nur für eine übernatürliche, ideale Weltansicht 
beanspruchen. In der Naturwissenaciiaft hat er keine Stelle. Des- 
halb ist aller Spiritualismus, welcher seelische Äußerungen aus einem 
substantiellen Seelenbegriff abzuleiten unternimmt, dem Wesen 
naturwissensciiaft lieber Forschung widerstreitend. 

Dies iiindcrt jedoch nicht, den Substanzbegriff im Psychischen 
als ein regulatives Prinzip, um mit Kant zu sprechen, anzuwenden»). 
Das Bleibende, Beharrliche, welches hinter den wechselnden Tätig- 
keiten des Psychischen hiernach anzusetzen ist, ist eine dauernde 
Form, ein dauerndes Gesetz dieser Tätigkeit, und dieses Gesetz ist 
das Wesen der Seele, wie es in der Natur erscheint. Naturwissen- 
scliaftlich läßt sich dieser Scelenbcgriff als der einer gesetzmäßigen 
Form und Einheit von Tätigkeiten nicht treffender vergleiciien, als 
mit dem Begriff eines Organismus in der äußeren Natur. Jeder 
Organismus ist, wie auch Schmid^) schon durchführt, eine solche 
Form von Veränderungen, in deren materialem Wechsel sie selber ab 
Form und Einheit die gleiche bleibt. So ist es auch im Psychischen; 
und nur dadurch behalten wir in allem materialen Wechsel des Psy- 
chischen den einen Gegenstand für die Naturerkenntnis, daß wir die 
eine Form und das eine Gesetz dieses Wechseins als sein identisches 
Subjekt festhalten und seelisch nennen. Diese Seele ist jedoch keines- 
wegs ein selbständiges Wesen für die Naturerkenntnis: Form ist 
immer nur etwas an einer Realität; niemals selbst Wesen. Für die 



1) Man hat es sich neuerdings ■ — und Wundt ist daran besonders schuld — 
leicht gemacht, derartige Unternehmungen in der naturwissenschaftlichen, d. i. em- 
piristischen Seelcnatoniistik, die sich für Psychologie ausgibt, mit dem Schlag- 
wortc »dogmatischer« Deduktionen abzutun. Alle Welt weiß es besser als Kant ! 
Und man vergißt, daß von diesem angebUch iibenvundenen »Dogmatiker« das 
Wort stammt: »Wer einmal Kritik gekostet, den ekelt auf ewig alles dogmatische 
Gewäsche an. « Den Naturforscher bitten wir gerade an dieser Stelle um vorurteils- 
lo.ses Mitdenken. Dogmatisch sind nicht derartige Deduktionen; dogmatisch ist 
vielmelir das Verfahren der herrschenden psychologischen Theoretiker von Wundt 
an bis auf Xatorp und Münsterberg, den Seelenbegriff als ein »primitivea 
D«>gma« aus der Psychologie auszuschalten — und dann das P!*ychische irgendwie, 
sei i-s direkt oder indirekt, durch das Bewußtsein zu definieren, d. h. alst), anstatt 
in ihm n)ir einen reeUen phänomenalen Krlebnisbestandt«il zu sehen, das Wesen 
des l'syehischen in ihm zu gründen. So wird das Bewußtsein unmerklich zu einem 
neuen Terminus für den verjagten Seelenbegriff, mit dem einzigen Unterschied, 
daß daihmh schwere Fehler gegen tlie Thet)rie wie gegen die Tatsachen — z. B. die 
Tatsachen des unbewiißten Sei-lischen — gezeitigt w<rden. zu denen der alte Seelen- 
begriff, den wir hier wieder aufnehmen, keinen Anlaß bietet, 

2) a. a. 0. S. 143. 



138 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

Naturwissenschaft besteht daher auch kein Unsterblichkeitsproblem 
für diesen Begriff von Seele: vielmehr ist ihre Existenz, definiert 
als beharrliche Form aller psychischen Äußerungsweisen, durchaus 
nur an ihre zeitliche Erscheinung geknüpft und eben durch diese 
an ihre Existenz in einem körperlichen Organismus. Aufgabe wissen- 
schaftlicher Psychologie ist es, alle psychischen Tätigkeiten aus der 
Form oder dem Gesetz derselben zu erklären, denn diese ist der Be- 
griff von Seele als einem Objekt der Naturwissenschaft. 

Tätigkeit als Wesensmerkmal des Seelischen. 

Läßt sich nun diese Form und dieses Gesetz mit theoretischer 
Notwendigkeit auch noch positiv bestimmen? Die positive Be- 
stimmung von Substantiellem erfolgt nicht bloß durch die Existenz, 
sondern auch durch die Art der Existenz. Denn Substanz ist nicht 
bloß Realität, sondern eine durch Eigenschaften, Akzidenzen be- 
stimmte Realität; Wesen und Eigenschaft sind notwendige Korrelate. 
Also ist auch jene notwendige Formeinheit, jenes Gesetz alles Psy- 
chischen durch die Qualitäten bestimmt, durch welche sie das reine 
Selbstbewußtsein erfüllt. Diese erscheinen mit Notwendigkeit als 
ein Nacheinander in der Zeit. Was aber als zeitliches Nacheinander 
von einem identischen Subjekt prädiziert wird, sofern von der Modi- 
fikation dieses Subjekts durch das einzelne zeitlich Erscheinende 
abstrahiert wird, nennen wir Tätigkeit, Wirken^). Sehe ich in 
einem Kausalverhältnis allein auf den Zustand des Wirkens in dem 
wirkenden Gegenstande und berücksichtige nicht den veränderten 
Zustand, der an dem Gegenstande, worauf eingewirkt wird, ent- 
steht, so schreibe ich dem wirkenden Gegenstand Tätigkeit zu. Tätig- 
keit also ist das reine Verhältnis der Ursächlichkeit, ist deren reine 
Form unter Abstraktion von dem Gehalt derselben in der Wirkung 
oder dem bewirkten Zustande. Dieser Kausalbegriff erhält, wie 
später ausgeführt werden wird, Anwendung auf das zeitliche Nach- 
einander. Es müssen also mit Notwendigkeit die inneren Erschei- 
nungen, insofern sie in der Zeit als Nacheinander erscheinen, denkend 
unter dem Ursachenbegriff erfaßt werden; somit erscheinen sie als 
Tätigkeiten und Wirken. Ich kann aber zu diesem Wirken nicht 
auch das Bewirkte hinzubringen, weil ich kein extensives Neben- 
einander habe, in welchem das Bewirkte zu der Wirkung hinzuträte. 
Folglich besteht die Nötigung, durch die Natur des psychischen 
Gegebenseins, alle inneren Erscheinungen als Tätigkeiten 
aufzufassen, und es ist unmöglich, bloß passive Zustände, 
Zustände des Verändertwerdens in den Erscheinungen 
des Seelenlebens zu finden. Hier ist der wissenschaftstheoreti- 
sche Ort, welcher die Notwendigkeit der Geltung der gesamten Akt- 

1) Natorp (Allgem. Psychol. 1912. S. 40 — 45) macht Einwendungen gegen 
die Annahme psychischer Fähigkeiten geltend, welche indes schon von Husserl 
(Log. Unters. IL S. 380ff.) widerlegt wurden. 



Da« I'roblom der Rubstantialitat des S''«!!»«}!'*!!. 139 

Psychologie rechtfertigt und l)ogründet ; hier liegt auch der theoretische 
(Jrundfür die CJeltungdes BrentanoHchen Definitionsinerkniales alles 
Paychischen: die intentionalo Inexistenz. Von diesen Dingen wird 
noch ausführlich die Rede sein. Vielleicht al>er ist es doch inter- 
essant, schon hier festzustellen, wie die alte Kan tische Psychologie 
in ihrer Friosschcn 8ysteniform es ermöglicht, die modernen Hypo- 
tliesen, soweit sie wirklichen Wert halx?n, mit Notwendigkeit an 
ihrem systematischen Aufbau zu verankern, während sie sonst gleich- 
sam zufällige Inventionen blieben. Es gibt hiernach — und das 
muß sowohl gegen die Assoziationspsychologie als auch gegen so 
aufgeklärte Aklionspsychologen wie Berze betont werden — keine 
psychischen Pliänomene, welche nicht Akte sind oder involvieren. 
Die assoziative Verknüpfung »impressionaler « Daten oder »hyle- 
tischer« Materien (Husserl) hat nur innerhalb der einzelnen Akte 
und Phänomene ihre psychologische Stelle. Auch hiervon später 
Genaueres. 

In der Tat läßt sich, und das wird noch weiter unten erfolgen, 
auch rein deskriptiv zeigen, daß das psj'chische Geschehen niemals 
ein bloß passives Erleiden oder Affiziertwerden ist. Damit entfallen 
alle sog. elementar-analytischen Theorien vom Bausteincharakter 
seit Locke; es entfällt die Mehrzahl der zu Unrecht verallgemeinerten 
Assoziationshypothesen. Wir kommen noch darauf zurück; hier 
ist wichtig, den Ort aufgezeigt zu haben, der sie mit Notwendigkeit 
grundsätzlich in ihrem Gcltungsanspruch zugunsten der Aktions- 
psychologie einschränkt. 

Hiernach erfüllt also die Seele als Naturbegriff das reine Selbst- 
bewußtsein mit ihren Tätigkeiten; und sie ist deren Subjekt. Jede 
Tätigkeit erfordert ein Subjekt des Tuns, was auch gegen Fichte 
eingewandt werden muß, der die Seele, das Ich als reines Tun defi- 
niert i). Faßt man jede Tätigkeit als besondere Realität auf, so ist 
die Identität ihrer Subjekte für die verschiedenen psychischen Tätig- 
keiten noch nicht gegeben. Diese folgt aber aus der hinzugedachten 
Form des reinen Selbstbewußtseins. 



Spontaneität und Rezeptivität des Seelischen. 

Nach diesen Feststellungen wäre noch die Behauptung möglich, 
daß, wenn auch die Seele das tätige Subjekt psychischen Geschehens 
wäre, doch der Grund dieser Tätigkeit letztlich außer ihr selber läge, 
etwa in irgendeinem Kausalne.xus zu außerpsychischen Kräften, 
welche jene einheitliche Form der psychischen Tätigkeiten zur Wir- 
kung hätten. Die Diskussion dieser Möglichkeit gehört dem psycho- 
physischen Problemkroise an und kann daher nicht in dieser Unter- 
suchung erfolgen. Sei dem wie immer, so müssen wir für die Psycho- 
logie als unabhängige Wissenschaft daran festhalten, daß mit wissen- 

») Vgl. S. 39 ff. dioHoa Buche«. Auch Schmid. a. a. O. S. 137. 



140 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

schaftstheoretischer Notwendigkeit die Seele sich in Tätigkeit und 
nur in Tätigkeit äußert, daß sie das Subjekt aller psychischen Tätig- 
keit ist; und ferner, daß es in diesen Tätigkeiten keine bloß passive 
Affektion, kein bloßes Bewirkt werden, geben kann. Diese Feststellung 
gilt nicht nur für die einzelnen Tätigkeiten, sondern auch für ihr Sub- 
jekt. Mithin läßt sich mit logischer Stringenz kein Grund der Tätig- 
keit über dieses Subjekt hinaus denken ; dieses ist damit tätig schlecht- 
hin; es ist selbsttätig. Die Spontaneität als inneres Gesetz 
alles Psychischen ist damit gegeben. 

Die Spontaneität besteht nun aber nicht unbedingt. Sie ist an 
zeitliche Bestimmungen gebunden. Diese zeitliche Bedingtheit: 
daß Psychisches gerade jetzt und so sich vollzieht, und dann nicht 
oder in anderer Weise, kann nicht aus dieser Spontaneität allein 
abgeleitet werden. Es setzt dies vielmehr wiederum ein Verhältnis 
zu etwas außer ihr voraus. Nach der Definition der Spontaneität kann 
dieses vorausgesetzte Verhältnis kein kausales sein. Es kann mithin 
nur in der Auslösung der Wirksamkeit dieser Spontaneität durch 
veranlassende Reize, also in einer rezeptiven Erregbarkeit der 
Seele bestehen. Diese beiden funktionalen Grundformen alles Psy- 
chischen: Rezeptivität und Spontaneität, sind die konstitutiven 
Merkmale dessen, was hier Seele genannt wurde; sie müssen sich in 
jedem einzelnen möglichen psychischen Phänomen und Vollzug als 
gemeinschaftliche letzte Fundamente notwendig vorfinden. 

Parallele Merkmale des Organismenbegriffs. 

Die Abhängigkeit seelischen Funktionierens von zeitlichen, außer 
ihm bestehenden Bestimmungen, welche zur Fassung der Rezeptivität 
führte, war ein Punkt, in welchem sich Psychisches an Physisches 
anknüpfte. Dieses Verhältnis läßt sich in Analogie denken der Er- 
regbarkeit organischer Funktionen durch Reize, etwa der ontogene- 
tischen Keimesentwicklung, dem Wachstum o. dgl. (Wie denn 
überhaupt die Theoretik der allgemeinen Biologie außerordentlich 
viele Analogien zur Theoretik des Psychischen aufweist — man 
denke an die Bestimmung des Organismenbegriffes und ihre Struktur- 
ähnlichkeit mit dem Seelenbegriff i) ; auch in der gleich zu entwickeln- 
den Dynamik bestehen solche prinzipiellen Ähnlichkeiten.) Tendenz 
und Vollzug derartiger organischer Funktionen steht ihrer spezi- 
fischen Art nach schon durch ihr eigenes Gegebensein potentiell fest ; 



1 ) Sie ist von den biologischen Theoretikern oftmals, mindestens implizit, aner- 
kannt worden, wenngleich die Definition des Lebens, des Organismus durch Psychi- 
sches seit den Tagen des klassischen Idealismus nicht mehr aufgenommen wurde. 
Statt dessen gerade in der neovitalistischen Literatur — unter stillschweigender 
Hinnahme der theoretischen Strukturgleichheit — oftmals herbeigezogene Hilfs- 
begriffe: so der EntelechiebegrLff. Bei Driesch einmal »das Psychoid« als Prinzip 
des Organismus ( »Der Vitalismus als Geschichte und als Lehre«. 1906. S. 220ff.), 
Klarere theoretische Darstellung der Beziehungen in »Philosophie des Organischen« 
(Gifford lectures IL S. 293 ff.). Dagegen schlägt er in »Die Seele als elementarer 



Da« Problem der Substantialität cIoh Set-ÜHchen. 141 

ob sie sich aber aktualisiert oder nicht, hängt von d<*ni jeweiligen 
Vorhandensein oder Felilen dos äußeren forniativen Keizes o. dgl. 
ab. Der Unterschied zum Psychischen ist liier nur der, daß Ijcim 
Organismus Reiz und irritable Funktion der gleichen Sphäre raum- 
zeitlichen Ablaufens und materieller Subsistenz angehören; Ijeim Ver- 
hältnis psychischer Rezcptivität zu auslösenden Heizen aber gehören 
beide Komponenten unter Umständen verschiedenen Natursphären 
an; erstere der psychischen, letztere der körperlichen. Ein Kausal- 
vcrhältnis Vieider zueinander ist dann unbestimmbar und unein- 
sichtig für unsere theoretische Erkenntnis. Wenn also der Begriff 
einer Erregung oder eines Reizes unvermeidlich zu dem Begriff 
einer Abhängigkeit des Psychischen vom Physischen führt, so sind 
wir doch genötigt, bei diesem Begriff der Abhängigkeit als einer nicht 
weiter gesetzlich bestimmbaren Tatsache stehen zu bleiben. Die 
Erregung iK'zcichnet nur den zeitlichen Anfangspunkt der psychischen 
Tätigkeit und weist uns damit auf eine Schranke der Psychologie hin, 
über die wir, der Natur un.seres Erkenntnisvermögens nach, nicht 
hinaus können. Wir müssen diese Schranke in unseren naturwissen- 
schaftlichen Seelenbegriff selbst aufnehmen und die Tatsache psy- 
chischer Erregung von außen auf diese Weise negativ Ix'stimmen. 
Daß die Seele zur Tätigkeit von außen bestimmt wird, ist eine psy- 
chologische Tatsache. Bleiben wir unserem Vorsatz gemäß bei 
ihr stehen, so können wir gemäß dem Gesagten den Zustand der Er- 
regung nicht rein passiv denken, sondern als psychisches Geschehen 
ist auch er eine Tätigkeit und als solche innerlich wahrnehmbar. 
Hiernach ist die Eigenschaft der Rezcptivität psychologisch zu be- 
stimmen als eine Fähigkeit zur Tätigkeit; sie ist Bestimmbarkeit 
der Seele zur Tätigkeit durch etwas außer ihr; dies aber ist eine 
psychische Eigenschaft, denn zu dieser Bestimmbarkeit gehört mög- 
liche Tätigkeit, die Bestimmung zur Tätigkeit ist unmöglich ohne 
eigene Tätigkeit. Hiermit ist ein Problem geklärt, welches für die 
Tlieorie der Wahrnehmung besonders große Bedeutung haben wird. 
Das Verhältnis von Rezcptivität und Spontaneität in der Psyche 
bedarf ebenfalls noch näherer Bestimmung, hinsichtlich der Art und 
Wei.se, ob sich in innerer Erfahrung feststellen läßt, was an den ein- 
zelnen psychischen Funktionen dem einen und dem anderen angehört. 
Unabhängig von der Rezcptivität besteht bloß die Möglichkeit psy- 
chischer Spontaneität, und zwar sowohl üljerhaupt als auch bereits 
in l)estimn»ter Art und Weise. Abhängig von der Rezcptivität ist 
jedoch die Wirklichkeit aller psychischen Tätigkeit und der Grad 

Naturfaktor« 1903 methodisch den umpekehrton Weg ein: nämlich den, wis.'^on- 
ßchaftstheoretischo Be.stimiminpen über da.s Psyehisehe auf der heterolopen Basia 
des Orpaiiismenbegriffes anzustreben, unter Ziirüekstellunp psycholopi.selier Sta- 
tuierunpen. Über derartige, in der Biolopie nicht seltene Tendenzen sehr fein 
Karl (\ Schneider. Tierpsycholopisches Praktikum. 1912. S. Ul.r.^Off. rnsor 
Standpunkt dtvkt sich mit den .Ausfühmnpen von ('laßen (Jahrbuch d. Hamburp. 
wisscnsch. .Vnstaltcn. XVllI. 1901) und vor allem den trefflichen Darlegungen 
von K. -Mbrecht, Vorfragen der Biologie. 1899. 



142 Über die wissensohaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

der Stärke derselben. Wir müssen daher in jeder psychischen Funk- 
tion beide Fundamentalfunktionen real vorfinden, und zwar zu dieser 
Funktion vereinigt. Dies hindert keineswegs, an jeder psychischen 
Funktion ihren Anteil gesondert zu betrachten. Es ist das die Aufgabe 
der Abstraktion, und es muß nur der Irrtum vermieden werden, diese 
abstraktive Trennung als etwas real mögliches zu denken. 



4. Einführung in die Probleme der psychischen Kansalität. 
Der Begriff der psychischen Funktion. 

Präzisierung des Standpunktes zum Kausalproblem. 

Das Kausalproblem im Psychischen ist von Kants Zeiten 
an das schwierigste und umstrittenste einer jeden theoretischen Psycho- 
logie gewesen. Soll die Sachlage nicht noch mehr verfahren werden, 
als sie es bei der unabsehbaren Vielfältigkeit der Standpunkte, von 
denen dieses Problem schon betrachtet wurde, allmählich geworden 
ist, so tut eine möglichst präzise und eindeutige Gedankenführung 
not. Dabei muß aber auf die Begründung jedes einzelnen ihrer In- 
halte genau geachtet werden. 

Wir lehnen hier von vornherein alle Ableitungen ab, welche zum 
Problem der psychischen Kausalität von irgendeinem empiristischen 
Standpunkt gemacht worden sind und gemacht werden könnten. 
Das Ergebnis solcher Ableitungen könnte an sich zwar richtig sein, 
jedoch die Ableitungen selber wären durch ihre empiristischen Vor- 
aussetzungen, die wir für fehlerhaft halten, nicht verbürgt. Damit 
entfällt für uns jede im weitesten Sinne konventionalistische Auf- 
lösung der Kausalität, von Hu me an bis auf Mill und die Modernen i). 
Ferner entfällt der neuerdings gemachte Versuch, den Kausalbegriff 
durch den Energiebegriff zu definieren, denn letzterer ist der spe- 
ziellere und nicht der allgemeinere Begriffe). Endlich entfällt die 
neueste Schöpfung logischer Unreife und theoretischen Dilettantis- 
mus, welche gerade in der Medizin Anklang gefunden hat, der Kon- 
ditionalismus 3). 



1) Hierüber hat Bergmann, Der Begriff der Verursachung und das Problem 
der individuellen Kausalität (Logos. Bd. 5. S. 83 ff.) ganz in unserm Sinne triftige 
Argumente beigebracht. 

2) So von psychiatrischer Seite Fankhauser, Ztschr. f. d. ges. Neurol. und 
Psych. Bd. 29. S. 201 ff. 

3) Es ist sehr bedauerlich, daß diese »strahlend helle« »Weltanschauung« ' — 
als die sie ihr Autor ausgibt — einem so hervorragenden Fachforscher wie Verworn 
ihre Entstehung zu verdanken hat (Die Erforschung des Lebens. Jena 1911. 
Kausale und konditionale Weltanschauung. Jena 1912). Noch bedauerlicher ist 
die Anmaßung, mit der dieser gewiß hochverdiente Physiologe bei der Schöpfung 
seines Geisteskindes über alle Leistungen der philosophischen Analyse mit hoch- 
fahrenden Redensarten hinwegzugehen sich vermißt, gleich als hätte diese Wissen- 
schaft, in den »mystischen« Ursachen Vorstellungen aus der Zeit »am Ausgang 
des Paläolithikums und Neolithikums« befangen, über Aristoteles, Hume, 
Kant und die andern kleinen Geister hinweg erst auf ihn gewartet, um endlich 



Einführung in diu Problome der psychiiichen KausaliUit tuiw. 14.'^ 

Wenn wir nun auch von einem theoretischen Standpunkt »u«- 
gehen, der dem Kanti.schen überau« nahe kommt, ho mÜHHcn wir 
andererseits uns gerade hinsichtlich der Kausalität und Wechsel- 
wirkung — beides geliort eng zusammen — wie sie seine rationa- 
listischen Schüler vielfach für die Psychologie entwickelt haben, 
tunlichst unabhängig halten. Den allgemeinpiiilosophischen End- 
absichten dieser Denker genügte es in der Kegel, grundsätzlich »die 



mit dem Lichte dfr Wahrheit beglückt zu werden. Em ist nach allzuvielen trüben 
Erfahrungen begreiflich, wenn der Naturforscher — wenigstens der der älteren 
Generation - auf die Philosophie gleichsam mitleidig herabsieht. Aber wenn er 
schon nicht zu der Einsicht fähig ist, daß dies seiner eigenen Forschung zum 
Schaden gereicht (wenngleich vielleicht nicht sofort und unmittelbar): so sollte 
er doch dem Argument zugänglich sein, daß viel größer als die Blamage des (imagi- 
nären !) Philosophen, der spekulativ die Natur korrigieren will, die Blamage des 
tüchtigen Naturforschers ist, wenn er auf das philosophische Eis tanzen geht und 
sich vor den verachteten Philosophen dabei belachenswerte Blößen gibt. Gerade 
für Männer vom lYpus Verworn sind die Worte Lotzes geschrieben, die wir 
in der Einleitung dieses Buches zitierten: »Der Genialität unserer Forscher mag 
das schöne Verdienst beschieden sein, den Grundsätzen durch individuellen .Scharf- 
sinn eine Reihe wichtiger Anwendungen abzugewinnen; in bezug auf die Grund- 
sätze selbst dagegen müssen sie mit Aufgebung subjektiver Neigungen sich zu der 
aufrichtigen Stellung eines Lernenden verstehen. « 

Ich schreibe dies nicht um Verworns willen, von dem die Einnahme dieser 
Stellung gewiß nicht in Aussicht stünde, auch wenn man mit Engelszungen spräche. 
Er ist mir nur der hervorragendste Repräsentant eines Forschertypus, gerade 
auch hinsichtlich seiner Tendenz, in philosophicis Stellung zu nehmen. Unter den 
Vertretern dieses Forschungstypus aber gibt es solche, die ihr fachUcher Ruf noch 
nicht mit dem Aberglauben »weltanschaulicher« Unfehlbarkeit erfüllt hat; und 
unter ihnen sind, wie ich hoffe, viele medizinische und psychiatrische Fachgenossen. 
An sie ergeht Lotzes Mahnung, zu deren Sprachrohr diese Zeilen sich machen, 
und die am Beispiel Verworns ihre warnende Bestätigung findet. 

Sachlich ist zur Argumentation Verworns etwas zu bemerken kaum der 
Mühe wort. Er behauptet, wenn ich ihn recht verstehe, der philosophische Ur- 
sachenbegriff schließe die Singularität der L^rsächlichkeit im Realfalle als konsti- 
tutives Merkmal ein ■ — was keinem Philosophen eingefallen ist zu behaupten. 
Daher ■ — infolge der realen Pluralität von Ursachen — substituiert er dem Ur- 
sachenbegriff zwar nicht den Begriff, wohl aber das Wort »Bedingung«- Denn 
um diese Substitution zu ermöglichen, muß er den Bedingungsbegriff seiner wesent- 
lichen Charaktere entkleiden — wie schon der als Forscher und Denker gleich 
geniale W. Roux ihm nachwies (Über kausale und konditionale Weltanschauung 
und deren Stellung zur Entwicklungsmechanik. Leipzig 1913). Er verwendet 
also das Wort »Bedingung« dann für denjenigen Begriff, den man bisher mit dem 
Worte »Ursache« bezeichnet. Aber auch diese terminologische Leistung verwischt 
er wieder durch seine Erfindung von der Äquivalenz aller Bedingungen eines Vor- 
ganges: ein Vorgang ist gleich der Summe seiner Bedingungen. Er verwechselt 
also die Gleichheit der Notwendigkeit mit der Gleichheit des bewirkenden Ein- 
flusses. Roux hat mit der nötigen herzerfrischenden Schärfe sowohl diese Kon- 
fusion aufgedeckt als auch gezeigt, daß die Forschung bei dieser Annahme der 
Äquivalenz ins »absolute Dunkel« steuert, »in dem nichts erkennbar ist«. Er 
bedauert »die Gemeinde der Getäuschten, durch die unrichtigen Angaben und 
Argumentationen des Autors Irregeführten«. 

Vgl. hierzu auch die ausgezeichneten Ausführungen des Mediziner» Martin» 
in »Konstitution und Vererbung in ihren Beziehungen zur Pathologie«, Berlin 1914, 
S-21ff., die den Konditionalismus gerade in Biologie und Medizin tu erledigen 
berufen sind. 



144 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

Ursache« zu allem Psychischen als auszeichnende Eigenschaft des 
Wesens der Seele zu deduzieren. Damit ist für sie das Kausalproblem 
im Psychischen erledigt, und sie wenden sich dann den »höchsten« 
Wirkensweisen desselben, den »vernünftigen«, zu. Dieser unpsycho- 
logische Intellektualismus hat die moderne Forschving aber mehr, 
als billig war, abgehalten, sich mit den scharfsinnigen und präzisen 
Studien zur Grundlegung psychologischer Theoretik überhaupt zu 
befassen, welche jenen Denkern zu verdanken ist. 

Ursache und Kraft. 

Zustandsänderungen werden kausal erklärt. Zustandsänderungen 
werden durch Vergleichung der zuständlichen Beschaffenheiten zweier 
Zeitpunkte erkannt. Das Schema des Ansatzes der Kausalkategorie 
ist die Veränderung in der Zeit. Da alles psychische Geschehen eben 
ein Geschehen ist, d. h. Vergleichung der zuständlichen Beschaffen- 
heiten verschiedener Zeitpunkte im Psychischen immer Verände- 
rungen ergibt, so folgt, daß zur theoretischen Erkenntnis dieses Ge- 
schehens die Kausalkategorie (und die der Wechselwirkung) an- 
gesetzt werden muß. Ob es psychische Kausalität gibt, ist also 
überhaupt kein Problem; dies beginnt erst mit ihrer näheren Be- 
stimmung. Die Bestimmung ist nun eine mehrfache und muß vom 
allgemeinen zum besonderen sukzessive entwickelt werden. All- 
gemein sahen wir schon vorher, daß die fundamentale Formeinheit 
alles Psychischen, die wir als identisches Subjekt aller erscheinenden 
veränderlichen Abläufe erkennen und mit dem Terminus Seele be- 
legen, als Subjekt von Tätigkeiten und mithin als Wirkendes, als 
Ursache bestimmt werden muß. Diese Ursache läßt sich in über- 
tragenem Sinne dem Kraft begriff einreihen. Die schematisierte 
Ursache nämlich, also ein wirkliches Dasein, insofern es der Grund 
einer Veränderung ist, bildet den Definitionsinhalt des Begriffes der 
Kraft im wissenschaftstheoretischen Sinne. Der so definierte Kraft- 
begriff wäre nun auch von dem inneren Formprinzip alles Psychischen 
aussagbar. Jedoch nur in einem in mehrfacher Hinsicht übertrage- 
nen Sinne. 



Modifikationen des Kraftbegriffs im Psychischen. 

Einmal nämlich ist im Psychischen die mathematische Bestimm- 
barkeit kausaler Beziehungen, Vergleich und Messung von Kräften, 
quantitative Gesetze zwischen Kräften und Wirkungen, und Trans- 
formation der Kraftformen — also alles, was dem Kraftbegriff der 
physikalischen Natur seine zentrale Bedeutung verleiht — unmöglich. 
Vom Energiegesetz bis zu Newtons einfachen Formeln und vielleicht 
sogar dem causa aequat effectum sind Aussagen über mathematisch 
konstruierbare quantifizierende Bestimmungen wider die Natur der 
Erkenntnis vom Psychischen zuwiderlaufend — , weil es, wie schon 



Kinfubrun^ in die Probleme der paychischen Kausalität tuiw. 145 

mehrfach betont, kein exlenHives XebeiieinautlLr aLs Sclicnia dti 
Anwendung des Kraft Ixjgriffes im Psychischen gibt»). 

Ferner werden wir für den Ursachenlxjgriff im strengen Sinne, 
wie wir sehon salien, auf den der Selbsttätigkeit zurückgeführt. Wir 
bezeichneten diese ja Ix-reits als Ursache des ersclieinenden Psychi- 
Hchen; und von ihr stellten wir ex definitionc fest, daÜ sie psycho- 
logisch nicht weiter »verursacht «, aber in ihrem Ursächlichwerden 
an die Bedingung von erregenden Reizen gebunden ist. Diese Bin- 
dung gibt ihrerseits weitere Fragen auf, die sich für eine Dynamik 
des Psychischen als entscheidend herausstellen werden, aber von 
der Kant ischen und Xaclikunt ischen Psychologie in ihrer Bedeutsam- 
keit nicht gesehen worden sind. Wir kommen darauf noch in dieser 
Abhandlung ausführlich zurück; zunächst verbleiben wir noch bei 
dem Ursächlichkeitscharaktcr der Spontaneitätsweisen selber stehen. 
Vom physikalischen Kraftbegriff gilt, daß er der für sich zureichende 
(Jruiid einer Veränderung ist; wo Kraft ist, muß die Veränderung 
folgen, wenn der Gegenstand der Einwirkung gegeben ist; wird da.>- 
Dasein der Kraft angenommen, so ist auch das Dasein der durch sie 
erwirkten Veränderung hinreichend und mit Notwendigkeit erklärt. 
Im Psychischen aber ist diese Ursache eine bedingte — nämlich 
tlurch ihre Anregung erst zur Aktualität gelangende. Mithin wäre 
ein hiernach anzuwendender Kraft begriff duroli das Merkmal dieser 
Bedingtheit und Abhängigkeit eingeschränkt. Endlich ist — als 
dritter Unterschied zum Physischen eine Wirkung dieser Kraft im 
Psychischen über die inimittelbar erwirkte seelische Tätigkeit, näm- 
lich über das Funktionieren der psychischen Funktion, der wir diese 
Kraft zuschreiben, hinausgehend psychologiscii nicht vorhanden. 
(Aber freilich kann der Vollzug der einen Funktion auslö-sende An- 
regung zum Vollzuge weiterer Funktionen sein.) 

Der Funktionsbegriff im Psychischen. 

Diese grundlegenden Unterschiede im Kraftbegriff der physischen 
und psychisclien Natur legen es uns nahe, von der Anwendung des 
Terminus Kraft auf psychisches Geschehen sensu stricto keinen 
Gebrauch zu machen^). Allerdings liegen diese Unterschiede 
nicht in dem wissenschaftstheoretischen Merkmalen des Kraft l:)egriff es, 
sondern nur in den Bedingungen seiner psycltologischen Schematis- 
men. Das Korrelat des Kraft begriffes der Physik wies im Psychischen 
bei den Kantischen Psychologen bereits diese drei Unterschiede auf 



») Bleuler (Psj'chischo Kausalität und Willensakt. Ztschr. f. P.\vchol. 1914. 
8.42) behauptet ilie (Jeltung des Knerui' pe.sctzcs im Ps^ychischen und hält dieeo 
Frage fiir »ine solehe von einpiristber Kntsrheidbarkelt. Das ist irrig. 

*) .Mit dieser Kinschränkung stt-llcn wir uns nicht etwa auf den Boden der 
Nator])scluii uTundsätzIichen Ablehnung tles Begriffs psychischer Kräfte, die 
auf haltlosen Dekreten ohne (Iründliebkeit beruht (Allgem. Psychologie. 1. 1912. 
S. 266). 

KruQfeld, FaychUtrUcbe ErkenDtnla. 10 



146 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

lind wurde von ihnen als Vermögen der Seele bezeichnet. Hier- 
unter wurde verstanden: die bedingte Ursächlichkeit psychischen 
Ablaufens, ferner eine Tätigkeit, die den Grund ihres Vollzuges in 
sich selber trug, ferner auch die selbsttätige Veränderung ihrerseits 
in der Weise ihres sich Vollziehens. Schon diese Unklarheiten führten 
zu heftigem Streit um den Begriff Vermögen; seine Bedeutungen 
wurden in der Folge noch verwaschener. Um dem ganzen Streit 
über den Vermögensbegriff und allen hierauf bezüglichen Mißver- 
ständnissen aus dem Wege zu gehen, ersetzen wir. ihn durch den auch 
bisher von uns schon in diesem Sinne verwendeten Begriff der psy- 
chischen Funktion. Wir erklären dabei ausdrücklich, daß wir 
jede andere Bedeutung des Funktionsbegriffes im Psychischen für 
unsere ferneren Darlegungen ablehnen i). Wir bezeichnen also mit 
dem Terminus Funktion das Ergebnis unserer bisherigen Deduk- 
tionen: Funktion ist der Inbegriff der psychologischen Vorbedin- 
gungen des Vollzuges seelischer Abläufe, welche ihrer Seinsweise 
nach jeweils zu gleichen Klassen gehören. Also nicht das Ablaufen, 
das Funktionieren selber, das was wir als Akt bezeichnen wollen, 
sondern den Grund seiner Möglichkeit, abgesehen vom Anlaß seiner 
Verwirklichung, nennen wir Funktion. Und wir bestimmen diesen 
Grund der Möglichkeit seelischen Funktionierens wissenschafts- 



1) Ganz und gar nichts zu schaffen hat also dieser Funktionsbegriff mit 
irgendwelchen mathematischen, logischen und »gegenstandstheoretischen« Kon- 
zeptionen in der Literatur, welche ebenfalls den Terminus s-Funktion« bean- 
spruchen, in einzelnen Fällen sogar den der »intentionalen Funktion« (Russell). 
Aber auch innerhalb der eigentlichen Sphäre der Psychologie und Phänomenologie 
ist der Funktionsbegriff bereits mannigfach — und in divergierenden Richtungen — 
durch theoretische und fiktive Konjekturen belastet. Er bedeutet etwas anderes 
in der Brentanoschule, etwas anderes bei Stumpf, etwas anderes bei Husserl. 
Wir lehnen es ab, unsere Fassung mit diesen Konzeptionen vermengt zu sehen. 
Dabei verkennen wir die weitgehende Ähnlichkeit nicht, die Husserls Funktions- 
begriff mit dem unsrigen aufweist — nur daß er ihn rein phänomenologisch ent- 
wickelt und ständig in eine ungeklärte Relation zum »Bewußtsein « setzt, von der 
wir hier nichts aussagen. Auch wir halten die Durchbildung des Funktionsbegriffes 
für ein Zentralproblem der eigentlichen Phänomenologie. Hier geben wir nur den 
Ursprung seiner Notwendigkeit im Rahmen rationaler Wissenschaftstheorie als 
Grund der Möglichkeit psychologischer Theorie überhaupt an, entwickeln aber 
noch nicht seine Strukturen und Qualitäten. Eine derartige zentrale, »transzen- 
dentale « Ableitung und Notwendigmachung des Funktionsbegriffes für alle phäno- 
menologische Deskription fehlt bei Husserl, zum Schaden der Systematik seiner 
phänomenologischen Aufstellungen, die auf diese Weise den Anschein willkürlicher 
Inventionen erwecken. Zu Unrecht freilich ! Er hat sachlich völlig unsern Beifall, 
und schwebt doch theoretisch ganz in der Luft des Dekretierens, wenn er schreibt — 
was wir nunmehr zu begründen vermögen — : »Der Gesichtspunkt der Funktion 
ist der zentrale der Phänomenologie, die von ihm ausstrahlenden Untersuchungen 
umspannen so ziemlich die ganze phänomenologische Sphäre . . . An die Stelle 
der an den einzelnen Erlebnissen haftenden Analyse und Vergleichung, Deskription 
und Klassifikation, tritt die Betrachtung der Einzelheiten unter dem »teleo- 
logischen« Gesichtspunkte ihrer Funktion, »synthetische Einheit« möglich zu 
machen« (Ideen usw. Jahrbuch, a. a. O. S. 176). Wir rechtfertigen Husserls 
bloße Behauptung durch die Wissenschaftstheorie. — Im übrigen wird der Funk- 
tionsbegriff noch in der Phänomenologie seine weitere Erörterung finden. 



Einführung in die Probleme der pHychibclien Kuumilitut uhw. 147 

theoretisch als Bereitschaft oder Tendenz oder »Fähigkeit« des P«y- 
cliischen, den Grund zu ihrer Verwirklichung in einem durch nie 
als Tätigkeit gewirkten seelischen Sichvollziehen in sich sellx;r zu 
tragen, jedoch hei der Verwirklichung an auslösende Erregungen 
gebunden zu sein. Der Clrinid der Verwirklichung des durch sie 
bewirkten seelischen Sichvollziehens erstreckt sich nicht nur auf da« 
Sein und Geschehen dieses Vollzuges, sondern auch auf seine Be- 
schaffenheit, auf das Wie seines Seins. Schon hieraus folgt die Not- 
wendigkeit einer Vielzahl hypostasierter Funktionen. 

Das Prinzip der Unterscheidung von psychischen 
Funktionen. 

Sie zu unterscheiden und aufzufinden, ist im einzelnen Sache 
des seelischen Erfahrens selber. Es gibt keine apriorischeSyste- 
matik der möglichen oder der vorhandenen psychischen 
Funktionen. In derartigen willkürlichen Statuierungen, die den 
Charakter der materialen Psychologie als Erfahrungs Wissenschaft 
übersehen, bestand ein Grundfehler nicht nur der vorkantischen 
rationalen, sondern auch der nachkantischen systematischen und 
intellcktualistischen Psychologie. Eine Funktion muß für jede in 
der Erfahrung aufgefundene Klasse von psychischen Abläufen als 
Grund ihrer psychologischen Möglichkeit substituiert werden. Die 
Auffindung derartiger Klasseneinheiten psychischer Vollzüge ist eine 
methodologische, später besonders zu behandelnde Frage, bei welcher 
es das Verliältuis der Abstraktion zur Induktion und beider zu ihren 
leitenden Maximen zu erörtern gilt. Da aber die einzelnen leitenden 
Maximen ihrerseits aus regulativen Prinzipien herstammen müssen, 
welche der Wissenschaftslehre des Psychischen und ihren Grund- 
sätzen entnommen sind, so sind wir vor der Notwendigkeit, das 
regulative Prinzip zur Auffindung von Funktionen schon hier, in der 
Wissenschaftstheorie selber, zu entwickeln. Es folgt analytisch 
aus dem Begriff von Tätigkeit, welcher dem Vollzuge der Funktionen 
insgesamt als konstitutives Merkmal angehört, wie wir schon be- 
gründet haben. 

Tätigkeit nämlich erstreckt sich ihrem Wesen nach immer auf 
Etwas, hat ein Ziel, bezieht sicli auf einen Gegenstand. Wenn wir 
von ziellosem Tun reden, so drücken wir uns ungenau aus; in solchem 
Falle ist uns Dasjenige, in bezug auf welches dieses Tun ein Tun ist, 
nicht erkennbar oder bestimmbar. Der Begriff des Tuns aber ohne 
das korrelative Objekt, in bezug auf welches das Subjekt des Tuns 
in jenem Begriff als tätig ausgesagt wird, hat keinen Sinn. Von 
diesem Objekt ist l>egrifflich weiter nichts zu fordern, als daß es durch 
den Vollzug der Tätigkeit für das tätige Subjekt zu einer durch die 
Tätigkeitsweise bestimmten Gegebenheit gelange. Der Tätigkeits- 
begriff erfordert also analytisch den eines potentiellen Objektes, in 
bezug auf welches die sich realisierende Tätigkeit ein Tun ist. 

lü- 



148 Über die wissenschaftstheoretisclien Grundlagen der Psychologie usw. 

Ist dies eingesehen, so ergibt sich die Anwendung auf die psychi- 
schen Funktionen leicht. Es liegt dann in ihrem Begriffe, daß die 
Verwirklichung ihres Vollzuges dem Subjekt dieses Funktionierens, 
dem »Ich«, die Beziehung auf ein Etwas vermittle^). Und dieses 
Etwas wird zum Etwas durch den Vollzug der Funktion, je nach der 
Weise, in welcher sie es für das »Ich« zum Etwas bestimmt. Die 
potentielle Gegenstandsbestimmung ist also ein Wesens- 
merkmal aller psychischen Funktionen, dessen wissenschaftstheore- 
tischer Grund in dem Begriff der Spontaneität selber beruht. Wir 
finden hier abermals Brentanos Definitionsmerkmal alles Psychi- 
schen, den objektivierenden Charakter, die intentionale Inexistenz^), 
als wissenschaftstheoretisch notwendig bestätigt. Damit haben wir 
alle Kriterien Brentanos für das Wesen des Psychischen, welche 
er nur empirisch gültig sah, der Zufälligkeit ihres empirischen Cha- 
rakters entkleidet und am Wesen des Psychischen wissenschafts- 
theoretisch verankert s). 

Dann aber folgt weiter: es muß so viele psychische Funktionen 
geben, als es Weisen gibt, durch welche dem psychologischen Sub- 
jekt ein Objekt gegeben werden kann. Denn die Weisen des Ge- 
gebenseins von Objekten für das Ich sind ja das Ergebnis des Voll- 
zuges der jeweils realisierten Funktion. So viel Arten also in der 
psychischen Beziehung des Ich auf Objekte auffindbar sind, so viel 
verschiedene Funktionen sind als der Grund der Möglichkeit dieser 
jeweiligen Beziehung anzusetzen. Auch dies Kriterium rührt in etwas 
anderer Fassung von dem Genius Brentanos*) her; Husserl hat 
es übernommen. Die Weisen der zu fundierenden Beziehungen aufs 
psychologische Subjekt dürfen ihre Verschiedenheiten nicht den 
Verschiedenheiten der Objekte verdanken, welche sie dem Subjekt 
geben; sie müssen vielmehr vmabhängig von ihnen sein; nur dann 
entspricht ihnen jeweils eine besondere Funktion. Damit ist nicht 



1) Von »dem Ich« ist hier und im folgenden vorläufig bloß in dem Sinne 
des Subjektes jeweiliger funktionaler Tätigkeit als einer bloßen Hypostasie - 
rung ohne weitere psychologische und theoretische Bestimmung die Rede. 

2) Vgl. oben S. 132 dieses Buches, Anm. 1. Über den Intentionsbegriff später 
Genaueres (vgl. S. 339 ff.). 

3) Mit Ausnahme seiner Behauptung vom Vorstellungscharakter des Psy- 
chischen. 

*)a. a. O. S. 248ff.,260ff. Von der Klassifikation der psychischen Phänomene. 
1911. Kap. 1. Die Wichtigkeit des Brentanoschen Klassifikationsprinzips kann 
gar nicht hoch genug angeschlagen werden. 

Kant und nach ihm Hamilton und Lotze teilen die psychischen Phäno- 
mene danach in Grundklassen ein, daß die einzelnen Klassen weder auseinander 
ableitbar, noch auf eine dritte gemeinsame Klasse zurückführbar sein dürfen 
(Kritik der Urteilskraft, Einleitung, III). Hiergegen wendet Mill ein, diese »Un- 
ableitbarkeit« gelte von allen unmittelbaren Qualitäten. Man könne auch Rot- 
Bchen nicht auf Blausehen zurückführen. Jede einzelne Farbe sei deshalb letzte 
unabwendbare Tatsache (Deduktive und induktive Logik. Buch III. Kapitel 14. 
§ 2). Brentano zeigt nun die Ungereimtheit, die darin liegt, für jede einzelne 
Farbenquahtät eine besondere unmittelbare psychische Grundfunktion anzu- 
nehmen. Der an sich richtige, aber viel zu vage Gedanke der Unableitbarkeit 



Einfühning in die Probleme der psychischen Kausalität u»w. 149 

ausgeschlossen, daß es nicht im Wesen bcstiniinter ()l)jekto oder 
potentieller Objekte liegen könnte, dem Ich auch nur in Vjcstimraten 
Weisen gegeben zu werden, also die Realisierung adäquater be- 
stimmter Funktionen zu erfordern. 

Alle diese Fragen sind Fragen von empirischer Entscheidung; 
und wir werden sie später in der Phänomenologie, die wir für eine 
empirische Disziplin halten und als solche rechtfertigen werden, 
wieder antreffen. Hier genügt es, die allgemeine Regel zur Auf- 
findung der Funktionen und das allgemeine hinreichende Kriterium 
für die besondere funktionale Fundierung psychischer Ablaufsweiseu 
wissenschaftstheoretisch sichergestellt zu haben. Wir haben damit 
den einen Weg zur riclYtigen psychologischen Anwendung der Kausal- 
kategorie gebahnt 1). 

Erörterung von Einwanden: 

Bevor wir aber weiter gehen, ist noch eine Klärung des bisher 
Erreichten notwendig. Durch den Einfluß von Herbart und Wundt 
ist bekanntlich die Wolf f -Kantische Vermögenstheorie von der 
gesamten modernen Psychologie aufgegeben worden. Und wenn wir 
uns auch für die Bestimmung und Entwicklung unseres Funktions- 
begriffes frei gemacht haben von der Vieldeutigkeit des alten Ver- 
mögensbegriffes, so treffen doch einige Einwände, welche in der 
Literatur gegen diesen Vermögensbegriff erhoben worden sind, sach- 
lich auch für unseren Funktionsbegriff zu. Solche Einwände können 
sich richten erstens gegen die begriffliche Fassung selber, zweitens 
gegen die Vielheit der Funktionen und drittens dagegen, daß das 
unter diesen Begriffen erfaßte Psychische eine wirkliche Realität, 
ein einheitliches psychisches Gebilde und nicht bloß eine willkürliche 
Abstraktion darstellt. 



muß mich ihm in bestimmter Weise ausgebaut und eingeschränkt werden; die 
Einteihiiig muU aus dem Studium der psychischen Phänomene selbst 
hervorgehen. Die Einteihing in primitive und abgeleitete Seelenerscheinungen 
(Bain) ist deshalb unzweckmäßig, weil die primitiven Erscheinungen da, wo sie 
selbständig und unabhängig von höheren auftreten, z. B. also bei Tieren, nicht 
direkt zu beobachten sind. Nur die Klassifikation wird demnach möglich, welche 
die verschiedenen Beziehungen zum immanenten Gegenstände der 
psychischen Tätigkeit oder die verschiedem-n Weisen seiner intentio- 
nalen Existenz zum Einteilungsgrund nimmt. Die innere Erfahrung i^t hierbei 
Schiedsrichter, der im Streit über Gleichheit oder Verschiedenheit der intentionalen 
Beziehung allein zum Urteil berechtigt. 

*) Ähnliche gnindi^ätzliche Erwägungen bei Lotze, Medizin. Psychologie. 
I8ö2. S. 151 ff. Wenn Hellpach (Ztschr. f. Psychologie. Bd. 18. S. 338ff.), der 
mit Recht die Übertragbarkeit der Kausalgleichung aufs Psychische venieint, 
daraus auf ein Problematischwerden der Kausalität selber für Psychisches schließt, 
so verwechselt er Kraftbegriff und Kausalbegriff. Die »Erfahningstatwche des 
Zusaminenhängens« seelischer Erlebnisse fordert doch irgendeine notwendige Er- 
kenntnisform, die in dir Konstatiening dieses »Zusammenhängens« schon impliziert 
ist. Welche - außer der kausalen - kennt denn Hellpach noch und kann ihren 
Rechtsgnuid nachweisen? 



150 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

1. Gegen die Konzeption des Begriffes der Funktion. 

Hinsichtlich des ersten Einwandes gegen die Konzeption des 
Begriffes der Funktion wiederholen wir nochmals unseren Ge- 
dankengang: Der Kausalbegriff ist zur Erklärung der psychischen 
Abläufe eine unvermeidliche Notwendigkeit. Seine Abweisung würde 
den Anforderungen aller Naturwissenschaft Hohn sprechen. An- 
dererseits fanden wir, daß der Kraftbegriff aufs Psychische nicht in 
seiner wissenschaftstheoretischen Bestimmung anwendbar ist. Er 
muß vielmehr gemäß dem Wesen psychischen Ablaufens umgeformt 
werden. Für das Psychische wurde der Begriff einer Kraft erfordert, 
welche unter den Bedingungen der Selbsttätigkeit und Anregbarkeit 
steht. Ist unsere frühere Deduktion der Sell^sttätigkeit und Anreg- 
barkeit richtig, so ist es auch der aus ihr abfolgende Begriff der Funk- 
tion, welcher den einzig möglichen Kausalbegriff für seelische Tätig- 
keiten darstellt, für die kein äußeres Kausalverhältnis möglich ist. 
Unter der Substanzkategorie fanden wir das Formgesetz des Psy- 
chischen als anregbare Spontaneität, unter der Kategorie der Ursache 
bestimmt es sich näher durch den Begriff von Funktionen. So läßt 
sich Schritt für Schritt die Gültigkeit des Funktionsbegriffes für die 
Kausalerklärung der seelischen Erscheinungen aus den notwendigen 
Grundgesetzen des Psychischen wissenschaftstheoretisch entwickeln. 
Mithin ist dieser Begriff keine Fiktion, sondern geht auf wohl sub- 
stantierte Realitäten. 

Wie sich aber dieser Funktions begriff, der als wissenschafts- 
theoretische Forderung entwickelt wurde, zu denjenigen Begriffen 
von Funktion und Akt verhält, deren psychologische Struktur am 
sorgsamsten von Brentano, Meinong, Marty, Husserl, Messer 
und V. d. Pfordten und ihren Schülern durchgebildet wurde — 
wenngleich es zu einer widerspruchsfreien Klärung nicht kam — dies 
jniiß späteren Untersuchungen dieses Buches vorbehalten bleiben, 
welche sich auf die eigentliche Funktionspsychologie erstrecken. 

2. Gegen die Vielzahl psychischer Funktionen. 

Der zweite Einwand richtet sich gegen die behauptete Vielzahl 
von Funktionen. Allerdings muß letzten Endes der Funktions - 
begriff auf die Einheit alles Psychischen zurückbezogen werden. 
Denn diese muß, durch den Schematismus des reinen Selbstbewußt- 
seins, als das Eine Subjekt aller inneren Tätigkeit gedacht werden. 
Somit ist dieses Formgesetz alles Psychischen letzten Endes in der 
Tat die Eine Grundquelle aller einzelnen Funktionen. Damit ist 
aber noch nicht entschieden, daß dieses eine Formgesetz sich nicht 
wieder in verschiedenen vielfältigen Funktionen auswirken könne, 
die ihrer jeweiligen Qualität nach nicht ineinander überführbar sind. 
Mit ihrer Annahme braucht andererseits die Einheitlichkeit des Psy- 
chischen durchaus nicht aufgehoben zu sein. Wir gehen aus von der 
Verschiedenheit der psychisch gegebenen Tätigkeiten mid Vollzüge. 



Einführung in die Probloine der psychischen Kauiialität u.-w. I.'il 

Für diese suchen wir Krklürungsgründe. Die einzelneii gefundenen 
Krklärungsgründe werden von dem genieinsurnen identisclien Subjekt 
alles seelischen (Jescheliens als dessen Auüerungsweisen ausgesagt. 
In diesem ganzen Gedankengange liegt nirgends eine logische Un- 
zulässigkeit, welche einen Zweifel an der logischen und wissenschafta- 
theoretischeii Bereclitigunj^ einer Vielzahl von Funktionen stützte. 
Es liilit sieh aber auch direkt nachweisen, daß es eine Vielzahl solcher 
Funktionen geben muU. liest ünde nämlich das psychische Geschehen 
nur aus einer einzigen Funktion, so könnten auch deren Wirkens- 
weisen immer nur von einer einzigen Art sein. Es könnte keine 
(jualitativ verschiedenen inneren Tätigkeiten geben, sondern nur 
Verschiedenheiten der II^tensität. Ferner könnte es gar keinen 
Wechsel seelisclier Tätigkeiten in der Zeit geben: wäre die angebliche 
alleinige Funktion alles Psychischen einmal zur Tätigkeit angeregt, 
so könnte sie diesen Tätigkeitszustand nicht aufgellen oder wechseln, 
solange nicht eine andere Ursache einwirkt. Diese Ursache könnte 
aber nach der Definition der »Spontaneität nur wieder eine psychische 
sein. Nun besteht aber ein derartiger Wechsel psychischen Ge- 
schehens, Woher sollte dessen psychische Ursache kommen, wenn 
nicht aus einer anderen Funktion, die ja als Ursache psychischer 
Veränderung definiert ist? Die vorausgesetzte einzige Funktion 
würde psychologisch nur ganz allgemein bezeichnet werden können : 
als die allgemeine Möglichkeit, in verschiedenen und immer anderen 
Richtungen zu psj'chischer Tätigkeit bestimmt zu werden. Dies 
wäre aber keine wirkliche psychologische Beschreibung, sondern 
nur eine leere logische Abstraktion, aus welcher eine reale Erklärung 
der verschiedenen Arten von seelischer Tätigkeit nicht möglich wäre. 
Die angebliche Eine Funktion bestände nur in dem Begriff der Möglich- 
keit von j)sychischer Selbsttätigkeit überhaupt, denn nur dieser bleibt 
nach Abstraktion von allen versciiiedenen Qualitäten der Tätigkeiten 
übrig. Aber gerade diese verschiedenen Qualitäten sind es, die durch 
die Funktionen erklärt werden sollen; und nur durch die besondere 
Qualität seiner Tätigkeit kann der Funktionsbegriff jeweils Realität 
erlialten. Somit nuiii eine Vielheit von Funktionen bestehen. 

Welche und wieviele Funktionen in Frage kommen, dies freilich 
bestimmt sich nur empirisch nach der von uns angegebenen Regel. 
Soweit eine Erklärung psychischer Tätigkeiten aus fundierenden 
anderen Tätigkeiten möglich ist, soweit ist auch die Annahme berech- 
tigt, eine V^ielzahl von Tätigkeiten unter der Einheit einer funk- 
tionalen Erklärung zusammenzufassen. Und nur wo Qualitäten aL< 
unauflöslich und nicht weiter zurüekführbar feststehen, muß eine 
Besonderheit der sie fundierenden Funktion als ursprünglich ge- 
geben angenommen werden. Die Funktionen also sind die Real- 
gründe und Erklärungsgründe für die inneren Tätigkeiten: diese 
letzteren aber sind die einzigen Erkennt nisgründo der Funktionen. 

Die Frage, auf welche Weise nun die einzelnen Funktionen in 
ihrer Realität erkannt werden, und welches die Rechtsgründe dieses 



152 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

Erkennens sind, gehört nicht mehr hierher; sie ist eine Teilfrage der 
psychologischen Analyse und ihres Verhältnisses zur Phänomeno- 
logie. Hier genügt der Nachweis, daß wissenschaftstheoretisch nur 
eine Vielzahl von Funktionen der psychischen Realität zu genügen 
vermag. 

Über die Annahme einer einzigen »psychischen Kraft«, 

Unter denjenigen, welche den Kraftbegriff im Psychischen auf 
eine einzige funktionale Einheit zugespitzt haben, übergehen wir 
die Rationalisten, welche dies mit der Besorgnis um die Einheit- 
lichkeit ihres Seelenwesens zu rechtfertigen suchten; aber eigen- 
artigerweise finden wir auch einen wirklichen Psychologen unter 
ihnen: Lipps hat, im Anschluß an Herbartsche Gedankengänge, 
folgende Formulierungen entwickelt i): »Die psychische Kraft ist 
eine einzige, das Eigentum der einheitlichen Seele, und steht jedem 
einzelnen psychischen Vorgang in gleicher Weise zur Verfügung. 
Diese Aneignung aber geschieht jederzeit auf Kosten der anderen 
gleichzeitigen psychischen Vorgänge. Es gilt die Regel: jeder psy- 
chische Vorgang hat die Tendenz der Aneignung der psychischen Kraft 
auf Kosten aller übrigen.« Zu dieser Auffassung kommt Lipps 
von einem dem unseren nahe verwandten Ausgangspunkt. Auch 
er 2) sieht in dem Kraftbegriff das theoretische Mittel, die Gesetz- 
mäßigkeit seelischen Geschehens zu bestimmen. Auch er stellt fest, 
daß der in der Seele zurunde liegende Begriff von Tätigkeit über den 
KJreis bloßer Beobachtung hinausgehe, und daß man berechtigt 
und genötigt sei, darüber hinauszugehen. Aber das führt ihn weiter 
zu dem Schlüsse, daß wir überhaupt über unsere Akte — unsere 
psychischen Vollzüge — nichts aus unmittelbarer Beobachtung, 
sondern nur etwas aus ihren Gegenständen erfahren. Mithin sollen 
alle Unterschiede im Psychischen nur solche der Gegenstände sein; 
mid damit kommt er naturgemäß nur zu einer einzigen psychischen 
Kraft. Er übersieht aber dabei, daß, wenn wirklich alle Unterschiede 
an psychischen Vollzügen nur solche der Gegenstände dieser Voll- 
züge sind, die Psychologie als besondere Wissenschaft, aller Inhalte 
beraubt, aufhört zu bestehen. Und dabei ist diese Behauptung vom 
Grunde des Unterschieds psychischer Vollzüge weder von Lipps 
praktisch befolgt, wie Meyerhof 3) ihm nachweist, noch an sich selber 
richtig. Beim Denken und beim Wahrnehmen eines und desselben 
Gegenstandes kann doch wohl von einem bloß intensivem Unter- 
schiede des Bewußtseins nicht die Rede sein; und da der Gegenstand 

1) Leitfaden der Psychologie. 3. Aufl. 1909. S. 81. 

2) Grundtatsachen des Seelenleben?. 1883. S. 16. 25. 156ff. 

3) Er schreibt (a. a. O. S. 40): »Lipps sagt: ,Unserer Denkakte sind wir uns 
nicht bewußt . . . Aber woher weiß Lipps etwas von den Denkakten? Er könnte 
doch nur von ihren Gegenständen etwas wissen, wenn er außer diesen nichts 
wahrnähme. « 



Einführung in die Probleme der psychischen Kausalität usw. I,j3 

der gleicho ist, mü.ssen dio phäuoinenalon Untorschiedo in psychi- 
schen Qualitäten beruhen. Hiermit fällt aber das einzige Argu- 
ment für dio Einzigkeit der psychischen Kraft in sich zusammen; 
alles übrige ist Begriffsmythologio konstruktiver Art. 

Das Wundt-Herbartsche Argument: den Funktionsklassen 
entspricht keine konkrete Wirklichkeit. 

Damit kommen wir zum dritten der möglichen Einwände gegen 
den hier geforderten Funkt ionsbcgriff: Daß nämlich das unter diesem 
Begriff jeweils zusanunengcfaßle psychische Geschehen nicht ein 
reales psychisches Einheitsgebilde sei, sondern bloß eine willkürliche 
Abstraktion. Wundt hat diesen Einwand dahin formuliert, daß 
man sich bei Bildung derartiger Begriffe »begnügt, Erscheinungen 
auf Grund gewisser übereinstimmender Merkmale in ein Wort zu- 
sammenzufassen «i). Sie seien nichts anderes als »eine abstrakte 
Generalbezeichnung für eine Menge von einzelnen Tatsachen, die 
überall nur als konkrete Einzelinhaltc des Bewußtseins vorkommen «*), 
und somit nur »Uberlebnisse des Nominalismus«'). Dieser Einwand 
Wundts stammt bereits von Herbart^). Herbart führt aus, 
daß die psychischen Zustände und ihr kontinuierliches Fließen gar 
nicht in festen Abstraktionen aufgefaßt werden könnten, ohne eine 
Entstellung ihrer eigentlichen Natur. Indem wir abstrahieren, müssen 
wir eine Menge Bestandteile des psychischen Geschehens aufgeben, 
eben um einen festen Begriff zu fassen. Und wenn wir nun aus 
solchen abstrakten Begriffen die Zustände des Seelenlebens erklären 
wollen, treffen wir damit die Wirklichkeit gar nicht mehr. 

a) Die Unvermeidlichkeit der Abstraktion in der 
Wissen8ch.aft. 

Bei diesem Einwände von Wundt und Herbart gehen zwei 
Tendenzen durcheinander. Erstens nämlich betont er die Schwierig- 
keiten des Abstrahierens überhaupt angesichts der Kontinuität des 
Psychischen. Diese Schwierigkeit besteht nun ganz gewiß. Wa-s 
vom Verhältnis der Abstraktion zur Wirklichkeit darin behauptet 
wird, gilt aber nicht allein von der psychischen Wirkliclikeit und dt'V 
psychologischen Abstraktion, sondern genau so auch von der phy- 
ischen Natur. Es besagt nicht mehr und nicht weniger als die alte 
Wahrheit, daß das Abstrakte niemals eine getreue Wiedergabe der 
vollen Wirklichkeit des Konkreten sein kann. Das hat die Wissen- 
schaft nicht gehindert, auch in der physischen Natur von der Ab- 



») Physiol. Psyehol. 5. Aufl. III. Bd. S. 296. 

2) a. a. O. y. 24!. 

3) a. a. (). S. 219. 

*) Handbuch d. empir. Psychol. S. 3, 7 ff. Psychologie als WiaaenaolufC. 
S. 22 ff. 



154 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

straktion stets den notwendigen und umfassenden Gebrauch zu 
machen — eben um Wissenschaft zu sein und Wissen zu verbürgen. 
Denn unsere Erkenntnis ist nun einmal so beschaffen, daß dies ein 
unvermeidliches Verfahren ist. Alle Naturwissenschaft verfährt 
notwendig so : ihr Weg ist, zur Erklärung der konkreten Anschauung 
der Wirklichkeit diese in das wissenschaftliche Bewußtsein zu heben, 
für die Reflexion zu formen. Und dazu bedürfen wir der Urteile 
und Begriffe. Letztere aber erhalten wir durch Abstraktion. Lehnen 
Wundt und Herbart für die Psychologie um der konkreten Wirklich- 
keit willen alle Abstraktionen ab — so müssen sie der wissenschaft- 
lichen Form und Bearbeitung überhaupt entsagen. Aber das tun 
sie natürlich nichts). Her bar t z. B. in seiner mathematisch be- 
handelten Lehre von der Hemmungssumme der Vorstellungen setzt 
als Gegenstände seiner Berechnungen doch Kräfte von verschiedener 
Stärke voraus; und was sind Kräfte anders als »Abstraktionen« in 
seinem Sinne ? Sie werden doch auch erst zu den Beobachtungen der 
konkreten Wirklichkeit hinzugedacht. 

Die erste Interpretation des Her bar t -Wundt sehen Einwandes 
gegen den Abstraktionscharakter psychologischer Begriffe trifft also 
nicht nur den Eunktionsbegriff, sondern jeden psychologischen Be- 
griff überhaupt, also auch ihre eigenen. Und ganz besonders sollte 
sich der Neuerfinder des psychologischen Apperzeptionsbegriffes, 
dieses Musterbeispiels ungenügender und unzulänglicher Abstraktion, 
davor hüten, aus dem Glashause mit Steinen zu werfen. Ferner aber 
trifft diese Tendenz nicht nur die Psychologie, sondern alle Empirie • 
überhaupt. Und endlich erschwert oder behindert der Charakter 
der Abstraktion zwar die Wissenschaft, macht sie aber andererseits 
allererst möglich. Der Einwand, soweit als er die eben angedeutete 
Tendenz zum Ausdruck bringen soll, ist also nur von komparativer 
Gültigkeit; er fordert methodische Besonnenheit in der Anwendung 
der Abstraktion und einwandfreie Maximen für dieselbe; mehr be- 
sagt er nicht. 

Freilich ist die Sache damit noch nicht ganz erledigt. Der Wirk- 
lichkeits- und Konkretheitscharakter psychischen Geschehens ist 
doch, gegenüber dem der körperlichen Natur, noch von besonderer 
Art. Dies liegt an dem bloßen Zeitkontinuum und der Gegebenheits- 
weise der psychischen Wirklichkeit. »Wir können uns einem Menschen 
vergleichen, der von einem dunklen Zimmer aus durch ein kleines 
Fenster die sonnenbeschienene Welt betrachtet: draußen ist alles 
leicht unterscheidbar, kehrt er sich aber um, so findet er sich schwer 
in seiner dunklen Behausung zurecht. Im Inneren finden wir einen 



1) Ebensowenig tut dies etwa Heinroth, der noch viel schärfere Worte gegen 
»die Vergötterung der sogenannten Wissenschaft« in der Psychologie findet 
(Psychologie als Selbsterkenntnislehre. 1827. S. 4); oder Moebius, der ähnlich 
argumentiert; und am krassesten, fast wie ein Witz der Geistesgeschichte, wirkt 
dieser Widerspruch zwischen dem antiwissenschaftlichen Programm und der 
Methode bei Bergaon. 



Einführung in die Probleme der psychischen Kausalität usw. 155 

Strom nur zeitlich geordneter Erlebnitjse, die nicht nur des Maßes 
spotten, sondern auch wie ziehende Wolken zerfließen, wenn wir wie 
festhalten wollen. Während sich das Ereignis vollzielit, können wir 
es nicht betrachten, und ist es vorüber, so verändert es sich sofort 
in der Erinnerung *).« Es liegt daher im Wesen der Sache, daß die 
Schwierigkeiten der Abstraktion und der Analyse psychischer Tat- 
bestände — ja auch schon der Begriff eines psychisclien Tatbestandes 
selber — besonderer metliodologischer Klärung bedürfen. Wir geben 
diese in einem späteren Zusammenhang dieses Buches ausführlich *), 
und verweisen zum Pioblem der Analyse auf Cornelius 3) und vor 
allem auf Meinongs-») grundlegende Arbeit. Als Ergebnis genügt 
hier, daß diese Schwierigkeiten nicht unauflöslich und prinzipiell 
sind, — wären sie das, so gäbe es Psychologie als Wissenschaft nicht. 
Sie ändern daher am grundsätzlichen Gebrauche der Abstraktion 
nichts. 

b) Verwechslung von Abstraktion und Induktion beim 
Wundt-Herbartschen Einwand. 

Die zweite Tendenz des Her bar t-W und t sehen Einwandes 
geht dahin, daß den abstrakt iv gewonnenen Begriffseiniieiten in der 
Wirklichkeit keine realen psychischen Einheiten entsprächen, sondern 
nur künstliche Gebilde von bloß logischer und nominaler Geltung. 
Auch hierin geht richtiges und falsches durcheinander. Zunächst 
beruhen die Funktionen gar nicht, wie diese beiden Forscher meinen, 
auf Abstraktionen allein; sondern sie sind das Ergebnis von In- 
duktionen. Sie stellen Gesetze für den Ablauf von bestimmten 
psychischen Erscheinungsreihen dar, und zwar kausale Gesetze. Diese 
werden niemals durch Abstraktion erreicht, welclie immer nur eine 
einfache logische Klassenbildung hervorbringt und Begriffe erzeugt, 
aber keine Gesetze, d. h. Urteile. Solche Gesetze für psychisches 
Gesciiehen beanspruchen aber die Funktionen zu sein. Sie sind das 
Ergebnis induktiver Schlußweisen aus einem — durch Abstraktion 
freilich begrifflich und generalisiert gestalteten — empirischen Ma- 
terial. Diese Induktionen haben natürlich niemals bloß logische, 
sondern reale Geltung; und ebenso die aus ihnen gefällten Gesetze. 
Es liegt also im Anspruch der Funktionen, real und nicht bloß logisch- 
klassifikatorisch zu gelten. Und diese Geltung haben sie auch in 
jedem einzelnen Falle, wenn sie richtig sind. Sind sie aber falsch, 



') Mocbius, Die Hoffnungslosigkeit aller Psvchologie. 1907. S. 12. 

2) Vgl. S. :}81 ff. 

3) Vierteljahrsschrift f. Wissenschaft!. Philosophie. 1892. S. 4lUff. 1893. 
S. 30ff. Ztsclir. f. Psychol. Bd. 24. !S. lITff. 

•*) Htitrügc zur Theorie psychischer Analyse. Ztschr. f. Ps^xhol. 1894. S. 340 
und 421 ff. Besonders sei betont, daß ich mich keineswegs mit allen Darlegungen 
des ausgezeichneten Denkers in Übereinstimmung befinde. Dennoch gebrauche 
ich den Ausdruck ».Vbstraktion* hier nur in\ synonymen Sinne mit Analyse, um 
das psychologische Problem der Zerlegung gar nicht erst anzuschneiden. 



156 Über die wissenschaftstheoretisclien Grundlagen der Psychologie ubw. 

so haben sie gar keine Geltung: weder reale noch logische. Dieser 
Teil des Einwandes beruht also auf einer Verwechslung von Klassi- 
fikationen und Induktionen. 



c) Das Kriterium der Realität von psychischen Klassen 
liegt in der leitenden Maxime ihrer Bildung. 

Nun ist jedoch etwas richtig Gemeintes an ihm, wenngleich in 
der verfehlten Formulierung, die wir zurückwiesen. Nämlich ohne 
zuvor erfolgende Analyse und ohne Abstraktion, ohne Klassenbildung 
aus dem empirischen Material wären die induktiven Schlüsse auf 
die Funktionen gar nicht möglich. Und diese Klassifikationen sind 
willkürlich und entstellen die Wirklichkeit. Das letztere wurde schon 
als unvermeidliche Voraussetzung aller wissenschaftlichen Arbeit 
überhaupt dargetan. Es führte dazu, ein Kriterium methodischer 
Art für die Abstraktion zu fordern: in welchem Falle ist das Ab- 
straktionsergebnis sozusagen induktionsreif? In welchem hat es 
nur seinen künstlichen klassifikatorischen Sinn, ohne Induktionen 
auf reale Einheiten kausal fundierender Art zu gestatten? Der 
Wundt-Herbartsche Einwand könnte zum Ausdruck bringen wollen, 
ein solches Kriterium fehle in der psychologischen Theorie ; und daher 
habe man keine Gewähr dafür, ob eine aus derartigen Abstraktionen 
gewonnene induktiv erfaßte Funktion wirklich als natürliches Gesetz 
zu gelten habe oder nicht, d. h. gar kein Gesetz sei, sondern ein Irrtum, 
der sich als Gesetz für Psychisches nur fiktiv und künstlich ausgebe. 

Hierzu ist zu bemerken, daß dieses Bedenken fraglos für die alte 
Vermögenspsychologie in weitem Umfang zutraf. Es geht natürlich 
nicht an und ist unpsychologisch im höchsten Grade, irgendwelche 
komplexen psychischen Abläufe unter einem willkürlich heraus- 
gegriffenen Abstraktionsgesichtspunkt zusammenzustellen, — ohne 
Rücksicht auf ihre gesamte sonstige Struktur — und von diesem 
Abstraktionsprodukt sodann ein funktionales Gesetz auszusagen. 
So könnte man leicht zu beliebigen unmöglichen, ja direkt läppischen 
psychischen »Funktionen« gelangen, die in der Tat nichts anderes 
wären als ein leerer Nominalismus, dem keine reale psychische Ein- 
heit entspräche. So könnte man beispielsweise auch eine psychische 
Funktion des Rätselratens, des Violinspielens, des Wurzelziehens 
aufstellen — womit denn psychisch einheitliche Gesetze des Rätsel- 
ratenkönnens, des Violinspielenkönnens, des Wurzelziehenkönnens 
oder ähnliche Gebilde als Realitäten behauptet würden. 

Ein derartiger Unsinn wird aber für die hier entwickelte wissen- 
schaftstheoretische Ableitung des Funktionsbegriffes im Psychischen 
vermieden, wie wir schon früher ausführten. Einmal nämlich ist 
uns die Art der phänomenologischen Analyse und Abstraktion selber, 
so wie wir sie noch entwickeln werden, durch die Allseitigkeit ihrer 
Deskriptionsgesichtspunkte eine Gewähr für eine größtmögliche 
Adäquation der Bearbeitung an das Reale. Sodann aber haben wir 



Einführung in die Problcmo d<r psychischen Kausalität usw. Iö7 

ja das Kriterium für die Rcclitsgründe zur Annahme einer Funktion 
als wahrhafter psycliologischer P^ntität an der Hand der Brentano - 
sehen Formel bereits im Voraus entwickelt. Wir haben damit eine 
leitende Maxime gewonnen sowohl für den Gesichtspunkt des Ab- 
strahierens als für die Ausdehnung der abstraktiven Regression. 
Wir wissen aus ihm, wie wir zu abstrahieren anfangen und wo wir 
damit aufhören sollen. Seine Anwendung besagt, daß das psychische 
8ich vollziehen als Tätigkeit aufgefaßt werden soll, und daß von allen 
temporalen, quantitativen und gegenständlichen Differenzierungen 
abgesehen werden soll, um die reine Weise der Tätigkeit, die rein 
qualitative und in Relationscharakteren bestehende Komplexion 
herauszuschälen. Was unter diesen Leitgesichtspunkten als unauf- 
lösliche, psychologisch nicht weiter zurückführbare psychische Qua- 
litätsklassen zurückbleiben, welche die Tätigkeit, die Objektbeziehung 
des Subjekts in ihrer Sonderart auszeichnen, dies ist das Abstraktions- 
material, aus welchem die Induktion auf besondere entsprechende 
Funktionen sich notwendig ergibt. Diese sind dann die Realgründe 
der reinen Qualitäten; und letztere sind notwendig selber real, gemäß 
der Definition des Qualitätsbegriffes. W'ir verbleiben also bei diesem 
ganzen Verfahren jeden Augenblick in innigster Berührung mit den 
Sicherheiten anschaulicher Wirklichkeit. 



d) Die Möglichkeit einer natürlichen Systematik von 

Funktionen. 

Den komplexeren Qualitätsstrukturen entsprechen die ihnen 
adäquaten funktionalen Komplexionen, und jedes Merkmal eines 
psychischen Vollzuges muß auch seinen Realgrund in einer Zusammen- 
setzung und Komplizierung fundierender Funktionen haben. Diese 
kann man natürlich nur durch abstraktive Analj'se der Merkmale 
an den Vollzügen selber auffinden. So ergibt sich eine doppelte 
Systematik, deren beide Seiten einander entsprechen: erstens eine 
Systematik der Arten, auf die sich funktionale Strukturen kom- 
plizieren können — welche Weisen des Verschmelzens, Sichverbindens, 
Aufeinanderauf bauens vorkommen können; und zweitens dem- 
entsprechend eine Systematik der so entstehenden funktionalen Ge- 
bilde von den letzten fundierenden Grundfunktionen an bis zu den 
verwickeltsten funktionalen Grundlagen seelischer Spezialleist ungcn 
mid Vollzüge. Diese abstraktive Systematik ist immanent und ver- 
hält sich zu den künstlichen Systemen der alten Vermögenspsycho- 
logie, wie die natürlichen Systeme der Tiere und Pflanzen sich zu 
den Linneschen Systemen verhalten. Das ganze System ist von 
rein empirischer Geltung. Seine Aufstellung ist aber nur eine ideale 
Forderung. Sic kann nur der Abschluß einer auszubildenden Phäno- 
menologie und Funktionspsychologie sein. Bisher sind noch nicht 
einmal die rohen Grundmauern dazu gelegt. Wissen wir doch noch 
nicht einmal eindeutig, welche letzten fundierenden Grundfunktionen 



158 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

es überhaupt mit Sicherheit gibt. Allein die Brentano sehe Schule 
glaubt dies zu wissen. Brentano hat nur drei generisch verschiedene 
Weisen der Bewußtseinsbeziehung auf Gegenstände anerkannt, denen 
die Phänomene des Vorstellens, des Urteilens und des »Liebens und 
Hassens« entsprächen. Bereits Meinong versuchte diesen Kreis 
auszugestalten, wie seine Theorie der Annahmen beweist. Husserl 
ließ noch eine Reihe weiterer Funktionen als möglich zu, ohne aber 
bestimmte als Realitäten aufzustellen. Bei Brentano kommt noch 
hinzu, daß er die letzten beiden Klassen seines funktionalen Systems 
ihrerseits wieder auf die fundierende Klasse »Vorstellung« zurück- 
bezog. Möbius hat sich mit sehr scharfen Worten gegen diesen 
Primat der vorstellenden Funktionen gewandt i), und schon Fries 
hat dargetan, daß das Vorstellen nur alsabge leitete Funktionsklasse in 
Frage kommen kann, — wenn es überhaupt eine reale psychologische 
Einheit ist. Wir werden den alten Streit, der nur in der Phänomeno- 
logie und ontologischen Theorie schlichtbar sein wird, hier, wo es 
sich nicht um materiales Einzelerfahren, sondern um dessen wissen- 
schaftstheoretische Sicherung handelt, nicht erneuern 2). Es liegt 
jedenfalls kein Grund vor, die Brentanosche Aufstellung schon als 
abgeschlossene Systematik der fundierenden Funktionen und ihrer 
Komplizierung zu allen möglichen seelischen Vollzügen zu betrachten. 
Gibt sie selber sich doch als Produkt der Erfahrung — und wann wäre 
diese je abgeschlossen? 

Uns genügt es, an Brentanos Leitmaxime zur Auffindung von 
Funktionen den Ariadnefaden für alle derartigen Untersuchungen 
an der Hand zu haben. Vorläufig aber, solange wir noch am Anfang 
aller funktionspsychologischer Arbeit stehen, bedürfen wir einer 
Systematik noch gar nicht, welche erst das Ergebnis derselben sein 
kann. Vorläufig begnügen wir uns damit, die gefundenen realen 
Funktionen in Klassen zusammenzufassen, deren Bezeichnung wir 
dem gewöhnlichen Sprachgebrauch^) entnehmen. Wir reden in 
diesem Sinne vom Erkennen, der Wahrnehmung, dem Urteil, dem 
Gefühl, den Trieben usw. und meinen damit die unter diesem ge- 
wöhnlichen Sprachgebrauch zusammengefaßten, durch Analyse und 



1) a. a. O. S. 28. 

2) Hierüber handeln ausführlich der folgende Band dieser Untersuchung. 

3) Auch wir schließen uns — wie Nelson es ohne Kenntnis desselben tat — 
dem Bekenntnis Moebius' an, für die in der Umgangssprache niedergelegte 
Psychologie »die innigste Verehrung zu fühlen« (a. a. O. S. 13). Andererseita 
haben wir » als Psychologen zu sprechen «, und die Abnutzung und Verschwommen- 
heit der vulgären Termini nötigt dann dazu, daß, wie Moebius sagt, »dann das 
Populäre aufhören muß « ; »es müssen die Begriffe mit derselben Sorgfalt behandelt 
werden, mit der der Physiker seine Begriffe behandelt; ja wegen der Schwierigkeit 
der psychologischen Begriffe muß die Vorsicht verdreifacht werden «. Die Termini 
der Umgangssprache, auf die wir zurückgreifen wollen, bedürfen also, um Klassen- 
begriffe zu bezeichnen, der sorgsamsten definitorischen Abgrenzung. Aber es ist 
törichter Hochmut, eine Psychologie nur deshalb als »Vulgärpsychologie« abzu- 
lehnen, weil sie sich vulgärer Termini bedient und mit dem schönen Wort »Asso- 
ziation« nicht fortwährenden Mißbrauch treibt. 



Einführung in die Probleme der psychisehcn Kausalität usw. 159 

Induktion aufgefuiuleiuMi und nach bestininiten Merkmalen loginch 
vereinigten einzelnen Funktionen, welche wir als Realgrund hierunter 
fallender Vollzüge erfaßt haben. Diese Klassenbildungen sind künst- 
liche und gelten nur logisch; die Funktionen selber aber, welche wir 
unter ihnen subsumieren, gelten real und sind real genau bestimmt 
als echte Ergebnisse psychologischer Forschung. So machen wir 
uns ein in der Tat künstliches System zurecht, auf welches wir an 
sich keinen Wert legen. Wichtig ist allein, daß unter diesem System 
nicht bloß die realen Vollzüge, sondern die sie fundierenden eigent- 
lichen psychischen Kräfte, die Funktionen, als Wirklichkeiten er- 
faßt und zusammengestellt werden können. Ob es uns gelingt, hinter 
diesen logischen Klassen natürliche aufzufinden, ist Sache späterer 
Untersuclnnig. 

Vorläufiges Ergebnis. 

Mit den bisherigen Ausführungen zum Problem der psychischen 
Kausalität haben wir die eine Hälfte unserer Lösung abgeschlossen. 
Diese bietet den Vorteil, daß die ewig lebendigen und wahren Grund- 
lagen Kantischer Kritik und W^issenschaftstheorie nicht verschüttet 
werden mit den künstlichen und Intellekt ualistischen Sj'stemen der 
von ihm und seinen Nachfolgern darauf aufgerichteten Psychologie. 
Wie diese durch eine hundertjährige Forschung in ihrer Überlebtheit 
verdrängt worden sind und werden mußten, so ist leider in der Gegen- 
wart auch die Basis der Kan tischen Lehre gerade hinsichtlich dieses 
psychischen Kausalproblems in Verfall geraten. Der Erfolg war, 
daß die größten Bereicherungen materialer und methodischer Einzel- 
arbeit in der modernen Forschung grundsätzlich in der Luft hingen 
und sich widersprachen. Ein System tat sich neben dem anderen 
auf, jedes mit dem Stigma der Vergänglichkeit und des Irrtums be- 
haftet; und direktionslos schwankte die psychologische Einzelfor- 
schung als ungeformtes Gebilde zwischen ihnen hin und her. Hier 
wird die Möglichkeit geboten, die Ergebnisse dieser Einzelforschung, 
ohne sie in ihrem wesentlichen Wert zu modifizieren, in eindeutiger 
und gerichteter Weise an das Bleibende des philosophischen Gerüstes 
der Kant-Friesschen Lehre anzuknüpfen, ohne aber den weiteren 
Fortgang der Arbeit dadurch systematisch oder methodisch, formal 
oder materiell zu präjudizieren^). 



*) Man wird bisher eine Erörterung der geisteswissenschaftlichen, kultur- 
wissenschaft liehen und geschichtsphilosophischen Ansprüche an einen besonderen 
Tjqnis von Begriffsbildung an psychischem Material und eine besondere psychische 
Kausalität vermißt haben. Wir geben sie an späterer Stelle (S. 194ff.), um hier 
erst einmal unsere positiven Entwicklungen durchzuführen — ohne jenem An- 
spruch damit vorgreifen zu wollen. 



160 Über die wissenschaftsfcheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 



5. Weiteres über die Probleme der psychischen Kausalität. 
Der seelische Zusammenhang und das Unbewußte. 

Kausalität und seelischer Zusammenhang. 

Aber mit der bisherigen Bearbeitung des Kausalproblems im 
Psychischen haben wir erst die halbe Arbeit geleistet. Um dies zu 
erkennen, müssen wir uns die psychologische Fragestellung deutlich 
vor Augen halten, welche die Erörterung psychischer Kausalität 
erst erzeugt. Wir wollen doch feststellen, ob und wie wir das Wesen 
seelischen Zusammenhängens erkennen können. Wir wollen 
begreifen, wie Seelisches aus Seelischem hervorgeht, und ob sich für 
dieses Auseinanderhervorgehen Gesetze aufstellen und bestimmen 
lassen. Was haben wir bisher dieser Fragestellung gegenüber für 
eine Antwort geben können; und welche weitere Antwortmöglichkeit 
haben wir noch? 

Wir haben bisher den Ablauf, das SichvDllziehen der einzelnen 
Arten seelischer Phänomene als jeweils durch ein funktionales Gesetz 
bestimmbarer Art ursächlich determiniert erwiesen, dessen allgemeine 
Form und dessen theoretisches Fundament wir darstellten. Dieses 
funktionale Gesetz erklärt uns, warum der einzelne Vollzug seiner 
formalen und qualitativen Struktur nach so erfolgt, wie er erfolgt. Es 
erklärt uns nicht, warum er erfolgt. Es gibt — und auch dafür 
haben wir eine allgemeine Begründung bezeichnet — den Grund der 
Möglichkeit, nicht den der Wirklichkeit des in Frage kommenden 
abhängigen phänomenalen Gebietes wieder. 

Damit ist zur Reduktion psychischer Strukturen und Qualitäten 
auf ihre psychologischen Fundamente und zu ihrer Erklärung aus 
diesen als ihren Realgründen zwar schon einiges getan. Aber die 
Wirklichkeit des Eintritts, des Hervorgerufenwerdens, der Auslösung 
des einzelnen seelischen Phänomens ist mit diesen theoretischen 
Grundlegungen noch nicht gegeben. Gerade sie aber ist es, auf welche 
das Problem seelischen Zusammenhängens sich zuspitzt. Die For- 
mulierung dieses Problems hat zwei Seiten. Gehen wir von einem 
unmittelbar erlebten seelischen Gegebensein aus, so muß gefragt 
werden : wodurch die Verbindung und Zusammensetzung der Funk- 
tionen gerade zu dem gegebenen seelischen Gebilde in seinem kom- 
plexen Sosein hervorgerufen wurde. Zweitens aber muß man nach 
den Veranlassungen der jeweiligen inhaltlichen i) Erfüllung der funk- 
tionalen Strukturen fragen, welche das gegebene seelische Gebilde 
zum Bewußtseinsinhalt machen. Beide Seiten der Frage hängen 
eng zusammen. 

1 ) Wir gebrauchen in dieser ganzen Abhandlung die Begriffe »Inhalt «, »"Form *, 
s>Struktur«, »Materie« noch »naiv«, ohne jene exakte Klärung, welche nur die 
später behandelte Phänomenologie ihnen zu geben vermag. Wir verwenden an- 
dererseits diese Termini nur dann, wenn über die Eindeutigkeit ihres »Sinnes« 
jeweils ein Zweifel nicht möglich ist. 



Weiteres über die Probk-me der psychischen Kuusalitat usw. IGl 

Der Begriff des Reizes. 

Nun fanden wir bereits in der Deduktion der Funktionen als 
empfänglicher, anreg barer, auslösbarer seelischer Kräfte, in der Eigen- 
Bchaft ihrer Bestimmbarkeit als Bedingung ihrer Aktualisierung einem 
Fingerzeig. Diesem folgen wir weiter. Wir leiteten jene Merkmale 
deduktiv aus dem Prinzip der rezeptiven »Spontaneität als dem Grunde 
der Möglichkeit alles einzelnen iSeelischen überhaupt her. In späteren 
Abhandlungen zur Phänomenologie werden wir den umgekehrten 
Weg vom unmittelbar gegebenen seelischen Gebilde aus analytisch 
zu gehen haben, und auf ganz gleiche Ergebnisse stoßen. Hier ge- 
nügt die Deduktion, um uns an dieser Stelle den Begriff des Reizes 
für die Aktualisierung seelischer Phänomene und damit die Gewähr- 
leistung seelischen Zusammenhängens nahe zu bringen. 

Die Bedeutung des Reizbegriffes für die psychische Kausalität 
wird von den verschiedensten Standpunkten psychologischer Denker 
in gleicher Weise anerkannt und determiniert. So spricht Lipps^) 
vom Unterschiede der zuständlichen und der aktuellen psychischen 
Gründe von Bewußtseinsgegebenheiten und meint mit den ersteren 
dasjenige, welches er das Reale, Unbewußte neimt, mit den letzteren 
ausdrücklich die es zum Gebilde bestimmenden Reize. Bei Schopen- 
hauer^) tritt die Kausalität im Psychischen ebenfalls als Ursache 
und daneben als Reiz auf; und ein derartigen Spekulationen völlig 
abgeneigter Forscher wie Bleuler schreibt i^) .»Wir haben es in der 
Psyche wie bei organischen Funktionen überhaupt meistens nicht 
mit direkten, sondern mit auslösenden Ursachen zu tun. Der Unter- 
schied zwischen den Fällen, wo wir Äquivalenz zwischen Ursache und 
Wirkung haben, und den anderen ist also nicht entsprechend dem 
zwischen Physisch und Psychisch, sondern er ist einer der Kompli- 
kation oder wenn man will des Ursachenbegriffes «... Für das Psy- 
chische hat er die Bedeutung »der Beeinflussung eines bestehenden 
oder der Auslösung eines neuen Vorgangs «. 

Potentielle Bereitschaft und auslösende Bedingung. 

Wir haben hier abermals die Analogie der Psyche mit dem Orga- 
nismus, dessen Lebensäußerungen als eine Spontaneität definiert 
sind, welche sich gemäß veränderten äußeren Bedingungen in ver- 
änderter Weise aktualisiert. Und wir können die Definitionen der 
pliysiologischen Reizlehre ziemlich unverändert auf die psychische 
Analogie ülxirnehmen*). Bevor wir dies aber tun können — wie es 

*) Psychische Vorgänge und psychische Kausalität. Ztschr. f. Psvchol. 
Bd. 25. S. 177. 197 ff. " , 

2) über die vierfache Wurzel usw. Kap. IV. §20. Die Motivation als dritter 
Kausiilzusiimmenhang bei Schopenhaui-r (s. auch Renouvior, Los dilemmes 
de la nietanhysique. 1901. S. 130ff.) kommt hier nicht in Frage. Bergmann 
(I.e. S. 80fi.) hat hierzu ben-its das Notwendige gesagt. 

3) Psych. KausaUtät und Willcnsakt. Zeitschr. f. PsychoL Bd. 69. S. 44££. 
*) Verworn. Allgem. Physiologie 1909. S. 409 ff. 

KruDfeld, PHyc'liiatrLsihc ErkcantnU. 11 



162 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

weiter unten geschehen wird — , ist freilich notwendig, den Kraft- 
begriff im Psychischen noch einmal in Vergleich zu dem der Physio- 
logie und Physik zu stellen. Wir sagten, der Unterschied des physi- 
schen Kraftbegriffes vom psychischen bestehe darin, daß ersterer 
mathematisch konstruierbarer quantitativer Gesetzbildungen fähig 
sei, letzterer nicht. In dieser Aussage liegt nicht, daß im Psychi- 
schen derartige Gesetze nicht bestünden. Vielmehr wird nur gesagt, 
ihre Erkenntnis sei durch die nichtextensive Art psychischen Ge- 
gebenseins unmöglich. Die mathematische Bestimmbarkeit physi- 
kalischer Kjräfte führte zum Energiegesetz. Aussagen über dessen 
Geltung im Psychischen sind unmöglich. Diese Unmöglichkeit 
besagt nicht, daß dieses Gesetz nicht gilt, sondern daß wir es empi- 
risch nicht zu verifizieren vermögen. Nach der Kantischen Lehre 
nun ist das Energiegesetz kein induktiv gefundenes empirisches 
Gesetz, sondern ein wissenschaftstheoretisches Gesetz a priori für 
die physikalische Natur. Dem steht nicht im Wege, daß es erst durch 
Erfahrung entdeckt werden mußte. Es ließe sich denken, daß dies 
Gesetz in der allgemeineren Form causa aequat effectum nicht bloß 
für die äußere Natur, sondern für die Natur überhaupt a priori 
gilt. Die Ableitung wird freilich immer nur für das Energiegesetz 
im eigentlichen Sinne gemacht, wozu das Prinzip der Extensität 
nicht zu umgehen ist. Bestimmung als gleich, größer und kleiner 
ist aber auch jenseits der Extensität, jenseits der physikalischen 
Natur für alles zeitliche Geschehen überhaupt möglich. Freilich 
wäre eine Bestätigung an psychischen Intensitäten schon deshalb 
nicht möglich, weil die Intensität der causa, nämlich der Funktion 
selber, unabhängig von dem als Wirkung gedachten Funktionieren 
gar nicht bestimmbar ist. Die Differenz beider Kraftbegriffe bliebe 
also bestehen. Und doch ermöglicht uns diese Überlegung, den 
Energiebegriff der Physik jenseits der mathematischen 
Theorie auf Grund dieses Gesichtspunktes auch ins Psy- 
chische zu übernehmen. Wir brauchen ihn hier, um die Begriffe 
der potentiellen und der aktuellen Energie bilden zu können. Dann 
können wir die Funktionen unabhängig von ihrem Vollzuge unter 
dem Begriff der potentiellen Energie denken; und unter den Reizen 
können wir diejenigen Bedingungen verstehen, welche sie aktuali- 
sieren. Es wäre dann so, daß jedes seelische Geschehen eine 
ihm adäquate Form seelischer Energie beansprucht, deren 
Größe wir aber nicht exakt bestimmen können. Diese Ener- 
gie ist — als Funktion — potentiell gegeben und wird durch aus- 
lösende Bedingungen jeweils aktualisiert. Diese nennen wir Reize. 

Die Kategorie der Wechselwirkung im Psychischen. 

Es sind dann immer in jedem Augenblick eine große Anzahl vei"- 
schiedener seelischer Energien in einem labilen Gleichgewichtszustand 
in potentieller Bereitschaft; und es hängt ganz von den jeweiligen 



Weiteres über die Probleme der paychieehen Kausalität usw. Iü3 

Reizen ab, welche von ihnen aktualisiert wird. Diese Bereitschaften 
bestimmen sich nach einer ganzen Reihe von Gesichtspunkten, deren 
Einzelheiten hier nicht genauer erörtert werden können, in indivi- 
duell und momentan besonderen Weisen: Erstens in den Dispo- 
sitionen und Anlagen der Persönlichkeit zur Beanspruchung be- 
stimmter bevorzugter Funktionen und Funktionsverbindungen; 
zweitens in den Reproduktionsdispositionen der indivi- 
duellen Vergangenheit; drittens in der Konstellation (worunter 
etwas weiteres gemeint ist als der Ziehensche Begriff der Asso- 
ziationskonstellation) der psychischen Individualität nach Maßgabe 
der verschiedensten noch zu erörternden äußeren Bedingungen jedes 
individuellen Momentes; viertens in dem gewohnheitsmäßig und 
dispositionell vorgegebenen Schema zeitlichen Aufeinander- 
folgens der einzelnen Funktionskategorien und ihrer Fundierungen 
durch jeweils andere, von denen der Wahrnehmung an über die des 
Vorstellens, Urteilens, Intcressehegens und Strebens bis zum Ent- 
schluß, — wovon ebenfalls noch zu sprechen sein wird, also auch 
wieder einer reproduktiven Tendenz, freilich einer ihrer Stellung 
nach ganz besonderen i). Dies alles als Totalität individueller psy- 
chischer Bereitschaften eines Augenblicks läßt sich unter der Kate- 
gorie der Wechselwirkung vereinigt, als energetisches oder 
dispositionelles Ganzes psychischer Spontaneität erklären. 
Die Art der Wechselwirkung ist hierbei, weil ebenfalls ein anschauliches 
Nebeneinander nicht besteht, nicht näher bestimmbar. Man kann 
die Tatsache, daß immer nur ein Bereitschaftskomplex in einem 
Zeitmoment aktualisiert wird, als gegenseitige Hemmung der 
Bereitschaften in ihrer Aktualisierung deuten; und so ge- 
schieht dies ja auch von Herbart bis Lipps. Man muß sich nur 
darüber klar sein, daß der Ausdruck Hemmung hierbei nichts erklärt, 
sondern nur diese denkbare Wechselwirkung allgemein in einem 
Worte umschreibt; eine näliero Bestimmung oder gar ein mathe- 
matisches Gesetz dieser Hemmung, wie etwa das Herbartsche, läßt 
sich aus unseren wissenschaftstheoretischen Erwägungen heraus 
nicht aufstellen. Macht man diese Annahme, so liegt es ganz bei den 
jeweils auftretenden Reizbedingungen, welche Bereitschaft aus diesem 
labilen Gleichgewicht heraus aktualisiert wird 2); und die Wirkung 

*) Denn es bildet ein besonderes Problemgebiet, ob die Wirklichkeit und 
Aktualität einer Funktionsklasse durch eine andere fundiert wnrd: das Streben 
durch Funktionen des Interesses, diese durch vorstellende Funktionen usw. — und 
wie dies »fundiert sein« verstanden werden muß. 

2) Hierfür gibt es eine ganze Reihe wertvoller direkter experimenteller Hin- 
weise. Unter den experimentell am besten durchgearbeiteten hier einschlägigen 
Auffassungsprüfungen nenne ich nur folgende: 

Ranschburg (Ztschr. f. Psychol. 30, 1): Über die Hemmung gleichzeitiger 
Reizwirkungen. Aall (Ztschr. f. Psycho!. 47, 1): Zur Frage der Hemmung usw. 
Schulz (Ztschr. f. Psychol. 52, Iff.): Unters, über die Wirkung gleicher Reize usw. 

In einem mehr indirekten Sinne lassen auch die mannigfachen Konstellations- 
versucho der verschiedenen Autoren die oben dargelegte Gesetzmäßigkeit als 
gültig erkennen. 

11" 



164 Über die wiEsensibaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

dieser Aktualisierung muß derart beschaffen sein, daß durch sie 
das labile Gleichgewicht dieser Bereitschaften selber 
wieder hergestellt wird, sonst wäre ein Fortgang des psychi- 
schen Geschehens nicht möglich. 

Die weiteren theoretischen Probleme des seelischen 
Zusammenhanges. 

Hieran knüpft sich nun eine Reihe von Fragen. Wir wollen sie 
zunächst kurz formulieren, um sie dann einzeln zu besprechen. Erstens 
nämlich die Frage nach der Natur dieser aktualisierenden 
Bedingungen, dieser Reize. Zweitens aber die fast noch wich- 
tigere Frage nach der Natur des nichtaktuellen Psychischen, 
nach der Natur dieser Bereitschaf ten funktionalerArt, und drittens 
die Frage nach ihrem Verhältnis zum aktuellen psychischen 
Gebilde und Geschehen. Es ist klar, daß eine Teilfrage dieser letzteren 
das Bewußtseinsproblem bilden wird. Es ist ferner klar, daß die 
erste und zweite Frage unter anderem auch auf das Problem der 
psychophysischen Beziehung führen; es ist endlich auch dies 
klar, daß die zweite Frage und auch die dritte den Begriff des 
Unbewußten in die Erörterung hineinziehen. 

Bewußtsein und seelischer Zusammenhang bei Lipps. 

Um mit dem Bewußtseinsbegriff anzufangen, so ist mit aller 
Entschiedenheit zu betonen, daß er für uns ein rein empirischer 
Befund am Psychischen ist. Nirgends ist seine apriorische 
Notwendigkeit wissenschaftstheoretisch verankert. Keine 
kategoriale Schematisierung erzwingt ihn, und es ist ein Denk- 
fehler, Psychisches durch ihn zu definieren. Ist dies fest- 
gestellt, so gehört seine Erörterung in eine phänomenologische 
Deskription. Dort und nur dort kann er als Wesensmerkmal des 
phänomenalen Bestandes psychischer Phänomene erschöpfend ge- 
klärt werden. Wir verweisen daher für diese Klärung auf spätere 
Arbeiten dieses Buches. Hier genügt es, ihm seine theoretische 
Stellung angewiesen zu haben. Das unmittelbar Gegebene, 
sofern es als Meines, als mir zugehörig gegeben ist, defi- 
nieren wir als erlebt oder bewußt. Bewußtsein ist mithin — 
sofern die Analyse einen einheitlichen Grund dieses unmittelbaren 
Gegebenseins als eines Mir-Gegebenseins aufzuweisen vermag — der 
psychologische Grund dieser unmittelbaren Ichgegebenheit. Schon 
Lipps 1) hat von diesem phänomenalen Psychischen, welches er 
Bewußtseinsinhalt nannte, daß nur Hinzuzudenkende unterschieden. 
Er analogisiert einmal psychologische und physikalische Erklärung 
darin, daß der bloße Phänomenbestand in beiden Naturreichen als 

1) a. a. 0. 



Weiteres über die Probleme der psychischen Kausalität tuw. 165 

Zeichen oder Symbol genommen wird für eine nur denkbare Wirk- 
lichkeit eigentlicher Art, in der die notwendigen Verknüpfungen er- 
folgen, deren symbolische Gebilde die Pliänomene sind. Dieser an 
sich ja uralte Gedanke findet eine originale Auslegung bei ihm im 
Hinblick auf das psychische Geschehen. Bewußtseinsinhalte im 
obigen Sinne sind hiernach nur Epiphänomen und Symbol für eine 
nur denkbare psychische Wirklichkeit, für das unbewußte psychische 
Reale, in dem die eigentlichen notwendigen Verknüpfungen sich voll- 
ziehen; es besteilt nicht irgendeine Art von Verknüpfung zwisclien 
den Bewußtseinsinhalten; sie besteht vielmehr ausschließlich in jenem 
psychisch realen Geschehen, welches jeden Phänomenalitätscharakter 
und damit jedes Bewußtsein ausschließen muß, um Anspruch auf 
Realität zu erheben. 



Der reale psychische Zusammenhang im Unbewußten bei 

Lipps. 

In der psychologischen Erklärung, meint Lipps, werde dieses 
zugrundeliegende Reale im Sinne des Unbewußten dreifach heran- 
gezogen: die Psyche habe bestimmte Anlagen, sie trage ferner eine 
individuelle Fülle von Gedächnisspuren, endlich stehe sie unter der 
Wirkung physiologischer Reize. Unbewußt sind alle diese Faktoren 
in dem Sinne, in welchem alles Reale unbewußt ist. Sie können zwar 
gedacht und durch dieses Denken Gegenstände des Bewußtseins 
werden, jedoch ist ihr Dasein unabhängig davon, ob ich von ihnen 
ein Bewußtsein habe oder nicht. Das reale psychische Leben be- 
dingt seinerseits die Bewußtseinsinhalte und stellt sich dem Erfassen 
nur durch diese mittelbar dar. Der psychische Lebenszusammen- 
hang ist aber eigentlich ein solcher dieser realen psychischen Vor- 
gänge und nur mittelbar ein solcher der Bewußtseinsinhalte; er ist 
ein Zusammenhang des Realen, ein Zusammenhang des Unbewußten. 
Das folgt bei Lipps aus der Definition des psychisch Realen. Lipps 
sagt dann: Wenn mich ein Gesicht an einen Bekannten erinnert, 
so ist nicht der Inhalt der Wahrnehmung es, welcher den Inhalt der 
Vorstellung kausal nach sich zieht, sondern der Vorgang des Wahr- 
nehmens erzeugt die Vorstellung. Das Sich erinnern ist nicht 
einfach das Dasein des Erinnerungsbildes, nach dem dasselbe 
vorher nicht da war, sondern ist eine Tätigkeit, ein reales inneres 
Geschehen. Diese Auffassung liegt ganz im Sinne der von uns ge- 
gebenen psychologischen Wissenschaftstheorie, wenngleich auch die 
Inhalte als Reize zur Aktualisierung produktiver Tätigkeiten ilire 
bedeutsame noch zu erörternde Rolle spielen. Lipps verlegt nun 
das reale innere Geschehen jenseits des Bewußtseins. Er bestreitet 
also eine psychische Kausalität der Bewußtseinsinhalte, »die erst 
von den Psychologen künstlich geschaffen ist«, und behauptet da- 
gegen die Kausalität der realen psychischen Vorgänge. Er warnt 
vor der Verraengung beider Begriffe. Bewußtseinsinhalte als Phäno- 



166 Über die wissenschaftstheoretisohen Grundlagen der Psychologie usw. 

mene haben kein Dasein als das Dasein in meinem Bewußtsein. Es 
hat keinen Sinn, ihnen Prädikate zu geben, die nicht Merkmale meines 
Bewußtseinsinhaltes sind, und damit nur von phänomenaler Geltung. 
Der psychische Lebenszusammenhang ist aber ein realer. Es hat 
also keinen Sinn, von ihm in bezug auf Phänomene zu sprechen. 
Wir unterscheiden also nach Lipps den phänomenalen und den 
kausalen Zusammenhang. Der phänomenale Zusammenhang be- 
steht nur in der Beziehung aller gegenständlichen Bewußtseinsinhalte 
auf mich, auf das unmittelbar erlebte phänomenale Ich. Es finden 
sich auch hierbei mannigfache Bedingtheiten, Tätigkeiten und Weisen 
des Hervorgehens; diese sind aber nur die besonderen Icherlebnisse 
und die Weisen meines unmittelbaren seelischen Bezogenseins auf 
gegenständliche Bewußtseinsinhalte. Im Gegensatz hierzu steht 
nach Lipps der Kausalzusammenhang, die reale Gesetzmäßigkeit 
des Psychischen. Zwischen beiden bestellt eine Beziehung, insofern 
wir den phänomenalen Zusammenhang gedanklich an ein Reales, 
speziell an die entsprechenden realen psychischen Vollzüge anknüpfen. 
Dadurch wird der phänomenale Zusammenhang gewissermaßen real 
zeitlich und kausal lokalisiert. Tatsächlich jedoch sind die psychi- 
schen Vorgänge das seelisch Substantielle und Einheitliche, das an 
sich Unbekannte, welches den positiven und aktuellen psychischen 
Grund für das Dasein der Bewußtseinsinhalte in sich schließt. In- 
dem Lipps diese realen psychischen Vorgänge den aktuellen Grund 
des Daseins der Inhalte nennt, stellt er sie in Gegensatz zu den nicht- 
aktuellen zuständlichen Bedingungen, den Beschaffenheiten der 
Psyche, den in ihr ruhenden Gedächtnisspuren usw. Zu den ak- 
tuellen psychischen Gründen treten bei Lipps die Reize. Die Pro- 
zesse, die durch einen Reiz ausgelöst auf das Dasein seines Bewußt- 
seinsinhaltes abzielen, passieren auf dem Wege zu diesem Ziele eine 
Sphäre, in welcher sie untereinander und zugleich mit den gleich- 
zeitigen Geschehnissen, die ohne Wirkung eines äußeren Reizes in 
dieser Sphäre selbst ihren Ursprung nehmen, in Wechselbeziehung 
treten. Diese Sphäre nun, dies ist die von der Sphäre des Bewußt- 
seinslebens unterschiedene Sphäre des realen psychischen Geschehens. 
Die Reize bedingen die gegenständliche Beschaffenheit der Inhalte, 
die subjektive Seite der psychischen Organisation bedingt ihre 
Struktur. 



Kritik der Lippsschen Theorie. 

An dieser Lippsschen Lehre ist ein großer Gesichtspunkt richtig 
und zu einem bleibenden Gewinn aller psychologischen Forschung 
geworden: nämlich der der akzidentellen Natur des Bewußtseins, 
wie wir ihn auch vorhin betont haben. Fast alles übrige bei Lipps 
ist freilich schief. Schief ist erstens sein Begriff des Unbewußten. 
Zweitens die Vermengung eines erkenntnistheoretischeu Phäno- 
menalismus mit der psychologischen Phänomenalität. Drittens 



Weiteri-8 über die i'rüblume der paychiöchen Kausalität uhw. 1G7 

seine Ansicht von den Gegenständen, auf wekho Naturgesetze sich 
bezielien. Was seinen ersten Mangel anlxjtrifft, so sind in dem Bo- 
griff des Unhewuüten, den er hat, mehrere Bedeutungen konfundiert. 
Kinmal nämlicli das niclit bewußte, nicht unmittelbar erlebnismäßig 
Gegebene. Sofern er dieses als psychisch bezeichnet, Ijehäh e3 aber 
den Charakter der Ichzugehörigkeit, durch welchen bei ihm gerade 
sein Bewußtseinsbegriff definiert war. Diese »Schwierigkeit läßt sich 
freilich in einer wisscnschaftstheoretisch richtigen Psychologie be- 
heben; sie besteht nur in der Lippsschen Konzeption. Sodann be- 
zeichnet sein Begriff vom Unlxjwußten das eigentlich psychisch 
Wirkliche, die psychisclie Realität; und diese wieder in einem doppel- 
ten Sinne. Erstens nämlich als psychologische Realität — wobei 
dann ein definitorischer Gegensatz besteht zwischen diesem psychisch 
Realen und der Natur psychischer Erkenntnis. Denn über das 
psychisch Reale vermag mit den Mitteln psychologischer Erkenntnis 
ex definitione nichts ausgesagt zu werden, da es ja im Moment, wo 
€3 ins Bewußtsein gehoben wird, also Gegenstand psychischer Wahr- 
nehmung wird, seines Realitätscharakters entkleidet ist und nur noch 
phänomenal gilt. Zweitens bezeichnet sein Unbewußtes das Reale im 
Sinne des absolut Wirklichen, an sich Existierenden, des nur rein 
denkend als Träger der gesetzlichen Notwendigkeit erkennbaren 
wahren Seins. Damit ist der zweite Irrtum Lipps' gegeben: der 
erkenntnistheoretische; der Gegensatz zwischen Bewußt und Un- 
bewußt wird zu einem solchen zwischen Erscheinung und Wesen, 
zwischen Schein und Sein. Und es ist eine fast komische Umkehrung 
der platonisch-aristotelischen Terminologie, wenn Lipps von dem 
E^hänomen als Ideellem, von dem Wesen als Reellem spricht. Eduard 
V. Hart mann war in seiner Unbewußtseinsleiire metaphysisch und 
erkenntniskritisch viel konsequenter. Wenn man den Begriff des 
Unbewußten für die Psychologie fruchtbar machen will, muß man 
sich dieser Vermengung erkenntnistheoretischer Gedankengänge mit 
psychologischen gänzlich entschlagen. Drittens endlich ist Lipps 
Behauptung über die Geltung von Naturgesetzen im Physischen 
wie im Psychischen falsch. Die Gesetze gelten nicht jenseits der 
Phänomene, sondern für die Phänomene, und wenn noch Phänomene 
im Psychischen als Bewußtseinsinhalte bezeichnet werden, so gelten 
notwendige Verknüpfungen für diese und zwischen diesen, aber nicht 
jenseits derselben, so daß sie gänzlich von der Geltung dieser Ver- 
knüpfungen losgelöst und ausgeschlossen werden. Denn das Bereich 
der Phänomene ist das Gebiet möglicher Erfahrung überhaupt im 
Sinne Kants, in bezug auf welches die Naturgesetze allein Geltung 
beanspruchen. Lipps verwech.selt hier die .Modalität der Geltung 
von CJesetzen, welche notwendig und apriorisch ist. mit der empi- 
rischen Gegebenheit der Gegenstände, auf die sich die Gesetze be- 
ziehen. Die Phänomene in ihrer unmittelbaren Gegelx?nheit haben 
♦reale« Existenz; sie sind sogar das einzig Gegebene, dessen Realität un- 
mittelbar und untrüglich gegeben ist. über die Evidenz der äußeren 



168 Über die ■wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

Wahrnehmung mag noch Streit zwischen philosophischen Schulen 
sein, über die der inneren Wahrnehmung kann es keinen geben und 
hat es nie einen gegeben. Es ist gänzlich unerfindlich, wie ein Denker 
von Lipps' Range auf einen derartig abwegigen Gedankengang 
kommen konnte. In allen übrigen Formulierungen steht Lipps 
auf dem gleichen Boden wie unsere wissenschaftstheoretischen Fest- 
setzungen; ganz besonders in bezug auf den Tätigkeitscharakter 
psychischen Geschehens und die zentrale Stellung des Ich als der 
tätigen Spontaneität. Die alte Kantische Wahrheit fundiert also 
auch das Richtige in der psychologischen Lehre dieses modernen 
Führers. Wir können hier hinzusetzen, daß, bei aller Irrtümlichkeit 
der theoretischen Formulierung, der Gedanke Lipps', die phänome- 
nalen Zusammenhänge des Seelischen von den angeblich eigentlich 
kausalen des realen Unbewußten zu sondern, einen wertvollen Kern 
enthalten. Natürlich sind auch die phänomenalen Zusammenhänge 
nur kausal erfaßbar; Lipps selber spricht von Bedingtheiten, vom 
Hervorgehen des einen aus dem anderen usw., was anders soll damit 
umschrieben sein als eine Kausalbeziehung? Aber freilich werden 
Bewußtseinserlebnisse gemäß den Weisen ihrer Erlebtheit kausal 
aufeinander bezogen, und zwar vom erlebenden Ich, und zwar auch 
solche, deren tatsächlicher Kausalzusammenhang durch Zwischen- 
schaltung unbewußter Glieder ein ganz anderer ist, als er dem Er- 
lebenden erscheint; dieser Kausalzusammenhang kann überhaupt 
fehlen und irrig oder problematisch sein und dem Erlebenden nur als 
solcher erscheinen. Man muß hier trennen: das Erlebnis des Zu- 
sammenhängens für den Erlebenden — und das tatsächliche Zu- 
sammenhängen. Wir werden noch Gelegenheit haben, diese Fragen 
im Verlauf unserer Untersuchung genauer zu klären. Hier denke 
man nur, um ein Beispiel zu bilden, an den Unterschied zwischen 
einem Phänomen als Motiv zu einem anderen, und einen Vorgang 
als Ursache eines seelischen Phänomens. Über die neuerdings auf- 
gekommene Behauptung einer Sonderartung von »verständlichen 
Zusammenhängen« von Jaspers im Gegensatz zu kausalen wird 
an spätererstelle gehandelt werden i), ebenso über den Rickertschen 
Begriff psychischer, individueller Kausalität 2). 

Wenn wir also den Begriff des seelischen Zusammenhängens er- 
klären wollen, und zwar kausal erklären, so ist dasjenige, was zu- 
sammenhängt, im Gegensatz zu den Behauptungen von Lipps 
natürlich das Phänomenale, so wie wir es immer dargestellt haben, 
also dasjenige, was er Bewußtseinsinhalte nennt. Wir vermeiden 
den Begriff des Bewußtseinsvorgangs noch wegen seines akziden- 
tellen Charakters und wegen seiner phänomenologischen Schwierige 
keiten. Wir meinen hier mit den Gegenständen des Zusammen^ 
hängens, mit dem was zusammenhängt, das aktuelle psychische 



1) Vgl. S. 359 ff. dieses Buches. 

2) Vgl. S. 191 ff. dieses Buches. 



WeitereB über die Probleme der psychiachi-n Kausalität usw. 169 

Geschehen. Wir sind uns freilicli darülxjr klar, daü der liewußt- 
seinscharakter, das Erlebtwerden als Merkmal der Ichqualität vom 
Psychischen diesen Voll/aij^ modifizieren kann, so daß es ein anderer 
Gesichtspunkt ist, diesen V'oUzug als Vollzug, d. h. als Funktionieren 
des fundierenden Funktionskomplexes zu analysieren, ein anderer 
ihn als Erlebnis hinzunehmen. Der erste Gesichtspunkt gilt für allo 
theoretische funktionspsychologische Bestimmung, der letztere für 
allo phänomenologische. 

Der Begriff des Unbewußten. 

Kommen wir nunmehr auf unseren Gegensatz zwischen dem ak- 
tuellen Psychischen und den fundierenden Bereitschaften zurück, 
80 wird uns die große psychologische Errungenschaft, welche vor 
allen anderen Lipps durcli seine Verwendung des Unbewußten in 
der Psychologie geschaffen hat, von Gewinn. Aktuell psychisch, 
d. h. phänomenal gegeben, mit Bewußtseinscharakter Ijohaftet ist 
uns dann dasjenige Psychische, welches durch Wirkung irgend- 
welcher noch zu erörternder Reize aus der Totalität potentieller 
psychischer Energien, die sich wechselseitig hemmend beeinflussen, 
ausgelöst wird. Der Auslösungs Vorgang selber ist funktionspsycho- 
logisch zu erklären, ist phänomenologisch zu beschreiben. Aber die 
theoretische Frage bleibt zu klären: Welcher Natur sind jene Bereit- 
schaften? 

Vergessen wir nicht : Wir haben Psychisches durch die Art .«meines 
Gegebenseins definiert. Die Art dieses Gegebenseins schloß Bewußt- 
sein logisch-analytisch nicht ein; andererseits ist uns alles unmittel- 
bar gegebene Psychische bewußt. Würden wir Psychisches durch 
sein unmittelbares Gegebensein definitorisch begrenzen, so wäre un- 
bewußtes Psychisches nicht möglich. Wie andererseits ist uns Psy- 
chisches gegeben, insoweit es nicht unmittelbar gegeben, nicht Phä- 
nomen in diesem Sinne ist ? Welches sind dessen Realitätsansprüche? 

Indem wir hier von unbewußtem Psychischem reden und die 
Natur jener Bereitschaften in dessen Sphäre verlegen, vollziehen wir 
zunächst nur eine Forderung, eine Hypothese, welche durch un- 
mittelbare Beobachtung niemals bestätigt werden kann; denn das 
unbewußte Psychische ist ja seinem Wesen nach gleich dem nicht 
unmittelbar Gegebenen. Ferner aber verengern wir in einer Weise, 
deren Zulä^sigkeit noch durchaus strittig ist, den Umfang der Mög- 
lichkeiten, aus welchen die Natur jener Bereitschaften noch sonst 
erklärt werden könnte (z. B. aus physiologischen Vorgängen o. dgl.). 
Und endlich fassen wir mit unserer Formulierung den Begriff des 
Unbewußten so, als wenn seine dem unmittelbar gegebenen Psychi- 
schen wesensgleiche Artung — als eines Psychischen, so wie wir 
eben Psychisches zu erfassen vermögen — schon feststünde, was aber 
zunächst durchaus noch nicht der Fall ist. 

Wir müssen also die Erörterung über den Bogriff des Unl>owußten 



170 Über die wissenschaftstlieoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

ein wenig erweitern. Freilich beabsichtigen wir nicht, dies Problem 
in seinem ganzen Umfang auch nur aufzurollen. Selbst seine psycho- 
logische Seite wäre erschöpfend nur zu klären an Hand von Unter- 
suchungen über die Art psychischer Wahrnehmung, psychischen 
Erfahrens, psychischen Gegebenseins und psychischer Tatsächlichkeit. 
Eine derartige Untersuchung kann aber hier noch nicht ihre Stelle 
haben. Hier handelt es sich nur um diejenige theoretische und logi- 
sche Abgrenzung, welche uns den Begriff des Unbewußten im Hinblick 
auf unseren theoretischen Zweck zu bestimmen erlaubt. 



Erste Abgrenzungen des Begriffs. 

Hellpach hat einmal i) auf die Begriffsverwirrung hingewiesen, 
welche dadurch entsteht, daß der Terminus Unbewußtes in der Psy- 
chologie in allen möglichen Bedeutungen gebraucht wird. Ähnliche 
Feststellungen über seinen Bedeutungswechsel und die dadurch an- 
gerichteten Unklarheiten hat auch Berze gemacht 2). Beide Autoren 
nehmen unabhängig voneinander entschiedene Stellung gegen die 
neuerdings zutage tretende Überschätzung des Unbewußten, welches 
auf diese Weise als bequemes Erklärungsprinzip für alle möglichen 
psychologischen Vorgänge herhalten muß. Beide sind sich freilich 
darüber klar, daß sie mit ihrem Verlangen nach möglichster Ein- 
schränkung einer derartigen Verwendung des Unbewußten nur 
einen Gesichtspunkt geben, welcher über die grundsätzliche Natur 
des Unbewußten und seine Zulässigkeit nicht entscheidet. Hellpach 
unterscheidet — ohne Anspruch auf Vollzähligkeit — acht ver- 
schiedene Bedeutungen, in denen der Ausdruck Unbewußtes ver- 
wandt wird. Zum Teil liegt in dieser Verwendung eine theoretische 
Erklärung und Deutung, zum Teil aber auch bloß eine Benennung 
von psychologischen Tatbeständen. Man nennt diese Tatbestände 
unbewußt, ohne sich viel dabei zu denken, und bezeichnet sie damit 
bloß als erklärungsbedürftig, ohne daß aber diese Erklärung nun 
auch wirklich aus einer Theorie des Unbewußten erfolgen müßte. 
So werden Phänomene der Hypnose, des Traumes, der Dämmer- 
zustände als unbewußt bezeichnet, aber natürlich ohne jede grund- 
sätzliche Berechtigung, lediglich auf Grund der deskriptiven Sonder- 
art ihres aktuellen Gegebenseins. Ferner heißen manche »Instinkt« 
Handlungen und Reaktionen bei Tieren, selbst dann, wenn sie als 
kompliziert und zielgerichtet auffallen, wie der Nestbau mancher 
Vögel, unbewußt — ebenfalls ohne jede zulängliche Begründung. 
Unbewußt heißen ferner oft Triebhandlungen im allgemeinen. Ferner 
wird das Unbemerkte oder Ununterschiedene auch als Unbewußtes 
bezeichnet. Es handelt sich hierbei meist um unbemerkte Teilinhalte 
eines komplexen Gesamteindrucks, welche selber nicht besonders 

1) Unbewußtes oder Wechselwirkung? Ztschr. f. Psychol. Bd. 48. S. 238ff. 

2) Die primäre Insuffizienz der psychischen Aktivität. Wien 1914. S. 342 
biß 352. 



Weitores über die Prublomc- der psychischen Kausalit&t usw. 171 

iKJWußtHoinsrepräöentiort sind, besonders Äluskel- und Golenkenipfin- 
dungen, aber auch Teiltöne eines Klanges; ebenso auch um die »Wahr- 
nehmung, die da sein muß, weil sonst il»r Vielfältiges nicht da «ein 
könnte« (Leibniz, zitiert nach Hellpach): Wenn wir das Rauschen 
des Regens hören, hören wir nicht den Fall der einzelnen Tropfen, 
und doch ist das Rauschen des Regens nur ein Vielfaches der einzelnen 
Tropfengeräusche. Fechncr iiat für diese unljemerkten Empfin- 
dungen den Ausdruck der negativen Empfindung: sie ist als Empfin- 
dung nicht da, sondern nur als potentielle Möglichkeit für den Fall 
einer intensiven Reizsteigorung. Berze fügt dieser Aufzählung noch 
einige weitere Klassen von Phänomenen hinzu, welche der Sprach- 
gebrauch ebenfalls zuweilen Unbewußt nennt. In allen diesen Fällen 
ist aber die Deutung ganz unabhängig von dieser Benennung. iSie 
ist auch aus einer Theorie des gradweises abstufbaren Bewußtseins, 
der Aufmerksamkeit oder ähnlichen Annahmen möglich^). Ja es 
kommt vor, daß diese als unbewußt bezeichneten Tatbestände von 
denselben Forschern, die sie unbewußt nennen, durch ein Verhalten 
des Bewußtseins erklärt werden. Jedenfalls liegt in ihnen keine 
grundsätzliche Nötigung, ein besonderes Unbewußtes heranzuziehen, 
wenngleich natürlich ihre Erklärung auch aus diesem stattfinden 
könnte, falls ein solches Un))ewußtes aus anderen Gründen ab Er- 
klärungsprinzip vorausgesetzt werden müßte. 

Wenn aber derartige Konzeptionen eines Erklärungsprinzips auf- 
gestellt werden, so muß es Tatbestände geben, welche eine andere 
Erklärungsmöglichkeit nicht oder doch nur gezwungen zulassen. 
Zu derartigen Tatbeständen gehören die bisher genannten, dem Be- 
griff des Unbewußten unterstellten Tatbestände nicht. Gibt es nun- 
mehr auch diese Tatbestände? 



Das Problem der Reproduktion und ihrer theoretischen 

Möglichkeit. 

►Sogleich denkt man an den Tatsachenkomplex, welcher für die 
ganze Psychologie von fundamentaler Bedcutinig ist und unter dem 
Begriff der Reproduktion zusammengefaßt wird. Die Repro- 
duktion mit iiirer Unwillkürliclikeit, Mechanität und dennoch ge- 
staltenden und schöpferischen Wirkung hat denn auch die Konzeption 
des Unbewußten zuerst entstehen lassen. Hierher gehört ferner alles, 
was mit dem Problem der Reproduktion in näherem Zusammenhange 
steht: vor allem dies, daß sich im gegenwärtigen Psychischen Wirkun- 



1) \fi\. V. Hurt mann. Der Begriff des Unbewußten. »Deutschland«. 1903. 
Heft 13. Das » minder Bewußte« oder nicht gerade auf die verlangte Weise Bewußte 
»kann nur mit Unrecht als ein Unbewußtes bezeichnet werden«. Nach v. Hart- 
mann hat das Bewußtsein keine tJrade, sondern was man so nennt, ist auf Unter- 
schiede im Inhalt des Bewußtseins zurückzuführen ( Philos, des l'nbewußton. 
Teil II. S. 51 — COff.). Jedenfalls erkennt er grundsätzlich zwischen dem Bewußt- 
sein und Unbowußtscin keinen bloß intensiven Unterschied nn. 



172 Über die wisseuschaftstheoretiechen Grundlagen der Psychologie usw. 

gen zeigen, deren auslösende Ursache ihrerseits nicht im aktuellen 
Psychischen gelegen war. Die Phänomene der Übung und Erlernung, 
z. B. von »automatischen« komplizierten Bewegungen zweckvoller 
Art unter Ausschluß »der vorgängigen Wahl« (Wähle) gehören hier- 
her. Ebenso Phänomene des sogenannten Instinktes und der Auto- 
matismen anderer Art. Ferner die vielfachen Anzeichen einer schöpfe- 
rischen und produktiven Tätigkeit, die aber im Bewußtseinsleben 
nicht auffindbar ist: zu diesen rechnen die sogenannten Freudschen 
Phänomene. Eine Teilfrage endlich dieses Problems ist nun auch 
unsere Frage nach dem Verhältnis der Erlebnisse zu den fundierenden 
Funktionen. 

Es dürfen aber hier keine Mißverständnisse aufkommen über 
dasjenige, was wir denn nun eigentlich fragen und was uns zur Er- 
örterung des Unbewußten zu zwingen scheint. Man kann fragen 
nach dem Verhältnis eines phänomenalen Erlebnisses zu der Ge- 
gebenheitsweise des funktionalen Vollzuges, welcher dies Erlebnis 
konstituiert. Man kann zweitens fragen nach dem Verhältnis des 
phänomenalen Psychischen zu den es fundierenden Bereitschaften. 
Nur diese letztere Frage ist von prinzipieller Art und nötigt zur 
Hereinziehung des Unbewußten in die Diskussion. Diese Frage 
läßt sich auch so stellen: gibt es nichtaktuelles Psychisches? Die 
erste Frage hingegen, welche das Verhältnis der Gegebenheit von 
Erlebnissen und funktionalen Vollzügen behandelt, ist demgegenüber 
gleichsam eine Detailfrage innerhalb des Bewußten. Sie ist mit der 
allgemeinen Regel, daß Jemand, der Gegenständliches erlebt, nicht 
zugleich auch das Erleben des Gegenstands erlebt, auf das Gleise 
des Unbemerkten im Sinne eines auch aus dem Bewußtsein deutbaren 
seelischen Tatbestandes geschoben. 

Gleichviel welcher psychologischen Gesamtanschauung man hul- 
digt, so ist unbestreitbar, daß es seelische Tatbestände gibt, die aus 
dem eigentlich Bewußten nicht zureichend erklärt werden können. 
Ihre Erklärung ist auf drei Wegen möglich : aus einer Konzeption 
des Unbewußten, aus Nichtpsychischem (physiologischen Konzep- 
tionen) und aus dem Bewußten unter Zuhilfenahme des Nichtpsychi- 
schen. Dabei schließen sich diese Wege der Erklärung keineswegs 
aus. Es ist sehr wohl möglich, zur Erklärung der Verursachung 
eines Vollzuges eine unbewußte Bereitschaft, zu deren Aktualisierung 
und Gehaltsbestimmung aber Nichtpsychisches und Bewußtes als 
auslösende Bedingungen heranzuziehen i). 

Für den oben unter Reproduktion im weitesten Sinne zusammen- 
gefaßten großen Komplex ist man sich allerseits darüber einig, daß 
ihr etwas objektives Überdauerndes zugrunde liegen muß. Der eine 



1) Die scharfsinnigsten Bedenken gegen die Konzeption des Unbewußten 
äußert Brentano (Psychologie usw. 1874. S. 133 ff.). Allein er geht von einem 
Bewußtseinsbegriff aus, den wir nicht teilen und der mit Notwendigkeit xur Gleich- 
setzung des Psychischen mit dem Bewußten führen muß. Wir behandeln Bren- 
tanos Einwendungen daher erst in der Phänomenologie des Bewußtseins. 



WoiteroB über dio Pfoblomc der psychischen Kausalität uüw. 173 

Weg dies zu bestimmen, der am häufigsten Ix'gangene, verwei->i uns 
auf dio pliy.siologisehen Hypostasierungen. In diesem Sinne ist die 
ll^'do von .Spuren, Dispositionen usw. als unmittelbaren physischen 
Korrelaten von aktuell Psychischem. Wir äußern uns liier nicht 
gegen diese Erklärungsmöglichkeit, welche durch empirische Veri- 
fizierung jederzeit eine Wirklichkeit werden kann. Andererseits ist 
es weder Kantisch noch psychologisch, uns sofort und restlos zu ihr 
zu flüchten. Psychologisch gewinnen wir gar nichts mit ihr. Ihre 
Annahme ist geeignet, das Vorliegen von Kausalzusammenhängen 
im Psychischen überhaupt in PVage zu stellen: sobald man nämlich 
nichts anderes gelten läßt als die zerebralen Mechanismen und das 
aktuell Psychische. Damit würde denn psychologische Erklärung 
überhaupt unmöglich und bedeutungslos, und das Psychische würde 
wieder zum bloßen Epiphänomen. Wir haben aber in unserer Wissen- 
schaftslehre die Funktionen und Grundfunktionen des Psychischen 
bereits aus dem Wesen des Psychischen abgeleitet, aus Qualitäten, 
welche es vor dem Nichtpsychischen voraus hat. Wenn wir freilich 
das Bewußtsein zum Definitionsmerkmal des Psychischen machen, 
so nutzt uns das alles nichts. Wir müssen dann auch diese eigent- 
lichen seelischen Triebkräfte aus dem Bereich des Psychischen eli- 
minieren. Aber wir haben ja bereits gesehen, daß wir durchaus 
keinen Grund dazu haben. Psychisches durch das Bewußtsein zu defi- 
nieren. Und es wäre nahezu lächerlich, um dieser falschen und will- 
kürlichen Definition willen unsere wissenschaftstheoretischen Grund- 
legungen zugunsten eines materialistischen Theorems über Bord zu 
werfen. Sind sie richtig, dann ist auch das Unbewußte an dieser Stelle 
gefordert. Es ist dasjenige Psychische, welchem das zufällige Merkmal 
nicht konstitutiver Art, welches wir Bewußtsein nennen, nicht zu- 
kommt. Endlich spricht hierfür auch, daß das Reproduzible deutliche 
Wirkungen im Bewußtsein ausüben kann, ohne selber reproduziert 
zu werden. 



Widerlegung von Bedenken gegen die Zulässigkeit der 
Konzeption des Unbewußten. 

Welche Schwierigkeiten bietet diese Konzeption des Unbewußten? 
Hellpach, der diese Frage gründlich geprüft hat, und ein Gegner 
des Unbewußten ist, wendet ein, seine Annahme stelle den Kausal- 
zusammenhang innerhalb des Bewußten in Frage. Diese Folgerung 
ist selbstverständlich richtig. Aber was schadet das? Das wäre doch 
nur dann bedenklich, wenn Bewußtsein und Psychisches identisch 
wären. Ein lückenloser Kausalzusammenhang innerhalb der Bowußt- 
seinsphänomene Iwsteht doch ohnehin nicht. Und wir haben durch 
die Konzeption des Unbewußten die Möglichkeit gewonnen, die Un- 
abgesclilossenheit der Kausalreihcn in vielen Fällen zu vormcidea 
oder doch zu verringern. 

Zweitens wendet Hellpach ein, das Eingreifen des Unbewußten 



174 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

Reproduziblen ins Bewußte sei eine Deutung. Ganz gewiß: aber 
die Annahme eines physischen Ursachenprinzips ist das nicht minder. 
Drittens meint Hellpach, das Reproduzible sei in dieser Fassun«' 
nicht bloß Material, sondern indem es zu den Bedingungen des Be- 
wußtseins beitrage, eine mitbestimmende Tätigkeit. Auch dies ist 
richtig. Aber es ist uns das kein Einwand, sondern eine neue Stütze 
unserer wissenschaftstheoretischen Grundanschauung vom Cha- 
rakter alles Psychischen als eines Tuns. Indem wir das Spontaneitäts- 
prinzip auch auf die Reproduktion ausdehnen, erlösen wir sie aus 
ihrer toten schematischen Gebundenheit an die Formeln einer miß- 
brauchten Mechanität, in welche die bloße Assoziationspsychologie 
sie allzulange geschlagen hat. Wir müssen dies auch Berzei) gegen- 
über betonen, dessen sonst so kritische Ausführungen in diesem 
Punkte den Bereich der intentionalen Psychologie verlassen und in 
der Reproduktion durchaus keine geistige Tätigkeit, sondern nur 
eine passive »Ekphorie von Engrammen « sehen wollen — gleich als 
ob die überflüssige Semonsche Terminologie geeignet wäre, die alte 
mechanische Lehre zu verjüngen. Bei Berze erklärt sich diese Ein- 
schränkung aus einem Mißverstehen des Intentionalitätsbegriffes 
überhaupt, den er in der Brentanoschen Schule vorgefunden hat 
und viel zu äußerlich voluntaristisch nimmt, ohne ihn in seinen 
richtigen theoretischen Fundierungen klar zu erfassen 2). 

Hellpach sieht ferner in der Konzeption des Unbewußten noch 
eine besondere Schwierigkeit und wirft Hirt, der diese Schwierigkeit 

1) Die primäre Insuffizienz der psychischen Aktivität. S. 349. An anderen. 
Stellen freilich stellt sich Berze auch zu dem Reproduktionsphänomene ganz so, 
wie wir, im Sinne der Aktionspsychologie. 

2) Über den Begriff Intention vgl. S. 339ff. dieses Buches. Was Berze an- 
langt, so spricht er von »intentionaler« und »impressionaler« »Sphäre« als koor- 
dinierten Geschehensgebieten; mit letzteren meint er nicht bloß die »hyletischen 
Daten« Husserls als unselbständige Materialien psychischer, noetischer Phäno- 
menalität, sondern das ganze Gebiet der Assoziationspsychologie, in welches er 
die Aktivität gleichsam als eine andere Reihe von Elementen (er spricht auch 
direkt von »intentionalen Elementen«) einschaltet. So liegen die Dinge aber nicht. 
Wir werden später noch die möglichen Bedeutungen des Intentionalen dartun; 
schon hier aber läßt sich, rückblickend auf unsere wissenschaftstheoretischen 
Grundlegungen, sagen: Das intentionale oder noetische Moment, als das konstitu- 
tive Wesensmerkmal des psychischen Geschehens als einer Tätigkeit, ist ganz 
inkommensurabel mit irgendeiner anderen Sphäre, etwa von Impressionen oder 
Elementen. Diese sind unselbständige Materien, an denen die Intentionen sich 
realisieren. Die Intentionen zer ''allen nicht in intentionale »Elemente«; Elemente 
sind nur die materialen, gleichsam stofflichen Bausteine, aus denen die Intentionen 
Erlebnisse bilden. Nach Husserls schönen und klaren Ausführungen (Ideen zu 
einer reinen Phänomenologie. S. 174 ff.) sind die Intentionen die eigentlich »psy- 
chische Seite der Erlebnisse «. Elementaranalyse im assoziationstheoretischen Sinne 
ist nur innerhalb der Erlebniseinheiten an den psychologisch unselbständigen 
Materien derselben möglich. Und die »Assoziationen« bilden nur insofern einen 
Gegensatz zur »Aktion«, als sie das Wesen des intentionalen Aktes selber nicht 
aufzulösen vermögen. Im übrigen bleiben sie als Formen der Verknüpfung von 
solchen Erlebnissen und Akten untereinander, soweit diese Verknüpfungen nicht 
eelber urteilsartige oder sonst intentionale, noetische, »determinierte« sind, be- 
stehen. 



Weitorca über die Probleme der [Sychischon KauBaliUit usw. 175 

nicht sieht, weil sie nicht besteht, in scliarfen Worten vor, er umgehe 
das eigentliche Problem. Nicht darin liege diese Schwierigkeit, daß 
das Bewußte ufxstiifbar sei, und daß nicht alles im momentanen Be- 
wußtsein anwesend sei, was in ihm seine Wirkungen äußert. Viel- 
mehr darin, daß iium vom Unbewußten im kSinno eines hypothetischen, 
keinem Menschen als Tatbestand gegebenen Etwas jenseits des Kör- 
perlichen und des Bewußten spreche; gerade deshalb sei es fraglich, 
ob mau jene unbestreitbaren Tatbestände unbewußt nennen soll 
und damit der Verwcchshing mit jenem Etwas preis geben dürfe. 
Hier sclieint uns Hellpach selber die »Scliwierigkeiten künstlich zu 
.schaffen. Auch wir reden nicht davon, daß das Bewußtsein nach 
Graden abstuf bar ist; das ist selbstverständlich und hat mit dem 
Unbewußten gar nichts zu tun. Ebensowenig reden wir von jenen 
psychologischen Tatbeständen, welche fälschlich unbewußt genannt 
werden, obwolil sie aus einem besonderen Verhalten des Bewußtseins 
erklärbar sind. »Sondern wir reden von jenen psychologischen Tat- 
Ijeständen, die aus einem solchen Verhalten des Bewußtseins eben 
nicht erklärbar sind. Daß es solche Tatbestände gibt, hat ja Hell- 
pach selber zugegeben, sonst brauchte er das Physisclie ja nicht zur 
Erklärung heranzuziehen. Zur Erklärung dieser Tatbestände ziehen 
wir nun das Unbewußte in der Tat hypothetisch iieran, und zwar 
ganz im Sinne von Hellpachs Beschreibung. Und wenn wir diese 
Tatbestände, welche wir durch das Unbewußte erklären, nun auch 
als Unbewußt bezeichnen, so verhalten wir uns logisch völlig ein- 
wandfrei. Richtig ist an Hellpachs Gedankengang, daß die Deutung 
psychischen Geschehens aus dem Unbewußten den Tatbestand dieser 
Deutung jeder möglichen Verifizierung durch die Wahrnehmung ent- 
zieht. Denn das Unbewußte ist nicht wahrnehmbar. Hellpach 
hat auch darin recht, daß er die Behauptung ablehnt, die Hj'pnose 
bringe das Unbewußte zum Erleben. Tatsächlich erlebt man auch 
in der Hypnose ein Bewußtes, welches uns aber vorher unbekannt 
war. Bewußtseinscharakter ist das Wesen jedes Erlebnisses; wird 
also, wie behauptet, unbewußfes in der Hypnose erlebt, so hat es 
seine Wesensart damit eingebüßt, nämlich die, niemals im Erlebnis 
gegeben sein zu können. 

Aber in dieser grundsätzlichen Unwahrnehmbarkoit — nicht 
Unerkennbarkeit, wie Hellpach will, — liegt doch keine grund- 
sätzliche Schwierigkeit. Kräfte können wir, um ein Beispiel zu 
nennen, ebenfalls nicht wahrnelimcn: welcher Mensch wird aber die 
Aimahme von Kräften deshalb ablehnen? 

über die Möglichkeit positiver Bestimmung des Unbe- 
wußten. 

Viel schwieriger als die Begründung der Existenz des Unbewußten 
und seiner theoretischen Zulässigkeit, seines Gefordortseins ab psy- 
chischer Sphäre ist es nun freilich, positive Bestimmungen an ihm 



176 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

zu treffen. Hier gibt es zwei grundlegende Möglichkeiten. Die 
erste, der wir uns anschließen, geht dahin, genau so, wie wir den 
Bewußtseinscharakter am Psychischen für akzidentell halten, auch 
den Unbewußtseinschai'akter für akzidentell zu halten. Soweit die 
Sphäre der Bewußtseinsgegebenheit von Psychischem geht, be- 
handeln wir sie beschreibend, d. h. gewinnen positive Merkmale und 
Bestimmungsstücke aus der Wahrnehmung. Das übrige Gebiet des 
Psychischen wird durch die Wahrnehmung nur negativ oder ein- 
schränkend bestimmt; seine Bestimmungsstücke werden denkend 
entwickelt, und zwar gemäß den regulativen Gesichtspunkten, welche 
uns die Wissenschaftslehre für das Psychische überhaupt an die 
Hand gibt. 

Der zweite Weg, das Unbewußte positiv zu determinieren, ist der 
einer konstruktiven theoretischen Konzeption über dasselbe, wobei 
die Bestimmungsstücke entweder nach Analogie oder aus dem Gegen- 
satz zu denen gebildet werden, welche dem phänomenalen Psychischen 
der Bewußtseinssphäre konstitutiv sind. Hierbei wird das bewußt- 
seinsgegebene Psychische zu einem gewissermaßen bloß zufälligem 
Nebeneffekt des Unbewußten. Die Bestimmung dieses Unbewußten 
überschreitet also die ihr gezogenen logischen und methodischen 
Erkenntnisgrenzen im Sinne dieser konstruktiven Vereinheitlichung 
des Psychischen überhaupt, und seiner Einbeziehung in das Un- 
bewußte. 



Nochmals Unbewußtes und psychische Realität. 

So ist bei Lipps das Unbewußte zugleich das psychisch Reale. 
Wir haben uns hierzu bereits weiter oben geäußert. Es ist gar keine 
Frage, daß das Psychische in seiner Realität gänzlich unabhängig 
ist vom Bewußtseinscharakter; somit ist auch das Unbewußte real. 
Freilich ist seine Realität nicht in der unmittelbar evidenten Weise 
gegeben wie die des bewußten Psychischen. Sie wird denkend er- 
kannt. Der Gegensatz, den Lipps hier hineinträgt, ist also nicht 
ein solcher des Gegenstandes, sondern ein solcher des Erkennens. 
Im übrigen sehen wir in den Konzeptionen von Lipps einen frucht- 
baren Gewinn auch für die Weiterentwicklung unseres Problems der 
psychischen Kausalität. Seine Konzeption des Unbewußten er- 
möglicht, wofern nicht andere Hindernisse noch auftauchen sollten, 
in der Tat den lückenlosen Kausalzusammenhang alles 
Psychischen. Dieser tritt gleichsam nur an einzelnen Punkten 
in der Sphäre der bewußten Phänomenalität hervor, spannt sich 
aber zwischen ihr und dem Unbewußten kontinuierlich 
aus. Wir fragen natürlich nach- der Verursachung und nach dem 
Zusammenhang von Phänomenen. In der Antwort aber 
werden wir auf unbewußte Bereitschaften, auf die Mög- 
lichkeit unbewußter auslösender Bedingungen und Reize, 
auf die Möglichkeit unbewußter Wirkungen und Zwischen- 



Wpitrres über dir- I'rohlrmf der paychinohcn KauHnlität urw. 177 

gliedfr hingowicHcn. Dadurch liißt sich eine dynamische 
Psychologie von der Phänomenologie aus, aber ihre Gren- 
zen durchaus überschreitend, auf Grund unserer Wissen- 
schaft ^theoretischen Obersätze auferbauen. 



Freud. 

Auf Lippssohcm Boden stellt auch Freud hinsichtlich seiner 
Theorie des Unbewußten. Aber indem er die schöpferische Kraft 
dieses Unbewußten zu erklären sucht, muß er ihm Bestimmungs- 
stücke zufügen, welche bei Lipps noch fehlen. Er entnimmt sie, 
wie Hcllpach richtig bemerkt, dem Bewußtseinsleben, indem er 
dessen ziclgericiitetc Bclierrscliung durch Verstand und Willen auf 
das Unbewußte analogisierend überträgt. An dieser Stelle, wo es 
sich um reine Theorie handelt, kann dazu nur gesagt werden: als 
heuristische Konzeption ist ein derartiger Gedanke durchaus möglich. 
Nur muß Freud dann auch die seelischen Funktionen angeben, 
welche durch ihren Vollzug diese der bewußten Reflexionsarbeit 
analogen Ergebnisse im Unbewußten bewirken. An späterer Stelle 
wird sich zeigen, wieweit er dieser Fordenmg zu genügen vermag. 

Jedenfalls besteht zunächst kein Grund, mit Hellpach in dem 
Verfahren Freuds eine Überschätzung der Analogieschlüsse zu er- 
blicken. Derartige Hypothesen sind genau so berechtigt, wie alle 
anderen. 

Bedenklicher ist Lipps Definition des Bewußtseins, welche Freud 
aufgenommen hat, als Organ zur Wahrnehmung von psychischen 
Qualitäten. Aber hierüber kann erst in einer Phänomenologie des 
Bewußtseins gehandelt werden. 

Ergebnis der Untersuchungen über das Unbewußte. 

Wir betonen also nochmals: eine derartige Konzeption des Un- 
bewußten, auf welches alle von uns vorher entwickelten Definitions- 
merkmalc des Psychischen überhaupt zutreffen und welches den Ober- 
sätzen psychologischer Theorie genau so untersteht wie alles Psy- 
chische, hat keinerlei theoretische Schwierigkeiten. Sie ist' nicht 
nur heuristisch, sondern sogar theoretisch gefordert. Daß das Be- 
wußtsein kein konstitutives Merkmal des Psychischen ist, ist nicht 
ihre Folge, sondern eine völlig unabhängige Feststellung. 

Es bliebe noch der Einwand: woher wir denn wüßten, daß dieses 
Unbewußte etwas Seelisches sei, da doch die Merkmale des Unbe- 
wußten auf jedes transzendierendo Sein paßten. Man sieht aus 
dem Vorangegangenen leicht, daß dieser Einwand die hier ent- 
wickelte Konzeption gar nicht zu berühren vermag. Er entsteht 
daraus, daß es noch immer nicht richtig verstanden wird, wenn die 
Definition des Psychischen nicht durch das Merkmal des Bewußt- 
seins erfolgt. 

Kronffld, PsychUlrUi-he ErkcnntnU |2 



178 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

Dennoch muß man zugestehen, daß auch die erkenntniskritischen 
Schiefheiten von Lipps den genannten Einwand verständlich machen. 
Wenn Lipps das Unbewußte als das eigentliche psychisch Reale, als 
das wahre psychische Sein definiert, so muß man dem entgegenhalten, 
daß ein so definiertes wahres Sein weder etwas Psychisches ist, noch 
etwas Reales, Der Begriff des Psychischen und des Physischen um- 
faßt bereits Phänomene. Ein Unbewußtes, das zur Erscheinungs- 
welt in Gegensatz tritt, ist tatsächlich nicht mehr Psychisch. 
Ebensowenig ist es Physisch. Es ist »wahres Sein «, also transzendent. 
Es ist auch nicht real, denn Realität ist eine kategoriale Prädikation 
von Phänomenen. Es ist ideal. Damit wären wir dann beim 
Hartmannschen Unbewußten gleich dem Absoluten^). 



1) Es ist natürlich nicht möglich, den Gedankenbau eines großen philo- 
sophischen Denkers über sein Zentralproblem mit ein paar Worten zu umschreiben, 
geschweige denn zu diskutieren. Eduard von Hartmann hat das Problem 
des Unbewußten in verschiedenen Werken behandelt. Es seien zitiert: Philo- 
sophie des Unbewußten, 10. Auflage, besonders Bd. 2, S. 153—200, 482 ff., Bd. 3, 
S. 295—330; Archiv für systematische Philosophie, Bd. 6, S. 373 ff. und vor 
allem die moderne Psychologie, S. 75ff. , 121 ff. , 274 ff. Hier sei nur gesagt: 
Seine Lehre vom Unbewußten akzeptieren, heißt seine gesamte Philosophie an- 
nehmen. Eine Herauslösung und psychologische Fruchtbarmachung seiner Un- 
bewußtseinslehre aus ihrem philosophischen Gesamtrahmen ist unmöglich. Bei 
Hart mann ist es dem Unbewußtsein wesentlich, daß es etwas Psychisches ist, 
und zwar etwas individuell Psychisches. Und doch ist das Unbewußte kein Teil 
oder Bereich der Erscheinungen. Die Phänomenalität des Psychischen wird durch 
ihren Bewußtseinscharakter definiert. Alles was unter sie fällt, ist vom Begriff 
des Unbewußten ausgeschlossen. Hart mann ist sich seines Widerspruches voll 
bewußt, erklärt ihn aber für auflöslich. Er vollzieht diese Auflösung etwa folgender- 
maßen: Das psychische Urphänomen ist das Gefühl. Aus Gefühl wird durch 
kategoriale Funktionen die Empfindung, aus Empfindungen durch andere kate- 
goriale Funktionen die Anschauung, aus Anschauungen wieder durch andere kate- 
goriale Funktionen die Vorstellung. Aus dieser Begriffe usw. Alle diese Bildungen 
sind psychische Phänomene und als solche notwendig auch Inhalte eines Bewußt- 
seins. Sie sind psychische Phänomene nur insofern sie für irgendein Bewußtsein 
bewußt sind, nicht aber insofern sie für ein anderes Bewußtsein unbewußt sind. 
Er unterscheidet also verschiedene Bewußtseiue in demselben Individuum, ein 
oberstes Bewußtsein und Bewußtseine niederer Individualitätsstufen. Mit Bezug 
auf das oberste Zentralbewußtsein können die genannten Phänomene relativ un- 
bewußt sein. Relativ unbewußte Bildungen sind aber psychische Phänomene 
nur als relativ bewußte, nicht aber als unbewußte Phänomene. Das Paradoxe 
an ihnen liegt darin, daß sie Phänomene der individualen Seele sind und doch 
nicht im obersten Zentralbewußtsein, welches gewöhnlich für das einzig vor- 
handene Bewußtsein schlechthin gehalten wird. 

Wollen und Denken hingegen gehen über den Phänomenalitätscharakter des 
Psychischen hinaus. Von beiden muß anerkannt werden, daß ihre phänomenale 
Bewußtseinsrepräsentation nur Symbol ist für eine außerbewußte psychische 
Tätigkeit. Und erst diese außerbewußte psychische Tätigkeit ist es, die mit dem 
Worte Wollen eigentlich gemeint ist. Dasselbe gilt für das Denken. In dem Sinne, 
in dem diese Tätigkeit selber gemeint ist, gehört sie dem absolut Unbewußten an. 
Absolut unbewußt sind psychische Tätigkeiten, die als Tätigkeiten in kein Be- 
wußtsein fallen, wenngleich ihre Produkte als psychische Phänomene bewußt sind. 
Alle psychischen Tätigkeiten müssen als Tätigkeiten absolut unbewußt sein. Alle 
Passivität ist irgendwie bewußt, alle Aktivität als solche unbewußt. Alles Bewußte 
ist rein passiv, aktionsunfähig, alles Unbewußte ist aktiv und produktiv. Daß 



Weiteres über die Probleme der psychischen Kausalität uhw. 179 

Unsere Korrektur des UiibewulJteii befreit dasselbe von der Wir- 
kung dieses Einwandes. Es umfaßt ein Bereich potentieller 
Phänomene und phänomenal wirkender Kräfte. Und es 
ist lediglicii akzidentell, daß die potentiellen Phänomene, 
sobald sie aktuelle werden, nieht mehr dem Unbewußten 
angehören. Ks liegt dies daian, daß die VVahrneh mung selber, 
die ja nicht nur Erkenntnis, sondern zugleich auch immer ein psy- 
chischer Vollzug ist, zu denjenigen Vollzügen gehört, welche 
Bewußtseinscharakter involvieren. Daß dies so ist, ist aber 
nicht theoretisch notwendig, sondern eine phänomeno- 
logische Tatsache. Damit ist denn dies ganze Problem seines 
grundsätzlichen Charakters entkleidet. 

wuch das Bewiißtsein aktiv sein könne, diese Meinung entspricht einer Verwechslung 
(lt'8 phänonu'nak'n Ich mit dem unbewußt tätipen Subjekt. 

Die psyc'hischtn Phänomene dea obersten Zentralbewußtseins sind das End- 
produkt einer langen Reihe aufeinander gebauter funktionaler Bildungen. Die 
Inhalte dieser funktionalen Bildungen gehören den schichtenwei.se einander über- 
lagernden niederen Bewußtseinen (Unterbewußtseinen) der Individualität an, 
ileren CJnindlage die Tätigkeit des Zentralnervensystems bildet. Aus ihnen er- 
wirken die Kategorialfunktionen immer höhere aber nur unterbewußte Produkte 
und zuletzt die phänomenalen Gegebenheiten des oberston Zentralbe^-ußtseins. 
Die Inhalte der Unterbewiißtseine (elementare Bestandteile der höheren Bildungen) 
entziehen sich der direkten Analyse, weil sie relativ unbc^vußt sind. Die Kategorial- 
funktionen entziehen sieh der Beobachtung, weil sie als Tätigkeiten dem absolut 
L'nbewiißten angehören. Die relativ unbewußten Phänomene sind eine Vor- 
bedingung für die Bewußtseinsinhalte. 

Die Di.spositionen, welche Hart mann rein physisch faßt, und die Tätig- 
keiten dea Zentralnervensystems sind mit relativ unbewußten psychischen Phäno- 
menen dauernd verknüpft. Um dieser Verknüpfung willen bezeichnet er die.se 
Tätigkeiten selber als einen Teil des relativ Unbewußten mit dem Begriff des 
physiologischen Unbewußten. Bewußtseinsgegebenheiten bauen sich also auf 
aus dem physiologischen Unbewußten und der absolut unbewußten psychischen 
Tätigkeit. Das physiologische Unbewußte wäre an sich ein bloß Bewußtloses und 
nicht Unbewußtes, wenn die Materie selber etwas durchaus Unpsychisches wäre. 
Nach Hart mann jedoch ist die Materie ein bloßes Produkt aus dem Zu.sammcn- 
wirken individueller Kräfte, denen sie als objektiv reale Erscheinung entspricht. 
Diese Kräfte selber sind Individuen unterster Individualitätsstufe. Ihre Kraft- 
äußerungen sind absolut unbewußte psychische Tätigkeiten. Ihnen entsprechen 
jirimitivste psychische Pliänumcne, Lust- und Unlustgefühle, die noch nicht 
qualitativ zusammengefaßt sind, aber die primitive Bau.steine zu der Synthese 
von Individuen der nächst höheren Stufe abgeben. So entfalten die Atome sowohl 
absohit unbewußte Tätigkeit als auch psychische Phänomene, welche dem Be- 
wußtsein höherer Stufe unbewußt bleiben, also etwas relativ Unbewußtes sind. 
Das physiologische Unbewußte besteht sonach .selber auch seinerseits wieder im 
absolut Unbewußten und relativ Unbewußten. 

Das absolut Unbewußt<'. welches einerseits das physiologisch Unbewußte als 
einen Teil der Natur hervorbringt, welches f«'rner das relativ Unbewußte als einen 
Teil der psyehi.schen Phänomene umfaßt, ist demnach der Grund und die über- 
greifende Einheit der Natur und des (Geisteslebens überhaupt. Das absolut Un- 
bewußte ist der metaphysi.sche Urgrund alles Seins hinter Materie und Bewiißt- 
sein. Es ist weder material noch bewußt. Es ist das wahn» Sein der Identitäts- 
philosophie, welche ebenso wie sie nur als Immateriulismus mOglich ist, auch nur 
als Philosophie des l^nbe^\^^ßten möglich ist. 

Wir geben tliese kurze Darstellung hier wieder, einmal weil wir dies dem 

12» 



180 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 



6. Die Reize und die allgemeinen Bedingungen psychischer 

Dynamik. 

Der Reizbegriff und seine Merkmale. 

Nach dieser notwendig gewordenen Einschaltung können wir zur 
weiteren Auflösung des Kausalproblems im Psychischen zurück- 
kehren. Die psychischen Vollzüge, welche sich phänomenal als Er- 
lebnisse oder Teile von solchen im weitesten Sinne darstellen, sind, 
wie wir sahen, die Wirkung von Funktionen und Funktionskomplexen, 
welche als potentielle Bereitschaften im Unbewußten liegen, und zur 
Aktualisierung der Auslösung durch Reize bedürfen. Die Reize, 
die Erregungs- und Auslösungsbedingungen sind also die eigentlichen 
Gründe der Wirklichkeit aller seelischen Vollzüge. Von ihnen gilt 
im Psychischen das Gleiche, was Verworni) für die Reize der Phy- 
siologie ausgesprochen hat: »Wir müssen es als Charakteristikum 
des Reiz Vorgangs betrachten, daß zwischen Reiz und Reizwirkung 
überhaupt kein bestimmtes Verhältnis bezüglich der Energiegrößen 
besteht. « Dies würde auch für denjenigen Fall gelten, in welchem 
sich für die psychische Kausalbeziehung der Satz causa aequat effec- 
tum als zu Recht bestehend erweisen ließe. Denn die Reize sind nicht 
die causa, sondern diejenige hinzukommende Bedingung, durch deren 
Eintritt die causa zur causa wird. Alle weiteren Bestimmungen über 
die Wirkungsintensität der Reize sind demgemäß heuristisch-empi- 
rische. Ihnen entspricht kein theoretischer Ordnungsgesichtspunkt 
als leitende Maxime. Wir wissen es von der empirischen Forschung, 
daß die Reize im Psychischen einen Schwellenwert ihrer aktualisie- 
renden Eignung haben, und daß dieser Schwellenwert nach der Reiz- 
qualität und den subjektiven Bedingungen schwankt. Wir wissen 
weiter, daß unterschwellige Reize sich zu summieren und aufzu- 
speichern vermögen. Die große Mehrzahl der als Reize in Frage 
kommenden Veränderungen — z. B. unserer Wahrnehmungswelt, — 



großen deutschen Denker schuldig zu sein glauben, sodann aber, um zu verhüten, 
daß seine Konzeptionen, soweit sie die Psychologie als empirische Forschung be- 
treffen, aus dem philosophischen Gesamtgebäude, in dem sie stehen, herausgerissen 
und auf die empirische Materie ohne weiteres übertragen werden. Hartmanns 
Konzeptionen verlieren außerhalb seines Systems jeden Sinn und jede Berech- 
tigung. Dies zeigt sich schon an seinen besonderen Begriffen von Phänomenalität 
und seinem Herausheben der Begriffe des Psychischen und des Materialen aus 
dem Bereich des Phänomenalen in unserem Sinne. Es zeigt sich ferner an seiner 
Definition des Bewußtseins und ihrer konstitutiven Geltung für den Phänomenali- 
tätscharakter des Psychischen. Wir, die wir uns nicht zu seinem System bekennen, 
müssen die in diesen Definitionen liegenden Konsequenzen, die zu seiner psycho- 
logischen Theorie der Bewußtseine und des relativ Unbewußten geführt haben, 
für unsere Arbeit ablehnen. 

1) Allgem. Psychologie. 1909. S. 419 ff. Ausgezeichnete Ausführungen zum 
Reizbegrifif bietet auch der erste Teil von Semons »Mneme« (1904); freilich ist 
vor den fehlerhaften Konzeptionen des Engrammbegriffs, des nqöyxoy tpeiSo^ 
seiner ganzen Lehre, zu warnen. 



Die Reize und die allgcmeincu Bedingungen psychischer Dynamik. 181 

bleibt unter der Schwelle auslösender Iiiton.sität und verHchwindet. 
Eine Vielzahl von Reizen strömt ständig der Psyche zu oder ent- 
steht in ihr, ohne aber deshalb wirklich alsbald zu Reizen zu werden, 
wenigstens in ilircr unmittelbaren und isolierten Gegebenheit. Die 
ReizHummation ist nur eine Teilerscheinung der gegenseitigen Be- 
einflussung überliaupt, im fördernden summativen, wie im hemmen- 
den, wie endlich auch in einem die Gesamtqualität der resultierenden 
auslösenden Reizkomplcxion modifizierenden Sinne. Die Forschung 
hat erstens die Bedingungen in der Psyche zu studieren, auf 
welche die Reize in ihrer aktualisierenden Tendenz auf treffen, und 
zweitens die Natur der Reize selber ordnend zu bestimmen. 



Reiz und Disposition. 

Die erste der beiden Fragen, nach der Natur der subjektiven Be- 
dingungen für die Wirksamkeit von Reizen überhaupt, läßt sich als 
eine Teilerscheinung der psychischen Individualität um- 
schreiben. Sie umfaßt, wie schon einmal angedeutet, die Disposi- 
tionen und Anlagen, worunter wir insbesondere solche zur Bean- 
spruchung bestimmter bevorzugter Funktionen und Funktions- 
komplexe verstehen, unter Zurückdrängung und Ausschaltung an- 
derer. Ferner gehören hierhin alle Reproduktionsdispositionen und 
Bereitschaften der individuellen Vergangenheit in der besonderen 
Anhäufung und Ordnung, welche sie in der betreffenden Individualität 
inne haben. Zu diesen beiden Momenten sei hier kurz bemerkt: wjr 
fassen sie nicht als physische, sondern als psychische Daten auf. 
Nicht daß wir ihre physische Repräsentanz leugnen oder für un- 
wesentlich halten. Aber unsere Ausschaltung des psycho-phj'sisehen 
Problems aus der eigentlichen Psychologie zwingt uns zu dieser 
Stellungnahme. Nicht die psychologischen Forschungen und ihre 
theoretischen Grundlegungen werden den alten Streit über die Natur 
dieser Dispositionen und reproduktiven Spuren darzustellen und 
auszutragen haben, dessen Ergebnis sie in dem eben genannten Sinne 
vorwegnehmen müßten, um allererst möglich zu werden. Ferner 
gehören hierher die im Zeitmoment der jeweiligen Reizwirkung ge- 
gebene Konstellation der psychischen Bereitschaften des betreffenden 
Subjekts. Dieser Begriff soll nur besagen, daß der labile Gleich- 
gewichtszustand, in welchem sich die Bereitschaften und Funktionen 
in jedem Augenblick psychischen Lebens befinden, das Ergebnis 
einer Reihe unübersehbarer psychischer Vollzüge der Vergangenheit 
ist, welche von Individuum zu Individuum anders sind und die Be- 
vorzugung ganz bestimmter Materien und Strukturen für die Ak- 
tualisierung zu dem in Frage kommenden Zeitpunkte erwirken. Zu 
diesen Momenten der Konstellation gehört auch der Zeitpunkt, in 
welchem die schematisch vorgegebene Abfolge der verschiedenen 
Funktionsvollzüge aufeinander, so wie wir sie noch entwickeln werden, 
von dem auftreffenden Reize jeweils geschnitten wird. Es ist, um 



182 Über die wissenschaftstheoretischen Grandlagen der Psychologie usw. 

ein Beispiel zu bilden, für den Fortgang psychischer Vollzüge ihrer 
Qualität nach nicht gleichgültig, ob ein Wahrnehmungsreiz im Mo- 
mente, in dem eine Wahrnehmung erwartet wird, oder im Momente 
eines Entschlusses oder einer Handlung die Psyche berührt. 

Schwierig wird die Übersicht nun durch folgendes : sowohl in den 
Dispositionen zur Beanspruchung bevorzugter Funktionskomplexe, 
als auch in den Dispositionen zu deren reproduktiver Erfüllung mit 
bevorzugten Materien, als auch endlich in der Konstellation liegen 
ihrerseits wiederum Reizmomente, welche auch ohne äußere Be- 
dingungen auslösend auf bestimmte Funktionen zu wirken vermögen. 
Und ferner sind alle diese Faktoren ihrer Natur nach geeignet, die 
Reiznatur der auftreffenden Reize gleichsam elektiv zu beein- 
flussen, und zwar in verschiedenen Richtungen. Diese Fähigkeit der 
Erregbarkeit hängt ab von einer vorgegebenen und wiederum nur 
individuell faßbaren Adäquationsbeziehung zwischen Reizen und 
Bereitschaftszuständen des Ich, welche irrational und nur empirisch 
heuristisch feststellbar ist. Wenn Bleuler^) zu ihrer Auflösung den 
Schaltungsgedanken heranzieht, so ist das Bild der Schaltung zwar 
ein ganz glückliches, aber viel zu einfaches Symbol. Monakows 
Diaschisis ist eine Teilerscheinung dieser dispositionellen Indivi- 
dualitätsdifferenzierung für Reizreaktionen; wenigstens ist ihre 
Erklärung nur auf diesem sehr komplizierten Unterbau möglich. 

Arten der Reize. 

Was nun die Arten der Reize und ihre Natur anbelangt, so 
muß auf Grund unserer gesamten theoretischen Auffassung betont 
werden, daß wir sie insgesamt und restlos als psychische Reize 
auffassen. Wir erkennen somit eine direkte und unmittelbare Wir- 
kung physischer Reize oder physiologischer Reize auf die Bestim- 
mung und Aktualisierung funktioneller Bereitschaften nicht an. 
Diese Frage ist eine Teilfrage des psychophysischen Problems, dessen 
Behandlung, wie gesagt, hier auszuscheiden hat. Zum Verständnis 
hier nur soviel: es fällt uns natürlich nicht ein, die Tatsachen der 
zerebralen Lokalisation, soweit dies Tatsachen und nicht Behaup- 
tungen sind, zu leugnen. Ebensowenig wird die Rolle der Hirn- 
tätigkeit und der Alteration derselben als Bedingung psychischen 
Geschehens und psychotischer Prozesse auch nur im mindesten an- 
getastet. Um diese Frage handelt es sich aber bei unserer jetzigen 
Erörterung gar nicht. Vielmehr gehen wir von der psychologischen 
Fragestellung aus, welche durch die Anregbarke it der psychischen 
Kräfte zu spontaner Auswirkung gestellt ist. Diese Anregbarkeit 
ist ein psychologisches Merkmal. An sich -würde diese Fest- 
stellung nichts darüber besagen, daß nicht auch solche Bedingungen 
zum Wirksamwerden seelischer Funktionen gehören, welche nicht 



1) a. a. O. S. 50ff. 



Die Reize und die allgemeinen Bedingungen psychischer Djmamik. 183 

psychisch .sind; und wie gesagt, wir halten das Vorliegen solcher 
physischer Bedingungen sowohl für die Möglichkeit des seolischen 
Geschehens ül>erhaupt als auch für die Möglichkeit des hie et nunc 
bestimmten seelischen (Jeschehens für eine selbstverständliche Tat- 
sache. Alx;r diese physischen Bedingungen stehen zum psychischen 
Geschehen in einem ganz anders orientierten theoretischen 
Verhältnis, als diejenigen Bedingungen, welche durch den Begriff 
der psychologischen Anrcgbarkeit gefordert werden. Jenes theo- 
retische Verhältnis geht uns hier noch nichts an; dieses aus dem 
Begriff der psychischen Anrcgbarkeit zu Ijestimmonde setzt die psy- 
chische Natur des anregenden Reizes voraus, wenn anders ülxjrhaupt 
psychische Kontinuität, psychische Kausalität, psychologische Wissen- 
schaft von mehr als epiphänomenalen Gegenständen möglich sein 
soll. Die psychische Natur der Reize folgt zwar nicht analytisch aus 
der Definition der Anrcgbarkeit. wohl aber aus unserer Hypostasierung 
vom We.sen des Psychischen überhaupt. Und diese Hypostasierung 
hängt nicht in der Luft, sondern ist an wissenschaftstheoretischen 
Notwendigkeiten verankert^). 

Wenn also physiologische Vorgänge zerebraler Natur als psychi- 
sche Reize imponieren, so beruht dies auf einer Aquivokation in der 
Anwendung des Reizbegriffes. Nicht ihr Bedingungscharakter, 
sondern ihr Reizcharakter in dem allein hier gemeinten psy- 
chologischen 8inne für eine Dynamik des Psychischen wird grund- 
sätzlich abgelehnt. Und was die Reize der Außenwelt anlangt, so 
kommen sie zu psychischer Auslösungswirkung immer nur als Be- 
standteile der Wahrnehmung oder Empfindung, also als Bestandteile 
der Psyche selber. Im übrigen haben auch diejenigen physiologischen 
Vorgänge innerhalb des Organismus, welche man sonst erst als Reize 
in dem hier gemeinten Sinne verwerten wollte, immer eine psychische 
Repräsentanz, welche jenen erwähnten andersartigen psychophysi- 
schen Bedingungen unmittelbar entspricht. Und diese psychische 
Itepräsentanz, Organgefühle, vitale Partial- oder Gesamtgefühle, 
Körpersensationen, Empfindungen und unljemerkte oder unter- 
öchwellige inhaltliche Gegebenheiten, sind es ihrerseits, welche als 
auslösende Reize fungieren. 

*) Ri'ize der »Außenwelt« sind natürlich auch psychische: nämlich durch 
Empfindung und Wahrnehmung er.><t gegi-bone. Dies nur zur Abwehr von Miß- 
verstundni.sscn. wie sie vor allem die Tierpsychologie vii-lfach durchsetzen. Die 
Bedingungen des Zustandekommens die.siT Rtize bilden einmal ein psycho- 
physisches Problem vom oben bezeichneten Onlnungstypus (Vt-rhältnis der Affek- 
tion der Sinnesorgane und Zentren zum p.sychischen Vorgang); zweitens ein rein 
physiologisches Problem (Wirkung der jjhysischen Reize auf dies»- Sinnesorgane 
und Zentrrn); drittens i>in metaphysischts Problem (das Problem der Möglichkeit 
und des Wesens der »Außenwelt •). welches in der Regel mit dem psychophysischea 
Problem verwech.HcIt oder gar erkenntnistheoretisch umgel>ogen wirtl. Nur da« 
psychophysisohe Problem hat für die Psychologie seine Erltnligung zu finden. 
Wenn die Tierp.sychoIogie das begriffen haben wird, wird die in ihr hcrr«chendo 
Konfusion vielleicht etwa« nachlassen. 



184 Über die wissenschaftstheoretisclien Grundlagen der Psychologie usw. 

Die dynamische Verknüpfung des psychischenGeschehens. 

Die Natur der funktionsauslösenden Reize steht uns sonach als 
psychische fest. Eine weitere Einteilung derselben wäre nun nach 
dem Erfolge ihrer Auslösungswirkung denkbar. Wir würden dann 
solche Reize unterscheiden, welche die Struktur bestimmter Voll- 
züge determinieren, und solche, welche die inhaltliche oder mate- 
riale Erfüllung dieser Struktur bestimmen. Indessen wäre diese 
Einteilung an sich allein unpsychologisch. Denn ob ein Reiz größeren 
Einfluß im Sinne der einen oder der anderen dieser beiden MöglicTi- 
keiten gewinnt, hängt erst in letzter Linie von ihm selber ab. In 
weit höherem Maße hängt dies vielmehr von der Gesamtheit der Be- 
dingungen ab, unter denen er aktuell ist. Immerhin sind die In- 
haltsbestimmung und die Strukturbestimmung psychischer 
Vollzüge durch Reize wichtige Gesichtspunkte einer Klassen - 
bildung. 

Ganz besonders ist dies der Fall, wenn wir uns vergegenwärtigen, 
was wir mit der Feststellung der psychischen Natur von Reizen eigent- 
lich besagen. Unter Reiz verstehen wir eine Bedingungsvariation, 
eine Veränderung; und hiernach hat jede psychische Veränderung 
Anspruch darauf, als auslösender Reiz wirksam werden zu können. 
Jede psychische Veränderung hat potentiellen Reiz- 
charakter. 

Diese Feststellung ist von ungeheurer Tragweite. Durch sie 
ist allererst die Kontinuität des psychischen Geschehens 
bestätigt. Sie ermöglicht es uns, in den vorüberflutenden Strom 
seelischen Ablauf ens die Ordnung des Gesetzes hineinzutragen. Sie 
ermöglicht uns allererst, auch Individualpsychologie nach 
naturwissenschaftlicher Methode zu treiben. Denn sie 
macht eine Determination des einzelnen psychischen Geschehens 
nicht nur nach seiner allgemeinen Ursache, sondern auch hinsichtlich 
der besonderen Bedingungen seines wirklichen Eintritts, hinsichtlich 
seiner individuellen Genese, möglich, und verbleibt dabei doch 
völlig im Rahmen des empirischen und induktiven wissenschaftlichen 
Arbeitens. 

Über den Anteil der im Unbewußten liegenden psychischen Fak- 
toren an der Rolle von Reizen haben wir bereits weiter oben einiges 
gesagt; und beschränken uns an dieser Stelle auf das dort Gesagte. 
Wichtiger ist uns hier eine andere Folgerung, eine Folgerung aus dem 
Reizwerte jeder psychischen Veränderung. Psychische Verände- 
rungen entstehen nämlich durch den Vollzug von Funktionen und 
Funktionskomplexen. Und da diese Vollzüge einander kontinuier- 
lich folgen, so muß jeder Vollzug eine Reizbedingung für 
den nächstfolgenden bzw. dessen Auslösung sein. Diese 
Forderung ergibt im Zusammenhang mit unserer Feststellung von 
dem labilen Gleichgewichtszustand der Totalität seelischer Bereit- 
schaften, der in jedem Augenblick besteht und unter allen Umständen 



Die Reize und die allgemeinen Bedingungen paychiticher Dynamik. 185 

durch jeden sceliychen Vollzug «ich wiederherstellen muß, um 8celi- 
Hches üoseliohen ülx?riiaupt zu ermöglichen, eine weitere regulative 
Maxime für die Determination der Koihenfolgo in der Auwlöaung 
pHychiöclier Funktionen. 

Dies läßt wich nämlich so denken. Als auslöwender Ileiz wirkt der 
einzelne Vollzug einmal, insofern er erlebt wird, als Erlebnis. Der 
Bewußtseinsciuirakter von Erlebnissen haftet nun, wie die Phäno- 
menologie lehrt, an ihrer materialen Bestimmtheit oder Er- 
füllung. Diese wirkt, wie sicii heuristiscii dartun läßt — die ge- 
samte Assoziationspsychologie ist nichts weiter als ein einziger Be- 
weisversuch dafür, — auf die Inhaltsbestimmung der folgenden 
Vollzüge. Freilich wirkt sie, da jede Materie auch auf die Qualität 
iiirer funktionalen Gegebenheitsweise von Einfluß ist, mittelbar auch 
strukturbestimmend und damit ablaufbestimmend und zielrichtend 
auf das psychische Geschehen ein. Wenn der psychische Ablauf bei 
einer Reihe von Denkvollzügeu stationär bleibt, statt zur Ent- 
schließung fortzuschreiten, oder wenn er sich in erinnerungsmäßigen 
Reproduktionen ausbreitet, so ist diese Modifikation der Struktur 
und des Ablaufs fast immer, soweit sie nicht willkürlich ist, 
einem Überwegen des Reizwertes der materialen Elemente, der 
Inhalte, zuzuschreiben. — Ferner aber wirkt der Vollzug auch 
als Vollzug auslösend auf weitere Funktionen. Und zwar ist seine 
Wirkung ganz vorwiegend eine ablauf bcsti mracnde und damit 
strukturbcstim mende. 

Einfache heuristische Überlegungen zeigen dies an Beispielen 
ohne weiteres. Wahrnehmungsakte ziehen reproduktive Akte nach 
sich, und zwar mit Notwendigkeit. Wissen wir doch, daß in jeden 
vollständigen Wahruehmungsakt auch reproduktive Akte mitein- 
gehen. Wahrnehmungsakte sind nicht der Grund der Möglichkeit 
von reproduktiven Akten, diese beruhen vielmehr auf entsprechenden 
reproduktiven Funktionen. Diese letzteren sind also Ursache der 
reproduktiven Akte. Aber der Vollzug des Wahrnehmungsaktes ist 
der Grund des Eintritts der Realisierung reproduktiver Akte. Er 
ist also das auslösende Moment, oder wie wir sagen, der Reiz, welcher 
reproduktive Funktionen und Bereitschaften aktualisiert. Und 
zwar tut er dies als bloßer Vollzug. Der Vollzug des Wahrneh- 
mungsaktes aktualisiert den Vollzug reproduktiver Akte. Er ist 
mithin strukturbestimmend und damit die Richtung des psychi- 
schen Ablaufs bestimmend (nämlich auf die Reproduktion hin). Das 
materiale W^ahrnehmuugscrlebnis aktualisiert als Reiz ent- 
sprechende andere Materien. Diese Materien erfordern ihrerseits 
gemäß ihrer materialen Natur, in Vorstcllungs(jualitäten aktualisiert 
zu werden. Das materiale Wahrnehmungserlebnis ist also ein aktuali- 
sierender Reiz für die weitere mateiialeoder inhaltliche Bestimmt- 
heit oder Erfüllung der folgenden psychischen Vollzüge; ferner aber 
ist es, da diese uuxterialo Bestimmung ihrerseits ganz bestimmte 
funktionale Qualitäten erfordert, mittelbar auch strukturbestimmend 



186 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

und damit ebenfalls ablauf bestimmend. Mithin werden diejenigen 
reproduktiven Bereitschaften aktualisiert, welche erstens Vorstellungs- 
qualitäten und zweitens die erforderte inhaltliche Bestimmtheit auf- 
weisen. Es liegt also eine mehrfache Determination des psychischen 
Ablaufs durch den vorangegangenen vor. Phänomenologisch äußert 
sich das so, daß einer Wahrnehmung ein Erinnerungserlebnis, welches 
»innerlich zu ihr gehört «, folgt ; oder wie man sagt, daß aus der Wahr- 
nehmung ein Erinnerungserlebnis »hervorgeht«. 

An Hand dieses Beispiels, welches sich für jeden einzelnen Teil 
des psychischen Gesamtablaufs leicht wiederholen ließe, wird wohl 
klar geworden sein, wie sich mit Hilfe unserer theoretischen Grund- 
legungen die Abfolge eines psychischen Vollzuges auf den anderen als 
eine psychologisch notwendige kausale Determination darstellt. Zu- 
gleich ist deutlich, daß dieser Zusammenhang auch zwischen den 
Erlebnissen besteht und hier nichts anderes ist, als eine Teilerschei- 
nung der gesamten Determination i). 

Hier sfi noch folgendes eingeschaltet: Der Reizcharakter kann 
bei einem psychischen Vollzuge mit dem Erlebnisse des Vollzuges 
zugleich miterlebt werden. Dies gehört eigentlich in die Phänomeno- 
logie. Also nicht nur das Erlebnis hat tatsächlichen Reizwert, sondern 
das Erlebnis dieses Reizwertes geht als Teil in das Erlebnis des Voll- 
zuges selber mit ein. Dies ist insbesondere in der Phänomenologie 
der Aufmerksamkeit, der Erwartung usw. der Fall. Ebenso kann 
das Hervorgegangensein eines Erlebnisses aus einem anderen erlebt 
werden. Freilich liegen die phänomenologischen Verhältnisse hier 
viel schwieriger. Dem wird später gefolgt werden. Der Zusam- 
menhang selber kann niemals unmittelbar erlebt werden. 
Sofern er überhaupt eine Bewußtseinsrepräsentanz hat, ist es eine 
den zusammenhängenden Erlebnissen folgende und in reflektionellen 
Sonderakten vollzogene. Der Begriff des »verständlichen Zusammen- 
hangs« im Sinne eines unmittelbar erlebten ist sinnlos. Im Begriff 
des Zusammenhangs stecken weder anschauliche noch inhaltliche 
Momente, die ein Erlebnis unmittelbar erfüllen könnten. 

Hiernach kämen wir nun zu den näheren Bestimmungsstücken, 
welche für die Regeln der Inhaltsbestimmung und der Struktur- 
bestimmung (oder Ablaufbestimmung) psychischer Vollzüge gelten. 
Mit großer Entschiedenheit muß nochmals betont werden, daß die 
Heraussonderung von jeder dieser beiden Reihen von Regeln eine 
durchaus künstliche ist und der wahren Determination des Psy- 
chischen, so wie sie im Einzelfalle vorliegt, psychologisch nicht ent- 



1) Natürlich ist dies nur ein Gesichtspunkt allgemeinster Art für die psychische 
Dynamik. Daneben stehen die intentionalen Richtkräfte des Psychischen. Werden 
sich die erstgenannten Faktoren zu den assoziativen und perseverierenden, 
so werden sich die intentionalen zu den determinierenden Tendenzen aus- 
gestalten lassen. Dies ist Sache der später zu gebenden psychologischen Dy- 
namik als Teildisziplin genetischer Theorie des Psychischen, wovon noch ge- 
handelt werden wird. 



Dio Reize und die allgemeinen Bedingungen psychischer Dynamik. 187 

Kpricht. Wir wiesen schon oben darauf liin; und unser Beispiel vom 
Zusammenliang zwischen VValirnehmung und Erinnerung zeigte es 
auch: der lebendige Zusammenhang erfordert immer ein Ineinander- 
greifen und Verschmelzen der beiden künstlich gesonderten Be- 
trachtungsweisen zu einer Einheit. Diese ist das wahre psycholo- 
gische Konstituens psyciiischer Kausalität. Nur zu Darstellungs- 
zwecken zerlegen wir uns diese determinierende Einheit unter unseren 
beiden Gesichtspunkten. 

Dio Rolle der Assoziation. 

Die inhaltliche Determination der psychischen Vollzüge durch 
einander ist der eigentliche Gegenstand der Assoziationstheorien 
gewesen. Wir werden noch an sp<äterer Stelle Gelegenheit haben, 
uns mit den Leinen von der Assoziation ausführlicher zu beschäf- 
tigen^). Hier sei nur folgendes gesagt: Die Assoziationstheorie als 
einzige Fundierung seelischen Zusammenhängens ist falsch. Sie 
Übersicht den später zu erörternden Einfluß der Willkür; sie 
übersieht, wenigstens in ihrer bisherigeia Fassung, ferner den Einfluß 
der Struktur psychischer Vollzüge auf den psychischen Ablauf. 
Wenn sie überhaupt etwas erklären kann, so kann es höchstens der 
Einfluß der Inhalte aufeinander sein. (Auch die sogenannten 
äußeren Assoziationen und Klangassoziationen sind solche der Ma- 
terien oder Inhalte.) Ihr Erklärungsanspruch ging aber bisher viel 
weiter. Er erstreckte sich auf das gesamte Psychische. Tut er aber 
das, so besagt er nicht mehr, als daß alles Psychische unter sich zu- 
sammenhängt. Das wissen wir aber auch so. Die Weise des Zu- 
sammenhängens klärt der Assoziationsbegriff nicht; höchstens be- 
zeichnet er den der Willkür entzogenen Charakter dieses Zusammen- 
hängens, und für diesen, aber auch für ihn allein ist der Begriff der 
Assoziation von Inhalten brauchbar. Die bisherige Ausbildung der 
Assoziationsichre liat nun zwei allgemeine Gesichtspunkte geliefert, 
nach welchen das Zusammenhängen von Inhalten beurteilbar wird: 
die Kontiguität und die Ähnlichkeit. Beide sind aber weder er- 
schöpfend noch in der Mehrzahl der Fälle eine wesentliche psycho- 
logische Aussage, mit der sich im Einzelfalle etwas anfangen ließe. 
Es kommt noch hinzu, daß die Assoziation neben den Weisen tem- 
poriiler Al)folge auch die ganz andersartigen Btv.iehungen erklären 
soll, die unter den Begriffen Verschmelzung, Verflechtung, Ver- 
webung, Assimilation, Komplikation usw. zusammengefaßt werden. 
Diese gehen nicht auf die temporale Abfolge von Inhalten; sie haben 
damit nicht das geringste zu tun. Sie bezeichnen vielmehr die ver- 
schiedenen Weisen, wie sich einfache Funktionsvollzüge nach Qualität 

>) Vgl. S. 330 ff. Was hier in Kürze gesagt wird, ist nur prinzipieller und theo- 
retischer N'atvir: alles das, was di-n Assoziationshegriff mit jMiychischem Ix'bon 
erfüllt und in seinen Eigenarten von anderen Verknüpfungsweisen abhebt, kann 
er-;t in der psychologischen Dynamik entwickelt werden. 



188 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

und Materie zu komplexeren seelischen Gebilden simultan ver- 
einigen können. Sie bezeichnen also die Simultaneität einer Mannig- 
faltigkeit von seelischen Vollzügen in der Form einer Ganzheit. Es 
ist bezeichnend fiir die Leere des Assoziationsbegriffes, daß er in 
ganz gleicher Weise für die temporalen Beziehungen in der Form 
des Zusammenhanges und für die simultanen Verbindungen zum 
seelischen Gebilde einstehen muß. Eine solche leere Formel umfaßt 
dann eben alles psychische Geschehen und überhebt die Psychologie 
jeder weiteren Bemühung. Und tatsächlich ist es in der Assoziations- 
psychologie auch so: es gibt nur Inhalte und Assoziationen. Da wir 
aber der Mannigfaltigkeit und dem Reichtum seelischen Geschehens 
nicht mit leeren Formeln, sondern adäquat gerecht werden wollen, 
reden wir lieber weiter von Auslösung und Determination der psy- 
chischen Abfolge ; und überlassen die Formen und Weisen der simul- 
tanen Komplexion zum Gebilde den Untersuchungen der Phäno- 
menologie und Funktionspsychologie. Den Assoziationsbegriff be- 
nützen wir nur zur Erklärung willkürfreier temporaler Verknüpfung 
von Inhalten. 

Gegenüber dem leeren Schema der Assoziation nach Kontiguität 
und Ähnlichkeit stellen die modernen Lehren von Freud, Jung, 
Bleuler und insbesondere Adler den Assoziationsbegriff in einer 
weitaus reicheren Ausgestaltung dar. Sie erstreben eine echte Deter- 
mination der Inhalte durch besondere, den individuellen Inhalten 
gemeinsam zugrunde liegende dynamische Tendenzen. Der Einzel- 
ausbau dieser Lehre gehört nicht zu den Gegenständen, welche eine 
theoretische Grundlegung der Psychologie überhaupt in ihrer AU- 
gemeinheit an diesem Orte zu erörtern hätte. Jedoch kann schon hier 
gesagt werden, daß das gesamte Forschungsgebäude dieser Forscher, 
wofern es sich empirisch und durch die Tatsachen verifizieren läßt, 
mit Leichtigkeit erhalten bleiben kann, wenn man ihre Assoziations- 
lehre in die hier gegebenen theoretischen Grundlinien transformiert. 

Der psychische Ablauf. 

Von ähnlicher Ärmlichkeit wie die näheren theoretischen Be- 
stimmungen der inhaltlichen Dynamik sind auch die desStruktur- 
zusammenhangs und Ablaufszusammenhangs psychischer 
Vollzüge. Wir wissen hier nur: es gibt ein vorgegebenes Schema des 
psychischen Ablaufens. Es beginnt mit Wahrnehmungsvollzügen, 
diese bedingen die Auslösung reproduktiver Akte und Vorstellungs- 
weisen. Letztere fundieren Urteilsakte und Bewertungsakte im Sinne 
eines »Gefühls«, denen individuale Interessen entsprechen. Gemäß 
diesen finden sich sodann Akte des Strebens, Begehrens, Sichent- 
schließens bis zur motorischen Innervation, der Handlung. Wir 
nannten dieses Schema, das nur vorläufig ist und auf psychologische 
Genauigkeit noch keinen Anspruch erhebt, vorgegeben. Und in der 
Tat ist es als eine nicht weiter zurückführbare Tatsache des Psychi- 



Die Reize und die allgemeinen Bedingungen psychischer Dynamik. 189 

sehen hinzunehmen. E.s ließe flieh zwar denken, daß es «einer Natur 
nach aus dem Wesen der P.sycho, nämlich aus Ilczeptivität und Spon- 
taneität, irgendwie deduzierbar Hein müßte, indem nämlich diese 
beiden Funktionen der Pöychc in ihm z,u vollem Ausgleich gelangen; 
aber andererseits fehlen alle Bestimmungsstücke für eine solche 
Deduktion; und wir wollen nicht künstlich konstruieren. Auch 
kommen die genannten beiden Grundfunktionen ja nicht nur im 
Ganzen dieses Ablaufes, sondern in jeder einzelnen Funktion bereits 
zum aktuellen Ausgleich. Es ließe sich ferner denken, daß das Prinzip 
von der Erhaltung des labilen Gleichgewichts seelischer Kräfte und 
Bereitschaften sich nur aufrecht erhalten läßt, wenn das Ganze dos 
seelischen Ablaufs der Regel nach so beschaffen ist, wie er uns von der 
Wahrnelimung bis zur Handlung gegeben ist. Aber auch dies wäre 
eine künstliche — zum mindesten unbeweisbare — Konstruktion. 
Genau solche künstlichen Konstruktionen sind übrigens alle gene- 
tischen und biologischen Erklärungsversuche dieser Ablauftendenz 
von der Wahrnehmung bis zur Handlung, etwa aus dem Reaktions- 
prinzip der Biologie, oder aus dem Reflexmechanismus der Nerven- 
physiologie, wie in er Psychiatrie z. B. erstere von Arndt, letztere 
von Wernicke am deutlichsten und folgenreichsten versucht wurden 
und vor allem in der Tierpsychologie am Platze sind. Es steht der 
Forschung in der menschlichen Seele aber besser an, die Tatsache 
der Beschaffenheit des psychischen Gesamtablaufs als etwas Letztes 
hinzuneheran, als gegebene reale, geordnete Mannigfaltigkeit, für 
welche der Grund der Wirkliclikeit nicht weiter bestimmbar ist. 
Diese Beschaffenheit wird dadurch zum empirischen Ausgangs- 
raaterial, gerade so, wie dies für die Physik die gegebene Außenwelt 
mit diesem gegenwärtigen Stande der Energieverteilung bedeutet, 
zum Ausgangspunkt für die Forschung, der als vorgegeben einfach 
hingenommen wird und die Bildung allgemeinerer Gesetze seiner- 
seits faktisch fundiert, aber in der unendlichen Vielzahl seiner Be- 
dingungen als Mannigfaltigkeit nicht restlos auflösbar wird. 

Soviel ist an diesem psychischen Ablauf jedenfalls sicher, daß 
jeder einzelne Vollzug in ihm der Grund der Wirkliclikeit des nächst- 
folgenden ist, daß es sich also nicht um eine Aufreihung, sondern um 
einen dynamischen Zusammenhang handelt; und zwar um 
einen solchen, der in sich eine gewisse Abgeschlossenheit und Ganz- 
heit aufweist. Innerhalb dieses Ablaufs müssen dann an der Hand 
der Brcntanoschen Regel die einzelnen Funktionskategorien auf- 
gesucht werden; ihr Zusammenbau zu komplexeren Gebilden ergibt 
ein weiteres empirisches Problem. 

Hiermit wäre das Wesen der seelischen Kausalität seiner allge- 
meinen Art nach so bestimmt, wie dies aus reiner Theorie möglich 
ist. Wir haben damit das theoretische Gerüst gewonnen, welchea 
uns die gesetzmäßige Erklärung seelischen Zusammenhängons seinen 
Grundlagen nach in jedem Einzelfalle formal ermöglicht. 



190 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 



7. Die Erkenntnis der Individualität und ihre wissenschafts- 
theoretischen Grundlagen. Erster Teil. 

Übersicht über die Problemlage. 

Was haben die bisherigen Erörterungen für Ausblicke gezeitigt, 
hinsichtlich der wissenschaftlichen Bearbeitung psychologischer Ma- 
terien; und was bleibt zu klären übrig? 

Viel ist bereits gewonnen. Wir haben die universale Geltung des 
Kausalgesetzes im Psychischen begründet und seinen Cliarakter 
näher bestimmt. Wie wir mit unseren wissenschaftstheoretischen 
Feststellungen bereits die Grundlage der deskriptiven Theorie des 
Psychischen geschaffen haben, so ermöglichten uns unsere bisherigen 
Ausführungen über das Kausalgesetz nun auch die der genetischen 
Theorie des Psychischen. Wir haben diese genetische Theorie des 
näheren als eine dynamische bestimmt, haben die psychische Natur 
der in ihr wirksamen funktionalen Kräfte bestimmt, haben ferner 
die Lückenlosigkeit des Kausalzusammenhanges durch die Kon- 
zeption des Unbewußten begründet, und haben die Reizmomente, 
welche den Fortgang des psychischen Geschehens regelnd bestimmen, 
innerhalb des psychischen Geschehens als eines Ganzen determiniert. 
Es ist nunmehr lediglich Aufgabe der empirischen Einzelforschung, 
diese wissenschaftstheoretischen Erklärungen und Begründungen 
nun auch anzuwenden: Phänomenologie und deskriptive Theorie 
zu produzieren, genetische und dynamische Theorie zu gestalten, 
und beides zu den gesamttheoretischen Typen psychologischer Per- 
sönlichkeit zu synthetisieren. Haben wir hierfür in der psycho- 
logischen Empirie erst einmal die Regeln, Materialien und Formen ge- 
schaffen, so bedarf es zur Anwendung in der allgemeinen Psychiatrie 
dreier weiterer Untersuchungen: Erstens muß festgestellt werden, 
inwieweit diese psychischen Materialien und Formen auf »krankes« 
Seelenleben übertragbar sind. Hierbei wird an das Problem des 
Wissens vom fremden Ich und seiner Grenzen anzuknüpfen sein. 
Zweitens müssen die ganz andersartigen Gesichtspunkte, welche für 
das »kranke « Seelenleben gelten, avis den Kriterien heraus entwickelt 
werden, die sich aus den Grundlegungen möglicher Krankheits- 
begriffe im Psychischen gewinnen lassen. Und drittens wird es not- 
wendig sein, die Gesichtspunkte aufzufinden, unter welchen sich die 
Ei'gebnisse dieser beiden Untersuchungen miteinander an ein und 
demselben Erfahrungsmaterial, nämlich dem »kranken Seelenleben« 
verschmelzen lassen, welches also sowohl Seelenleben ist und damit 
psychologisch-theoretischen Kriterien gehorcht, als auch »krank« 
ist, und damit den ganz heterogenen Kriterien untersteht, die sich 
gerade aus seiner Divergenz vom eigentlichen Seelenleben er- 
geben. Xfer Gang der weiteren Untersuchungen ist uns damit für 
das Folgende klar vorgezeichnet. 



Die Erkenntnis d. Individualität u. ihre wissfnschaftstheuret. Grundlagen. 191 

Der Begriff der Persönlichkeit als Naturobjekt. 

Aber bevor wii- sie in Angriff nehmen, ist es notwendig, hier 
gleichsam anhangsweise nt)ch ein Problemgebiet zu behandeln, 
welches an den Begriff der psychischen Persönlichkeit oder 
Individualität anknüpft. Wir sagten vorhin, dali ihre theoretische 
Bestimmung eine Synthese sei aus den Ergebnissen der deskriptiven 
und der genetischen Forschung. Und wir haben kein Hehl daraus 
gemacht, dali diese beiden Forschungsreihen entsprechend ihrer 
wissenschaftsthcorctischen Fundamentierung ins Gebiet der Natur - 
forschung zu fallen hätten. Wir sind bei unseren wissenschafts- 
theoretischen Untersuchungen von einem Begriff von Natur aus- 
gegangen»), welcher diese Konsequenz zu einer Notwendigkeit er- 
hebt. Die Art der Synthese von deskriptiver und genetischer For- 
schung haben wir aber mit einer gewissen Absicht völlig unbestimmt 
gelassen. Sie ist nicht wissenschaftstheoretisch fixierbar, höchsten« 
ihre Voraussetzungen sind auf diesem Wege bestimmbar. Und in 
dieser Bestimmung läge nur eine negative und einschränkende Ab- 
sicht für die Synthese selber. Die Synthese ist ihrerseits ganz ab- 
hängig von dem Persönlichkeitsbegriff, den man ihr substi- 
tuiert; von den Seiten und Kriterien der Persönlichkeit, gemäß denen 
man ihr Wesen bestimmen will. Persönlichkeit, Individualität ist 
an sich ebensowenig ein naturwissenschaftlicher Begriff wie der des 
Organismus. Lediglich die Bestimmungsstücke beider Begriffe, 
welche man für jeweils konstitutiv hält, sind naturwissenschaftlich 
zu fundieren und zu erforschen. 

Wie gesagt, in der Phänomenologie, Dynamik, der Normen- und 
Typenpsychologie wird an späteren Stellen dieses Werkes von diesen 
Fragen noch gehandelt werden. Hier werden sie nur gestreift, um 
daraus die Berechtigung dafür herzuleiten, daß es zum Problem ge- 
macht werden kann, ob der Persönlichkeitsbegriff selber 
mit den Methoden der Naturforschung restlos zu erschöp- 
fen ist. 

Problematik dieser Auffassung. Individuelle Kausalität? 

Ist diese Problematik einmal zugegeben, so ist auch die Berechti- 
gung anerkannt, das bisherige wissenschaftstheoretische Fundament 
aller Psychologie (und damit auch der Individualpsychologie) für 
nicht ausreichend zu halten, uni das Wesen der Persönlichkeit unter 
den Obersätzen unserer Wissenschaftstheorie als theoretisch deter- 
minierbar anzusehen. Und es erscheinen Versuche verständlich, 
ein Korrektiv für diese behauptete Unzulänglichkeit an 
den Formulierungen der Wissenschaftstheorie selber an- 
zubringen. Soweit sich derartige Versuche auf die Wissenschafts- 
theorie des Psychischen selber unmittelbar beziehen, haben v^nr ihrer 

») Siehe S. 121. 



192 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

hier noch anhangsweise zu gedenken. Diese Versuche wissenschafts- 
theoretischer Fundierungen der Individualität neben und jenseits 
der bisher gegebenen Wissenschaftslehre vom Psychischen erstrecken 
sich gerade auch auf das Kausalproblem des Psychischen 
überhaupt. Sie lassen sich zuspitzen auf die Fragen der indivi- 
duellenKausalität und der Persönlichkeitsfreiheit, auch Willens- 
freiheit genannt. 

Diesen wissenschaftstheoretischen Fragen soll, bevor wir unserer 
Aufgabe gemäß weiter schreiten, noch eine Erörterung zuteil werden. 
Wir bemerken aber sogleich, daß wir uns nicht einlassen werden auf 
mehr oder weniger spekulative und schöngeistige Ausführungen, 
welche sich mit den Prätentionen der »Philosophie « oder der Geistes- 
wissenschaft nur allzuoft in der Erörterung dieser Probleme breit 
gemacht haben. Die Kriterien strenger Wissenschaft werden auch 
hierbei für uns maßgebend bleiben. 

Das Problem der individaellen Kausalität — oder besser der 
wissenschaftstheoretischen Möglichkeiten der Erkenntnis 
des Individuellen — ist neuerdings herausgewachsen aus dem 
von Windelband aufgestellten Gegensatz der idiographischen 
und nomothetischen Wissenschaften. Die letzteren gehen auf 
allgemeine Gesetze. Die ersteren suchen das individuelle Wirkliche 
in der Ganzheit dieser Wirklichkeit zu erfassen. Der behauptete 
Gegensatz dieser beiden wissenschaftlichen Richtungen ist ihm 
identisch mit dem der Naturwissenschaft und der Geisteswissenschaft. 



Die Erkennbarkeit des Individuellen als Problem. 

Daß das Individuelle etwas Einmaliges ist, in seinem Sosein nicht 
wieder als dies eine Mal erfahren wird, liegt bereits in seiner Nominal- 
definition. Zur Annahme und Ausgestaltung einer besonderen, auf 
die Individualität des Individuellen gerichteten Wissenschaftstendenz 
nötigt diese Feststellung nicht. Erst wenn es im Wesen des Indi- 
viduums liegt, einzig und einmalig zu sein, wenn das Individuum 
etwas grundsätzlich Unwiederholbares, Nicht-Identifizierbares 
darstellt, erst dann ist das Problem einer idiographischen Forschungs- 
tendenz wirklich gegeben. Denn alles Geschehen ist einmalig. 
Jedes wirkliche einzelne Geschehen ist die Folge einer unüberseh- 
baren Zahl von .Bedingungsreihen. Die unübersehbare Mannigfaltig- 
keit der empirischen Natur bleibt bestehen bei einem jeden beliebigen 
Zeitschnitt durch dieselbe; wir können den Zeitschnitt beliebig weit, 
ja ins Unendliche zurückverlegen; immer treffen wir auf diese unüber- 
sehbare Mannigfaltigkeit. Die Verfolgung dieses Gedankens führt 
zur ersten K an tischen Antinomie und damit zu den übrigen. Denn 
diese unendliche Mannigfaltigkeit ist Wirkung und ist auch wieder 
Ursache für das weitere Geschehen. In der realen Wirklichkeit ist 
also jedes einzelne Sein und Sichereignen, das physikalische sowohl 
als das organische, unter den Bedingungen des Gesamtzustandes 



Die Erkoruitnis d. InHividualitiit u. ihrf wisscnsoliaftstl»(K>ret. Cnindlagen. 193 

dieser unülK-rsehbaicn Mannigfaltigkeit erwirkt und damit einmalig. 
Es ist zugleich damit aueh empirisch, d. h. in der Natur nicht wieder- 
holbar, wenngleich die Wiederholbarkeit denkluift nicht auszu- 
schließen ist. Es fragt sich, wieweit diese Tatsache unser Wissen- 
können einengt und begrenzt. Es fragt sich weiter, ob eine Methode 
denkbar ist, welche diesem Tatbestande zum Trotz gerade das in- 
dividuelle Wirkliciie in seinem Einzelscin wesenhaft zu erfassen 
vermag. 

Diese Feststellung über die Einmaligkeit des Individualen seinem 
Sein nach, also des Individuums als einer Form^) des Seins, ist so 
alt wie die aristotelische Philosophie selber. Sie gilt in gleicher 
Weise von der anorganischen und der organischen Natur. Und es 
bedurfte der Müiie gar nicht, welche Bergson darauf verwendet 
hat, um diese Cieltung für das lebendige Geschehen und das seelische 
Ablaufen nochmals in besonders eindringlicher Weise darzutun 2). 
Wo er einen Gegensatz der Welt des Organischen zur physikalischen 
Welt unter diesem Gesichtspunkt herauskonstruiert, er mag ihn Ixj- 
gründen wie er wolle, ist dieser Unterschied kein grinidsätzlicher, 
sondern nur ein gradueller. Freilich ist er, weiui man an die Indi- 
vidualität der Struktur eines Atoms einerseits, an die einer psychi- 
schen Persönlichkeit andererseits denkt, in seinem Gradunterschied 
ein ungeheuerlicher. Aber auch diese ungeheure Differenz darf den 
bloßen Gradcharakter des Unterschiedes beider Individualitäten 
nicht verwischen. 

Wir sehen also die Individualität eines Geschehens in der Natur 
gegeben durch die unendliche Bestimmtheit seiner qualitativen Ge- 
staltung. Wir sehen sie nicht in solchen Bestimmungen, welche 
nicht qualitativer Art sind, sondern etwa auf einem formalen Prinzip 
der Individuation beruhen, wonach das begriffliche Wesen eines 
jeden Objektes von individueller Existenz ist, gleichviel ob und 
wie oft man den darunter fallenden Gegenstand realisiert zu finden 
vermöchte. Aus der Tatsache, daß die Objekte, die in den Umfang 
eines solchen Begriffes eines individuellen Objektes gehören. lx>liebig 
oft denkbar sind, ohne sich qualitativ voneinander zu unterscheiden, 
hat man den Begriffsrealismus der Scholastik mit hergeleitet, welcher 
eine irrige Konsequenz der aristotelischen Lehre ist. Allein die for- 
malen Momente, welche den Begriff eines individuellen Objektes 
fallweise begründen, sind natürlich wissenschaftlich zerlegbar: der 
Begriff eines Objektes als einer Individualität, d. h. einer seinem 
Wesen nach besonderen Zusammengehörigkeit, ist eben in die Merk- 
male aufzulösen, welche zur Konzeption der Zusammengehörigkeit 
in ihrer Besonderheit geführt haben. Dies mag eine unvollendbare 
AufgalK» sein, grundsätzliche Schwierigkeiten bietet sie nicht. Z. B. 

1) Form hitT wie überall in dioson Untor.''uchungon gleich Beziipst'inhrit, 

2) \Vonij;st«>n}< im Ksimü nur U\s donn^os immödiulos do la cons<i"ini'. Pitria 
1889; während er in Mntiöro et memoire (189(i) davon wieilcr zurückzukommen 
Bcheint (r.. B. S. 200 ff.). 

Krön (cid. Piyolil.^trWhc Erkenntnis. 13 



194 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

läßt ein grundsätzlicher Einwand gegen die Naturforschung, welche 
die einzelnen Merkmale und ihre Verknüpfungsweisen rekonstruiert, 
die etwa zum Begriff des Organismus geführt haben, sich nicht daraus 
herleiten, daß diese Aufgabe vollständig niemals wird gelöst werden 
können. 

Entscheidend für das Schicksal der Naturforschung, inwiefern sie 
und ihre Methoden zur Erforschung des Individuellen zulänglich sind, 
kann allein derjenige Begriff des Individuellen werden, welcher das 
Wesen des Individuums nicht aus begriffsrealistischen formalen Prin- 
zipien der Individuation gewinnt, sondern die Unwiederholbarkeit 
in der qualitativen Synthese der Realität selber, in deren 
unendlicher und daher tatsächlich qualitativ unwiederholbarer 
Bedingtheit begründet sieht — unter den Gesichtspunkten der Ab- 
leitung, die wir oben dafür gegeben haben. 

Der Lösungsversuch der Geisteswissenschaften bei 

Rickert. 

Hier sind es nur vor allem die scharfsinnigen und bedeutenden 
Werke Rickerts gewesen, welche das Problem der individuellen 
Kausalität zugleich mit dem der Erkenntnis des Individuellen über- 
haupt von einem Standpunkte aus in Angriff genommen haben, 
welcher dem des vorliegenden Buches diametral widerspricht. 
Rickert hat damit Schule gemacht; nicht nur Simmel, nicht nur 
maßgebende Historiker und Soziologen, auch der größte Teil der 
zeitgenössischen Philosophen hat seine Ausführungen, allerdings 
zum Teil in modifizierter Form, übernommen und für historische 
und kulturwissenschaftliche Forschung zum wissenschaftstheoreti- 
schen Fundament gemacht. Wir halten uns im folgenden lediglich 
an Rickerts Ausführungen selber, welche an systematischer Durch- 
sichtigkeit von keinem seiner Anhänger wieder erreicht worden sind, 
und zwar an sein berühmtes Werk: »Die Grenzen der naturwissen- 
schaftlichen Begriffsbildung«!). Wir stellen seine Gedankengänge 
etwas ausführlicher kritisch dar aus zwei Gründen. Einmal gibt uns 
das den Anlaß, unsere eigene Ansicht vom Wesen der Erkenntnis 
des Individuellen klarer hervortreten zu lassen; und ferner erhalten 
wir neben seinen Fehlern, auf die wir hinweisen werden, so viele 
wertvolle Gesichtspunkte auch für den Fortgang unserer eigenen 
Untersuchung, und in so ausgezeichneter Begründung, daß sie uns 
da, wo wir sie nicht bekämpfen müssen, zur wertvollen Stütze vieler 
späterer Ausführungen werden. Es ist die Wissenschaftstheorie 
der Erkenntnis des Individuums, wie sie im Gegensatz zur Natur- 
wissenschaft die Geisteswissenschaft darbieten zu können glaubt. 

Von dem Gegensatz der Naturwissenschaft und der Geistes- 
wissenschaft geht Rickert aus. Er sieht diesen Gegensatz nicht 



i) Eine logische Einleitung in die historischen Wissenschaften. 1902. 



Die Erkenntnie d. Individualität u. ihre wiascnachaftatheoret. Gruiidlag.n. 195 

in dem Gegenstand beider Wissenschaften, etwa derart, daß die 
Natur gleich der Küri)crwelt und der Geist gleich den seelischen 
Vorgängen wäre; dieser Gegensatz liegt vielmehr lediglicli in der 
logischen Struktur beider Wissenschaften, und das gleiche Objekt 
kiiiin einer wissenschaftlichen Bearbeitung durch jede der beiden 
Methoden unterzogen werden. ->Es wird sich zeigen, daß unter rein 
formallogischen Gesichtspunkten die gesamte gegebene Wirklichkeit 
sowohl Objekt einer naturwissenschaftlichen als auch einer geistes- 
wissenscliaftlichen Darstellung werden könnte «i). Schon hier ist 
an das Wort Darstellung ein Fragezeichen zu heften. Es handelt 
sich doch nicht um die bloße Darstellung, sondern um die Erkennt- 
nis der untersuchten Gegenständlichkeit! Diese Erkenntnis soU den 
Anspruch auf Wahrheit erheben, und nur eine Erkenntnis kann 
diesem Anspruch genügen. Mehrere gleiche Erkenntnisse über den 
gleichen Gegenstand, die einander widersprechen, sind unmöglich. 
Entweder führen beide Methoden, die hier als gleichberechtigt be- 
zeichnet werden, zu derselben richtigen Erkenntnis, dann ist ihre 
Entgegensetzung grundsätzlich nicht wichtig; und wenn man die 
naturwissenschaftliche hat, braucht man die geisteswissenschaftliche 
nicht erst zu begründen ; oder sie führen zu widersprechenden Erkennt- 
nissen, dann ist mindestens eine von ihnen falsch. Welche richtig 
ist, kann nur die Erkenntniskritik entscheiden; und diese verweist, 
da es sich um ein empirisches Gegenstands bereich handelt, an das 
empirische Ausgangsmaterial als sachliches, au die Wissenschafts- 
theorie als formales Kriterium der Richtigkeit. Rickert spielt 
schon hier bedenklich mit jenem Relativismus, welcher in des 
gleichgerichteten Simmeis Werken ganz unverhüllt zum Ausdruck 
kommt. 

Rickerts Analyse der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. 
Rickert wendet sich zur Analyse der naturwissenschaftlichen 
Erkenntnis; und sieht nun, wie sogleich bemerkt sei, den Träger 
dieser naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht im Gesetz, also 
einem Urteil von allgemeiner und notwendiger Geltung, sondern im 
Begriff. Hierin liegt sein schwerster methodischer Fehler. Begriffe 
sind immer willkürliche Schöpfungen des Verstandes, Abbreviaturen 
der Reflexion. Sie werden unter den verschiedensten Gesichts- 
punkten gebildet und gelten problematisch, d. h. sie erheben keinen 
Anspruch darauf, anerkannt zu werden, \vie dies jedes Urteil tut. 
Rickert läßt diesen fundamentalen Unterschied zwischen Begriff 
und Urteil völlig außer acht. Für ihn ist die Naturwissenschaft 
keine Ge setze s Wissenschaft, sondern eine Begriffswissenschaft; 
und die Aufgabe des naturwissenschaftlichen Begriffs ist nach ihm 
die Ȇberwindung der extensiven und intensiven Mannigfaltigkeit 

1) Seite 29. 

13» 



196 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

der Dinge «i). Und zwar wird im Umfange des Begriffs die extensive, 
im Inhalte die intensive Mannigfaltigkeit »überwunden «. »Selbst 
in den einfachsten Urteilen, in denen wir nichts weiter tnn, als die 
Wirklichkeit beschreiben, nehmen wir immer bereits eine weitgehende 
Vereinfachung und eine logische Bearbeitung der Wirklichkeit vor , . . 
Weil ein Urteil über die Wirklichkeit immer nur mit Hilfe eines Be- 
griffs möglich ist, so können wir auch sagen, daß alles Gesehene oder 
Gehörte in ein Urteil immer nur als Glied einer Klasse eingeht . . . « 2) 
Der Inhalt dieser Sätze ist richtig und entspricht völlig unseren An- 
schauungen; er begründet, genau wie wir es tun, die immanente 
Notwendigkeit des Theoretischen in jeder wissenschaftlichen Be- 
arbeitung, selbst in der bloßen Deskription. Aber diese Sätze sollen 
zur Begründung des Primats der Begriffe in der wissenschaftlichen 
Bearbeitung dienen — und sie zeigen dennoch bloß den Primat der 
Urteile in ihr auf. Es macht das Wesen des Urteils nicht aus, daß 
es ein Begriff ist, der in ihm prädiziert wird; daß etwas in ihm prä- 
di ziert wird, macht sein Wesen aus. Rickert verwechselt beides. 
Aber daß er es tut, hindert uns nicht, die wertvollen Wahrheiten 
anzuerkennen, die er gleich darauf über die Behauptung feststellt, 
die Aufgabe der Naturwissenschaft sei die möglichst vollständige 
Beschreibung — eine Ansicht, zu der sich selbst ein so hervorragender 
Naturforscher wie Kirchhoff bekannte. Rickert erkennt sehr 
deutlich in jeder Beschreibung bereits den Charakter der klassi- 
fikatorischen Ordnung und damit der theoretischen Bearbeitung. 
»Soll das Wort Beschreibung als Bezeichnung für den ersten 
Schritt zur naturwissenschaftlichen Erkenntnis der Dinge, zur Unter- 
scheidung von dem zweiten Schritt, der Klassifikation, einen 
Sinn haben, so darf man darunter nur die Art der Klassifikation ver- 
stehen, welche die Gestaltung der Wirklichkeit lediglich mit Hilfe 
der ohne bewußte logische Absicht entstandenen Wortbedeutungen 
vereinfacht. Das ist . . . bisweilen notwendig; aber warum diese 
Vereinfachung vor anderen einen Vorzug haben soll, ist nicht ein- 
zusehen. Die Naturwissenschaft auf Beschreibung der Tatsachen 
in diesem Sinne einschränken, würde heißen, daß die Untersuchung 
bei der ursprünglichen, durch äußerliche Ähnlichkeiten entstandenen 
Ordnung der anschaulichen Mannigfaltigkeit stehen bleiben müsse. 
Dies führt aber für die Logik . . . höchstens als Vorstufe für das 
wissenschaftliche Denken, zu nichts«. Derartige Ausführungen 
möchte man manchem seiner Anhänger auf psychologischem Ge- 
biet, z. B. Jaspers, ins Stammbuch schreiben. 

Nachdem Rickert einmal die Stellung von Begriff und Urteil 
im Wesen der wissenschaftlichen Bearbeitung verwechselt hat, muß 
er den weiteren Schritt tun, dem Begriff zuzubilligen, worauf er nicht 
das mindeste Anrecht hat und was nur das Urteil beansprucht: die 



1) Seite 36. 

2) Seite 45. 



Die Erkeuiitnis d. Individualitut u. ihre wibScusohaltBthcoret. GrundLig. n. I<j7 

(Jeltung. Er tut dies ohne weiteres. »Wii- halxii zu fragen, oh dio 
Wissenscliaft niclil dio Aufgabe hat, Begriffe zu bilden, die ihrem 
logi.scheii Werte nach L'rteilen gleiclizu.setzen .sind.« Vergeblicii fragt 
hier einfacliste Logik: Wie macht mau das ^ Rickert untersucht 
diese Frage nicht, sondern bejaht sie ohne jede Begründung; und 
doch hätte es nahe gelegen zu prüfen, ob die Wissenschaft statt der 
Aufgabe »Begriffe zu bilden, die ihrem logischen Werte nach Urteilen 
gleichzusetzen sind«, nicht die viel einfachere Aufgabe habe, Urteile 
zu bilden, die richtig sind. Rickert bleibt bei seinen Begriffen, 
»tsolcho Begriffe (die ihrem logischen Werte nach Urteilen gleich- 
zusetzen sind) würden unter den Gesichtspunkt der Wahrheit ge- 
stellt werden können, und sie müßten die dem Urteile wesentliche 
Beurteilung, wenn auch nicht explicite, so doch implicite enthalten.« 
»Nur dann, wenn wir die Begriffe als potentielle Urteile auffassen, 
sind sie fähig, die Unendlichkeit der anschaulichen Welt wirklich 
zu überwinden«*). Diese Fähigkeit scheint uns einzig und allein 
dem Urteil anzuhaften. In der Tat, wenn Begriffe Urteile wären, 
so würden sie diese Fähigkeit besitzen. Sie sind es aber nicht; dio 
Schwäche von Ricker ts Stellung wird hier überaus deutlich. 

Aber in dieser Schwäche bleibt Rickert sich treu. So spricht 
er im folgenden von Begriffen, welche, »wegen ihrer lediglich em- 
pirischen Allgemeinheit « dem Zwecke der Naturwissenschaft nicht 
genügen. Es ist ganz klar, daß er hier Urteile meint, wenn er 
Begriffe sagt. Aber diese Verwechslung geht sofort über die bloße 
Namenvertauschung hinaus. Denn er setzt diese angeblichen Be- 
griffe von empirischer Allgemeinheit mit Klassen begriffen gleich 
und begründet so auf falschem W^ege die richtige Forderung, daß 
die naturwissenschaftliche Begriffsbildung ȟberall die rein klassi- 
fikatorische Bcgriffsbildung zu verlassen strebe« auf Grund ihrer 
»Einsicht in die naturgesetzliche Notwendigkeit der Dinge «. Rickert 
sagt hier selber naturgesetzliche, nicht naturbegriffliche, wie 
es konsequent wäre. »Sie wird sich niemals bei Begriffen begnügen, 
die bloße Merkmalskomplexe sind, sondern es wird jede Zusammen- 
fassung zu einem Begriff immer nur unter der Voraussetzung ge- 
schehen, daß die zusammengefaßten Elemente in einem natur- 
gesetzlich notwendigen, d. h. unbedingt allgemeingültigen Zusammen- 
hange stehen «2), Diese Behauptung ist falsch. Es gibt zwar Be- 
griffe, welche nicht eine Klasse von Dingen oder Vorgängen, sondern 
eine Klasse von Gesetzen umfassen; aber auch diese Begriffe sind 
Klassenbegriffe. Richtig und wertvoll ist hier nur der Gedanke, 
daß eine jede Klassifikation immer willkürlich ist, — wie das im 
Wesen der Ik^griffsbildung als willkürlicher Schöpfung des Verstandes 
liegt. Eine notwendige Klassifikation kann daher immer nur in Rück- 
sicht auf eine Theorie vorgenommen werden, welche als Regulativ 

») Seite 67. 
2) Seite 69. 



198 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

den Gesichtspunkt des Abstrahierens gibt. Für Ricker t ist es 
natürlich konsequent, in seinen Begriffen, welche potentielle Gesetze 
darstellen, gleichsam »Vereinigungspunkte von Urteilen« zu sehen 
Wobei der Terminus »Vereinigungspunkt« gerade die nötige Ver 
schwommenheit besitzt, um unklar zu lassen, wie man sich den 
logischen Mechanismus einer derartigen Begriffsbildung denken soll 
Schon Sigwart hat gegen diese Begriffskonzeption die Frage ge 
wendet, was sollen die Subjekte und Prädikate dieser Urteile sein 
welche in derartigen Begriffen ihren »Vereinigungspunkt« haben' 
Der Gravitations begriff z. B. besagt doch an sich gar nichts über die 
Bestimmungen, welche das Gravitations gesetz von der in ihm be 
urteilten Materie notwendig aussagt. Und der Begriff des Gravi 
tationsgesetzes ist neben diesem Gesetz selber völlig irrelevant. 
Sigwart nennt derartige Begriffe von Gesetzen Relationsbegriffe 
und weist nach, daß alle derartigen Relationsbegriffe, wie die Urteile 
überhaupt, Dingbegriffe voraussetzen, für welche Rickerts Fest- 
stellungen nicht gelten. Rickert nun gibt dies zu, behauptet aber, 
in einer logisch vollkommen gedachten Naturwissenschaft spiele 
der Dingbegriff nur eine sehr kleine Rolle; den Forderungen einer 
solchen logisch vollkommenen Naturwissenschaft könne nur genügt 
werden, wenn auch in dem Dingbegriff der »dunkle Kern« geklärt 
werde, welchen die Beziehungen seiner Elemente zueinander dar- 
stellen, d. h. wenn auch jeder Dingbegriff zu einem Relationsbegriff 
werde. Dies »bedeutet nichts anderes, als daß die Naturwissenschaft 
die Tendenz haben muß, die Dingbegriffe soweit wie möglich in Re- 
lationsbegriffe umzuwandeln«!). Uns scheint: Es handelt sich für 
die Naturwissenschaft nicht um Auffindung der Relations begriffe, 
sondern der Relationen. Gegen Rickert spricht hier die einfache 
Forderung, daß doch immer etwas in Relation stehen muß, und 
dieses etwas ist für die Naturwissenschaft schließlich doch nicht ganz 
unwesentlich. Sie hat es nämlich nicht mit den Relations begriffen, 
sondern mit der Natur zu tun. Rickert kommen derartige Be- 
denken auch; und so gibt er denn in der Folge zu, daß sich die Aus- 
schaltung der Naturobjekte, auf welche sich die gesetzmäßigen Re- 
lationen der Naturwissenschaft beziehen, auch in der Natiirwissen- 
schaft, die er für logisch vollkommen hält, schlechterdings nicht wird 
.durchführen lassen. Er spricht freilich naturgemäß nicht von den 
Objekten, sondern von den Dingbegriffen, und räumt ein, daß die 
Ausschaltung des Dingbegriffes auch für eine logisch vollkommene 
Naturwissenschaft nicht möglich, ja nicht einmal als logisches Ziel 
wissenschaftlichen Strebens zu betrachten sei. Der Dingbegriff, den 
es also auch in einer logisch vollkommenen Naturwissenschaft geben 
muß, ist nach ihm freilich nur ein Grenzfall, der »unsere Theorie im 
allgemeinen unberührt läßt«. Rickerts Ideal einer logisch voll- 
kommenen Naturwissenschaft ist sonderbar genug und weicht von 

2) Seite 79. 



Die Erkenntnis d. Individualität u. ihre wissenBchaftstheoret. r; rundlagen. 199 

dem Ideal aller großen Naturforscher, von Helmholtz bis Pasteur, 
recht weit ab: das Ideal der Rickertschon NaturwiHsen.schaft ist 
nämlich, »die allgemeinsten Gesetze zu finden, die au.snahniHloH alles 
körperliche Geschehen Ixjherrschen «, und zwar dadurch, daß sie 
einen Begriff von der KöriK'rwelt bilde, in dem nur noch die unaus- 
schaltbaren Dingbogriffo vorkommen, sonst aber nur Relations- 
begriffe. Der von der Naturwissenschaft beizubehaltende, weil un- 
ausschaltbaro Dingbegriff, den Rickert noch allenfalls toleriert, 
muß nach ihm ein Begriff von Dingen sein, welche weder quantitative 
noch qualitative Unterschiede mehr aufweisen. Letztores ist nötig, 
weil in der Natur sonst Dinge mit neuen Qualitäten auftauchen 
könnten, welche in den bisherigen Rolationslx^griffen nicht auf lös- 
lich wären, wodurch denn in der Tat die »Vollkommenheit « dieser 
Naturwissenschaft bedenklich gestört würde. Nun stelle man sich 
diesen Dingbegriff vor, dessen Schöpfung das unerreichbare Ideal 
der ganzen naturwissenschaftlichen Arbeit sein soll: Er hat weder 
quantitative noch qualitative Merkmale mehr. Rickert nennt ihn 
den Begriff des einfachen iinanschaulichen Dinges. Das sind — 
omnis determinatio est negatio — zwei negative Merkmale. Welche 
positiven Merkmale hat aber ein solcher üingbegriff ülx?rhaupt noch? 
Gar keine! Das also ist Rickerts Ideal der vollkommenen Natur- 
wissenschaft: 8ie bildet den Gesetzes begriff und den Dingbegriff, 
beide möglichst merkmalsfrci und frei von irgendwelchen Bestim- 
mungen; darunter fällt dann natürlich in letzter Linie alles, unter 
anderem auch die gesamte Natur. Diese »logischen« Forderungen 
an eine »ideale« Naturwissenschaft sind, wie uns deucht, leicht zu 
erfüllen. Es bedarf nur einer in wenigen Augenblicken zu vollziehen- 
den Abstraktion von allem Wirklichen und Denkbaren, die man im 
bequemen »Schreibtischsessel anstellt. Und es bleibt nur erstaunlich, 
daß trotz einem so bequem zu verwirklichenden »Ideal« immer noch 
Generationen ernster Forscher in der Naturwissenschaft, der Be- 
tätigung in Werkstatt und Laboratorium, in fernen Ländern, in 
den Lüften, auf und unter dem Meere Probleme über Probleme und 
Arbeit über Arbeit finden! Aber so muß es kommen, wenn die An- 
maßliclikeit »geisteswissenschaftlicher« Spekulation mit einem Feder- 
strich Ziel und Grenzen der Naturforschung zu geben sicli vermißt, 
ohne auch nur eine Ahnung von ihrer wirklichen Arbeitsweise zu 
haben! Es ist derselbe Gestus dünkelhafter Herablassung gegenüber 
der empirischen Forschung, den wir schon bei dem gleichgesinnten 
Windelband an anderer Stelle zurückweisen mußten *). Nur ncl)en- 



1) Vgl. S. 72 «licsps Bucht s. Es gilt auch hiir das Sprichwort: Wie die 
Alton sungen, so xwitsclu-rn die Jungen ! Man loao etwa, wie der Rickert.-^hüUT 
Kroner (Zw<i-k und fJrsctz in der Biologit'. Tübingen 19i:i) mit wirklich leut- 
seliger Duldsanik«'it den naturwi.ssenschaftlichcn, biologinchen Methoden und 
FragestfUungcn immerhin noch ein bescheidenes Plätzchen im Werke der Bio- 
logie übrig laut, wenn «t sie auch gUichsjim moralisch vernichtet und »in ihre 
logischen Grenzen zurückweist« durch seine Methode »logisch<?r Besinnaiigs 



200 Über die wissenscliaftstheoretischcii Grundlagen der Payclioiogie usvr. 

Lei sei erwähnt, daß eine derartige Einstellung, wie die Rio kert sehe, 
natürlich auch nicht im geringsten in der Lage sein kann, die wahre 
Bedeutung der Mathematik für die Aufgabe der Naturwissenschaften 
zu erfassen. Daß die mathematische Behandlung der Natur durch die 
raumzeitliche Gegebenheit der Natur erfordert wird, und deren Wesen 
mit Notwendigkeit zur Darstellung bringt, daran geht Rickert 
vorüber. Bei ihm folgt die Bedeutung der Mathematik lediglich 
aus seinem Begriffe des einfachen Dinges, auf dessen Mannigfaltigkeit 
»die Zahlenreihe « anwendbar wird. Freilich soll auch diese Mannig- 
faltigkeit durch den Gesetzesbegriff überwunden werden; und so 
sind die in Frage stehenden mathematischen Methoden nur ein bei- 
läufiges und vorläufiges Aushilfsmittel der Naturwissenschaft. Immer- 
hin kann selbst Rickert nicht übersehen, daß es ja auch eine Mannig- 
faltigkeit von »Relations begriffen« gibt; auch diese will er mathe- 
matisch behandeln, womit er aber nicht etwa meint, daß er die Re- 
lationen mathematisch bestimmen wolle, sondern die Mannigfaltig- 
keit der Begriffe. Er läßt hierbei offen, ob er diese Mannigfaltigkeit 
zählen oder ordnen will; etwas anderes dürfte er mathematisch kaum 
mit ihr anfangen können. Daß auch die raumzeitlichen Bestim- 
mungen der Natur einen Grund der Möglichkeit mathematischer Be- 
handlung bieten können, ist ihm äußerst unbehaglich, läßt sich aber 
für die Phoronomie nicht ganz vermeiden. Die Bewegung ist ja 
ebenfalls »mannigfaltig« und daher mathematisch darstellbar. Von 
einer mathematischen Behandlung der Dynamik hört man nichts 
bei Rickert. Für ihn ist die ganze Sache damit erledigt, daß aus 
der empirischen Unendlichkeit durch die mathematische Behandlung 
eine »übersehbare mathematische Unendlichkeit« wird^). Dies zur 
Belehrung der theoretischen Physik! 

Wir wandten uns schon gegen die logische Struktur des Begriffs 
des einfachen unanschaulichen Dinges bei Rickert. Er selber be- 
merkt im Verlauf dieser Untersuchung ebenfalls, daß die Merkmale 
dieses Begriffs, so wie er ihn fordert, lediglich negativer Art sind. 
Mit einem verblüffenden Sprung vollzieht er daher die Verwandlung 
auch dieses Dingbegriffes, den wir nur so behandeln, als ob er ein 
Dingbegriff wäre, in einen Relationsbegriff. Er dekretiert: Im 
Grunde setze sich auch der logisch vollkommene Dingbegriff aus 



eine sonderbare Art von spekulativen Deduktionen und Dekreten über »chemische 
Einheit« (!?) und Organismenbegriff. Diese »logischen« Besinnungen instauriert er 
seinerseits dafür als die wahre Fundamentierung aller Biologie. Inhaltlich sind 
sie oftmals ungenießbar, von einer auch stilistischen Dunkelheit, welche ihre 
biologische Falschheit geschickt, aber wirkungslos, verschleiert. Es ist Geist vom 
Geiste der Schellingschen neuen Zeitschrift für spekulative Physik: und bevor 
man an die kritische Diskussion dieser Ausführungen herantritt, fühlt man sich 
versucht, an den Autor dieser pseudo-isidorischen (oder besser pseudo-Rickertschen) 
Dekretalien die bescheidene Frage zu richten, ob er überhaupt schon jemals in 
seinem Leben auch nur die schülerhafteste biologisch-physiologische Versuchsreihe 
angestellt habe. 
1) Seite 92. 



Die Erkenntnis d. Individualität u. ilirc wiseenBchaftstheoret. Gnuidlitj^en. 201 

lauter Urteilen zusammen. »So kommt er zu dem SchluBne: »Der 
Inhalt aller logiseh vollkommenen naturwis.senscliaftlichen Begriffe 
besteht auH Urteilen»)*). Daß dies abstru.s i.st, brauchen wir kaum 
mehr zu wiederiiolen. 

Hat Kickert auf diese Weise die Urteilscharaktere in das Wesen 
der Begriffe hineingeheimnist, so muß er auch die Konsequenz ziehen, 
daß Begriffen notwendige Geltung zukommt. Man unterscheidet 
danach drei iStadien der Begriffsbildung: Erstens Wortbedeutungen 
von empirischer Allgemeinheit noch ohne logischen Wert (»Beschrei- 
bung«). Zweitens logische Bestimmtheit zu MerkmaLskomplexen 
(»Klassifikation«). Drittens notwendige Geltung (»Erklärung«). 
(So verwaschen diese »logische« Gliederung der Begriffsbildung auch 
ist, so führt sie ihn zu einer Konsequenz, die wir für sehr wertvoll 
und richtig halten: dazu nämlich, daß er jede prinzipielle Unter- 
scheidung zwischen Beschreibung und Erklärung verwirft. Die 
Erklärung ist kein Gegensatz zur Beschreibung, denn auch Beschrei- 
bung ist ohne Begriffe nicht möglich. Die Beschreibung arbeitet 
nur mit logisch weniger vollkommen geklärten Begriffen als die Er- 
klärung. Eine vollständige Beschreibung ist wegen des begrifflichen 
Wesens ihrer -Hilfsmittel unmöglich. Beschreibung kann bedeuten: 
Erstens Klassifikation. Das wäre lediglich eine zweckmäßige Ver- 
einfachung der Tatbestände als Vorarbeit zur Anwendung von noch 
nicht auffindbaren Gesetzen. Wenn die Begriffe dieser Beschreibung 
ihrem Zweck genügen, so »gelten «sie damit im Ricker tschen Sinne; 
an sich gelten sie nicht. Auch hier meint Rickert wieder die Urteile, 
in denen diese Begriffe vorkommen, aber nicht die Begriffe selber. 
Die Tatsache dieser Geltung aber verwischt, wie er richtig sagt, den 
prinzipiellen Unterschied zur Erklärung, oder, wie wir sagen würden : 
zur Theorie. 

Zweitens kann Beschreibung bedeuten deskriptive Tatbestands- 
analyse. Eine solche ist an sich immer wertlos und hat nur Sinn als 
Vorarbeit für eine erklärende oder deskriptive Wissenschaft. Auch 
diesen Satz untersclireiben wir durchaus: Ja. wir sind der Meinung, 
daß es gar keine deskriptive Analyse von Tatbeständen geben könne, 
in welche nicht schon Elemente der erklärenden Wissenschaft ein- 
gegangen wären. Um so überraschender und bedeutsamer ist dem- 
gegenüber Rickcrts neuer, hier hervortretender Gesichtspunkt*), 
daß auch reine Deskription an sich wertvoll sein könne, aber nur, 
soweit keine naturwissenschaftliche Absicht im engeren 
Sinne vorliegt. Wird durch diese Beschreibung nämlich die Man- 
nigfaltigkeit der Anschauung nicht überwunden, sondern gerade 
herausgehoben, so handele es sich nicht um Naturwissenschaft. 
Wir würden die neue Lehre gern annehmen, wenn wir erfahren 
könnten, wie überhaupt eine Beschreibung möglich sein soll, welche 

») Seite 96. 
«) Seite 141. 



202 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

die Mannigfaltigkeit des Anschaulichen nicht abstrakt! v vereinfacht, 
sondern gerade in ihrer individuellen Fülle heraushebt. Immerhin 
sind wir im Negativen mit Rickert völlig einer Meinung: »Tat- 
sachen kann die Naturwissenschaft gar nicht beschreiben. Diese sind 
in ihrer anschaulichen Vereinzelung durch die Abstraktion der Natur- 
wissenschaft nie vollständig faßbar. « »Da ohne Begriffe ein natur- 
wissenschaftliches Denken überhaupt nicht möglich ist, so . . . geht 
das einzelne Faktum als solches auch in die naturwissenschaftlichen 
Urteile, die Tatsachen konstatieren, gar nicht ein^).« Dieser letzte 
Satz ist wieder in mehrfacher Hinsicht bedenklich. Ohne Begriffe 
ist nicht nur naturwissenschaftliches Denken, sondern Denken 
überhaupt unmöglich. Würde die Konsequenz Ricker ts gelten, 
daß, da ein Denken ohne Begriffe unmöglich ist, das einzelne Faktum 
als solches niemals beurteilt werden könnte, so würde diese Konse- 
quenz nicht nur das naturwissenschaftliche Denken, sondern das 
Denken überhaupt, also auch das historische, treffen. Diese Kon- 
sequenz ist aber falsch. Die Möglichkeit singulärer Urteile über 
einzelne Tatsachen ist logisch von der Begrifflichkeit des Denkens 
ganz unabhängig. Rickert bringt seinem Dogma nach und nach 
die gesamte Logik zum Opfer. 

Rickerts Analyse der psychologischen Erkenntnis. 

Nach diesen allgemeinen Ausführungen unternimmt es Rickert, 
der Psychologie ihre Stellung zur Naturwissenschaft und dem 
Wissenschaftsganzen überhaupt anzuweisen. Er geht von einer Prü- 
fung der landläufigen Trennungslinie der Psychologie von den Natur- 
wissenschaften aus, welche dadurch gezogen sein soll, daß die Natur- 
wissenschaften sich mit den Objekten beschäftigen, die dem Subjekt 
gegenüberstehen, die Psychologie hingegen ihren Gegenstand in 
diesem erkennenden Subjekt unmittelbar findet. Wir begrüßen es, 
daß Rickert diese Trennung ebenso verwerflich findet, wie wir 
selber. In der Tat zeigt einfachste Überlegung, daß das erkennende 
Subjekt, um seinerseits wissenschaftlich erkannt zu werden, zum 
Objekt einer auf es gerichteten Erkenntnistätigkeit werden muß. 
Ist dies nicht möglich, so ist Erkenntnis von ihm nicht möglich, sie 
sei nun naturwissenschaftlich oder nicht naturwissenschaftlich. Ist 
€8 aber möglich, das erkennende Subjekt seinerseits zum Objekt 
einer Erkenntnis zu machen, so ist dies »Subjekt« dann von sämt- 
lichen anderen möglichen Objekten einer Erkenntnis nicht mehr 
grundsätzlich unterschieden. Es steht dann wie alle Objekte einem 
erkennenden Subjekt gegenüber, nämlich dem Subjekt der auf es 
bezüglichen Erkenntnis. Definiert man aber Naturwissenschaft — 
(fälschlich) — als Wissenschaft von den Objekten, die einem er- 
kennenden Subjekt gegenüberstehen, so ist e§ dann ebenfalls ein 

1) Seite 14.5. 



Die Erkenntnis d. Individualität u. ihre wissenschaftethcoret. Grundlagen. 203 

Gegenstand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis — oder es ist 
ülxjrhaupt kein Gegenstand irgendeiner möglichen Erkenntnis. Diesen 
sonnenklaren Tatl)estand wollen wir uns durcli noch so geistvolle 
Spekulationen der Trias Natorp, Münsterberg und Bergson 
nicht verdunkeln lassen! 

Wir folgern aus dieser Überlegung nicht etwa, daß »das Ich« 
Gegenstand naturwissenschaftlicher Erkenntnis sei, wir folgern aus 
ihr vielmehr die Falschheit der genaimten Definition von Natur- 
wissenschaft und ihrer Trennungslinie gegen die Psychologie. Den 
naturwissenschaft Hellen Charakter der Erkenntnis des Seelischen 
haben wir ja an anderer Stelle aus allgemein wissenschaftstheoretischen 
Erwägungen abgeleitet i). Für das individuelle Wesen des Seelischen 
stellt er aber hier noch in Frage. Soviel ist uns klar, daß er durch 
die genannte logisciie Mcrkmalsbildung nicht beantwortet zu werden 
vernuig. 

Rickert ist darin ganz unserer Ansicht. Aber der Weg seiner 
Prüfung ist ein viel komplizierterer. Er fragt sich: welche Subjekts- 
begriffe sind denn möglich, welche als erkennend den naturwissen- 
schaftlichen Objekten gcgenüberstellbar sind — wenn wir jene be- 
hauptete Trennungslinie einmal als gültig voraussetzen? 

Als erstes kommt das psj'chologische Subjekt in Frage: Das 
Ich als Gesamtheit von Körper und Seele. Die Entgegensetzung 
des Ich als Subjekt zum Umkreis von Naturobjekten kommt dann 
durch eine eigentümliche Lokalisation des Seelischen innerhalb 
dieses »psychophysischen Ich« zustande. Wir sprechen von der 
Körperwelt als der »Außenwelt «, dem Seelenleben als der »Innen- 
welt«, und behalten diesen Gegensatz auch in denjenigen psycho- 
logischen Systemen bei, welche den Seelenbegriff selber nicht mehr 
anerkennen. Diese Trennung hat aber nur Sinn, wenn beide Be- 
griffe, Außenwelt und Seelenleben, auf verschiedene Teile der räum- 
lichen Welt, in weleher das psychophjieische Subjekt drinsteht, 
l)ezogen werden. Dadurch aber wird die abzuleitende Trennung 
des Körperlichen und des Seelischen aufgehoben; deim das Seelische 
wird zu einem Teil des Räumlichen, nämlich zu dem Räumlichen 
»im« psychophysischen Ich. »Machen wir uns ntir klar, daß das 
huiere des Menschen sein Gehirn, seine Nerven, seine Muskeln, seine 
Eingeweide, aber nicht sein Seelenleben ist«. Natürlicli ist das 
Seelenleben psychophysisch von diesem »Innenleben« abhängig; 
jedoch ist das prinzipiell für unsere Frage lx>langlos. Selbst wenn 
man alx?r den so gewonnenen Gegensatz von Natur und Seelenleben 
anerkennen würde, so würde aus ihm noch nicht folgen, was doch 
eigentlieh aus ihm folgen sollte: daß die Methode der wissen- 
schaftlichen Bearbeitung des »Innenlebens« eine grundsätzlich an- 
dere sein müßte, als die der »Außenwelt« in diesem psychophj-si- 
schen Sinue. Kh ist logisch bedeutungslos, wenn gesagt wird, die 



») Siehe S. l'23ff. dit^sos Buches. 



204 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

Psychologie als Geisteswissenschaft hätte es mit dem Innenleben, 
die Naturwissenschaft mit dem Außenleben zu tun, weil aus diesem 
Gegensatz gar keine logische Differenzierung der Erkenntnis- 
methoden folgt 1). 

Der zweite Begriff von Subjekt, welcher möglich wird, ist nach 
Rickert der des Bewußtseins. Seelisches Leben würde hiernach 
als Bewußtseinsvorgang definiert. Das tun tatsächlich fast alle 
neueren Psychologen! Was von dieser Gleichsetzung des seelischen 
Seins mit dem Bewußtsein zu halten ist, werden wir in der Phäno- 
menologie noch zu erörtern haben. In der Wissenschaftstheorie 
haben wir bereits einige Andeutungen darüber gemacht, daß und 
warum wir diese Identifizierung für falsch halten. Folgen wir aber 
Rickert vorerst weiter. Er kommt zu dem, wenn man die Gleich- 
setzung des Seelischen und des Bewußtseins wirklich ernst nimmt, 
völlig richtigen auch schon von Wundt zugestandenen Ergebnis: 
Was wir mit dem Begriff Bewußtsein meinen, können wir nicht er- 
klären. Aber er hat einen anderen Einwand gegen diese Gleich- 
setzung des Seelischen mit dem Bewußtsein. Der Bewußtseinsbegriff 
umfaßt nach ihm mehr als bloß das Psychische. »Wir kennen in 
der Erfahrung kein Sein, das wir zu den Bewußtseinsvorgängen in 
einen Gegensatz bringen können. « Auch die Körperwelt ist in diesem 
Sinne Bewußtseins Vorgang. — Mit dieser Konsequenz wird ein ur- 
alter Fehler begangen, welcher aber noch heute allem Panpsychismus 
und ähnlich gerichteten monistischen Dogmen zugrunde liegt 2). Die 
gesamte Körper weit, sie sei welcher Art man immer annehmen will, 
ist uns nur vermittels »Bewußtseinsvorgängen«, nämlich solchen 
des erkennenden Bewußtseins, gegeben; sie ist Gegenstand von 
Bewußtseins Vorgängen, und hierin unterscheidet sie sich nicht von 
irgendwelchen beliebigen anderen Gegenständen erkennender Be- 
wußtseinsvorgänge, die wir nicht zu ihr rechnen. Die Gegebenheit 
der Körperwelt durch erkennende Bewußtseinsvorgänge, und selbst 
die ausschließliche Gegebenheit derselben durch Bewußtseins Vor- 
gänge, ist aber nicht identisch mit der Existenz dieser Körperwelt 



1) Vgl. Avenarius, Bemerkung zum Begriff des Gegenstandes der Psycho- 
logie (Vierteljahrsschrift f. wiss. Phil. usw. Bd. 18. S. 141— ISOff.). 

2) Es ist im Grunde das alte erkenntnistheoretische Immanenzprinzip, 
welches sich hier in einer psychologisierenden Färbung wieder auftut. Wir gehen 
auf die erkenntnistheoretische Seite im folgenden nicht ein, sondern beseitigen 
nur einige aus dieser falschen Fragestellung herrührende psychologische 
Schwierigkeiten. Über das philosophische Dogma der Immanenzphilosophie hat 
Kant sich, wider Berkeley und dessen »dogmatischen Idealismus«, grund- 
legend geäußert, gerade auch in bezug auf jene psychologische Einzelfrage nach 
dem Bewußtsein einer Außenwelt (K. d. r. V. 1. Ausg. S. 274—279). Er zeigt 
hier, daß »das unmittelbare Bewußtsein des Daseins äußerer Dinge . . . nicht vor- 
ausgesetzt, sondern bewiesen wird, die Möglichkeit dieses Bewußtseins mögen wir 
einsehen oder nicht«. — Die beste systematische Darstellung zur Ideengeschichte 
des Immanenzprinzips und seiner Überwindung in Hume gibt Otto Selz, Die 
psychologische Erkenntnistheorie und das Transzendenzproblem, Arch. f. d. gcs. 
Psychol. Bd. IG. Heft 1 und 2. 



Die Erkenntniß d. Individualität u. ihre wisscnBchaftflthforpt. fJrundlagon. 205 

als Bewiißtseinsvorgängc. Was den Bewiißtscinsvorgängen, durch 
die uns die Körperweh gegeben ist, ala Objekt tatHÜchlich enlsj)ri(ht, 
ist eine erkennt ni.stheoretJHc he Frage; dio Unlösliarkeit der- 
.selben haben wir el)en.so wie ihre Vermeidbarkeit an früheren Stellen 
dargetan*); die Belumptung, diese entsprechenden Objekte seien 
selber Bewußtseinsvorgängo, ist eine erkenntnistheorctische Ant- 
wort, welche wie alle erkenntnistheoretische Antworten eo ipso falsch 
ist. Für unsere Vernunft kritische ülx^rzeugung sind diejenigen Be- 
wiißtseinsvorgätige, durch welche Seelisches erkannt wird, und die- 
jenigen, durch welche uns eine Körperwelt gegeben wird, zwei ver- 
schiedene, unauflösliche, als etwas Letztes hinzunehmende unmittel- 
bare Erkenntnisgrundformen; ihre wissenschaftstheoretische Deri- 
vation aus der erkennenden Vernunft seliger haben wir dargetan. 
Beide gelten mit gleicher unmittelbarer Gewißheit und Untrüglich- 
keit ; damit erübrigen sich für uns alle weiteren hier anzuschneiden- 
den Probleme. 

Rickert hat es nicht so einfach. Er hat die Konsequenz auf 
sich genommen, daß alles Sein, auch das der Körperwelt, Bewußt- 
seinsvorgang ist. Und es ist ihm nun überaus scliwierig, die Sonderart 
des psychischen Seins als Bewußtseinsvorgang von der des physischen 
Seins als Bewußtseinsvorgang zu trennen. Da die Verschiedenheit 
beider Seinsgebiete evident ist, so entsteht mit unwiderstehlicher 
Folgerichtigkeit jene Konsequenz, welche aus gleichen Voraus- 
setzungen wie Rickert sowohl Wundt als auch Brentano und 
seine Schule für ihre Philosopheme gezogen haben: die Körjierwelt 
muß dann mehr sein als dasjenige, was wir als anschauliche Welt 
von räumlichen Dingen und Vorgängen unmittelbar erkennen. Diese 
Erkenntnis ist vielmehr nur ihr Abbild oder ihre Erscheinung. Diese 
Erkenntnis nun gehört dem Seelenleben an; und so ist auch die 
Körperwclt in der Form dieser Erkenntnis, als Erscheinung, mittel- 
bar dem Seelenleben angeiiörig. Daraus folgt weiter, daß uns das 
Seelenleben allein unmittelbar gegel)en ist; soweit das Seelenleben 
Körperwelt ist, ist die Körperwelt nur als Erscheinung Seelenleben, 
also mittelbar. Wenn alles unmittelbar gegebene Sein Bewußtseins- 
vorgang, und jeder Bewußtscinsvorgang etwas Psychisches ist, so 
kann das Psychische allein unmittelbar, die Körperwclt dagegen 



*) Es ist nin- merkwürdig, daß das Immanenzprinzip sich auch in den Gedanken- 
gängen transzcndentahstischiT IMiilosophen, wenigstens als gebilligte Pniblem- 
8t<>llung in dieser psychologischen Fassung, noch heutigen Tages ab und zu vor- 
findet — vom l'anpsychisnnis und den verscliiedenen Monismen gar nicht zu 
sprechen. So hier bei Rickert; ferner bei Wundt; ferner bei Münsterberg 
((Jnindzüge der Psychol. I. 1900. S. 204, 7 Iff.); und selbst bei Na torp (All- 
gemeine Psychologie. I. 1912. S. 114 ff.). Allerdings sieht der letzten\ welcher 
überall bei psycholoßisehen Statuit-nnigen die sonderbare Voreingenommenheit 
hat, eine »Vembjektiviennig« zu wittern (denn die Wissenschaft vom SiM«lischen 
darf doch beileibe nicht Objektivität an.><tn>ben !), sogar im Begriff des H« wußt- 
seinsvorgangea eine solche »Verubjcktiviorungc Was würde Kant zu dickem 
Kantianer gesagt haben ! 



206 Über die -wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

nur mittelbar gegeben sein; d. h. wir müssen alles Psychische als 
Realität, die KörperweJt hingegen als Phänomen bewerten. 
Der Erkenntniswert des psychischen Erkennens bleibt also der einer 
unmittelbaren untrüglichen Erkenntnis; der des physischen Er- 
kennens hingegen sinkt zu einer mittelbaren und trügerischen Erkennt- 
nisweise, deren Kriterien weder in der Gewißheit der Erkenntnis - 
Vollzüge liegen können noch in den Gegenständen, die ja nur durch 
diese trügerische und mittelbare Erkenntnis gegeben sind. So be- 
gründet sich dann auch bei Wundt^) und Brentano2) und stellen- 
weise auch bei Lipps^) der Vorrang der inneren über die äußere 
Erkenntnis, und die innere Wahrnehmung wird zum Korrektiv für 
die Geltung der äußeren*). 

In dieser ganzen Deduktion liegt der gleiche Fehler, den wir schon 
in ihren Voraussetzungen aufwiesen: die Verwechslung von Inhalt 
und Gegenstand des Erkennens. Wir verweisen auf unsere Wider- 
legung dieser Voraussetzung: daß alles Sein ein Bewußtseinsvorgang 
wäre. Beide Erkenntnis weisen, die innere und die äußere, setzen 
sich, wie wir nachgewiesen haben, aus irreduziblen Materialien zweier 



1) Wundt, Physiol. Psychol. 5. Aufl. III. S. 766. 

2) Brentano, Psychol. I. 1874. S. 184. 

3) Lipps, z. B. in Grundtatsachen des Seelenlebens. S. 10. 

*) Zum Problemkreise der inneren Wahrnehmung äußern wir uns in der 
Phänomenologie. Wird die äußere Wahrnehmung als mittelbar und vom Korrektiv 
der inneren abhängig aufgefaßt, so wird ihre Geltung als Erkenntnis damit pro- 
blematisiert. Hiergegen behaupten wir: Erstens die Frage, wie man zum Inhalt 
der Wahrnehmung hinsichtlich seiner Trüglichkeit Stellung nehmen solle, ist sinn- 
los — mag es sich nun um äußere oder innere Wahrnehmung handeln. Zweitens 
fehlt uns jedes Kriterium, um den Zweifel an der Geltung der Wahrnehmung zu 
entscheiden oder zu begründen. Mit dem Nachweis dieser beiden Behauptungen 
ist die untrügliche und unmittelbare Geltung der Wahrnehmung — es sei dies nun 
äußere oder innere — gegeben. Wir führen diesen Nachweis hier für die äußere 
Wahrnehmung, deren Geltung in Frage steht. 

Erstens: Die Frage, ob eine äußere Wahrnehmung richtig oder irrig ist, ist 
sinnlos; denn mit der Wahrnehmung ist die Richtigkeit der Wahrnehmung schon 
unmittelbar psychologisch gegeben. Jeder Wahrnehmung liegt vermöge ihrer 
eigenen Natur ursprünglich und unvermeidlich ihr assertorisches Wesen zugrunde; 
dies bildete von vornherein einen unabtrennbaren, integrierenden Bestandteil des 
Wahrnehmungsaktes. Ein Zweifel an der Wahrnehmung im Hinblick auf diese 
Assertion ist psychologisch nicht möglich. 

Zweitens: Wäre er möglich, wie könnte er beseitigt werden? Durch ein Kri- 
terium, welches über die Richtigkeit von äußeren Wahrnehmungen entschiede. 
Dies Kriterium kann nicht der Gegenstand sein, welcher ja erst in der Wahrneh- 
mung gegeben ist. Es müßte also eine Erkenntnis sein, welche unabhängig von 
der äußeren Wahrnehmung gilt. Als solche könnte es entweder eine Erkenntnis 
a priori sein — in ihr aber kann ein solches Kriterium für die äußere Wahrnehmung 
nicht liegen wegen ihrer modalischen Inkongruenz mit dieser; oder es könnte eine 
innere Wahrnehmung sein — , in dieser aber kann das Kriterium nicht liegen 
wegen ihrer gegenständlichen Inkongruenz mit der äußeren Wahrnehmung, deren 
gegenständliche Geltung sie prüfen soll. Mithin ist ein solches Kriterium über- 
haupt unmöglich. Der Zweifel an der Geltung der äußeren Wahrnehmung ist nicht 
nur psychologisch sinnlos, ihre Problematisierung ist auch logisch undurchführbar. 
Mithin bildet die Geltung der äußeren Wahrnehmung überhaupt kein mögliches 
Problem. 



Die Erkenntnis d- Individualität u. ihre wissfaschafteiheoret. GrundlAgen. 207 

verschiedener, jeweils anschaulich-evidenter und untrüglicher Er- 
kenntnisgrundfornien zuHumnien, welche durch eine begriffliche 
Theorie in die gesarate Erkenntnis der Vernunft eingeordnet werden. 
In gewissem iSinno ist die psychische Anschauung sogar mittelbarer 
als die äuÜero Anschauung, nämlich insofern, als sie von köriK-rlicher 
Zeitl^stimmung abhängig ist. Wie Kant sagt, ist sie »in der Zeit 
nur durch die Existenz wirklicher Dinge, die ich außer mir wahrnehme, 
möglich . . ., so daß folglich innere Erfahrung selbst nur mittelbar 
ist, nur durch äußere möglich ist «i). Rickert denkt kantisch genug, 
um jene Konsequenzen zu mißbilligen, welche sicli aus der Gleich- 
setzung der Körperwelt mit Bewußtseinsvorgängen notwendig er- 
geben müssen. Aber da er das ganze Problem der Möglichkeit einer 
Psychologie als Wissenschaft und ihrer Stellung zur Naturwissenschaft 
von vornherein, wie wir zeigten, unter der falschen Fragestellung er- 
scliöpft sieht : welche Subjektsbegriffc es denn seien, welche für die 
Materien der Psychologie (und für die Körperwelt) als erkennende 
in Frage kämen, so geht er einen Irrweg, um jene von ihm mißbilligten 
Konsequenzen zu widerlegen. Das Subjekt für alles Gegebene ist 
nach ilim nicht identisch mit dem Subjekt des psychisch Gegebenen. 
Fassen wir Subjekt als das aktive, Objekt als das passive Moment 
des Erkenntnisvorganges auf, so läßt sich eine Reilie denken. Der 
Ausgangspunkt sei das psychisch-physische Subjekt. Von diesem 
wird zunächst der Körper Objekt für den gleichsam mehr psychischen 
Anteil des psychophysischen Subjekts. Eine Reihe von psycho- 
physischcn Subjektsbegriffen, in denen auf diese Weise das Phy- 
sische immer kleiner wird, führt uns allmählich zum psychologi- 
schen Subjekt, welches seinerseits gar nichts körperliches mehr ent- 
hält, hinüber. Diese Reihe läßt sich auch noch über das psycho- 
logische Subjekt hinaus weiter verfolgen. Einmal kann das psycho- 
logische Subjekt in seiner Ganzheit als das Aktive den Körpern in 
ihrer Gesamtheit als passiven Objekten gegenüberstehen. Aber auch 
in sich selber kann das psychologische Subjekt in eine aktive und in 
eine passive Seite zerfallen. Die passive Seite erhält Objektcliarakter; 
und es ist dann so, daß gleichsam ein Teil des Subjekts den anderen 
erkennend betrachtet. Es ist nun möglich, einen jeden beliebigen 
Teil des psychologischen Subjekts zum Objekt zu machen. Und 
dieser Prozeß der Objektivierung des Psychologischen läßt sich 
immer weiter fortgesetzt denken. Denken wir ihn uns vollendet, 
so bleibt ein reines Subjekt übrig, welches selbst gar kein empi- 
risches Sein mehr enthält, weder physisches noch psychisches, und 
niemals Gegenstand einer empirischen Wissenschaft werden kann. 
Nennen wir dieses übrigbleibende reine Subjekt Ik>wußtsein, so ist 
alles gegebene Sein Bewußtseinsinhalt. Dies Bewußtsein ist aber 
nicht das psychologische Subjekt, es enthält nichts psychisches 



1) Kr. d. r. V. 1. Ausg. S. 276. Vgl. Meyerhof, Psychologische Theorie usw. 
S. 65. 



208 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

mehr. Dieser ganze Prozeß ist nach Rickert natürlich nur be- 
grifflich möglich. 

Hierzu sagen wir: Das ganze ist eine Konstruktion. Diese Kon- 
struktion Ricker ts ist aber logisch falsch. Und ferner beseitigt 
sie gar nicht, was Rickert doch erstrebt, jene Konsequenzen, welche 
Wundt und Brentano aus der Annahme gezogen haben, daß auch 
die Körperwelt in Bewußtseins Vorgängen bestehe. 

Jenes übrigbleibende reine Subjekt soll erhalten werden, wenn wir 
das ganze individuelle Ich restlos objektiviert haben. Also nicht 
mehr die Individualität des Individuums, sondern lediglich dasjenige 
ist in diesem Begriffe des reinen Subjekts enthalten, was überhaupt 
nicht mehr objektivierbar ist, was seinem Wesen nach nicht zum 
Objekt zu werden vermag. Die Frage liegt nahe, wie Rickert eine 
Aussage über etwas machen kann, was durch seine Definition gar 
nicht Objekt zu werden vermag, also auch nicht Objekt einer Aus- 
sage. Hier zeigt sich aufs klarste die logische Erkünstelung der 
ganzen Konstruktion. Die Konstituierung eines Subjektes, welches 
nicht Objekt zu werden vermag, bildet einen Widerspruch zu dem 
Inhalt dessen, was diese Konstituierung besagt. Sie ist also logisch 
unzulänglich. Nun spricht Rickert freilich immer vom reinen 
Subjekt als einen bloßen Begriff. Hierzu bemerkt Nelson in an- 
derem Zusammenhange sehr fein^), der Unterschied der zwischen 
einem Gegenstande und dem Begriff dieses Gegenstandes besteht, 
verschwindet auch dann nicht, wenn der Gegenstand selbst ein Begriff 
ist, und es ist daher genau zu unterscheiden, ob eine bestimmte Aus- 
sage sich auf einen Begriff oder auf den Begriff eines Begriffs be- 
zieht. Rickert vergleicht einmal den Begriff eines reinen Subjekts, 
oder des »Bewußtseins überhaupt«, wie er sagt, mit dem mathe- 
matischen Begriff, indem er hervorhebt, daß auch derselbe sich auf 
keine Wirklichkeit bezieht^). Setzen wir also einen derartigen 
mathematischen Begriff ein, z. B. ein gleichschenkliges Dreieck. 
Auch die Eigenschaften des gleichschenkligen Dreiecks sind auf 
das strengste zu trennen von den Eigenschaften des Begriffs des 
gleichschenkligen Dreiecks. Die Basiswinkel des gleichschenkligen 
Dreiecks sind gleich; es hat aber keinen Sinn zu sagen, die Basis- 
winkel des Begrifs des gleichschenkligen Dreiecks seien gleich. 
Rickert steht also vor folgender Alternative: Entweder seine Aus- 
sagen beziehen sich auf das reine Subjekt als einen Begriff; dann 
ist die Begriffsnatur dieses reinen Subjekts kein Einwand dagegen, 
daß Aussagen über dasselbe nach der Definition des reinen Subjekts 
logisch unmöglich sind, Oder seine Aussagen beziehen sich auf den 
Begriff des reinen Subjekts; dann dürften sie zum Inhalte nur 
solche Feststellungen haben wie die, ob dieser Begriff widerspruchs- 
frei sei, welche Merkmale er enthält usw. Derartige Aussagen macht 



1) Über das sogenannte Erkenntnisproblem S. 496 ff. 

2) Der Gegenstand der Erkenntnis. 2. Aufl. 1904. S. 155. 



Hie Erkenntnis d. Individaalitat ii. ihre wissfn8ch;ift«tlioorft. (Jrundiagm. "209 

Kickert aber nicht. Wenn er erklart, das n-ine »Subjekt vermöge 
niemals Objekt zu worden, so ist die« eine Aussage üter da« reine 
Subjekt, nicht al>er üIkt den Begriff des Begriffs reines Subjekt«. 
Damit ist diese Konzeption logi.sch erledigt. 

Rickert sagt, nenne jnan das reine Sii))jekt Bewußtsein, ho sei 
das gesamte gegebene Sein Bewußt.seinsinhaU. In diesem Satze 
wird es ganz klar, worin der Fehler in Rickerts Voraussetzungen 
steckt, welche ihn zu seiner falschen logischen Konstruktion rei - 
anlaßt halx'ii. Bewußtsein ist nach dem sonstigen Sprachgebrauch 
d«)ch immer ein geistiger oder seelischer Vorgang, Zustand oder Ha- 
bitus oder was man sonst will; dieser Ifabitus ist aber von deoi 
Subjekt, welches ihn aufweist, scharf zu unterscheiden. Da« Subjekt, 
es sei »rcind oder >»p.sychologisch *, ist nicht Bewußtsein; es besitzt 
Bewußtsein. In diesem letzteren Sinne geht es schließlich an. alles 
(Jegebene als »Bewußtseinsinhalt « zu bezeichnen, wofern mit dem 
Bewußtsein eben diejenige Funktion gemeint ist, kraft deren das 
(»egebene )>gegel>en« wird. Für wen gegel^en? Für ein Bewußtsein, 
wie Rickert will? Nein, sondern für das Subjekt, dessen <iel)ende 
Funktion das Bewußtsein ist. Indem Rickert den Akt des Er- 
kennens nicht vom Subjekt des Erkennens. dem Erkennenden, ti-enni. 
und für beides die gemeinsame Bezeichnung »Bewußtsein« einführt, 
muß sich für ihn die Schwierigkeit ergel>en, daß ein Ich nicht sicli 
selbst zum »Bewußtsein.sinhalt «, also zum Objekt eines Erkennens 
zu machen vermag. Und darum muß er seine »Reihe « von Spaltungs- 
produkten des Subjekts aufstellen, von denen immer ein Teil zum 
Objekt für den anderen werden kann. So endigt er endlich bei seinem 
logisch unmöglichen reinen Subjekt, welches nie Objekt werden kann. 
Es ist nur konsequent, wenn er erklärt, dieses Subjekt sei ein anderes 
als das psychologische, es sei gar nicht mehr individuell, sondern 
iil)erindividuell und erkenntnistheoretisch*). 

Trotz dieser Konstruktion entgeht aber Rickert jener Kon- 
sequeiiz gar niciit, die er durch sie zu überwinden hoffte. Die Körper- 
welt bleibt ja »Bewußtseinsinhalt f, also, sehen wir von der fehler- 
haften Terminologie ab, ein Teilphänomen der Vorgänge im Subjekt. 
Ob dieses Subjekt ein mehr oder weniger »reines« ist, ist völlig be- 
langlos für das Verhältnis der Körperwelt als Teilphänomen einer 



*) Zu ganr. ähnlichen Schwiorigkciton vrio Ricktrt kuiiuut (l<i- .-m.»!!;*! i*<> 
scharr-^innim- Brentano (PsypholoRJe usw. S. löO. IHHff.) durch .seine verfehlt«- 
Konzeption ilv^ RewaßtsiMns. die der Ri( kertschon analog ist. Auch er stiehl 
vor den urendiiclien Verwickhuigen, die in der danuis entspringenden Annahme 
liegen inüsstn, daß jedes paychusche i'hänüiuun ziun t)bjekt eines j>.-<ychischon 
l'liäncftnüDS werden inuO. um i-lKrwußt» zu werden. Er führt den unendlichen 
Regreß, der hier auftaucht und den Rickert ganz willkürlich mit dem »r^'inen 
{Subjekt* bocndet, in »einer ganzen logischen Ah.surditat vor. Aber wa.s »<chli«6t 
rr daraus? Nicht etwa die Ablehnung .seines BewuÜtseinsbegriHes als Inbegriff 
des psychischen (Jt-nebenseins — sondern die rein dogmatische Wendung: Vor- 
Htellung und Vorstellung von der Vorstellung seien in einem und demselUn Akto 
gegeben ! — HicrülnT weiteres in der PhünomcDologic. 

Kronfrid, FsychUtrUchc KrkenotoU 14 



.210 Über die wissenschaftfctheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

übergeordneten ßJasse, die zu den psychischen Phänomenen gehört> 
zu dieser Klasse selber. Es sind also von seinem Standpunkt aus 
bloße Beteuerungen ohne jeden substantiellen Grund, wenn er fälsch- 
lich aus diesen falschen Voraussetzungen zu schließen vermeint, was 
wir sachlich absolut richtig finden: »Wir halten daran fest, daß das 
Wort Psychisch jeden Sinn verliert, wenn es nicht auf einen Teil 
der gegebenen Wirklichkeit beschränkt wird, daß eine Körperwelt 
uns ebenso unmittelbar gegeben ist, wie das Seelenleben. «... »Um 
die Scheidung in Realitäten und Phänomene kümmern wir uns hier 
nicht weiter ... es genügt uns, wenn wir zeigen können, daß durch 
sie jedenfalls das Psychische vom Physischen nicht getrennt werden 
darf.« Sehr schön; aber das zeigt Rickert ja gar nicht! Er ver- 
sichert, beides sei letztlich »Bewußtseinsinhalt «. Und aus der gleichen 
Versicherung haben andere Denker gerade die Konsequenz gezogen, 
daß beides getrennt werden müsse, daß das Psychische Realität, das 
Physische Phänomen sei. Rickert ist infolge der unglückseligen 
Sackgasse, in welcher er steckt, gar nicht in der Lage, eine besondere 
Begriffsbestimmung des Psychischen überhaupt zu geben. Er macht 
sich die Sache bequem und meint, nach dem Gesagten kann man 
»davon absehen«. »Wir wissen, daß das Psychische ein Teil der 
empirischen Wirklichkeit ist, sogut wie die Körper« (nämlich die 
»empirische Wirklichkeit« Rickerts ist als »Bewußtseinsinhalt« 
definiert), »und wir beschränken uns darauf, zu sagen, daß psychisch 
alle Objekte sind, die nicht physisch sind«. Wie weise! Und wie 
genügsam, wenn er fortfährt: »Diese negative Bestimmung reicht 
vollständig aus,«i) Aus all diesem Gestrüpp von unzulänglichen An- 
sätzen zu begrifflicher Klarheit und von völlig richtigen und wert- 
vollen Erkenntnissen, welche aber leider als" falsche Schlüsse ver- 
fehlter Ableitungen aus irrigen Voraussetzungen geboren werden, 
wollen wir noch eine Erkenntnis retten, die wir ebenfalls voll unter- 
schreiben können : »Damit hat der Satz, die Psychologie hat es mit 
dem Subjekt, die Naturwissenschaft mit dem Objekte zu tun, seine 
Bedeutung verloren. Auch die Psychologie muß alles, was sie unter- 
suchen soll, zum Objekt machen, und wenn die Trennung des psychi- 
schen Materials vom erkennenden Subjekt auch schwieriger aus- 
zuführen sein mag, so ist sie darum doch nicht minder notwendig. « 
Die Konsequenz hieraus ist auch bei Rickert die, welche die unserige 
war: Daß die Psychologie durchaus nach naturwissen- 
schaftlicher Methode verfahren müsse. Und wir fragen 
vergeblich, was alle die schwierigen Spekulationen Rickerts denn 
nun dazu beigetragen haben könnten, die Individualpsychologie 
auf einem Fundament wissenschaftstheoretischer Sicherungen auf- 
zubauen, welches von dem der Naturwissenschaft grundsätzlich ver- 
schieden ist. 

Aber Rickert versucht das Ziel, wie wir es charakterisierten, 

1) Seite 183. 



Die Erkenntnis d. Individualität u. iLrc wihs-nscbaftflthcoret. Gnindlagen. 21 1 

noch auf einem anderen Wege zu erreichen, und zwar durch eine 
Untersuchung der naturwissenschaftlichen Methode in der Psycho- 
logie selber und ihrer Erkenntnisgrenzen. Er zeigt zunächst, daß in 
der Psyclu^logie die Teinporalitüt alles Psychi-schen es erschwert, 
tlas Einzelne, weil es durcli seine jeweilige zeitliche .Stellung im Strom 
psychischer Kontinuitiit inuner ein einziges und unwiederholbare« ist, 
restlos erkennend zu erfassen. Er zeigt ferner die Begrenzung des 
Erkenntnisfeldes für eine jede Psychologie: Es ist nur das eigene 
.Seelenleben des erkennenden .Subjekts und ein kleiner nur erschlieli- 
barer Teil des fTeniden. BtM weitem der größte Teil alles psychischen 
(jJeschehens bleibt dem erkennenden .Subjekt völlig unbekannt; »das, 
wofür wir bei luis selbst kein Analogon finden, werden wir niemab 
auch nur zu erraten imstande sein, und es ist daher für die Wissen- 
schaft als Material so gut wie nicht vorhanden«^). In diesen richtigen 
Eeststelhingen liegt, scheint uns, nichts anderes als die grund-sätzlicho 
Anerkennung der (Jleichartigkeit des psychischen Gegebenseins mit 
»lern physisciien, so wie es Rickert vorher charakterisiert hatte; es 
liegt darin der Ausschluß jeder nicht naturwissenschaftlichen Indivi- 
(hialpsychologie und damit vielleicht der wissenschaftlichen Indi- 
vidualpsychologie überhaupt. Rickert aber folgert nur teilweise 
das gleiche: >)schon aus diesem Grunde wäre es ganz unmöglich, in 
fine Psychologie, die doch nicht nur das individuelle Seelenleben 
eines einzelnen Menschen darstellen soll, die psychischen Vorgänge, 
so wie wir sie erleben, aufzunehmen. « Das ist aber gerade die Frage! 
Die Individualpsychologie stellt es sich gerade zur Aufgabe, »das 
individuelle Seelenleben eines einzelnen Menschen darzustellen*; daß 
die Psychologie das nicht soll, bleibt zunächst Dekret. Rickert 
folgert es nur aus dem naturwissenschaftlichen Charakter psychologi- 
scher Erkenntnis, oder vielmehr aus demjenigen, was er diesem 
Charakter fälschlich imputiert: der »Überwindung« der gegebenen 
Mannigfaltigkeit, und dem Drang nach dem allgemeinsten, nierkmals- 
ieersten Gesetz. Rickert macht es sich sodann leicht, wenn er 
Dilthey») darin beipflichtet, daß die naturwissenschaftliche Psycho- 
logie nicht die Grundlage historischer Wissenschaft sein könne. Das 
l*roblem, ob eine Individualpsychologie nach naturwissenschaftlicher 
.Methode möglich sei, setzt er damit schon als im verneinenden Sinne 
ontschicden voraus; und nichts ist einfacher, wenn man den Sinn der 
>faturwissenschaft derartig falsch interpretiert. Rickert verneint 
über auch die Erfüllbarkeit der Dilthey sehen Forderung nach einer 
beschreibenden, unmittelbar anschaulichen Individualpsychologie; 
sie sei logisch unmöglich. Und zwar mit Recht. »Bruchstücke des 
unmittelbar erfahrbaron oder erschließbaren Seins kami man so, wie 
sie hier und da in der anschaulichen Mannigfaltigkeit gegeben sind, 
durch eine die Phantasie anregende Beschreibung, wie wir in der 



») Seite 187. 

«) Siehe S. 315 ff dieses Buob«». 



U« 



212 Über die wissenschaffestlieoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

Phänomenologie sehen werden, wenigstens annähernd darzustellen 
versuchen. Die Gesamtheit des Seelenlebens aber entzieht sicli 
ebenso wie die Körperwelt jeder Darstellung, in der ihr ganzer Inhalt 
Raum finden soll. Sie ist prinzipiell unerschöpflich, und nicht ein- 
mal eine Annäherung an ein Ziel dieser Art ist möglich, sie muß viel- 
mehr auf jeden Fall eine Umformung des ihr gegebenen Materials 
vornehmen, und diese Umformvmg kann ebenso wie in den Natur- 
wissenschaften nur eine Vereinfachung sein, «i) Um die naturwissen- 
schaftliche Theoretik der Psychologie können wir also nicht herum, 
freilich bleibt diese immer logisch weniger vollkommen als die physi- 
kalische. Immer aber enthalten ihre deskriptiven Begriffe schon 
erklärende Elemente. So ist Psychologie niemals bloße Beschreibung. 
Der Einwand gegen ihren allgemeinen Erklärungsanspruch, daß sie 
am einzelnen, eigenen Seelenleben der erkennenden Individualität 
gebildet werde, ist nicht stichhaltig. Die Begriffe, welche sie an diese 
Materie binden, müssen gelten für das Seelenleben überhaupt, gleich- 
viel welches Individuums, sonst ist eine Psychologie als Wissenschaft 
nicht möglich. Demgemäß ist alle Psychologie nach Rickert zwar 
individuelle Psychologie, aber niemals bloß Psychologie des Indivi- 
duums. Wäre sie bloß letzteres, so würde der Inhalt jeder deskrip- 
tiven Psychologie von dem jeder anderen verschieden sein müssen. 
Tatsächlich aber sucht die Psychologie zu der Allgemeinheit und 
Bestimmtheit ihrer Begriffe auch die notwendige Geltung hinzu- 
zufügen. 

Mit allen diesen Ausführungen stimmen wir völlig überein; sie 
beweisen abermals den naturwissenschaftlichen Charakter der Psy- 
chologie und ihre immanente Theoretik, und daß dies von der Indi- 
vidualma terie, an der die Wissenschaft sich inhaltlich erfüllt, nicht 
berührt wird. Nur eine Einschränkung machen wir gegenüber den 
Rickertschen Formulierungen. Diese betrifft das Geltungsbereich 
der psychologischen Gesetze. Rickert sagt hier, diese Gesetze gelten 
allgemein, nicht bloß für das Individuum, von dessen Seelenleben sie 
abgeleitet sind. Das ist nicht richtig. Die »Allgemeinheit« der 
Geltung bezieht sich nur darauf, daß die Gesetze in jedem Falle 
gelten, in welchem die in ihnen beurteilte Materie unter den gleichen 
Bedingungen steht, unter denen die Gesetze gewonnen wurden. 
Nicht aber liegt in dieser »Allgemeinheit « schon drin, daß diese Um- 
stände, unter denen die Gesetze gelten, bei mehr als einem Indivi- 
duum realisierbar sein müßten. Rickert beweist hier zu viel. Es 
kann auch allgemeingültige Gesetze seelischer Indivi- 
dualität geben — wenigstens liegt logisch in dieser Konzeption 
kein Widerspruch. Die Allgemeinheit eines Gesetzes bedeutet nicht 
die Ubiquität der in ihm beurteilten Materie, sondern nur die aus- 
nahmslose Geltung für diese Materie. 

Es versteht sich bei Rickert von selbst, daß er, nach so weit- 

1) Seite 189. 



Die Erkenntnis d. IndividualitÄt u. ilir«' wibsonet baft«tbc>ori-t. (trundlagen. 213 

gehender Angleichung der Psychologie an die NaturwissenKchaft, 
auch sein seltsames »logisches Ideal« der Naturwissenschaft, welche« 
wir schon gekennzeichnet haben, für die Psychologie als maügebend 
erachtet. Wir gelien darauf niciit weiter ein. I>ediglich einen Unter- 
schied sieht Rickert zwischen psychologischer und physikalischer 
Naturwissenschaft, und zwar mit Recht: es ist der alte kanti.sche 
(»edanke, daß die Quantifizierung der Qualitäten, welche gerade 
<lie tiefsten Erkenntnisse der physikalischen Welt verbürgt, in der 
Psycliologie nicht möglich ist. Freilich leitet Rickert selbst diesen 
«;infachen Gediinkcngang falscli ab: er meint, wenn man in der Psy- 
chologie von den (Qualitäten abstrahiert, behalte man »nichts« übrig; 
und übersieht dabei die zeitliche Dauer. Aber er zieht wenigsten» 
günstigere Fornnilierungen aus diesem Tatbestande als Kant, welcher 
bekaruitlich die Psychologie »vom Rang einer strengen WissenHchaft 
auf immer entfernt« erachtet. 



Rickerts Analyse der historischen Erkenntnis. tSeine Lo- 
sung der Erkenntnis des Individuellen. 

Rickerts ganzer Gredankengang ging dahin, die Erkenntnis des 
Individuums aus dem Werk der Naturwissenschaft, und auch aus dem 
der naturwissenschaftlichen Psychologie, grundsätzlich als logisch 
unmöglich zu verbannen. Unsere Spannung, wie denn nun diese 
Erkenntnis des Individuums möglich sein soll, löst er endlich durch 
eine im Wurf zweifellos groliartige Gegenüberstellung der natur- 
wissenschaftlichen und der geisteswissenschaftlichen Er- 
kenntnis. Unter Natur verstellt er liierbei von vornherein nicht 
empirisclie Wirklichkeit. Er erkennt also unsere Definition von Natur 
von vornherein nicht an. Kunstwerke, sagt er, sind auch empirische 
Wirklichkeit und dennoch nicht Objekte der Natur. Hier stocken 
wir schon. Eine wissenschaftliche Deskription und Erklärung der 
Geneso von Kunstwerken als Gegenständen in der empiri- 
schen Wirklichkeit würden wir in unserer Uiilx^fangenheit 
naturwissenschaftlich zu geben versucht haben — soweit eine der- 
artige wissenschaftliche Bestimmung überhaupt möglich ist. L«dig- 
liob die Wertgesichtspunkte, unter denen jene Gegenstände zum 
(yharakter von Kunstwerken gelangen, würden wir als der natur- 
wissenschaftlichen Erkenntnisweise entzogen bezeichnen. Rickert 
tueint, Naturwissenschaft und Cieisteswissenschaft seien Erkenntnis- 
begriffe verschiedener Gesichtspunkte. Natur sei das vom Gesetz 
beherrschte Sein, jene Wirklichkeit, die von selbst wird und nicht 
von anderen genuiclit wird. Die Natur ist die Wirklichkeit n\it Rück- 
sicht auf das Allgemeine. Und Psychologie ist deshalb eine Natur- 
wissenschaft, weil sie die Wissenschaft von der Natur des Seelen- 
lebens ist, insofern dies Seelenleben aufgefaßt wird im Gegensatz 
nicht zur Körperwclt, sondern zur Kunst, zur Kultur, zur Sitte, zur 
Geschichte, als ein in sich ruhender, von immanenten Gesetzen Ix?- 



214 Über die wissenschaftsfcheoretischeu Grundlagen der Psychologie usw. 

herrschter Zusammenhang. Der Ausdruck Geisteswissenschaft hat 
gar keine logische Bedeutung, wenn man Naturwissenschaft so defi- 
niert, daß darunter jede Wissenschaft fällt, welche ihre Objekte mit 
Kücksicht auf das Allgemeine betrachtet und in Gesetzesbegriffen 
zu erfassen sucht. Geisteswissenschaft fiele danach mit der Wissen- 
schaft vom Seelenleben zusammen. Und Geschichte würde zu einem 
Teil der psychologischen Disziplin. Aber das Wort Geist enthält 
einen Gegensatz zum bloß Psychischen in diesem Sinne, es bedeutet 
ein psychisches Leben von besonderer Art. Es bedeutet kurz 
das individuelle Wesen psychischen Lebens. 

Schon hierin liegt das alte vGTeQor ttqotsqop: denn es war ja 
gerade unser Problem, ob nicht die Psychologie fähig sein sollte, 
unbeschadet ihres Charakters als Gesetzeswissenschaft das Indivi- 
duelle zu bestimmen, und wieweit diese Fähigkeit ihr zukam. Aus 
der bloßen Prüfung auf die Tendenz zum Gesetz, die ihr eignet, kann 
also dies Problem nicht verneinend entschieden werden. Nur wenn 
man diese Tendenz zum Gesetz entsprechend dem falschen Ricke rt- 
schen logischen Ideal ausbaut, hat diese Verneinung Sinn. 

Auch Ricker t sieht ein, daß durch diese Formulierung das 
Problem logisch nicht gelöst wird. Er läßt daher die Entgegen- 
setzung zweier Tendenzen in der Psychologie selber, der Tendenz 
zum Gesetz und der Tendenz zum Individuellen, als logisch nicht 
faßbar fallen. Für ihn ist es der Begriff der Geschichte, welcher 
den wahren Gegensatz zum Begriff der Natur ausmacht. Es muß 
gefragt werden, was von der Wirklichkeit durch ihre Vereinfachung 
bei der naturwissenschaftlichen Bearbeitung notwendig verloren geht. 
In denjenigen, was diese nicht in den Inhalt ihrer Begriffe aufnehmen 
kann, liegen ihre Grenzen zur Geschichte. 

Verloren geht nun zweifellos die Anschaulichkeit — allerdings in 
der Psychologie niemals ganz, da die Qualitäten bestehen bleiben. 
Hierin liegt nach Rickert nur ein Beweis der logischen Unvoll- 
kommenheit der Psychologie. Ferner geht verloren der individuelle 
Charakter der Wirklichkeit. Dies liegt bereits im Wesen der primi- 
tiven Begriffsbildung. Geht aber dieser Charakter nicht in den 
Inhalt der naturwissenschaftlichen Begriffe ein, so folgt, daß eine 
Kluft zwischen der Wissenschaft und der Wirklichkeit entstehen 
muß. »Das was der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung die 
Grenzen setzt, über die sie niemals hinweg zu kommen vermag, ist 
nichts anderes, als die empirische Wirklichkeit selbst.« 
»Jeder Versuch einer Systembildung ist aus logischen Gründen un- 
zertrennlich verknüpft mit einem Absehen von der individuellen 
Gestaltung der Wirklichkeit, und ebenso sicher ist es, daß alle Wirk- 
lichkeit, die wir kennen, lediglich aus individuellen Gestalten ge- 
bildet besteht«!). So muß die Naturwissenschaft darauf verzichten, 
das, was wir unmittelbar erleben, in ihre Theorien aufzunehmen. 

1) Seite 240. 



Dir Erkonntni-« d. Individii.ilitä* u. ihro widfl -ns jh ifl^tbeoret. Grundlag.jn. 21) 

Krkcnnliiis der XatiirwisseiiMcliiift ist nie abbildende Krkeiintnin. 
Ihre Wahrheit lK>.slcht nicht in der Ul>ercin.stininiunj4 der Vorstellung 
mit ihrem Ciogenstande. Das Unendliche und Unül)er8ehbare ab- 
bilden zu wollen ist logisch widersinnig. Dennoch steht die Natur- 
wissenschaft in Beziehung zur Wirklichkeit. An Stelle des Seienden, 
welches ihre Bogriffe nicht darstellen körmen, tritt die fJeltung. 
Die natiirwissensrhaft liehen liegriffe sind nicht dadurch wahr, dali 
sie die Wirklichkeit abbilden, sondern dadurch, daß sie für die Wirk- 
lichkeit gelten. »Wir sagen damit nichts anderes, als daß das Ali- 
gemeine nicht das Besondere ist «. Nun gibt es al)er eine Fülle von 
Dingen und Vorgängen, die uns als anschauliche und individuelle, 
d. h. als Wirklichkeiten, von Bedeutung sind. Hier tritt die Ge- 
schichte ein. Sie kann die Wirklichkeit nicht mit Rücksicht auf 
das Allgemeine, sondern auf das Besondere vorstellen. 

Es könnte scheinen, als wenn durch diese Aufgalx? der Geschichte 
ihr Charakter als Wissenschaft von vornherein verneint werden 
müßte. Jedenfalls muß das Pro])lem ihrer Möglichkeit als Wissen- 
schaft erst imtersucht werden. Der Begriff des Historischen als 
Wissenschaft vom Wirklichen in seiner Besonderheit ist an sich ganz 
unabhängig vom sachlichen Unterschied etwa der Natur und des 
(Tcistos. Aus dem Begriff einer solchen Wis.senschaft vom Individuell- 
Besonderen folgt weiter, daß der Begriff des historischen 
Gesetzes zu einem Widerspruch in sich selbst wird, (k- 
schichtswissenschaft und Gesetzeswissenschaft sehließen einander aus«. 
Es ist nicht die Kompliziertheit der historischen Persönlichkeiten und 
Vorgänge, welche die gesetzmäßige Erkenntnis dorseUxjn behindert : 
dies wäre kein grundsätzliches Hindernis. Nicht als kompliziertet 
Tatljostand, sondern als Individualität ist ein Gegenstand der Cie- 
schichtc unlwgreiflich. Diese Unlx.'greifliclikeit teilt alles individuelle 
Wirkliche. Alle Wirklichkeit ist irrational. Man kann diesen Gegen- 
satz auch nicht dadurch ausdrücken, daß man der Naturwissenschaft 
das Sein, der Geschichte das Werden zuweist. 

Soweit der grundlegende Gedankengang Rickerts. Sieht mau 
von einigen schiefen Darstellungen über das Wesen der Naturwissen- 
schaft inid ihr Verhältnis zur Wirklichkeit ab, welche wir hier als 
belanglos nicht weiter verfolgen, und fragt man sich, was Rickert 
denn nun erreicht hat, so mü.ssen wir gestehen, wir finden uns genau 
so fern von der Lösung des Problems wie am allerersten Beginn 
unserer Fragestellung. Dies Prol)lem ist doch gerade gewesen: Ist 
eine Wissensthaft vom individuellen möglich? Es kann i\icht da- 
durch gelöst werden, daß man dieser problenu\tischen Wissenschaft 
den Namen »Geschichte* gibt. Tut man dies, so liegt die Gefahr 
nahe, daß gesagt wird: Geschichte als Wi.s.senschaft ist wirklich vor- 
handen, also ist eine Wissenschaft vom Individuellen möglich. F*s 
fragt sich doch gerade: inwiefern ist die vorhandene Geschichte 
erstens eine Wissenschaft, und zweitens eine Wissenschaft vom In- 
tli viduellen; >md ferner frajft sich: sind die Kriterien ein«r 



216 Über die wissenscliaitstheoretischeii Gniucllagen der Psjchologic usw. 

Wissenschaft mit den Eikenntnismöglichkeiten des In- 
dividuellen vereinbar? 

Unter Wissenschaft verstanden wir bisher immer ein System not- 
wendiger allgemein gültiger Erkenntnisse, deren wir uns denkend 
bewußt werden. Derartige Erkenntnis nennen wir Gesetz; und das Ge- 
setz war bisher das konstitutive Merkmal der Wissenschaft . Rickert 
behauptet hier: Erstens eine Wissenschaft vom Individuellen sei 
möglich. Zweitens diese mögliche Wissenschaft könne niemals Gre- 
«etzeswissenschaft sein. Daraus folgt : Entweder es gibt noch einen 
anderen Begriff von Wissenschaft, welcher den Begriff der not- 
wendigen allgemein gültigen Erkenntnis nicht einschließt. Oder 
eine Wissenschaft vom Individuellen ist nicht möglich. Daran 
ändern alle Einzelausführungen Ricke rts nichts. 

Es gibt noch eine dritte Möglichkeit der Lösung — die unsrige, 
wie wir später zeigen werden. Wenn man nämlich die grund- 
sätzlich behauptete Irrationalität des Individuellen und 
Wirklichen, welche Rickert völlig dogmatisch behauptet, ver- 
neint, so fällt die ganze aus ihr abgeleitete logische Alternative fort. 
Es besteht dann keine grundsätzlich -logische Unmöglichkeit mehr 
in der Behauptung: eine Wissenschaft im »Sinne gesetzesmäßiger Er- 
kenntnis sei auch vom Individuellen möglich. Eine andere Frage ist 
dann freilich, das Wie dieser Möglichkeit zu begründen. Deren 
Beantwortung muß sich aus einer Kritik des Individualitätsbegriffs 
ergeben. 

Rickert seinerseits, welcher den anderen Weg erwählt hat, 
steht konsequenterweise vor der Aufgabe, die Möglichkeit einer 
Wissenschaft zu begründen, welche nicht aus allgemein- 
gültigen notwendigen Erkenntnissen, gleich Gesetzen, be- 
steht. Wir verfolgen, wie er diese Aufgabe löst. 

Er hält sich zunächst an die bestehende wissenschaftliche Ge- 
schichtsforschung als Ausgangsmaterial für seine logische Zergliede- 
rung — und schon dies kennzeichnet das Bedenkliche seines Ver- 
fahrens, die geforderte problematische Wissenschaft vom Individuel- 
len, die Wissenschaft ohne Gesetze, die es unserer Meinung nach 
gar nicht gibt, »Geschichte« zu nennen und dadurch gleichsam den 
Nachweis zu erschleichen, daß es diese Wissenschaft tatsächlich gebe. 
Freilich sagt Rickert: sein Begriff von Geschichte findet sich als 
Tendenz bereits in den Naturwissenschaften mehr oder weniger aus- 
gesprochen vor. Die Vollkommenheit der Naturwissenschaft hänge 
ab von dem Grade, in welchem es ihr gelinge, »historische Bestand- 
teile« aus ihren Begriffen zu entfernen. In dieser Behauptung wird 
offensichtlich die zufällige Wirklichkeit, soweit sie, als Ausgangs- 
material naturwissenschaftlicher Gesetzesbildung, von dieser mit 
Notwendigkeitscharakteien versehen wird, gleichgesetzt mit dem 
Ricker tschen Begriff des »historischen Bestandteils«. Was ist 
denn nun »historischer Bestandteil«? Die Wirklichkeit in ihrer 
zufälligen Zusammensetzung vor der naturwissenschaftlichen Be- 



Die Erkenntnis d. Individualit&t u. ihre wifificnt>cbaltätbcorct. Gnuidlagcn. 217 

arbeit ung, oder die notwendig gemachte Wirklichkeit, welche in 
dem Naturgesetz als seine Materie geordnet iat ? Rickert weiÜ tsa 
offenbar selber niilit. Seine Antwort würde lauten, »das Wirkliche«. 
Ja, aber sind denn die Naturgesetze nicht wirklich i Ach so, sie 
»gelten« ja nur. Die Geltung einer Geltung, welche nicht den Sinn 
notwendigen Seins hat, und damit den den Wirklichkeitscha- 
lakters, vermögen wir nicht anzuerkennen. Rickerta Formulierung 
erscheint uns ein leeres Wortspiel. Ebenso sein umgekehrter Satz, 
daß auch die Geisteswissenschaft »naturwissenschaftliche Bestand- 
teile« aufweise. 

Endlich macht Rickert doch einen schwachen Versuch einer 
grundsätzlichen Entwicklung seiner Wissenschaft ohne Gesetz, 
seiner Wissenschaft vom Individuellen. Klugerweise legt er sich 
sogleich die Frage vor: Sind alle individuellen Wirkliclikeiten 
Gegenstand der Geschichte — wie er diese Wissenschaft nun einmal 
nennt. Er verneint diese Frage. Der individuellen Wirklichkeit, 
sofern sie historischer Bogriffs bildung unterliegt, muß die Beziehung 
auf einen Wert eignen. Die Begriffe dieser Wissenschaft müssen 
teleologische Begriffe sein. Ebenso muß zwar auch der Begriff 
des historischen Zusammenhangs gebildet werden, aber dieser muß 
logisch ein anderer Kausalzusammenhang sein als alle naturwissen- 
schaftlich möglichen Kausalzusammenhänge. Auch diese Auf- 
stellungen Rickerts sind zunächst bloße Forderungen. Und man 
vergegenwärtige sich, was er fordert: die Erkenntnis eines Zu- 
sammenhanges, der nicht zufällig, sondern notwendig bestimmt ist 
und dessen notwendige Bestimmtheit dennoch grundsätzlich nicht 
durch ein Gesetz gegeben sein soll! 

Für die erste dieser beiden Forderungen, die Entscheidung des.sen, 
was von der individuellen Wirklichkeit zu historischem Material zu 
werden vermag, bedarf es also der Festlegung eines besonderen Aus- 
wahljjrinzips. Damit scheint bereits der Grundgedanke 
einer Wissenschaft von der individuellen Wirklichkeit 
schlechthin durciilochcrt. Rickert will treilich darin keine 
grundsätzliche Schwierigkeit erblicken. Ihm genügt seine Deduktion: 
In der Naturwissenschaft liege der Schwerpunkt der Probleme in 
der Geltung der Begriffe, in der Geschichtswissenschaft in der 
Existenz der Objekte*), um seine Individualwissenschaft trotz 
ihrer materiellen Beschränkung als grundsätzliche Sondergrupi» 
aufrecht zu erhalten. Aber was Rickert hier wieder einmal mit dem 
verschwommenen Terminus »Schwerpunkt« bezeichnet, gibt gar 
nicht einander ausschließende Tendenzen wissenschaftlichen Er- 
kennens wieder! Oder wollte Rickert etwa behaupten, für die 
Geltung naturwissenschaftlicher Gesetzeserkenntnis sei die »E.xistenz 
der Objekte« wesenlos? Eine Naturwissenschaft, deren Objekte 
uiclit existieren . oder die unabhängig von der F^xistenz ihrer Objekte 

>) Seite 327. 



218 Über die wissenachaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

Gesetze bildete, wäre keine Wissenschaft von der Natur; denn 
Natur ist nichts als der Inbegriff existierender Objekte. 
Umgekehrt wäre eine Wissenschaft von der »Existenz der Objekte«, 
aber ohne Geltung ihrer Begriffe, keine Wissenschaft; — mag sie- 
sich nun Geschichte nennen oder sonstwie; denn die Geltung 
der Begriffe ist das Kriterium wissenschaftlicher Er- 
kenntnis. So bleibt bei Rickert alles eine Rede um die eigentliche 
öache herum. 

Wie kann man das besondere Individuelle begrifflich darstellen? 
Rickert gibt die völlig richtige und unserer eigenen Meinung von 
der individuellen Erkenntnis entsprechende Antwort: Es ist durch- 
aus möglich, daß der Komplex von allgemeinen Elementen als Ganzes 
einen Inhalt hat, welcher sich nur an einem einmaligen und besonderen 
Objekt verwirklicht findet; so würde er gerade das darstellen, wodurch 
sich dieses Objekt von allen anderen Objekten unterscheidet. In 
dieser Weise werden Begriffe zum Mittel, das Individuelle darzu- 
stellen i). Zu dieser Erkenntnis hätte es wahrlich des großen Um- 
weges nicht bedurft, den Rickert eingeschlagen hat! Es hätte der 
Entgegensetzung von Natur und Geschichte nicht bedurft. Denn 
Rickerts Worte besagen doch nur diese alte Tatsache: Daß jedes 
einzelne Wirkliche in seinem Sein und Werden eine Folge einer Viel- 
zahl von allgemeinen gesetzlichen Bedingungen ist, deren Erkenntnis 
in ihrer Gesamtheit (Rickert spricht wieder von Begriffen) es er- 
lauben würde, das einzelne Wirkliche in seinem Wirklichkeitscharakter 
restlos zu bestimmen. Nichts anderes ist die Aufgabe der Natur- 
wissenschaft! Der Einwand war ja gerade, daß diese Aufgabe wegen 
der unübersehbaren und daher zufälligen Mannigfaltigkeit jener Be- 
dingungen eine unvollendbare bleiben muß; und die Frage war, ob 
es neben oder jenseits dieses Weges zum Individuellen einen kürzeren 
und direkten Weg der Erkenntnis gibt, welche aber doch nicht an- 
schaulich, sondern begrifflich ist? 

Rickert fühlt das Ergebnislose seines bisherigen Verhaltens 
wohl und rafft sich endlich zum entscheidenden Schritt auf, welcher 
gerade diese Frage beantworten soll. Er sagt : Das wesentliche 
Merkmal des Individuellen in seiner Mannigfaltigkeit ist seine Unteil- 
barkeit. Die Einheit des Individuellen ist eine Synthesis des Mannig- 
faltigen. Diese Feststellung bezieht sich besonders auf die Seele. 
Für die Geschichte nun kommt lediglich die Seele, als psychologisches 
Subjekt, in Frage. Die psychische Individualität ist etwas anderes 
als das seelische Ablaufen, sie ist gleichsam sein unteilbares Zentrum, 
und nur an der Außenfläche spielen sich die veränderlichen seelischen 
Prozesse ab. Wo haben wir dieses Zentrum nun zu suchen? Mit 
Recht sagt Rickert: nicht jenseits, sondern nur innerhalb der 
empirisch feststellbaren seelischen Vorgänge. Aber nach welchem 
Prinzip vermögen wir dieses Zentrum von seiner veränderlichen 

1) Seite 340. 



Die Erkenntnis d. Individualitnt u. ihn.' wis-HonRchaflathc-orct. Grundlageu. 219 

Aulioijfläclio 7,11 unttTsclioidon? Hier gibt Rickert die epoche- 
ninehendo Antwort, welclio eine Quelle unendlicher Irrtünier in der 
«eueren Philosopliic der Geschichte geworden ist. Dies Scheidung^• 
prinzij) ist der Wert der Einzigartigkeit dieses Zentrum«. In- 
dividuen sind stets mit Bezug auf einen Wert und nur durch 
einen solchen Individunlif ät . Rickert gibt diese Antwort ohne 
jede Begründung. Kr Ix-hauptet : Dieser Wert müsse ein allgemeiner 
sein. Jedoch sei diese Allgemeinheit nicht die des naturwissen- 
schaftlichen Gesetzes. Das historische Individuum sei »für allee 
(gemeint ist allgemein) Ixjdeutsam durch das, wodurch es anders 
als alle ist. In ihm wird das, was an ihm gemeinsam mit allen ist, 
ausgeschieden zugunsten dessen, M'as an ihm allein für alle bedeut- 
sam sei*). Was hat Rickert mit diesem iSatz gesagt? Eine leere 
Tautologie. Die Individualität des Individuellen liegt in dem- 
jenigen, wodurch das Individuelle anders ist als alles andere. Daa 
ist eine Nominaldefinition. Die Individualität des Individuellen 
stellt seinen Wertcharakter dar. Nur unter diesem Wertgesichts- 
punkt ist das Individuelle wirklich individuell. Der Grund dieses 
Wertes liegt in dem, was es von allen anderen unterscheidet. Da- 
durch war doch al3er gerade die Individualität definiert worden! 
Wir kommen also auf folgende leeren Sätze: Die Individualität 
des Individuellen liegt in seiner Individualität. Diese stellt einen 
Werlgesichtspiuikt dar. Der Grund dieses Wertes liegt in der In- 
dividualität. Und so halben wir es herrlich weit gebracht! Wir werden 
Rickert um so dankbarer sein, für die tiefsinnige Warnung, diese 
»Beziehung anf einen W^ert « sorgfältig zu unterscheiden von der Be- 
wertung. Ich wenigstens bin niclit imstande, einen faßbaren Sinn 
mit dieser Unterscheidung zu verbinden. Beziehe ich ein l>eliebige8 
Objekt auf einen Wert — die Bezielning mag reell oder logisch sein, — 
«o vollziehe ich damit eine Bewertung des betreffenden 
<iicgen8tande3. 

Wir kommen also mit Rickert nach seinen bisherigen Dar- 
stellungen zu schönen runden Formulierungen, v^ne etwa der, daß 
der naturwissenschaftliclie Begriff das gemeinsame, der liistorische 
das unterscheidende entlialte . . . Wir erfahren ferner, daü die histo- 
rische Erkenntnis das Individuelle keineswegs nur benützt, um zur 
•Erkenntnis typischer Geschehensweisen zu gelangen. Typus bedeute 
■entweder einen Durchsclniitt oder ein Vorbild. Und nur in letzterem 
8inne sei ein Typus liistorischer Vorwurf. Diese Fragen der Typik 
werden uns später noch Ix'schäftigen. 

Es ist l)emerkenswert. wie Rickert immer, wenn er einen Ge- 
•claukengang anscheinend wirklich zum Ende geführt hat, ihn sofort 
aufgibt und vorläßt, als fühle er selber, daß sich praktisch damit 
nichts anfangen ließe. So auch hier. Kaum hat er den Wertcharaktcr 
■des Individuellen in dasjenige verlegt, wodurch sich dasselbe aU indi- 

>) Soito 301>. 



220 Über die wisscnschaftstheoretihchen GiTindlagen der Psychologie usw. 

viduell erweist, seine Unterschiedenheit — so geht er schon wieder 
völlig davon ab, und sucht neue Wertgesichtspunkte historischei* 
Erkenntnis. Er sucht eine Hierarchie geltender Werte, auf welche 
die historische Begriffsbildung bezogen wird. Die Anerkennung un- 
bedingter Werte wird dazu vorausgesetzt. Und die Begriffsbildung 
der Historie findet teleologisch in bezug auf dieses Wertsystem statt. 
Das Wertsystem selber wird nicht bei ihm entwickelt — so inter- 
essant dies für uns wäre. Lediglich der Begriff sbildung werden noch 
Ausführungen gewidmet. Individuum und Zusammenhang in der 
Geschichte seien als Teile eines Ganzen nicht wie Glied und Gattung 
in der Naturwissenschaft. »Die Einordnung eines historischen Ob- 
jekts als eines Gliedes in einen allgemeinen historischen Zusammen - 
liang ist lediglich die Einordnung in ein anderes umfassenderes In- 
dividuum, nicht eines Exemplares imter eine Gattung «i). Auch 
hierzu muß der Logiker bescheidentlich fragen: wie ist es logisch 
möglich, ein Individuum in ein anderes einzuordnen? Uns ist doch 
dunkel so, als wenn das Individuum durch seine Unterschiedenheit, 
durch die Unmöglichkeit seiner begrifflichen Einordnung definiert 
wäre! Rickert kümmert dies nicht. Er dekretiert: In der Ge- 
schichte enthält der Umfang des Ganzen die einzelnen Teile; in 
der Naturwissenschaft enthält der Inhalt des Gattungsbegriffes die 
besonderen Exemplare. Auch in dieser schönen runden Formel 
irrt Rickert, was die Naturwissenschaft anlangt: Nicht der 
Inhalt, sondern der Umfang des Gattungsbegriffes dient zur Sub- 
sumtion der einzelnen Individuen. Aber dies ist noch sein ge- 
ringster Irrtum! 

Mehr weiß Rickert über das Wesen historischer Begriffsbildung 
vom Individuellen nicht zu sagen, in einem, annähernd 600 Seiten 
starkem Buche über diesen Gegenstand. 

Rickert steht nun vor der Aufgabe, auch den Zusammenhang 
»in einen individuellen Begriff zu bringen «2). Der gewöhnliche 
Mensch und Logiker würde dieses logische Verfahren individueller 
Begriffsbildung als Benennung bezeichnen, sintemal individuelle 
Begriffe nur Namen sind. Bei Rickert aber bedeuten individuelle 
Begriffe eines Zusammenhanges, daß die Elemente dieses Zusammen- 
hanges »sich mit Rücksicht auf die Bedeutung zusammenschließen, 
welches das Gesetz durch seine Besonderheit besitzt«. Er schreibt 
den unanfechtbaren Satz nieder: Auch die Geschichte hat ihre 
Kausalität 3) ; und jene individuelle Begriffsbildung mit Rücksicht 
auf die Bedeutung der Besonderheit eines Zusammenhanges — dies 
ist für ihn die historische Kausalität. Ausdrücklich sagt er: Der 
Begriff der Kausalität ist nicht mit dem der Naturwissenschaft iden- 
tisch. Daß das Sein kausal bedingt ist, macht die Aufstellung vom 
Natui-gesetzen erst möglich. Die Voraussetzung der Möglichkeit 

i) Seite mö. 
2) Seite 398. 
») Seite 414. 



Die Erktnutnis d. IndivitlnalitHt ii. ihre wiwnschaftsthtvjiel. Grundlag«-n. 221 

von Naturgesetzen kann nicht selbst ein Naturgesetz sein. I)hs 
Kausalprinzip ist also kein Gesetz. 

Für einen Kantianer ist diese Deduktion ungeheuerlich. Wer, 
Hußor den» krassi-sten Krnpirisinns, hat jemals lurluuiptet, das Kausal- 
prinzipsei ein Naturgesetz? Hickert schließt hier: Was kein Natur- 
gesetz ist, ist kein Gesetz. Sollte der Transzendentalphilosoph die 
Existenz metaphysischer — oder wie wir sagen — wissonschafts- 
theoretischer Gesetze leugnen wollen? 

Je weiter es geht, um .>^o schlimmer wii-d es l>ei Kickert. Ki 
sagt: Jeder historische Kausalzusammenhang ist anders. V'öUiu 
lichtig. Was aber folgert vr daraus? Historisch sei die einmalig»- 
und individuelle Kausalität. Wie dieser Begriff der individuellen 
Kausalität zwischen zwei als Ursache und Wirkung liezeichneten 
Wirklichkeiten zu definieren sei, dafür »können wir uns jederzeit 
auf ein Erlebnis Ijerufen«. Worin dies Band bestellt, »läßt sich viel- 
leicht sehr schwer beantworten, aber wir brauchen gar nicht danach 
zu fragen, solange wir nur den Unterschied naturwissenschaftlicher 
»ind historischer Kausalität feststellen wollen «i). 

Rickert macht es sich l>equem. Er definiert nicht einmal, was 
er unter individueller Kausalität versteht, geschweige denn versucht 
er auch nur den Schein einer Begründung. Er dekretiert sie ein- 
fach als von naturwissenscliaft Heller Kausalität unterschieden. Nach 
allen weiteren »braucht man nicht zu fragen«. Er dekretiert weiter, 
der Satz der Äquivalenz von Ursache und Wirkung gelte für die Ge- 
schichte nicht. Freilich vermag er auch dem elementarsten Einwand 
nicht zu Ixjgegnen; er muß zugeben: die Darstellung historischer 
Kausalzusammenhänge ist nur niit Hilfe von Begriffen möglich, die 
einen allgemeinen Kausalljegriff oder ein Naturgesetz enthalten^). 
Und er flüchtot sich lediglich in die phraseologische Behaupt\ing, die 
wir schon kennen: es käme eben nicht auf die Elemente, sondern axif 
ihre Zusammensetzung zum l)esonderen Fall für die (Tpschichto an'). 

Rickert ist derartig verwachsen mit seinem individuellen Kausal- 
begriffe, daß er jedes andere Argument für die Besor\derheit einer 
historischen Methode verwirft. So wendet er gegen die Hinein- 
ziehung der Willensfreiheit ein, auch die historische Methode arbeite 
an empirischem Material, in welchem die transzendentale Willens- 
freiheit sich nicht geltend mache. Das Argument, die Zufälligkeit 
des psychischen Geschehens Ijedinge eine besondere Erkennt nis- 
methodo, weist er damit zurück, daß Zufall noch nicht Ursachlosig- 
koit bedeute. Beides ist richtig; aber es beweist nichts zu seineu 
Gunsten. 

>) Seit© 420. 
«) Soite 432. 
>) Sohon .Max Süheler bat «iob goffpu dii* I>ogik Riokerts zur iodividuaUen 

Kausalität gewandt (Dio tninszondcntalr und die }>«ychoIi)gische Methocli\ 1900. 
S. 142 ff.) Wir selber behandeln das Prublem der individuellen Kausalität im 
folgenden Kupitel zuttarnnu-nhangond 



222 Über die wissenschaftstLeoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

Was folgt aus Rickerts Darlegungen für die Psychologie der 
Individualität? Zunächst dies, »daß das geistige Leben Eigen- 
schaften besitzt, die in höherem Maße als das physische Sein eine 
historische Darlegung fordern «i). Ferner, daß die exakte Psycho- 
logie niemals zum Hilfsmittel historischer Wissenschaft zu werden 
vermag; jene ist systematisch, diese unsystematisch; jene ist natur- 
wissenschaftlich, diese nicht. Historie kann also niemals in der 
Psychologie aufgehen: um Psychologie zu sein, müßte Geschichte 
Naturwissenschaft sein. Der Historiker ist Psychologe nur in dem 
Siim, daß er Kenntnis von bestimmten individuellen Vorgängen 
besitzt; er hat aber keine Veranlassung, diese Kenntnisse in eine 
allgemeine Theorie umzusetzen. Somit bleiben zwei Arten von 
Psychologie übrig: einmal die historische — die Fähigkeit indivi- 
duelle psychische Vorgänge nachzuerleben. Zweitens die natur- 
wissenschaftliche. Aber — und nun kommt die große Enttäuschung: 
jene Fähigkeit des anschaulichen Erkennens individuell psychischer 
Vorgänge ist nicht etwa historische Wissenschaft; sie ist nur Aus- 
gangsmaterial für eine solche. Die individuelle Psychologie Rickerts 
ist methodisch ihrem Wesen nach, wie Ricker t selber sagt, keine 
Wissenschaft. Ihr fehlt die Beziehung auf einen Wert, in welche 
die Geschichte ihre Objekte setzt. Diese Beziehung auf einen Wert 
aber stellt das geistige Geschehen allererst, als Objekt besonderer 
Geisteswissenschaft, dem nicht auf den Wert Beziehbaren gegenüber. 

Für die Individualpsychologie, welche dauernd im Vorhof wissen- 
schaftlicher Zulässigkeit zu verharren hat, gibt es auch nach Rickerts 
Feststellungen kein wissenschaftliches Fundament. 



8. Die Erkenntnis der Individualität und ihre Wissenschafts- 
theoretisclien Grundlagen. Zweiter Teil. 

Individualität und Typus; die idealtypische Begriffs- 
bildung. 

Rickerts Werk hat in den historischen und soziologischen Dis- 
ziplinen ungeheuren Beifall gefunden. Die Gründe dafür liegen wohl 
nur zum Teil in dem glänzenden Stil seiner Didaktik; zum größeren 
Teil gehen sie darauf zurück, daß hier ein Werk vorlag, welches mit 
hinreißender Unwiderstehlichkeit endlich die Pforte aufzutun schien 
zur Erkenntnis dessen, was sich kraft seines Wesens aller Erkennt- 
nis entziehen wollte. Wir haben gesehen, wie wenig eine exakte 
Kritik von dem Bau Rickertscher Gedanken stehen lassen durfte. 
Es hat auch schon vorher nicht an zahlreichen Bedenken gefeült; 
und in zwei Richtungen war man bemüht, die von Rickert be- 
tretene Bahn zu befestigen und zu sichern : Einmal hinsichtlich des 

1) Seite S32. 



Die ErkonntniH >]. Individualitiit u. ihre wiafl^nBchaftethoort-t. rjrundlagen. 223 

Erfassens der Individualität als eines Typus; und zweitens hin- 
sichtlicii dor Begründung der individuellen Kausalität. 

Typus und Individualitat sind in der Tat keine prinzipiellen 
Gegensätze. In welchem Sinne man den Bogriff dos Typus auch 
anwende, immer fallen CJriippen von Individuen darunter, welche 
hinsichtlich ihrer wesentlichen Merkmale irgendwie vergleichbar 
sind. Und auch ohne logische Klärung des Begriffes eines Typus 
und seiner Bildung liegt es nahe, den Typus als Denkmittel zum 
Begriff der Individualität zu verwenden»). Schon Ricker t selber 
hatte den Begriff des Typus andeutungsweise zur Erkenntnis des 
Individuellen herangezogen. Und zwar nicht in dem bisherigen 
biologischen Sinne eines variativen Durchschnitts, sondern in dem 
eines oVorbildes«. Diese Fassung w^rde aufgegriffen und ausgebaut. 
So meint Weber"): in allen historisch bedeutsamen Abläufen ist 
ihre besondere Bedeutsamkeit nicht aus Gesetzen deduzierbar, son- 
dern hängt an der qualitativen Färbung des Einzelvorgangs. Eine 
psychologische Analyse nach Art der naturwissenschaftlichen würde 
für das Wesen solcher Abläufe nicht mehr besagen, als etwa che- 
mische Daten für die Biogenesc. Man könnte das Spezifische aus 
ihnen nicht deduzieren; die Verständlicli machung von Grund und 
-\rt dieser Bedeutsamkeit fehlte. Die Bedeutsamkeit eines Vorgangs 
setze die Beziehung desselben auf einen Wert voraus. Sie falle daher 
nicht mit dem Gesetz dieses Vorgangs zasammen. Historische 
Erkenntnis aber sei die Erkenntnis einer in diesem Sinne bedeut- 
samen Erscheinung. Unter den unendlich vielen Bedingungen eines 
Phänomens sind nur diejenigen wissenswert, welche zu dieser seiner 
Bedeutsamkeit in kausaler Beziehung stehen; also die Ursache seiner 
»wesentlichen« Bestandteile; nicht das Gesetz, sondern der einzelne 
individuelle Zusammenhang. Hieraus folgert er: es sei »Zurech- 
nungsfrage«, welcher individuellen Konstellation ein Phänomen 
seinem Zusammenhang nach angehört. Zur Beantwortung dieser 
Frage müsse man eine entscheidende Abwendung vollziehen von 
der Reduktion des Phänomens auf allgemeine, »inhalt leere« Gesetze. 
Man müsse aus der Fülle der Phänomene »kraft der Wertideen« 
das Moment, den »winzigen Bestandteil« herausheben, 
»auf dessen Betrachtung es allein ankommt«'). Hier wird 
ganz deutlich Rickcrt selber überwunden. Nicht mehr die 
Erkenntnis des Individuellen wird auch nur angestrebt, sondern 
es findet eine Restriktion statt auf die Erkenntnis des indivi- 
duell Bedeutsamen, mag dies gleich nur einen »winzigen Bestand- 
teil« dos Individuellen ausmachen. Die Bindung dieser Bedeutsam- 
keit wird richtig als eine subjektive des Erkennenden aufgefaßt; sie 



') Über dit< Grundfragen i^sycholoniM^her Typik und ihr theoretische« Funda- 
ment tiiiU<Tn wir uns tTf^t spatvr S. 423 ff. 

«) MrtxWfbor, Dicübjfktivität sozialwiiwenKshaftlichcr undeozialpolitiBchrr 
ifirkcnntiii.x. Arch. f. Sozudwiysenjchaft. 1914. S. 22ff. 

») Seit»' 50. 



224 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

liegt in der Anerkennung bestimmter Wertideen. Folgerichtig 
kommt Weber zu dem Satze : das »Persönliche « an wissenschaftlichen 
Werken ist das allein Wertvolle. Dies mag sehr geistreich sein. Aber 
dem Logiker liegt die Frage nahe, wie und wodurch bei dieser ent- 
scheidenden Rolle des Persönlichen und Normativen — nicht für 
die Genese, sondern für den Inhalt der Erkenntnis — der Charakter 
der Wahrheit, der Erkenntnis, der Wissenschaft verbürgt 
werde. Weber versichert, daß Wissenschaft vorliege; daß jene Er- 
kenntnis trotz allem Persönlichen eine kausale sei. 

Er sucht dies auch zu begründen. Er findet dafür eine besonders 
sichere Quelle: ein »evidentes Verstehen« individueller Abläufe in 
ihrer Individualität, im Gegensatz zu ihrer Erklärung (»Deduzier- 
barkeit«) aus Gesetzen. Dieses Verstehen gehe aus auf die »Idee« 
eines historischen Zusammenhanges, auf eine Utopie, die »durch 
gedankliche Steigerung bestimmter Elemente der Wirklichkeit ge- 
wonnen ist«i). Es ist eine »Veranschaulichung« am »Idealtyp«. 
Diese »idealtypische Begrif fsbildung « ist keine Hypothese, sondern 
»ein Ausdrucksmittel der Darstellung«. Sie beruht auf einseitiger 
Steigerung eines oder mehrerer Gesichtspunkte an Einzelerschei- 
nungen. Sie ist ein rein idealer Grenzbegriff. Sie versucht histo- 
risches Geschehen »in genetische Begriffe zu fassen«. Sie ist nicht 
mit der Bildung von Gattungsbegriffen identisch. 

Diese idealtypische Begriffsbildung ist auch bereits in die Psycho- 
pathologie eingedrungen. Jaspers 2) hat dies auf sich genommen. 
»Idealtypen sind umfassende Einheitsbildungen, die zwar bei Ge- 
legenheit der Erfahrung, aber nicht durch die Erfahrung, vielmehr 
aus wenigen gegebenen Voraussetzungen mit apriorischen Mitteln 
konstruiert werden«. »Aus dem Wesen des Idealtypus ergibt sich, 
daß sie zunächst gar keine empirische Bedeutung haben, daß sie 
aber der Maßstab sind, an dem wir die wirklichen Einzelfälle messen. 
Soweit diese dem Idealtypus entsprechen, begreifen wir sie. « »Wo 
die Wirklichkeit dem Idealtypus nicht entspricht, fragen wir weiter, 
woher das kommt; entspricht die Wirklichkeit aber völlig, so ist die 
Erkenntnis auf eigenartige Weise befriedigt, und wir fragen nur 
nach der Ursache des Ganzen.« 

Auch hierbei ist wieder klar, daß der Sinn dieser Erkenntnisweise 
nicht mehr die restlose Erkenntnis der Individualität ist, sondern 
eine Erfassung des Wesentlichen an ihr. Dies wesentliche, not- 
wendige, gültige, welches sonst das Gesetz einer Erkenntnis zu 
verleihen pflegte, wird hier vom Idealtypus aus bestimmt. Dieser 
ersetzt gleichsam das Gesetz in seiner logischen Funktion. 

Aber die Ableitung dieses Idealtypus ist ein stümperhaftes lo- 
gisches Flickwerk. Hier ist die Rede von einer Begriffsbildung, 
welche auf Steigerung eines Merkmals beruht, unter Absehen von 



i) Seite 64. 

2) Allgemeine Psychopathologie. 1913. S. 270. 



J>ic KiUi'imtiü.s (l liidividuiilitüt ii. ihn- wIsHcimchaftutlu'orft. Grundlagen. 213 

dem C'hrigen und wcU-lu! dcMiuoch nicht Abatiaktiuii sein .-oll, nicht 
zu Gattungslx?griffen führen soll! Hier ist die Rede von Begriffen 
a priori empirischer CtcgenHtände! Hier ist die Rede von Begriffen, 
woiclic ftwus »genetisch« fassen — einer Aufgalx*, welche bisher 
tlom Kausalurteile vorbehalten war! \\ ir finden alle Rickertschen 
Kohler vergrölx;rt wieder. Allen diesen Konzeptionen liegt seine 
ominöse Verwechselung von Begriff und Gesetz zugrunde. Was 
Weber unter genetischen Begriffen versteht, ist schleierhaft. Natür- 
lich sind seine sogenannten idealtypischen Bcgriffsbildungen, logisch 
i)etrachtct, ganz gewöhnliche Abstraktionen; und der iiistori.sehe 
(Gesichtspunkt für die Bildung dieser Abstraktionen ist die »Be- 
tleutsamkeit « des herausgehobenen Merknuils für einen subjektiven 
vorausgesetzten Wert. 

Ob so etwas in der Historie notwendig oder wünschenswert ist, 
geht uns hier nichts an — die »Sachlichkeit Rankes scheint diese 
Notwendigkeit .hinreichend zu widerlegen. Daß diese Mctiiode in 
tlor Psychopathologie nichts zu suchen hat. ergibt sich schon daraus, 
(laß diese keine Wertwissenscliaft ist und aucli kein Derivat einer 
solchen, sondern ihrem idealen Ziel nach reine deskriptive und gene- 
tische Theorie. Woher sollte denn der vorausgesetzte Wort, im 
Hinblick auf den die einzelnen psychologischen Phänomene in jeweils 
besonderer Weise »bedeutsam« sind, genommen werden? Aus der 
Fithik, aus der Astlietik oder aus irgendeiner sozialen Teleologie? 
im letzteren Falle wäre es also Sache des politischen Bekenntnisses, 
Avie man letzten Endes psychopathologischc Typen fundierte! Und 
auch im erstercn träte eine unerwünschte Relativierung und Sub- 
jekt ivierung unserer Wissenschaft ein, die ihr jedes Kriterium des 
objektiven Fortschrittes entzöge. Weber sagt ganz richtig, es sei 
»Zurechnungsfrage«, wie man solche Typen bilde. In der Tat 
verlieren die psychopathologischen Typen und sogar die Krankheits- 
einheiten ihren Sinn als Ausdruck realer gesetzmäßiger Zusammen- 
hänge; sie werden zur Sache des Gesichtspunktes; und seine Gesichts- 
punkte hat l)ekanntlich jeder Mensch für sich. Der Sinn der Wissen- 
schaft hört hier für unsere Arbeit auf zu bestehen. 

Solche begrifflichen und methodischen Verirrungcn sind gerade 
in der Psychopathologie begreiflich als Reaktionsprodukte auf die 
Sterilität und die Trivialitäten einer nur auf die Elementaranalyse 
gerichteten Exi>erimentalpsychologie. Man sollte alx?r das Kind 
nicht mit dorn Bade ausschütten und sich von der naturwissenschaft- 
lichen Arbeitsweise und ihrer logischen Fundierung überhaupt ab- 
wenden, bloß weil eine einzelne Methode versagt. 

Individuelle Kausalität und Gesetz. 

Wenden wir uns nunmehr zur individuellen Kausalität. 
Ivickert lohnte es ab, die kausal bedingte Voränderung gleich- 
zusetzen mit der gesetzmäßigen Veränderung. Er hat hierin recht, 

Kronu'lii. l'nyt'hiatrische KrkrnntnU. \ö 



226 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

soweit diese Ablehnung nur besagen will, daß »das Allgemeine nicht 
das Besondere ist «, daß also nicht der einzelne Fall dasselbe ist wie 
die allgemeine Regel. Er irrt sich aber in der Konsequenz hieraus: 
daß in einem Urteil, welches eine Kausalverknüpfung zweier Er- 
eignisse behauptet, nur ein Urteil über den individuellen Vorgang 
enthalten sein soll. Ist nämlich nicht nur von der Abfolge zweier 
Ereignisse in der Zeit die Rede, sondern von ihrer kausalen Abfolge 
als etwas notwendigem, so wird der Gedanke der Bewirkung des 
einen Ereignisses durch das andere hinzugebracht. Dieser Gedanke 
aber ist kein anderer als der der Gesetzmäßigkeit dieses Vor- 
gangs, der Gedanke, daß unter gleichen Verhältnissen jeweils der eine 
Vorgang den anderen zur Folge haben müsse. Die Behauptung 
einer Gesetzmäßigkeit geht über eine Aussage bezüglich des indi- 
viduellen einmaligen Vorgangs weit hinaus. Die Erkenntnis der 
Gesetzmäßigkeit kann nicht lediglich den Beobachtungen beider 
Vorgänge, nicht dem »Erleben« oder »evidenten Verstehen« ent- 
nommen worden sein; wollen wir uns ihrer gesondert bewußt werden, 
so kann dies in der allgembinsten Form nur geschehen durch das 
Urteil: jede Veränderung hat eine Ursache, Dies Gesetz enthält 
implizite auch den Grund der Möglichkeit für die Erkenntnis der 
Kausalität des individuellen Vorgangs, den wir besonders beurteilen. 
Die Tatsache, daß ich ein »Wirklichkeitsurteil« fälle, wenn ich jenes 
individuelle Urteil fälle, beweist gar nichts gegen die Ge- 
setzesnatur der darin ausgesagten kausalen Abhängig- 
keit; denn die Gesetze gelten in der Wirklichkeit. Gewiß ist das 
Gesetz, oder im Sinne Rickerts der Gesetzesbegriff, ein Abstrak- 
tionsprodukt, ein Produkt der Wissenschaft; aber nur insofern, als 
es in dem, wovon ich es abstrahiere, schon enthalten ist. Es 
ist also mehr als ein bloßes Darstellungsmittel, wie Rickert immer 
will; es ist so wirklich, wie die Wirklichkeit selber, in der 
es gilt. Es ist also der Sinn des Kausalbegriffes, daß durch seine 
Anwendung auf einen Einzelfall dieser Fall unter ein allgemeines 
Gesetz gestellt wird. Der Begriff einer einmaligen Kausalität 
enthält einen Widerspruch in sich selbst, wenn er besagen 
soll, daß dieser Kausalität der allgemeine Geltungsanspruch fehlt 
und nur individuell ist. Mit Recht sagt auch Bergmann in scharf- 
sinnigen Erörterungen: Die Behauptung sei falsch, »daß eine volle 
individuelle kausale Verknüpfung wie jede volle Wirklichkeit nur 
zu erleben, aber niemals direkt wissenschaftlich darzustellen ist«i). 
Daß eine volle Wirklichkeit nur zu erleben ist, trifft zu, wenn man 
unter Wirklichkeit nur die anschauliche Wirklichkeit versteht. Aber 
dann ist es falsch zu behaupten, die individuelle kausale Verknüpfung 
verhielte sich wie diese »volle Wirklichkeit« der Anschauung. Denn 
Kausalität wird eben nicht erlebt, sie wird gedacht und dem 
Geschehen unterlegt, welches dadurch auf ein Gesetz bezogen 



1) Der Begriff der Verursachung usw. Logos 1914. S. 94ff. 



Die Erkenntnis d. liKiividuulit-a u. ihrr wi(is<ii.4clia(t8th<or<-t. < iran'Jla;;«n. 227 

wird. Sobald wir von Kausalität sprechen, IiuIh.'!! wir die volle An- 
Hchauuiigswirkliclikcit schon verlassen und Iwfinden un« in der 
begrifflichen Bearbeitung der Anschauung. Und wenn es auch wahr 
wäre, dali das Individuum nur anschaulich erkennbar und nicht 
denkender Ki kennt nis erschlieübar sein könne, dann würde indivi- 
duelle Kausalität abermals zu einem Widerspruch in sich selbst; 
denn dieser Begriff des Individuellen würde kausale Erkenntnis der 
Definition nach ausschlieUen. 

Bergmann fragt mit Recht: warum soll das Individuum nicht 
Gegenstand eines allgemeinen Urteiles sein? Die Struktur eines 
solchen gibt keinen tJrund dafür, daß auch ein allgemeines Urteil 
nicht auf einen einmaligen Vorgang Anwendung finden könnte. Die 
Allgemeinheit eines Gesetzes bedeutet nur, daß es sich erfüllen muß, 
falls die Bedingungen seiner Anwendung gegeben sind. Ob aber 
diese Bedingungen jemals gegeben sind und wie oft sie gegeben sind, 
ob einmal oder mehrmals, davon enthält das Gesetz nichts. Die 
Allgemeinheit eines Urteils ist ein Bestandteil der Urtcilsform, das 
individuelle Ereignis geht als Beurteiltes in die Urtcilsmaterie ein. 
Daß ein allgemeines Urteil auf eine individuelle Materie geht, ist 
durchaus nicht widersprechend; sagt es doch nur aus, daß sich diese 
niemals anders verhalten wird, als wie dies das Urteil aussagt. 

Individualität als kategoriale Erkenntnisform. 

Damit ist denn auch die individuelle Kausalität abgetan. Und 
so bleibt nur noch eine letzte Methode wissenschaftstheoretischer 
Sicherung für die Erkenntnis des Individuellen übrig: nämlich die 
Individualität selber als eine Erkenntnisgrundform un- 
auflöslicher Art in den notwendigen Grundformen des Erkennens 
überhaupt wissonschaftstheoretisch zu verankern. Meines Wissen 
hat nur Driesch einmal einen Versuch in dieser Richtung unter- 
nommen i). Driesch geht von dem gleichen Naturbegriff aus, den 
wir selber haben. Natur umfaßt die Gesamtheit dessen, was Objekt 
ist, oder sich auf Objekte bezieht. Es ist die Gesamtheit aller Fak- 
toren raumzeitlichen Geschehens, nicht nur der räumlichen, wie er 
ausdrücklich hervorhebt. Driesch folgert nun aus seinen biolo- 
gischen Feststellungen, daß Natur nicht erschöpfend gekennzeichnet 
wird, wenn man sie ein mechanistisches Syst.-m irgendwelcher Art 
nennt; Natur ist jedenfalls nicht nur ein mechanistisches Sj'stem. 
Alle diejenigen Faktoren, welche in der Natur wirken, ohne jedoch 
selber räumlich zu sein oder eine Art von Energie darzustellen, be- 
zeichnet er mit dem aristotelischen Terminus Entelechie. Er gibt 
an, diese Entelechie sei nur denkbar, nicht vorstellbar, hypostaaiert 

1) CbiT den Bej^riff Nntur. BiTicht üImt don dritten internationalen Kongreß 
für Philosophie IIHKS. S. riU .119. Neuen« Werke d»s ausiiezeichneten Denker« 
und Forscher.s, in welchen er die.scn Versuch vielleicht ausgebaut hal>«'n könnte, 
waren mir leider nicht zug&nglich. 

15» 



228^%Übcr die wissenachaftstheoretisclicn C4rundlagen der Psj'cbologie nsw. 

aber ihre Wirklichkeit für die Biologie auf Grund empirischer Daten. 
Sodann aber fährt er fort^) : »Es kommt die positive Rechtfertigung 
dazu : es kann gezeigt werden, daß es neben den Kategorien der 
Substanz-Inhärenz und der Kausalität eine dritte gleichberechtigte 
Relationskategorie gibt; nicht Wechselwirkung, wie Kant wollte, 
sondern Individualität. Finalität würde eine besondere Unterart 
dieser Kategorie sein. Ohne den Besitz der Individualitätskategorie 
würde es unmöglich sein, über aus Teilen zusammengesetzte Ganz- 
heiten Erfahrung irgendwelcher Art zu machen. 

»Die neue Relationskategorie, Individualität, ist, um kantisch 
zu sprechen, ebenso konstitutiv wie die Kategorien Substanz und 
Kausalität, und nicht etwa nur regulativ . . . Wie wir auf die Kate- 
gorie Substanz und Kausalität Faktoren des Wirklichen gründen . . ., 
ganz ebenso gründen wir auf die Individualität Faktoren des Wirk- 
lichen . . . Anders gesagt: die Kategorie Individualität eilaubt uns 
gewisse Faktenreihen der Gegebenheit zu »verstehan«, und diesem 
Verstehen wird durch Schöpfung der Entelechie als eines Gegeben- 
heitsfaktors Ausdruck verliehen . . . Freilich ermangeln alle auf die 
Individualkategorie gegründeten Wirklichkeitsfaktoren nicht nur 
jeder Anschaulichkeit, sondern sie ermangeln auch jeder Räumlich- 
keit, sogar des bloßen Ortes . . . «. 

Hierwider ist Driesch eingewendet worden, er müsse diese bloße 
Behauptung, die Individualität sei die wahre dritte Relationskate- 
gorie, und Kant habe mit seiner Einsetzung der Wechselwirkung 
geirrt, auch methodisch auf dem gleichen Wege begründen, 
den Kant zur Auffindung der Kategorien aus der Tafel der logischen 
Urteilsformen gebahnt hatte. Driesch muß entweder nachweisen, 
daß Kants transzendentaler Leitfaden falsch ist, oder daß sich Kant 
bei seiner Anwendung geirrt hat. Driesch deutet das letztere an, 
wenn er 2) erklärt, die Kategorie der Individualität »lasse sich sehr 
wohl deduzieren aus der Tafel der Urteile, wenn man nur die Gruppe 
der hypothetischen Urteile (wenn . . .) gehörig klassifiziert (weil, 
damit usw.)«. 

Mit diesem Einwand scheint aber Driesch die logischen Urteils- 
formen mit den grammatischen zu verwechseln. Das deuten die 
eingeklammerten Konjunktionen offensichtlich an. Eine positive 
Begründung der Kategorie der Individualität im K an tischen Sinne 
hat Driesch bisher jedenfalls noch nicht gegeben. Auch schlägt 
er das Bedenken zu leicht an, welches daraus folgt, daß seiner eigenen 
Angabe nach dieser angeblichen Kategorie der Individualität jeder 
anschauliche Schematismus mangelt. Was nützt mir eine Erkenntnis- 
grundform des Naturgeschehens, wenn diese gar keine Möglichkeit 
der Anwendung auf das Naturgeschehen bietet! 



1) Seite 515. 

2) Seite 523. 



Die ErktiuitiiiB (.1. Indi\idtialitüt ii. ihi<- \v. tBtLeorct. <;ru:. _'"29 

Die Lösung dos Individualitütsprublems. 

Nach allfu diesen Wegen und Irrwegen steht da.s Prtjblein der 
Erkenntnis des individuellen nunmehr folgenderniaüen : Wir haben 
nachgewiesen, daß irgendeine wissenschaftstheoretische 
Möglichkeit der Erkenntnis des Individuellen neben oder 
jenseits der von uns bisher festgelegten Wissenschaftstheorie, nach 
welcher das Individuelle ein Teil der Naturobjektivität und daher 
unter den Gesetzen der Naturerkcnntnis allein zu erfassen ist, nicht 
besteht. Wir haben nachgewiesen, daß, wenn es überhaupt einen 
Weg zur Erkenntnis des Individuellen geben kann, dieser Weg 
nur der der Naturerkenntnis sein kann. Wir haben nach- 
gewiesen, daü die Fassung des Individualitätsbegriffs, soweit sie dessen 
Wesen in der unübersehbaren Maiuiigfaltigkeit der zufälligen Zu- 
sammensetzung aller Goschehonsbedingungen begründet, die Er- 
kenntnisaufgabe der Naturwissenschaft in bezug auf das Individuelle 
zu einer unvollendbaren, aber methodisch nicht grund- 
sätzlich von der theoretischen Erklärung unterschiedenen 
macht. Wir haben aber einen Begriff des Individuellen als möglich 
hingestellt, wonach es im W'esen des Individuellen liege, einzig zu 
sein, wenn auch nicht hinsichtlich seiner begrifflichen Wirklichkeit, 
so doch hinsichtlich seiner qualitativen Tatsächlichkeit. 
Für diesen Individualitätsbegriff liegt noch eine letzte Schwierigkeit 
vor hinsichtlicli seiner wissenschaftlichen Aufloslichkeit in Gesetzen; 
ihr widmen wir noch einige Schlußworte. 

Es wird sich nämlich nicht gut leugnen lassen, daß dieser Begriff 
von Individualität mehr oder weniger deutlich auf alle einzelnen 
Naturobjekte zutrifft, so wie sie zeitlich und im Raum erscheinen. 
Aber hier muß unterschieden werden : Inwieweit ist diese Einmalig- 
keit und Einzigartigkeit für das betreffende Naturobjekt ein zu- 
fälliges, außerwesentliches, inwieweit ist es ein konstitutiv 
wesentliches Merkmal? Ein Kriterium dafür, oö individuelle 
Eigenschaften an einem Naturvorgang oder -objekt — und ein solches 
ist auch die menschliche Persönlichkeit — zufällig oder nicht zu- 
fällig sind, ist zunächst die Vergleich bar keit des betreffenden Vor- 
gangs oder Objekts mit anderen ähnlichen. Wir wissen, daß diese 
Ähnlichkeiten, die Vergleichung erlauben, in der Natur außerordent- 
lich weit gehen. Soweit die Vergleichbarkeit möglich wird, 
soweit ist die Anwendung von Gesetzen möglich. Zwar 
untersteht auch das Unvergleichbare dem Naturgesetz, aber dies 
Naturgesetz ist empirisch nicht auffindbar. Nun wissen 
wir aber: grundsät zlitli wird, wenn auch nicht das Ganze, so doch 
jeder einzelne Teil innerhalb der Objektwelt irgcndeinmal gesetz- 
mäßig vei-standen worden. »Die Naturwissenschaft hat hier keine 
Schranke. Daraus folgt für das einzelne Naturgeschehen oder Natur- 
objekt : Der Anteil des Vergleichbaren an ihm wird sich 
grundsätzlich immer weiter ziehen lassen. Der indivi- 



230 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

duelle Rest des noch nicht Vergleichbaren wird immer 
kleiner werden. 

Hieraus folgt: in diesem stetig sich verkleinernden Rest von 
Unvergleichbarem kann das Wesen des Individuellen nicht liegen. 
Dieser ganze Abriß ist ja nichts als eine neue Wendung des alten 
Gedankengangs von der Un vollendbar keit empirischer Erkenntnis. 
Es ist in bezug auf diese Erkenntnis, in bezug auf den Anteil des 
Vergleichbaren, bereits Naturgesetzen Unterstellbaren an Natur- 
objekten und Vorgängen rein zufällig, wieweit sie in dieser Hin- 
sicht noch individuell und unauflöslich, wieweit sie schon unter Ge- 
setze zu bringen sind. Wenn wir also vom Wesen der Individualität 
sprechen, so kann dieser durch den Stand unserer Erkennt- 
nis begrenzte zufällige Charakter des Unvergleichbaren, 
zeitlich und örtlich Einmaligen nicht gemeint sein. Das 
Wesen des Individuellen, soweit es sich auf seine faktische quali- 
tative Eigenart bezieht, aber als notwendig und konstitutiv er- 
faßt wird, muß vielmehr liegen in der besonderen Synthese 
verschiedener naturgesetzlicher Bestimmungen, deren Schnitt- 
punkt gerade das hie et nunc bestehende Einzelne nicht 
als ein zufälliges, sondern als ein so besonders Bestimmtes 
und Notwendiges erscheinen läßt. Es ist also — im Gegensatz 
zu allen bisherigen Auffassungen von Individualität, gerade der 
gesetzmäßige Charakter, das besondere Zusammentreffen einer 
Vielzahl von Gesetzen in bezug auf die Einheit eines Vor- 
gangs oder Zustandes, welches diese Einheit als eine not- 
wendige erscheinen läßt, dasjenige was das wahre Wesen der 
Individualität ausmacht. Nicht die empirische Einmalig- 
keit und Unvergleichbarkeit, sondern notwendige Einheit in 
einem Naturvorgange oder Objekte als eine gesetzmäßig be- 
stimmte, als ein Schnittpunkt einer Vielzahl von Gesetzen, — nicht 
das zufällige Sosein, sondern die Notwendigkeit des gerade 
Sosein müsSens als Naturobjekt macht seinen individuellen 
Charakter aus. Und dieser individuelle Charakter transzendiert 
durchaus nicht über die Naturerkenntnis, er setzt die 
Erkenntnis von Naturgesetzen zu seiner Möglichkeit erst 
voraus. Wir werden später zu zeigen haben, wie vom Begriff 
des gesetzlich bestimmten Einzelfalles über den Begriff 
des Typus zum Begriff des Gesetzes selber eine Kette logi- 
scher und methodologischer Notwendigkeiten führt. 

Damit schalten wir die Irrationalität des Individuellen aus. Wir 
leugnen sie nicht im Sinne einer unvollendbaren Aufgabe für die 
Erkenntnis, aber soweit diese Aufgabe unvollendet ist, betrachten 
wir das irrationale Moment als nach Art und Umfang zufällig. Wir 
behaupten im Gegensatz zu diesem Begriff des Individuellen aber 
gerade einen zweiten, welchem die völlige Rationalität zum 
konstitutiven Merkmal wird; dieser ist kein anderer als der 
der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen, die vom 



Bemorkungcn zum Probl'm der Willf-nafreiheit ii.-w. 231 

Gesetz l)e8timmt ist. Ihre Erkenntnis ist aber durchaus nicht un- 
voUondbar; sie ist methodisch und sachlich gesichert und 
voni Oeltungswert echter naturwissenschaftlicher Kr 
kenntnis. 



y. ßemerkunßtMi zum rrobleiii der Willensfreiheit und ihrer 
Vereinbarkeit mit der Naturbestininitheit psychischen 

Geschehens. 

Psychologische und transzendentale Freiheit. 

Nur ein Moment ist es noch, welches im Anschluß hieran eine 
besondere Klärung erfordert, ehe wir das Kausalproblem und damit 
die Wissenschaftstheorie des Psychischen verlassen können: es läßt 
sich zusammenfassen in dem Problem vom Eingreifen der 
Willkür in den Zusammenhang der seelischen Abläufe. Diese Will- 
kür hat die verschiedensten Benennungen und Theorien gezeitigt : 
»das Ich«, »der Wille«, »der Verstand«, »die Tatkraft« — etwa*?, 
was unter all diesen Benennungen verstanden werden soll, greift 
in das psychische Geschehen irgendwie zielrichtend ein. Es richtet 
»die Aufmerksamkeit« auf bestimmte Materien, es bedient sich 
reflektioneller Akte und reproduktiver Funktionen in einer Weise, 
die durch den bloßen naturbestimmten Fortgang des Geschehens in 
der Seele gar nicht beeinflußt zu werden scheint, es erzwingt Ent- 
schließungen und Handlungen, welche den Triel^en und Interesse- 
tendenzen nicht nur nicht zu unterliegen scheinen, sondern direkt 
zuwiderlaufen können. Was ist dies für ein Moment des Seelischen ? 
Seiner theoretischen Bestimmung innerhalb des seelischen Ganzen 
nmß eine l)esonderc Untersuchung gewidmet werden. Dabei wird 
es sich nicht vermeiden lassen, sowohl an das Problem der Willens- 
freiheit im psychologischen Sinne als auch an die Frage der Freiheit 
des Menschengeistes überhaupt und ihrer Vereinbarkeit ^ mit der 
kausalen Determination alles Naturgeschehens, auch des psychischen, 
kurz zu rühren. 

Auch l)ei der Berührung dieser Frage werden wir es uns zur Richt- 
schnur machen, so präzise und exakt wie möglich zu sein und uns 
genau ül)er die Grenzen klar zu werden, innerhalb deren sich un.sere 
wissenschaftlichen Aussagen bewegen können und sollen. Alles 
Eingehen auf die Fülle der Behauptungen, Konjekturen, Dogmen, 
Konstruktionen und Fragestellungen, weiche eine wahre Hociiflut 
pliilosophischer Literatur auf diesem Gebiete seit dem hellenischen 
Altertum mit sich gebracht hat, werden wir vermeiden. Einen 
methodologischen Führer durch das Ljibyrinth von Erkenntniskritik 
und SjK'kulation, welches sich mit der Frage der menschlichen Frei- 
heit auftut, besitzen wir, wie wir ihn sicherer und behutsamer uns 
nicht zu wünschen vermögen: es ist ein Gedankengang meines Lehrers 



232 Über die wissei)Scliaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

lind Freundes Leonard Nelson, eine seiner schönsten Geistes- 
taten, tiefsinnig und exaktwissenschaftlich zugleich i); an diesen 
wollen wir uns aufs engste anlehnen. 

Wenn wir von Willkür und Freiheit im Seelenleben reden, so 
müssen wir zwei Begriffe scharf auseinanderhalten: den Begriff der 
transzendentalen^) Willensfreiheit einerseits, den der psycho- 
logischen Freiheit, wie Kant sagt, andrerseits. Die psychologi- 
sche Freiheit besteht in der Möglichkeit so zu handeln, wie man 
will. Der Begriff der psychologischen Freiheit besagt also weiter 
nichts als die Abhängigkeit eines Geschehens von einem Wollen. 
Diese Abhängigkeit eines Geschehens von einem Wollen ist eben 
dadurch die Abhängigkeit eines Geschehens von einem anderen 
' Geschehen, nämlich dem Vollzuge der Willensfunktionen. Insofern 
liegt dasjenige, was hier psychologisch Freiheit genannt wird, ganz 
im Bereich der Naturnotwendigkeit, und es wird zu ihr keine 
Unabhängigkeit von der Notwendigkeit des Müssens erfordert; han- 
delt es sich doch bloß um eine bestimmte Art des Müssens. Wir 
bezeichnen also, wenn wir die psychologische Willkürlichkeit eines 
Geschehens behaupten, nur eine bestimmte Art der Ursache des 
Geschehens, nämlich ein Geschehen, welches dadurch verursacht ist, 
daß wir es wollen. Ob dieses Wollen seinerseits ursächlich bedingt 
ist oder nicht, diese Frage wird hierbei noch nicht berührt. Mag 
dies der Fall sein oder nicht: daß dies Wollen die Ursache für ein 
anderes Geschehen ist, ist davon unabhängig, wie dies Wollen selbst 
verursacht ist und ob es verursacht ist. Im Gegensatz hierzu be- 
deutet die transzendentale Freiheit die Unabhängigkeit meines 
Wollens von der Notwendigkeit eines Müssens. Also: ein Geschehen 
ist willkürlich oder psychologisch frei, wenn es nur von meinem Willen 
abhängt, ob es stattfindet oder nicht. Welches aber die Ursache 
dieses Willens ist und ob es für diesen Willensentschk;ß überhaupt 
eine Ursache gibt, diese Frage betrifft nicht die psychologische Frei- 
heit, sondern die transzendentale. Über diese Unterscheidung muß 
man sich zunächst völlig klar sein. 

Die Antinomie von Freiheit und Gesetz. 

Man kann den Unterschied der psychologischen von der trans- 
zendentalen Freiheit auch so fassen, daß jene die Unabhängigkeit 
von äußeren Ursachen, diese die Unabhängigkeit von Ursachen 
überhaupt in sich begreift. Aus der Verwechselung dieser beiden 



1) Kritik der praktischen Vernunft. 1917. Postulate der Anwendbarkeit des 
Sittengesetzes. S. 280, 295 ff. 

2) Unter dem Terminus transzendental verstehen wir mit Kant »den Gnind 
der MögHchkeit des Apriori«. Die hier gemeinte Freiheit heißt transzendental, 
weil sie den Grund der Möglichkeit sittlichen Handelns gibt, ein Postulat der An- 
wendung des Sittengeszes (das a priori gilt) ist. Der Terminus transzendental 
sagt nichts aus über die ModaHtät dessen, wovon er prädiziert wird; die transzen- 
dentale Freiheit kann also, trotz ihrem transzendentalen Charakter, empiri.sch sein. 



I'cmcikungi 11 /.um rrubk-m du Willtnufrcüi- >-. u.-m. _33 

Begriffe von Froiheit erklären sicli die vielen verfohlten Stellung- 
nahmen, die wir in der philortophi.schen Literatur vorfinden. Kh 
ergeben sich nämlich aus dieser Verwechselung folgende zwei Mög- 
lichkeiten. Erstens: die Verwechselung besteht darin, daß man die 
bloüo Willkürlichkeit des Handelns schon als transzendentale Freiheit 
nimmt; dann muü man folgern, daß die Fähigkeit, zu wollen, Inireits 
die Schranken der Naturnotwendigkeit ülwrschreitet . Daraus folgt 
dann der Fehlschluß tles gewohnlichen Indeterminismus, 
daß das Faktum der Willkürlich keit des Handelns bereits an sich 
die transzendentale Freiheit des Ganzen beweise. Zweitens: Man 
geht von der Unmöglichkeit der Freiheit in der Natur aus. Psychi- 
sches Geschehen ist ein Naturge.schehen. Daraus folgt der Schluß, 
daß willkürliches Handeln unmöglich ist, und eine leere Fiktion des 
Erlebens bedeutet. Dies ist der gewöhnliche Fehlschluß des 
Determinismus. 

Diese Antinomie besteht also in der wechselseitigen Ausschließung 
der Voraussetzungen der Freiiieit einerseits und der Naturgesetzlich- 
keit alles Geschehens andererseits. Freiheit schließt Gesetzlichkeit 
des Geschehens aus, letztere führt zur Unmöglichkeit von Freiheit. 

Logische Zergliederung der Voraussetzungen der 
Antinomie. 

Aus einer Prämisse allein ist aber kein Schluß möglich. Es 
kann daher weder aus dem Postulat der Freiheit allein auf die Un- 
gesetzlichkeit des Geschehens, noch aus der Gesetzlichkeit des Ge- 
schehens allein auf die Unmöglichkeit der Freiheit geschlossen werden. 
Es müssen also in jedem dieser beiden Schlüsse noch andere Vor- 
aussetzungen enthalten sein. Diese wollen wir genau bestimmen. 

Was behauptet das Postulat der Freiheit? Offenbar, daß die 
Naturgesetze nicht hinreichen, um das Geschehen zu bestimmen. 
Was behauptet andererseits die Naturgesetzlichkeit alles Geschehens? 
Offenbar, daß die Naturgesetze für alles Geschehen uneingeschränkt 
gelten. 

Wenn daher von dem Postulat der Freiheit auf die Ungesetzlichkeit 
des Geschehens geschlossen wird, so ist dieser Schluß nur unter der 
weiteren Voraussetzung möglich, daß die Naturgesetze nur insofern 
uneingeschränkt gelten, als sie auch hinreichend sind, um das Ge- 
schehen zu bestimmen. Diese zweite Voraussetzung besagt also, 
daß die Naturgesetzlichkeit alles Geschehens dessen vollständige 
Bestimmtheit durch die Naturgesetze einschließt. 

Weini dagegen aus der Abhängigkeit alles Geschehens von Natur- 
gesetzen gefolgert wird, daß die Naturgesetze hinreichend sind, um 
das Geschehen zu bestimmen, so daß Freiheit unmöglich wird, — 
so liegt bei diesem Schlüsse dieselbe Voraussetzung vor wie lx;i den 
erstgenannten. Daß nändich das CJeschehen, sofern es unter Natur- 
gesetzen steht, durch sie vollständig bestimmt sein muß. 



234 Über die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Psychologie usw. 

iSchließt die Naturgesetzlichkeit des Geschehens dessen 
vollständige Bestimmtheit ein? 

Diese zweite Voraussetzung ist es, vermittelst derer das 
erste Mal von der Gültigkeit des Vordersatzes auf die des Nach- 
satzes geschlossen wird, vermittels derer das zweite Mal aber von 
der Ungültigkeit des Nachsatzes auf die Ungültigkeit des Vorsatzes 
geschlossen wird. 

Um diese Frage zu entscheiden, müssen wir das logische Ver- 
hältnis zwischen dem Vordersatz und dem Nachsatz dieser Voraus- 
setzung untersuchen. Wir müssen uns fragen, ob der Nachsatz 
logisch aus dem Vordersatz folgt. Wenn dies der Fall sein sollte, so 
müßte die Verneinung des Nachsatzes mit dem Vordersatz in Wider- 
spruch stehen. Es müßte also die Annahme, daß das Psychische 
durch die Naturgesetze nicht vollständig bestimmt ist, im Wider- 
spruch stehen mit der Naturgesetzlichkeit alles Geschehens. 

Dies ist nun aber keineswegs der Fall. Rein logisch wider- 
spricht der Behauptung der Gesetzlichkeit des Geschehens nur die 
Behauptung der Ungesetzlichkeit des Geschehens. Nun kann zwar 
ein nichtgesetzliches Geschehen auch nicht durch Gesetze vollständig 
bestimmt sein; wohl aber kann das Geschehen unter Gesetzen stehen, 
ohne durch diese Gesetze vollständig bestimmt zu sein. Wenn es 
nämlich positiv nicht durch Gesetze bestimmt ist, so braucht es 
darum noch nicht überhaupt ungesetzlich zu sein. Mit anderen 
Worten, wenn die notwendige Bedingung eines Geschehens seine 
Gesetzmäßigkeit ist, so braucht dies noch nicht zugleich seine hin- 
reichende Bedingung zu sein. 

Nelson bestätigt diesen Gedankengang daran, daß die Natur- 
gesetze zwar die Abfolge eines Vorganges aus dem vorhergehen- 
den bestimmen; daß aber kein Naturgesetz uns unmittelbar etwas 
darüber sagt, welcher Art der vorhergehende und so auch der 
folgende Zustand ist. Diese Feststellung über die wirkliche Existenz 
eines Zustandes gibt uns nur die Beobachtung. 

Man kann dies auch so darstellen: wenn alles Geschehen unter 
Naturgesetzen steht, so kann es in keiner Hinsicht zufällig sein. 
Denn zufällig nennen wir das, was nicht mit Notwendigkeit bestimmt 
ist. Gehen wir davon aus, daß das, was wirklich geschieht, auch 
notwendig so geschieht, wie es geschieht, dann können wir aller- 
dings behaupten, daß durch die Gesetzmäßigkeit des Geschehens 
alle Zufälligkeit ausgeschlossen ist. Dann ist alles Geschehen schon 
eindeutig und vollständig durch die Gesetze bestimmt. 

Nun gehen wir tatsächlich von der Vorstellung aus, daß es in der 
Wirklichkeit keine Zufälle geben kann. Wenn wir etwas als zufällig 
bezeichnen, so behaupten wir nicht, daß es an sich unbestimmt sei, 
sondern nur, daß wir seine Notwendigkeit nicht einsehen. 
Wo wir also vom Zufall sprechen, tun wir dies nur mehr mit Bezug 
auf unsere Erkenntnis. Nicht das Sein an sich ist zufällig, sondern 



Bemerkungen zum Prol*l<in (1<t Willirmfn-ih'it u«w. "^35 

wir setzen voraus, daß an sicli nichts wirklich ist, was nicht auch 
notwendig so ist, wie es ist. Nicht dem (Jegenstand, der wirklich ist, 
kann die Notwendigkeit seines Seins fehlen, sondern nur una die 
!*]rkeimtnis dieser Notwendigkeit. 

Nun folgert Nelson weiter: Diese Feststellung ist ihrereeita 
wieder nicht logisch selbst verständich. Es liegt nicht im Begriff 
des Wirklichen, daU es auch so, wie es ist, notwendig ist. Der Begriff 
der Notwendigkeit ist vielmehr ein eigener, von dem der Wirklichkeit 
unabhängiger Begriff. Wenn wir also behaupten, daß der Zufall 
nicht aus sich bestehen kann, sondern nur in einem Mangel unserer 
Erkenntnis besteht, so machen wir damit eine besondere, logisch 
nicht selbstverständliche Voraussetzung. Und nur vermittels dieser 
logisch nicht selbstverständlichen Voraus.'^etzung können v^nr \)e- 
haupten, daß die Gesetzlichkeit alles Geschehens seine vollständige 
Bestimmtheit einschließe. Denn ein Geschehen, welches durch die 
Naturgesetze nicht vollständig bestimmt wäre, bleibt insofern zu- 
fällig. 

Aber noch eine zweite Voraussetzung ist notwendig, um von der 
Behauptung der Gesetzmäßigkeit hin zu derjenigen der vollständigen 
Bestimmtheit des Naturgeschehens zu gelangen. Aus dem Satze: 
Das an sich Wirkliche kann in keiner Hinsicht zufällig sein, — 
folgt der Schluß: das Naturgeschehen kann in keiner Hinsicht 
zufällig sein — nur unter der stillschweigenden Hinzunahme dieser 
zweiten Voraussetzung: daß das Naturgeschehen etwas an 
sich Wirkliches sei. Auch diese Voraussetzung ist logisch durch- 
aus nicht selbstverständlich, denn sie behauptet nichts anderes, als 
die Unabhängigkeit des Naturgeschehens von unserer Erkenntnis — 
eine Behauptung, welche sich mit rein logischen Mitteln nicht be- 
gründen läßt ; denn wir können sie verneinen, ohne auf einen logischen 
Widerspruch zu geraten. 

Nelson faßt hiernach zusammen: Die Ausschließung der Zu- 
fälligkeit des Naturgeschehens enthält zwei allgemeine, logisch nicht 
selbstverständliche Voraussetzungen: Erstens: daß das an sich 
Wirkliche nicht zufällig sein kann, und zweitens, daß das Natur- 
geschehen etwas an sich Wirkliches ist. 

Die Auflösung der Antinomie. 

Greifen wir jetzt auf unsere Antinomie zurück. Man sieht nun, 
daß die Schlüsse, auf denen sie beruht, durchaus nicht logisch zwingend 
sind. Wenn man nämlich eine von den genannten beiden stilLjchwei- 
genden Voraussetzungen aufhebt, so kann man die beiden aus- 
gesprochenen Prämüssen, von denen die Antinomie ausging, wider- 
spruchslos vereinigen. Wir köiuien also das Postulat der transzen- 
dentalen Freiheit und die Voraussetzung der Naturgesetzliohkeit 
alles Geschehens widerspruchslos vereinigen, wenn wir einen dritten 
Satz aufgeben, nämlich entweder den, daß das an sich Wirkliche 



236 Über die wissenschaftstheoretischeu Grundlagen der Psychologie usw. 

nicht zufällig sein kann, oder den, daß das Naturgeschehen etwas 
an sich Wirkliches ist. Mithin ist dargetan, daß jene Antinomie 
zwischen Determinismus und Indeterminismus logisch nicht zwingend 
ist. Das Postulat der transzendentalen Freiheit bedeutet also keinen 
logischen Widerspruch zu der Voraussetzung einer Naturwissenschaft, 
welche in der Naturgesetzlichkeit alles Geschehens besteht. 

An dieser Stelle mehr zu sagen und Nelsons Gedankengang 
weiter zu verfolgen, ist für unseren wissenschaftstheoretischen Zweck 
nicht notwendig. Indem wir die widerspruchslose logische Verein- 
barkeit des Postulats der transzendentalen Freiheit mit der Natur- 
gesetzlichkeit alles Geschehens erwiesen haben, haben wir ein Gebot 
wissenschaftstheoretischer Klarheit erfüllt, welches uns auf die 
Schranke gesetzmäßiger Erkenntnis überhaupt hinweist. Für unsere 
psychologische Aufgabe aber haben wir uns innerhalb dieser 
Schranken, innerhalb der Sphäre des Geschehens zu bewegen, inso- 
fern es naturgesetzlich bestimmt und bestimmbar ist. Diejenige 
Freiheit, welche wir hier in der Seele anzutreffen vermeinen, ver- 
mögen wir mit diesen Erkenntnis mittein nur aufzufassen als die 
psychologische Freiheit, die Freiheit zu handeln wie das Wollen es 
bestimmt. Das Wollen sowohl als auch seine Wirkung im Handeln 
fallen damit unter die Objekte naturwissenschaftlicher 
Erkenntnisweisen; und diese Freiheit, welche die bloße Willkür 
des Handelns zum Ausdruck bringt und deren Erscheinungsweisen 
sich aus der Phänomenologie und Theorie der wollenden Funktionen 
werden entwickeln lassen, liegt auch schon unterhalb der Sphäre 
wissenschaftstheoretischer Feststellungen. Diese Freiheit ist, wie 
Kant einmal bemerkt, nur die Freiheit eines Bratenwenders, der, 
wenn er aufgezogen ist, sein Geschäft von selber verrichtet. 



Proh'j^oim'iiji zur all^eiiK'iiM'ii Psychiatrir als 
strcii^rr Winseiischaft. 

J)ie allgemeine Psychiatrie und die psychiatrische Gesamt- 
forschung. 

Wenn wir es unternohmen, im folgenden die Grundlinien der all- 
gemeinen Psychiatrie zu entwickebi, so drängt uns dazu die Erkennt- 
nis von der unumgänglichen Notwendigkeit, innerhalb des Ganzen 
psychiatrischer Forschung einen grundsätzlich neuen, anderen 
liegriff von allgemeiner Ps3'chiatrio. zur Verwirklichung bringen zu 
müssen, als ihn die bisherige Literatur, so reich an Lehrbüchern und 
tSynopsien sie ist, zur Geltung gebracht hat. Angesichts der über- 
wältigenden Fülle didaktischer Werke, in welchen die Geistesarbeit 
von zwei Generationen bedeutender Forscher zusammengefaßt wird, 
erscheint es vermessen, ein neues Unternehmen mit dem Anspruch, 
das Lehrgebiet der Psychiatrie in Ix^stimmter Form neuer und rich- 
tiger zu vermitteln, als dies bisher geschah, in die Welt zu setzen. 
Und besonders schwer muß das Gefühl der Verantwortung für eui 
solches Unterfangen zu einem Zeitpunkt sein, wo die Forschung 
selber in allen ihren Einzclzweigen ein Entwicklungsstadium durch- 
macht, in dem sich eine ordnende Zusammenfassung ihrer Methoden 
liud Ergebnisse von selber zu verbieten scheint. 

Wenn im folgenden diese ordnende, didaktische Zusammenfassung 
eines Teilgebietes der Psychiatrie dennoch wenigstens begonnen wird. 
so besteht hierfür mir eine einzige, aber zwingende Rechtfertigung: 
Es wird über da* Wesen der Psychiatrie als Wissenschaft, über ihre 
(irundlegung und Methodologie prinzipiell neues gesagt werden; und 
dieses Neue wird von bestimmendem Einfluß auch auf die syste- 
matische und didaktische Bearbeitung der materialen Bestände 
psychiatrischer Forschung sein. 

Nicht als ob die Gesichtspunkte, für deren systematische An- 
wendung wir den Charakter der Neuheit in Anspruch nehmen, sich 
nicht schon in Arbeiten und Werken einzelner hervorragender älterer 
und jüngerer Forscher fänden. Aber wo sie sich fanden, blieben sie 
in Vereinzelung und ohne die sj-stematischo und methodische An- 
wendung, welche wir im folgenden zu gelnm die Absicht hal>en. 

Als Aufgabe der allgemeinen Psychiatrie Iwt rächten wir die Grund- 
logung, Sicherung und Begrenzung des Erkenntnischarakters und der 
Wissenschaftlichkeit psychiatrischer Forschung überhaupt. 



238 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatric als strenger Wissenschaft. 

Das Thema dieser Untersuchung schließt also die Voraussetzung 
in sich, daß die Grundlagen der Psychiatrie als Wissenschaft 
ein Problem bilden. Indem sie die Lösung dieses Problems in 
Angriff nimmt, setzt sie dieses Unternehmen mit dem Begriff 
einer allgemeinen Psychiatrie gleich. 

Die Berechtigung der Voraussetzung, daß die Grundlagen der 
Psychiatrie als Wissenschaft nicht feststehen, sondern problematisch 
sind, wird durch die folgenden Untersuchungen eingehend dargetan 
werden. Es darf übrigens als hinlänglich bekannt vorausgesetzt 
werden, daß diese Problematik von der Mehrzahl der Verfasser di- 
daktischer Werke in der Psychiatrie erfaßt worden ist; worauf sich 
dann alsbald das Schauspiel abzuspielen pflegt, daß jeder dieser Au- 
toren es unternimmt, diese Problematik auf eigene Faust in der Ein- 
leitung zur materialen Darstellung gleichsam en passant und neben- 
bei zu »erledigen « — durch irgendeine unausgegorene psychophysische 
oder sonstige Konzeption i). 

Indessen um diese Problematik, der das ganze vorliegende Werk 
sich widmet, handelt es sich uns hier nicht. Zunächst ist die andere 
Berechtigung zu erweisen, daß nämlich eine derartige Untersuchung 
über die Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen der Psychiatrie als 
Wissenschaft gleichgesetzt werden dürfe mit dem Inbegriff des Wissens- 
gebietes, welches bisher als »allgemeine Psychiatrie« bezeichnet 
worden ist. 

Lassen wir es noch dahingestellt, inwieweit die Psychiatrie den 
Anforderungen und Kriterien der Wissenschaft überhaupt bisher zu 
genügen vermocht hat, so ist doch soviel sicher, daß diese als Wissen- 
schaft auftretende Lehre ihrer Natur nach keine theoretische 
Disziplin, sondern daß sie eine praktische, angewandte Wissen- 
schaft war und sein wollte. Und ferner ist klar, daß die Psychiatrie 
in diesem wissenschaftlichen Gewände nicht auf Prinzipien und 
Maximen, Grundsätze und Methoden eigenen Wesens aufgebaut, 
nicht autologisch war, sondern daß sie sich auf eine Reihe ihr 
zugrunde liegender anderer Wissenschaften zu ihrem eigenen Aufbau 
stützen, berufen und zurückbeziehen mußte. Das liegt in der Natur 
der für die Psychiatrie zur Forschung sowie zur Lehre dienenden 
Ausgangspunkte und Gegebenheiten. Diese sind in ihrem Wesen 
recht heterogener Art, Psychologische Aussagen von Erlebnissen 
und Vorgängen in ihren Kranken, objektiv psychologische und 
psychophysische Feststellungen und Messungen, experimentell- 
psychologische Abwandlungen gebräuchlicher normalpsychologischer 
Versuchsmethoden — drei Gegebenheitsreihen, die in sich wesens- 



1) In der Ära nach Griesinger hat von allen Autoren synoptisch-didaktischer 
Werke nur Dittmar (Vorlesungen über Psychiatrie. Bonn 1878) einen besonderen 
ersten Band »Grundlegungen der Psychiatrie« erscheinen lasesn. Er entschuldigt 
sich auch entsprechend wegen der Ausführlichkeit dieses Unternehmens, welches 
ihm übrigens den (sachlich nicht unberechtigten) Spott Westphals zuzog (Archiv 
f. Psychiatrie. IX. S. 451 ff.). 



Die allgi'mt'ine l'sychiatric und die psych iatrisc he (Ji-saiutforachiuig. 239 

verschieden sind, weisen in iluer wissonscluift liehen (Gewinnung und 
Ordnung auf die Psychologie ala dasjenige zugrunde liegende 
Wissenschaftsgebiet hin, dessen eigene Voraussetzungen, Grund- 
lagen, Metiiodi-n und P>gebnissc hier nur ein neues Feld ihrer An- 
wendung und Betätigung finden. Physiologische, hirnanatoniische 
und neurologische (Jesichtspunktc und Fragestellungen, biologische 
und allgemein pathologische Annahmen und Lehren üljer die 
Vererbungsgesetze und das Konstitutionsproblem besitzen in der 
Psychiatrie ebenfalls ein neues materiales Bestimmungsfeld, wurzeln 
aber mit ihren Grundlagen in ihren eigenen .Sondergebieten. Die 
klinische Heuristik, die Zusainmenstcllung und Ordnung der Zu- 
standsbilder und Verlaufsformcn, ja die Anwendung des Krankheits- 
begriffes selber und das Aufsuchen seiner konstituierenden Merkmale, 
die Schaffung von Symptom- und Krankheilsentitäten mit all ihrer 
Komplizierung, die Stellung von Diagnose und Prognose sind ihren 
Prinzipien nach aus dein Arsenal allgemeiner medizinischer Funda- 
mente entlehnt. Und dennoch sind sie ihrer grundsätzlichen psychia- 
trischen Geltung nach, sieht man einmal von allen wohlbegründbaren 
praktischen Konventionen ab, zunächst nicht mehr als ungeheure 
problematische Metaphern i). — Hier sei eine Einschaltung gestattet. 
J)ie heutige Forschung ist sich der Metaphorie ihres Krankheits- 
begriffes in seiner psycliiatrischen Anwendung kaum deutlich bewußt. 
Er ist ihr etwas selbstverständliches. Dali er in unklarster Weise 
von der symptomatologischen nach der nosologischen Seite hin und 
her schwankt, daß es faßbare Kriterien einer psychiatrischen Krank- 
heitseinheit generell überhaupt nicht und in der Praxis nur für ein 
umschriebenes organisches Gebiet gibt, dies alles und noch unendlich 
viel anderes macht sie in der prinzipiellen Selbstverständlichkeit 
nicht irre, mit welcher sie den Krankheitsbegriff als solchen von der 
Medizin her übernimmt. Dies war historisch keineswegs immer so. 
Die spekulative und moraltheologisch orientierte Psychiatrie der 
älteren Periode sah das hier sich aufführende Problem in seiner ab- 
strakten Reinheit noch deutlich. Sie löste es methodisch und syste- 
matisch falsch^). Aber sie überging es nicht. Und noch Grie- 



1) Man kann sich dies sofort klarmachen: man denke nur etwa an die Wr- 
Bchiedenheit der Bedeutung de.s Krankheitsbepriffes bei dt-r Krankheit Paralyse, 
der »Knmkheit« Hysterie, der »Krankheit« Schizoj)hrt'nie — ferner etwa der 
»Krankheit« Idiotie und der »Krankheit« moral insanity; nuin denke femer an 
die Scliwierigkeiten di-.s Begriffs des l'athi)I<)j;i<chen und seines Verhältnisses zum 
Abnormen, an die Begriffe »nathologit-cher Charakter«, l\sycht>pathie usw. 
Kein einziger dieser Kninkheitsbegriffe, auch der der Paralyse nicht, zeigt mehr 
als eine bloQc Analogie zu den Krankheitsb«'j;riffen der Klinik köriM«rlieher Urgan- 
und Funktionsstönuigi'n; einzehie ühin-ln logi.sch köqxTliclien »Krankheiten«, 
wie SechsfingriK'keit. LinkshändiRkeit tuier Situ» inversus, die selber als Krank- 
heiten nur metaphori.sch bezeichenbar sind. 

*) Kieser, Elemente der l'sychiatrik, ISr).*). aus dem Begriffe Gottes, Hein- 
roth (l'sychiHch-gerichtl. Mtnlizin. ly-inzig I8L''>) und Hoffbauer (Krankheiton 
der Seele. Halle ISO.'l) aus dem Begriff der Schuld und aus dem »Widerspruch zur 
Naturbestimmung« (Hoffbaucr, I. S. 274 270); ähnlich Reil u. a. m. Liogst 



240 Prolcgomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wi^senscliaft. 

singer, der dem Unfug dieser Richtung praktisch und theoretisch 
ein Ende bereitete, sah dieses Problem und suchte ausführlich zu 
begründen, warum er in der Psychiatrie nur den symptomatologischen 
Krankheitsbegriff gelten lasse und ihm den pathogenetischen einer 
Hirnpathologie als ideale Forderung gegenüberstellte, zugleich mit 
der Resignation hinsichtlich der Hauptforderung, beide in einer noso- 
logischen Einheit jemals verschmelzen zu können 2). Schon West- 
phal, dem ersten Kliniker im modernen Sinne, war aber dieser theo- 
retisierende Standpunkt zu »spekulativ«'). Für ihn bildete die 
klinische ungeklärte Übernahme des Terminus Krankheit auf die- 
jenigen Beobachtungskomplexe, welche der Kliniker autonom zu- 
sammenfassen zu dürfen glaubte, kein besonderes Problem. Und 
seitdem ist der klinische Arbeitsgesichtspunkt ja der selbstverständ- 
liche, »voraussetzungslose« geworden, welchem jeder Primat gegen- 
über den »Hilfswissenschaften « zusteht . Und doch ist die Übernahme 
des Krankheitsbegriffes in die Psychiatrie keine so einfache und 
problemfreie Sache. Vielmehr besteht hier genau solch ein Problem wie 
bei allen heterologischen Arbeitsmaximen, seien sie nun physiologischer, 
biologischer oder psychologischer Art. Ihr Nebeneinander und Durch- 
einandersoll aber im wissenschaftlichen Gesamtgebäude der Psychiatrie 
zu einem Miteinander, zu einer synthetischen Einheit werden, in welcher 
die Geltungssphäre jedes einzelnen dieser Arbeitsgesichtspunkte sich 
klar und scharf umreißen läßt*). Dies soll schon hier betont werden. 
Um nun in unserer Aufzählung der heterologischen Erkenntnis - 
quellen der Psychiatrie fortzufahren, so sind endlich auch die sozio- 
logischen und die kriminologischen Gesichtspunkte mit ihren lar- 
vierten normativen Stigmaten von einer anderen »Grenzwissenschaft « 
her, also gleichsam von außen, der Psychiatrie zugebracht worden 
imd ihr im Kerne wesensfremd. 



vor ihren maximenlosen, ku Unrecht gerühmten Gegnern Nasse und Jacobi 
trat von philosophischer Seite aus Fries derartigen Bestrebungen entgegen (Psych. 
Anthropologie. II. Jena 1820). Er erkennt klar die ärztliche Zuständigkeit zu 
psychiatrischer Forschung (S. 108), verwirft die »ethisch-theologische« Wendung 
des Krankheitsbegriffs (S. 110) mit feinem Spott, betont den symptomatologischen 
Charakter der gefundenen psychischen »Krankheitseinheiten« (S. 154ff., immer 
zit. nach der 2. Aufl. 1837) und die somatisch-pathogenetische Basis derselben, 
und durchdringt dennoch die psychische Symptomatik mit dem ganzen Scharf- 
sinn des psychologischen Denkers. 

2) Pathol. u. Therapie der psychischen Krankheiten. Braunschweig 1861, zit, 
3. Aufl. 1871, I.Abschnitt. 

3) Archiv f. Psychiatrie. Bd. I. 1868. 

^) Es ist — unter der Herrschaft dieses reinen Klinizismus — noch verständ- 
lich, wenn z.B. Isserlin (Aschaffenburgs Handbuch. 1913. A 2. S. 112ff.) die 
Notwendigkeit der Anwendung psychologischer Methoden für die klinische For- 
schung nicht ohne weiteres anerkennt, sondern zum Problem macht - — welches 
er übrigens naturgemäß bejahend löst. Daß aber ein Denker seines Ranges diesen 
Primat des Klinizismus selber in all seiner Verschwommenheit zum Angelpunkt 
seiner Fragestellungen zu machen für selbstverständlich und fraglos hält, über- 
steigt mein Verständnis. Bei Kraepelin selber ließe eine solche Einstellung sich 
allenfalls begreifen ! 



Die jtll<4**iiiiMii(- l'.yohiatrii' un<l dii- iisythüitriKcIf < •• ~ ■nttfor^' iiung. 241 

Dieses stumme Verlmrieii der Psyehiali ic iil> einer autoch- 
I honen VVissenscluift, i^elit so weit, tlaii sie selbst auf das Auffinden 
eigener, für sie wesensspezifisclier wissenscliaftlit her Möglich- 
keiten iKjinahc verzichtet zu haben scheint und jeden Fortschritt 
der Erkenntnis lediglich von solchen äuüeren Anstößen erwartet. 
JSo ist in den letzten Jahrzehnten die Anwendung serologischer und 
biochemischer Forschungen, Ix'souders in der Erkenntnis der endo- 
krinen Drüsenfunktionen, gleichsam die neue Zukunftslioffnung ge- 
worden, von der auch die Psychiatrie wissenscliaft liehen Fortschritt 
erwartet. 

Es wird nicht etwa hier bestritten, daß der Psychiatrie durch 
diese Abhängigkeit von den verschiedensten heterologen wissen- 
schaftlichen Disziplinen allererst wissenschaftliches Leben. Wachstum, 
Vertiefung und (Jrölie, Einsicht und Fortschreiten gewährleistet ist. 
Diese Abhängigkeit als solche wird hier vielmehr als Faktum be- 
hauptet und für die Psychiatrie in ihrem bisherigen wissenschaft- 
lichen Oiiarakter als wesentlich bezeichnet. Die sogenannte spezielle 
Psychiatrie hat auch niemals mehr sein \vf)llen, als eine praktisch 
brauchbare, dem jeweiligen Stande der Einzclerkenntnis entsprechende 
Darstellung des unter diesen heterologen Ck'sichtspunkten bearljeiteten 
Gegcbenheitsmaterials nach den Kegeln der Klinik, des ärztlichen 
Tuns. Die forensische Psychiatrie wandelte dann, mit meist nicht 
einmal sehr viel Talent, die medizinischen Leitmaximen in logische 
Kompromiühildungen zwischen medizinischen und kriminologischen 
Lehrlx'griffen um. 

Einzig die allgemeine Psychiatrie erstrebte von jeher eine sj'ste- 
matisch-sachliche Darstellung des Gegebenheitsmaterials unter Ge- 
sichtspunkten der Zusammenstellung und Ordnung, welche ihrerseits 
vom praktisch-klinischen Zweck sich in gewisser Weise loszulösen 
suchten. Aber die Gesichtspunkte dieses Verfahrens blieben auch 
dann noch heterologische. So werden z. B. in der allgemeinen Psy- 
chiatrie zwar keine Krankheitsbilder nach mehr oder weniger groben 
Analogien zu körperlich-medizinischen Krankheitsbildern aufgestellt; 
aber das grundlegende allgemeine Problem wissenschaftlichen Den- 
kens, ob und in welchen verschiedenen Bedeutungen der medizinisch- 
somatischo Krankheitsbegriff auf die Gegel)enheitsreihen iler Psy- 
chiatrie übertragbar ist, in welchen Beziehungen Symptom und 
Krankheit dort zueinander stehen, bildete für die bisherige allgemeine 
Psychiatrie nicht einmal eine Fragestellung. Wie in der speziellen 
Psychiatrie, so wurden auch in der allgemeinen die .Materialien der 
Psychiatrie gleichsam in ein KeiXTtoriuni gebracht. Die Drdnungs- 
gesichtspunkte dieses Ke)KMtt»riun\s sind nun zwar andere als die 
klinischen der speziellen Psychiatrie, aber auch sie sind höchst an- 
fochtbarer Art. Entweder nämlich stammen sie aus einer willkür- 
lichen, subjektiv hypostasierten psychophysischcn,hirnpathologij*chen. 
biologisihen otler normativen Theorie, welche der betreffende Autor 
gerade für besonders wichtig hält, sind also dogmatisch und damit 

Krunfold. l>!<}>-hi«tri-<rh>' Krkenntai*. lU 



242 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

unwissenschaftlich. Oder, im günstigeren Falle, sind die Ordnungs- 
gesichtspunkte der Tatsachensammlung wahllose, unkritisch über- 
nommene, ungeordnet nebeneinander gereihte Maximen jener hete- 
rologischen Hilfsdisziplinen, die oben aufgezählt wurden. Ihre Funda- 
mente und Geltung werden ebenso vorausgesetzt, wie ihre Übertragung 
und Anwendung in der allgemeinen Psychiatrie selbstverständlich und 
problemfrei erscheint. Eine systematische Beziehung derselben in 
die Form einer Einheit findet nicht statt. 

Dies jedoch ist gerade die Aufgabe und das Problem für eine 
allgemeine Psychiatrie, welche als reine Wissenschaft auftreten will. 
Ein bloßes Sammeln aller möglichen heterogenen Tatsachen und 
Meinungen ohne inneres Gesetz und ohne tieferen Sinn, nach irgend- 
welchen zufälligen und ganz unbewiesenen Gesichtspunkten der Wahl 
— ein Repertorium solcher Art ist überflüssig. Es trägt der wissen- 
schaftlichen Aufgabe in keiner Weise Rechnung, welche der all- 
gemeinen Psychiatrie gesetzt ist. Die allgemeine Psychiatrie soll 
kein Repertorium sein, sie darf dies ruhig der speziellen überlassen. 
Sie müßte gerade zur Aufgabe haben, die oben angeschnittenen Fragen 
einer Klärung zuzuführen. In ihrer bisherigen Form bleibt die all- 
gemeine Psychiatrie genau so äußerlich und in ihrer Berechtigung als 
Wissenschaft unbewiesen, wie es die Repertorien der speziellen Psy- 
chiatrie sind. Die letztere hat nur wenigstens den praktisch ärzt- 
lichen Zweck zur Begründung ihres Verfahrens für sich; sie ist an- 
gewandte Wissenschaft: die allgemeine Psychiatrie soll strenge 
Wissenschaft sein^). 

Die allgemeine Psychiatrie, wie sie sein müßte und zu 
fordern ist, hat den wissenschaftlichen Charakter psy- 
chiatrischer Forschung darzutun, zu beschreiben, zu 
rechtfertigen, zu begründen und zu begrenzen. Nicht auf 
die systematisch sachliche Tatsachensammlung läuft sie 
hinaus, sondern auf die methodische und theoretische 
Sicherung einer solchen Tatsachensammlung als einer 
Ordnung und Wissenschaft, die dann in der speziellen 
und klinischen Psychiatrie ihre Anwendung und Bewäh- 
rung findet. Sie hat in diesem Sinne Logik und Theorie 
der Psychiatrie überhaupt zu sein und zu enthalten. 

Der theoretische Charakter der allgemeinen Psychiatrie. 

Wir haben gesagt, es sei die Aufgabe der allgemeinen Psychiatrie, 
die Logik und Theorie der Psychiatrie überhaupt zu begründen und 
zu entwickeln. 

Dieses Postulat gilt für jeden Fall, auch für den — logisch immer- 



1) Lediglich der geistvolle He 11p ach empfand die hier bestehende Aporie 
und suchte ihr in seiner Weise abzuhelfen. Vgl. Hellpach, Grundgedanken zur 
Wissenschaftslehre der Psychopathologie. I. Archiv f. d. ges. Psychologie. VII. 
S. 143—226. 



Der theorctiaclic Charakter der allgcineiuen l'Kychiatrie. 243 

lun dtMjkbtUfii — , duü oino Psychiatrie ul.s Wissenschaft sich al* iin- 
iiiöglidi, als imrealisierbar erweisen soihe. Ein solclier Nachweis 
könnte nnr auf CJrund der Ergebnisse der geforderten Untersuchungen 
über den Wissenschaftscliarakter der Psycliiatrie erbracht werden. 
Auch zu seiner Erbringung also werden derartige Untersuchungen 
bereits vorausgesetzt , 

Ebenso gilt unser Postulat auch dann, wenn zwar nicht der Wissen- 
schaftscharakter der Psychiatrie überhaupt, wohl aljcr ihre Möglich- 
keit als autüchthone Wissenschaft, als Wissenschaft eigenen Wesens, 
eigener Fundamente, Methodik und Struktur in Frage steht und zum 
Problem gemacht wird. Dieses Problem besteht de facto, und es 
besteht auch zu Recht. Ihm ist ein großer Teil der folgenden Unter- 
suchungen gewidmet. Es könnte nun dieses Problem verneinend 
entschieden werden; aber auch dann ist es notwendig, die Möglich- 
keiten, die Tragweite und die Grenzen der Anwendung anderer Wissen- 
schaften, ihrer Fundamente, Maximen und Metiioden in der Psy- 
chiatrie wissenschaftlich zu untersuchen und ihr gegenseitiges Ver- 
hältnis, ihre Ordnung und Rangordnung in der Einheit des psychia- 
trischen Materialgebietes logisch und theoretiscii darzutun. In 
diesem Sinne hat jede allgemeine Psychiatrie theoretische 
Psychiatrie zu sein — oder sie wird eine unwesentliche Zusammen- 
stellung von Tatsachen, deren wissenschaftliche Dignität und Be- 
deutsamkeit dogmatisch hingenommen, ungeklärt belassen oder 
heteronom begründet erscheint. 

Indem wir diese Aufgabe einer allgemeinen Psychiatrie als theo- 
retischer Psycliiatrie, als Klärung der Grundlagen und Möglichkeiten 
der Psychiatrie als Wissenschaft, behaupten, sind wir uns bewußt, 
daß die Mehrzahl der Psychiater selber eine derartige Aufgabestcllung 
so grundlegender Art mit erstauntem Mißtrauen, ja mit Widerstreben 
hinnehmen wird. Der Begriff des Theoretischen in der Psychiatrie 
ist mit einem gewissen Odium behaftet. Theoretische Untersuchungen 
gelten als unzeitgemäß, ja, als bedenkliche Verirrungen. Und das ist 
nach mancherlei schlechten Erfahrungen gerade in der Psychiatrie 
nicht frei von einer gewissen Berechtigung. Sogleich wird sich daher 
auch diesmal woiil der Einwand erheben, was wohl theoretische Er- 
örterungen zu bedeuten haben und nützen können gegenüber einer 
im äußersten Fortschritt Ijcgriffenen, mit allen Mitteln moderner 
Forschung arbeitenden praktischen Disziplin. War doch bisher 
psychiatrische Theorie meist nicht viel anderes als ein zweckloses 
Schwelgen in unerfreulichen Terminologien ohne Wert für den Fort- 
schritt dos Erkennons. Ja diese Theorien haben vielfach gerade den 
wahren Fortschritt der Psychiatrie — den ihr erst die Anwendung 
und der Ausbau naturwissenschaftlicher Verfahrensweisen gebracht 
haben, in der älteren Ära der psychiatrischen Forschung lange Jahr- 
zehnte hintangehalten, bis Griesinger als erster Psychiatrie auf die 
moderne praktisch-klinische Basis zu stellen vermochte. Vielleicht 
wird mancher Forscher in dem bloßen Versuch einer Wiedereinführiuig 

16» 



244 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

theoretischer Bestimmungen und Besinnungen in die Psychiatrie 
bereits ein erneutes Auftauchen des seit jener Ära erloschenen An- 
spruchs befürchten, den die Geisteswissenschaft mit Kanti) an die 
Seelenkrankheitskunde gestellt hatte und der sie nur in Irrweg und 
Gestrüpp festhielt, bis große Naturforscher sie mühsam befreiten. 

So ist vorauszusehen, daß die Mehrzahl der Forscher die hier ge- 
stellte Aufgabe einer allgemeinen Psychiatrie als theoretischer 
Grundlegung der Psychiatrie als Wissenschaft nur wie ein 
abseitiges Kuriosum betrachten wird. Sie wird zu ihren Mikroskopen 
und Meerschweinchen, zu ihren Ergostaten und rotierenden Trommeln, 
zu der erprobten klinischen Empirie der gerade beliebten Schule 
zurückkehren. Das läßt sich nicht ändern. Der Anspruch aber 
der Probleme selber aber bleibt bestehen; sie lassen sich 
nichts abdingen. 

Das Odium alles Theoretischen in unserer Wissenschaft erfordert 
von vornherein die Abwehr von Mißverständnissen gegenüber unserer 
Aufgabenstellung. Und so sei sogleich betont : die Aufgabe von Unter- 
suchungen zur allgemeinen Psychiatrie kann und soll es nicht sein, 
der Fülle dogmatischer Theorien des Psychischen oder des Psycho- 
tischen eine »bessere« oder »richtigere« hinzufügen. Den Unwert 
aller derartiger Theorien sollen und werden sie vielmehr klar erweisen. 
Ebenso beabsichtigen sie nicht, Psychiatrie als Naturwissenschaft 
und ihre verschiedenen so erfolgreichen Verfahrensweisen in ihrem 
Werte herabzusetzen, oder den Anspruch dieser Verfahrensweisen an 
die Bearbeitung psychiatrischer Probleme irgendwie, sei es grund- 
sätzlich oder im einzelnen, auch nur im mindesten einzuschränken 
oder anzuzweifeln. Aber allerdings gehen sie von der Überzeugung 
aus, daß die systemlose und unkritische Anwendung jener Methoden 
trotz aller durch sie erzielten Einzelergebnisse nicht genügt, um 
Psychiatrie aus dem Stande bloßen Wissens in den der 
Wissenschaft zu erheben. Und sie sehen in dieser Ordnung der 

1) Die berühmte Stelle (Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. 1799. 
S. 152ff.) ist übrigens nicht so radikal in dieser Hinsicht, als die medizinischen 
und psychiatrischen Zitatoren sie auffassen. Sie enthält sogar ein Gran attischen 
Salzes, das noch heute nicht taub geworden ist. Sie lautet in ihrem vollständigen 
Zusammenhang: »Wenn jemand vorsetzlich ein Unglück angerichtet hat und . . . 
ausgemacht werden muß, ob er damals verrückt gewesen sey oder nicht, so kann 
das Gericht ihn nicht an die medizinische, sondern müßte ihn an die philosophische 
Facultät verweisen. Dann die Frage: ob der Angeklagte bey seiner Tat im Besitz 
seines natürlichen Verstandes- und Beurteilungsvermögens gewesen sey, ist 
gänzlich psychologisch und, obgleich körperliche Verschrobenheit der Seelen- 
organen vielleicht wohl bisweilen die Ursache einer unnatürlichen Übertretung 
des (jedem Menschen beywohnenden) Pflichtgesetzes seyn möchte, so sind die 
Aerzte und Physiologen überhaupt doch noch nicht so weit, um das Maschinen- 
wesen im Menschen so tief einzusehen, daß sie die Anwandlung zu einer solchen 
Gräueltat daraus erklären, oder ... sie vorher sehen könnten . . . « Kant vermißt 
also die Erkenntnis der somatisch-pathogenetischen Basis psychischer Krank- 
heiten bei den Medizinern, und innerhalb der rein psychologischen Sphäre durch- 
schaut er klar das Metaphorische des Krankheitsbegriffes. So kommt er zu seiner 
Stellungnahme. 



Arguuu-iite für d. [iinki. .\uU.iii lin.uitl. Liilti.-jin.ii. i. d. ullg. i'.sy< luairi" . 240 

disjecta meinbni unseres W'isseii.s zu einer sy.ste ni:it ischen Kin- 
lieit, die ilire Kechtsgründo und ihren Aufbau in »ich 
aelber zu rechtfertigen vermag, einen wesentlichen Fortschritt 
dos Erkeiniens für unsere Wissenschaft nicht weniger als für alle 
Einzelwissenschaften. 

Hierin erblicken sie iiue Aufgabe, und diese ist metliodologischer, 
logischer und theoretischer Xatur. 

Argumente für den praktischen Nutzen theoretischer 
Untersuchungen in der allgemeinen Psychiatrie. 

Dem Zweifel an der Zweckmäßigkeit einer Untersuchung, wie sie 
hier in Angriff genommen wird, möchten wir noch weiter entgegen- 
kommen. Bevor wir die immanente Notwendigkeit der In- 
angriffnahme des uns gestellten Problemgebietes dartun und so den 
kritischen Zugang zu seiner Lösung erarbeiten, möchten wii; gerade 
den praktischen Zwcckgcsichtspunkt solcher Arbeit betonen. 
Kv ergibt sich zwanglos aus einem kurzen Rundblick ülx?r die gegen- 
wärtige Lage der psychiatrischen Forschung, so wie er an früherer 
»Stelle dieses Buches gegeben wurde ^); und die aus ihr hervorgehende, 
offen zutage liegende Zweckmäßigkeit eines solchen theoretischen 
l^instellungsversuches auf die in der Psychiatrie wesentlichen Fragen 
dient als vorläufige Argumentatio ad hominem für die 
Nützlichkeit dieses Unterfangens. Es wird hierzu kein Ge- 
sichtspunkt benötigt, der nicht in gewöhnlichen Tagesgesprächen der 
Psychiatrie immer wieder zutage träte. 

Da ist zunächst die nicht aus der Welt zu schaffende Tatsache, 
daß die gegenwärtig geübten Bearbeitungsweisen unseres Gebietes 
zurzeit nicht gerade von glänzenden Erfolgen gekrönt zu sein scheinen. 
Dies Urteil soll wahrhaftig nicht den gewaltigen Fortschritt ver- 
kleinern, den die Menschlichkeit und Fürsorge des Arztes in der Be- 
handlung und Pflege der Geisteskranken innerhalb woniger Gene- 
lationcn geschaffen hat, und den uns neuerdings Krn^'pelin-) wieder 
vor Augen gestellt hat. Noch weniger entspringt diese Meinung aus 
einem Mangel an Kenntnis oder Achtung des wissenschaftlichen 
Gebäudes, welches unsere großen Forschor aus den Bausteinen der 
Histopathologie und Lokalisationslehre, der Biologie, Serologie und 
Chemie, der Psychologie und des klinischen Erfahrungsreichtums 
zusammongemauert haben. Daß diese Bearbeitungsweisen der 
Psychiatrie notwendig und wesentlich zu eigen sind und die Träger 
und Grundmauern ihier bisherigen Erfolge, dies zu leugnen wäre 
verbohrt, es dankbar anzuerkennen und sich in praktischer Eigen- 
arbeit dieser Wege zu bedienen, ist selbstverständlich. Was aber 
das wissenschaftliche Ganze der Psychiatrie und den Fortschritt des 



>) Vgl.: Ein Rundblick übrr dt>n gegenwärtigen Stand iimv. S. i»7ff. 
2) Hundert Juhre Psychifttrio. 1918. 



246 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

Erkennens darin anbetrifft, so besteht in ihrem gegenwärtigen Stande 
ikein sichtbarer Ausweg vor der beklemmenden Tatsache, daß diese 
genannten Methoden sich allmählich in der Fülle ihrer Ergiebigkeit 
zu erschöpfen drohen, daß eine gewisse Sterilität der Forschung 
herannaht, die in einem oft schwer empfundenen Mißverhältnis zu 
der Fülle, der Mühseligkeit, dem Scharfsinn und der Selbstlosigkeit 
der geleisteten Arbeit steht. Und was bedenklicher ist — es ist nach 
Lage der Sache auf absehbare Zeit hierin keine wesentliche Änderung 
zu erwarten. Um zu einem solchen Schlüsse zu kommen, ist es freilich 
geboten, den Blick nur auf grundsätzliche Errungenschaften zu 
richten, sich aber nicht täuschen zu lassen durch die wohl zu er- 
wartenden Einzelergebnisse im Fluß befindlicher Forschungsweisen, 
welche grundlegend Neues, Weiterführendes nicht aus sich zu er- 
zeugen vermögen. Wie sich dieser Stand unseres erkenntnismäßigen 
Fortschreitens in unserer Disziplin ändern ließe, darüber sind uns nur 
unsichere Zukunftsvermutungen möglich. Immer liegen diese Aus- 
sichten gleichsam auf Nebenkriegsschauplätzen; immer wirken sie 
als äußere Ausflüsse fremder Disziplinen. Die Psychiatrie selber 
muß sich tatlos gedulden, bis vielleicht die physikalische Chemie 
und chemische Biologie der inneren Sekretion zii grundlegenden 
neueren Entwickelungen gelangt, die dann auch auf unsere Disziplin 
anwendbar wären. Kurzum fremde Hilfswissenschaften sind es, 
auf die wir zur Legung neuer Wege und zur Urbarmachung von 
Neuland hilflos angewiesen zu bleiben scheinen. Erst wenn sie dazu 
führen sollten, uns etwa die Befunde der Morphologie des Zentral- 
nervensystems biologisch oder physikalisch chemisch begreifen zu 
lassen, rücken auch wir wieder einen Schritt vorwärts. Von allem 
dem war schon an früherer Stelle ausführlich die Rede; und bereits 
dort hat es uns zu der Frage geführt : soll die Psychiatrie in tatloser 
Abhängigkeit auf diesen Tag warten, und bis dahin Kärrnerarbeit 
zu ihrem alleinigen Gegenstande machen? 

Wer diese Frage bejaht, für den besteht das Problem nicht, ob 
Psychiatrie als autologe Wissenschaft möglich und gefordert ist. 
Dies wäre nun an sich noch nicht unstatthaft ; denn eine dahin zielende 
Untersuchung könnte ja zu dem Ergebnis führen, daß die Möglichkeit 
der 'Psychiatrie als Sonderwissenschaft zu verneinen wäre. Ge- 
wöhnlich aber enthält die Bejahung unserer Frage noch etwas anderes, 
nämlich das Bekenntnis zu der Überzeugung, daß die einzige wissen- 
schaftliche Möglichkeit für die Psychiatrie von der Seite der phy- 
sischen Forschung her zu erwarten sei und sein dürfe. Nun wissen 
wir ja, daß die Sonderstellung der Psychiatrie, welche ihre Eigenart, 
ihre Schwierigkeiten und ihr wissenschaftliches Zurückbleiben hinter 
anderen Forschungsweisen bedingt, auf der Tatsache beruht, daß 
ihr physische und psychische Gegebenheiten gleichzeitig als 
Material und Ausgangspunkt dienen. Die Inkommensurabilität 
dieser beiden Gegebenheitsreihen scheint es mit prinzipieller Not- 
wendigkeit verhindern zu müssen, das Wissen von ihrem Neben- 



Abwehr d. AusdchließLchkeit somatolog. EmstcUung i. d. allg. l'Hjchiatric. 247 

einander und Mitc-iiinnder in die Form einer ülK-rgeordneton wisHen- 
8cliaftlichen Kinlu-it zu bringen, deren Inliulte exakt Ije.stiniinbar 
wären. Jedocli wenn wir auch das Verhältnis des P.sychi.sclien und 
Pliyaischen nicht zum Range exakt bestimmbarer Erkenntnis zu 
erheben vermögen, so folgt daraus noch nicht, daß nicht dennoch 
eine wissenschaftliche Disziplin systematisch einheitlicher Art möglich 
wäre, die beiden (Jegebenheitsreiiien in logisch adäquater Weise gleich 
gerecht zu werden vennöi-hte. Man hat hiernach nur nicht 
genügend gesucht. Man hat sich an das Greifbare gehalten aus 
Bequemlichkeit oder Resignation: und dies Greifbare, dessen Durch- 
führung den naheliegenden Erfolg verhieß, das methodisch und sach- 
lich leichter durchführbar war, bestand eben in der Bcarlxjitung der 
quantifizierbaren, extensiven, durch immer zu wiederholende Ver- 
anschaulichung kontrollierbaren pliysischen Gegebenheitsreihe. Na- 
türlich ist die somatologisclio Forschung in der Psychiatrie von un- 
geheurer Bedeutsamkeit. Maß und Tragweite dersellx-n bilden aber 
ein wissenschaftskritisches Problem. Für die praktische Arbeit 
braucht dieses Problem freilich nicht zu bestehen. Und selbst gegen 
die Ausschließlichkeit somatologischer Forschungsgesichtspunktc in 
der Psychiatrie wäre nichts einzuwenden, selbst wenn es sich um das 
wissenschaftliche Ganze der Psychiatrie und ilirer künftigen psycho- 
physischen Systemeinheit handelt — mag diese auch in ein unlicht - 
bares Dunkel gehüllt sein — wofern nur bei allen Forschern die klare 
Erkenntnis besteht, daß die somatologische Orientierung nur 
ein vorläufiger heuristischer Arbeitsgesichtspunkt wäre 
und nicht zum systematischen Dogma erstarrt. Jeder Er- 
folg spräche für Recht und Bedeutung dieses Arbeitsgesichtspunktes. 



Abwehr der Ausschlicßlichkeit somatologisclxer Einstel- 
lung in der allgemeinen Psychiatrie. 

a) Vom Standjpunkte der Psychologie aus. 

Dem ist aber nicht so. Für viele einflußreiche Forscher ist der 
fomatologische Gesichtspunkt in der Psychiatrie keine praktische 
Arbeitsmaxime, sondern eine unerschütterliche Grundülxjrzeugung*). 
»Schon die Einstellung auf diejenigen Disziplinen, von deren eigenen 
Fortschritten die Psychiatrie in ihrem künftigen Ausbau vorhin als 



*) E.s wird oft go.s»igt, dio.sor Staiuli>unkt soi »längst üborwundon «. Dem ist 
aber irrig. So bezeichnrt noch giinz lu-iiordingH .lu.st.schenko sein Roportoriun« 
binlogiseh-cheiniseher l'nt<Tsuehungfn in der l'syehiiitrie mit dem Titel: »Das 
Wesen «Irr (Icistrskrankheiten «, und sehreibt: »Der tJnindgedanke der Vor- 
lesungen ist dt-r, daß di-m Wesen der (JeisteMrkrankungen Stömngen des Stoff- 
weehsels. Krseheinungen der S«'lbstvergiftung und aiuiero Stünmgen der bio- 
chemis«^'hen l*n)zesse zugninde liegen« (Dn'S«len n. L<'ipzig 11)18). Sieht er denn 
nieht, daß, wenn sieh Dcrartigrs naehweis«'n läßt, die Probleme der Psychiatrie 
nicht gelost sind, sondern die Fragen nach dem Wesen der Goistesstörungfn en«-t 
in ihrer ganzen Schwere beginnen? 



248 Prolegomena zur c^Ugemeiiien Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

abhängig dargestellt wurde, schon diese Einstellung beweist das. 
Indes wäre dies nur ein Irrtum von Personen; und er brauchte die 
nützliche Arbeit nicht zii stören und zu hemmen. Schwieriger und 
bedenklicher ist aber das tatsächliche Hemmnis, welches der Ps}^- 
chiatrie als Ganzem aus ihrer Unterstellung unter somatologische 
Gesichtspunkte und Problemstellungen allmählich erwuchs. Miii- 
destens sollte man erwarten, daß die heterologische Kausalisieruug 
des Psychischen durch das Somatische — wenn dies das letzte Ziel 
somatologischer Ordnung in der Psychiatrie sein soll — erst in An- 
griff genommen werden darf und kann, Avenn das seelische Ge- 
schehen seinerseits so autologisch durchgearbeitet ist, 
daß es überall bis auf seine letzten, autologisch irreduziblen Eigen- 
charaktere zurückführbar geworden ist. Außerdem müssen alle 
Zusammenhänge, Koordinationen und Abhängigkeiten des zere- 
bralen Systems in ihrer morphologischen und funktionellen Eigen- 
gesetzlichkeit bekannt und systematisiert sein. Erst dann kann 
iuit wissenschaftlicher Sicherheit der Versuch gemacht werden, diese 
systematischen Erkenntnisse zu dominierenden zu machen und den 
psychischen überzuordnen. Was geschieht aber an Stelle dessen 
tatsächlich ? Man geht in einseitiger Weise, ohne sich um das psy- 
chische Material mehr als ganz oberflächlich zu kümmern, vom ana- 
tomischen Präparat aus; und zwar mit Vorliebe vom bequemen, zu 
groben Analogieschlüssen verlockenden, nivellierenden Markfaser- 
bild. Von der Forschung in diesen Gebieten bis zu der dadurch 
nahegelegten Übernahme von Konzeptionen aus der Physik, der 
Elektrizitätslehre, ist nur etwas Veranschaulichungsbedürfnis nötig. 
»Verbindung«, »Zentrum«, »Hemmung«, »Bahnen «und »Leitungen«, 
»Widerstand« usw.! Diese ursprünglich analogisch gebildeten Leit- 
vorstellungen werden im anatomisch physiologischen Erkennen bald 
als ernsthafte Realitäten bewertet; und zu deren weiterer Über- 
tragung auf das als abhängig gedachte Seelische ist nur ein kleiner 
Schritt. Seelisches verknüpft sich ja auch miteinander: warum sollen 
nicht die morphologischen Verknüpfungen auch die psychologischen 
darstellen? Letztere werden dann also anschaulich-morphologisch 
beschreibbar, und das Seelische selbst muß dann in dem »verbundenen « 
Hirnteilen, den Assoziationsfeldern »sitzen«. Die Lehre von der 
sensomotorischen Projektion und ihr Erfolg wird diesem Verfahren 
zur mächtigen Stütze. Es fehlt nur die Aufforderung, die verschiede- 
nen Zelltypen ordentlich auf das Psychische »in« ihnen durchzu- 
suchen! Natürlich wird diese Forderung nicht mit solcher Drastik 
ausgesprochen; tatsächlich aber wird selbst heute noch oftmals, mehr 
oder weniger naiv, nach ihrer Erfüllung gestrebt. Von allen Einzel- 
fehlern abgesehen hat dieses Verfahren einen grundsätzlichen Mangel: 
die Eigenstruktur psychischen Geschehens bleibt außer 
Spiel. Sein Ablaufen erfolgt nicht nach eigenem Gesetz, 
sondern als das zufällige Produkt einer vorgestellten 
physiologischen assoziativen Dynamik; es wird zu dem toten 



Abwehr d. Ausschlioßlichkfit somatolug. Einstellung i. d. allg. l*hy< iimiri<-. 24'J 

Mechanismus eines iiithl durch sich selbst Ixjdingten \acheinanders; 
damit wird der Reichtum seiner Inhalte, Formen und Strukturen 
völlig wesenlos und gleichgültig; zu seinem Verständnis genügt da» 
dieser Hirnphysiologio entlehnte roho Schema. Wobei diese Art von 
Hirnphysiologio nur vergißt, daß sie ihr P^igengesetz wiederum erst 
aus der Ix'liro vom Bau elektrischer Telefone entlehnt hat! Das 
Psychische besteht dann aus Klementarteilen, die man nach ihrer 
physiologisch angenommenen Topik ganz willkürlich herausabstrahieri 
und als gleich setzt. Und diese sind verbunden — nicht auf Grund ihres 
psychischen Soseins und Bedoutens, sondern auf Grund der dynami- 
schen Aktualität jener angeblichen hirnphysiologischen Verbindungen. 
Durcli diese allein entstehen die psychischen Inhalte und Gebilde. So 
wird das Seelische zum wesenlo.^ien Epij)hünonien ukateriellei Abläufe. 

Diese heterologische Vereinfachung des Seelischen ist aber 
keine Wissenschaft, sondern das Zerrbild einer solchen. 
Das psychische Problemgebiet wird nicht geklärt, sondern verge- 
waltigt, in dürre Schenuitismen hineingepreßt und besten Falles 
völlig unbestimmt gelassen. Dieser Vergewaltigung alx'r macht sich 
keineswegs nur der »rohe« und dogmatische Assoziationspsychologe 
schuldig. Auch wer als Tribut besserer eigener psychologischer 
Einsicht etwa den Apperzeptionsbegriff mit in sein Schema auf- 
nimmt, schließt nur ein Kompromiß, in der Hoffnung, auch dieser 
werde sich wohl noch physiologisch interpretieren und unterbringen 
lassen. Ja, ein Forscher wie Berze hat es jüngst sogar fertig ge- 
bracht, die Intentionalität, diesen Grundbegriff phänomenologischer 
Analyse des seelischen Geschehens, infolge davon, daß er diese Ana- 
lyse und diesen Begriff nicht völlig richtig verwertet hat, mit Hilfe 
von unbeabsichtigten Bedeutungsverschiebungen und Verwaschungen 
lokalisatorisch zu plazieren und mit dem alten Schema zu verbinden!*) 

Man würde das alles noch erträglich finden, wenn man damit 
nur weiter käme! Nun aber haben wir uns aber bei unserem früheren 
Rundblick davon ül:)erzeugen müssen, daß selbst mit dieser Fülle 
von gewissensbedrückenden Konzessionen an die Somatologie eine 
Periode der Stockung einzutreten droht, daß wir trotz konsequenter 
Durchfüiirung jener Leitideen am Gestade unbekannten Meeres zu 
verweilen gezwungen sind ohne ein weiterführendes Schiff. 

Fortsetzung der Argumentation. 
b) Vom St and ]) unkt der Klinik aus. 

Eine ähnliche Erwägung gegen die Ausschließlichkeit somato- 
logischer Forschungseinstellung läßt sich auch, noch bevor überhaupt 
theoretische und psychologische Fragestellungen entschieden sind, 

') Die Insuffizienz der j).«ychisehon Aktivität. U)\4. S. l^^9if. Wiliens-xtörungen 
eind danach »eine Hyiwfunktion des subkortikalen Tonu.xzentrums«; dort rt^iicrt 
eich »der Tonus der intentionalen Spbän*, der Bewußtseinstonus«. 



250 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

aus der klinischen Praxis heraus führen. Und es ist uns hier 
eine erfreuHche Stütze, daß diese Erwägung gerade in neuerer Zeit 
von Meistern der klinischen Forschung selber des öfteren angestellt 
worden ist. Keiner hat sie wohl geistvoller und zwingender und 
zugleich früher durchgeführt als vor einem Menschenalter Rieger i). 
Und wir können nichts besseres tun, als seine Ausführung einfach 
zu der unsrigen zu machen. Rieger spricht von abnormen Seelen- 
zuständen im allgemeinen und sagt : »Die Versuche, solche abnormen 
Zustände . . . physiologisch und streng naturwissenschaftlich durch 
ein Zurückgehen auf . . . Veränderungen im Gehirn zu erklären, 
sind wertlos und bisher stets mißlungen. Wollten wir z. B. die jeder 
direkten Stütze entbehrende theoretische Annahme machen, das 
Bedingende seien* hier Zirkulationsstörungen im Gehirn, etwa teil- 
weise Blutleere, so würde ixns das zur Förderung unseres Verständ- 
nisses der Symptome gar nicht helfen. Denn wir wissen nichts kon- 
stantes und zuverlässiges darüber, was die Anämie des Gehirns für 
psychologische Symptome hervorruft. Dürften wir uns . . . auf 
einen physiologischen Standpunkt stellen, so müßte der Satz auch 
umgekehrt werden und wir müßten die Behauptung vertreten können, 
daß, wie die und die Prozedur Anämie des Gehirns und damit die und 
die Symptome hervorruft, so nun auch eine aus ganz anderen Ursachen, 
etwa starkem Blutverluste, hervorgegangene Anämie des Hirnes die 
gleichen Symptome hervorruft. Hiervon kann aber nach irren- 
ärztlicher Erfahrung nicht im entferntesten die Rede sein. Wir 
können bei Betrachtung solcher Zustände uns nicht auf den Stand- 
punkt derjenigen Anschauung stellen, nach der wir zu begreifen 
suchen, wie aus sichtbaren Veränderungen im Hirn veränderte psy- 
chische Symptome hervorgehen müssen. Selbst diejenigen Geistes- 
krankheiten, in denen wir auf Grund reicher Erfahrungen den patho- 
logisch-anatomischen Standpunkt zum maßgebenden machen dürfen, 
gestatten uns durchaus keine befriedigende Einsicht in den Zusammen- 
hang desjenigen, was wir am Hirn der Leiche beobachten, mit den 
Symptomen, die der betreffende Kranke während des Lebens ge- 
boten hatte.« Rieger weist auf das Beispiel der Paralyse hin, bei 
welcher ein annähernd konstanter morphologischer Hirnbefund von 
den mannigfaltigsten psychischen Syndromen begleitet sein kann. 
Er fährt dann fort : »Während aufs Entschiedenste verlangt werden 
muß, daß dem anatomischen Standpunkt da stets Rechnung ge-, 
tragen wird, wo wir eine solide, erfahrungsgemäße und naturwissen- 
schaftliche Basis für ihn haben, so ist andererseits aufs entschiedenste 
dagegen Verwahrung einzulegen, daß man bloß auf ganz schwa- 
chen Analogien sinnlich wahrnehmbare Veränderungen 
da theoretisch postuliert, wo sie unsere Sinne uns noch 
nie gezeigt haben. Es ist absolut wertloses Gerede, wenn 
man glaubt, die Zustände mancher Verrückter dadurch klar zu 



1) Rieger, Der Hypnotismiis. 1881. S. 37— 48 ff. 



Abwehr d. Ausschlioßlichkeit ßomatolog. Einstellung i. tl. allg. PHychiatrie. 251 

machen, daß man ihre Hirnganglienzellen als verändert 
darzuHtellen versucht. Hiervon wissen wir nichts. Eh ist nicht 
nur deswegen, weil unsere Kenntnisse mancher feinerer Verände- 
rungen des Nervensystems noch nicht so entwickeU sind, als sie es 
noch werden könnton, sondern wir werden uns darüber end- 
lich klar werden müssen, daß ein sehr großer Teil aller 
Geisteskrankheiten auf Veränderungen rein funktioneller Natur 
beruht, die stets nur der psychologischen Analyse zugäng- 
lich sein werden. Aus diesem Grunde darf auch der heutzutage 
fast zum psychiatrischen Dogma erhobene .Satz: »Alle Geistes- 
krankheiten sind Hirnkrankheiten« — nur cum grano salis ver- 
standen werden. Er ist zwar insofern ganz richtig, als wir wissen, 
daß wir mit dem Hirn denken, und daß deshalb })ei einem pervers 
denkenden Menschen das Hirn nicht in Ordnung sein kann. Der 
Satz ist alx?r falsch, wenn man unter dem Worte »Krankheit« Ver- 
änderungen vorsteht, die sich früher oder später, je nach der Ent- 
wickelung miserer Untersuchungsmethoden, als unseren Sinnen zu- 
gängliche dokumentieren müßten. Diejenigen Kranken, die bei 
völliger Intaktheit ihrer übrigen Funktionen . . . durch ihre psychi- 
sche Störung nicht im mindesten eine Beeinträchtigung iluer Lelx'ns- 
dauer erfahren . . . sind nur in dem Sinne hirnkrank, daß die Ver- 
knüpfungen in ihrem Hirn abweichen von der Norm . . .« (Rieger 
versteht hierunter nicht etwa nur die Psychopathen, sondern, wie 
er ausdrücklich sagt, vor allem auch die chronisch Verrückten.) 
»Die Vorgänge an und für sich aber sind ganz die gleichen wie bei 
allen anderen.« . . . »An welche veränderten Bewegungsvorgänge 
im Hirn diese Veränderungen der psychischen Äußerungen geknüpft 
sind, davon wissen wir, wie schon gesagt, nichts. Hypothesen 
darüber zu ersinnen, hat keinen Wert. Nur soviel ist sicher, 
daß es nicht etwa andere Hirnteilo sein können, unter deren Ver- 
mittlung im normalen und abnormen Zustand gehandelt und ge- 
sprochen wird. Wem dieser Satz nicht unmittelbar aus den an- 
geführton Tatsachen evident ist, für den wäre auch jede weitere 
Beweisführung verloren. Da wir uns alles natürliche Geschehen 
bekanntlich nur luich dem Schema der Kausalität vorstellen können 
und diese Vorstellung schließlich in räumlich zeitlicher Ordnung 
auf den Begriff der Bewegung führt, .so können wir uns auch die 
Vorgänge im Hirn innerhalb der Schranken unseres Vorstollung^- 
vermögens in letzter Instanz immer nur als Bewegung denken. Diese 
Vorstellung hat Wert zur Erklärung nu\ncher Dinge, für Betrach- 
tung psychischer Vorgänge hilft sie uns sehr wenig. Ich 
bin keiu Freund vom Analogisicren organischer oder gar psychischer 
Dinge mit Saclien der l'hysik oder Chemie: einen Vergleich aber will 
ich doch hier anführen, den ich Unterredungen mit einem großen 
Naturforscher verdanke, und der, einfach und schlagend wie er ist. 
jedernu\nn sofort klar machen muß. um welchen Gegensatz es .sich 
bandelt. Wenn ein Stück Eisen magnetisch wird, woran erkennt mau 



252 Prolegomcna zur cxllgemeüieu Psychiatric als strenger Wissenschaft. 

dessen veränderten Zustand? An seinen Wirkungen. Was eigent- 
lich im Eisen vorgegangen ist, fällt keinem Physiker ein durch Mi- 
kroskop oder Reagens erkennen zu wollen. Dem Physiker kann es 
nur opportun erscheinen, sich wenigstens Hypothesen zu bilden 
über veränderte Molekularverhältnisse des Eisens, weil er es eben 
mit einem einfachen physikalischen Objekt zu tun hat. Sehr wenig 
Wert haben aber solche Hypothesen in Anwendung auf das mensch- 
liche Hirn, dem wir doch viel besser beikommen von innen heraus, 
da wir selbst gleichsam darinstecken. Und darin besteht 
ja wieder der größte Vorteil des Psychologen vor dem Phy- 
siker. Daß alle psychischen Vorgänge an materielle Veränderungen 
im Hirn geknüpft sind, das ist freilich deswegen selbstverständlich, 
weil wir nicht anders als in dieser ims naturnotwendig innewohnenden 
kausal-mechanischen Weise denken können, soweit wir uns einem 
Natur Vorgang gegenüberstellen. Nur können wir mit dieser ganz 
allgemeinen Vorstellung dem psychischen Geschehen gegenüber nichts 
anfangen, weil sie viel zu leer und inhaltlos ist. Und da wir uns 
zum Glück in einer viel besseren Situation befinden als 
der Physiker seinem Objekt gegenüber, weil uns die betreffenden 
Phänomene auch durch unsere innere subjektive Anschau- 
ung zugänlich sind, so ist jedes Wort, das auf Hypothesen jener 
Art verschwendet wird, ein Zeitverlust. Wenn man bedenkt, wie 
reich das psychische Leben in seiner Erscheinung ist, welch 
unerschöpfliche Fundgrube es der Betrachtung und Analyse bietet, 
so kommen einem die Versuche, gerade das Entlegenste, Allgemeinste 
und darum Inhaltärmste sich zum Zielpunkt zu nehmen, vor, wie 
etwa die Bestrebungen eines Menschen, der glaubte, die Betrachtung 
der Venus von Milo in besonderem Maße zu fördern durch eine Ana- 
lyse ihres Marmors, und wir können bei der Sixtinischen Madonna 
jenem Forscher bereitwillig einräumen, daß Raffael ohne Farben 
nicht hätte malen können. 

Damit glaube ich deutlich genug gesagt zu haben, was ich unter 
einer psychologischen Auffassung verstehe und wohin ich meine, 
daß diese passe, im Gegensatz zu einer physiologischen, die an ihren 
Platz gehört. Erstere ist für die Betrachtung psychischer Vorgänge 
nicht nur deshalb vorzuziehen, weil sie die reichere und fruchtbarere 
ist, sondern aus dem noph viel einfacheren Grunde, weil 
sie innerhalb der Schranken unserer menschlichen In- 
telligenz auch die einzig mögliche ist. Für denjenigen 
wenigstens, der vor bloß schematischen Vorstellungen und schab- 
lonenhaft konstruierten Möglichkeiten den gründlichen Abscheu 
hegt, ohne den der Sinn für Naturrealität nicht bestehen kann.« 

Und damit kehren wir zu dem eigentlichen Zweck unseres Rund- 
blicks als einer Argumentatio ad hominem zurück, von welchem wir 
ausgegangen waren. Wir wollten durch ihn die praktische Nütz- 
lichkeit theoretischer Überlegungen für den Fortschritt der Psy- 
chiatrie nahelegen, ehe wir die immanente Notwendigkeit wissen- 



Alnvfhr d. Aussrhiioßlichkeit soinatolog. Einstellung i. d. uilg. PMychiatrie. 2Ö3 

Schaft licluM- Tlicoretik als Orundlagc der Mögliclikcit einer allge- 
meinen Psychiatrie als Wissenschaft aufweisen. 

Wir fragen närnlicli jetzt, im H inMick auf diesen Zweck: Hollte 
unserer Forschung in der geschilderten Lage nicht der Aidaß zu 
einer kritischen Selbstbesinnung erwachsen ? Es wird von dioner 
Selbst besiiniung hier nicht mehr gefordert, als die vorläufige Be- 
freiung von einem Vorurteil, \icht dali der physiologische TJesichts- 
punkt in der psychiatrischen Methodik falsch sei, oder auch nur 
jemals in seinem F]rkliirungswert und seinen Arl)eitsansprüchen 
beschränkt werden dürfe, wird hier gefolgert; sondern nur: es dürfe 
nicht vergessen werden, dali seine restlose und ausschließliche Geltung 
das Verhältnis von Körperlichem und Seelischem als in allen Einzel- 
heiten beider Geschehensreihen erkenntnismäßig bestimmbar voraus- 
setzt, daß aber eben diese Voraussetzung ein Problem 
bildet. Die Alleinherrschaft des physischen Gesichtspunktes läßt 
außer acht, daß die Forschungsmaterialien der Psychiatrie aus zwei 
Reihen von Gegebenheiten bestehen; nämlich aus der physischen 
\ind aus der psychischen*) — unter letztere lassen sich auch 
die soziologischen, kriminologischen, und selbst normativen Ele- 
mente, welche in sie hineinragen, letzthin irgendwie subsumieren. 
Psychiatrie vermag schon hiernach niemals allein soma- 
tische Wissenschaft zu sein; so wenig wie sie allein Seelen - 
Wissenschaft zu sein vermag. Wir lassen die Frage vorläufig 
noch offen, ob und inwieweit das psychische Ausgangsmaterial 
in einer erkenntnismäßigea Bearbeitung Psychiatiie als Wissenschaft 
7Ai konstituieren oder auch nur zu fördern geeignet sei. Wir ]>e- 
haupten hier zunächst nur, daß auch diese Frage ein Problem 
enthält; und wir behaupten weiter, daß die Lösung dieses Problems, 
nämlich der Aufbau der Psychopathologie als Wissenschaft, den 
i'rimat wenigstens für den Beginn einer Grundlegung wissen- 
schaftlicher Psj'^chiatrie überhaupt zu beanspruchen hat. Mit dieser 

1) Isscrlin (Aschaffonburgs Handbuch. lOl.'J. A2. S. 111) meint ganz richtig, 
diese Feststellung allein genüge nicht zur Begründung der Forderung, der psychi- 
schen Reihe »:ils .solcher ein eindringlicheres Int<Tesse zu widmen«; es reiche 
niöglieherweise aus, »sie nur äußerlich als Handh.ibe zur Erfassung ganz anders- 
artiger Erseheinungsreihen zu benützen und auf eine Einsieht in ihre besonderen 
ihnen eigentümlichen Gesetzmäßigkeiten zu verzichten«. Aber wie will Isserlin 
diese »CJegenf rage « beantworten, ohne die Tragweite der Erkenntnismöglichkeit 
psychischer Daten auch im Hinblick darauf, eine solche »Handhabe« zu bieten, 
vorher theoretisch festgelegt zu haben? Die »Handhabe« soll offenbar der 
Klinik dienen, und da genügt ja auch Isserlin selber der »vorwissensrhaftliche« 
Charakter p.sychologi.seher Uearbeitungen zu diesem Zwecke nicht mehr. Sollte 
nicht die .Aufgabe, welibi- Isserlin selber sieh stellt, auch im Interesse der Klinik 
über diese Vorläufigkeit i)sychologi.s<her Erkenntnis liinauszukommen. durch die 
sehließlieh nicht von dem unbfirrte.sten Kliniker zu leugnende Tat.si\che ihn^ 
Reehtsgriinde »rhalten. daß wir eine Wissenschaft Psychiatrie wollen und 
brauchen, daß sonst all<s (Jeretie und (Jeschreibe ein müßiger S|x>rt bleibt? Solche 
Einwendungen, zumal wenn sie von einem so feinen I\velu>logen wie Isserlin 
ausgehen, können mit ihn-r sinnlosen Tendenz, den Anspruch psychologischer 
Erkenntnis zu beschränken, der Fonvhiing selber geradezu verhängnisvoll werden. 



254 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

Feststellung freilich wissen wir noch nicht, was für eine erkenntnis- 
mäßige Arbeit an dem psychischen Material möglich und gefordert ist, 
was für eine Psychopathologie zur wissenschaftlichen Aufgabe zu 
werden hat; wir wissen noch nichts über ihre Tragweite für die sozio- 
logischen und kriminologischen Anwendungen, wissen noch nichts über 
ihren Einfluß auf die Gestaltung somatologischer Forschung. Alles 
dies sind Grundfragen der allgemeinen Psychiatrie als 
Wissenschaft; sie müssen in einer solchen ihreBearbeitung 
finden. Hier folgern wir nur, daß eine solche Psychopathologie 
für den wissenschaftlichen Aufbau der Psychiatrie ein genau 
ebenso berechtigter Arbeitsgesichtspunkt ist, wie das für 
den phj'^sischen in seinen anatomischen und biologischen Anwendungen 
mit Erfolg anerkannt wird. Daß diese Behauptung trivial und nicht 
neu sei, kann aber gerade die bisherige Psychopathologie 
selber mit gutem Gewissen nicht von sich sagen. Wer den Stand 
der Dinge und der Arbeit genauer kennt, hat immer aufs Neue die 
enttäuschende Erfahrung machen müssen, daß bis auf vereinzelte 
Ausnahmen im Gebiete der Psychopathologie absolut nicht der 
strenge Maßstab der Wissenschaft, der exakten Beobachtung 
und eindeutigen begrifflichen und urteilsmäßigen Bearbeitung 
herrscht, welcher auf der anderen Seite, der somatologischen, selbst- 
verständliches Allgemeingut ist. Vielmehr liegt in der Psycho- 
pathologie, um es einmal scharf zu sagen, ein in jeder Weise will- 
kürliches, ungezwungenes oft anekdotisches Gerede vor, vielfach 
vermengt mit versteckten normativen Merkmalen, welche für die 
mangelnde Klarheit der Beschreibung einstehen müssen; es besteht 
ein breites Kennertum, das der Tiefe ermangelt; die Erfassung see- 
lischer Zusammenhänge schwankt bei den einzelnen Persönlich- 
keiten von vulgarisierender Trivialität bis zu literarisch aufgemachter 
ästhetisierender Phantastik, welche letztere in unsicherem Gleich- 
gewicht gehalten wird von den seelenlosen Schematismen hetero- 
logischer Herkunft aus physiologischen Gesichtspunkten. Das ist 
selbst bei den bedeutendsten gegenwärtigen Klinikern der Psychiatrie 
so. Man lese nur — um von anderen ganz zu schweigen — etwa 
Kraepelinsche Symptomatologieen et welcher klinischer »Krank- 
heitsformen«: Systemlose, redselige Breite, jeder präzisen begriff- 
lichen Scheidung und Vertiefung abhold, für »Anschaulichkeit« aus- 
gebend, was bloß ein bequemer Verzicht auf Denken ist. Wahr- 
haftig, die Aufgabe, Psychopathologie zur Grundlage eines Aufbaus 
der Psychiatrie als strenger Wissenschaft zu machen, ist noch weit 
von ihrer Lösung! Dies ist nicht Schuld eines einzelnen; ein Krae- 
pelin war berufen, andere Probleme in Angriff zu nehmen und dei' 
Lösung zuzuführen; es liegt im Stande unserer Wissenschaft über- 
haupt. Die wissenschaftliche Fundierung der Psycho- 
pathologie selber steht noch in Frage. 

Wir ersehen also bereits jetzt, noch bevor wir uns in irgendwelche 
Untersuchungen systematischer und begrifflicher Art begeben haben, 



Die allgcin. Ptsychiatrie als L^^gik uiid WiabcoöchaftölL-lire der l'.-ychiatrie. 255 

lediglich aus jenem Kiiiulblick über den .Stand der gegenwärtigen 
psychiatrischen Foisrhun^, dalJ eine theoretische Besinnung auch 
für das Fortschreiten dieser Forschung von größter Fruchtbarkeit 
werden niüUte, ■welche sich auf zwei grundlegende Probleme erstreckt. 
Nämlich erstens auf die grundsätzliche Frage, welche Stellung 
und welcher Erkenntniswert somatologischen Bestim- 
mungen im ganzen der Psychiatrie zukommt; und zweitens 
auf die Frage, ob und wieweit Psychopathologie als strenge 
systematische Wissenschaft sich ermöglichen läßt. 

Diese beiden Fragen sind nur Teilfragen des methodologischen 
Grundproblems der allgemeinen Psychiatrie, wie sie hier 
verstanden wird, überhaupt; des Problems: wie ist Pfjychiatrie 
als Wissenschaft möglich? 

Die allgemeine Psychiatric als Logik und Wissenschafts - 
lehre der Psychiatrie. 

Wenn wir nun diese Frage zum Ausgangsproblem einer allge- 
meinen Psychiatrie machen wollen, so haben wir ihre Berechtigung 
nicht, wie wir das bisher getan liaben, aus praktischen oder metho- 
dischen Schwierigkeiten in der Bearbeitung psychiatrischer Einzel- 
gebiete herzuleiten. Wir müssen vielmehr, da diese Frage das Ganze 
der Psychiatric ins Auge faßt, ihre Berechtigung darin erweisen, daß 
wir den Blick unbefangen auf psychiatrisches Denken und Handeln 
richten, so wie wir es tatsächlich vorfinden und ausüben. Und wir 
müssen utis angesichts dessen fragen: Ist dieses Denken und 
Handeln Wissenschaft? Kann es zur Wissenschaft werden? 
Ist es notwendig, daß es zur Wissenschaft wird? Und erst 
wenn wir uns über diese Vorfragen eine vorläufige Klarheit geschaffen 
haben, können wir uns weiter fragen: Wie kann es zur Wissen- 
schaft werden? Bis zu welchem Grade von synthetischer 
und systematischer Einheit kann diese Wissenschaft 
ausgebaut werden, welche Stellung nehmen die einzelnen 
Teile und Methoden der Bearbeitung zueinander und im 
ganzen dieser Wissenschaft logisch und theoretisch ein? 

Die Antwort auf diese Frage ist die erste Aufgabe der allgemeinen 
Psychiatrie, der Ausbau der so gewonnenen Wissenschaft ist ihre 
zweite. Die erste Aufgabe der allgemeinen Psychiatrie ließe sich 
vielleicht klar und zweckmäßig als Logik der Psychiatrie um- 
schreiben. Allein es ließ sich bereits in den wissensciiaftst beeret ischcn 
Studien zeigen, daß es sich hierbei nicht lediglich um formale Logik 
handelt, daß die Umgrenzung dieses Fragekreises eine weitere ist. 
Es handelt sich um einen Untorsuciiungsbereich, den wir nach dem 
Vorgang großer Denker auf anderen allgemeineren Erkennt nis- 
gebicten als Wissenschaftslehro bezeichnen möchten. Und zwar 
findet diese Wi.'^senachaftslehre Anwendung auf ein nicht leicht be- 
grenzbares und heterogenes Gegenstandsgobiet. welches wir eben- 



256 Prolegoniena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

falls erst noch l3egrifflich zu bestimmen und in seinem Einheits- 
charakter aufzuweisen und zu begrenzen haben werden. Man be- 
denke nur, was alles in diesem Gegenstandsgebiet an Fragen und 
Materialien für das forschende Erkennen zusammenkommt: Die 
Formen geistigen Siechtums und Reichtums, die Spielarten des Wahn- 
sinns, die Abartungen nervöser und seelischer Minderwertigkeit, das 
Verbrechen, die Verzerrungen der Charaktere, merkwürdige und noch 
unerklärte seelische Sonderfähigkeiten, Hellsehen vmd Genialität, 
Prophetie und Märtyrertum, die Erleuchtung des Apostolats und des 
schöpferischen Künstlers, die Extasen der Religiosität und ihre ver- 
zerrten Abwandlungen bei krankhaften Geisteszuständen, Krampf 
und Lähmung, Sprachtaubheit und Rindenblindheit; die Gehirn- 
schnitte und Blut Untersuchungen, die lokalisatorischen Tierversuche 
und die Kriminalstatistik, der Reaktionstaster, das Chronoskop, 
die Jugendfürsorge, die Psychologie der Massen und die Religions- 
wissenschaft . . . und des Aufzählens ist kein Ende! Welches ist 
das geistige Band, das alle diese Dinge verbindet, Avelches 
ist die übergeordnete Einheit, in die sie alle als Glieder 
einer Rangordnung eingehen? Tatsächlich ist hier alles noch 
dunkel. Und wenn es auch naheliegt, zu sagen, es seien die Vorgänge 
und Abläufe des geistigen Geschehens, und wenn auf diese Weise 
ein ursprünglicher Primat des Psychischen vor dem Phy- 
sischen im weitesten Sinne einleuchtend erscheint, wenigstens für 
den Anfang des Forschens und seiner Maximenbildung, so erheben 
sich doch sogleich weitere Fragen. Vor allem die Frage nach der 
Abgrenzung unseres Sondergebietes von dem der Psychologie. 
Warum ist neben dieser allgemeinen Psychologie noch eine Psycho- 
pathologie notwendig, und inwiefern spielt diese die Rolle einer selb- 
ständigen Wissenschaft? Wodurch unterscheidet sich prinzipiell 
und den Grinidlagen nach die Gegebenheitsfülle, die wir an fremden 
Ichen als Seelenkrankheitsmerkmale und -ausflüsse bezeichnen, von 
dem Gegenstandsgebiet der Psychologie ? Was ermöglicht die Unter- 
stellung eines einzelnen seelischen Ablaufs, was die einer seelischen 
Gesamtpersönlichkeit unter den ersten oder zweiten Bereich des Er- 
kennens? Wie verhalten sich beide Erkenntnisbereiche methodisch 
zueinander ? 

Ähnliche Fragen, in etwas anderer Formulierung, haben wir schon 
im Eingangskapitel unserer Untersuchung über die Wissenschafts - 
theorie des Psychischen aufgeworfen. Die Schwierigkeit ihrer Lösung 
liegt darin, daß ihre logische Stringenz nur verbürgt wird, wenn man 
sich völlig frei macht von allen Krankheitsbegriffen und Vorstellungen, 
welche man gleichsam von außen her an die Materie heranbringt. 
Man ist genötigt, sich ganz an den einzelnen Vollzug psychischen 
Geschehens zu halten, so wie er phänomenal gegeben ist. Die Kri- 
terien dafür, ob dieser einzelne psychische Vollzug dem einen oder 
dem anderen Weg der Erkenntnis zugehörig ist, müssen völlig in 
ihm selber liegen. Diesem Grundsatz entsprechend urteilt auch in 



Di.- üllgoiu. Pny.^hiatri'.' ah fx>gik und VVissenschaftslelire (Wr Psychiatrie. 257 

der Tat — zwar nicht die bislioiige Wissenschaft, wohl aber da« 
psychologische Verständnis gefühlshaftor Art, mit welchem der un- 
voreingenommene Mensch sich zu irgendeinem einzelnen psychi- 
schen Geschehen stellt. Nur vermag er das Kriterium nicht zu formu- 
lieren, nach welchem er urteilt. Es würde sich etwa so aussprechen 
lassen: Psyeluschos Geschehen muß, vom Ich des Erlebenden aus, 
dem einen oder dem anderen Erkenntnisgebiet unterstellt werden. 
Psychologie umfaßt Miejonigen Erlebnisse und Abläufe, welche 
diesem Ich gemäß sind, und durch irgendein psychologisches Selbst - 
orkenntnisvorfahrcn oinfüiilend und analogisierbar erfaßt zu werden 
vermögen. Der Psychiatrie bliebe die Erkenntnis derjenigen seeli- 
schen Pliänomone und Verknüpfungen vorbehalten, welche ihrem Sein 
und ihrem Sosein nach nicht »ichgemäß« in diesem genannten Sinne 
sind, sondern denen das Ich des Erlebenden als etwas Fremdem, 
außer ihm Stehendem, in ihm nicht VoUziohbarem gegenüber steht. 
Dies Kriterium ist nun aber weit davon entfernt, logisch und 
psychologisch einwandfrei formuliert zu sein. Es enthält in sich die 
Aufgabe für eine allgemeine Psychiatrie, ihm diese einwandfreie 
Prüfung zuteil werden zu lassen. Nun kommt noch hinzu, daß auch 
bei solchen Menschen, in welchen »ichfremde« Erlebnisse und Ab- 
läufe beobachtbar werden, diese Ichfremdheit keineswegs dem ganzen 
Ablauf anhaftet, sondei-n reduzierbar ist auf einzelne besondere 
Strukturen, welche herauszuarbeiten sind. An ihnen muß sich unser 
Kriterium allgemein ableiten lassen. Und ferner sind derartige ich- 
fremde Abläufe immer nur einzeln und eingebettet in den (Jesamt- 
atrom des psychischen Geschehens, welches sie durchsetzen, das aber 
trotz seiner engen Verflochtenheit und Wechselwirkung mit diesen 
ichfremdon Elementen an sich nicht ichfremd ist. Aus dieser Wech- 
selwirkung ergeben sich die »sekundären« Symptome des seeliscli 
Kranken; und eine genaue Abgrenzung des Ichzugehörigen, des 
originär Ichfremden und des Sekundären, sei es strukturell oder 
inhaltlich aus Beidem Verflochtenen, sei es endlich der »reaktiven 
Momente« auf ein ichfremdes Erleben») (bei denen wieder das Unter- 
problem entsteht, womit reagiert wird: mit ichzugehörigen oder 
ichfremden Erlebniswoisen) ist anscheinend unmöglich. Man darf 
auch nicht übersehen, daß, so sehr diese Trennung echtem psycho- 
logischen Verständnis entspricht, sie im Grunde unsere Frage doch 
nur auf ein methodisches Geleise verschiebt: Die Frage kehrt in der 
neaen Formulierung zurück, wo die Grenzen der Erlobensfähigkeit 
für ein Ich liegen, und welches somit die Kriterien dieser lohgemäß- 

lieit und ihres Gegenteils auf seelischem Gebiete sind. 

Aber man muß noch weiter fragen: Die Voraussetzung der Mög- 
lichkeit eines derartigen Kriteriums ist offenbar, daß das Ich dos 

Erlebenden berechtigt ist, Angelpunkt und normatives Kriterium 

*) Wir gebrauchon den Torminu.s »sekundär« hier wie Wornicko in soiaor 
Paranoialohrc, den Terminus »reaktiv« wie Bloul'"- 'n I'T Schir.ophreniedar- 
stellang. 

Kronfeld, P»vrhUtrUclio KrkcantnU. 17 



258 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

der Unterscheidung beider seelischen Klassen — derjenigen, welche 
psychologisch, und derjenigen, welche psychiatrisch subsumiert wird, 
zu setzen. Ist diese Voraussetzung begründet ? Hier liegen Probleme 
von ungeheuerlicher Tragweite und ungeahnten Schwierigkeiten! 
Wir werden diese Dinge, deren Problemnatur wir hier nur aufzeigen 
wollten, später im einzelnen verfolgen. — Dies sind nur einige wenige 
Beispiele für die vor jeder Abgrenzung unseres Gebiets zu lösenden 
Vorfragen; vorerst, vor jeder sicheren Umgrenzung, kennen wir das 
fragliche Gegenstandsgebiet nur seinem ungefähren Umfange nach 
aus der Praxis unserer seelenärztlichen Arbeit; seine Einzigartigkeit 
vermögen wir nur gefühlsmäßig zu vermuten; hilflos stehen wir vor 
seiner anscheinenden Unbegrenzbarkeit und wesenhaften Hetero- 
genität. Wenn ein Vergleich der oben genannten grundsätzlichen 
Ausgangsprobleme, welche wir einer allgemeinen Psychiatrie gestellt 
haben, mit einem anderen Gebiete geistiger Arbeit gestattet ist, so 
verhält sich die allgemeine Psychiatrie zur Psychiatrie überhaupt 
und ihrem Denken und Handeln etwa ebenso, wie sich Logik und 
Erkenntnislehre zur Philosophie verhält. Insofern weisen wir den 
perhorreszierten Gedanken nicht von uns, mit derartigen Unter- 
suchungen nicht nur eine Logik, sondern sogar eine Philo- 
sophie der Psychiatrie zu intendieren. Freilich verstehen wir 
unter Philosophie nicht irgendeinen dämonologischen Luftbau wie 
der alte Heinroth, noch sonst irgendein dem Inhalte nach mysti- 
sches Begriffsgespinst. Wir hoffen vielmehr durch die Tat zu be- 
weisen, daß wir überall in enger Beziehung zum festen Boden tat- 
sächlicher Gegebenheiten verbleiben und ihn nur formal und be- 
grifflich in eindeutigen Regressen in seiner ganzen Fülle vom Wesen 
' des Gesetzes und der systematischen Ganzheit umspannen lassen. 
Wir werden keineTheorie, sondern eine Theoretik der Psychiatrie 
zu geben haben, welche allererst den Grund der Möglichkeit sämt- 
licher formalen und begrifflichen Bestimmungen, sämtlicher Ge- 
setzesbildungen sichert, diese mit den nichtgegenständlichen Kri- 
terien des Richtigen und Falschen versieht und in ihrer gegenseitigen 
Ordnung abgrenzt. Wenn man den Begriff des Logischen über das 
formale Apriori hinaus ins Synthetische erweitern will, wenn man 
auch die formalen Grundlagen werttheoretischer Unterscheidungen 
und dynamischer Verknüpfungen zu ihm hinzunimmt, so hat man 
das Recht, diese Untersuchungen immerhin als Logik der Psy- 
chiatrie zu bezeichnen. Dann darf man sagen: Den ersten 
Hauptteil der allgemeinen Psychiatrie hat ihre Logik 
zu bilden. 

Indem wir diesen Sa.tz aufstellen, nehmen wir für die geforderte 
»Logik« oder »Philosophie« psychiatrischen Denkens nicht etwa 
einen besonderen modalischen Rang, eine besondere Geltuzigsbasis 
höherer Art in Anspruch. Wir konstruieren kein wissenschaftliches 
System a priori. Vielmehr stehen wir fest zu der seit Bacon und 
Kant über allen Zweifel hinausgehobenen methodologischen Er- 



Die allg»-ni. Psychiatrie alb Logik und Wissenschaftsieh n- fl'-r P.sychi»tne. 259 

kenutniß, die erst jüngst noch von Marty — bei (.'inein dem unseren 
gleichen Unternehmen im Gebiete der Sprachwis.senscbaft — so 
formuliert worden ist'): »Erfahrung und logische Keflexion haben 
zur (jieuüge gezeigt, daß die richtige Methode zur Erforschung der 
die Naturvorgänge beherrschenden (besetze die empirische ist. Ea 
kann daneben für uns niclit noch eine zweite, nicht empirische geben, 
die gleichfalls zum Ziel, ja zu ticferliegenden Resultaten führte. Wenn 
die empirische Methode die richtige ist, um zur Erkenntnis des Details 
der Erscheinungen und von diesem schrittweise zu den allgemeinen 
Gesetzen vorzudringen, so kann es daneben für uns nicht noch eine 
andere geben, die ebenso gut oder etwa gar noch besser zum selben 
Ziel führt.« 

Was bezweckt dann aber unsere Forderung einer Logik der Psy- 
chiatrie als einer neben der empirischen Einzelforschung einher- 
laufenden, diese regulierenden und systematisierenden Disziplin? 
Kann es zwei Wissenschaften vom gleichen Gegenstande geben? 
Wir folgen wiederum Marty: »Dem Einwand gegenüber, daß doch 
beide, wenn sie verschieden sein sollen, nicht vom selben Gegenstand 
nach derselben Methode handeln könnten, wäid man mit einer Ant- 
wort nicht in Verlegenheit sein. Denn vom selben Gegenstaud kann 
ja unter verschiedenen Gesichtspunkten gehandelt werden; ver- 
schiedene Wissensdisziplinen können verschiedene Teile und Seiten 
an ihm ins Auge fassen und einen verschiedenen Kreis von Fragen 
über ihn zur Lösung zu bringen suchen.« Und wenn wir das Wesen 
der hier geforderten forschenden Einstellung auf die Gegenstände 
der Psychiatrie mit einem Schlagwort bezeichnen wollen, welches 
ihren »philosophischen« Charakter ins Licht setzt, so wird es uns 
wiederum durch Marty nahegelegt: »Philosophisch sind die 
Untersuchungen des Psychologen und aller auf das Allgemeine 
und Gesetzmäßige gerichteten Forschungen, die sich auf jene stützen 
und an sie anlehnen müssen, derart, daß es im Interesse einer zweck- 
mäßigen Arbeitsteilung gefordert ist, sie mit den psychologischen in 
einer Hand zu vereinigen.« 

Lehnt man auch den mitklingenden psychologist ischen Stand- 
punkt unseres Führers weit ab, so sind dennoch die in dieser For- 
mulierung gegebenen Gesichts- und Grenzlinien für das Wesen einer 
allgemeinen Psychiatrie, so wie sie das folgende Unternehmen in 
Angriff nimmt, von maßgeblicher Geltung. Ja es ist nicht einmal 
möglich, sich eine allgemeine Psychiatrie als Wissenschaft vorzu- 
stellen, die nicht in diesem Sinne Martys eine philosophische 
Disziplin wäre. 

Hierüber wird weiter unten mehr und Ausführlicheres dargetan 
werden. So wird das Gespenst einer geisteswissenschaftlichen Dis- 
ziplin in der Psychiatrie, deren Schaffung im Anschluß an die von 



*) Untersuchungen zur Grundlegung der allgemeinen Oramraatik und Sprach- 
philosophie. S. 4 ff. Halle 1908. 



260 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

uns widerlegten Rickert sehen Gedankengänge ein Scheinleben zu 
fristen versucht, uns nicht schrecken: Auch die philosophische Dis- 
ziplin einer allgemeinen Psychiatrie ist Logik und Theorie der Natur - 
forschung; und soweit sie Psychologie ist, ist sie selber Natur- 
wissenschaft, ohne deshalb ihren »philosophischen« Anspruch im 
obigen Sinne aufzugeben. Vorerst handelt es sich uns aber noch nicht 
um das Wie dieser psychiatrischen Logik und Theoretik, sondern 
lediglich um ihren Anspruch auf Geltung und Bedeutung überhaupt. 

Die praktischen Aufgaben der Psychiatrie und der Nach- 
weis der immanenten Notwendigkeit ihres Wissenschafta- 

charakters. 

Wir kommen damit zur Aufweisung der immanenten Notwendig- 
keit der allgemeinen Psychiatrie als systematischer Wissenschaft. 
Und da müssen wir sogleich betonen, daß der direkte Nachweis 
dieser Notwendigkeit mit dem ihrer Möglichkeit zusammenfällt. 
Warum dies so ist, wird sicli im Gesamtverlauf dieses Werkes aus 
all seinen Einzeluntersuchungen ergeben. Ferner aber läßt es sich 
auf indirektem Wege, durch Ausschluß aller anderen Möglichkeiten, 
dartun, daß, wenn Psychiatrie als strenge Wissenschaft überhaupt 
möglich ist, auch die Notwendigkeit ihrer Verwirklichung gebieterisch 
besteht. Und dies folgt, wie wir schon sagten, aus einer unbefangenen 
Würdigung des psychiatrischen Denkens und Handelns in seiner 
Tatsächlichkeit . 

Man kann nämlich die Frage aufwerfen : Wozu derartige Rekurse 
auf systematische Wissenschaf 1 1 Ist nicht Psychiatrie ein prak- 
tisches Denken und Tun, und in der Praxis seiner Zwecke begrenzt 
und klar, gleichviel, ob dabei den Anforderungen und Kriterien des 
Wissenschaftlichen Genüge getan wird? Wir haben die Kranken 
vor uns und unserer Obhut anvertraut. Sie und ihr Leiden sollen 
wir verstehen und ihnen helfen. Ist es dafür nicht gleichgültig, zu 
wissen, in welchen Grenzen der Umfang des Begriffes ihrer Krankheit 
sich bewegt, welche Inhalte konstitutiv auf ihn bezogen werden 
können, und ähnliches mehr? Können wir überhaupt, um einen 
nur allzu beliebt gewordenen Gesichtspunkt Sim meischen und 
Bergsonschen Betrachtens hierher zu übertragen, den Kranken, 
diese lebendige Einheit der Persönlichkeit, in den Rahmen formaler 
Begriffe, Gesetze und Strukturen hineinzwängen, ohne das Lebens- 
volle, für ihn Spezifische, das funktionale Strömen in seiner Kon- 
tinuität, zu ertöten, ohne den Fluß des Werdens und Geschehens in 
ihm zur Erstarrung zu bringen? Können wir das lebendige Inein- 
ander durch begriffliche Formulierung und Auflösung in festen 
starren Schematismen uns wirklich klarer machen, als uns das durch 
jene Art von unbefangenem, praktischen, ganz auf das Individuelle 
gestelltem Versenken gelingt? Und selbst wenn wir es könnten: 
Wäre es nötig und gefordert, das zu tun? 



Üb«r die Reclo von <icr Psychiatrif al« KuiiBt. 261 

Wir scheiden hier dan in diesem Einwand mitcnthaltene Problem 
einer Wissenschaft vom Individuellen, siKJzicll einer Psychologie de« 
Individuüllon, ganz aus. Die Diskussion der Möglichkeit einer In- 
dividualpsychologio als Wissenschaft liegt Ijereits hinter uiih»); auch 
jene Gedankengänge Bergsons, Simmeis, der historiischen Psycho- 
logie, und inslicaondere der »Geisteswissenschaft« im Sinne Rickerts 
und Webers haben wir grundsätzlich abgetan. Der Aufbau der 
Individualpsychologie auf Gnnid jener wisscnschaftstheoretisclien 
Fundierungen lohnt aber erst, wenn die Notwendigkeit der Psychiatrie 
als Wissenschaft schon feststeht, und nur der Sondercharakter 
eben dieser Wissenschaft noch den Gegenstand des Fragens bildet. 
Mit dem oben gemachten Einwand aber ist gerade der Zweifel zu 
Worte gekommen, ob Psychiatric, insbesondere Psychopathologie, 
als Wissenschaft üborliaupt irgendeine wesentliche Bedeutung neben 
dem praktischen Denken und Tun des Psychiaters und für dasselbe 
beanspruchen könne. 

Über die Rede von der Psychiatrie als Kunst. Fortsetzung 

des Nachweises der immanenten Notwendigkeit ihres 

Wissenschaftscharakters. 

Es werdeJi damit Einwände laut, welche den Ausdruck des Staud- 
punktes bilden, Psychiatrie als Kunst der Menschenbehandlung 
lind als nichts weiter aufzufassen. Man ist von vielen Seiten und mit 
den verschiedensten Argumenten zu diesem Standpunkte gelaugt. 
Meist wTirdo aus der Möglichkeit und Notwendigkeit praktischen 
psychiatrischen Tuns einerseits, aus den anscheinend bis zur Un- 
möglichkeit gesteigerten Schwierigkeiten stichhaltiger theoreti.scher 
Fui\dierung dieses praktischen Tuns andererseits der Schluß gezogen: 
auf diese theoretische Fundierung komme es nicht an; eben jene 
Praxis stehe im Vordergrunde und könne sich für ihre Zwecke mit 
vorläufigen, in ihrer Richtigkeit durchaus anfechtbaren Arbeitn- 
hypothesen und Konventionen begnügen. .tVllcs käme auf den prak- 
tischen Erfolg an. Noch jüngst wurde das Argument gebraucht, 
Psychiatrie könne zur Wissenschaft nicht werden: für den Soelonarzt 
bestehe der wesentliche Ausgangspunkt all seines Handelns und 
Eingreifens, ja bereits all seines Verständnisses und Begreifens dessen, 
was in seinen Kranken vorgehe, in der subjektiven Fähigkeit, sich in 
dieselben seelisch zu versenken imd einzufühlen. Es gebe aber kein 
Kriterium objektiver Art dafür, ob da.s, was der Scelcuarzt mit sub- 
jektiven Mitteln in seine Kranken eingefülilt habe, ein Gebilde der 
Wirklichkeit sei oder nicht, richtig sei oder falsch. Dieses letztere 
Argument nun betrifft schon nicht mehr die Frage, ob Psychiatrie 
als Wissenschaft notwendig und gefordert sei; es geht lisüi^lich auf 
d.i'^ Problem ob Psychiatrie als Wi.srionseiiaft möglich sei oder 

') Vul. vori^t• Abhandl . Kap. VII und VIII. 



262 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

nicht. Und diese Frage ist einer theoretischen Untersuchung zu- 
gänglich. Sie kann durch eine Analyse und Kritik dessen, was sich 
bei den »Einfühlung« genannten Vorgängen abspielt, entschieden 
werden. Wir werden sie daher an der ihr in diesem Werk zukommen- 
den Stelle wieder aufzunehmen haben. Wir stehen vorerst noch bei 
der Vorfrage, ob derartige theoretische Untersuchungen über die 
Möglichkeit wissenschaftlicher Feststellungen in der Psychiatrie sich 
überhaupt verlohnen, d. h. für die Praxis wesentlich seien und sein 
könnten. So zweifellos es ist, daß, wenn theoretische Untersuchungen 
diese wissenschaftliche Möglichkeit der Psychiatrie verneinen würden, 
dann immer noch die Bedürfnisse der Praxis bestehen bleiben und 
sich in diesem Falle eben auf zweckmäßige Konventionen und Hypo- 
thesen zu beschränken haben würden, sobald die reine Subjektivität 
des künstlerischen Erfassens versagt, — so einleuchtend ist auf der 
anderen Seite, daß die Ablehnung der Möglichkeit wissenschaftlicher 
Psychiatrie erst erfolgen darf, wenn jene theoretische Untersuchung 
darüber endgültig verneinend entschieden ist. Dieses Argument 
darf also erst nach der Inangriffnahme dieser theoretischen Unter- 
suchung über die Möglichkeit der Psychiatrie als Wissenschaft ge- 
braucht werden, und dies auch nur dann, wenn diese Untersuchung 
erfolglos bleibt. Hiervon unberührt bleibt allerdings jenes andere 
Beweismittel, welches von der Praxis der Psychiatrie und ihren Be- 
dürfnissen ausgeht, und begriffliche Bestimmungsstücke nur insoweit 
für zulässig erklärt, als es diese Praxis unbedingt geboten erscheinen 
läßt, und nicht weiter. 

Nun ist in der Tat Psychiatrie als ausübendes Handeln wie als 
verstehendes Sichversenken in fremde Seelen etwas der künstlerischen 
Betätigung in gewisser Weise Nahestehendes. Ihre Betätigung ist 
in sehr viel höherem Grade an subjektive Faktoren der ärztlichen 
Persönlichkeit gebunden, als die Betätigung anderer, besonders 
theoretischer, wissenschaftlicher Disziplinen. Und dennoch muß hier, 
bei aller Bewunderung für das Ideal des rein auf seine erfassende und 
heilende Menschlichkeit gestellten Seelenarztes, betont werden, daß 
die bloße Bindung einer Betätigung an subjektive Persönlichkeits - 
faktoren nicht den künstlerischen, sondern höchstens den 
unwissenschaftlichen Charakter der psychiatrischen Praxis dar- 
tut. Das wesentliche Merkmal der künstlerischen Betätigung, die 
schöpferische Potenz, das Herausstellen objektiv wertvoller Gebilde 
aus reiner Intuition, fehlt der psychiatrischen Betätigung. Darüber 
sollte Berufsstolz, praktischer Erfolg und persönliche Eitelkeit nicht 
hinwegtäuschen. Psychiatrie als praktisches Handeln ist 
noch keine Kunst, bloß weil sie keine Wissenschaft ist; 
so wenig wie kaufmännische, banktechnische, wirtschaftspoli tische 
Betätigung etwa um deswillen eine Kunst sein^ müßte, weil sie er- 
folgreich ist. Insofern sie an besondere Fähigkeiten vmd Anlagen 
der Persönlichkeit des Ausübenden gebunden ist, die weder über- 
tragbar noch gar lehrbar sind, fordert sie von ihm eine geistige Artung 



über die Rede von der Psychiatrie aln Kunnt. 263 

von besonderem qualitativen Reichtum, besonderer Differenzierung 
und Bewußtheit; und setzt diese Eigenschaften in um so höheren Grade 
voraus, je erfolgreicher sie wird. Aber das ist in keinem der genannton 
geistigen Berufe anders. Das Wesentliche bleibt das freie und sub- 
jektive Spiel individueller Geistoskräfte, in ihrer Anwendung auf l>e- 
stimmte praktisch vorgesetzte Zwecke. Diese Zwecke aber, und die 
Mittel zu ihrer Verwirklichung müssen erkannt werden; es bedarf 
der Reflexion, um sie sich ins Bewuüts *in zu bringen. Und so schreitet 
bereits an dieser .Stelle jegliches praktisches Verfahren in der Psy- 
chiatrie über die Grenzen bloßer subjektiver Willkür \jnd Zufälligkeil 
ins Objektive hinüber. Wie liegen denn die Dinge? Zur Auffindung 
und zum CJcbrauch der Mittel, welche diese Zwecke verwirklichen 
sollen und können, haben sich im Laufe der Zeit Regeln heraus- 
gebildet. Diese Regeln sind aus persönlichen Einzelerfahrungen 
abgehoben, Verallgemeinerungen, welche jeweils auf die Verwirk- 
lichung der Zwecke, denen sie dienen sollen, zugeschnitten sind; sie 
sind lelirbar und Gemeingut. Das ist ebenso in allen jenen anderen 
praktisch-geistigen Berufen, welche wir vorhin zum Vergleich heran- 
gezogen haben. An sich kommt diesen Regeln außer ihrem kon- 
ventionellen und heuristischen Wert im Hinblick auf den jeweils 
vorgesetzten Zweck kein dauernder Bestand oder p]igenwert zu. 
Sie entsprechen dem, was in der Kunst die Regeln des »Handwerk- 
lichen«, die Gesetze des Materials und seiner Bearbeitung, sowie der 
Darstellungsmöglichkeit bedeuten. Für die Kunst besteht daneben, 
unabhängig von diesen konventionellen Regeln praktischer Art, noch 
das Gesetz der objektiven, ästhetischen Wert normen, welches für 
ihre Betätigung, wo nicht zur leitenden Maxime, so doch zum bc- 
Bchränkenden Kriterium des Künstlerischen an einer Leistung wird. 
Für die praktisch wissenschaftlichen Berufe, zu denen in erster Linie 
neben den technischen Fächern die Medizin gehört, schweben aber 
jene Regeln nicht zusammenhangslos und bedeutungsarm in der 
Luft; sie orientieren sich vielmehr an einem Grundstock systema- 
tischer wissenschaftlicher Feststellungen; und diese Feststellungen 
behalten wissenschaftlichen Rang und (ieltung auch \inabhängig von 
der Tatsache, daß sie praktisch angewendet und verwertet werden 
können. 

Die Frage ist nun, ob für die Psychiatrie eine derartige Orien- 
tierung der aus praktischen Bedürfnissen geborenen Regeln an einem 
wissenschaftlichen (Grundstock an sich gült iger Feststellungen 
faktisch ebenfalls besteht und unvermeidlich ist. Über das Wie 
dieser Orientierung wird hier noch nichts vorausgesetzt. Diese Frage 
Mtellon heißt sie bejahen, wenn anders Psychiatrie überhaupt alfi 
ein Teil ärztlichen Denkens und Tuns eingegliedert wird. Um die 
Absurdität des (Jegenteils klar einzusehen, braucht man lediglich 
zu bedenken, daß ohne diese Orientierung die Psychiatrie mit allen 
ihren Einzelheiten völlig blind und uneinsichtig fundiert wäre, daß 
sie völlig der Subjektivität des einzelnen ülK'rlassen l>liel>e. welcher 



264 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie ala strenger Wissenschaft. 

sie zufällig ausübt, daß sie nicht lehrbar wäre, daß es kein Kriterium 
des^Richtigen oder Falschen in ihr gäbe, daß jede Meinung neben der 
anderen zu gleichem Recht bestünde. Nichts unterschiede mehr den 
Scharlatan von dem Forscher; Fortschritt und Lehre wären ebenso 
vernichtet wie die Aussicht, unseren Kranken jemals wirklich helfen 
zu können. Psychiatrie bliebe eine Art mystischer Gabe einzelner 
Persönlichkeiten. Tatsächlich hat noch kein Psychiater, auch wenn 
er von der Bedeutung der Persönlichkeit des Seelenarztes für die 
Praxis der Berufsausübung noch so durchdrungen war, jemals diese 
Orientierung psychiatrischen Denkens und Tuns an den Normen 
und Kriterien der Wissenschaft — sei es welcher Disziplin immer — 
als unnütz von vornherein abgewiesen. Überall, wo Einsichten in 
Krankheitsabläufe oder Zustandsbilder gewonnen werden, wo soma- 
tologische Feststellungen getroffen werden, welche Anspruch auf 
eine mehr als zufällige Einzelgültigkeit in sich tragen, wird diese 
Orientierung an wissenschaftlichen Grundlagen irgendwelcher Art 
tatsächlich vollzogen. 

Auch historisch läßt sich der ungeheure Fortschritt nachweisen, 
welchen die Einnahme dieses Standpunktes in der Psychiatrie über 
die vor Griesingers Zeit herrschende »künstlerisch ((-intuitiv speku- 
lierende Willkür darstellte, welche die Formen, Inhalte, Zustände, 
Verläufe und selbst Wesenheiten geistiger Störung aus der Sünde, 
dem Dämonismus, der »gewucherten Leidenschaften« ursächKch her- 
zuleiten und zu bestimmen suchte. Wobei denn alles, selbst der 
Ursachenbegriff, in mystischem Nebel verschwamm. 

Damit fällt aber die Rede von der Psychiatrie als Kunst in sich 
zusammen; die Unumgänglichkeit und damit die immanente Not- 
wendigkeit ihrer wissenschaftlichen Orientierung ist de facto erwiesen. 
Die Frage bleibt hiernach vielmehr ausschließlich die: Wie weit soll 
diese Orientierung gehen, wie weit kann sie gehen? Hierbei ist zu- 
nächst das eine klar, daß sie weit über die Anlehnung der künstlerischen 
Betätigung an die objektive Norm des ästhetischen Gesetzes hinaus- 
geht. Die letztere liefert lediglich Kriterien des Künstlerischen an 
Schöpfungen. Der Psychiater aber verlangt von der Orientierung 
seines Handelns an der Wissenschaft positive Bestimmungsgründe 
für die Vorgänge in seinen Kranken, sowie für das Wie und Warum 
seines ärztlichen Handelns. Er verfährt dabei eben grundsätzlich 
nicht anders als der Arzt überhaupt. Nur ist es ihm bisher versagt, 
diese wissenschaftliche Anlehnung ebenso sicher und weitgehend 
durchzuführen, wie der körperliche Arzt. Die Gründe hierfür liegen 
sowohl in der geringeren Ausbildung der heuristischen Regeln psy- 
chiatrischer Praxis als auch in dem Ausbildungsstande der diese Regeln 
fundierenden wissenschaftlichen Geltung. Der Spielraum des Sub- 
jektiven ist nur die Tugend seiner Not, deren Ursprung in diesen 
Unzulänglichkeiten liegt. Aus ihm sollte also nicht mit gar so viel 
Stolz eine Sonderstellung psychiatrischer Betätigung wie etwas 
Rühmenswertes hergeleitet werden. Die Bezeichnung der Psychiatrie 



Einführung in dio Problematik des Wissenschaft sbcgriffce. 265 

als Kunst ist nur oino rocht durcliHichtigo Bcschwiclitigungsformel 
für das schlechte wissenschaftliche Gewissen. 

Mit diesen Ausführungen wäre das Ziel unseres indirclvlcn Argu- 
menticrens für dio immanente Notwendigkeit einer allgemeinen Psy- 
chiatrie als strenger systematischer Wissenschaft erreicht. Wir haben 
die Frage, ob Psychiatrie als Wissenschaft notwendig ist, entscheidend 
bejahen müssen unter dem Vorbehalte ihrer Möglichkeit. Wenn 
diese Möglichkeit besteht, so wird es zur gebieterischen Aufgabe für 
den wahren Fortschritt der Psychiatrie, sie zur Wirklichkeit werden 
zu lassen, gerade auch um der Praxis der Psychiatric und 
ihrer Arbeitsbedingungen willen. Es besteht die Aufgabe, 
jene an sich bedeutungslosen konventionellen Zweckregeln, jene vor- 
läufigen Surrogate wissenschaftlicher Feststellungen und Gesetze 
entweder durch ihre Verankerung an einem wissenschaftlichen Grund- 
stock an sich gültiger Feststellungen zu sichern und auszubauen, 
oder sie fallen zu lassen und durch solche Gesetze zu ersetzen, deren 
Auffindung schon ein an sich wertvoller und bleibender Geistes- 
gewinn wäre. Wenn dies geschehen ist, wenn die Sicherung und der 
Ausbau jener Konventionen der psychiatrischen Praxis zur System- 
einheit einer Gesetzeswissenschaft erfolgt ist, dann ist die Aufgabe 
der allgemeinen Psychiatrie gelöst. Erweist sie sich als unlösbar, 
so mag man dio getroffenen psychopathologischen und klinischen 
Konventionen provisorisch beibehalten — aber nur im Bewußtsein 
ihres Vorläufigkeitscharakters. Diese Alternative hängt gänz- 
lich ab von der wissenschaftlichen Möglichkeit der Psy- 
chiatrie. 

Diese wird damit zum Grundthema des ganzen vorliegenden Unter- 
nehmens und aller seiner logischen und theoretischen Untersuchungen. 
Sie ist das Verbindende, welches als leitende Maxime alle Erörterung 
der Einzelfragen beherrscht und stets, auch wo es nicht sichtbar ist, 
hinter ihnen steht. 



Einführung in die Problematik des Wissenschaftsbegriffes. 

Wie ist Psychiatrie als Wissenschaft möglich? In dieser Frage- 
stellung steckt nocli ein weiteres Problem: nämlich das Problem 
dessen, was unter Wissenschaft zu verstehen ist. Was meinen wir 
mit dem Bogriff Wissenschaft, wenn wir den Aufbau unserer Er- 
kenntnis vom Gegonstandsgebiet der Psychiatrie zu einer Wissen- 
schaft als Ziel ins Auge fassen? Dio Problematisierung des Wissen- 
schaftsbegriffes und alle hier anknüpfenden Untersuchungen haben 
iiire Lösung zu finden in jenen Disziplinen, welche wir als Erkenntnis- 
kritik, Logik und Wissonsehaftstheorie (Metaphysik) kennen. Die 
Ergebnisse dieser Disziplinen müssen für unseren Zweck übernommen 
werden; unsere Aufgabe ist es lediglich, diese Ergebnisse auf unser 
(Gegenstands bereich anzuwenden und sie hierfür fruchtbar zu 



266 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

machen!). Es überschreitet den Rahmen unserer Aufgabe und 
unserer Ansprüche, die Fragen des Begriffs und der Möglichkeit von 
Wissenschaft überha-upt hier zu erörtern und einer Lösung zu- 
zuführen. Nun ist es uns auf der anderen Seite wohl bekannt, daß 
auch in jenen Zweigen der Erkenntnis, denen diese Aufgabe besonders 
obliegt, keineswegs Übereinstimmung unter den Denkern herrscht. 
Nirgends vielmehr sind die Gegensätze der Meinungen, die Wider- 
sprüche in den geistigen Errungenschaften, die grundsätzlichen 
Zweifel und die methodischen Fehden heftiger als gerade im Gebiet 
der philosophischen und logischen Erkenntnislehre. Den Gründen, 
warum dies so ist, brauchen wir hier nicht nachzugehen; und noch 
weniger haben wir Anlaß, unsere Kompetenz zu überschreiten, indem 
wir uns als Mitstreiter in dieses Kampffeld hineinbegeben. 

Und doch können und dürfen wir ihm nicht völlig fern bleiben, 
wenn anders wir unsere Fragestellung, was wir unter Psychiatrie 
als Wissenschaft zu verstehen wünschen, zur notwendigen Klarheit 
zu erheben in der Lage sein wollen. Wir müssen uns vielmehr klar 
und eindeutig zu einem Standpunkt bekennen; müssen sagen, 
was uns Wissenschaft bedeutet — auf die Gefahr hin, daß diese Be- 
deutung seitens anderer philosophischer Schulen nicht anerkannt, 
sondern verworfen und befehdet wird. Handelt es sich doch hier 
gleichsam um den Mittelpunkt allen Strebens nach Erkenntnis, um 
den Punkt, an welchem das materiale Einzelerkennen und sein An- 
spruch eintritt in den größeren Kreis der Weltanschauung, welche 
dem Erkennenden zu eigen ist ; verknüpft sich doch hier der schlichte 
und sachliche Wissenschaftsgedanke mit den transgredienten Grund- 
lagen geistigen Strebens und geistiger Haltung überhaupt, mit den 
tiefsten Wurzeln der geistigen Persönlichkeit und ihres Welt- 
bildes. Erkenntnislehre wird hier zum Exponenten der gesamten 
philosophischen Auffassung, deren Tragik und deren Größe es aus- 
macht, daß sie nicht nur ein Erkennen, sondern auch ein Bekennen 
ist. Und so sehen wir uns in der Lage, gerade hier Partei ergreifen 
und einen Standpunkt einnehmen zu müssen, ohne ihn an dieser Stelle 
anders begründen zu können, als mit dem Hinweis auf die geistigen 
Führer, als deren Nachfahren wir ihn verfechten. 

Der erkenntniskritische Standpunkt, den wir unseren Auffassungen 
von Wissen und Wissenschaft, vom Erkenntnisvermögen, seinen 
Quellen und seinen Gültigkeitsgrundlagen im folgenden zugrunde 
legen, ist der des Kantischon transzendentalen Idealismus, 
wie ihn große Philosophen der folgenden Generation von anhaftenden 
Irrtümern gereinigt, strenger formuliert und systematisch ausgebaut 
haben. In erster Linie ist imser philosophischer Führer Jakob 
Friedrich Fries, dessen weiterführenden Ausbau Kantischer 
Erkenntnislehre in den letzten Jahrzehnten Nelson und die neue 



1) Vgl. hierzu und zum folgenden die gesamte vorhergehende Abhandlung 
»Über die wissenschaftstheoretiechen Grundlagen der Psychologie« usw., S. 113ff. 
dieses Buches. 



Einführung in dir Problematik dea W'itt«cn*jhuft«U,*griffc«. 267 

Friessche »Schule wieder ans Licht geholt und erneut haben. Eh 
ist kein Zeichen mangelnder Objektivität, wenn wir unnere Zugehörig- 
keit zu diesem philosophischen kStandj)unkt immer erneut betonen, 
und dementsprechend alle gerade in der Psychiatrie herrschenden 
Empirismen und mehr oder minder verschleierte »enorgotischo« Ma- 
terialismen ebenso abweisen wie jenen »kulturphilosophischen« 
eklektischen Transzendentalismus, welcher sich neuerdings in einigen 
Werken psychiatrischer Art einzunisten versucht hat. Klarstes und 
eindeutigstes Bekonnortum und Parteiergreifen ist vielmehr gerade 
ein Zeichen dos Strebons nach Objektivität, insofern man darunter 
Klarheit, Bestimmtheit und Einsinuigkeit versteht. Würden wir 
unsern kStand})unkt hinter vorschwimmenden Allgemeinbegriffen und 
historischen Abwägungen verschleiern, so würden wir eine Schein- 
objektivität vortäuschen, welche der Unklarheit alle Wege offen 
ließe und dennoch nicht objektiver wäre, als dieses Bekenntnis. 

Das schließt nicht aus, daß wir die Feststellung dessen, was 
wir im allgemeinsten Umriß unter Wissenschaft verstanden wissen 
wollen, möglichst befreit von allen vorweggenommenen Voraus- 
setzungen aus denjenigen Merkmalen des Wissens und der Wissen- 
schaft ableiten, über welche vor allem Streit der Meinungen ein 
consonsus omniura besteht. Alle Einzolproblomo der Erkenntnis- 
quellen wie der Methodonlehre finden ihre Lösung dann entweder 
innerhalb der Kant-Friesschcn Erkenntnislehre selber, von -wo sie 
hierher einfach übernommen werden, oder in besonderen Erörte- 
rungen an denjenigen Punkten der materialen Einzeluntersuchung, 
wo ihre Aufwerfung notwendig wird. In den folgenden kurzen Sätzen 
geben wir, ohne Hinweis auf die literaiischen Quellen, eine Zusam- 
menfassung der allgemeinsten Aussagen über den Charakter dea 
VVissens und der Wissenschaft, von dem Ausgangspunkte an, über 
welchen allgemeine Übereinstimmung herrscht, bis zu denjenigen 
Punkten, die uns zur vorläufigen Kennzeichnung unserer Absicht 
für dies vorliegende Unternehmen genügend erscheinen. Das Pole- 
mische in ihnen dient lediglich der Abwehr grundsätzlich anderer 
Möglichk(,Mten, ohne deren prinzipielle Grundlagen erschöpfend be- 
kämpfen zu wollen; es hat also nur den Zweck, unseren Standpunkt 
roiner hervortreten zu lassen. Leitgedanke ist \ins hierl)ei. daß 
gerade der Psycrhiater gut daran tut, einen sehr klaren Begriff vom 
Wesen seiner Wissenschaft und der in ihr erforderten Denkvollzüge 
an die Einzelforschung mitzubringen. Nur so kann das konventio- 
nelle, imbeglaubigtc und verschwommene Gerede, welches immer 
noch in ihr herrscht, zum Schweigen gebracht werden. 

Zum Begriff des Wissens.' 

Wishcn i.st eine Art der Erkenntnis, und zwar eine solche, 
welche dem reflektierenden Bewußtsein angehört. Jede begriff- 
liche Bearbeitung, welche von» Besonderen zum .\llgemeinen 



268 Pi'olegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissensohal't. 

führt, jede Verallgemeinerung von Anschauungen, Wahrneh- 
mungen und Beobachtungen, jedes Urteil über solche Wahrneh- 
mungen und Beobachtungen, jedes Vergleichen und Unterschei- 
den nennen wir Wissen. Die Bewußtseinsprozesse, durch welche die 
einzelnen Ergebnisse derartigen Wissens entstehen, sind in sich ver- 
schiedener Art. Gemeinsam ist ihnen allein ihr Anspruch auf 
G'eltung und tatsächliche Richtigkeit. 

So wie wir faktisch das Wissen über irgendein Gegenstandsgebiet, 
vorfinden, stehen seine Ergebnisse, die Erfahrungen, zunächst 
noch diskret und ungeordnet nebeneinander. Die Art, wie sie ge- 
macht werden, ist anfangs weder methodisch einheitlich noch in 
gleicher Weise gegen Irrtum gesichert. Auch die Kriterien ihrer 
Richtigkeit sind von Fall zu Fall andere. Es bedarf einer besonderen 
Untersuchung, um diese Ki-iterien und ihr Prinzip für jedes Wissen- 
schaftsgebiet erst besonders zu entwickeln, und ebenso unterliegt 
bei fortschreitendem Wissen die Berechtigung und die Anwend- 
barkeit der zu ihm führenden Methoden besonderen Rechtsnach- 
weisen. Ferner steht zunächst niemals fest, ob das Gegenstandsgebiet 
irgendeiner solchen denkenden Bearbeitung in seinem ganzen Umfang 
von ihr getroffen wurde oder nicht. Die besonderen Untersuchungen 
über alle diese Fragen gehören der Kritik an. Jedoch ist es tat- 
sächlich beim Erwerb dieses Wissens so, daß der Geist sich seine 
einzelnen Erkenntnisse als külmer Pionier im Reiclie der unbekannten 
chaotischen Gegenständlichkeit zuerst ohne alle Rücksicht auf der- 
artige Bedenken der Kritik schafft. Daher ist dieses sein Wissen 
über irgendwelche Gegenstände anfangs noch mit allen Irrtums - 
möglichkeiten des Subjektiven behaftet, ein ständiges Fließen, und 
ebenso leicht wie es auszubauen ist, auch wieder zu stürzen. Und 
doch hebt auf der Basis dieses Wissens der Begriff der Wissen- 
schaft sich allmählich stufenweise empor. 

Hier zeigt sich bereits der Spielraum und die Breite der Zone 
von Denk Vollzügen, deren Inbegriff wir »Wissen« nennen. Diese 
Zone, die von den ersten vorläufigen Unterscheidungen bis zum 
einheitlich festen System des Erkennens reicht, besteht auch für das 
Gegenstandsgebiet der Psychiatrie. Jede Bearbeitung der unab- 
sehbar strömenden Fülle unseres seelischen und physischen Materials, 
welche in ihm einzelne Punkte festlegt, herausgreift, welche irgend- 
wie Ordnung oder auch nur Orientierung in ihm sucht, trägt bereits 
den Charakter des Wissens und gehört in diese Zone, wie subjektiv 
und vorläufig sie im übrigen auch sei. Wenn wir auf einen bereits 
vorher geäußerten Einwand zurückgreifen, so geht aus diesen vor- 
läufigen ersten Konstatierungen schon hervor, daß das Wissen seinem 
eigentlichen Wesen nach, als denkende Verarbeitung, bereits immer 
ein Fixieren des Strömenden ist, ein Trennen der Kontinuität, ein 
Erstarren des lebendigen Geschehens, ein Festlegen und Ordnen 
der sonst unübersehbaren Mannigfaltigkeit. Es ist dem mensch- 
lichen Geist wesenhaft zu eigen, Geschehen nicht anders denkend 



Zviin Bügriff (\<--a WissoiiH. 2G9 

einlangon zu können als in solchen orstariondon, ordnenden ProzoHrfon. 
Und das ist ganz unabhängig von dem Gegonstandslxjreich, welche» 
dieser Bearl>oitung unterliegt, und gilt vom PäychiHchen genau so 
wie vom Physischen. Es geht also auch innerhalb der Psychologie 
dem ganz persönlichen Sichversonken hierin nicht anders, soweit 
sein Ergebnis auf Richtigkeit Anspruch erhebt, als es strenger, be- 
grifflicher Formulierung ergehen würde: Jeder Versuch der Er- 
fjissung von Seelischem, auch der des in freier Subjektivität sich in 
die Seele seiner Objekte Versenkenden, ist bereits ein solcher Ord- 
nungsprozeü, und darum gar nicht prinzipiell und methodisch von 
dem »ertötenden Wissend geschieden, vor welchem er so viel voraus- 
zuhaben vorgibt. Nicht erst das begriffliche Fortschreiten vom 
Individuellen zum Allgemeinen, sondern bereits das Festlegen 
des einzelnen biingt, in seinem Ordnuugscharakter, Schnitte durch 
die (ianzheit des seelischen Lebenskontinuums mit sich; so ist ea 
einem Erstarrungs- und Kristallisierungsvorgang vergleichbar. Jener 
Einwand, welcher vorher gegen die Psychiatrie als Wissenschaft ge- 
richtet war, erweist sich also schon bei oberflächlichem Zusehen als 
ein solcher gegen jede geistige Bearbeitung der psychologischen 
Materie überhaupt; wobei gleichgültig ist, ob diese Bearbeitung bis 
zur Wissenschaft fortschreitet, oder ob sie in den rudimentären An- 
fängen ungeordneten Einzelcrfahrens von vielleicht noch begriffloser 
Art stehen bleibt. Diese Erstarrung des Lebensstromes in Begriffen 
und Regeln ist immer unvermeidlich, wo der denkende Geist einem 
Gegenstands boreich gegonübertritt. Die genauen Gründe dafür 
liaben wir in unseren wissenschaftstheoretischen Grundlegungen ge- 
geben. Dem ist nun einmal so, und so ist nicht einzusehen, warum 
dieses unvermeidliche Verhalten gerade in der Psychologie mehr 
Schaden stiften sollte, als in irgendeiner anderen Disziplin. Jener 
Einwand ist wirklich nur ästhetischer und sentimentaler Natur, 
wenn er sich auch metaphysisch zu verkleiden liebt . Wert und Wesen 
des Wissens berührt er gar nicht. 

Warum aber verhält sich dies so? Warum ist Wissen zugleich 
uumer eine Entfremdung der immittelbaren Auffassung erlebter 
Gegenständlichkeil? Die Antwort hierauf gibt die jisychologische 
Erkenntnislehre. Ein jedes Gebiet von Gegenständen des Erfahrene 
ist uns zunächst in irgendeiner vor allen anderen Weisen des Be- 
wußtseins ausgezeichneten Weise unmittelbar gegenwärtig ge- 
geben, in einer Kontinuität, in der wir es als verflochten in eine 
räumliche Gesamtheit oder in ein zeilliches Geschehen erleben. Wir 
nennen die seelische Funktionsklasse, vermittels dessen uns die Gegen- 
stände in dieser Weise unmittelbar gegenwärtig gegeben sind, An- 
schauung. 

Alles Wissen von Gegenständen der Außenwelt und des Seelen- 
lebens ist nur eine allgemeingültige Wiederholung dieses ursprüng- 
lichen, anschaulichen Bewußtseins von jenen Gegenständen; d. h. 
ea gilt unabhängig von der Zufälligkeit ihres Erlebtwerdens und 



270 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

herausgelöst aus ihrer Zufallsbeziehung zu anderen Gegenständen 
der Erlebniskontinuität, in der sie gegeben waren. Es ist eine will- 
kürliche und mittelbare Wiederbewußtmachung. Diese vollzieht 
sich in der Sphäre des Denkens. Den Denk Vollzügen selber haftet 
nichts von den anschaulichen Charakteren mehr an, welche die un- 
mittelbare Gegebenheit gekennzeichnet hatten. Sie vollziehen sich 
durch Begriffe und Urteile. Durch welche psychischen Funk- 
tionen Begriffe sich bilden, und wie bei ihrer Bildung die anschau- 
lichen Momente zur allmählichen Ausschaltung gelangen, ist eine 
psychologische Sonderfrage der Erkenntnislehre, die uns hier nichts 
angeht; und ebenso ist das Problem der Bildung von Urteilen, 
ihrer Formen, Gültigkeiten und Grundlagen hier nebensächlich. Es 
genügt hier, daß die Eindeutigkeit und Herauslösung des Gewußter» 
eben nur um den Preis der Entanschaulichung erkauft werden kann. 

Wissen und Wissenschaft. 

Wissen nun, das den Anspruch auf Richtigkeit als Zug seines 
Wesens trägt, vollzieht sich niemals allein in Begriffen, sondern 
stets in Urteilen. Beides sind willkürliche Schöpfungen des Ver- 
standes ; der Begriff aber ist problematisch, eine denkend vollzogene 
Kombination von Merkmalen, in welcher kein Anspruch auf Existenz 
und Realität enthalten ist. Demgegenüber liegt es im Wesen des 
Urteils, einen Gegenstand oder Tatbestand zu beurteilen, eine Aus- 
sage darüber zu versichern, eine Beziehung vorzustellen und als 
gültig zu behaupten. Auch jede Verwerfung ist ihrem Wesen nach 
die Behauptung eines Geltens.i) Im Wesen eines Urteils liegt also 
der Anspruch auf die Richtigkeit dessen, was es aussagt. Und soweit 
ein Urteil sich auf Gegenstände und Tatbestände der Außenwelt und 
des Seelenlebens erstreckt, ist dieses Gelten, dessen Behauptung das 
Wesen eines Urteils ausmacht, fundiert durch jene unmittelbar 
gegenwärtige Anschauung des Gegenstandes oder Tatbestandes, von 
deren anschaulicher Gegebenheit das Urteil ein irgendwie abgeleitetes, 
reflektiertes Bewußtsein ist. Die Anschauung ist also der Grund der 
Geltung aller einzelnen Erfahrungen, wie sie sich in Urteilen des 
einzelnen Wissens niederschlägt; diese Urteile des Einzelwissens sind 
ja letztlich nichts anderes, als eine Wiederholung der angeschauten 
Wirklichkeit. Die Reflexion ist an sich leer, sie vermag Wissen aus 
sich heraus nicht zu erzeugen; sie vermag lediglich die einzelnen An- 
schauungen zusammenfassend und willkürlich ordnend wieder bewußt 
zu machen. Hierin aber kann sie auch irren; und das Kriterium hierfür 
ist immer die Anschauung, deren Abbild zu geben sie berufen ist. 



1) Ob die Bestimmung von Beziehungen als gültig in jedem Falle, wo sie 
im Urteil ausgesagt wird, logisch auf die Behauptung einer Existenz zurückgeführt 
werden muß, ob die synthetischen Urteile auf thetische reduziert werden müssen, 
wie Brentano will, bildet ein besonderes Problem. Vgl. hierzu meine Ausführungen 
im Arch. f. d. ges. Psychol. 29. Lit.-Ber. S. 5ff. 



WiBscn und Wissenschaft. 271 

Nun können Beziehungen von Dingen zueinander nicht angeschaut, 
sondern nur gedacht werden. Und wenn die Geltung derartiger Be- 
ziehungen als notwendig und allgemein gedacht wird, unabhängig von 
der vereinzelten Zufall.scxi.stenz des anschaulichen Material.s, an wel- 
cher sie jeweil.s erfaßbar werden, so beruht dies auf Grundformen 
denkender Erkenntnis überliaupt, welche der Form jeder möglichen 
Erkenntnis bestimmter Art zugrunde liegen. Diese Erkenntnisgrund- 
formen erscheinen in den logischen Urteilsformen; wir nennen sie 
mit Kant Kategorien. Wie sich diese kategorialen Formen der Er- 
kenntnis mit dem anschaulichen Schema ihrer bestimmten Anwend- 
barkeit auf die Erfahrung zu den logischen Urteilsformen verbinden, 
und wie hierdurcii denkende Bestimmungen gültiger Art an der An- 
schauungsmatcrie sich ermöglichen, diese Probleme haben uns — 
für das psychisciie Gebiet — bereits ausführlich in der VVissenschafts- 
theorie des Psychischen beschäftigt. Dort haben wir auch gezeigt, 
wie Realrelationen durch sie bestimmt erkannt werden. Und wir 
haben im Anscliluß daran den Gedanken der Theorie in ihren 
verschiedenen Formen entwickelt. Auf alles dies sei hier nur noch 
einmal verwiesen. 

Was dadurch erreicht wird, daß die Reflexion die anschaulichen 
Gegebenheiten in Begriffe bringt und beurteilt, das ist die Über- 
windung der zufälligen Zusammensetzung und Verknüpfung des 
reflexionell bearbeiteten Anschauungsmaterials, seine Befreiung vom 
Hie et Nunc seines Daseins. Es ermöglicht sich auf diese Weise eine 
Beschreibung des Tatsächlichen auf Grund seiner qualitativen 
Merkmale unter Absehung von dem ihnen Unwesentlichen. Es er- 
möglicht sich die Klassifikation des Beschriebenen unter allge- 
meineren Begriffen, welche durch Absehen von verschiedenartigen 
Merkmalen und Hervorhebung gleicher Züge an ähnlichen Gegen- 
ständen und Abläufen gebildet werden. Wir haben hier keinen 
Anlaß, die logischen Prozesse des Klassifiziercns irgendwie näher zu 
verfolgen. Ihr Endziel ist eine Systematik begrifflicher Ordnung, 
bei welcher die individuelle Mannigfaltigkeit in ihrem Einzclsein 
stufenweise eingeht in eine Rangordnung allgemeinerer und allge- 
meinster Klassenbegriffe und Abgrenzungen, vermitteb deren sie 
eindeutig inbezug auf ihre Stellung im Ganzen des Wissens bezeichnet 
werden kann. Die Beschreibung des einzelnen Gescln hens und Seins 
in irgendeinem (^regenstandsgebiet nacli seinen wesentlichen Eigen- 
arten, unter Absehen von seiner zufälligen Einzelverfloohtenheit, 
durch die Merkmale der Klassifikation wird so zu einem Gewinn 
wissenschaftlichen Durchdenkens. 

Aber jede Klassifikation bleibt an sich willkürlich und proble- 
matisch, wenn sie nicht an irgendwelchen Kriterien orientiert ist, 
die ihre Berechtigung (xler zum mindesten ihre besondere Zweck- 
mäßigkeit dartuu. Diese Kriterien nun können nicht aus den Be- 
griffen selber stammen; denn bei der Kontinuität des Mannigfaltigen 
und alles Anschaulichen ist das Herausheben von Einzelnem, das 



272 Pfologomona zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

Absehen von anderem Einzelnem ein Verfahren, das seinen Rschts- 
gruud nicht in sich selbst trägt. Der Gesichtspunkt, unter welchem 
dieser willkürliche Vollzug von Begriffsbildungen geschieht, muß 
vielmehr seinerseits in irgendeiner Grundlage Wurzel geschlagen 
haben, die außerhalb der Abstraktion selber liegt und diese erst 
über ein bloßes Spiel der Willkür und Problematik hinaushebt. 
Hierfür, für diese leitenden Gesichtspiunkte des Abstrahierens und der 
Klassifikation, kann es die mannigfachsten Motive und Zweckmäßig- 
keitsgründe geben. Klassifikation ist nie Selbstzweck, wissen- 
schaftlich bedeutsam wird sie, wenn ihr leitender Gesichtspunkt 
einem Rechtsgrund entspringt, der selber wieder durch das Wesen 
der Wissenschaft geboten ist. Und hiermit kommen wir zum Sinne 
der klassifikatorischen Ordnung. Der Sinn und Zweck der Begriffs- 
bildung, die an sich willkürlich und problematisch ist, ist das Urteil, 
welches bejaht und verwirft, Verknüpfungen als bestehend anerkennt 
und auffindet, welches gilt, welches Wahres aussagt. Dar Sinn und 
Zweck allgemeiner Begriffe ist das allgemeine Urteil, welches 
Regeln aufstellt, welches den Zufall durch die Notwendigkeit, das 
Chaos durch das Gesetz besiegt. Dar Sinn der Klassifikation in Be- 
griffen ist systematische Erkenntnis von Gesetzen der Not- 
wendigkeit des empirischen Geschehens, auf das sie sich beziehen. 

Das Ziel des Erkennens ist das Gesetz des Geschehens. 

Das Wesen des Gesetzes ist allgemeine und notwendige Geltung 
der in ihm ausgesagten Verknüpfungen des Geschehens. Für alle 
in empirischen Anschauungen gegebene Gegenständlichkeit voll- 
zieht sich die Auffindung von Gesetzen aus einzelnen Erfahrungs- 
urteilen im Wege des Induktion genannten Schlußverfahrens, 
dessen Geltung für alle Naturwissenschaft wir bereits vorausgesetzt 
haben. Dem Wesen der Induktion gehen wir hier nicht nach. Für 
die physische Gegenständlichkeit, welche in raumzeitlicher An- 
schauung gegeben ist, hieße ein solches Unterfangen Eulen nach 
Athen tragen, nachdem Baco, Locke, Hume, Kant, Whewell, 
Apelt, "iMill, Helmholtz, Boltzmann, Poincar6 und andere 
erlauchte Geister dieses Problemgebiet methodologisch geklärt haben. 
Für das Gebiet des Psychischen ist hier freilich noch viel zu tun; 
aber das wird an derjenigen Stelle dieses Buches nachzuholen ver- 
sucht werden, wo es erforderlich wird^). Hier verweisen wir aus- 
drücklich auf diesen Abschnitt. Vorerst genüge hier die Behauptung, 
daß die Induktion wie im Bereich des Physischen so auch in dem des 
Psychischen die Methode zur Auffindung von Gesetzen zu sein hat, 
und daß dies das Ziel wissenschaftlicher Bearbeitung der psychischen 
Reihe zu bilden hat: Beherrschung ihrer kontinuierlichen Mannig- 
faltigkeit durch die abstraktiven Ordnungsbegriffe der Klassi- 
fikation zum Zweck der Aufstellung von notwendig geltenden Ge- 
setzen des Psychischen im Wege der Induktion. Wir werden diese 



1) Vgl. S. 386 ff. dieses Buches. 



Der Wisacnac-hafUbfgriff dtr raychiatrie. 278 

iicluiuptung gegen mancherlei Einwände nocli zu recht fort igen halx*n 
niid ihre positive Begründung im Laufe des Buche« nicht schuldig 
bleiben. Hier lx)kennen wir uns, unserem Vorwatz getreu, einfach 
zu ilir. 

Das Wesen der Wissenschaft liegt also für uns in d(>i P^rkenntni« 
notwendiger Gesetze. Diese Erkenntnis ist da.s Ziel aller Tatsachen- 
beschreibung. Ihre Methode, die Abstraktion, erfolgt unter dem 
Zweckgesichtspunkt der Ermöglichung von Induktion. Vermittels 
der Abstraktion beschreiben wir, vermittels der Induktion er- 
klaren wir die Tatsachen und Zusammenhänge. Beides macht 
uns das Wesen des Wissens aus. 



Der Wissenschaftsbegriff der Psychiatrie. 

Wissenschaft ist nichts anderes als der Inbegriff der voll- 
endeten systematischen Einheit allen Einzelwis.-^ens über ein 
Gegenstandsgcbiet. Die Ergebnisse dieses Einzelwissens sollen sich 
in der Wissenschaft neben- und untereinander, je nach dem Umfang 
und der Tragweite ihres Gegenstandsgebiets, ordnen; so sollen Regeln 
und Gesetze klarer heraustreten, ihren Geltungsbereich deutlicher 
erkennen lassen und ihr gegenseitiges logisches und reales Verhältnis 
bestimmbar machen. Und dieser Prozeß der geistigen Durchbildung 
und Bearbeitung alles Gewußten auf irgendeinem Gebiet soll zu 
einem logischen Aufbau eindeutiger Art führen, in welchem jedes 
Wissen wie in einem ungeheuren Rahmen Ort und Stelle findet, die 
niclit vom Zufall, sondern vom Verhältnis des Teilwissens zum Ganzen 
bestimmt wird. Dieser Aufbau führt von der Basis des einzelnen 
Tatsachenwissens in der Einheit eines Systems bis zu der Spitze all- 
gemeinster Geltungen. Unter diese ordnen sich, nach der Tragweite 
ihres Gegenstandsgebiets und nach ihrem logischen Rang, die Grund- 
gesetze, und von diesen hängen ebenfalls wieder in eindeutiger Weii^e 
engere Gesetze und Regeln ab, und so fort bis zur Basis des Einzel- 
wissens hinunter. Diese Darstellung soll nur eine unbegriffliche, 
gleichsam bildhafte Idee dessen geben, was das Wesen der Wissen- 
schaft ausmacht. Mehr braucht an dieser Stelle hierüber nicht ge- 
sagt zu werden. So viel ist schon hieraus klar, daß, wenn es ein eigene!? 
System gibt, aus diesem in vielfacher Hinsicht Gewinn und Sicher- 
heit für den Fortsehritt des Wissens gezogen werden kaiui. Es wird 
aus ilim herleitbar sein, was gewußt werden kann. Tragweite und 
(Jeltungsbereich gewonnener Erkenntnisse werden durch Einordnunu 
in da.s genannte Gebäude durchsichtiger erkennbar. Irrtümer und 
Vorläufigkeiten werden deutlich und lassen sich l)ezeichnen. Und es 
werden Kriterien gewonnen, um den Erk«nntnisanspruch neuer Fest- 
stellungen und ihre Irrtumsmögliehkeiten leichter zu erfassen. Letzto- 
res gilt besonders von solchen noch problematischen Erkennt nis,«5en, 
welche allgemeiiu»rer Natur sind, z. B. von theoretischer Konstruk- 
tion, und von Hypothesen. E« zeigen sich Wege, auf denen die 

Kronfeld, PsychUtrUchc Erkcoutal« 18 



274 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

Forschung weiter schreiten, auf denen sie neue Erkenntnisse den 
alten eingliedern kann. Dies kommt dadurch zustande, daß das 
systematische Ordnungsbedürfnis, in seiner logischen Bestimmtheit 
durch den bereits vorhandenen Rahmen des Systems, zur leitenden 
Maxime weiterer Forschung wird, daß aus ihm Arbeitsgesichts- 
punkte und Hilfshypothesen abgefolgert werden. Endlich er- 
gaben sich aus der systematischen Ordnung überhaupt die Gesichts- 
punkte für die notwendige und weiterführende Verarbeitung noch 
ungeordneter Wissensmaterialien : Es bilden sich nämlich an der Hand 
dieser leitenden Maximen neue Methoden aus, die nicht nur dem 
Gregenstandsbereich, das in Frage steht, sondern auch dem Bedürfnis 
dieses wissenschaftlichen Einbezogenwerdens in das systematische 
Ganze angemessen sind. 

Überblicken wir diese Vorstellung von Wissenschaft, so wird uns 
auch klar, auf welche Weise jene früher erwähnten heuristisch-prak- 
tischen Regeln und Zweckgesichtspunkte beginnender denkender 
Bearbeitung, wie sie das systemlo e Wissen und die Konvenienz auf 
ihr Gegenstandsbereich anwendet, durch die vom System der Wissen» 
Schaft her gewonnenen Leitmaximen des Denkens ihre formale Ord- 
nung und Rangbestimmung, ihre Sicherung und Bewährung zu emp- 
fangen vermögen, — kurz, wie es möglich wird, aus diesen Konven- 
tionen bleibendes wissenschaftliches Gut von eigenem Werte zu 
schaffen. Zugleich wird klar — und das ist uns höchst wichtig — , 
wie andererseits die bloße Idee wissenschaftlicher Systematik zu 
einem Wertkriterium jener praktischen Konventionen und Regeln 
zu werden vermag. 

Wenden wir diese Vorstellung von Wissenschaft — ohne vorerst 
weitere Klärung im einzelnen notwendig zu haben — auf unser Gegen- 
standsbereich, die Psychiatrie, an, so ergibt sich als grundlegender 
Inhalt unserer Aufgabe: Psychiatrie als Wissenschaft erfordert die 
Beschreibung und Erklärung der Tatsachen des psychiatrischen 
Gegenstandsgebiets im Rahmen einer systematischen Einheit. Die 
allgemeine Psychiatrie hat die Möglichkeit der Lösung 
dieser Aufgabe kritisch zu untersuchen, die Grundlagen 
der systematischen Einheit, soweit eine solche hier mög- 
lich wird, hinsichtlich ihrer gegenständlichen und ihrer 
nichtgegenständlichen, formalen Voraussetzungen zu prü- 
fen und die Methoden zu ihrer Aufstellung festzustellen 
und zu begründen. 

Einige Schwierigkeiten der Anwendung des Wissenschafts - 
begriffes auf die psychiatrische Materie. 

Mit dieser Feststellung haben wir zwar unsere Aufgabe bezeichnet, 
wie sie uns in ungeheurer Tragweite als Vorwurf einer allgemeinen 
Psychiatrie vorschwebt. Allein, gestehen wir es uns ruhig ein; Mit 
der bloßen Konzeption dieser Aufgabe allein ist noch nichts gewonnen . 



Einige SohwierigkeiU'ti der Aitweiuiung des WiMt-niichaf t*f ^j • " 275 

Hinter derselben steht wie ein großes Fragezeichen das Problem der 
Mittel, mit wtlclien vh diene Aufgabe zu bewältigen gilt. Niclit« wäre 
verfeiilter und mehr wider den eigentlichen Sinn und Ik-griff von 
WiflflenHchaft gerichtet, als nunmehr alle Materialien, Inventionen 
und Ergebnisse des Einzelwissens unter Vergewaltigung und V'cr- 
biegung ihres ursprüngliclien Adäquat heitscharakters gewaltsam in 
den llahmen eines Systems zwingen zu wollen, bloß deshalb, weil die 
Idee der systematischen Einheit als Leitstern über aller wissenschaft- 
lichen Forschung schwebt. Was Ix'i einem derartigen Unterfangen 
herauskommt, das zeigen uns im Gebiete der Psychiatrie gerade die 
früher erwähnten somatologischen Systembildungen, welche einen 
Teil der für die Psychiatrie zum Ausgangspunkt dienenden Gegeben- 
heiten, nämlich die psychische Reihe, mit völlig unangemessenen 
Erkenntnismitteln gewaltsam unter somatologische Systembegriffe 
und Maximen zu pressen unternahmen und so zum Verdorren brach- 
ten, welche anstatt wirklicher und leicht gewinnbarer Erkenntnis 
auf diesem Gebiet nur das Zerrbild einer solchen zu produzieren ver- 
mochten. Abgeschlossene systematische Einheit der Erkenntnis 
kann nur in natürlicher Entfaltung aus den Erkenntnisdaten und 
Erkenntaismitteln adäquat und organisch herauswachsen, nie kann 
sie ihnen von außen her aufgezwungen werden. Und so bleibt die 
Möglichkeit der Anwendung unseres Wissenschaftsgedankens auf die 
psychiatrische Materie nach wie vor eine dunkle Frage, deren Lös- 
barkeit abhängt und bedingt ist von den eben genannten beiden 
Faktoren: den Erkenntnisdaten und den Erkenntnismitteln. 
Was die letzteren anlangt, so haben wir bis jetzt nur für die Psycho- 
logie im allgemeinen und ohne Rücksicht auf spezielle psychiatrische 
Ziele unser wissenschaftstheoretisches und logisches Arsenal prüfen 
können. Und bei genauerer Prüfung ergibt sich da, daß auch die 
Erkenntnismittel in ihrer Angemessenheit an die Erkenntnisdaten 
noch einer großen Reihe von Schwierigkeiten und Zweifehl unter- 
liegen. Diese ist freilich ihrerseits nicht logischer, sondern mate- 
rialer Art, soweit es sich um die physischen Gegebenheiten handelt. 
Pur die physischen Gegebenheiten ist die Logik der Erkenntnis - 
Vollzüge bis zum Aufbau einheitlicher Wissenschaft klar und ein- 
deutig gelöst. Kritik der Erkenntnismittel, Methodenkritik ist 
hier immer sachlich bedingt, aber auch sachlich geboten. Für diese 
kann die allgemeine Psychiatrie sich an bewährte Vorbilder halten. 
Die Methodenkritik der allgemeinen Psychiatrie, soweit sie an die 
Verarl)eitung der pliysischen Reihe anknüpft, ist Einzelarbeit unter 
tl«'n (Jesichtspunkten, die für alle pliysi.sche Naturwissenschaft all- 
genu'inliin gelten. Wir haben hitr, boi der Aufzeichnung des vor- 
läufigen Grundrisses zu einem Bauplan, grundsätzliche Schwierig- 
keiten nicht zu Ix'fürchten. Ganz anders wird dies, sobald wir der 
psychischen R^'ihe gedenken. Und die Schwierigkeiten häufen sich 
in dem Augenblick, wo wir uns bt>wußt werden, daß srlbst nach 
einer Lösung systematischer Möglichkeiten für die psychische Reihe 

18* 



276 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wisaenachaft. 

der Erkenntnismaterialien unserer Wissenschaft das Restproblem 
bestellen bleibt, die Ergebnisse beider Reihen, der physischen 
und der psychischen, in ihrer ungeheuren wesenhaften Gegen- 
sätzlichkeit nebeneinander zu stellen und die Erkenntnis jeder 
dieser beiden Reihen in der Form einer gemeinsamen Dis- 
ziplin vereinheitlicht zum System zu erheben. Dies scheint 
eine Aufgabe zu sein von solcher Schwierigkeit, daß dem mensch- 
lichen Geist ihre Lösung überhaupt nicht beschieden wird. Was 
man bisher unter Psychophysik zu verstehen pflegte, dieses selt- 
same Sondergebilde eines genialen und abseitigen Einzelgeistes, wie 
Fechner es war, und vieler ideenloser Nachtreter, füllt diesen Platz 
jedenfalls ganz gewiß nicht aus. 

Wir sind auch weit entfernt davon, hinsichtlich des letztgenannten 
Problems der Möglichkeit einer systematischen psychophysischen 
Wissenschaft uns in verfehlten Hoffnungen zu wiegen. Aber es wird 
schon viel gewonnen sein, wenn man überhaupt erst einmal feststellt, 
was denn auf diesem Gebiete wißbar ist. Die Schwierig- 
keiten und selbst die möglicherweise sich ergebende Unlösbarkeit 
der Aufgabe systematischen Wissens auf psychophysischem Gebiet 
dürfen uns jedenfalls nicht veranlassen, die Wissenschaftsidee als 
solche fallen zu lassen und Psychiatrie im. Beharrungszustande system- 
loser Einzelsammelei von Erkenntnissen zu belassen. Es ist nicht 
richtig, wenn Jaspers aus der von ihm von vornherein behaupteten 
Unmöglichkeit einer objektiven Systemeinheit auf deren Überflüssig- 
keit, ja Gefährlichkeit schließt. Gewiß hat er darin recht, daß die 
bisherigen Versuche von Systembildungen auf diesem Gebiet kaum 
mehr waren als konstruktive Verranntheiten einzelner. Aber es 
hieße das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn man nun daraus 
das Recht ableiten wollte, auf den Leitgedanken wissenschaftlicher 
Systemeinheit als die Idee vollendeten psychiatrischen Wissens, dem 
es zuzustreben gilt, und in dessen Dienst alles wissenschaftliche Ar- 
beiten der Psychiatrie irgendwie zu stehen hat, zu verzichten. Jas - 
pers selbst tut dies auch gar nicht, wenngleich er vorgibt es zu tun. 
In allem demjenigen, was er an Erörterungen der Gesichtspunkte 
und Methoden, der Tatsachengruppierung und der Erkenntnisförde- 
rung geleistet hat, tritt für jeden ein objektives inneres Zentrum klar 
zutage, wenn er dessen Existenz auch gewissermaßen offiziell be- 
streitet und zu verschleiern sucht; und dieses Zentrum ist nichts 
anderes als die Idee der wissenschaftlichen Einheit psychiatrischer 
Forschung, deren Vollendung auch durch seine Untersuchungen zu 
verwirklichen versucht wird. Es mag vorsichtig sein, diese Idee 
nicht auszusprechen, um sich scheinbar die Vorurteilslosigkeit des 
Arbeitens zu wahren und nicht in konstruktive Fehler zu ver- 
fallen; wir befolgen diese Vorsicht nicht, sondern sagen was wir 
wollen. 



rrobh-rnc (Ich WiBaenK um S«-flii»chin. '_'77 



Probleinr de» Wissenb um Seeliücheu. 

Aber können wir die^*(•s Wollen realiBieren? Die Schwierigkeiten 
liegen in erHter Linie bei denjenigen Erkeuntnisniaterialien, welche 
beim Studium GeiHteskranker zu allererst gegeben sind: der psychi- 
schen Keilu'. Fassen wir diese Schwierigkeiten noch genauer in« Auge. 

Es kommt uns dabei zunächst durchaus nicht darauf an, etwa 
bezeichnen zu wollen, was denn nun das Psychische vom Physischen 
grundsälzlicli unterscheidet. Es ist uns nicht wichtig, das Gebiet 
des Psychischen von dem des Physischen prinzipiell abzugrenzen. 
Über die Möglichkeit dieser grundsätzlichen Abgrenzung ist viel 
geschrieben worden, seit dem Nachweis Brentanos, daß das Merk- 
mal der Ausdclmung nicht auf alles Physische zutrifft, und dement- 
sprechend den Unterschied beider Gegebenheitsreihen nicht konsti- 
tuiert. Diese Frage erscheint uns eine müßige Frage jenes unechten 
Theoretisierens, das fruchtlos und zwecklos bleibt. Wir begnügen 
uns mit der Tatsache, daß die Ausdehnungslosigkeit zweifellos ein 
Merkmal alles Psychischen ist, welches wir aber nicht brauchen, um 
Psychisches als solches zu erkennen. Wir begnügen uns damit, daß 
wir alles Psychische aus seinem Gegebenheitscharakter heraus un- 
mittelbar als solches erkennen und von Nicht psychischem zu \inter- 
scheidcn vermögen — gleiclivicl, worauf diese Sonderart des unmittel- 
baren Gegebenseins zurückführbar sein möchte^). Wir definieren 
auch nicht etwa die Sonderart der Gegebenheit vom Psychischen, 
wie dies in schulmäßiger Starre oftmals von vornherein geschieht, 
durch das Bewußtsein oder durch das Ich oder durch Sonderqualitäten 
seiner eigentümlichen Anschaulichkeit, oder durch das unwiederhol- 
bare Einzelsein seines Gegebenwerdens; wir haben gar keinen Grund, 
uns auf derartige konstruktive Voreiligkeiten festzulegen. Es genügt 
uns, unmittelbar zu wissen, daß Psychisches in besonderer und vom 
Physischen prinzipiell unterscheidbarer Weise gegeben und erkennbar 
ist. Die Schwierigkeiten im Erkenntnischarakter des Psychischen 
und seiner Verarbeitung zur Einheit einer Wissenschaft werden nicht 
durch Definitionen des Psychischen und Unterscheidungsmerkmale 
vom Physischen aus der Welt gcscliafft ; oder wenn sie es werden, 
so sind das konstruktive Scheinbarkeiten. 

Diese Schwierigkeiten liegen vielmehr darin, daß die Art des 
Gegebenseins vom Psychischen es auszuschließen scheint, eine sj'ste- 
matiacho konstruktive Erkenntnis nach Art der Naturwissenschaften 
von ihm zu haben. Die Bestimnning zu Gesetz und Kegel, welche 
der Naturforscher an den Anschauungen der äußeren Welt ah Ziel 
seines Forschens betrachtet und mittels der Induktionen auch voll- 
zieht, sind im Psychischen wo nicht unmöglich, so doch außerordent- 
lich erschwert. Denn diese Bestimmung zu Gesetz und Kegel ist bei 



1) Vgl. hierzu im übrigen unsiro wiHson»chuftnkritiPchen Erörterungen du')«« 
Buchoa. 



278 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

physischen Abläufen allererst ermöglicht durch die Anwendung der 
Mathematik. Die raumzeitliche Gegebenheit des Physischen er- 
möglicht die Ausbildung mathematischer Bestimmungen an ihm; 
sie macht diese notwendig. Die Mannigfaltigkeit der Qualitäten 
wird durch sie meßbar und in Quantitäten überführbar; und nur so 
gelingt es, die durch die raumzeitliche Gegebenheit des Physischen 
ihm zugrunde liegenden Notwendigkeiten seines Ablauf ens zu be- 
stimmen und in ihrer allgemeinen Gültigkeit herauszustellen. 
Warum das so ist, haben wir oben in der psychologischen Wissen- 
schaftstheorie bereits gestreift i). Aber eben mit der völlig anders- 
artigen Gegebenheit des Psychischen fällt die Anwendbarkeit der 
Mathematik und damit die Möglichkeit, die Dynamik seines Ge- 
schehens quantifizierbar zu machen, fort; es fällt die oberste Aufgabe 
aller induktiven Forschung damit in sich zusammen. Jene kon- 
struktive Theoretik, welche den Inbegriff systematischer Natur- 
forschung an physischen Dingen bildet, erscheint in ihrer mathe- 
matischen Bestimmtheit bei psychischen Abläufen ausgeschlossen. 
Zwar haben auch die psychischen Qualitäten Intensität, und das 
Prinzip der Stetigkeit, nach welchem diese Intensitäten abstufbare 
Grade durchlaufen, ist in ihnen wirksam. Aber in der methodischen 
Anwendung dieser Gesichtspunkte ermöglichte sich lediglich die 
Messung dieser Intensitäten in mathematisch bestimmbarer Weise, 
und das ist für die Erkenntnis des Psychischen eine recht neben- 
sächliche Aufgabe. Kant sagt einmal, daß es fraglich sei, ob sich eine 
psychologische Naturtheorie zu einem höheren Grade werde ausbilden 
lassen als die Scheidekunst 2). Der Grund dieses Zweifels liegt in der 
Unmöglichkeit der Einführung mathematischer Bestimmungsstücke 
in die psychische Djoiamik. Nun hat ja Kant auch von der »Scheide - 
kunst« und ihrer Ausbildbarkeit zu einer systematischen Wissen- 
schaft eine zu geringe Meinung gehabt. Aber wenn die moderne 
Entwicklung derselben in theoretische Tiefen, von denen Kant 
nichts voraussehen konnte, möglich war, so geschah dies eben da- 
durch, daß sie doch in ganz anderer Weise nach Analogie der Physik 
der mathematischen Behandlung zugänglich wurde, als ihr früherer 
Stand dies ahnen ließ. War hier Kants Zweifel auch nur vergleichs- 
weise berechtigt, so trifft dies für die Induktionen der Psychologie 
nicht zu. Es ist hier nicht so, daß irgendeinmal eine erweiterte Er- 
kenntnis imstande wäre, mathematische Bestimmungsstücke an die 
psychologischen Induktionen heranzubringen, wo wir dies heute 
noch nicht vermögen. Vielmehr ist es auf Grund der besonderen 
Gegeben heits weise des Psychischen, insbesondere des Ausschlusses 
der Räumlichkeit und des extensiven Nebeneinanders der Teile, 
grundsätzlich ganz ausgeschlossen, daß die mathematisch- 
dynamische Bestimmung der geltenden Gesetze, daß die Umwand- 



1) S. 129ff. 

2) Metaphys. Anfangsgründe d.. Naturwissenschaft. S. 172 (Dürrsche Ausgabe). 



l'robleme deä WiBaenfl um Seelisclu-a. 279 

lung der Qualitäten in Quantitäten innerhalb den Priychiächen jemab 
sich crmöglirlien lieÜc. 

Wir haben bereits frülier angedeutet, daß es sich für uns alwo um 
die Frage zu handeln hat, vermittela welcher logisch-theoretiijcher 
Krsatzmechanismen sich trotz dieses Mangeb die Ausbildung von 
Induktionen für die psychischen Materialien sollte ermöglichen lassen. 
Wir werden diese Frage, die wir liier nur als ein Problem registrieren, 
welches in der Logik der Psychiatrie eine besondere Holle zu spielen 
berufen ist, noch mit der Ausführlichkeit im weiteren VY'rlaufe 
dieses Buches zu untersuchen haben, die ihr gebührt. W'ir dürfen 
jedenfalls sagen, daß die Verwirklichung unserer Aufgabe, Psychiatrie 
nls systematisclie Wissenschaft auszubilden, von der Ixisung dieses 
Problems in erster Linie mit abhängt. 

Aber auch diese Schwierigkeit meinen wir nicht, wenn wir von den 
Zweifeln sprechen, welche der Lösung unserer Aufgalx; entgegen- 
stehen. Denn so wichtig die Ausbildung der Induktion im Psychi- 
schen sein muß, um Psychiatrie als Wissenschaft zu ermöglichen, so 
können wir doch mit einiger Ruhe den logischen Untersuchungen 
entgegensehen, die uns diese Arbeit leisten werden. Diese Ruhe ist 
berechtigt: denn die Tatsache, daß es psychologisches Wissen 
gibt, daß wir es haben und täglicli von ihm Gebrauch machen, be- 
weist doch, daß dieses Wissen mehr als Einzelwissen ist, daß es allge- 
meine und notwendige Geltung beansprucht, und folglich, wenn es 
überhaupt nach Art naturwisscnschaftliciier Erkenntnis gewonnen 
wurde, den Ciiarakter der Induktion an sich trägt. Sind wir uns 
dessen auch nicht bewußt geworden, so muß es logischer Reflexion 
doch gelingen, die Induktionscharaktere hieran herauszulösen imd 
methodologisch zu prüfen. Da wir hier nicht konstruktives Bauen 
ins Blaue hinein betreiben wollen, sondern von der Tatsache des 
Wissens auszugehen haben, um demselben methodische Reinheit zu 
sichern, so ist es klar, daß irgendeine Art von Induktion tatsächlich 
auch im Psychischen geübt wird und vollziehbar ist. Das Gebäude 
der Psychologie als Wissenschaft ist also durch die Notwendigkeit 
der Ausbildung psychologischer Induktionen nicht grundsätzlich 
gefährdet, ihm fehlt vorläufig das schützende CJerüst derselben. Und 
dies wird sicli vorsichtig einl)auen lassen, zumal das wissenschafts- 
theoretische Fundament bereits fest gegründet steht. 

Die Schwierigkeit im Ausbau der Psychologie als Wissenschaft 
liegt vielmehr noch tiefer. W^ir haben uns in einem früheren Absatz 
dieser Erörterungen auf das Wort Martys berufen, welches eine Zu- 
8ammenfassui\g alles guten systematischen Denkens in einer natur- 
wissenschaftlich zu ordnenden Empirie ist : daß die Erkenntnis- 
vollzüge im psychischen Gebiet, um richtig zu sein, um zu einer 
Wissenschaft zu führen, keine anderen zu sein haben als die aller 
empirischen Erkenntnis. Unsere Schwierigkeit beginnt nvm in dem 
Augenblick, wo wir dieses Prinzip des psychologischen Er- 
kennens grundsätzlich in Frage zu stellen haben. 



280 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

Und wir sind gezwungen, es in Frage zu stellen, es nicht von 
vornherein hinzunehmen wie etwas Gewisses. Wir müssen 
hier prinzipiellen Bedenken und Zweifeln Raum geben ; um so besser, 
wenn es kritischer Einsicht gelingt, sie zu verflüchtigen. Wider den 
naturwissenschaftlichen Charakter psychologischer Erkenntnis wendet 
sich eine Gruppe neuerer Denker aus den verschiedensten Lagern 
mit Gründen von solcher Bedeutsamkeit, daß wir ihnen Raum zu 
geben haben. Können wir diesen Gründen auch nicht beipflichten, 
so zeigen sie uns doch Fragestellungen an, denen wir auf unserem 
Wege zur Systemeinheit der Psychiatrie unbedingt zu genügen 
haben werden, wenn anders wir unserer Aufgabe gerecht werden 
wollen. 

In der Tat ist es von vorherein gar nicht gesagt, daß psychologisches 
Erkennen nach Art einer Naturwissenschaft erworben werde, und 
erworben werden müsse. Die Annahme einer modalischen Gleich- 
heit alles Empirischen kann bestritten werden. Und auch wenn sie 
nicht bestritten wird, so braucht dann noch nicht zu folgen, daß die 
für die physische Natur geltenden Erkenntnismittel, logische und 
kritische Wege und Ziele, auch auf das ganz andersartige psychische 
Gegebenheitsgebiet anwendbar sein müßten. Läßt man die Tat- 
sachen entscheiden, so zeigen sie ja gerade die Willkür und Ergebnis- 
armut der naturwissenschaftlich ausgebildeten konstruktiven Psy- 
chologie. Mehr noch: Stellt man ihnen unser tatsächhches Wissen 
vom Seelischen gegenüber, so scheint sich zu zeigen, daß dieses Wissen 
vom seelischen Geschehen auch tatsächlich ein toto genere anders- 
artiges ist, als jedes naturwissenschaftliches Wissen. Es richtet sich 
auf individuelle Gegebenheiten und Geschehnisse; es setzt sich 
nicht zum Ziel, diese unter quantitativen Regeln und Gesetzen in 
ihrer allgemeinen Gültigkeit zu erkennen, sondern sie gerade um- 
gekehrt in ihrer individuellen Besonderheit und Bedeut- 
samkeit erfassend zu begreifen; nicht ihre Typik, sondern gerade 
ihre Einmaligkeit ist anscheinend das Ziel psychologischer Erkenntnis - 
einst eilung. Von ihnen aus die Totalität des individuellen Bewußt- 
seins, der sie entstammen, zu erfassen, erscheint als Preis psycho- 
logischen Erkennens. Dieses Bewußtsein aber ist jedesmal ein ein- 
maliges, eine einzelne Persönlichkeit. Wirklich gegeben ist dem 
Erkennenden auf diesem Gebiet aber nur eine einzige Persönlichkeit, 
nämlich seine eigene ; und auch diese nur in demjenigen momentanen 
Querschnitt ihrer Zeitkontinuität, in dem er sich jedesmal gerade 
auf sie einstellt. Zu jedem Zeitpunkt ist selbst diese identische Per- 
sönlichkeit in ihrer Gegebenheitskomplexion eine andere; daß ihre 
Identität gewußt wird, ist etwas Rätselhaftes. Von dieser Individuali- 
tät aus aber versteht er durch irgendein problematisches »einfühlen- 
des« Analogisierungsverfahren seelischer Art auch die anderen Indi- 
vidualitäten, mit denen er sich erkennend befaßt; er versteht sie 
nach Art seines eigenen Ich und doch gerade in ihrem besonde- 
ren Anderssein. Die Vollendung dieses Verständnisses zu un- 



Probleme des WiMcn« um SecliBcheH 2ftl 

beirrbarer Sicherheit gerade im Erfassen des individuell- 
Idealen sclifiiit diis Ziel wiilirhufter psychologiHcher Erkennt nis. 

Unter dieser Einstellung der psychologisehen (Grundfrage öffnen 
sich neue Rätsel: Was ist das für eine Art von Erkennen dea 
Individuellen, die hier geübt wird? Wie weiß ich um die 
Identität und Kontinuität des Ich bei verschiedenen seelischen 
Zuständen? Wodurch unterscheidet sich die materiale Ge- 
gebenheit des eigenen Ich von den niaterialcn Gegebenheiten 
fremder Iche? Wie weiß ich um den Iclicharakter fremder 
Iche? Wie weiß icli ül>erhaupt um die Zusammengehörigkeit de» 
jetzigen seelischen Soseins mit irgendwelchen jetzt erinnerten 
früheren Zustünden von Anderssein, die mir als »in mir« gegeben 
unmittelbar bewußt sind? Mit welchem Recht wende ich eine äh.n- 
liche Identifizierung zeitlich verschiedener Geschehnisse als in einer 
Persönlichkeit ablaufend auf andere Leiber an, in denen ich 
seelisches Geschehen voraussetze? Was sind das für Methoden, 
vermittels deren ich das seelische Geschehen in fremden 
Ichen begreife? Mit welchen Erkenntnismitteln kann ich den 
psychologischen Widersinn, welcher in den Begriffen »Fremd« 
und »Ich« liegt, bei meiner seelischen Erkenntnis anderer Pei- 
sönlichkeiten überwinden? Wie ist es möglich, das Individuelle 
in seinem Einzelsein zum Gegenstand allgemeiner und not- 
wendig geltender Erkenntnis zu machen? Wie sind allgemeine 
Gesetze vom Individuellen möglich? Was bedeutet unter allen 
diesen Bedenken überhaupt noch der Begriff des seelischen 
Gegebenseins? Wo liegt die Gewißheit des Tatsächlichen 
des Seelischen, welches mir jetzt und früher in völlig verschiedenen 
Umständen gegeben ist? Gemeint ist hier sowohl die Realität selber 
als auch besonders die Bestimmung dessen, was als Tatsache im 
Psychischen zu gelten Anspruch hat. Und endlich: Wie weit 
läßt sich die Erkenntnis des Fremdich ausdehnen? Wie 
weit geht die Vorausset zungs berecht igung der seelischen Homo- 
logien? Ist die Gebundenheit an den menschlichen Leib, 
ein außerpsychisches Kriterium, sind die Ausdrucksbewegungen 
genügende Rechtsgründe zu dieser Voraussetzung? Diese Frage 
wird sich erst nach Untersuchung der psychologischen Analo- 
gisierungsmechanismen aufklären lassen, welche das Ich in 
fremden Ichen wiederfinden und dennoch von ihnen abheben — 
jene Vorgänge, welche triviale Simplifizierung mit den Deckworten 
»Einfühlung«, »Verstehen « usw. zu erledigen glaubt. Die Breite 
der Homologien, oder wenn man will Homopsychien : Wo findet sie 
ihre (Jrenze ? Beim Menschen? Bei den Tieren? Im Bereich des 
Lebendigen ? Ist diese Gemeinsamkeit des Lebendigen durch diese 
Homologctik unmittelbar gegeben? — Oder ist umgekehrt die Ge- 
bundenheit psychischen Gegebenseins durch den Umkreis des Lebens 
überhaupt manifestiert? Diese Fragen sind für die Psychiatrie 
deshalb so besonders wichtig, weil in denjenigen fremden Ichen, um 



2 82 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

deren seelisches Erfassen es sieh gerade für sie handelt, ja seitens der 
Medizin irgendein gemeinsames Merkmal mit dem Begriff des Kran- 
ken oder Krankhaften analogisch bezeichnet worden ist; wir wissen 
hier noch nichts von diesem Merkmal, welches wir erst viel später 
an die Dinge heranzutragen für berechtigt halten dürfen; es sagt hier 
nicht mehr aus als das Negative, daß diese Menschen eben in irgend- 
einem Punkt ihrer seelischen Komplexion nicht nach Analogie 
anderer Fremdiche erfaßbar sind. Wie verhält sich jene ge- 
heimnisvolle Analogisierungstendenz, welche uns hier das Wesen 
seelischen Erfassens anderer Persönlichkeiten auszumachen schien, 
diesen besonderen Ichen gegenüber? Wie wird hier psycho- 
logische Erkenntnis von »Geisteskranken«? 

Psychiatrie als Geisteswissenschaft — eine mögliche 
Fragestellung? 

Die Häufung dieser Fragen hat etwas Erschreckendes. Gerade 
weil sie nicht von der schönen logischen Bestimmtheit und Über- 
sichtlichkeit sind, die der Naturforscher in seiner Materie zu stellen 
gewohnt ist, gerade weil sie etwas von dem dunklen und verschwom- 
men-geheimnisvollen Charakter haben, den das Licht empirischer 
Naturforschung vor allem zu vertreiben und zu durchleuchten be- 
stimmt ist, darum — müssen sie aufgeworfen werden. Sie bestreiten 
der Naturforschung im Prinzip die Möglichkeit, sie beantworten zu 
können, ja sie nur zu sehen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder 
diese Fragen sind mit denselben Methoden auflösbar und beantwort- 
bar, welche wir bisher als die Wege zum Ziel systematischen Wissens 
von empirischen Dingen bezeichnet haben, also mit denen der Natur- 
wissenschaft. Dann ist es unsere Pflicht, sie nicht zu verschleiern 
und beiseite zu schieben, wie dies bisher stets geschah, sondern gerade 
zu zeigen, wie diese Einfügung ihrer Lösung in den systematischen 
Rahmen des Ganzen sich vollziehen läßt. Das wäre dann nicht nur 
die Pflicht, sondern auch das Recht und der Triumph der Natur- 
wissenschaft auf einem Gebiete, wo man ihre Zuständigkeit aufs 
stärkste bezweifelt und zu untergraben gemeint hat. Oder — und 
dies ist die andere Möglichkeit: Die Naturforschung in dem von uns 
verstandenen Sinne ist in der Tat nicht berufen und befähigt, diese 
Fragen beantworten zu können. Dann wird nicht die Berechtigung 
dieser Fragen erschüttert, sondern die sachliche Ausschließ- 
lichkeit naturwissenschaftlicher Bearbeitungsweisen in 
der Psychologie wird zu verneinen sein. Dann aber haben wir die 
Pflicht, diesen Fragen jenseits der naturwissenschaftlichen Be- 
arbeitungsweisen eine Lösung zu suchen, eine Sonderwissensohaft 
von ihren Lösungen zu intendieren. 

Nun sind diese Fragen in der vollständigen Explizitheit, wie sie 
oben gestellt wurden, tatsächlich bisher noch nirgends gestellt worden. 
Aber das ihnen wesentliche Gemeinsame findet sich doch schon in 



Psychiatrie alä ticistcswissonBchaft — eine mögliche FragttitelJungT 283 

sehr durchdachter Form bei zahlreichen und hervorragenden Geistern. 
Und diese haben aucli Antworten auf die ihnen wichtige Heraus- 
Bonderung einzehier Fragestellungen dieser Art jeweila ge.sucht und 
zu finden vermeint. All diesen Antworten, so verschieden sie in sich 
sind, ist das Eine gemeinsam, daß sie in bewußten Gegensatz traten 
zu denjenigen Erkenntnisweisen, welche wir bisher als für alle Er- 
fahrung gültig vorausgesetzt haben, zur Induktion, zur Naturwissen- 
schaft. Psychologie als Geisteswissenschaft wird von ihnen 
gefordert und metliodisch auszubilden versucht. Hätten diese 
Denker recht, so würde auch in der Psychiatrie neben eine Psychiatrie 
als Naturwissenschaft, eine Psychiatrie als Geisteswissenschaft 
zu treten haben. Diese würde zum mindesten ein Teilgebiet der 
Psychologie umfassen müssen. Es kann natürlich nicht unsere Auf- 
gabe sein, anstatt daß wir zu positiver eigener Arbeit kommen, uns 
zuvor mit jedem einzelnen der hierher gehörigen literarischen Doku- 
mente kritisch zu befassen. Des ehrwürdigen Dilthey beschrei- 
bende Individualpsychologie — oder vielmehr der schwache Ver- 
such, den er zu einer solchen unternimmt — wird im ersten Teil 
unserer psychologischen Untersuchungen selber behandelt. Der 
spielerische Geißtreichtum Simmeis in seiner systemlosen Einfalls- 
mäßigkeit gerade zu diesen Problemen erscheint uns kritischer Vor- 
untersuchung nicht bedürftig: Ihm fehlt die Lebenskraft, um das 
Gebäude der Psyciiologie, wie es bisher war, ernstlich zu erschüttern. 
Ähnlich stehen wir zu Bergsons hierher gehörigen Ausführungen. 
Wir haben uns als vorbildlichen Denker dieser Gruppe einen Mann 
gewählt, mit welchem uns das Streben nach systematischer Voll- 
endung und der wissenschaftliche Ernst eines inneren Zentrums 
ebenso verbindet, wie die klare Stellung zum Problem naturwissen- 
schaftlicher Erkenntnis; einen Mann, der zugleich der erste Anreger 
des größten Teiles dieser Fragestellungen war und der klarste Ex- 
ponent ihrer geisteswissenschaftlichen Beantwortungsmöglichkeiten 
ist: Heinrich Rickert. An seinen Ausführungen haben wir bereits 
genau untersucht, wie es um diese Probleme der Psychologie als 
Geisteswissenschaft bestellt ist^). Eine letzte hierher gehörige Gruppe 
der Denker, die Phänomenologen der Husser Ischen Schule, ins- 
besondere Husserl und Scheler, aber auch Geiger, Pfänder usw. 
nehmen zu allen diesen Dingen und Problemen noch eine Sonder- 
stellung ein. Diese ist aber prinzipiell ganz andersartig; ihre Be- 
handlung erfordert besondere Voraussetzungen. Zu den genannten 
Denkern treten nun noch eine Reihe von Verfechtern bestimmter 
theoretischer P^inzelmoinungon über das Wesen psychologischer Er- 
kenntnis, welche auf Grund besonderer systematischer Standpunkte 
gewoinien worden sind. Hier seien nur Natorp, Meinong, Lipps. 
Münstorberg, Max Weber genannt. 

Im allgemeinen kann man drei große Gruppen von Antworten 

1) Vgl. S, 195ff. 



284 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

unterscheiden, welche in einem von der naturwissenschaftlichen 
Psychologie abweichenden Sinne gegeben werden. Die erste dieser 
drei Gruppen weist der psychologischen Erkenntnis eine besondere 
Evidenz im Gegensatz zur physischen Erkenntnis zu, wenngleich 
sie deren empirischen und damit naturwissenschaftlichen Charakter 
in gewisser Weise aufrecht erhält. Durch diese Evidenz werden 
viele Fragen, die wir oben aufgeworfen, beseitigt und als nicht vor- 
handen erklärt. Die zweite Gruppe stellt die psychologische Er- 
kenntnis, soweit sie aufs Individuelle und »Historische« geht, als 
eine Grundform geisteswissenschaftlicher Erkenntnis in Gegen- 
satz zu aller Naturwissenschaft. Eine dritte Gruppe hebt die Be- 
trachtung rein qualitativer Momente, des reinen phänomenalen 
Bestandes, jenseits aller Existenz- und Realitätsfragen, als ein 
besonderes Gebiet reiner Intuition über alle Empirie und damit 
alle Naturwissenschaft hinüber ins Gebiet der apriorischen idealen 
Einsicht. Es ist ihr hierbei gleichgültig, ob es sich um ein physisches 
oder psychisches Gegenstandsgebiet handelt. Die zweite, wichtigste 
Gruppe haben wir bereits in unserer psychologischen Wissenschafts - 
lehre abgetan. Die grundlegenden Gedankengänge der ersten 
und der dritten Gruppe aber gilt es bei der Grundlegung der Phäno- 
menologie noch zu verfolgen und zu prüfen, um sich über das 
Problem einer nicht naturwissenschaftlichen Psychologie ganz 
endgültig klar zu werden. Aus dieser Prüfung müssen sich die Lö- 
sungen der genannten Fragen ergeben, welche allein ein systema- 
tisches Wissen vom Seelischen als möglich oder unmöglich erkennen 
lassen. Die allgemeine Psychiatrie ist zur Ermöglichung ihres eigenen 
Aufbaus befugt und berufen, die Lösung dieser Fragen als eine ihrer 
Vorarbeiten in Angriff zu nehmen. Wir halten es für notwendig, 
diese ihre Aufgaben schon hier besonders zu bezeichnen. 

Allgemeiner Rahmen für die vorliegenden Untersuchungen. 

Mit allen diesen Ausführungen haben wir nunmehr den Kreis 
der Grundfragen und Voruntersuchungen, welcher das Problem der 
Psychiatrie als Wissenschaft umgibt, abgesteckt. Die Möglichkeit 
der Psychiatrie als Wissenschaft aber war uns der Vorwurf für eine 
allgemeine Psychiatrie. Die folgenden Untersuchungen sollen nur 
der Aufgabe gewidmet sein, auf der Basis der Lösung des oben ab- 
gesteckten Problemkreises das Gebäude einer allgemeinen Psychiatrie 
in seinen Grundmauern zu errichten. Wir können nicht versprechen, 
daß die Aufrichtung dieses wissenschaftlichen Gebäudes in gänzlich 
voraussetzungsloser Weise erfolgt. Voraussetzungslose Wissenschaft 
gibt es nicht. Aber dies eine können wir sagen : Wir werden zur Aus- 
führung unserer Aufgabe weniger voraussetzen, als irgendeine wissen- 
schaftliche Bearbeitung der Psychiatrie bisher vorauszusetzen ver- 
mocht hat. Nicht einmal die Voraussetzung werden wir machen, 
daß Psychiatrie nur eine Naturwissenschaft sei und lediglich nach 



AJlgfmoiner Rühmen für die vorliegenden UnttTHUchungen. 285 

natuiwissenschuftliclier Mctliude ausgebildet werden dürfe. Die* 
Mittel, mit welchen wir Psychiatrie als Wissenschaft durch unsere 
allgemeine Psychiatrie sichern wollen, sollen lediglich von der for- 
malen Logik, von den niaterialen apriorischen Voraussetzungen jeder 
möglichen wissenschaftlichen Erkenntnis — welche wir in unserer 
Wissenschaftstheorie gerechtfertigt haben — und von den Bedin- 
gungen geliefert werden, welche dem Gegenstandsgebiet der Psy- 
chiatrie methodisch und heuristisch immanent sind. Nichts soll 
gesagt werden, was nicht mit diesen angegebenen Mitteln gedacht 
zu werden vermag. Da nun die formale Logik und die materialen 
Voraussetzungen jeder möglichen wissenschaftlichen Erkenntnis in 
gleicher Weise für alle Gegenstände Geltung haben, so kann eine 
Einteilung des Werkes zwanglos nur nach eben den Gegenstandsge- 
bieten erfolgen, welche das Material und die Ausgangspunkte psy- 
chiatrischer Forschung sind: den unmittelbaren Gegebenheiten 
seelischer und somatischer Art. Freilich werden wir selbst diese 
Gegebenheiten, so sehr sie den Anfang aller Forschung bilden, nicht 
ohne weiteres hinzunehmen haben: Vielmehr gilt es selbst, nach 
ihrem Gegebenheitscharakter das besondere Wesen ihrer Tat- 
sächlichkeit zu problematisieren. Hierzu zwingt uns die 
schon gekennzeichnete Heterogenio beider GiJgebeuheitsreihen, der 
physischen und der psychischen; »Tatsache« bedeutet im Physischen 
etwas Eindeutiges und durch die Weise ihres anschaulichen Gegeben- 
seins Bestimmtes; hier liegt keine Unklarheit vor. »Tatsache« aber 
im Psychischen — was ist dies? Hier gilt es erst noch die Proble- 
matik des »Bewußtseins«, des »inneren Sinns« und aller jener Fragen 
zu klären, die wir bei Erwähnung der geisteswissenschaftlichen Psy- 
chologie berührt haben. Wir werden über diese Fragen nicht mit 
schönen und wohlgesetzten Worten hinwegkommen; bedeuten sie 
doch für uns den Schlüssel zur Verwirklichung unserer Arbeit, und 
da fühlen wir die ganze Schwere der Verantwortung, die an ihrer 
Bearbeitung hängt. Aber aucli die physischen Tatsachen sind in 
sich von ungleichem Cliarakter: Hirnbefunde, Biochemismen, Pu- 
pillensymptome, Bewegungsanomalien, Ausdrucksphänomene und 
Konstitutionsdaten — alle diese einzelnen Kla.'^sen. und noch manche 
andere, sind von verschiedener wissenschaftlicher Dignität und von 
verschiedenem systematischen Range. Auch hier gilt es für eine 
allgemeine Psychiatrie, zu klären und abzugrenzen. 

Indem wir auf diese eise die Gegebenheiten unserer Gegenstands- 
gebiete zur Grundlage unseres Aufbaus machen, gedenken wir so zu 
verfahren, daß bei der Einzelarbeit die bestehenden Feststellungen 
bisheriger Forschung zunächst hingenommen werden, und nur so 
weit sieh eine immanente Kritik notwendig nuuht, formal durch- 
gebildet werden. Diese Durchbildung soll immer an der Hand der 
bestehenden Forschung erfolgen und in ständigem Fortschreiten mit 
immer stärkerer begrifflicher Präzision bis zu Feststellungen von 
grundsätzlicher Geltung und formalem Charakter gelangen. Auf 



286 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger WisBenschaft. 

diese Weise immanenter Weiterbildung wird beim Einzelaufbau 
überall an Bestehendes angeknüpft, alle Konstruktionen und Theorien 
werden zugunsten der geforderten immanenten Theoretik ab- 
gewiesen. So beginnen wir, um nur ein einzelnes Beispiel für viele 
zu nennen, bei der Erörterung des Wesens geistiger Erkrankung 
nicht, wie dies selbst in manchen Lehrbüchern heute noch beliebt ist, 
mit irgendeiner Behauptung darüber, was Kjankheit im Psychischem 
sei, nicht mit irgendeiner willkürlichen Definition oder Deduktion 
eines Krankheits begriff es — weil ein solches Verfahren mit Not- 
wendigkeit zu steriler Dogmatik führen müßte. Wir übernehmen 
vielmehr fürs erste die bisherige unbegriffliche Geltung der Be- 
zeichnung Krankheit, ohne Abgrenzung ihres gegenständlichen Um- 
fanges und ihrer Merkmale. Wir suchen uns darüber klar zu werden, 
in welchen logisch verschiedenen Bedeutungen diese Bezeichnung 
Krankheit in der psychiatrischen Forschung auftritt. Die einzelnen 
materialen Bestimmungsstücke und Kriterien aber entwickeln wir 
für diese Bedeutungen erst ganz allmählich bei der Klärung der 
materialen Einzelfragen psychiatrischer Forschung, bis wir ange- 
sichts des vollendeten Gesamtsystems der allgemeinen Psychiatrie 
glauben dürfen, uns auch des Krankheits begriff es oder vielmehr der 
Krankheitsbegriffe derselben wissenschaftlich versichert zu haben. 
Und so wird bei allen für das systematische Ganze der Psychiatrie 
wesentlichen Begriffen verfahren werden. 

Wir behandeln in diesem Werke zunächst allein die 
psychische Reihe und die Möglichkeit, aus ihr Erkenntnis 
zu gewinnen. Wir untersuchen die Kriterien und Geltungsgrund- 
lagen dieser Erkenntnis und ihrer Bearbeitungsmöglichkeiten. In 
unseren wissenschaftstheoretischen Grundlagen haben wir bereits 
ausgeführt, aus welchen Hauptabschnitten eine derartige Unter- 
suchung zu bestehen hat. Es war zunächst die Wissenschafts - 
theorie psychischer Erkenntnis selber, welche wir als das Funda- 
ment jeder möglichen Erkenntnis des Seelischen von allgemeiner 
und notwendiger Geltung auffaßten und in einem besonderen Teil 
dieses Buches durchgebildet haben. Ihr schließt sich die Phäno- 
menologie und deskriptive oder ontologische Theorie des 
Psychischen an. In ihr werden die Probleme geklärt, wie uns 
Psychisches als ein Wirkliches gegeben ist, sei es im eigenen, sei es 
im fremden Ich, und wie diese Gegebenheit des Psychischen zur Er- 
kenntnis desselben wird. Hierüber wird der folgende Teil dieses 
Buches ausführlich handeln. Der zweite Band dieses Werkes wird, 
auf Grund dieser phänomenologischen Grundlagen, das psychisch - 
pathologische Material, so wie es als symptomatisch wesentlich vor- 
gefunden wird, zunächst zergliedernd zur phänomenologisch-theo- 
reitschen Darstellung bringen. Als nächster Teil in einer allgemeinen 
Psychiatrie muß die genetische Theorie seelischen Zusammen- 
hanges und Auseinandervorgehens entwickelt werden. Wir fassen 
diese genetische Theorie, kraft unserer wissenschaftstheoretischen 



Allgemeiner Ralimcn für die vorliegenden Untersuchungen. 287 

ytatuierungen, als eine dynamische Erklärung des psychischen 
Geschehens auf. Diese Psychodynamik ist nun für das Gegen- 
standsgebiet der Psychiatrie eine wesentlich andere als für das der 
gewöhnlichen Psychologie. Aus diesem Grunde entwickeln wir iliren 
Aufbau — abgesehen von den ersten Fundamenten, welclie die Wiii.sen- 
schaftstheorie bereits für ihn festlegte — nicht mehr in diesem Bande, 
sondern erst in dem zweiten Bande dieses Werkes im Anschluß an 
die phänomenologische Symptomatik. Dort wird auch die Lehre 
Freuds, Adlers und ihrer Scliüler, als der einzige grundlegende 
Versuch einer Psychodynamik, der bisher überhaupt unternommen 
worden ist, gewürdigt und in das Ganze einer psychodynamischen 
Theorie hineinverarbeitet werden. — Einen Teil der genetischen 
Theorie des Psychischen muß auch die Psychophysik bilden. Und 
zwar nicht in ihrem ganzen Umfange — welcher erst bei der Durch- 
arbeitung der physischen Reihe bloßgelegt werden kann, sondern 
nur insofern als sich physische Zwischenglieder in die Kette dyna- 
mischer Verknüpfungen von Psychischem tatsächlich eingeschaltet 
finden. Darauf soll hier noch nicht näher eingegangen werden. Eia 
weiterer Hauptabschnitt hat sich mit der Frage zu beschäftigen, wie 
sich die Ergebnisse der bisher geannnten Grundlegungen zu einer 
Typenlehre, zu einer Charakterologie und Persönlichkeits- 
psychologie verbinden lassen. Es wird sich hier zeigen, daß ihrer 
theoretischen Struktur nach verschiedene Arten von Typenbildungen 
psychischer Ganzheiten vorkommen. Es finden sich statisch - 
deskriptive Typen, bei welchen ein bestimmtes Nebeneinander 
und Übereinander von funktionalen Dispositionen in gleichbleibender 
Weise für die Beschreibung erfaßbar wird und die Persönlichkeit be- 
stimmt. Es finden sich dynamische Typen, bei welchen nicht so 
sehr die Dispositionen selber, als vielmehr die besondere Anord- 
nung in den dynamischen Beziehungen derselben es ist, welche 
das innere Gesetz dieser Typen ausmacht (Lügner, Phantast usw., 
reaktive Psyciiopathen). Es finden sich ferner Kombinationen 
beider Gruppen miteinander zu komplizierteren Charakteren. Es 
findet sich endlich eine logische Beziehung dieser im weitesten Sinne 
noch deskriptiven theoretischen Grundlagen zu Wertbegriffen » 
sei es sozialer, sei es sonstiger (»biologischer«) Art, welche gerade in 
der Psychiatrie vielfach ganz ungeklärt angewendet werden. Die 
Probleme der Entartung und des Degenerativen und andere ähnliche 
haben hier ihre psychologische Stelle. Alle diese Fragen werden 
gleichfalls erst im folgenden Bande dieses Werkes systematisch dar- 
jiestellt werden. In diesem Bande aber wird es zweckmäßig sein, 
wenigstens noch dasjenige theoretische Problem der Typenlelire vor- 
wegzunehmen, welches für sie von einer gewissen prinzipiellen Be- 
deutung ist : nämlich das Problem der theoretischen Struktur des 
Typus überhaupt. Insbesondere wird hier die Tragweite und das Gel- 
tungslxjreich von Wertbestimmungen, Normen und Normalitäten im 
wissenschaftlichen Ganzen der Psychiatric untersucht werden müssen. 



288 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

Zur Typenforschung gehört auch die experimentelle Psycho- 
pathologie, welche nur eine besondere Methodik der differentiellen 
Psychologie des Pathologischen ist. Auch sie soll im folgenden Bande 
gewürdigt werden. 

Mit dieser Einteilung ist die allgemeine Psychiatrie, soweit sie in 
diesem Werke zur Darstellung gelangen soll, erschöpft. Nicht aber 
ist damit schon das Gebiet der allgemeinen Psychiatrie überhaupt 
völlig umgrenzt. Es hätte sich vielmehr an diese theoretische Dar- 
stellung der psychischen Reihe die der physischen Reihe anzu- 
schließen. Hier wäre es notwendig, Grundfragen psychophysischer 
Theoretik überhaupt einmal grundsätzlich nach allen Seiten zu klären, 
um aus dem ungelösten Dilemma : Parallelismus oder Wechselwirkung 

— zu einer logischen und theoretischen Entscheidung zu gelangen. 
Ferner wäre es notwendig, jene psychophysischen Arbeitshypothesen 
der Lokalisationslehre und Nervenphysiologie zur Darstellung zu 
bringen, welche sich für die bisherige psychiatrische Forschung als 
so überaus fruchtbares Arbeitsprinzip erwiesen haben. Endlich 
müßte in dem Rahmen dieser Psychophysik eine Ordnung der somato- 
logischen Daten erfolgen, von den Hirnbefunden an bis zu den bio- 
logischen Gesichtspunkten der Entartung, von den psychophysischen 
Begleitsymptomen der Motilität und der reflektorischen Erregbar- 
keiten bis zu den Ausdrucksbewegungen. Hierbei müßte auch die 
Rolle des körperlichen Symptoms bei Geistesstörungen in jener theo- 
retischen Verschiedenwertigkeit, welche etwa ein Pupillensymptom, 
ein Stoffwechselbefund, eine Liquorreaktion und eine Veränderung 
der Muskelspannung exemplifizieren, ihre Begründung erfahren. Aus 
einer derartigen Untersuchung würde als wertvollster allgemeiner 
Gewinn die Klärung der pathogenetischen und ätiologischen 
Fragestellungen in der Psychiatrie hervorgehen. 

So wäre die klinische Heuristik der speziellen Psychia- 
trie und ihrer Forschungs weisen systematisch vorbereitet. 

In diesem Werke wird der vorgezeichnete Weg nur für die psy- 
chische Reihe eingeschlagen werden. Für diese ist eine allgemeine 
Psychiatrie auch von dringendster Notwendigkeit: Die abgeklärte, 
methodisch und sachlich zielsichere Forschung in der physischen 
Datenreihe bedarf keiner neuen systematisch-kritischen Fundierung 

— zum mindesten nicht in dem Maße wie die psychische Seite der 
Forschung. Für diese gilt als unmittelbare Gegenwartsforderung, 
daß sie herausgelöst werden muß aus den konventionellen Regeln 
und Schematismen, welche zurzeit in ihr verschwommen herum- 
gehen. Ebenso muß sie aber herausgehoben werden aus der klinischen 
Schilderei und der willkürlichen Abgrenzung von »Krankheiten«, 
»Krankheitseinheiten«, »Symptomverkupplungen« und der dog- 
matischen Statuierung von Symptomen; sie muß herausgehoben 
werden aus dem Wust unbeglaubigter normativer Typenbildungen 
mit scheindeskriptiver Fassade, welche unsere klinische Arbeit bisher 
durchsetzen und zersetzen. 



Anhaiig. 289 

Anliuiig: 

Bemerkungen über ininiunente theoretische Kritik an kon- 
struktiven Hypothesen in der Psychologie. 

Ich schließe hier einige Bemerkungen an, welche mit den bisher 
behandelten Themen in innigem Zusammenhang stehen; und die ich 
daher nicht unterdrücken wollte, obwohl der äußere Anlaß zu ihnen 
ein scheinbar abseitiger ist. Ich wies schon darauf hin, daß im zweiten 
Bande dieses Werkes ein systematischer Grundriß der psychi- 
schen Dynamik gegeben werden soll, und daß ich dort aucii den 
Lehren Freuds und seiner Schule gerecht zu werden hoffen dürfe. 
Mit diesen Lehren habe ich mich bereits einmal ausführlicher be- 
schäftigt, und zwar hinsichtlich ihrer theoretischen Voraussetzungen i). 
Den materialen Bestand der Freudschen Entdeckungen habe ich 
damals nicht zum Gegenstand einer Kritik gemacht, und zwar aus 
Mangel an eigener Erfahrung und eigener Kenntnis. Ich habe aller- 
dings betont, daß der Freudsche und Bleulersche Begriff von 
Tatsachen den Erwerb der Kenntnis von solchen Tatsachen, völlig 
getrennt von jenen theoretischen Präsumtionen, außerordentlich 
erschwere. Ich bin der Überzeugung, und werde diese in einem 
späteren Abschnitt dieses Buches begründen, daß diese Schwierig- 
keit nicht nur an Freuds oder Bleulers Ansicht von dem liegt, 
was eine Tatsache im Psychischen sei, sondern daß sie auch im Wesen 
der psychischen Tatsächlichkeit überhaupt begründet ist. 

Meine Untersuchung über die Theoretik Freuds hat nun unter 
seinen Schülren eine Reihe von Gegenschriften gezeitigt, als deren 
bedeutsamste ich hier die Abhandlungen von Rosenstein *), 
Stärcke^) und Bleuler*) betrachte. Außerhalb der Freudschen 
Schule hat sich Lewandowsky^) ausführlicher zu meiner Arbeit 
geäußert. Wenn meine folgenden Bemerkungen an Ausführungen 
dieser Kritiker anknüpfen, so ist dies für den Inhalt dessen, was ich 
sagen will, gewissermaßen zufällig. Meine Absicht ist vielmehr die. 
am Beispiel einer Überlegung an der Hand dieser kritischen Ein- 
wendungen das Wesen einer immanenten Kritik an irgend- 
welchen Arbeitshypothesen im allgemeinen darzulegen, und zu zeigen. 
daß die Immanenz einer Kritik mit ihrem theoretischen 
Charakter durchaus vereinbar ist. Diese Feststellung ist 

*) Kronfeld, ('ber die psycholopischen Theorien Freuds und verwandte 
Anschauungen. Archiv f. d. ge.s. Psychol. Bd. 22. Heft 2/3. Auch als Buch 
Leipzig 1912. 

-) Jalirbuch f. pgychoanalyt. Forschung. Bd. IV. S. 741 — 798. 

3) Psychoanalyse vom theoretischen Standpunkt. Psych, en Neur. Bladon 
1912. No. 3. Dies ist die beste Arbeit über Freuds Lehre, welche überhaupt 
aus seiner Schule hervorging. Sie hat meine Stellung in vieler Hinsicht entscheidend 
beeinflußt. 

*) Arch. f. d. ges. Psychol. Bd. 23. 

*) Ztschr. f. d. ges. Neurol. u. Psych., Referate. 1913. 

Kronfeld, PsycblatrUchc Erkenntnis. 19 



290 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. ' 

nämlich auch für den Wert der kritischen Untersuchung des ganzen 
vorliegenden Buches von einschneidender Bedeutung. Der hier zu 
erbringende Nachweis tut dar, daß die Bestrebungen dieses Buches 
nicht etwa eine abseitige Eigenbrödelei oder ein philosophisches 
Spintisieren sind, daß sie keine Standpunktsfrage sind und ihre An- 
nahme oder Ablehnung nicht in das Belieben des einzelnen gestellt 
ist, sondern daß sie sachlich der Psychiatrie immanent sind, unbe- 
schadet ihres theoretischen Charakters. Diese Immanenz ist eine 
grundsätzliche und notwendige; und damit werden die Untersuchun- 
gen dieses Buches zu einen brennenden praktischen Postulat der 
psychiatrischen Forschung. 

Nur so weit als ich diesen Nachweis hier noch einmal erbringen 
will — eigentlich steckt er schon in allem bisher Gesagten immer 
wieder drin — , nur so weit besteht für mich ein äußerer Anlaß zur 
Anknüpfung an die Äußerungen meiner Kritiker und zu einer Polemik 
gegen dieselben. Bezüglich meiner Stellung zu Freud selber und 
seinen Forschungen will ich aber, zur Vermeidung von Mißverständ- 
nissen, nochmals ausdrücklich bemerken: Über seine Theorie habe 
ich hinsichtlich ihres Wertes als Theorie in meiner Arbeit gesagt, 
was damals zu sagen war. Der negativen Aufgabe jener Kritik will 
ich im zweiten Bande dieses Buches die positive folgen lassen, 
jene Theorien, deren Richtigkeit ich angefochten habe, einwandfrei 
umzugestalten und so durchzubilden, daß die bisherigen logischen 
und theoretischen Widersprüche, die ich aufwies, in Fortfall geraten. 
Dies wird möglich durch Einordnung der Freud sehen Lehren in 
den Gesamtrahmen der psychologischen Theoretik. Natürlich besteht 
diese Möglichkeit nur so weit, als auch eine materiale Überein- 
stimmung meiner Auffassungen mit denen Freuds und seiner Schule 
besteht. Diese aber besteht in wesentlich weiterem Umfange, als 
meine Ki'itiker merkwürdigerweise voraussetzen. Hierüber verweise 
ich an die zuständigen Stellen des zweiten Bandes. 

Ich möchte vor allem an die recht leidenschaftliche Arbeit Rosen - 
Steins anknüpfen. Dieser Autor ist überzeugt, trotz meinem »großen 
Aufwände an logischen, psychologischen und philosophischen Argu- 
menten« i) die »Unsachlichkeit « meiner Kritik der Theorien bildung 
Freuds »genügend gekennzeichnet zu- haben «2). Er äußert die 
Absicht, nach der Abrechnung mit mir »wieder zur geordneten Arbeit 
überzugehen «2), scheint also für seine eigene Kritik den Anspruch 
auf das Prädikat einer »geordneten Arbeit« nicht zu erheben. Ich 
finde diese Schärfe unangebracht. Persönlich neige ich nicht dazu, 
die Achtung vor dem sachlichen Wollen eines anderen zu negieren, 
mit welchem ich gemeinsame Probleme bearbeite — mag auch der 
Standpunkt ein verschiedener sein. Ich werde mich also Rosen - 
Steins Urteil über seine Arbeit nicht anschließen, obwohl ich seine 



1) S. 741. 

2) S. 798. 



Anhang. 2'Jl 

Argumente und die Art, wie er sie vorbringt, nicht für l>erechtigt 
halte. Der alte Lotze sagt einmal^): »Den Verstimmungen der 
Gefühle halten wir im täglichen Leben viele Unarten und Ungerechtig- 
keiten zugute.« Rosen.steins Kritik i.sl mir sachlich wertvoller, 
als sehr viele zustimmende Kritiken, welche mein Freudbuch erfuhr 
und welche, zuweilen in recht unkritischer Weise, meine Absicht 
völlig mißverstehend, die Meinung vertreten, als sei n\inmehr die 
Freudsche Lehre und das Freud problem definitiv erledigt und 
aus der Welt geschafft. Wie wenig das meiner eigenen Meinung ent- 
spricht, geht aus verschiedenen Stellen meines Freudbuches 2) klar 
hervor, und ich habe es auch schon betont. 

Beide Seiten sind eben voreingenommen; und beide halten mich 
für voreingenommen. Nun war Voreingenommenheit bisher 
überhaupt derjenige Vorwurf, welchen Anhänger und Gegner der 
Freud sehen Lehren einander am häufigsten machten, und fast 
immer mit Recht. Beispiele für diese tatsächliche Voreingenommen- 
heit auf beiden Seiten, und ebenso für die Verbitterung, die sie er- 
zeugte, sind zu lebhaft im allgemeinen Gedächtnis, als daß man an 
dieser Stelle nochmals auf sie zurückgreifen müßte. Das Wort Vor- 
eingenommenheit hat aber einen doppelten psychologischen Sinn. 
Die eine, die umfänglich weitere seiner Bedeutungen, enthält eine 
unentrinnbare, subjektiv notwendige Stellungnahme des in be- 
stimmter Weise disponierten Menschen zu allen Gegebenheiten und 
Problemen. Sie ist eine Teilerscheinung der Determiniertheit alles 
Psychischen, der unausschaltbaren, gefühlsmäßigen und intellek- 
tuellen Begrenztheit jedes einzelnen psychischen Subjekts. Zu ihr 
sich offen zu bekennen und ihr unvermeidbares Wirken nicht hinter 
dem Schein einer historischen oder relativistischen »Objektivität a 
zu verschleiern, ist ein Gebot wissenschaftlicher Ehrlichkeit. Sie ist 
in der psychologischen Forschung genau so eine subjektive Fehler- 
konstante, wie dies bei pliysikalischen und astronomischen Versuchen 
etwa der subjektive Beobachtungsfehler ist. Nur der Unterschied 
besteht, daß letzterer berechenbar ist, ersterer aber nicht. In ihr 
liegt auch der tatsächliche Grund dafür, daß sich die Bearbeiter des 
gleichen psychologischen Problems in Anhänger und Gegner bestimm- 
ter Lösungs versuche spalten. Man soll sie sich gerade bei kritischer 
Arbeit stets vor Augen halten, und schon deshalb empfinde ich es 
als sinnlos, in meiner Kritik der Freudschen Theorienbildung etwa 
eine positive Erledigung der Probleme zu erblicken, deren Lösung 
Freud sich zur Aufgabe gestellt hat. 

Eine ganz andere Bewertung muß dagegen die zweite Bedeutung 
des Wortes Voreingenommenheit erfahren. So stark jeder einzelne 
diircli seine affektiven Präokkupationen, sein geistiges Niveau und 
überhaupt die Besonderheiten seines seelischen Habitus in bestimmten 



1) Mo(l. Psychol. 1852. S. G.'^O. 
«) z. B. S. 134, 136, 222 u. a. m. 



19* 



292 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

Richtungen und Weisen begrenzt ist: Seine Reflexion wird grund- 
sätzlich von Irrtümern durch Gründe überzeugbar bleiben, wofern 
Wille zur Wahrheit besteht und über ein gleiches Tatsachengebiet 
unter gleichen rationalen Voraussetzungen geforscht wird. Diese 
Überzeugbarkeit durch in der Sache selbst gelegene Gründe kann 
einen Kampf kosten. Aber sie ist prinzipiell psychologisch möglich ;^ 
und diese Möglichkeit hängt mit der allgemeinen Stellung der reflek- 
tierenden Funktionen, ihrer Grundlagen und ihrer Ausbildungs- 
fähigkeit innerhalb des Ganzen der Psyche zusammen, die wir in 
einem späteren Bande dieses Werkes zur Darstellung bringen 
werden. Und sie ist in solchem Grade die erste Voraussetzung und 
sittliche Norm wissenschaftlichen Arbeitens, daß ihr Fehlen mit Recht 
einen moralischen Einwand darstellt. Dennoch begegnet man ihr 
in der Praxis wissenschaftlicher Arbeit aller Orten. Heftige Gegen- 
gefühle gegen bestimmte Annahmen, oder das Sichfestgelegthaben 
auf eine bestimmte Meinung, das nicht Unrechtbehalten wollen 
überhaupt, alle sthenischen egozentrischen Affekte, Stolz, Eitelkeit 
und jenes Überlegenheitsbestreben, welches oft nur ein Ressentiment 
gegen die eigene innere Schwäche und Leere ist, gesteigerte Empfind- 
lichkeit und Reizbarkeit gegen Andersdenkende, jener Zustand des 
Nichthörenwollens, des Parteigängertums, und manche andere 
psychische Situationen, endlich vor allem auch die Rücksicht auf die 
Meinung der Umwelt, auf die eigene soziale oder wissenschaftlich- 
offizielle Stellung und ihre Verantwortlichkeiten : Alle diese Faktoren 
schränken das Prinzip der überzeugbarkeit durch Gründe ein. Sie 
schaffen jene Voreingenommenheit im zweiten Sinne, die den Gang 
der Forschung aufhält, persönliche reaktive Verbitterung schafft, 
das Verständnis der Streitenden mehr und mehr erschwert und 
Foreis hübsches Wort von den »alten Negativisten « rechtfertigt, 
welches Stärcke zitiert i). 

Die Einräumung der Möglichkeit einer positiv fördernden Kritik, 
also das Zugeständnis der Möglichkeit eigenen Irrtums, und der 
Wille, sich durch Gründe überzeugen zu lassen, ebenso wie durch 
Gründe überzeugen zu wollen : Diese Dokumente der ethischen Norm 
wissenschaftlichen Arbeitens schließen Voreingenommenheit in diesem 
zweiten Sinne aus. Natürlich aber sind die Bekenner einer bestimm- 
ten Theorie, und mehr noch die Schöpfer derselben, voreingenommen 
in der ersten Wortbedeutung, genau ebenso wie es ihre Kritiker in 
entgegengesetztem Sinne sind. Jedoch damit, und nur damit, ist 
der Wille zur Sachlichkeit, ist sachliche Arbeit an dem umstrittenen 
Problem vereinbar. 

Es ist fast beschämend, daß es notwendig ist — aber es ist tat- 
sächlich nötig, sich dies alles einmal besonders zu vergegenwärtigen. 
Denn so bereit ein jeder Forscher ist, diesen Willen zur Sachlichkeit 
in abstracto als etwas Selbstverständliches anzuerkennen, so oft wird 

1) S. 104. 



^Vnhang. 29S 

wider Beine konkrete Betätigung verstoßen. Ich will nicht in Abrede 
stellen, daß wir hier alle gleich schuldig sind. 

Eine Konsequenz aus diesen Darlegungen wäre folgende : Es 
lierrsclie über gewisse Themen Uneinigkeit. Damit folgt allein 
aus dieser Uneinigkeit, daß die betreffenden Themen Probleme 
darstellen. Der einzelne Forscher mag die Bedeutung ihrer Lösung 
für die eigene Arbeit so gering bemessen, wie er wolle: Für das syste- 
matische Ganze bleiben ungeklärte Probleme diskussionsbedürftig. 
Kein Forscher hat also das Recht, eine derartige Dis- 
kussion als überflüssig abzulehnen. Mithin hat auch kein 
Forscher das Recht, die logische Analyse der Lösungsraöglichkeiten 
eines psychologischen Problems als überflüssig abzulehnen, weil er 
mit bestimmten heuristischen Arbeitshypothesen auf diesem Gebiet, 
gleichviel ob sie richtig seien oder falsch, Positives leiste. Nichts 
anderes tut aber Bleuler, wenn er derartige Analysen ala »Theorie« 
oder »Philosophie« oder dgl. ablehnt. Jene Analyse wird freilich 
möglicherweise seinen heuristischen Arbeitsmaximen, aber niemals 
seinen positiven Leistungen gefährlich werden können, wenn ihm 
jene Hypothesen wirklich nur provisorische Hilfen sind. Jemand, 
welcher gegen die theoretische Kritik einer Hypothese den gering- 
schätzigen P^inwand der »Philosophie« oder der »Scholastik« macht, 
beweist damit nur, daß er sich seinen Hypothesen mit Haut 
und Haar zu verschreiben gewillt ist, und es nicht verträgt, 
wenn ihre Unzulänglichkeit von innen heraus erschüttert wird. Statt 
»eine positiven Leistungen möglichst schroff von seinen Arbeits- 
liilfen abzusondern, kettet er sie zweckloserweise fester an dieselben 
und setzt, was sonst von größter wissenschaftlicher Bedeutung sein 
könnte, der Gefahr der Zerstörung aus. So ist die Behauptung und 
der Nachweis einer Dynamik der psychischen Inhalte durch Freud 
und ihr Ausbau im einzelnen eine große wissenschaftliche Leistung. 
Ihre grundsätzliche Verc^uickung aber mit seinen falschen Hypo- 
thesen gefälirdet sie nicht bloß in ihrer Anerkennung durch andere, 
sondern auch in ihrem wissenschaftlichen Bestände. Theoretische 
Kritik nützt der Freud sehen Leistung hier gegen den Willen ihres 
Schöpfers. 

Eine weitere Konsequenz aus unseren Erwägungen über Vor- 
eingenommenheit läßt sich negativ als das Vermeiden eines vor- 
gefaßten Standpunktes, nie positiv als Forderung immanenter 
Kritik bezeichnen. Dasjenige, was durch diese Forderung aus- 
geschlossen werten soll, ist pben ein Sonderfall jener Voreingenom- 
menheit, der sich gerade beim Gewinn psychologisclier Erfahrungen 
»ind Erkenntnisse besonders häufig herausbildet. 

Wir wiescji bereits darauf hin, wie es im Wesen der psychologi- 
schen Erfalirnng liegt, von aller naturwissenschaftlichen Empirie 
in einem Punkte unterschieden zu sein; und wir werden darauf noch 
bei der Analyse der Gegebenheit im Psychischen zurückkommen. 
Der Unterschied liegt darin, daß nicht nur wahrnehmende, wie bei 



294 Prolegomena zur aUgemeineu Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

den äußeren Naturwissenschaften, sondern zugleich viele andere 
psychische Funktionen am Werden von psychologischen Erfahrungen 
beteiligt sind: daß psychologische Wahrnehmungen immer zugleich 
innere Erlebnisse sind, gebunden an das psychische Ganze des 
Subjekts mit all seinen determinierenden und konstellierenden Ten- 
denzen. Unsere Forderung wird hier erfüllt, wenn jeder Teil sich 
bemüht, das psychologische Material, welches die Grundlage für die 
Arbeit des anderen Teiles bildet, von diesen inneren Voraus- 
setzungen aus begrifflich hinzunehmen, sich also, wie man sagt, 
in den anderen einzufühlen. Genaueres über die Mechanismen, welche 
hierbei ins Spiel kommen, wird an späterer Stelle gesagt werden. 
Aber diese Forui der Immanenz ist die weniger wichtige. Psycho- 
logie als Wissenschaft beginnt erst danach, da, wo Gesetze, wo System 
und Lehre aus dem gewonnenen Material .gebildet wird. Hierbei 
nun wird die Methode der immanenten Kritik besonders wichtig 
sein. In meinem Freudbuch habe ich diese Methode angedeutet i): 
»Außer der Geltung der formalen Logik, sowie der materialen Grund- 
lagen unserer wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt wird sie 
nichts voraussetzen, was es ihr versagte, sich den Prämissen und 
dem Schluß verfahren der jeweils zu beurteilenden Materie anzupassen. « 

In bezug auf diese Anpassung des Kritikers an die Voraussetzungen, 
Schlußweisen und Absichten der Kritisierten herrscht nun zwar eben- 
falls grundsätzliche Einigkeit ; praktisch aber wird sie oft nicht geübt. 
Wenn man z. B. meine Ausführungen im Freudbuch über die Trag- 
weite der Rückassoziation beim psychoanalytischen Verfahren auf- 
merksam verfolgt, und wenn man dann liest, was Rosenstein als 
meine Ausführungen zusammenfaßt und bekämpft, so wird man leicht 
erkennen, daß er sich meinen Gedankengängen nicht angepaßt hat. 
Sein polemischer Versuch nimmt eine Entstellung meiner Darlegungen 
zum Gegenstand, anstatt meiner Darlegungen selber. 

So einig man sich über die Forderung einer immanenten Kritik 
ist, so weitgehende Differenzen bestehen in der Frage, wie die Gren- 
zen dieser Immanenz zu bestimmen seien, wie weit die Anpassung 
des Kritikers an die Voraussetzungen und Schlüsse des Kritisierten 
zu gehen habe. Bleuler, Rosenstein und Lewandowsky wenden 
mir ein, meine Kritik an Freud sei durchaus nicht immer dem Vorsatz 
der Immanenz treu geblieben. Stärcke hingegen hat gerade hier- 
über keinerlei Einwände zu machen, obwohl, — oder besser weil — 
seine Ausführungen an Gründlichkeit und eindringendem Verständnis 
in bezug auf meine Absichten alle anderen Ki'itiken weit überragen. 
Bleuler meint, ich berücksichtige nicht, daß von den führenden 
Freudianern jeder »eine andere Psychologie habe «. Aber von diesen 
kann doch höchstens eine die richtige sein! Rosenstein hält mir^) 
die Benützung eines Gedankenganges von Husserl als »größten 



1) S. 188. 

2) S. 794. 



Anhang. 295 

Fehler einer immanenten Kritik« vor. Lewandowsky meint, es 
ließe sich nicht einsehen, warum nicht der forschende Empiriker sicli 
seine Begriffe und Gesetze beliebig nach den Erfordernissen der zu 
bearbeitenden Materie und nach seinem Kenntnisstande derselben 
sollte bilden dürfen, unabhängig von irgendwelchen Voraussetzungen 
theoretischer Ai't. Diese Auffassungen decken sich zum Teil mit 
Bleulers Forderung, philosophische Gesichtspunkte aus den empi- 
rischen Arbeiten auszuschalten. Dieser Einwand bedarf der Klärung : 
er könnte sonst gegen die genannte Absicht des vorliegenden Werkes 
ebenso ausgesprochen werden, wie er gegen mein Freud buch aus- 
gesprochen worden ist. 

Aller Streit in der Wissenschaft, soweit er nicht ein Streit um 
Tatsachen ist — und auch soweit er ein Streit um Tatsachen ist — 
kommt immer wieder auf allgemeinste methodische und logisch- 
kritische Dissense hinaus; und es ist für die zukünftige Sicherung 
des Wertvollen und Bleibenden einer jeden beliebigen Lehrmeinung 
gut, wenn man bemüht ist, sie diesem Streit ein für allemal zu ent- 
rücken. Besonders muß dies ein jeder empfinden, der dies Wert- 
volle und Bleibende nicht lediglich in den neuen Tatsachen, sondern 
vielmehr in den neuen Zusammenhängen und Gesetzen seelischen 
Lebens erblickt, welche den einzelnen Lehrmeinungen zu verdanken 
sind. 

Die ideale Lösung dieser Aufgabe, und zugleich einer der Haupt- 
zwecke des vorliegenden Werkes wäre es, der Forschung die Kri- 
terien für die Gültigkeit aller möglichen theoretischen 
Konzeptionen, welche irgendwie gemacht werden könnten, 
an die Hand zu geben Dies schließt den Nachweis in sich, daß diese 
Kriterien jeder möglichen derartigen Konzeption de facto und de 
jure immanent sind. Der Gedanke freilich, daß es derartige Kri- 
terien für jede mögliche Konzeption geben könne, ist den meisten 
Forschern selber ungewohnt und unbequem. Es muß aber gegen 
den trägen Relativismus Front gemacht werden, welchen sich Le- 
wandowsky zu eigen macht, wenn er eine »anderartige philo- 
sophische Vorbildung« oder Ansicht^) in Fragen logischer und theo- 
retischer Richtigkeit für gleichberechtigt mit seiner eigenen oder 
einer sonstigen hält. 

Derartige Kriterien lassen sich nur entwickeln als psychologische 
Theorie: Wir haben dies in der Wissenschaftslehre des Psychischen 
getan; und wir haben dabei die Voraussetzung gemacht, daß die 
Form aller empirischen Theorie auch für die psychologische Empirie 
notwendig und verbindlich ist. Unsere wissenschaftstheoretische 
Aufgabe bestand in der Prüfung ihrer Anwendbarkeit auf Psychisches. 

Diese Voraussetzung einigt uns völlig mit Freud und seiner 
Forschung. Daß sie aber berechtigt ist, muß erst besonders erwiesen 
werden. Es gibt Forscher, welche dieses Recht zum mindesten ein- 

') S. 833. 



296 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

schränken oder teilweise bestreiten. Einige, wie Rickert. haben 
wir schon widerlegt. Andere werden wir anläßlich der Erörterungen 
der Gegebenheit des Psychischen, seiner Seinsweisen und Erfahr- 
barkeit, zu beurteilen haben. 

Nehmen wir an, jene Voraussetzung psychologischer Theorie sei 
in verbindlicher Weise erwiesen. Was ist dann das Wesen der Kritik? 

Kritik hat zu untersuchen, ob die von ihr zu prüfenden Be- 
hauptungen und Lehren richtige Erkenntnis oder Irrtümer sind. 
Das Ergebnis dieser Prüfung hat sie zu begründen. Die Kriterien 
für Richtig und Falsch werden also, ihrer grundsätzlichen Geltung 
und Bestimmung nach, für das Geschäft dieser Kritik nicht erst 
abgeleitet und entwickelt, sondern bereits als gültig vorausgesetzt. 
Ihre Ableitung und Entwicklung ist die Aufgabe der Wissenschafts - 
theorie und Methodologie. Die Leistung, welche die Kritik an einer 
bestimmten Lehrmeinung vollzieht, besteht darin, die Inhalte dieser 
Lehrmeinung auf die durch die vorausgesetzten Kriterien bestimmten 
Gültigkeitsgrundlagen zurückzuführen . 

Diese Kriterien nun sind für die immanente Kritik einer wissen- 
schaftlichen Lehrmeinung genau die gleichen, wie sie für die Auf- 
stellung dieser Lehrmeinung sind. Die Forderung der immanenten 
Kritik ist verwirklicht bei voller Gleichheit ihrer Kriterien 
mit denen, unter welchen diese Lehrmeinung gebildet wurde. Der 
Unterschied liegt nur darin, daß der Schöpfer einer Lehrmeinung 
sich ihrer Kjiterien nicht immer bewußt zu sein braucht, ja sich ihrer 
in der Regel durchaus nicht mit Vollständigkeit bewußt sein wird, 
während die Voraussetzung der Kritik das Wissen um diese Kri- 
terien ist. Daß der Schöpfer einer Lehre sich dieser Kriterien nicht 
abstrakt bewußt ist, liegt einmal an der schöpferischen Persönlich- 
keit selber, deren synthetische Fähigkeiten das Zugleichbestehen 
kritischer Momente in ihrer Reflexionsweise nur zu ihrem eigenen 
Schaden zu dulden scheinen. Ferner liegt es aber auch in der Neuheit 
und dem ungeformten Zustande des schöpferisch erschlossenen Ge- 
bietes. Der Kritiker, welcher es dank der schöpferischen Arbeit des 
Entdeckers in fertiger Form vorfindet, hat es viel leichter, es in das 
Wissenschaftsganze einzuordnen und durchzuprüfen. Nennt der 
Kritiker dem Schöpfer einer Lehre nun seine Kriterien und begründet 
die Notwendigkeit sie anzuwenden, so kann der Fall eintreten, daß 
der Schaffende eines dieser Kriterien zurückweist. Dann wäre es 
zunächst kein immanentes Kriterium in dem Sinne, daß der Schöpfer 
der Lehre es bei deren Bildung angewendet hätte und angewendet 
wissen wollte. Dennoch könnte es ein immanentes Kriterium in 
einem anderen Sinne sein. Der Bildner der Theorie könnte nämlich 
zu seiner Ablehnung des Kriteriums durch einen Irrtum gelangen, in 
welchem er sich über die Gültigkeitsgrundlage seiner Lehre befindet. 
Natürlich könnte auch der Kritiker irren. Eine Entscheidung wird 
hier stets nur durch ein regressives Verfahren, einen Rückgang zu 
den allgemeinsten Grundlagen der Gültigkeit der betreffenden Lehre 



Anhang. 297 

und ihrer systematischen Aufweisung herbeigeführt werden. Erweist 
sich hierbei das Kriterium als eine weder notwendige noch hinreichende 
Bestimmung der Gültigkeit dieser Lehre, so ist es in der Tat keia 
immanentes Kriterium, obwohl es an sich nicht falsch zu sein braucht, 
sondern für ein anderes Erkentnisgebiet richtig sein kann. Erweist 
es sich aber als eine solche Bestimmung, so ist es ein Kriterium für 
die Gültigkeit der betreffenden Lehre: nicht immanent in defia 
»Sinne, daß es unter den Kriterien, deren der .Schöpfer jener Lehre 
sich bewußt war, niclit vorkommt, dennoch aber immanent in 
dem Sinne, daß es eine notwendige und hinreichende Bestimmung 
für die Grundlagen der Geltung dieser Lehre abgibt. 

Nur in diesem letzteren, objektiven Sinne sollte man von der 
Immanenz einer Kritik sprechen. Ich habe also, wenn ich irgendeine 
psychologische Hypothese oder Konstruktion, z. B. die Lehre von 
Freud, kritisch prüfen will, die Aufgabe, diejenigen Kriterien, welche 
ich dieser Lehre für immanent erachte, also als hinreichende und not- 
wendige Bestimmungen der Grundlage ihrer Geltung ansehe, als die 
Voraussetzungen meiner Kritik anzugeben. Bezweifeln die Ver- 
fechter dieser Lehre die Berechtigung von einem oder dem anderen 
dieser Kriterien, so habe ich dessen tatsächliche Immanenz, dessen 
faktisches Zugrundeliegen für die Lehre nachzuweisen. Dabei ist 
noch die weitere Frage ganz außer Spiel, ob irgendein Rechts - 
grund für die Zugrundelegung dieser Kriterien besteht. Ich habe 
nur die tatsächliche Notwendigkeit darzutun, es auf den betreffen- 
den Fall anzuwenden. 

Ich habe nun in meinem Freudbuch zwei Reihen dieser Kriterien 
genannt: die formale Logik, und die materialen Grundlagen wissen- 
schaftlicher Erkenntnis überhaupt. Als weitere Kriterien habe ich 
nur solche angedeutet, welche bereits bei der Konzeption der Lehre 
den Forschern selber als Kriterien vorgeschwebt haben. Den Rechts- 
anspruch dieser Kriterien habe ich nicht begründet, ganz entsprechend 
den obigen Darlegungen. Diese beiden Reihen von Kriterien, die 
formale Logik und die materialen Grundlagen wissenschaftlicher 
Erkenntnis überhaupt, sind nun die immanenten Kriterien für jede 
im Bereich der Psychologie überhaupt mögliche Theorie, Konstruk- 
tion und Hypothese. Ihr theoretischer Charakter ist mit dieser tat- 
sächlichen Immanenz absolut vereinbar. Keine Theorie, welche 
diesen Kriterien nicht genügt, kann richtig sein. Die Begründung 
des Rechtsanspruchs dieser Kriterien braucht nicht in der Kritik 
beliebiger Theorien selber zu erfolgen; in diesem Werke ist sie in der 
Wissenschaftstheorie erfolgt; den Nachweis ihres tatsächlichen Im- 
manenzcharakters für jede psychologische Theorie erbringt zugleich 
die Begründung ihres Rechtsanspruchs. 

Aus den Gegenschriften gegen mein Freudbuch habe ich ersehen 
müssen, daß dieser Standpunkt nicht überall geteilt wird. Die kriti- 
sierten Forscher waren nicht einmal alle mit der formalen Logik als 
immanentem Kriterium einverstanden. Vollends ist ihnen der Be- 



298 Prolegomena zur allgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

griff der »materialen Grundlagen wissenschaftlicher Erkenntnis 
überhaupt« nicht deutlich geworden. Was sie unter dem letzteren 
verstanden haben, lehnen sie mit großem Rechte ab. So Rosen - 
stein, welcher im Ernst meint, ich bezeichne damit »Konzeptionen 
der Bewußtseinspsychologie «, »besten Falles so viel, als die Schul- 
psychologie Kenntnisse zu vermitteln vermag «i). Dafür behaupten 
sie andererseits, ich dürfe mich nur derjenigen Kriterien bedienen, 
welche sie selber mit Bewußtsein beim Aufbau der Lehre verwendet 
hätten; ich müsse berücksichtigen, daß jeder Forscher seine eigene 
Psychologie, seine eigenen Arbeitshypothesen habe. 

Ein Teil der hierin liegenden Mißverständnisse dürfte bereits ge- 
klärt sein. Im übrigen ist folgendes zu sagen: 

Eine jede empirische Theorie, also auch die psychologische Lehre 
Freuds usw., steht unter zwei Arten von Kriterien ihrer Gültigkeit: 
gegenständlichen und methodischen. 

Was die gegenständlichen Kriterien anbetrifft, so ist es selbst- 
verständlich, und ich habe es auch in meiner Freud -Kritik^) mehr- 
mals betont, daß in erster Linie das Material der zu prüfenden 
Schlußweisen, also das was jene Forscher die Tatsachen nennen, Kri- 
terien der Gültigkeit einer hierüber aufgestellten Lehre abgibt s). 
Das ist eine Binsenwahrheit; und Rosenstein irrt, wenn er glaubt, 
ich lehnte das Studium der Tatsachen für meine Kritik an Freud 
»prinzipiell« ab*). Ich stelle mir vielmehr ausdrücklich die Auf- 
gabe^), »zu erörtern, wie weit eine Verifizierung oder Kritik der Tat- 
sachen Freuds möglich sei«. Erst eine methodische Untersuchung 
über die Art der Gewinnung und Darstellung der Tatsachen 0) bei 
Freud führt mich zu der Überzeugung, daß man »die Tatsachen im 
Wege von Freuds und Bleulers Verfahren weder zu bestätigen 
noch zu widerlegen vermag«. Ob diese Überzeugung und ihre Be- 
gründung in meiner Arbeit richtig ist oder nicht, ist eine andere 
Frage; daß man aber auch die Tatsachen nach Art ihrer Gewinnung 
und Beobachtung kritisch prüfen kann, wird man mir wohl zugeben. 
Daß man es sogar tun muß, werde ich noch in demjenigen Abschnitt 
dieses Buches nachweisen, in welchem vom Wesen der Tatsache im 
Psychischen und ihrer Stellung zur psychologischen Theorie die Rede 
ist. In meinem Freudbuch sage ich ausdrücklich, wir müßten uns, 
»wohl oder übel« an die Theorie halten'), da aus den Tatsachen 
selber — auf Grund genau begründeter kritischer Erwägungen — 
der Kritiker Einsicht über die Gültigkeit oder Ungültigkeit Freud - 
scher Lehre nicht zu gewinnen veimag. Ich bestreite also die Tat- 



1) S. 754. 

2) Vgl. Freudbuch. S. 135, 193. 

3) a. a. O. 135, 136, 193. 

4) S. 742. 

5) s. um. 

6) S. 190-197. 

7) S. 197. 



Anhang. 299 

Sachen uicht, noch »verschmähe ich die Wahrnehmung«»), ich stehe 
lediglich auf dem Standpunkt, den Stärcke mir mit Recht zuweist: 
daß in einer Kritik allerdings »für Phantasie kein Platz «2) iHt. Ich 
lehne freilich andererseits durchaus ah, was Stärcke mir zutraut, 
der schöpferischen Persönlichkeit, dem Entdecker von wissenschaft- 
lichem Neuland das Recht an diese »Phantasie« zu schmälern, welche 
ich gerade bei der Gewinnung und Verwertung seiner Tatsachen für 
sein wertvollstes geistiges Werkzeug halte. Dieser Unterschied 
scheint mir gerade die notwendige Ergänzung von Neuschöpfung 
und kritischer Selbstbesinnung in der wissenschaftlichen Forschung 
schlagend auszudrücken»). 

Hier ist mir nur dies wichtig: daß ich in meinem Freudbuch, an- 
gesichts der Ergebnisse meiner damaligen Prüfung der Tatsächlichkeit 
psychischer Tatsachen, ausdrücklich nur als einen Notbehelf die 
methodischen Kriterien und die Theorie herangezogen habe. Wie 
deutlich ich mir der begrenzten Tragweite einer solchen auf das Theo- 
retische eingeengten Kritik bewußt war, zeigt der Satz meines Buches, 
welchen alle meine Kritiker vernachlässigt haben: »Eine Kritik an 
dem systematischen Aufbau eines Lehrgebäudes vermag nur zu 
prüfen, ob die Formulierung und der Zusammenhang seiner einzelnen 
Inhalte den Forderungen der Logik und der Theorie des Erkennens 
Genüge tut oder nicht. Die tatsächlichen Ausgangspunkte könnten 
trotz aller Fehler in den daraus gewonnenen Gesetzen ganz richtig 
sein«*). Ich glaube, die mir von Rosenstein usw.*) angemutete 
»prinzipielle Gegnerschaft« gegen Freud fällt nach diesem einen 
Satze schon ebenso in sich zusammen, wie meine »prinzipielle« Be- 
streitung der Tatsachen. 

Eine weitere Frage ist, ob neben den »Tatsachen« noch irgendein 
anderes Kriterium zu Recht besteht. Bleuler scheint das, wenn ich 
seine Polemiken gegen Isserlin und mich und seine sonstigen Äuße- 
rungen richtig auffasse, überhaupt zu bestreiten. Rosenstein 
billigt wenigstens noch die formale Logik als ein solches Kriterium. 
Nun sagte ich bereits : die Immanenz der formalen Logik wie der 
materialen Grundlagen möglicher wissenschaftlicher Erkenntnis über- 
haupt besteht für jede mögliche psychologische Theorie, also auch 
für die Freudsche. Beide Kriterienreihen gehören zu den metho- 
dischen Kriterien im weitesten Sinne. 

Jede empirische Theorie verbindet die Tatsachen, welche ihr Ma- 
terial bilden, zu Gesetzen. Das Auffinden dieser Gesetze vollzieht 
sich durch Schlußweisen. Die Schlußweisen, die zu diesen Gesetzen 
geführt haben, durchyuprüfen, ist die Aufgabe der formalen Logüc. 



*) Rosenstein 749. 
2) S. 70. 

3) Daß ich den Schöpfern tltr Freud.-chcn Lehre dieses Recht lasse, geht 
aus vielen Stellen meines Freudbuches hervor: so 8. 13.?, 213, 247, 248. 
*) S. 136. 
5) S. 756. 



300 Prolegomena zur aUgemeinen Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

Diese formale Logik wird von der Kritik als faktisch immanent und 
als gültig vorausgesetzt. Ihren Rechtsgrund besonders darzutun 
ist nicht Aufgabe der Einzelkritik. Sie braucht mithin Bleulers 
Satz nicht zu widerlegen, daß »die Formen unserer Logik nur die durch 
die Erfahrung gegebenen Assoziationen wiederholen oder Analogien 
dazu bilden«^); und kann dennoch behaupten, Kriterium auch für 
diese imsinnige Auffassung Bleulers von Logik zu sein. Lediglich 
die faktische Immanenz der formalen Logik für jede mögliche psycho- 
logische Theorie ist noch nachzuweisen. Sie folgt aus der Tatsache, 
daß es ebenso möglich ist, sich in den Formen der Begriffsbildung, 
der Unterordnung und des Schließens, kurz der denkenden Bearbeitung 
zu irren, wie man sich in den Tatsachen zu irren vermag. Die Mög- 
lichkeit des Irrtums setzt aber bereits voraus, daß es hier ein Richtig 
und ein Falsch und eine mögliche Entscheidung darüber gibt. Die 
formale Logik hat diese Entscheidungen über richtiges und falsches 
Denken, soweit sie die Form des Denkens betreffen, bereits grund- 
sätzlich getroffen. Bleulers besonderes Verfahren für den Einzel- 
fall seiner Theorie ist also nur ein spezieller Anwendungsfall dieser 
generellen Entscheidungen; und diese letzteren sind mithin ein im- 
manentes Kriterium für seine Schlußweisen. 

Über die zweite Reihe von Kriterien, welche wir als materiale 
Voraussetzung wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt bezeichnet 
haben, genügen nach den Ausführungen des wissenschaftstheoretischen 
Teiles dieses Buches wenige kurze Worte. Die Notwendigkeit dieses 
Kriteriums folgt aus dem Wesen der wissenschaftlich ausgebildeten 
Naturtheorie. Auch fällt die Begründung dieses Kriteriums hinsicht- 
lich seines Rechtsanspruchs nicht mehr in den Rahmen der Kritik 
einer einzelnen Lehrmeinung selber hinein. Nur die tatsächliche 
Immanenz dieses Kriteriums für jede mögliche empirische Theorie 
muß nachgewiesen werden. Dieser Nachweis aber ist durch die tat- 
sächliche Feststellung erbracht, daß es sich bei den Lehren Freuds 
und Bleulers wirklich um Naturtheorie handelt. Diese Feststellung 
habe ich in meinem Freudbuch gemacht 2) ; ich habe dort den induk- 
tiven Charakter des Schlußverfahrens jener Forscher nachgewiesen 
und dabei die völlige logische Korrektheit ihrer induktiven Gebilde 
bestätigt. Daß aber allen Induktionen, sie mögen über ein Gebiet 
angestellt werden, welches es sei, nicht bloß formal-logische Voraus- 
setzungen, sondern auch materiale Voraussetzungen wissenschaft- 
licher Erkenntnis überhaupt zugrunde liegen, dies wird in der Wissen- 
schaftstheorie und in der Theorie der Induktion nachgewiesen. Es 
handelt sich um dasjenige nichtlogische Notwendige, welches im 
Inhalte des Obersatzes jeder möglichen richtigen, vollständigen In- 
duktion enthalten ist, und daraus durch ein regressives Verfahren 
aufgefunden werden kann. Das Schema der Induktion ist ein Schluß- 



1) Dementia praecox. Leipzig 1911. S. 292. 

2) S. 188—190. 



4 
Anhang. 301 

verfahren, in dessen Untersatz das empirische Material, in dessen 
Obersatz die Existenz einer gesetzesmäßigen Verknüpfungsform über- 
haupt steht. Diese gesetzmäßige Verknüpfungsform findet sich in 
demjenigen Schema der Anwendungsart schematisiert, welches für 
die Erfahrungsweisen des betreffenden Tatsachengebiets gilt. Die 
Konsequenz aus beiden Prämissen, der induktive Schluß selber, ver- 
bindet die empirische Mannigfaltigkeit des Untersatzes mit der 
apriorischen Notwendigkeit, mit der Gesetzesform des Obersatzes. 
Das System dieser apriorischen Notwendigkeiten, befreit von jeder 
empirischen Bestimmung, ist die materiale Voraussetzungsreihe jeder 
möglichen wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt. Es gehört nicht 
der formalen Logik an, denn es hat sjmthetischen Charakter, während 
die Logik nur analytische Urteile aus sich erzeugt. Es sind jene 
synthetischen Grundsätze a priori aus Begriffen, welche wir seit 
Kant als »Grundsatz der Antizipationen der Wahrnehmung«, »Ana- 
logien der Erfahrung« und »Postulate des empirischen Denkens 
überhaupt« bezeichnen^). Sie geben jeder möglichen wissenschaft- 
lichen Erfahrung das Fundament. Hiergegen meint Rosenstein: 
»Gegen Bleuler wird Kant mobilisiert «2), Das ist natürlich nicht 
richtig. Bleuler und Kant stehen sich nicht als gleichberechtigte 
Gegner in einer Einzelfrage der Naturwissenschaft gegenüber. Viel- 
mehr verfehlen sich Bleulersche Einzelbehauptungen gegen die 
Grundlagen jeder möglichen Naturtheorie überhaupt. Denn jede 
mögliche Naturtheorie muß die genannten Grundsätze bereits als 
gültig voraussetzen, so gut wie sie die Formen der Logik voraus- 
setzen muß, um gültig zu sein. Möge doch Bleuler selbst einmal 
entscheiden, ob ein Widerspruch seiner Lehre möglich ist oder gar 
angestrebt wird zu Gesetzen wie: Alle Qualitäten sind von stetig 
abstufbarer Intensität; jede Veränderung der Erscheinung ist die 
Wirkung einer Ursache — oder: das Kriterium der Wirklichkeit ist 
das Dasein zu einer bestimmten Zeit. Nicht darin liegt irgendein 
dogmatisches Hinausschreiten über das Prinzip der Immanenz, daß 
man diese Sätze als faktische Inhalte des Obersatzes jeder möglichen 
Naturtheorie anerkennt. Denn dieses tatsächliche Zugrundeliegen 
derselben wird lediglich durch formale Logik, durch Regreß aus be- 
liebigen empirischen Sätzen jederzeit aufgewiesen, also durch eine 
Methodik, über welche Rosenstein und ich einig sind. Der Ein- 
wand, das Prinzip der Immanenz würde überschritten, könnte irgend- 
einen Sinn überhaupt nur dadurch erhalten, daß er bemängeln will, 
daß ich einen bestimmten richtigen Grund der Gültigkeit für ejne 
Grundsätze anerkenne, welcher ein anderer ist als der, den Bleuler 
anerkennen würde. Allein genau so lag die Sache doch schon bei der 
formalen Logik. Die Begründung des Rechtsanspruchs dieser Kri- 
terien geht weder dem Schöpfer noch dem Kritiker einer empirischen 



1) Kritik rl. r. Vernunft. I. Ausgabt-. 5>. 187 ff. 

2) S. TOS. 



302 Prolegomena zur allgemeineu Psychiatrie als strenger Wissenschaft. 

Theorie etwas an: beide interessiert nur der Nachweis ihrer tatsäch- 
lichen Immanenz für diese Theorie. Über die Rechtsgründe und 
Ursprünge jener allgemeinsten materialen Grundsätze mögen Bleuler 
und ich gerade so verschiedener Meinung bleiben, wie über die Rechts- 
gründe der Geltung formaler Logik: Über das Faktum der Geltung 
sind wir uns Jedenfalls einig. Und nur dieses Faktum entscheidet 
über die Immanenz unserer wissenschaftstheoretischen Grundsätze, 
so wie wir sie in diesem Buche entwickelt haben, als Kriterien für 
jede mögliche psychologische Theorie. 



Grundlinien der Pliänonienologie und deskriptiven 
Theorie des Psychisehen. 

Zur Einführung. 

In den bisherigen Darlegungen hatten wir die Frage erörtert, ob 
und inwieweit eine erkenntnismäßige Bearbeitung des psychischen 
Materials Psychiatrie als Wissenschaf t zu konstituieren oder zu fördern 
vermöge. Wir hatten diese Frage vorerst noch offen gelassen und als 
Problem aufgestellt. Wir hatten auch die herrschende Meinung 
nicht unbesehen hinzunehmen empfohlen, nach welcher die erkenntnis- 
mäßige Bearbeitung des psychischen Materials den naturwissen- 
schaftlichen Methoden und der Psychologie ohne weiteres zu über- 
lassen sei. Allerdings hatten wir die naturwissenschaftliche Metho- 
dologie und Fundierung der Psychologie gegen die grundsätzlichen 
individualpsychologischen und historisch-geisteswissenschaftlichen An- 
sprüche Rickerts und seiner Schule wohl behaupten können und durch 
genaue wissenschaftstheoretische Untersuchung gesichert. Was hier- 
nach allein noch problematisch bleibt, ist lediglich die Ausschließ- 
lichkeit, mit der die naturwissenschaftlich orientierte Psychologie 
für die psychologische Erkenntnis überhaupt maßgeblich sein soll. 
Denn die Widerlegung Rickerts ist noch nicht eine solche jeder an- 
deren Mögliclikeit. 

Daß hierin ein Problem bestehe, wird den wenigsten einleuchten. 
Und doch hat sich auf die Frage nach der Methode, dem Erkennt- 
nisanspruch und dem wissenschaftlichen Charakter der 
Psychologie bisher noch niemals eine ebenso eindeutige und allge- 
mein aiieikennende Antwort gefunden, wie dies hinsichtlich der 
gleichen Frage für die physischen Gegenstandsgebiete beinahe mit 
Selbst verständliclikeit der Fall war. Es bestünde nun zwar die 
Möglichkeit, durch eine systematische Erkennt nislehre der Psyciio- 
logie die Antwort auf diese Frage zu suchen. Und diesen Weg sind 
wir in der Wissenschaftstheorie auch gegangen. Jedoch eine solche 
Loslösung der Arbeit aus der Kontinuität des wissenschaftlichen 
Denkens und Forschens scheint uns allein nicht völlig ausreicliend. 
Sie entspräche auch dem Vorsatz nicht, den wir in unseren pro^ram- 
matischen Ausführungen kundgetan haben: uns überall bei unseren 
kritischen und fortnalen Untersuchungen an das Bestehende zu 
halten und dieses logisch bis zu strengeren Fassungen weiter durch- 



304 ^ Grundlinien der Phänomenologie u. deskriptiven Theorie des Psychischen. 

zubilden. Wir werden also auch in der Phänomenologie an die be- 
stehenden Ansichten und Lehren, Methoden und Grundlegungen 
hinsichtlich der Gegebenheit und der Erkenntnisweisen vom Psy- 
chischen anknüpfen, so wie wir sie — in jeweils verschiedener Klärung 
und theoretisch verschiedener Bedingtheit — nebeneinander vor- 
finden. Daß wir vom kranken Seelenleben handeln, davon müssen 
wir freilich zuerst absehen; denn es ist vorerst und im Prinzip nicht 
anderen Erkenntnisquellen zugänglich, als das nicht »kranke« 
Seelenleben. 

Das eingangs angedeutete Problem des naturwissenschaftlichen 
Charakters der Erkenntnis vom Seelischen ist nun in der Tat in der 
gegenwärtigen Zeit durch das Auftreten einer neuen Erkenntnis - 
methode, die sich als spezifisch phänomenologisch ausgibt, in den 
Vordergrund der Erörterungen gerückt worden. Und wir werden 
gut tun, an den Entwicklungsgang dieser Methode anzuknüpfen, 
um von hier aus kritische Klarheit über die Möglichkeit wissenschaft- 
licher Psychologie und Psychopathologie zu gewinnen. Die phäno- 
menologische Methode — unter der früher nur die naturwissen- 
schaftliche Beschreibung des Beobachteten verstanden wurde — 
ist in der letzten Zeit von ihren hervorragendsten Vertretern nach 
ganz anderer Richtung entwickelt und ausgebaut worden, mit dem 
Anspruch, eine geisteswissenschaftliche Methode, ja gleichsam die 
Vorwissenschaft aller geisteswissenschaftlichen Disziplinen zu sein. 
Ob dieser Anspruch zu Recht besteht, bedarf einer Untersuchung. 
Ihr wird im folgenden die ihr zustehende Stellung angewiesen werden. 
Dabei wird noch einmal geprüft werden, ob es möglicherweise über- 
haupt berechtigt ist, einen solchen Unterschied der Wesensart von 
Natur- und Geisteswissenschaften anzuerkennen. Wir lassen den 
Anspruch der Phänomenologie, eine Geisteswissenschaft zu sein, 
vorerst ganz außer acht. Wir nehmen es hin, daß ihr auch das Gegen- 
standsgebiet des psychologischen inneren Lebens zufallen soll. Und 
indem wir ihren Entwicklungen vorerst folgen, stellen wir nicht etwa 
Psychologie als Geisteswissenschaft in den triumphierenden Gegen- 
satz über eine entthronte Naturwissenschaft. Nichts liegt uns ferner: 
Wir betrachten diesen Gedanken vielmehr zunächst als einen mög- 
lichen geistigen Weg, der uns von der TTQiorri (pikooocpia, von den 
ersten unmittelbarsten und wahrhaftesten Selbstbestimmungen des 
eigentätigen Geistes hinüberleiten soll zum Verstehen und Begreifen 
aller Einzelzüge im Innenleben des fremden Ich, auch und gerade da, 
wo wir es »krank« nennen. Wir prüfen diesen Weg nur hinsichtlich 
unserer Forderung, ob er die Form strenger Wissenschaft anzunehmen 
vermag und gewährleistet, die wir an Stelle der bisherigen Subjek- 
tivität einfühlenden Zu falls verstehens und symptomatologischer Kon- 
venienzen zu setzen wünschen. — Denn — dieses Erkenntnis und 
dieses Bekenntnis hat eine jede Psychologie sich immer wieder zu 
erneuern — wir wollen über der Hirnforschung und der Serologie, 
dem Reihenexperiment und dem Assoziationsschema nicht wieder 



Zur Einführung. 305 

vergessen: der menschliehe Geist ist es, die Seele, doH Ich, dessen 
Äußerungen auch dort vorliegen, wo wir von Krankheit und Z«*r- 
rüttung reden. Ihre Reduktion auf Faktoren außerhalb dieses Ich, 
auf Gehirn und innere Sekretion, auf Xervenbaiin und quantifizier- 
bare extensive Funktion ist für den unbefangenen Blick zunächst 
ein Umweg, ein Zeugnis unserer geistigen Hilflosigkeit vor dem Wesen 
der Phänomene selber. Die Aufgabe wäre, diese Phänomene durch 
sich selber in ihrer eigenen Ganziieit und eigenen Struktur begrifflicli 
zu erfassen. Es muß also an diesen Pliänomenen untersuclit worden, 
worauf diese seltsame Konstellation unseres Wissens und Nicht- 
wissens bisher beruht hat, und ob es da nicht jenen behaupteten 
Weg jenseits der Naturwissenschaft, einen direkten, wesenhaften 
imd zum Wesen führenden Weg gibt, Als solcher bietet die phäno- 
menologische Methode sich an. Wir werden zu prüfen iiaben, ob 
und inwieweit er gangbar ist ; wie er die bisherigen psychopatho- 
logischen Errungenschaften, jene der Psychologie nach natur- 
wissenschaftlicher Methode, stützt und vertieft; und inwieweit 
diese zu ihrer eigenen Möglichkeit der Phänomenologie bedürfe und 
nicht entraten könne. Wir werden sciiließlich den modalischen 
Grund dieser neuen Methode unter dem besonderen Gesichtspunkt 
betrachten, ob da wirklich ein Gegensatz zur naturwissenschaftlichen 
Psychologie schon in den Fundamenten des Erkennens besteht. Was 
in der einen Erkenntnismethode als richtig erkannt ist, kann in der 
anderen nicht falsch sein. Die Frage, ob das paradoxe Nebenein- 
anderstehen zweier Erkenntniswissenschaften vom Psychischen hier 
wirklich angenommen werden muß, oder ob ein Verhältnis gegen- 
seitiger Über- und Unterordnvmg beider Erkenntniswissenschaften 
vorliegt, und welcher Art dieses Verhältnis ist, werden wir zu ent- 
scheiden haben. Damit wird sich uns der Weg zum Aufbau der 
Seelenerkenntnis als strenger Wissenschaft, den die psychologische 
Wissenschaft st lieorie begonnen hat, auch für das Gebiet der Psycho- 
pathologie vollenden. 

Diese Untersuchungen selber sind keine systematische Pliäno- 
menologie des Psychischen. Sie sind überhaupt nocli keine 
Phänomenologie. Vielmehr legen sie überall erst den 
Grund zu einer solchen und klären ihre Positionen. Diese 
Grundlegung ist ihrerseits in Wesen und Methode naturgemäß etwas 
außerhalb der phänomenologischen Forschung liegendes, 
soll doch diese Forschung auf der hier errichteten Basis innerhalb 
des wissenschaftlichen Ganzen erst möglich und gesichert werden. 
Sie ist ein logisches und theoretisches, von empirischen 
Tatbeständen ausgehendes und sich in regressiven Ab- 
straktionen bewegendes Verfahren. Dies sei besonders betont, 
um fehlgreifende Erwartungen nicht zu enttäuschen. 

Bevor nun im folgenden auf die Sache selber eingegangen wird, 
seien noch einige Worte über den Gang der Untersuchung vorauf- 
geschickt. Es wird zunächst, in dem Abschnitt »Erlebnis und 

Eroafcld, Psychiatrische Erkenntnis. 20 



306 Grundlinien der Phänomenologie u. deskriptiven Theorie des Psychischen. 

seelische Funktionen«, der Entwicklungsgang phänomenolo- 
gischer Fragestellungen heuristisch und an Beispielen ihrer hervor- 
ragendsten Vertreter entwickelt, und die Hauptprobleme gleichsam 
auf ihrem Werdegang begleitet und beleuchtet, bis sie zuletzt in 
ihrer gegenwärtigen Ungelöstheit verlassen weiden. In einem kurzen 
weiteren Abschnitt prüfen wir, was uns bisherige Forschung über 
die Gründe unseres »Wissens vom fremden Ich« gelehrt zu 
haben behauptet. Auch hier verlassen wir den Gegenstand, sobald 
wir seine gegenwärtige Problematik beleuchtet haben. Sodann wird 
in einer ergänzenden Gedankenreihe »die Gegebenheit des Psy- 
chischen und der Gang ihrer Erkenntnis« wenigstens in den 
Grundzügen durch eine von Differenzen, Mehrdeutigkeiten und 
Unklarheiten möglichst gereinigte Entwicklung dargelegt. Hier 
sollen die ungelöst stehengebliebenen Fragen ihre Auflösung finden. 
Insbesondere zwei Darlegungen waren bisher mit großen Schwierig- 
keiten behaftet, und dies sind gerade die Fragestellungen, die für 
das Problem der theoretischen Psychiatrie von größter Bedeutung 
sind: die Stellung der Phänomenologie zur Psychologie, und ihre 
Beziehung zu logischen und theoretischen Bearbeitungen. Eine 
kritische Prüfung des vorliegenden Materials hat mich dazu geführt, 
in beiden Fragen einen Standpunkt zu vertreten, der vom herrschen- 
den der Hus serischen Richtung sich wesentlich entfernt. Ich sehe 
den Sondercharakter der phänomenologischen Einstellung nicht in 
apriorischen Intuitionen, deren modalische Reinheit es sei, welche die 
Wesenserfassung der Phänomene verbürge, sondern bei aller Wür- 
digung des »grundwissenschaftlichen« Charakters phänomenologischer 
Einstellungen für die psychologische Forschung vermag ich ihre Be- 
sonderheit nicht auf eine modalische Ungleichheit mit letzterer 
zu reduzieren. Damit wird Phänomenologie wieder, was sie vor 
Errichtung des Husserlschen Lehrgebäudes war, die Ausgangs- 
und Vorwissenschaft der Psychologie und in ein bestimmtes 
eindeutiges Verhältnis zu dieser gebracht. Verlassene Lippssche 
Standpunkte werden damit, von den Irrungen einzelner Behaup- 
tungen und grundsätzlichen Psychologisierens befreit, wieder auf- 
genommen. Es sind vor allem unwiderlegliche Argumente Nelsons, 
die mich zu diesem Standpunkt bringen. Es bedarf keiner Worte 
darüber, daß schon die Ehrfurcht vor dem gewaltigen Werke Hus- 
serls es erforderlich macht, diese Abweichung zu rechtfertigen. 

Ebenso schwierig liegt das andere Problem: Die Stellung der 
Phänomenologie zu den logischen und insofern bereits theoretischen 
Weisen des formalen, bestimmten adäquaten Erfassens. Ist ein 
unmittelbar reines phänomenologisches Erfassen seelischer Tat- 
bestände vor jeder Begrenzung, Unterscheidung, Bestimmung durch 
formale und damit ihrerseits nicht mehr »unmittelbare«, sondern 
schon der Reflexion und damit der Theorie zugehörige Faktoren 
möglich? Eine genauere Untersuchung dieser Frage führt zu ihrer 
Verneinung, schon aus dem Wesen des »seelischen Tatbestandes « 



Zur Eiofiihrung. 307 

und seiner nur rcflekliven Bcgrenzungöinöglichkeit, sowie aus den 
Grundfunktionen des Vergleichens und Unterscheidcns in ihrer An- 
wendung auf Seelisches heraus, welche bereits am phänomenologischen 
Erfassungsprozeß konstitutiv beteiligt sind, und Brückenbögen von 
intuitiven zu abstraktiven Funktionen darstellen. Auch dieses 
Problem, welches in dem der »inneren Wahrnehmung« aufgeht, 
verlangt eine sorgfältige Prüfung, denn seine Lösung hat für das 
ganze vorliegende Unternehmen eine weitreicliende Konsequenz. 
Nicht in ihrer Trennung von Reflektion und Theorie, 
sondern in ihrer Verbindung wird Phänomenologie als 
Wissenschaft erst möglich. Dies wurde ja an früherer Stelle 
dieses Buches schon dargetan. Natürlich bedarf diese Konsequenz 
genauer Begründung. Weisen und Formen, Siclierheiten, Ansprüche 
und Kriterien für die Tragfähigkeit dieser Bindung — welche durch 
das Vorwiegen und die Fehlbarkeit der reflektiven Vollzüge in der 
phänomenologischen Einstellung, so wie sie hier begründet werden 
wird, besonders dringlich gefordert werden — müssen genau fest- 
gelegt werden. So kommt diese Untersuchung zu einer manchem 
gegenwärtigen Intuivisten paradox und ketzerisch klingenden phä- 
nomenologischen Theoretik. Und diese Theoretik führt zu 
Theorien, welche, in innigster Anlehnung an die Phänomene des 
Seelischen, in denen sie Ausgangspunkt, Grund und Sicherheit ge- 
winnen, weit über die Phänomenalität des Seelischen in seine dunklen 
formalen und strukturellen Quellen abstraktiv und sjTithetisch- 
induktiv hineinfinden. Hier schließt sich die Kette zwischen Wissen- 
Bchaftstheoric und Phänomenologie. Es sei wiederholt : diese ganzen 
theoretischen Grundlegungen erzeugen nicht neue, willkürliche Theo- 
rien der Psyche o4cr des Psychotischen. Sie sind vielmehr die logi- 
schen und materialen Voraussetzungen jedweder möglichen 
Erkenntnisse dieser Gegenstandsgebiete, welche mit dem An- 
spruch auf Wissenschaftlichkeit auftreten. Sie geben die Kriterien 
des Richtigen und Falschen in der psychopathologischen Arbeit, 
soweit diese Begriffe bildet und Hypothesen aufstellt. Sie sind gleich- 
sam der Kanon des geistigen Rüstzeuges, welches über die »Beob- 
achtung« der Tatsachen hinaus — die ihrerseits in der phänomeno- 
logischen Einstellung ihre Methoden und Korrektive findet — zur 
Errichtung der Psychopathologie als Wissenschaft erfordert wird. 

Im zweiten Bande dieses Werkes soll dann gleich eingangs ein 
Grundriß vom funktionalen Aufbau des seelischen Ge- 
schehens selber gezeichnet werden, wie er sich als erstes Ergebnis 
systematischer phänomenologischer Theoretik in dem hier begründe- 
ten Sinne darstellt. Aus ihm folgen entscheidende Gesichtspunkte 
für die Untersuchungen der pathologischen Symptomatik in den spä- 
teren Studien dieses Werkes. 



20« 



308 Grundlinien der Phänomenologie u. deskriptiven Theorie des Psychischen. 



1. Erlebnis und seelische Funktionen (heuristische Entwick- 
lung der phänomenologischen Grundbegriffe). 

Vorbegriffliche Umschreibung der phäziomenologischen 
Einstellungs weise. 

Wir treten unseren kritischen Weg, der uns zur Psychologie als 
Wissenschaft führen soll, in einem Augenblick an, wo bedeutende 
Vorgänger bereits begonnen haben ihn ihrerseits zu beschreiten. 
Nicht nur das Gegenstandsbereich des Psychotischen, auch das des 
Psychischen wollen sie mit einer neuen Erkenntnismethode der 
wissenschaftlichen Bearbeitung in einem ganz anderen Umfang zu- 
gänglich machen, als dies bisher geschehen ist. Und wir können 
vorerst nichts Besseres tun, als uns diesen Wegebahnern beobachtend 
anzuschließen, um die neuen Bereicherungen des Wissens und Wissen- 
könnens, die sie ja zu verwirklichen behaupten, luisererseits auf- 
zunehmen bis zu dem Punkte, wo wir sie in Irrtum und schädliche 
Übertreibungen verfallen sehen. Hier werden wir, immer das Ganze 
der Wissenschaft vor Augen und eingedenk der positiven Errungen- 
schaften, die wir in der Wissenschaftstheorie gesichert haben, mit 
besonderer Vorsicht vmd Genauigkeit Fruchtbares und Unfrucht- 
bares scheiden. Die Methode des phänomenologischen Er- 
fassens und Erschauens stellt in der Tat den Anspruch, in dem 
ganzen Arbeitsfelde der Wissenschaft den forschenden Geist in bisher 
ungekannte Tiefen zu führen und mit dem Reichtum neuen Lichtes 
zu übi^strahlen. Ursprünglich ausgebildet als eine besondere Weise 
der Einstellung auf Seelisches, und in dieser Einstellung zunächst 
noch mit Bewußtsein psychologische Disziplin, hat sie in jüngster 
Zeit ihr Gegenstandsgebiet wie ihren Erkenntnisanspruch über alle 
Grenzen ausgedehnt. Gegenständlich genommen ist sie zu einer 
besonderen Weise des Wissens von allen Dingen geworden, und in 
der besonderen W^eise ihres Erkenntnischarakters vermeint sie, die 
Grund- und Vorwissenschaft zu sein, welche die Quelle des begriff- 
lichen Erkennens und seiner formalen Struktixren im Rückgang auf 
letzte Evidenzen ebenso erhellt, wie die Seins weisen des Seelischen 
vor und unabhängig von seiner empirischen Gebundenheit an das 
einzelne zufällige Ich, 

Für den in der Schule strenger, gegenständlich und methodisch 
begrenzter Empirie erzogenen Forscher klingt in der Ankündigung 
so fantastischer und in ihrem Umfang ebenso ungeheuerlicher wie 
unbestimmter Ansprüche einer geisteswissenschaftlichen Forschungs- 
richtung immer ein bedenkenerregender Unterton mit, den er leicht 
in Ablehnung umsetzt. Noch ist ihm das Zeitalter Schellingscher 
Naturphilosophie eine Erinnerung, allem, was sich als geisteswissen- 
schaftliche Errungenschaft für die Naturerkenntnis ausgibt, in der 
methodisch gesicherten Tatsachenforschung von vornherein aus dem 



Erloblüä und seeÜBche Funktionen uew. 301i 

Wege zu gehen. Wenn wir aber andererseits hervorragende Denker 
unter den Aiibahnern dieser Forschungsrichtung walirnehmen, frei- 
lich einen jeden auf einer anderen Stufe der Ausbildung und des 
Erkenntnisanspruehes dieser Disziplin — , so werden wir nicht ohne 
weiteres geneigt sein, diese Methode oline Prüfung von vorniierein 
abzulehnen. Betrachten wir den gegenwärtigen Stand der Psycho- 
logie und der Psychopathologie, so werden wir gewiß eine jede Be- 
fruchtung dieser Disziplinen durch psychologische Neuerungen für 
wünschenswert erachten. Wir l>rauchen bloß die Frage aufzuwerfen: 
Sind diese beiden Disziplinen bei dem bisiierigen Stande ihrer Aus- 
bildung in das Wesen des Seelischen, seine Strukturen und Gesetze 
auch nur über die äußersten Außenflächen eingedrungen? In das 
Seelische, nicht nur wie wir es an einem Zipfel seiner äußeren Hülle 
packen, messen und quantifizieren, sondern so, wie wir aus ganz 
unwissenschaftlicher Quelle wissen, daß es eigentlich und wirk- 
lich ist — in dem ganzen Reichtum seiner inneren Entfaltungen, 
der Mannigfaltigkeit seiner Differenzierungen, der inneren Ver- 
wicklung seiner Abläufe und Erscheinungsweisen, der Dunkelheit 
seines schöpferischen Leistens, der scheinbar unauflöslichen Schwie- 
rigkeiten seiner Bewußtwerdungen und ihrer Bestimmtheit in 
Formen und Strukturen, der immer wieder besonderen Djniamik 
seiner inneren Zusammenhänge: kurz in allem dem, was in uns als 
Besonderheit und Wesen der Persönlichkeit zum Erfassen 
gelangt, werten wir sie nun als »gesund« oder »krank«. Weiß die 
Wissenschaft davon? Wohnt ihr die Fähigkeit inne, gerade über 
dieses eigentliche Wesen des Seelischen begründbare Aussagen mit 
dem Anspruch wissenschaftlicher Geltung und Lehrbarkeit zu machen ? 
Diese Frage für die gegenwärtige Psychologie stellen, heißt sie 
verneinen. Und es geht auch nicht an, dieses unbequeme Einge- 
ständnis mit dem riclitigen und doch fehlgleitcnden Gegengrund zu 
erledigen, daß vom Individuellen nun einmal eine Wissenschaft nicht 
möglich sei, da Wissen immer den Charakter des Allgemeinen trage. 
Wo haben wir denn bisher auch nur ein heuristisches Unterscheidungs- 
merkmal für das gehabt, was von dem seelischen Ablaufen und Sein 
der genannten Phänomene individuell sei und was nicht — wobei 
überdies individuell und gesetzlos noch zwei völlig verschiedene 
Begriffe sind!^) Das Allgemeine des Wissens bezieht sich auf sein 
Gelten, nicht auf seinen Gegenstand. Auch das Vereinzelte vermag 
Gegenstand allgemeingültigen Wissens zu werden. Bisher wurden 
derartige Unterscheidungen des Wißbaren und nicht Wißbaren vor- 
wiegend unter konventionellen, abstrakt iven Gesiehtspunkten ge- 
troffen, oder mit Rücksicht auf irgendwelche vorgebildeten theore- 
tischen Lehrmeinungen, oder auf psychoplij-sische oder didaktisch- 
schematische oder klinische Zweckgesichtspunkte, oder gar auf philo- 
sophische Annahmen. Wir waren dies so gewohnt, daß wir es schon 



1) Vgl. dicsea Buch, S. 225ff. 



310 Grundlinien der Phänomenologie u. deskriptiven Theorie des Psychischen. 

gar nicht mehr bemerkten. Aber es ist Tatsache, daß wir aus dem 
Strom des Psychischen herausgreifen, was uns unter irgendeinem 
dieser Gesichtspunkte verarbeitbar erscheint; dies wird zu verein- 
fachten, schematischen festen Formen von allgemeiner Anwendung, 
die sich mit Vergnügen immer wieder finden lassen; der Rest wird 
als »individuell « für die Wissenschaft vernachlässigt. Diese Kenn- 
zeichnung des methodischen Charakters der herkömmlichen Psycho- 
logie gerade auch des kranken Seelenlebens mag übertrieben sein, 
aber den hier in Frage stehenden Gesichtspunkt ihrer Schwierig- 
keiten, an das eigentliche Seelische in seinem mannigfaltig ver- 
wickelten Sein exakt heranzukommen — diesen Gesichtspunkt über- 
treibt sie wahrhaftig nicht. Man denke nur an Theorie und Praxis 
unserer psychopathologischen Arbeit, Von der eigentlichen und 
wesentlichen inneren Leistung des Psychopathologen, dem verständ- 
nisvollen Erfassen des seelischen Geschehens und seiner Erschei- 
nungsweisen in den Kranken, vermag man in die theoretischen 
Formulierungen und Bildungen nur recht wenig mit hinüber zu 
nehmen. 

Indem wir die methodologische Bedürftigkeit des Ausbaues der 
psychologischen Disziplinen nach dieser Richtung hin anerkennen 
müssen, sind wir weit davon entfernt, die schärfste und genaueste 
Kritik an jeder neuen Methode, und somit auch an der phänomeno- 
logischen, beeinträchtigen zu wollen. 

In det" Geschichte aller empirischen Wissenschaften treten mit 
einer Art von Notwendigkeit Zeitpunkte ein, in welchen der stetige 
Weg zur Gewinnung neuer Tatsachen und Gesetzeserkenntnisse 
unterbrochen werden muß durch eine methodologische Be- 
sinnung über das bisher Erreichte, über die Ziele der Forschung 
und die möglichen Mittel, sich diesen Zielen weiter anzunähern, als 
es bis dahin möglich war; oder doch wenigstens neue Gesichtspunkte 
ihrer Betrachtung zu gewinnen. Und fast niemals sind diese Unter- 
brechungen bisher begangener Wege eine bloße Verzögerung der 
Arbeit und ohne allen Gewinn. Historisch läßt sich beobachten, 
daß sie zumeist es sind, in welchen die neuen Fragestellungen 
entstehen; und diese neuen Fragestellungen erzeugen aus sich heraus 
mit Unausweichlichkeit die neuen konformen Methoden. Insofern 
aber die neuen Methoden zum Wissen um neue Tatsachen hinleiten, 
insofern sie die Forschung neu beleben und bereichern: insofern 
sind jene Momente methodenkritischer Besinnung nicht zwecklose 
Ruhepunkte oder Abwege, wie dies der reine Tatsachenforscher 
gern glaubt; sondern sie erzeugen gerade die Leitideen neuen Fort- 
schreitens und werden so ebenfalls zu fördernden Momenten wissen- 
schaftlicher Arbeit. 

Stellen wir auf diese Weise die Psychologie und die Psycho- 
pathologie ihren eigentlichen Zielen, so wie sie soeben kurz und ohne 
begriffliche Klarheit angedeutet wurden, gegenüber: der Erfassung, 
und zwar der wissenschaftlichen Erfassung, des wesentlich und 



Erlebnis und ßeeliflche Funktionen usw. Sil 

spezifisch Seelischen, nicht in den abgeleiteten Schematismen 
einer vergewaltigenden Vereinfachung und nicht in den willkür- 
liehen Bildern literarischer Aufmachung, sondern gemäß den un- 
mittelbaren Weisen seines Erscheinens und Soseins — , so ergibt 
diese Gegenüberstellung den Anlaü zu jener Forderung methodis^chcr 
Besinnung, von der allein die Seelenkunde in neuen Wegen weiter 
entwickelt werden kann. Und nun ist es interessant, daß überall, 
wo im Verlaufe der letzten Jahrzehnte unsere großen Forscher auf 
diesen Gebieten Anlaß zu solcher methodologischen Selbst l)e8innung 
nahmen, die Geburt s stunde der Phänomenologie schlug — 
nicht als Wissenschaft, verschiedenartig und verschiedenwertig in 
ihrem methodischen Gehalt, aber überall gleich als neuartige Weise 
des Sichcinstellens auf das seelische Gegenstandsgebiet, Daß diese 
neue Einstellung ihr ursprüngliches seelisches Gegenstandsgebiet 
dann später weit überschritt, ist eine Sache für sich; und darüber 
wie über ihre Grenzen und ihre methodische Fassung wird noch zu 
sprechen sein, ebenso wie über ihren von mancher Seite geltend ge- 
machten Anspruch auf ihre Stellung unter den Geisteswissenschaften. 
Aber soviel möchte hier klargestellt sein: nicht aus Neuerungssucht, 
weil gerade irgendein aktuelles Verfahren auftaucht und sich unter 
vielleicht angemaßten Ansprüchen als den wahren Fortschritt der 
Wissenschaft anpreist, nicht darum soll Phänomenologie gewaltsam 
in den Gesichtskreis des Seelenforschers gezogen werden. Sondt-iu 
der historische und heuristische Gang der Entwicklung phänomeno- 
logischer Einstellungen in der Seelenkunde ist gerade der umgekehrte 
gewesen: aus einer Lücke, einem Mangel des methodologischen Rüst- 
zeuges unserer Disziplin iliren Zielen gegenüber entstanden mit 
innerer Notwendigkeit jene methodischen Neuerungen, die sich noch 
nicht irrtumsfrei und restlos konsolidiert haben, in ihren Ansprüchen 
und Grundlagen aneinander noch vielfach widerstreiten, aber doch 
schon sichtbar das Antlitz innerer Einheit und Zusammengehörigkeit 
tragen, und sich unter dem Begriffe der phänomenologischen Ein- 
stellung zusammenfassen lassen. Aus ihr soll Phänomenologie als 
Wissenschaft hervorgehen. 

Natürlich ist hiermit bloß ein Sachverhalt angedeutet, und weder 
seine Berechtigung dargetan, noch seine Bedeutung umrissen. Ja. 
es ist mit der Andeutung dieses Sachverhaltes noch niclit einmal die 
Möglichkeit gewährleistet, klar und eindeutig zu sagen, was denn 
nun phänomenologische Einstellung, was Phänomenologie sei und 
sein solle. 

Und diese Frage ist sehr viel schwieriger zu beantworten, als es 
den Anschein erweckt. Das liegt an der Vieldeutigkeit der Bezeich- 
nung Phänomenologie und ihrer Anwendung in verschiedenem Sinni-. 
Die Phänomenologie des Hegeischen Philosophems ist etwas völlig 
anderes als der Begriff Phänomenologie in der physikalischen Theorie, 
die phänomenologische Eidetik Husserls ist völlig verschieden von 
der psychischen Phänomenologie Lipps'; nirgends decken sich völlig 



312 Grundlinien der Pliänomenologie u. deskriptiven Theorie des Psychischen. 

Gegenstandsgebiet und Methodik dieser mit gleichem Namen be- 
zeichneten Forschungsrichtungen. Wir können uns der begrifflichen 
Bestimmung dessen, was in diesen Bedeutungen nicht nur das Ge- 
meinsame, sondern schließlich und vor allem auch das Richtige ist, 
nur schrittweise annähern, und wir weiden nicht eher präzise und 
aussagbar wissen, was Phänomenologie für uns bedeute, als in dem 
Augenblick, wo wir ihre Grundlagen systematisch geklärt und ge- 
sichert haben. 

Auf diesen Weg der heuristischen Annäherung begeben wir uns 
jetzt. Und damit uns zugleich mit dem Wesen auch die innere Be- 
rechtigung der phänomenologischen Einstellung und ihr Erfordernis 
für die Seelenkunde einleuchte — oder wenn nicht einleuchte, so 
doch zu kritischer Stellungnahme Gelegenheit biete — so knüpfen 
wir am zweckmäßigsten ohne jede eigene Vorwegnahme an jene 
Anlässe zu methodologischer Besinnung an, von denen wir oben 
sprachen, und die den Gedanken der phänomenologischen Einstellung 
aus sich haben hervorgehen lassen. Tatsächlich ist in diesen An- 
lässen zunächst noch das allein gemeinsame Ausgangs- und Erzeu- 
gungsmoment gelegen, aus dem die auseinanderstrebenden Tendenzen 
und Einstellungen der Phänomenologie hervorgehen, und welches 
uns vor aller Klärung ihres Gehaltes und ihrer Widersprüche erlaubt, 
von der Phänomenologie als einer im Wesen einheitlichen Forschungs- 
richtung zu sprechen. Nun trafen jene Vorboten methodologischer 
Klärung freilich nicht zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt 
aufeinander. Wohl aber bilden sie eine Einheit in dem Sinne, daß 
aus dem Werdegang der Psychologie in bestimmten Momenten eine 
Reihe von Schwierigkeiten sich ergeben mußte, wie wir- sie bereits 
oben angedeutet haben; und diese Gleichförmigkeit der heu- 
ristischen Situation in der Seelenkunde soll der Ausgangspunkt 
und die erste gemeinsame, wenn auch vor der Hand negative Eigenart 
der phänomenologischen Einstellung und Fragestellung für mis sein. 

Hieraus folgt für uns sogleich, daß wir mit der Darstellung der 
phänomenologischen Grundlinien da beginnen, wo sie sich aus den- 
jenigen Disziplinen herausbilden, die sich mit dem seelischen 
Geschehen beschäftigen. Wir wissen noch nicht, ob dieser Genese 
für das Wesen der Phänomenologie koiistitutiv oder nur zufällig ist. 
Nur das eine wissen wir schon, daß sie für die Psychologie nicht 
zufällig, sondern an einem bestimmten Punkte ihrer Entwicklung- 
notwendig ist. Demnach wird sich für unseren Ausgangspunkt 
Phänomenologie als eine besondere und ihrem Anspruch nach neu- 
artige Weise darstellen, Seelisches zu erfassen. Somit wäre die nächste 
allgemeine Aussage, die sich von diesem Ausgangspunkte aus über 
die Bedeutung der Phänomenologie machen läßt, diese: Phäno- 
menologie ist die reine Beschreibung des Seelischen gemäß 
seinen Seinsweisen. 

Diese Aussage sieht zunächst recht harmlos aus, und nichts von 
so prinzipieller Neuheit und Bedeutung scheint ihr anzuhaften, daß 



Erlebnis und Bcelißcho Funktionen uhw. 313 

ßio den Anspruch auf eine fundunientale Neuerung in den seelen- 
wissenschaft liehen Methoden zu rechtfertigen vermöchte. Dennoch 
involviert sie eine gar nicht zu ahnende Fülle von Problemen von 
teilweise großer Schwierigkeit und Dunkcllieit, denen wir noch 
Schritt für »Schritt begegnen werden. Hier sei zuvörderst auf zwei 
Momente hingewiesen, welche jene allgemeine Aussage mit einem 
programmatischen Gegensatz zu belasten scheinen gegen die grund- 
legenden Methoden, die sonst ausschlieülich die Psychologie beherr- 
schen. Auch hierbei unteisuciien wir nocli nicht das Recht dieser 
Entgegensetzung, sondern stellen sie fest: in der Aufnahme des 
Begriffes reiner Beschreibung liegt die Ablehnung aller konstruk- 
tiven Psychologie; in der Bestimmung des Seelischen gemäß seinen 
Seinsweisen liegt die Ablehnung der »objektiven« Psj-chologie 
und ihrer experimentellen Methodik. Wir verfolgen den Gedanken- 
gang über das, was mit dieser Entgegensetzung gemeint ist, und 
dringen so genauer in die heuristische Situation ein, aus welcher die 
phänomenologische Forschung hervorgeht. 

Da ist zunächst klar, daß beide Ablehnungen herrschender Me- 
thoden nicht etwa für die Psychologie schlechthin, sondern lediglich 
für die besonderen Ziele gellen sollen, deren Erreichung die phäno- 
menologische Einstellung als angepaßtere Methode zu erstreben 
gedenkt. Daß die Phänomenologie, sowie sie bis jetzt bestimmt 
wurde, sich zunächst in diesen beiden Ablehnungen als einzigen Be- 
stimmungsstücken konsolidiert, hat den einfachen und fast naiven 
Gedanken zum Grunde, daß sowohl die konstruktive als auch die 
objektive experimentelle Methodik der Erfüllung bestimmter wesent- 
licher Aufgaben in der Seelcnforschung nicht gewachsen sind. Beiden 
methodischen Formen, so wird dieser Gedanke etwa ausgedrückt, ist es 
gemeinsam, das seelische Fließen gleichsam von außen zu betrachten, 
als bloßes Ablaufen und ohne die Rücksicht daiauf, wie es dem »Ich ^ 
erscheint, in welchem es erfolgt. Sie betrachten seinen Bewußtseins- 
bestand nicht anders als seinen objektiven Effekt : nach dem Ge- 
sichtspunkte, was durch ihn bewirkt oder verändert wird, was für 
eine Leistung sich in ihm vollzieht. Es ist kein Wunder, daß dem 
so ist; sondern es liegt das im Wesen ihrer Aufgaben und ihrer Ziele. 
Der Gesichtspunkt der naturwissenschaftlichen Forschung ist es, der 
in ihnen herrscht, und dessen Anwendung auch auf das Seelische, 
als einen Teil des empirischen naturgegenständlichen Gebietes, zur 
Quantifizierung, zur kausalen und konditionalen Mechanisierung 
hindrängt. Maß, Größe, Zahl und Wirkung bilden die Bausteine 
zu dem Ganzen der Naturforschung. Unter diesen Gesichtspunkten 
wird auch der seelische Ablauf beobaelitet und durchforscht ; der 
Zeit verlauf seines Zustandekommens, die Bedingungen seines Ein- 
tretens, seine Phasen, Komponenten, seine Intensitätsschwellc werden 
gemessen und experimentell isoliert. Qualitäten des Seelischen, die 
ihrem Wesen nach nicht wie die der extensiven Natur in Quantitäten 
auf löslich sind, werden nur hinsichtlich des einzig Meßbaren an ihnen. 



314 Grundlinien der Phänomenologie u. deskriptiven Theorie des Psychischen. 

ihrer Intensitätsgrade, als Material in diesen Arbeitsrichtungen ver- 
wertet; Inhalte nur soweit sie zählbar und beliebig reproduzierbar 
sind; ihre Beziehungen zum »Ich«, ihre Bedeutsamkeit für das Ich, 
ihre Stellung im und zum »Bewußtsein« fallen unter den Tisch. 
Vom Bewußtsein redet die bisherige psychologische Forschung, als 
von etwas, das ihr immer wieder unangreif liehen Trotz bietet, über- 
haupt nicht gerne. Sie vermeidet auch, das willenshafte Eingreifen 
des Ich in seine seelischen Vollzüge so ganz ernst zu nehmen. Lieber 
löst sie es in »Gefühlen« auf; nur kein irreduzibles Aktualitäts- 
moment, das schematischer Zergliederung trotzen könnte! So macht 
sie sich — und das ist ebenso begreiflich wie es erfolgreich 
war — ein schematisches Bild des seelischen Ablaufens nach Ana- 
logie physikalischer oder physiologischer Annahmen, wonach das 
Psychische konstruierbar wird aus einer begrenzten Zahl isoliert 
faßlicher materialer Bausteine von grundsätzlich gleicher Wesensart, 
an denen alles, bis auf die quantitativ nicht auf löslichen elemen- 
taren Qualitäten, die sozusagen das seelische Molekül darstellen, 
in Größen- und Maßbeziehungen aufgelöst werden kann. Aus diesen 
wird, vermittels einer Reihe von quantitativ bestimmbaren Mecha- 
nismen, das seelische Ablaufen in seinen Formen und Strukturen 
konstruktiv nachgeschaffen. Die Ergebnisse dieser Quantifizierung 
bilden das Gesetz jeweiligen seelischen Leistens -und sich Veränderns, 
als einer Bewirktwerdung, für dasjenige Teilgebiet, welches gerade 
durchforscht wird. Und dieses Gesetz enthält, nach Analogie physi- 
kalischer und physiologischer Gesetze, die konstruktiven Bedin- 
gungen und Bestimmungsstücke des kausalen Mechanismus, der 
dieser seelischen Leistung zugrunde gelegt wird. So ist ja seit langem 
die Wahrnehmung, Auffassung, Reproduktion und Übung usw. 
quantifiziert und gesetzmäßig bestimmt worden. 

Das alles ist nicht falsch und kein Irrweg, und die Ergebnisfülle 
dieses Verfahrens wird hier nicht verkleinert. Aber es läßt eine Seite 
des Seelischen, die auch zu ihm gehört, außer acht. Diese Seite nun 
vermeint die phänomenologische Einstellung zu treffen, wenn sie, 
ohne sich durch theoretische Präsumtionen und konstruktive 
Schematisierungen festzulegen, ohne nach Möglichkeit künstliche 
Trennungen und Isolierungen in dem Strom des Seelischen vorzu- 
nehmen, zur Aufgabe stellt, den ganzen phänomenalen Bestand 
eines seelischen Ablaufes in reiner Beschreibung zu erschöpfen, und 
zwar von der Seite her, wie er unmittelbar da und für die Erfassung 
gegeben ist, seinem immanenten Wesennach. (Über Husserls andere 
Formulierung der reinen Phänomenologie wird später besonders 
gesprochen.) 

Das ist vorerst nur eine, und nicht einmal sehr klar ausgedrückte 
Forderung. Wie sie uns deutlicher wird, wie ihre Verwirklichung 
versucht wird, wieweit sie überhaupt durchführbar ist, und wohin 
sie führt, davon sollen die folgenden Abschnitte handeln. . 



Erlebais und seelische Funktionen osw. 315 

Die Konzeption des Erlebnisbegrif fcs bei Uilthey. 

Die Forderung, die wir am Schluß der bisherigen Darlegungen 
wiedergegeben haben, ist im Grunde nichts anderes, als eine Wieder- 
aufnahme der Einwände, welche von Seiten der Historiker und der 
transzendentalistischen Philosophen von jeher gegen eine an der 
naturwissenschaftlichen Methode orientierte Psychologie vorge- 
bracht worden waren. Einen Schritt über diese unfruchtbaren Nega- 
tionen hinaus führte aber erst eine Arbeit Diltheys aus dem Jahre 
1894. Damals herrschte die konstruktive und quantifizierende 
Richtung der Elementarpsychologie und des Reihenexperimentes 
fast unbeschränkt. Der Schritt, den Diltheys betrachtende Be- 
sinnung in dieser heuristischen Situation tat, führte noch zu keiner 
methodischen Klärung, wohl aber brachte er doch schon einen Hin- 
weis auf neue Arbeitsmöglichkeiten an die Seelenforschung heran; 
und mit der Fassung des Erlebnisbegriffs, der im Mittelpunkt 
seiner Arbeit steht i), fand eine Konzeption ihren Ausdruck, die in 
der späteren Entfaltung der Phänomenologie maßgebend werden 
sollte. 

Der Inhalt der kritischen Besinnungen Diltheys, welche ihn 
in jene heuristische Situation drängten, aus der diese Konzeption 
einen Ausweg sucht, dieser Inhalt geht über die vorher angedeutete 
Kritik der bisherigen Seelenkunde nicht wesentlich hinaus. Die 
erklärende Psychologie nach naturwissenschaftlicher Methode, so 
führt er etwa aus, sieht ihr Ziel in der »Unterordnung der seelischen 
Erscheinungen unter Kausalzusammenhänge«. Sie verfährt dabei, 
wie wir schon vorher sagten, konstruktiv und hjrpothetisch, und 
ihre einzelnen Hypothesen lassen sich zu Systemen kombinieren. 
Aber diese Hypothesen sind weder restlos stringent, noch unver- 
meidlich, nocli wesentlich. Denn sie erfordern zu ihrer Ermög- 
lichung Hilfsbegriffe, welche ihrer Art nach unpsychologisch sind; 
mag es sich nun um spezielle psychologische Erklärungsgesichts- 
punkte oder, allgemeiner, um das alte Kantsche Stetigkeitsprinzip 
handeln, welches zur Begründung von quantitativen Fragestellungen 
überhaupt und aller Messung im Psychischen herhalten muß: nir- 
gends wird mit allem diesen das Wesen des Seelischen selber getroffen. 
Ferner lassen sich diese Hypothesen in verschiedenen Systemen 
zusammenfassen, ohne daß diese verschiedenen Zusammenfassungen 
einander ausschließen. Soll aber auf diese Art echte systematische 
Erkenntnis zustande kommen, so muß ein System richtig, die an- 
deren falsch sein; logische und sachliche Verträglichkeit ist das 
Zeichen und Eingeständnis dafür, wie unzulänglich diese ganze Art 
von konstruktiven Hypothesen hinsichtlich ihres systematischen 
Erkenntniswertes ist. Und ebenso weist Dilthcy auf die Gewalt- 
samkeit hin, mit welcher die elementare Psychologie verfahren muß. 



*) Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie. Sittungs- 
berichte der Pmiß. Aknd. d. Wiss., philow.-hist. Klas-se. 1894. S. 309ff. 



316 Grundlinien der Phänomenologie ii. deskriptiven Theorie des Psychischen. 

um die seelischen Tatbestände aus jenen von ihr unterstellten »Ele- 
menten« von gleicher Art und begrenzter Zahl konstruktiv nachzu- 
schaffen. Dilthey hält diese Unzulänglichkeiten nicht für zufällige 
Mängel, vielmehr sieht er in ihnen nur den notwendigen Ausdruck 
des grundsätzlichen Irrtums, der darin liegt, Seelisches wie ein Natur- 
geschehen erkennen zu wollen. Die Erkenntnis des Seelischen, so 
wie es wirklich sei, sei eine generisch völlig andere. Er prägt dafür 
die Formel: »die Natur erklären wir, das Seelenleben ver- 
stehen wir«. Wir verstehen es »als einen ursprünglich gegebenen, 
lebendigen Zusammenhang«. Und dieser Zusammenhang ist uns 
wesenhaft und ausschließlich »im Erlebnis« gegeben. 

Diesen lebendigen Zusammenhang gilt es wissenschaftlich zu er- 
fassen. Die zu fordernde »beschreibende Psychologie« hat somit zur 
Aufgabe »die Darstellung der in jedem menschlichen Seelenleben 
gleichförmig auftretenden Bestandteile und Zusammenhänge, so wie 
sie in einem einzigen Zusammenhang verbunden sind, der nicht hinzu- 
gedacht, oder erschlossen, sondern erlebt ist«. 

Wie läßt sich nun diese neue, und angeblich von der Naturwissen- 
schaft grundlegend verschiedene Weise des Wissens um Seelisches 
verwirklichen? Dilthey spricht sich hierüber nicht klar aus. Er 
sagt: »Jeder Zusammenhang muß durch innere Wahrnehmung ein- 
deutig verifiziert werden können«. Die Mittel hierzu seien »alle 
Hilfsmittel künstlerischer Vergegenwärtigung«. Man mag dies zu- 
nächst hinnehmen; aber es drängt sich die Frage auf, wie aus diesem 
ästhetischen Erfassen ein Wissen um Seelisches, eine Wissenschaft 
werden soll. Dilthey begnügt sich mit der bloßen Andeutung: 
»die volle Wirklichkeit des Seelenlebens muß zur Darstellung und 
tunlichst zur Analysis gelangen«. Hiermit könnte man ganz ein- 
verstanden sein. Nur scheint die Forderung, daß der Gang der Be- 
schreibung ein analytischer zu sein habe, nicht ohne weiteres die 
scharfe Stellungnahme zu rechtfertigen, welche Dilthey in solcher 
Grundsätzlichkeit gegen die bisherige wissenschaftliche Psychologie 
eingenommen hat. Aber auch diese Forderung selber ist auf keine 
ersichtliche Weise mit Diltheys eigenem Programm in Einklang zu 
bringen. Dilthey erklärt, die Gegebenheitsweise des Seelischen ist 
»eine völlig andere als von Naturobjekten«. »Die innere Wahr- 
nehmung ist ein unmittelbares Innewerden, ein Erleben.« Das Er- 
lebte wird erlebt »als ein unteilbares Einfaches«; »diese Einfachheit 
und Unteilbarkeit haftet auch an den Funktionen«, ja sogar an den 
Funktionszusammenhängen; »so erleben wir ständig Verbindungen, 
Zusammenhänge in uns . . . Was wir so erleben, können wir vor dem 
Verstände niemals klar machen. « Daß in diesen Sätzen ein richtiger 
und großer Gedanke steckt, empfindet man unmittelbar bei ihrem 
Innewerden; ebenso aber empfindet man die Unzulänglichkeit und 
Fehlerhaftigkeit seiner Formulierung. Sie ist daran schuld, daß 
Dilthey uns die auf Grundfrage: wie er von dieser Basis zu seiner 
beschreibenden Psychologie als Wissenschaft denn nun eigentlich 



Erlebnis und Bcelische Funktionen usw. 3l7 

kommen will, — keine rechte Antwort zu geben vermag. Die von ihm 
beliauptete Einfachheit und Unteilbarkeit des Innewerden.s von 
Seelischem widerspricht jeder diskursiven Erkenntnisweise, und daher 
bleibt es völlig unklar, wie analytische Beschreibung, also abstraklive 
Denkvollzüge, als wissenschaftliche Verarbeitung eines so gearteten 
»Innewerdcns« von Seelischem überhaupt möglich sein sollten. 
Dennoch ist dies die Meinung Diltheys: die Sonderungen der Ab- 
läufe und Zusaminenhänge müßten sich abstraktiv vollziehen lassen. 
Dali wir tatsächlich die Abstraktionen vornehmen können und vor- 
nehmen, ist richtig aber nicht neu. Die Schwierigkeit liegt nur da, 
diese fast triviale Feststellung mit seinem neugeforderten Vermögen 
einer inneren Evidenz durch Erleben in Einklang zu bringen. 
Nun spricht Dilthey im Laufe seiner Untersuchungen der inneren 
Wahrnehmung, deren Stellung zum Erleben er nirgends klärt, »eine 
Mitwirkung der elementaren logischen Funktionen« zu. Er spricht 
ganz im Sinne von Locke ^) von einer Intellektualität der inneren 
Wahrnehmung. Liest man diese Feststellungen, so fragt man sich 
vergebens, inwiefern denn nun die Gegebenlieitsweise des Seelischen 
eine völlig andere als die von Naturobjekten sei — wie Dilthey 
anfangs behauptet hatte. Man fragt sich, ob nicht schon durch diese, 
als unumgänglich erkannte Nötigung zu abstraktiver Zergliederung 
der angeblich grundsätzliche Unterschied der Diltheyschea be- 
schreibenden Psychologie von der bisherigen Psychologie ins Wanken 
komme. In der Tat scheint hiernach das Schwergewicht der Tren- 
nung der neuen Psychologie von der alten nur in dem Überwiegen 
des für sie bezeichnenden Gesichtspunktes zu liegen, wonach der 
beschreibende Psychologe einfach das Tatsachenmaterial, so wie es 
unmittelbar gegeben ist, ohne theoretische Befangenheit möglichst 
vollständig beobachtet, während der konstruktive Psychologe ver- 
sucht, in die Mannigfaltigkeit des Beobachteten das Gesetz ihres 
Werdens hineinzutragen. Dann wäre Diltheys Verdienst eigentlich 
dies, daß er die Unzulänglichkeit des reinen Beobachtens in der bis- 
herigen Psychologie aufgedeckt hätte, ihre Befreiung von vorgefaßten 
konstruktiven Dogmen gefordert hätte, und auf das unmittelbare 
Gegebensein der seelischen Abläufe für eine genauere beobachtende 
Durchforschung und abstraktive Zergliederung hingewiesen hätte. 
Und es ließe sich nicht einschen, inwiefern diese Psychologie einen 
grundsätzlichen Gegensatz zur naturwissenschaftlichen Psychologie 
bilden sollte. Dilthey ist aber keineswegs dieser Meinung. Er 
})eharrt darauf, seine beschreibende Psychologie von der bisherigen 
grundsätzlich abzutrennen. Auch sein Zergliederungs verfahren be- 
hält grundsätzlichen Sondercharakter; und dieser wurzelt in seiner 
»Verbindung mit dem Erlebnis«, aus dem es entsteht und in 
das es noch gewi.ssermaßen hineingehört. Dies Erleben des Seelischen 
als einer Ganzheit »bleibt das ursprünglich Gegebene; es bestimmt 



*) Essay on human undcrtit. Buch 2. Kap. I. § 4 ff. 



318 Grundlinien der Phänomenologie u. deskriptiven Theorie des Psychischen. 

die Interpretation des einzelnen«. Die Gesichtspunkte dieser Inter- 
pretation und des Abstrahierens sind ebenfalls nicht theoretisch er- 
fordert, sondern dem Erlebnis immanent; denn die einzelnen seeli- 
schen Vorgänge treten mit einem verschiedenen Bewußtsein ihres 
Wertes für den Erlebenden auf; und hiernach hebt sich Wesentliches 
\ind Unwesentliches im Erlebnis selber ab. 

Für die Wissenschaft müßte die hieraus folgende Fragestellung 
eine doppelte sein: nach dem psychologischen Unterbau dieses 
Erlebens als einer unmittelbaren Erkenntnisquelle — und nach dem 
Charakter und der Art des Wissens um dieses Erleben, des Ver- 
ßtehens, wie Dilthey es nennt. Gerade über diese beiden Fragen 
aber spricht sich Dilthey nur höchst summarisch aus. Vom Er- 
leben sagt er nicht mehr, als wir bisher erwähnt haben. Und vom 
Verstehen des Erlebens : es komme zustande »durch das Zusammen- 
wirken aller Gemütskräfte in der Auffassung«. Hiermit ist wenig 
anzufangen. Er betont wiederholt, daß die verstehende Einstellung 
weder zur Erkenntnis von kausalen Zusammenhängen noch zur 
widerspruchsfreien Klarheit begrifflicher Formulierung geführt zu 
werden vermöge. Beides sei im Verstehen aber auch nicht ange- 
strebt. Damit wird wieder die Frage, wie eine beschreibende Wissen- 
schaft auf dieser Erkenntnis quelle aufgebaut werden sollte, zum 
unlösbaren Problem. Dilthey hätte mit seinen Feststellungen 
vielmehr bloß die Psychologie ent wissenschaftlicht, soweit sie 
nicht nach naturwissenschaftlichen Methoden konstruktiv betrieben 
wird, und zu einer Kunst, einem Gebiet ästhetischen Erfassens, 
gemacht. 

Allein diese iimeren Widersprüche dürfen uns nicht Wert und 
Bedeutung der Diltheyschen Anregungen verwischen. Sie fordern 
zum ersten Male eine wissenschaftliche Durchdringung des Erlebens 
der Seele als Kern aller Seelen Wissenschaft. So sind sie der erste 
Versuch einer Grundlegung der phänomenologischen Forschung. Seien 
wir uns auch darüber klar, daß, so ärmlich und verworren diese 
Grundlegung sein mag, sie praktisch durchaus genügt um anwendbar 
zu sein. Dilthey selber hat sie dazu geschaffen, um die Grund- 
legung für eine soziologische und historische, eine individuelle Psy- 
chologie zu geben. Ihre Mängel aber werden, wie wir im folgenden 
sehen werden, gar bald in entscheidender Weise behoben werden. 

Die Entwicklung des Erlebnisbegriffs bei Lipps. 

Diltheys Arbeit blieb in den Kreisen der Psychologen zunächst 
ohne größeren Einfluß. Aber die heuristische Situation, aus welcher 
sie entstanden war, erzeugte sich immer wieder neu. Es waren zwei 
Entwicklungsreihen in der Psychologie, welche den von Dilthey 
angeregten Ideen zu weiterer Durchbildung verhalfen. Diese zwei 
Entwicklungsreihen, so wenig sie gemeinsam zu haben scheinen, 
tragen den Stempel des gleichen äußeren Bildungsanstoßes : des 



Erlebnie und aeelische FunktioDcn usw. 319 

grundsätzlichen Gegensatzes zum Lehrgebäude Wundts. Sie sind: 
erstens der Entwicklungsgang der jwychologischen Lehre von Lipps 
und seinen iSchülern, welchem die Phänomenologie die Klärung de« 
Erlebnisbegriffes verdankt; und zweitens der Sieg der analytischen 
Psychologie Brentanos und seiner Schule über die künstlichen 
assoziativen Synthesen der seelischen Strukturen aus ebenso künst- 
lichen Elementen. Dieser Richtung verdankt die Phänomenologie 
die Durchbildung des Funktionsbegriffes, Beide Richtungen 
fanden ihre kritische Klärung und Vereinigung in dem Gedanken- 
werke Husserls. Der Funktionsbegriff wurde ferner auch für die 
experimentelle Psychologie von Bedeutung J), indem er sie ent- 
scheidend weiterführte zur Ausbildung der sogenannten Denkpsycho- 
logie, die einen Teil ihrer Vertreter unter Wundts eigenen Schülern 
fand. Hierbei eifuhr dann nucli die Stellung des Experimentes selber 
eine grundlegende Änderung, wovon bereits an anderer Stelle dieses 
Buches die Rede war. 

Lipps hatte noch 1890 in seiner Arbeit zur Psychologie der Kau- 
salität 2) sich völlig in assoziationstheoretischen Lehren bewegt. 
Zwei Jahre nach Diltheys Arbeit trat er zum ersten Male in eine 
Polemik gegen Wundt in bestimmten Fragen der Psychologie der 
Gefühle*). Dasjenige, was ihn in diese Polemik trieb, ganz abgesehen 
von ihrem äußeren Gegenstand und Anlaß, war eine tiefere Kenntnis 
des Reichtums seelischer Strukturen und Abläufe, als sie das Wundt - 
sehe System einzufangen und zu ordnen vermochte, als sie die experi- 
mentellen Methoden herausheben konnten. Da war ja alles nur 
assoziatives oder apperzeptivcs Gebilde, und hatte seine intensiven 
und zeitlichen Merkmale und seine physischen Begleitzustände und 
war nach ihnen genugsam bestimmt. Lipps hat sich in der Folge 
konsequent von diesem Standpunkt fortentwickelt; seine experi- 
mentellen Arbeiten wurden seltener und hörten bald ganz auf. Sein 
Interesse galt vor allem noch dem grundlegenden Problem: was 
ist mir seelisch gegeben, und wie weiß ich um dieses Ge- 
gebensein? Wir erkennen hier dieselbe Frage wieder, deren Be- 
antwortungsversuch Dilthey zu den Konzeptionen des Erlebens 
und des Verstehcns geführt hat. 

Was ist mir seelisch gegeben ? An dieser Frage lassen sich wieder- 
um zwei Seiten unterscheiden. Die erste Seite bezieht sich auf das 
objektive W'as dieses Gegebenseins; sie betrifft den Gegenstand 
des psychischen Gegebenseins. Die zweite Seite geht auf das Wesen 
der seelischen Gegebenheit, insofern diese Gegebenheit ein letzter 
subjektiver Tatbestand ist, welcher seiner wesenhaften Artung nach 
nicht auf weitere seelische Tatbestände zurückführbar, sondern nur 
künstlich und begrifflich aufzuspalten ist. Auch Lipps nennt diesen 

1) Vgl. hierzu S, 103 £f. dieses Buche«. 
«) Ztschr. f. Psychol. Bd. 1. 1890. 

') Zur Lehre von den Gefühlen, insbesondere den Ssthetiachen Elenient&r- 
gefühlen. Ztschr. f. l'sychol. Bd. 8. 8. 321 ff. 



320 Grundlinien der Phänomenologie u. deskriptiven Theorie des Psychischen. 

Tatbestand Erlebnis. Und als er 1905 in seiner Arbeit über Bewußt- 
sein vind Gegenstände seine Lösung dieser zwei Fragen systematisch 
darstellte 1), hatte er den Erlebnisbegriff in wertvoller Weise vertieft 
und psychische Phänomenologie^), wie er selber sagt, als Dis- 
ziplin der Psychologie ausdrücklich gefordert. Der erstgenannten 
Seite unserer Grundfrage, dem Problem des Gegenstands für das 
Erleben, hat er freilich nach unserer Meinung eine gültige Lösung 
nicht geschaffen. Dafür hatte er aber auch die zweite Frage, die 
wir oben stellten, die Frage nach dem Grunde und der Art des Wissens 
um Psychisches, sowohl um das eigene als um das fremde, weiter- 
geführt als bisher. 

Seinen Gedankengängen liegen etwa folgende Überlegungen zu- 
grunde. Unter dem Worte Erkenntnis verstehen wir etwas Doppeltes : 
erstens den Akt, den Vorgang des Erkennens, zweitens das in 
diesem Vorgang Erkannte oder den Inhalt des Erkennens. Er- 
kenntnis ist nur ein Teilphänomen des Seelischen überhaupt, eine 
besondere Art des Erlebens von Etwas. Die gleiche doppelte Be- 
deutung haftet aber an allem Seelischen, sofern dasselbe ein Bewußt- 
sein von Etwas ist. Wir nennen dieses Bewußtsein von Etwas das 
Erleben des Etwas. Man muß also demgemäß im Psychischen, im 
Erleben unterscheiden den Inhalt und das Haben dieses Inhaltes 
als sein Erleben. Inhaltsein ist Erlebt werden. Inhalt vmd Erleben 
sind zwei Seiten des gleichen seelischen Ganzen: die objektive und 
die subjektive Seite. — Es sei bereits hier kurz auf den Irrtum hin- 
gewiesen, welcher im Li pps sehen Begriff des Inhaltes steckt. Wenn 
ich ein Bewußtsein 3) von Etwas habe, so ist dieses Etwas nicht der 
Inhalt des Bewußtseins, sondern es ist der Gegenstand des Be- 
wußtseins, das ich von ihm habe. Der Inhalt des Bewußtseins ist 
vielmehr die besondere jeweilige seelische Mannigfaltigkeit und Ge- 
staltung des Bewußtseins, das ich von diesem Etwas habe. Der 
Baum etwa ist nicht Inhalt, sondern Gegenstand meiner Wahr- 
nehmung; Inhalt meiner Wahrnehmung ist, kurz und unscharf ge- 
sagt, die diese Wahrnehmung zusammensetzende seelische Mannig- 
faltigkeit. Diese Trennung des Inhalts vom Gegenstand des Be- 
wußtseins ist nicht etwa eine erkenntniskritische Unterscheidung, 
sondern gilt bereits vor allen Realitätsfragen für meine eigene un- 
befangene Selbstbeobachtung. Der Irrtum von Lipps, welcher 
auch die verborgene Wurzel seiner erkenntniskritischen Irrtümer, 
seines Psychologismus und seines ästhetischen Subjektivismus ist, 
trägt schon hier in der Psychologie seine Früchte; nämlich sowie 
Lipps nähere Aussagen über die Art des Bewußtseins um Er- 
lebtes machen will. Er sagt da mit Recht, daß auch das Erleben 
von Etwas seinerseits erlebt werden kann, also Gegenstand — oder 

1) Psychol. Untersuchungen. Bd. 1. 1905. 

2) a. a. O. S. 8. 

3) Wir übernehmen diesen Begriff hier noch ganz ungeklärt und unkritisch 
so, wie wir ihn bei Lipps vorfinden. 



Erlebnis und aeelische Funktionen uxw. 321 

nach Lipps Inhalt — eines besonderen Krkl)ens zu werden vermag. 
Das Erleben des Erlebens ist nun nach Lipps nicht ein phänonional 
besonderes Geschehen, sondern steckt bereits im Erlebnis von Etwab 
mit drin. Man erlebt hiernach sowohl Etwas, als auch das Erleben 
dieses Etwa.s in einem und demselben ßewuÜtseinsakt. Das »Sein 
dieses Erlebens, sagt Lipps, ist einfaches Dasein oder Stattfinden 
vor dem Bewußtsein. Hier sondert sich nicht mehr Erlebtes und 
Erleben : »das Erlebte selbst ist das Erleben «. 

Lipps nennt das Erleben des Erlebnisses »Vorstellen«. Das ist 
aber vieldeutig. Denn das Vorstellen bezieht sich nicht auf das Er- 
lebnis, sondern auf den Gegenstand des Erlebnisses. Wenn ich mir 
den wahrgenommenen Baum vorstelle, so ist nicht mein Erleben 
des Baumes, sondern der Baum der Gegenstand meiner Vorstell- 
lung. Wenn aber Lipps vom Erleben des Erlebens spricht, so ist 
seine Behauptung, dies beides vollziehe sich in einem und demselben 
Bewußtseinsakt, irrig. Denn das Erleben des Erlebens kann doch 
seinerseits wiederum erlebt werden, d. h. Gegenstand eines Bewußt- 
seinsaktes sein, usw. Schon daraus geht hervor, daß es sich nicht 
um einen identischen Bewußtseinsvollzug handeln kann. Wir er- 
halten hier einen wichtigen Anhaltspunkt für die später zu begrün- 
dende Tatsache, daß jeder Bewußtseinsvollzug, je nach 
seinem Gegenstand, ein phänomenologisch besonderer 
ist. Diese Erkenntnis, die wir in ihrer allgemeinen Formulierung 
zuerst bei Aristoteles finden, ist zur vollen Bedeutung für die Aus- 
bildung der von uns erstrebten Wissenschaft vom Seelischen erst 
durch Brentanos und Husserls Lehre gekommen^). 

Wenn wir — um der prinzipiellen Bedeutung dieser Frage zu 
genügen — noch einen Moment bei dem Lippsschen Gedanken 
verweilen, so erscheint uns von der größten Bedeutung dabei die 
Trennung des Bewußtseinsvollzuges in eine objektive und eine 
subjektive Seite, zugleich mit der klaren Erkenntnis, daß es im 
Wesen eine Einheit ist, was man so trennt. Es ist dasselbe Ge- 



1) Brentano (Psychologie. S. 166ff.) ist freilich, was das »Erleben dos Er- 
lebens« anlangt, ganz derselben Meinung wie Lipps: daß »Vorstellung und Vor- 
stellung von einer Vorstellung in einem und demselben Akte vollzogen werde«. 
Man dürfe nicht nach den Gegenständen die Zahl und Verschiedenheit der Vor- 
stellungen bestimmen; denn dann würden in der Tat für diesen Fall zwei ver- 
schiedene Vorstellungen angenommen werden müssen: die Vorstellung des Objekts 
und die Vorstellung von dieser V^orsteliung. Man müsse vielmehr nach der Zahl 
der psychischen Akte fragen, die hier aufträten; und da »scheine die innere Er- 
fahning unzweifelhaft zu zeigen« (S. HiT), daß nur ein Akt bestehe, oder besser, 
daß das Bestehen d<'r einen Vorstellung »zum Sein der anderen innerlich beiträgt«. 

Letzteres bestreitet nun zwar niemand; wohl aber die Identität beider »Vor- 
stellungen«; und zwar solange, als die sonnenklare Tatsache zweier differontor 
Objekte besteht und der Gnindsjitz gilt, daß jedes gegebene Objekt durvh einen 
besonderen auf es gerichteten -\kt zur Gegeb<>nh«'it gilangt. Brentano kommt, 
wie Lipps, zu seiner irrigen Meinung nur dadurch, daß er fort%rähr»^nd Inhalt 
und Gegenstand der V()rst<>llungen verwechselt, wa« übrigens auch aus dem Wort- 
laut seiner Darlegungen hervorgeht. 

Kronfcld, Psychiiitri.orhe Krkouutnl* 21 



322 Grundlinien der Phänomenologie u. deskriptiven Tiieorie des psychischen. 

schehen, welches sich einmal als ein objektiver Ablauf darstellt, 
andererseits als subjektive Gegebenheit in mir erfahren wird. Und 
hierbei ist dieses subjektive Erfahren unmittelbarer und ursprüng- 
licher ein Gregenstand für mein Wissen, als es sein objektiver Verlauf 
sein kann. Dies liegt an der von Lipps betonten irreduziblen Un- 
mittelbarkeit des Erlebens. Das Wissen um den objektiven Ablauf 
ist etwas Abgeleitetes, Späteres; ursprünglich allein und unmittelbar 
ist das subjektive seelische Werden und Sein, das Erleben, dessen 
verschiedene Weisen es zu erfassen gilt, um überhaupt auf die ob- 
jektiven Gebilde des Ablauf ens zurückgreifen zu können. Diese 
Feststellung ist für die Erkenntnis der Stellung der Phänomenologie 
im Ganzen der Psychologie schon jetzt von Wichtigkeit. 

Lipps beschäftigt sich weiterhin in mehreren Arbeiten i) mit der 
Untersuchung, wie dieses unmittelbare psychische Sein zu den ab- 
geleiteten Arten des Bewußtseins steht, wie ich es wahrnehme, wie 
ich um es weiß, und wie ich dabei um mich, den Erlebenden weiß. 
Auch zu der weiteren Frage hat er und seine Schule Beiträge ge- 
liefert, wie der Grund meines Wissens vom fremden Ich und seinem 
Erleben beschaffen sei. Diese letzte Frage, welche für die Psy- 
chiatrie von großer Wichtigkeit ist, aber fast niemals gründlich von 
ihr untersucht wurde, wird uns später noch beschäftigen. Wir ver- 
bleiben zunächst bei dem Problem des Verhältnisses vom Erleben 
und Erlebendem, so wie es sich für Lipps darstellt. 

Erlebnisse, lehrt Lipps, werden unmittelbar als meine erlebt. 
Dies gilt schon von den Empfindungsinhalten: Stets erlebe ich mich 
gleichzeitig mit, als den, welcher den Empfindungsinhalt hat. Dieses 
unmittelbar erlebte Ich, das Bewußtseinsich, steckt mit in allem 
Erleben, und zwar nicht in jedem einzeln und diskontinuierlich, 
sondern in allem als ein einziges. Es ist seinerseits psychologisch 
irreduzibel. 

Der Weg des Erlebten in der Seele geht nun nach Lipps vom 
Haben des Inhaltes weiter zur Konstituierung des Gegenstandes und 
zur Anerkennung seiner dinglichen Realität. 

Wir sagten schon, daß dieser Standpunkt von Lipps irrig ist. 
Es kommt uns hier aber nicht auf die erkenntniskritischen Fragen 
der Objektivation, der Realität und ihrer Assertion an, welche wir 
in diesem Werke schon anderen Ortes geklärt haben, sondern auf die 
dem Erleben folgenden psychischen Vollzüge, 

Das Erlebnis — sowohl das darin Erlebte als auch das Erleben 
desselben — kann nämlich nach Lipps noch in besonderer Weise 
Gegenstand meines Bewußtseins sein. Das geschieht, indem ich es 
durch ein »Innerlich ins Auge fassen« mir gegenüberstelle oder auch 
mich ihm gegenüberstelle. Dasjenige, dem ich mich gegenüberstelle 
wird dadurch für mich zum Gegenstand. Wenn ich etwa zunächst 

1) Bewußtsein und Gej^enstände, a. a. O., Kap. 2, 3, 4. Ferner: Die Erschei- 
nungen, a. a. 0. S. 523 ff. Das Ich und die Gefühle, a. a. O. S. 641 ff. Das Wissen 
vom fremden Ich, a. a. O. S. 684 ff. Ferner Leitfaden. 1906 pasa. 



ErlebniK und seelische Funktionen umw. 323 

nur den Empfindung-sinhalt blau habe, so wird blau durch die»ett 
Gegenübersielleu oline qualitative Änderung zum Gegenstand meines 
Bewußtseins. Der Inhalt ist im Bewußtsein, der Gegenstand für 
das Bewußtsein da. Jene geistige Tat, durch welche so für mein 
Bewußtsein Gegenstände entstehen, ist ein »Aufmerksamkeits- 
phänomen«. Lipps findet zur Begründung dieses gewagten Ge- 
dankensprunges den Vergleich mit unserem Blick auf die Bühne 
eines Theaters: Die Vorgänge auf der Bühne sind (Gegenstand meines 
Bewußtseins, alles übrige im Theater ist nur chaotischer Empfin- 
dungsinhalt. 

Nun muß man unterscheiden die Zuwendung der Aufmerksam- 
keit — die Auffassungstätigkeit — und deren Erfolg. Dan Ent- 
stehen des Gegenstandes bezeichnet das Wesen dieses Erfolges, es 
bezeichnet das Wesen des Denkaktes. Die im Denkakt vollzogene 
Setzung des Gegenstandes geschieht durch die Tätigkeit der Auf- 
merksamkeitszuwendung, ist aber nichts neu zu ihr Hinzutretendes, 
sondern ihr natürliches Ergebnis; sie ist nicht selbst eine Tätigkeit, 
sondern etwas aus einer solchen Entspringendes. Die gegenständ- 
liche Setzung, der Akt, veriiält sich zur Auffassungstätigkeit »wie 
das Einschnappen der Klinge eines Taschenmessers zu der voran- 
gegangenen Scliließbewegung«. Der Denkakt, das Einschnappen der 
Kiinge, hat sozusagen ein punktförmiges Dasein: Der Gegenstand 
ist mit einem Male da. 

Wenn aber durch diesen Denkakt der (Gegenstand blau aus dem 
Inhalt blau gleichsam herausgelöst wird, so muß er von vornherein 
darin enthalten gewesen sein. D. h. also der Inhalt des Bewußtseins 
repräsentiert mir den Gegenstand, er ist mir Hinweis oder Symbol 
für denselben. Der Gegenstand ist mit dem Symbol des inhaltlich 
Erlebten »gemeint«. Nicht jeder Inhalt braucht einen Gegenstand 
zu repräsentieren, wohl aber muß jeder Gegenstand durch einen 
Inhalt repräsentiert sein. Diese Repräsentation braucht aber durch- 
aus keine bildhafte zu sein. Zu ihr tritt der Glaube an die dingliche 
Realität des Gegenstandes »mit ursprünglicher und instinktiver Not- 
wendigkeit « beim Entstt-Iien desselben hinzu. 

Diese gesamten Darlegungen von Lipps stellen eine verfehlte 
Lösung des Phänomenalitätsproblems in mehrerer Hinsicht dar: 
Dem psychischen Grescheheu fehlt jedes immanente Kriterium dafür, 
was denn nun Gegenstand sei und was nicht; und die Assertion der 
Dingliclikeit, der Angelpunkt der ganzen Realitätsfrage, wird gar 
nicht psychologisch aufgelöst, sondern tritt wie ein deus ex machina 
»mit instinktiver Notwendigkeit« hinzu. Diese beiden Fehler gehen 
auf den Grundfehler der Lippsschen Gegenstandstheorie zurück, 
welchen wir schon bezeichnet haben und welcher sich besonders 
schön in jenem Gredankensprunge zeigt, vermittels dessen ein Auf- 
raerksainkeitsakt den (regenstand ans dem »Inhalt « herauslösen soll. 
Für die Phänomenologie aber iiandelt es sich nicht um diese Irr- 
tümer. Für sie steht vielcmhr einzig und allein in Frage, ob durch 

21 • 



324 Grundlinien der Phänomenologie u. deskriptiven Theorie des Psychischen. 

seelische Vollzüge der angedeuteten Art neue Weisen der Bewußt - 
seinsgegebenheit konstituiert zu werden vermögen, und diese Frage 
ist zu bejahen. Diese Vollzüge sind freilich nichts anderes als der alte 
Begriff des »inneren Sinnes« in der Fassung Lockes, der reflection. 
Aber Lipps bildet ihn doch in einer Weise weiter, daß dadurch er- 
klärbar wird, wie ein Wissen um Erlebnisse zustande kommen kann, 
wie das Erlebnis zum Wissen wird. »Die innere Wahrnehmung ist 
jederzeit ein Denken«, sagt Lipps. Sie ist ein Bewußtsein der 
Wirklichkeit des Erlebnisses und zugleich meiner Wirklichkeit. 
Sie ist stets rückschauende Betrachtung; ihr Gegenstand ist die Er- 
innerung an ein Erleben. Es handelt sich hierbei nicht um eine 
»mittelbare Wiedererzeugung« des schon Entschwundenen, sondern 
um ein »unmittelbares Festhalten« des gerade Erlebten. Aber auch 
dieses ist Reproduktion. Das gleiche gilt auch vom Wissen um mich 
selbst. Betrachte ich mich selbst, so stehe ich, der Gedachte, mir 
dem Bewußtseinsich gegenüber. Beides kann nicht dem gleichen 
Moment angehören. Das Objektich ist also nach Lipps ein re- 
produziertes Bewußtseinsich. Das gegenwärtige Ich kann nie Ob- 
jekt sein. 

Hier würde sich die Frage auf werf en : Woher weiß ich denn dann 
um die Identität des »Objektich« mit dem »Bewußtseinsich«? Lipps 
beantwortet diese Frage nicht. Er sagt: ich weiß mich nicht, ich 
»fühle« mich mit dem Objektich identisch. Und dieses Identitäts- 
bewußtsein des gegenwärtigen mit dem vergangenen Bewußtsein ist 
etwas phänomenologisch nicht weiter Auflösliches und Zurückführ- 
bares. Die Identität wird erlebt, unmittelbar erfaßt, und ist ihrer 
Seins weise nach etwas Letztes. Das Denken dieser Identität ist die 
Erinnerung. Ist sie volle und intensive Betrachtung, so wird sie 
zum Nacherleben. Dieses Nacherleben ist ein Sichhineinversetzen, 
eine Art Einfühlung meiner Selbst, des Bewußtseinsich, in das Ob- 
jektich. 

Auch hier muß man wieder fragen, woher Lipps denn das weiß 
und wissen will, ohne sein Bewußtseinsich schon zum Objekt- 
ich gemacht zu haben. Seine Aussage über sein einfühlendes 
Bewußtseinsich ist doch bereits ein «Gedanke«, und in diesem kann 
das Bewußtseinsich ex definitione gar nicht mehr gegenwärtig sein. 
Kann es doch angeblich gar nicht zum Objekt werden! Wir sind 
einem ähnlichen Gedanken bereits bei Rickert in ganz anderem 
Zusammenhange begegnet i) und haben ihn als Irrtum erwiesen. 
Lipps versucht sich der logischen Unmöglichkeit seiner Statuierung 
zu entziehen: Die Identifizierung beider Seinsweisen des Ich kann 
er nicht »wissen«, sondern nur »fühlen«; und dieses Gefühl sei etwas 
psychologisch Letztes, einfach Hinzunehmendes. Damit ist der 
wissenschaftlichen Auffassung der Selbstbeobachtung und des inne- 
ren Sinnes wenig gedient. Aber wir wollen diese Schwierigkeiten 



i) Vgl. S. 208 ff. dieses Buches. 



Erlebnis und Kceliüche Funktionen usw. 325 

hier außer acht lassen. Nach Lipps besteht in der ScHjsteinfülüung 
alle Kunst der »Sell)stbeol)iichtung, und letztere hat in der Objekti- 
vation des unmittelbar erlebten Ich ihre zweite, wissenschaftlieh be- 
deutsamste Seite. iSo erkennt die innere Wahrnehmung, was daa 
unmittelbare Bewußtsein erlebt. 



Einige Korrekturen am Erlebnisbegriff. 

Was ist an den bisherigen noch wenig geklärten und vorläufigen 
Darlegungen unanfechtbarer Besitzstand? Ich glaube, vor allem 
dies, daß die Phänomenologie hier als psychologische Disziplin 
gefordert wird, im (Jegensatz zu der apriorischen Geltung und dem 
unabgrenzbarcn Gegenstandsgebiet der Husscrlschen Konzeption. 
Dies wird später noch zu begründen sein. Sodann, daß die Phäno- 
menologie bei Lipps zwar eine vortheoretische Beschreibung des 
im Bewußtsein unmittelbar Aufgefundenen sein soll, aber die theo- 
retische Bearbeitung unter keinem Gesichtspunkte ausschließt, sondern 
vielmehr als notwendige Ergänzung fordert. Die phänomenologische 
Beschreibung liefert nicht mehr als das tatsächliche Material, aus- 
einandergefaltet und in allen Beziehungen verdeutlicht und auf un- 
mittelbare Ausgangsphänomene soweit als möglich zurückgeführt. 
Dies Material erfordert die Verarbeitung, sowohl eine rein abstraktive 
als auch, wenn notwendig, eine konstruktive. So wird durch Lipps* 
Darlegungen in glücklicher Weise eine Entgegensetzung von natur- 
wissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Seelenlehre ver- 
mieden, ohne daß durch konstruktive Schemata dem Reichtum und 
der Kompliziertheit seelischen Geschehens G<?walt angetan werden 
müßte. 

Für unsere Zwecke wesentlich ist ferner Lipps' Entwicklung des 
Erlebnisbegriffs und der Stellung des Ich im und zum Erleben; so 
wie die Trennung der unmittelbaren Bewußt Seinsgegebenheiten von 
ihrem inneren Wahrgenommenwerden. Freilieh erschöpft Lipps 
keines dieser Probleme. W^ir gebrauchen hier vorerst noch den Ter- 
minus Bewußtsein im Lippsschen Sinne: als die allgemeine Form 
der Gegebenheit von Gegenständen. Dann kann man Lipps zweierlei 
einwenden: Es ist tatsächlich nicht im.mer richtig, wenn gesagt wird, 
jedes inhaltliche Bewußtsein enthielte implizite eine lehkomponente. 
Das unmittelbare Bt-wußtsein blau (Mithält z. B. gar nichts von mir. 
Erst wenn das Empfinden des Blau, der seelische \'ollzug. zum Gegen- 
stand meines Bewußt.seins wird, erscheint implizite das Bewußtsein, 
daß dieses Empfinden mein Empfinden ist. Lipps trennt zwar 
im unmittelbaren Bewußtsein Vollzug und Inhalt scharf, und doch 
setzt er fälsehlieh Empfinden als Bt-wußtseinsbestand. als inhaltlicho 
Maimigfaltigkeit , und Kiiipfiindtius gleich; er identifiziert Erlebnis, 
zwar nicht als seelischen X'oll/ug, wohl aber als dessen inhaltlich 
konstituierende Mannigfalt igk«it . und Erlebnisgcgenstand. Wir 
haben auf diese Verwechslung von Inhalt und Gegenstand schon 



326 Grundlinien der Phänomenologie u. deskriptiven Theorie des Psychischen. 

hingewiesen. Daher ist bei ihm das Bewußtsein des Erlebens und 
des Ich überall auch unmittelbar in den Erlebnissen mit enthalten. 
Tatsächlich aber kommt es für diese Frage darauf an, was gerade 
der Gegenstand des Bewußtseins ist. Ist es ein Ablauf in mir, 
so ist das Ich in seinem Bewußtsein mit enthalten; sonst aber ist 
der Baum, das Haus, blau in meinem Bewußtsein ohne alle Ver- 
tretung des Ich. Der zweite Einwand gegen Lipps betrifft seine 
Fassung des Erlebnisbegriffes. Bei ihm ist schließlich alles seelische 
Sein Erlebnis, welches nicht schon Verarbeitung ist. Dies mag ja 
schließlich eine äußerliche Frage der Bezeichnung sein, aber man 
wird den Phänomenen besser gerecht, wenn man noch genauer trennt. 
So muß man zunächst unterscheiden das Bewußtsein um äußere 
Gegenstände von dem Bewußtsein innerer Abläufe. In dem Be- 
wußtsein äußerer Gegenstände oder dem Bewußtsein einer Beziehung 
solcher Gegenstände aufeinander ist keinerlei Ichbewußtsein mit- 
gegeben. Um zu erkennen, daß dieses Bewußtsein auf Vorgängen 
in mir beruht, bedarf es einer besonderen Einstellung auf den Vor- 
gang meines Wahrnehmens und Urteilens über diese Gegenstände. 
Diese Einstellung auf den Vorgang meines Wahrnehmens und Ur- 
teilens ist — wie schon Kant und Comte zeigten — ■ etwas Künst- 
liches. Denn gewöhnlich ist das Subjekt auf den Gegenstand 
dieser Vollzüge eingestellt. Aber sowie die »Aufmerksamkeit« von 
diesen Gegenständen fort und auf die Vollzüge selber gelenkt wird, 
tritt das Bewußtsein ihrer Ichzugehörigkeit auf. Ich erlebe mich 
Avahrnehmend und urteilend. So entsteht tatsächlich das Bewußt- 
sein des Ich bei der Wahrnehmung subjektiver Tätigkeit. 

So liegt die Sache bei der äußeren Wahrnehmung. Bei den Gegen- 
ständen innerer Wahrnehmung ist diese absichtliche Einstellung der 
Aufmerksamkeit nicht erst nötig. Daß ich handele oder denke 
oder einen Schmerz spüre, ist ein Urteil aus innerer Wahrnehmung, 
dessen Subjekt nur möglich ist, weil das Ich sich dieser Vorgänge 
in ihrer Ichbezogenheit unmittelbar bewußt ist. Worin dieser Tat- 
bestand seinen notwendigen Grund hat, haben unsere wissenschafts- 
theoretischen Untersuchungen über die zugrunde liegende Form des 
reinen Selbstbewußtseins für alles Psychische gezeigt. 

Von den Gegenständen innerer Wahrnehmung habe ich somit 
unmittelbar ein Bewußtsein des Ich. Sie sind meine inneren Vor- 
gänge und sind mir zugleich mit ihrem Gegebensein als meine gegeben. 

Diese unmittelbar bewußte Ichbeziehung haftet nicht nur an den 
Gegenständen inneren Wahrnehmens, sondern auch am Vollzuge des 
inneren Wahrnehmens als subjektiver Tätigkeit. Er gleicht darin 
völlig dem äußeren Wahrnehmen, sobald mir dieses als Ablauf be- 
wußt wird. 

Was ist nun Gegenstand innerer Wahrnehmung? Wir sind hier 
ganz mit Lipps in Übereinstimmung, wenn wir sagen: alles Seelische, 
auf welches die Aufmerksamkeit sich einzustellen vermag. Wir 
finden also ebenfalls, daß das innere Wahrnehmen in einem Auf- 



Erlebnis und seelische Funktionen u>w. 327 

merksamkoitspliänomeu besteht. Und wir finden, daß durch dieses 
innere Siclirichten das seelische Geschehen in einer besonderen Weise 
deutlich bewußt wird. Wir wollen diese besondere Weise deut liehen 
B wußtseins als »bemerkt« bezeichnen. Dies Bemerken ist sicher- 
lich ein phänomenologiscli besonderer und besonders zu untersuchen- 
der Akt. Er ist aber kein reiner Denkakt, wie Lipps will; diese 
Auffassung hieße die anschaulichen und nicht reflektierten Züge des 
B^'raorkens verkennen. Freilich können andere Weisen der Zu- 
wendung des Ich zu seinem inneren Gcsdiehen mit diesem Bemerken 
versclimolzen sein, es sind dies wohl immer vorhandene gefühls- 
mäßige und wertende, aber auch reflektierende Einstellungen. 

Nicht bemerktes Seelisches braucht aber deshalb noch nicht 
unbewußt zu sein. Es gibt vielmehr eine Reihe innerer Abläufe, 
welche ganz unabhängig davon, daß sie wie alles Psychische Gegen- 
stand innerer Walirnehmung und also bemerkt sein kann, an sich 
schon als unmittelbar bewußt gegeben ist. Es handelt sich hier 
nicht etwa um einfache Empfindungsqualitäten. Für diese gilt 
zwar die Unmittelbarkeit des Bewui3tseins ilxrer Gegebenheit auch, 
jedoch ermangeln sie des wesentlichen Merkmales, welches wir in- 
neren Abläufen zuschreiben: der Gleichzeitigkeit des unmittelbaren 
B- wußtseins des Ich mit dem Bewußtsein ihrer Gegebenheit. Und 
nur von solchen inneren Abläufen reden wir hier. Diejenigen inneren 
Abläufe, welche diesem Kriterium des unmittelbaren Bewußtseins 
ihrer Gegebenheit ohne besonderes Bemerkt sein genügen,' diese 
nennen wir in ausschließlichem Sinne Erlebnisse. Als Beispiele von 
ihnen nennen wir die verschiedenen Arten von Vorstellungen und 
Gefühlen und Komplexen beider und anderen diesem Kriterium ge- 
nügenden seelischen Strukturen. V'on diesen weiß ich unmittelbar, 
daß sie die meinigen sind, auch ohne besonders bemerkt zu sein. 

Es ist mithin phänomenologisch deutlieh, daß mit dem Bewußt- 
sein aller derartigen inneren Vorgänge gleichzeitig und in unmittel- 
barer WVise das Bi-wußtsein gegeben ist, daß diese inneren Vorgänge 
in mir ablaufen. Sie enthalten offenbar eine unmittelbare Beziehung 
auf das Ich, die überall die eine und gleiche ist und zu den Voraus- 
setzungen der Möglichkeit dieser inneren Vorgänge gehört. " 

Innerhalb dieser Klasse innerer Phänomene, welche dem obigen 
Kriterium genügt, stehen nun die Erlebnisse. Phänomenologisch 
unterscheiden sich Erlebnisse von inneren Vorgängen überhaupt 
dadurch, daß ihnen die Unmittelbarkeit ihrer Bewußtseinsge- 
grbenheit wesentlich ist. Dies gilt für diejenigen inneren Abläufe, 
denen der Erlebnischaraktcr fehlt, nicht. Von diesen Nichterieb- 
nissen kommt ein Teil nur als Gegenstand inneren Wahrnehmens 
oder Bemerkens, ein anderer durch Reflexion zum Bewußtsein oder 
B'-merktsein. Dies gehört aber zu ihrem Wesen nicht hinzu. Es 
kann sogar sein, daß ein Teil von ihnen überhaupt nicht zum Bewußt- 
sein zu gelangen fällig, also weder phänomenologisch noch wahr- 
iiehmungsmäßig verifizierbar, sondern nur theoretisch konstruktiv 



328 Grundlinien der Phänomenologie u. deskriptiven Theorie des Psychischen- 

postulierbar ist^). Ein anderer Teil hat zwar eine unmittelbare 
Bewußtseinsvertretung, unabhängig vom Bemerktwerden, ist aber 
doch kein reines Erlebnis. Hierher gehören z.B. die Willens Vorgänge. 
Erlebnisse nämlich erschöpfen ihr Wesen in der Art ihrer 
unmittelbaren Bewußtseinsgegebenheit. Diese phänome- 
nale Weise ihrer unmittelbaren Bewußtseinsgegebenheit ist nicht nur 
ihr notwendiges, sondern auch ihr hinreichendes Merkmal. Für die 
Qualität und den Ablauf der bewußtseinsrepräsentierten Nicht- 
erlebnisse, z. B. der Willens Vorgänge, ist ihre Bewußtseins Vertretung, 
ihre phänomenologische Seite, nicht konstitutiv hinreichend. Wir 
sprechen dann von phänomenologischen Momenten an ihnen. 

Wir definieren also die Erlebnisse nicht durch die Art ihres Wahr- 
genommenwerdens oder Bemerkt Werdens, weil dieses Bemerken 
selbst ein sekundäres Phänomen ist. Die Bewußtseinstatbestände 
sollen aber ohne Rücksicht auf solche sekundären Modifikationen 
gemäß den unmittelbaren Weisen ihres Soseins unterschieden werden. 
Andererseits hat es nur Sinn, von Erlebnissen zu reden, wenn das 
Erlebnis sein Wesen darin erschöpft, daß es ein Erlebtes ist. Nur 
diese Bestimmung kann es rechtfertigen, das Erleben zum Objekt 
einer besonderen Betrachtungsweise zu machen, welche seinen Er- 
lebnischarakter als sein Wesen nimmt, und dessen phänomenalen 
Bestand beschreibt. Durch diese Aufgabe aber ist Phänomenologie 
als besondere Disziplin gegenständlich definiert, 

Stellen wir nochmals in Kürze die drei Begriffe des Gegebenseins, 
des Bewußtseins und des Erlebens gegeneinander, so weit es uns 
bisher möglich gewesen ist, sie abzugrenzen. Das Gegebensein oder 
die Phänomenalität aller Objekte ist durch bestimmte voneinander 
verschiedene Weisen psychologisch charakterisierbar. Die allge- 
meine Form dieser verschiedenen Weisen verstehen wir unter dem 
Begriff des Bewußtseins. Dies Bewußtsein kann je nach der beson- 
deren Weise des Gegebenseins ein unmittelbares oder abgeleitetes 
sein. Dies gilt von allen Objekten. Beschränken wir uns nunmehr 
auf die psychischen Gregenstände, so nennen wir Erlebnisse solche 
psychischen Gegebenheiten, welche unmittelbar bewußt gegeben 
sind und für welche diese unmittelbare Bewußtseinsgegebenheit ein 
konstitutives Merkmal bildet. Alle anderen psychischen Gegeben- 
heiten sind nicht Erlebnisse, gleichviel ob sie unmittelbar bewußt 
oder abgeleitet bewußt gegeben sind. Unbewußtes Psychisches ist 
hiernach theoretisch postulierbar; um jedoch Gegebenheitscharakter 

1) Vgl. Unbewußtes, dieses Buch, S. 169 ff.. Natürlich ist ihr Angenommen- 
werden auf Grund hypothetischer Konstruktionen schließlich ebenfalls ein Be- 
wußtsein von ihnen, nämlich ein reflektiertes; und insofern besteht auch für sie 
die allgemeinste Form der Gegebenheit überhaupt, das Bewußtsein, und somit 
ihr phänomenaler Charakter. Allein wie akzidentell ist dieser zu ihrer psycho- 
logischen ratio essendi ! Hier wird es ganz deutlich, daß der Bewußtseinscharakter 
zwar ein allgemeines Kriterium von Phänomenalität sein kann, ohne aber für das 
Wesen des Psychischen konstitutiv zu sein — so wie wir dies bereits auf 
S. 177 ff. ausgeführt haben. Meist aber wird beides verwechselt. 



Erlebnis und soolische Funktionen usw. 329 

/.u gewinnen, muß es mindestens gedacht werden, d. h. Gegenstand 
abgeleiteten Bewußtseins srin können- Der Bewußtseinscharakter 
ist für psycliische Gegenstände etwas Aktzidentcllcs; ob er als 
allgemeine Form dtr Gegebenheit überhaupt ein Kriterium der 
Phänomenalitiit bildet, ist eine Frage, welche weit über den Kalimeu 
der Psychologie hinausgelit; die Sonderart der psychischen Phäno- 
menalität ist in bezug auf dies Kriterium jedenfalls nich